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Ohne Beispiel: Der Leipziger Rechtsanwalt Dr. Johannes F.
 
Mitglied des NS-Rechtswahrerbundes Nr. 95


Im Zusammenhang mit der Arbeit am Thema „Juristen jüdischer Herkunft in Leipzig“ stellte sich auch immer wieder die Frage, wie sich nicht der Verfolgung ausgesetzte Rechtsanwälte verhalten haben.

Aus den bisherigen Erkenntnissen aus unterschiedlichsten Quellen lassen sich keine zuverlässigen verallgemeinerbaren Schlußfolgerungen ziehen.

Ein kompetenter Zeitgenosse hat sich jedoch nach 1945 zu dieser Frage für die sächsische Anwaltschaft geäußert. Als Martin Drucker vor seinen Berufskollegen nach dem totalen Zusammenbruch des Naziregimes einen richtungsweisenden Vortrag zum Thema „Der Anwalt in der neuen Zeit“ hielt, sah er sich veranlaßt, auch zu dieser Problematik Stellung zu nehmen. Nach dem glücklicherweise im Nachlaß erhalten gebliebenen Manuskript sagte Martin Drucker:

„... ab Ende Mai 1945 waren in Leipzig wieder mehr als 100 Rechtsanwälte tätig,
die sich niemals unter das Joch des Nazismus gebeugt hatten. Ich bitte es nicht
als Lokalpatriotismus zu beanstanden, wenn ich sage, daß diese 100 Leipziger
den Kern der antifaschistischen sächsischen Anwaltschaft gebildet haben.“ 1


Diese Einschätzung, kann jedoch andererseits nicht darüber hinweg täuschen,
daß es auch in der Leipziger Anwaltschaft alle Facetten – vom aktiven Widerstand
über mehr oder weniger aktive Mitläuferschaft bis zu den wahrhaften Anwälten des
Unrechts – gab.

Neben den beiden Leipziger Kreisgruppenwaltern des NSRB, Tammenhain und Fritzsch, sowie den fanatischen Anwälten Schnauß und Zuberbier, war Dr. Johannes Fritzsche ein Sonderfall der im letzteren Sinne besonders hervorgetretenen Leipziger Anwälte.

Seine außergewöhnliche Karriere unter dem Hakenkreuz und sein tragisches Ende sind Gegenstand meiner Ausführungen.

Kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner in Leipzig wurden am 12. April 1945 in einem Bombentrichter in Lindenthal 52 Gestapohäftlinge exekutiert. Die Ermordeten waren fast ausschließlich Ausländer aus Osteuropa, jedoch auch deutsche Gegner des National-
sozialismus wie Margarethe Bothe und Alfred Kästner.

Da auch Johannes Fritzsche zu den unter chaotischen Umständen 2 umgebrachten
Opfern gehörte, hält sich bis heute die Legende, daß dieser ein aktiver Widerstands-
kämpfer und Humanist gewesen sei, welcher „wegen der Verteidigung von Juden und
Antifaschisten“ verhaftet worden sein soll.“ 3

Im nachfolgenden soll der Frage nachgegangen werden, ob sich diese Bewertung
nach den überlieferten Aktenbeständen aufrecht erhalten läßt oder eine Neubewertung insbesondere unter Berücksichtigung des am Ort des Geschehens errichteten Mahnmals erforderlich ist.

Auf welche archivalischen Quellen konnten die Untersuchungen gestützt werden? Überliefert ist im Sächsischen Staatsarchiv Leipzig zunächst insbesondere die um-
fangreiche Personalakte im Bestand des Landgerichts Leipzig 4 und eine Akte des Amtsgerichts Leipzig über eine Privatklage wegen Beleidigung des Fritzsche gegen
den jüdischen Rechtsanwalt Alfred Jacoby aus dem Jahr 1931 5.

Daneben gibt es einige sekundäre Quellen, die Rückschlüsse zulassen.

Naturgemäß kann die Quellenlage nicht als sehr ergiebig bezeichnet werden. Die Be-
wertung der Persönlichkeit Fritzsches muß deshalb letztendlich lückenhaft bleiben. Trotzdem ist m.E. – und ich hoffe, Sie werden mir am Schluß zustimmen können –
eine klare Antwort auf die eingangs gestellte Frage möglich.

Zunächst zu einigen biographischen Angaben, die sich aus der
Personalakte ergeben:

Johannes Fritzsche wurde am 24.03.1902 als Sohn des Oberstudienrates Prof. Dr. phil. William Fritzsche in Coschütz bei Dresden geboren. Da die Familie wenig später nach Leipzig verzog, wuchs er hier auf und ging auch in Leipzig zur Schule. Zur Kindheit und Jugend sowie zum Milieu des Elternhauses enthält die Personalakte natürlich keine Informationen, welche für eine Bewertung der späteren Entwicklung aufschlußreich sein könnten. Es kann jedoch aus der beruflichen Stellung des Vaters geschlußfolgert werden, daß Fritzsche in sozial gesicherten und behüteten Verhältnissen aufwuchs.

Am 17. März 1927 heiratete er die Tochter eines Leipziger Rechtsanwalts und Notars. Aus dieser Ehe ging 1933 – wenige Tage vor der Machtergreifung Hitlers – eine Tochter hervor. Die Ehe wurde im Januar 1944 „aus beiderseitigem Verschulden“ geschieden. Das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter wurde durch Ehevertrag dem Vater übertragen.


Zur beruflichen Entwicklung

Johannes Fritzsche studierte in Leipzig und Würzburg zwischen 1920 und 1923 Rechtswissenschaft und Cameralia. An der Leipziger Juristenfakultät promovierte er am 10. Juli 1925 zum Thema „Die nachrevolutionären Forderungen der sozialistischen und kommunistischen Parteien Deutschlands zur Neuordnung des Strafvollzuges“. Obwohl die Personalakten des Juridicums durch Bombenangriffe vollständig vernichtet wurden, war das Thema der Dissertation nach Auffassung der damaligen Direktorin des Uni-
archivs im Jahr 1985 Beweis für Fritzsches links orientierte politische Gesinnung.6

Die im Bestand der Leipziger Universitätsbibliothek erhaltene handschriftliche Dissertation läßt jedoch tatsächlich keinerlei Rückschlüsse auf eine linksorientierte politische Einstellung Fritzsches zu diesem Zeitpunkt zu.

Das in der Personalakte des Landgerichts enthaltene Paßfoto, welches Fritzsche mit mehreren deutlichen Mensuren zeigt, hätte ebenfalls eine gegenteilige Vermutung nahegelegt.

Wie eine Überprüfung der entsprechenden Akten im Leipziger Universitätsarchiv ergab, war Fritzsche tatsächlich über drei Semester, nämlich vom Sommer 1920 bis zum Sommer 1921 Mitglied der ältesten schlagenden Verbindung, der Burschenschaft „Arminia zu Leipzig“, gewesen.


Johannes Fritzsche
1902–1945

Der Leipziger Rechtsanwalt Dr. Johannes F.                                           1 2 3 4 5 6 vor
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