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Juristen jüdischer Herkunft in Leipzig
 


Es gab und gibt weder jüdische Juristen, noch Juristen jüdischer Herkunft, denn Juristen jüdischen Glaubens weisen in ihrem Berufsverständnis keine Besonderheiten auf, die sich aus ihrer Religion oder ihrer Herkunft erklären lassen.

Das Thema ist vielmehr lediglich Reflexion auf die Ausgrenzung der Juden in Deutschland, die in ganz besonderer Weise die Juristen diesen Glaubens betraf.

Die Geschichte jüdischer Juristen in Leipzig beginnt mit der Dispensation wegen der Zulassung für den ersten Advocaten am 10. März 1842 und endet mit der Flucht des Rechtsanwalts Fritz Grunsfeld im Januar 1953.

Diese 110 Jahre sind geprägt von Ausgrenzung, Diffamierung, Verfolgung und der letztlichen Vertreibung und Ermordung einerseits und dem Kampf um Emanzipation, Selbstbehauptung und Widerstand andererseits.

Eine wirkliche Normalität und Gleichberechtigung im Umgang zwischen den Juristen unterschiedlicher Glaubensbekenntnisse hat es trotz der auch in Leipzig vorhandenen Assimilationsbestrebungen nie gegeben.

Eine abweichende Beurteilung der Situation kann es nur für die erste Hälfte des vorigen Jahrhunderts hinsichtlich der Juristen geben, welche konvertiert waren oder deren Vorfahren sich bereits vom jüdischen Glauben abgewandt hatten.

Der Antisemitismus, der in Leipzig bereits seit den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts wieder eine besonders aggressive Ausprägung fand, kannte derart feine Unterschiede nicht. Hier galt die Hetze des berüchtigten von Theodor Fritsch geleiteten Hammer-Verlages1, bereits damals der „jüdischen Rasse" und nicht etwa dem mosaischen Glaubensbekenntnis.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es jedoch nach dem Übertritt zum Christentum ohne weiteres möglich, die Zulassung als Advocat und Notar zu erlangen, wie das Beispiel des Robert Herz Levi beweist.
Der Sohn des sächsischen Hofagenten Herz Löw Levi, der sich wie seine zahlreichen Brüder später Lippert nannte, wurde 1810 in Leipzig geboren. Er studierte an der hiesigen Juristenfakultät und schloß seine Ausbildung 1834 mit der Promotion ab. Da er sich bereits 1831 in St. Nicolai hatte taufen lassen, standen seiner Ernennung zum königlich sächsischen Notar in Grimma 1834 keine Hindernisse entgegen.

Der 1816 in Leipzig geborene Carl Herrmann Schopeck stammte bereits aus einer christlich-jüdischen Verbindung. Sein Vater hatte sich vor der Eheschließung im Jahr 1810 taufen lassen, so daß das Sächsische Justizministerium keinerlei Bedenken trug, dessen Sohn nach erfolgreichem Abschluß seiner juristischen Ausbildung im Jahr 1835 zum Advocat und Notar in Leipzig zu ernennen.

Ganz anders stellte sich zu dieser Zeit die Situation für die Juristen dar, welche am jüdischen Glauben festhielten.

Das Sächsische Recht des 13. Jahrhunderts, wie es mit dem Sachsenspiegel überliefert ist, verbot Juden als eines anderen Sachwalter (Vorsprech) vor Gericht aufzutreten. Hieran änderte sich über die Jahrhunderte nichts.

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts forderten auch die Juden in Sachsen nach dem Studium an der Leipziger Juristenfakultät die Zulassung als Advocat und Notar ein.

Der erste in Leipzig und dem Königreich Sachsen zugelassene jüdische Advocat war der aus namhafter Dresdener Familie stammende Isidor Kaim.
Der 1817 als jüngstes von 15 Kindern geborene Sohn des Juweliers und Gemeinde-vorstehers Samuel Kaim wurde am 16. Februar 1843 als Advocat in Leipzig zugelassen. Die Zulassung erfolgte jedoch nur, weil versäumt worden war, Isidor Kaim bei seiner Immatrikulation an der Leipziger Juristenfakultät darauf hinzuweisen, daß er hiermit keinen Anspruch auf Zulassung als Advocat erlange 2.

So blieb Isidor Kaim eine absolute Ausnahme als jüdischer Advocat in Sachsen. Erst Jahre später erreichte Emil Lehmann als erster Jude die Ernennung zum Notar. Die Ernennung des um den weiteren Emanzipationsprozeß der Juden in Sachsen außer-ordentlich verdienten Sohnes des Dresdener Hofjuden Berend Lehmann erfolgte durch die Leipziger Juristenfakultät in Beachtung der sächsischen Grundrechts-Gesetzgebung nach bestandenen Examen am 12. März 1851.

Doch auch dann war die Zulassung von Juden als Advocat und Notar keinesfalls Selbstverständlichkeit oder übliche Praxis in Sachsen.
Die Auseinandersetzungen rankten sich immer wieder um die Frage der Eidesleistung. Das Justizministerium stellte deshalb klar, daß es jüdischen Notaren verwehrt sei, christlichen Parteien bei Notariatshandlungen den Eid abzunehmen.

Noch wesentlich rigider war die Praxis hinsichtlich der Ernennung von Juden zum Richter in Sachsen. Am 01. Oktober 1851 sah sich das Justizministerium im Zusammenhang mit dem Übergang der städtischen Gerichtsbarkeit auf den Staat gezwungen, sich mit der Problematik auseinanderzusetzen.
Theodor Wolf war nämlich am Dresdner Stadtgericht angestellt, von wo ihn die Staatsregierung zunächst nicht entfernen konnte. Er wurde jedoch von jeglichen Eidesabnahmen ausgeschlossen, dann sogar nur noch in der freiwilligen Gerichtsbarkeit beschäftigt. Erst der Übertritt zum Christentum im Jahr 1857 beendete diese Repressalien. Theodor Wolf, der erste jüdische Richter in Sachsen, war später Richter in Freiberg und schließlich in Leipzig.


Paul Friedrich Werthauer
1858–1933
Rechtsanwalt

Walter Lippmann
1895–1986
Rechtsanwalt und Notar

Hans Löwenheim
1895–1941
Rechtsanwalt

Wilhelm Harmelin
1900–1967
Rechtsanwalt

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