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Turner, Sänger und Schützen,
Sind der Freiheit Stützen.
 
Martin Drucker senior (1834-1913)
Jurist, Dichter und Musiker


In der Biografie Martin Druckers, soweit sie heute noch nachgezeichnet werden kann, sind kaum Hinweise darauf zu finden, dass ihm eine herausragende musische oder juristische Begabung von seinen Vorfahren in die Wiege gelegt wurde.

Er wurde am 31. Juli 1834 in Magdeburg als zweiter Sohn des Kaufmanns Samuel Drucker (1801–1874) und seiner Ehefrau Emilie geborene Fränkel in eine typische jüdische Kaufmannsfamilie geboren.

Der Großvater väterlicherseits, Michael Levy (1761–1826), war Hofjude beim Kurfürsten in Kassel gewesen. Dessen Vorfahren waren sephardische Juden, die nach Holland auswanderten. Die Familie war dann von Amsterdam nach Hessen gekommen, wo sie den Namen Drucker annahm. Wahrscheinlich sind die Vorfahren in Amsterdam als Drucker hebräischer Schriften tätig gewesen. Von Kassel zogen die Druckers schließlich nach Magdeburg, wo auch die ersten Kinder geboren werden. Im Juli 1836, als Martin zwei Jahre alt war, traf die Familie in Braunschweig ein. Dort wurde der Vater bald Prokurist in der Textilfirma Hermann Samsons (1804-1865).

Die Mutter war die jüngste Tochter eines Kaufmanns in Frankfurt an der Oder. Sie starb erst 32-jährig 1842 in Braunschweig, als ihr ältester Sohn Martin gerade acht Jahre alt war. Ihr Grab befindet sich noch heute auf dem jüdischen Friedhof in Braunschweig. Ein erhalten gebliebenes Miniaturbildnis eines unbekannten Künstlers zeigt die Mutter als blasse Schönheit mit auffallend vollen langen schwarzen Haaren. Sie hinterließ drei kleine Kinder, neben dem Ältesten Martin den 1837 geborenen Heinrich und die 1841 geborene Tochter Johanna.

Da die Mutter lange schwer krank gewesen war und sich deshalb nicht um die Erziehung ihrer Söhne kümmern konnte, wurden diese zu einem protestantischen Geistlichen in einem braunschweigschen Dorf gegeben. Diese Entscheidung dürfte für eine jüdische Familie dieser Zeit sehr ungewöhnlich gewesen sein. Über die Beweggründe ist allerdings nichts bekannt. Jedenfalls war es für den Geistlichen eine Selbstverständlichkeit, die ihm anvertrauten Jungen nicht von dem Glauben ihrer Väter abzubringen.

Leider ist darüber hinaus nichts über die Lebensumstände der Kinder auf dem Dorfe überliefert. In diesen frühen Jahren könnte der sicher gebildete und tolerante Pfarrer bei Martin die geistigen Grundlagen für seine spätere bemerkenswerte Entwicklung gelegt haben.

Nach dem frühen Tod der geliebten Mutter übernahm zunächst Tante Helene, eine unverheiratete Schwester des Vaters, die Führung des Haushaltes. Als auch sie
44-jährig im Jahr 1843 starb, verließ Samuel Drucker noch im gleichen Jahr mit seinen drei Kindern Braunschweig. Er reiste mehrfach nach Frankfurt an der Oder, wo die Familie seiner verstorbenen Frau lebte. Da sich von der kleinen Tochter Johanne keine weitere Spur findet, kann nur vermutet werden, dass der Vater das kleine Mädchen in die Obhut der Großeltern Fränkel gab.

Jedenfalls kam Samuel Drucker am 22. September 1843 nur mit seinen beiden Söhnen nach Leipzig. Nachdem er aus der preußischen Staatsbürgerschaft entlassen worden war, stellte der Vater im historischen Jahr 1848 den Antrag auf Einbürgerung an die Leipziger Stadtverordneten. Dem Antrag wurde entsprochen und Samuel bzw. Siegmund, wie sich der der Vater jetzt nannte, wurde das Bürgerrecht verliehen. So fand die Familie Drucker in Leipzig eine neue Heimat, die sie für die Nachkommen, trotz späterer Repressalien und Verfolgungen, bis heute geblieben ist.

Der Vater eröffnete in der Leipziger Katharinenstraße 14 gemeinsam mit einem Geschäftspartner aus seiner Braunschweiger Zeit, dem Kaufmann Albert Leppoc
(1806–1875), eine Seidenhandlung.

Die Firma „Leppoc & Drucker“ genoss bald allgemeines Ansehen weit über Leipzig hinaus. Über diese Handelstätigkeit hat der Sohn später seinen Kindern manche Anek-dote berichtet. Martin Drucker junior hat über die Seidenhandlung seines Großvaters 1945 folgende amüsante Episoden aufgeschrieben 1:

So trat einmal einer der polnischen Juden in den Verkaufsladen und verlangte seidene Schals zu sehen. Da diese Ware auf dem obersten, vom Fußboden aus nicht erreichbaren Regalbrett lag, wendete mein Großvater sich an einen Lehrling mit der Anweisung: „Geben Sie ihm eine Tritt!“ Das verstand der Kaufliebhaber falsch. „Wie heißt Herr Drucker, hab ich doch noch gar nicht geboten!“ Er glaubte sich durchschaut.
Ein andermal erschien ein besonders unerfreuliches Exemplar jenes Menschenschlags, schmierig, verwahrlost und eine widerliche Atmosphäre um sich verbreitend. Das war meinem Großvater zuviel. Er schreckte vor der üblen Erscheinung zurück und sagte verächtlich: „Pfui, Jeiteles, wie riecht Ihr!“ Darauf die spitzfindige Antwort: „Sie irren, Herr Drucker, Sie riechen, ich stink!“


Siegmund Drucker reiste auch mehrfach zu Pferde in die Türkei, um dort die notwen-digen Einkäufe zu tätigen. Von diesen abenteuerlichen und gefährlichen Reisen kehrte der Vater mit wunderbaren Geschichten zurück, die ebenfalls von Generation zu Generation weiter getragen wurden. Diese Erzählungen aus einer fremden Welt müssen die Phantasie des jungen Martin besonders beflügelt haben.

Die Geschäfte gingen schließlich so gut, dass die Firmeninhaber eine Filiale in Hongkong eröffneten. Von dort wurden chinesische Seidenstoffe mit Echtheitsgarantie importiert. Doch der jüngere Sohn Heinrich, welcher die Geschäfte in Hongkong führte, wurde Opfer eines groß angelegten Betruges. Es kam zu enormen Verlusten, die Siegmund Drucker seinem Geschäftspartner ohne jede Verpflichtung ganz selbstver-ständlich ausglich. Heinrich Drucker wanderte nach San Franzisko aus, wo er jedoch sehr bald starb.

Siegmund Drucker hatte im Jahr 1850 ein zweites Mal geheiratet. Aus dieser Ehe mit Emma Pollack (1825–1888), die wie seine erste Frau aus Frankfurt an der Oder stammte, gingen dann noch zwei weitere Kinder hervor. Diese beiden Halbgeschwister Martin Druckers waren Therese (1851–1927) und Paul (1863–1942). Der jüngste Sohn war ein aufgeweckter und angenehmer Spielgefährte für seinen nur wenige Jahre jüngeren Neffen Martin.
Er wurde im hohen Alter nach Theresienstadt deportiert, wo er umgekommen ist.

Siegmund Drucker beschränkte sich allerdings nicht nur auf sein Geschäfts- und Familienleben. Er war auch aktives Mitglied der gerade in der Gründung begriffenen Leipziger jüdischen Gemeinde und gewählter Repräsentant der ersten Gemeindever-sammlung. Als die Gemeinde 1852 den Bau einer großen Gemeindesynagoge in Angriff nahm, gehörte er dem Komitee zur ihrer Errichtung an.

Im gleichen Jahr zu Michaelis hatte der älteste Sohn Martin an der altehrwürdigen Leipziger Thomasschule sein Abitur erfolgreich abgelegt. Bereits als Schüler war er durch seine literarische Begabung aufgefallen. Ihm folgten an dieser traditionsreichen humanistischen Bildungsstätte später seine Söhne und Enkel mit gleichem Erfolg. Den weiblichen Nachkommen blieb diese Schule allerdings verschlossen, was seine Enkeltochter Renate noch heute bedauert.


Oberjustizrat Dr. Martin Drucker sen. (1834-1913)

Emilie Drucker, geb, Fränkel (1810-1842), Miniaturbildnis eines unbekannten Meisters

Das Grab der Großmutter
auf dem jüdischen Friedhof
in Braunschweig

Das Grab von Max Drucker (1835-1840)
auf dem jüdischen Friedhof
in Braunschweig

Urkunde über die Erteilung des Bürgerrechtes der Stadt Leipzig an Samuel Drucker (1801-1874)

Die restaurierte Grabtafel des Vaters auf dem alten jüdischen friedhof in Leipzig

Constanze Klein, geb. Dölitzsch (1807-1887), Advokat Karl August Wilhelm Klein (1800-1862)

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