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Das gescheiterte Duell
 
oder: Muß der Anwalt den Richter grüßen?


Vor der 4. Zivilkammer des Leipziger Landgerichts kam es in der Verhandlung am
3. Oktober 1889 zu einer unerfreulichen Kontroverse zwischen dem Vorsitzenden Richter H. und dem Rechtsanwalt Paul Werthauer, die weitreichende Konsequenzen
für alle Beteiligten nach sich ziehen sollte. Der Landgerichtsdirektor H. bezeichnete die durch Werthauer vertretenen Ansprüche auf unsittlichen Verhältnissen beruhend und drückte sein Erstaunen darüber aus, daß sich jemand zur Vertretung derartiger Ansprüche bereit gefunden habe. Später bezeichnete H. seine Äußerungen ausdrück-
lich als persönlich erteilte Zurechtweisung des Anwalts.

Anläßlich zweier Begegnungen am 1. November, früh 9 Uhr vor dem Landgericht und
am 9. November, mittags 12 Uhr am Obstmarkt hat es Rechtsanwalt Werthauer unter-lassen, den Landgerichtsdirektor H. zu grüßen. Daraufhin ließ H. am 9. November 1889 durch Landgerichtsrat Dr. W. eine förmliche Erklärung des Inhalts überbringen, daß er auf Beachtung der hergebrachten Höflichkeitsformen bestehe, solange er den amtlichen Verkehr mit Rechtsanwalt Werthauer nicht vermeiden könne. Die Versagung des Grußes müsse als Achtungsverletzung gegen den Richterstand betrachtet werden,
die H. daher als persönliche Beleidigung ahnden müsse.

Am 24. Dezember 1889 begegneten sich die Kontrahenten wiederum auf der Straße, ohne daß durch Rechtsanwalt Werthauer ein Gruß erfolgte. H. ließ dem Anwalt sofort durch Landgerichtsrat S. eine Herausforderung zum Zweikampf überbringen. Dieser hat die Annahme der Herausforderung zum Zweikampf von einer Erklärung des Vorstandes der Anwaltskammer, die für ihn als Anwalt die Bedeutung eines Ehrenrates habe, ab-hängig gemacht. H. hat keinen anderen Ehrenrat benannt, sondern in dieser Erklärung eine Ablehnung gesehen. Innerhalb einer kurz gestellten Frist, die wegen der Weih-nachtsfeiertage erfolglos verstrich, sollte Rechtsanwalt Werthauer eine unbedingte An-nahme der Herausforderung erklären. Seine Gegner behaupteten noch Jahre später, er habe die Herausforderung schlichtweg abgelehnt und sei daher nicht satisfaktionsfähig. Tatsächlich fand das Duell nicht statt.

Für die beteiligten Richter blieben die Vorgänge trotzdem nicht in Folgen. Der Land-gerichtsdirektor und Hauptmann der Landwehrinfanterie H. wurde durch vom Leipziger Reichsgericht bestätigtes Erkenntnis am 8. Februar 1890 wegen Vergehens gegen
§ 203 Reichsstrafgesetzbuch zu drei Tagen Festungshaft verurteilt. Diese Strafe ist später allerdings durch Gnadenerlaß in drei Tage Stubenarrest (!) verwandelt worden.

Nach Rechtskraft des Urteils hatte das Sächsische Justizministerium zu prüfen, ob ge-gen die beteiligten Richter im Disziplinarwege etwas zu verfügen sei. Hierbei hatte das Ministerium auch Anlaß zu prüfen, ob der Richter überhaupt einen Anspruch darauf habe, vom Anwalt außerhalb des Gerichtsgebäudes gegrüßt zu werden.

Das Ministerium vermochte nicht anzuerkennen, daß H. in dem Unterlassen des Grüßens eine Beleidigung habe finden können, denn ein Anspruch auf Unterlassung einer Achtungsverletzung begründet keinen Anspruch auf Achtungserweisung.

Das Justizministerium sah in der Herausforderung zum Zweikampf nicht nur eine straf-bewährte Handlung, sondern auch eine Verletzung der besonderen Pflichten, welche der Richterstand unterliegt, da dessen Würde darauf beruht, die Autorität der Gesetze aufrechtzuerhalten.

An der Verwerflichkeit ändere sich nichts dadurch, daß der Beschuldigte sich durch Rücksichten auf eine besondere Sitte, denen er wegen seiner gleichzeitigen Eigen-schaft als Offizier Rechnung tragen will, zur Herausforderung zum Zweikampf
verpflichtet fühlte.

Die Angelegenheit wurde daher zur weiteren Entscheidung an die Disziplinarkammer des Landgerichts Leipzig weitergegeben.

In diesem Verfahren beriefen sich alle drei Richter auf die Unverrückbarkeit der Den-
kungsweise des Offizierskorps, welchem sie angehörten. Rechtsanwalt Werthauer wird durch Landgerichtsrat Dr. W. in seiner Verteidigungsschrift „als höchstempfindlich bekannter Herr“ bezeichnet.

Landgerichtsdirektor H. vermochte in seinem Verhalten keine Verletzung der Würde
des Richterstandes zu sehen. Ihm und seinen Freunden sei nicht eine einzige Stimme zu Ohren gekommen, welche die Herausforderung zum Zweikampf auch nur andeu-tungsweise als unwürdig für den Richterstand angesehen habe.

Hierbei ließ er die aufsehenerregenden sozialdemokratischen Proteste gegen ihn in der Sitzung der 2. Ständekammer am 25. Februar 1890 bewußt außer Betracht.

Zu seiner Verteidigung zitierte H. schließlich seine Majestät den König wie folgt: „Denn einen Offizier, welcher im Stande ist, die Ehre eines Kameraden zu verletzen, werde ich ebensowenig in meinem Heere dulden, wie einen Offizier, welcher seine Ehre nicht zu wehren weiß.“ Er habe daher einen Spruch des militärischen Ehrengerichts zu erwarten gehabt, sofern er das Verhalten von Rechtsanwalt Werthauer hingenommen hätte. Seine Eigenschaft als Richter sei hierbei nicht als Entschuldigungsgrund anzuerkennen.


Paul Werthauer
(um 1898)

Junggesellenzimmer
Paul Werthauers
(um 1897)

Portugiesische Christuskreuz

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