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Fortsetzung: Raphael Chamizer, Arzt und Bildhauer

Zunächst widersteht der Künstler den jetzt einsetzenden Überredungsversuchen, sein Schaffen in einer Ausstellung der Öffentlichkeit zu präsentieren, doch schließlich kommt es zu einer Verständigung mit dem Leipziger Kunstverein. Es ist ihm sogar vergönnt, im Jahre 1927 in der Gedächtnisausstellung für Lovis Corinth (1858-1925) im Museum für bildende Künste seine Werke zeigen zu dürfen. Der Kunsthistoriker Dr. Karl Schwarz (1885-1962), damals Leiter des Jüdischen Museums in Berlin und später Direktor des Museums in Tel Aviv, empfand die Exposition als große Überraschung.
Daß diese Wertung auch in den Jahren danach nicht verblaßte, beweist die außerge-
wöhnliche Beurteilung, die das Werk in dem eingangs zitierten Buch „Die Juden in der Kunst" gefunden hat. Im Gemeindeblatt, dem offiziellen Nachrichtenblatt der Israeli-
tischen Religionsgemeinde zu Leipzig, war zu lesen: „In der Lovis-Corinth-Ausstellung, über deren Wert man nicht mehr zu streiten braucht, stellt Raphael Chamizer zum ersten Male Plastiken aus. Plastiken, in zwei Jahren geschaffen, von einer Vielseitigkeit, Verinnerlichung und Größe, die erstaunen lassen.“

Im Frühjahr 1931 zieht der Bildhauer in das frühere Atelier des von ihm hochverehrten Max Klinger (1857-1920) in der Karl-Heine-Straße um.
Hier arbeitet er an einer neuen Fassung des „Hiob“.

„Auf dem letzten Stückchen Erde, das ihm geblieben ist, kauert der große Dulder. Die Knie hoch angezogen, mit der Linken sich krampfhaft haltend, sucht er durch das Licht der Sonne seine endliche Erlösung. Der ganze Körper ist geballt und doch ein Häuflein nur in Gottes großer Natur. Seine Züge sind nicht verbittert, sie fragen nach den letzten Rätseln des Seins. Bejahung das Ganze, denn das Leben klammert sich noch an das Kleinste. – Hiob ist der primäre Odysseus auf der Irrfahrt in das unbekannte Land des Schicksals. Er versinnbildlicht aber nicht ein Einzelschicksal, sondern das des ganzen jüdischen Volkes, das zur Qual geboren, dennoch sein Leben bejaht.“

Das sind Aussagen des Künstlers zu dieser Plastik, die wenigspäter durch das Engagement von Dr. Karl Schwarz ihren Standort im Museum in Tel Aviv fand.

Im Sommer 1931 beginnt Raphael Chamizer in seinem Sommerhaus in Wengen in der Schweiz mit der Arbeit an zwei Holzreliefs: „Die Schöpfung“ und „Das Hohe Lied“. Er wagt sich damit an ein für ihn völlig neuartiges Material: Lettische Eiche, 4,5 Meter lang und 1 Meter hoch. Diese Arbeit brachte er an seinem Sommerhaus an, welches noch existiert, aber von dem Holzrelief fehlt jede Spur.

Nach der Machtübernahme Hitlers vergräbt sich Chamizer immer mehr in die Arbeit. 1935 wendet er sich einem sehr ernsten und auch gefährlichen Thema zu: Nietzsche, eine überlebensgroße Bronzebüste.
Gefährlich deshalb, weil Klinger eine allgemein anerkannte Büste geschaffen hatte. Er entschloß sich, eine ganz andere Auffassung zu geben, die zu keinem Vergleich mit der des großen Vorbildes verpflichtet. Im Klingerschen Atelier standen ihm dieselben Unterlagen zur Verfügung, insbesondere die Totenmaske und alle Fotografien, auch die aus den letzten Jahren. Chamizer befaßte sich sehr eingehend mit Nietzsches Werk und kommt zu folgendem Schluß:
Nietzsche ist kein Philosoph. Bei ihm überwiegt das Dichterische und das Tragische. Er hat viel Prophetisches an sich. Er versteht mehr zu zürnen, als zu lieben. Der Keim seiner Krankheit liegt lange in ihm, wohl ein Grund, daß er nicht lachen konnte. So wurde er gestaltet: Unendlich tief leidend und im Leid zum Seher werdend. – Der Sockel der Büste, durchaus unkonventionell, wird zur dringenden Notwendigkeit. Er deutet seine Lagerstätte an. Der Kopf ist mühevoll gleichsam aus dem Kissen aufgerichtet und leicht seitlich geneigt, als könne er seinen schweren Inhalt kaum noch tragen.

Im Sommer 1936 arbeitet Raphael Chamizer wieder in seinem Schweizer Sommer-
häuschen. Die Zeiten lasten schwer auf ihm.

Wenig ist jetzt noch über sein weiteres Schicksal zu erfahren. Ein Sohn des Künstlers, Herr Gideon Chamizer, geboren am 12. März 1916 in Leipzig, lebt noch heute in Bielefeld, er berichtet: 1938 gelang es der Familie, nach Israel auszuwandern. Zurück blieb die Schwester des Bildhauers, Lucie Löbl. Sie wohnte wie Dr. Woskin in der Wiesenstraße 21. Bei ihr wurden damals auch die meisten Plastiken eingelagert. Was aus diesen Werken später wurde, konnte bislang nicht geklärt werden. Einige kleine Plastiken befinden sich noch heute im Familienbesitz. Lucie Löbl und ihre Tochter Rahel fuhren später völlig hilflos auf einem Kohlendampfer auf der Donau hin und her. Da niemand diese aus der Messestadt Vertriebenen aufnehmen wollte, wurden auch sie Opfer des Holocaust.

Der Arzt und Bildhauer Raphael Chamizer starb 1957 nach langer schwerer Krankheit – die letzten Jahre war er fast vollständig gelähmt – 75jährig in Haifa.

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Überarbeitete Fassung der Erstveröffentlichung:
Leipziger Blätter 1991, Heft 18, S. 64-66



Hiob
1. Fassung, Gips

Die Schöpfungsgeschichte
lrttische Eiche

Das Hohe Lied
lettische Eiche

Nietzsche
Portrait, Bronze

Raphael Chamizer, Arzt und Bildhauer                                                         zurueck 1 2
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