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Fortsetzung: Der Maler Eduard Einschlag

1931 entsteht ein Bild des Alten jüdischen Friedhofes in der Berliner Straße, über dessen Schicksal ebenfalls bisher nichts bekannt ist.

Als am 7. Oktober 1934 (Hitler ist bereits über ein Jahr an der Macht) der Rabbiner
Felix Goldmann (1882-1934) stirbt, erleidet die Gemeinde in der dunkelsten Zeit ihrer Geschichte einen schmerzlichen Verlust. Trotzdem setzen sofort Bemühungen ein, diesen verdienstvollen Rabbiner zu würdigen und in seinem Sinne weiter zu wirken.
Es wird der Felix-Goldmann-Gedächtnisbund gegründet, der seit 1935 im jüdischen Jugendhaus, das 1931 in der Elsterstraße 7 eingeweiht wurde, seinen Sitz hat. Hier hängt auch das von Eduard Einschlag geschaffene Porträt des Rabbiners. Auch dieses Werk muß als verschollen – wahrscheinlich vernichtet – gelten.

Die Exposition anläßlich des 50. Jahrestages im Kroch-Hochhaus zeigte die Mecha-
nismen der Verfolgung, Vertreibung und physischen Vernichtung der Juden in unserer Stadt auf.

Auch der Jude Eduard Einschlag ist diesen Repressalien ausgesetzt. Er hat jedoch aus der Sicht der faschistischen Machthaber einen weiteren „Makel“: Er ist nach dem Gesetz polnischer Staatsbürger, denn die gesamte Familie hatte ihre österreichische Staatsbürgerschaft im Ergebnis des Ersten Weltkrieges verloren. Darum gehörte er mit seiner Frau und seinen beiden unverheirateten Schwestern Wanda und Hedwig zu den ca. 5.000 Leipziger Bürgern, die in der Nacht vom 28. zum 29. Oktober 1938 im Flußbett der Parthe zusammengetrieben, beschimpft und bespieen und dann in Eisen-
bahnwaggons an die polnische Grenze verfrachtet wurden. Die Arbeitsgemeinschaft „Kirche und Judentum“ hat am Ort dieses barbarischen Ereignisses im November 1988 einen von Peter Makolies geschaffenen würdigen Gedenkstein eingeweiht.

Nach der Befreiung wird von Überlebenden berichtet, daß Eduard Einschlag in Warschau lebte. Er soll dort wahrscheinlich bereits Ende 1939 umgekommen ist.
Seine Frau und seine beiden Schwestern teilten sein Schicksal. Da es bis heute keine gesicherten Erkenntnisse zu den Umständen und zum Zeitpunkt des Todes gibt, wird amtlicherseits der Todeseintritt am 08. Mai 1945 vermutet.

Sein Bruder Martin konnte sich mit Frau und Kind durch Flucht nach Frankreich retten, wo die Familie untertauchte. Nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Frankreich wurde Martins Frau Johanna bei einer Razzia verhaftet und deportiert. Auch sie überlebte den Holocaust nicht.
Einziges in Leipzig zurückgebliebenes Familienmitglied war der hochbetagte Dolmet-
scher Victor Armhaus, ein Onkel mütterlicherseits. Er lebte zuletzt in einem Zimmer des Ariowitsch-Altersheimes. Von dort wurde er nach Theresien-stadt deportiert, wo er wenig später verstarb.

Als der Verlag Volk und Buch 1948 die Mappe „Zwölf Leipziger Maler“ mit einem Vor-
wort von Hans Kinkel herausgibt, ist darin auch eine Farbreproduktion eines „Früchte“-Stillebens von Eduard Einschlag enthalten. Damals wird er in eine Reihe mit Malern wie Oskar Behringer (1874-1956), Walter Bodenthal, Ernst Hassebrauck, Walter Münze und H. Eberhard Strüning gestellt.

Im gleichen Jahr zeigt mit großem Engagement die Kunsthandlung Malz in der Livia-
straße 6 eine Gedächtnisausstellung für Eduard Einschlag. Diese Kunsthandlung verkaufte seine Werke früher in der Kolonnadenstraße. Die 38 Werke des umgekom-
menen Künstlers trug Charlotte Malz aus eigenem Besitz und von früheren Käufern zusammen.

Im Jahr 1959 schreibt Professor Max Schwimmer über seinen Künstlerkollegen:
„Eduard Einschlag war eine führende Persönlichkeit des Leipziger, ja des deutschen Kunstlebens. Er hat als Maler und Graphiker großen Erfolg gehabt und galt unter den Künstlern als eine anregende und bedeutende Persönlichkeit.
Die künstlerische Jugend verehrte und bewunderte ihn. Er war Mitglied des Deutschen Künstlerbundes und im Vorstand der von Max Klinger begründeten LIA (Leipziger Jahresausstellung). Der Generaldirektor der Berliner Galerien Geheimrat Dr. Bode schätzte sein hohes Können und ließ verschiedene Meisterwerke holländischer Kunst des 17. Jahrhunderts von ihm in graphischen Techniken herstellen. Einschlag studierte in München, Berlin und Paris. Seine Ermordung durch die Nazis hat alle anständigen Künstler Leipzigs tief bewegt und erschreckt. Wir betrauern ihn und werden ihn nie vergessen.“

Der heute leider weitgehende vergessene Maler und Graphiker Eduard Einschlag gehörte ohne jeden Zweifel zu den bedeutendsten Leipziger Künstlern in den zwanziger und dreißiger Jahren.

Hieraus ergibt sich die Verpflichtung, sein erhalten gebliebenes künstlerisches Werk zu pflegen und einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Nach Dresslers Kunsthandbuch besaßen (und besitzen?) die Kupferstichkabinette in Berlin und Dresden sowie die Graphische Sammlung in München weitere Arbeiten des Künstlers. Einzelne Werke befinden sich in Privatbesitz. Das Museum für Geschichte der Stadt Leipzig besitzt zwei Porträts von Barnet Licht aus dessen Nachlaß.

Es ist deshalb zu hoffen, daß in absehbarer Zeit eine umfassende Gedächtnisaus-
stellung – z. B. im neu eröffneten Leipziger Museum der bildenden Künste – diesen zu Unrecht vergessenen jüdischen Leipziger Maler, Radierer und Holzschneider ange-
messen ehrt.

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Überarbeitete Fassung der Erstveröffentlichung:
Sächsische Heimatblätter, 1990, Heft 5, S. 271-273



Rabbiner Felix Goldmann
(1882–1934)

Der Leipziger Künstlerbund
Eduard Einschlag,
erster Vorsitzender (rechts)
Foto: Frank Eugene
(18651936)

Ausstellungsräume des
Leipziger Künstlerbundes
Foto: Frank Eugene
(18651936)

Zeitungsartikel
Gedächtnisausstellung

Brief von
Prof. Max Schwimmer

Der Maler Eduard Einschlag                                                                  zurueck 1 2 3 4 
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