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Fortsetzung: Renate Drucker

Die beiden Enkelkinder Isa und Susanne waren auch für Renate ein unverhoffter Segen. Liebe- und natürlich auch sorgenvoll hat sie deren erste Schritte bis zu ihrem gegenwärtigen Studium begleitet. Sie war voller Vertrauen, dass beide ihren Weg zielstrebig gehen werden.

Als wir 1990 die Gründung einer Stiftung ins Auge fassten, welche die weitere Erforschung der jüdischen Stadtgeschichte sicherstellen sollte, stellte Manfred Unger – damals Direktor des Leipziger Staatsarchivs – die Verbindung zu seiner einstmaligen hochverehrten Lehrerin Renate Drucker her. Die Chemie stimmte und sehr schnell waren wir uns über die weiteren Schritte einig. Renate war wie keine andere prädestiniert dafür, die Führung dieser Stiftung zu übernehmen, welche den Namen des Leipziger Rabbiners Ephraim Carlebach tragen sollte. Sie stellte auch die Verbindung zu Fred Grubel her, welcher sich bereit erklärte, die Präsidentschaft im Kuratorium zu übernehmen. So konnte schließlich 1992 in einem feierlichen Akt die Ephraim-Carlebach-Stiftung im Alten Rathaus ins Leben gerufen werden.

Bis ins hohe Alter hat Renate Drucker die Führung der Geschicke der Stiftung mit Umsicht und Einfühlungsvermögen in ihren Händen gehalten. Sie hat mit ihrer Sachkompetenz, Lebenserfahrung und Weisheit das Bild der Ephraim Carlebach Stiftung im In- und Ausland entscheidend geprägt.

Toleranz war das wesensbestimmende Merkmal ihrer Amtsführung. Doch diese war durchaus nicht grenzenlos. Trotz ihrer ausgleichenden, in sich ruhenden Art, trat sie Missachtung, Anmaßung und Egozentrik mit Entschiedenheit entgegen. Sie konnte, wenn es sein musste, durchaus auch sehr resolut agieren.

Renate Drucker blieb agil und geistig hellwach bis zuletzt. Sie war eine anregende Gesprächspartnerin und ein nie versiegender Quell umfassenden historischen Wissens. Immer wieder gab es Interviewanfragen, welchen sie freudig nachkam, auch wenn sie sich manches mal über mangelndes historisches Grundwissen ihrer Gesprächspartner wunderte.

So belegt ihr vielfältiges Engagement beispielhaft das gewaltige Potential, auf welches sich unsere glücklicherweise älter werdende Gesellschaft stützen könnte. Ein Quell an Wissen, Sachkompetenz und nicht zuletzt an Empathie, welcher leider ansonsten allzu oft ungenutzt bleibt.

Es hat Renate sehr viel bedeutet, dass das Forum Anwaltsgeschichte nur wenige Wochen vor ihrem Tod anlässlich des 140. Geburtstages ihres Vaters am früheren DAV-Haus eine Gedenktafel anbrachte, die sie noch selbst enthüllen konnte. Als die von ihr so hoch verehrte Schauspielerin Christa Gottschalk im Anschluss daran die feinsinnigen Parodien ihres Großvaters mit Gespür für den richtigen Ton vortrug, fühlte sich Renate nochmals in ihre Kindheitstage zurückversetzt, denn auch ihr Vater verfügte über einen außergewöhnlichen präzisen Sprachwitz. Sie war glücklich. Niemand ahnte damals, dass dies Renates letzter öffentlicher Auftritt sein würde.

Wer Renate Drucker kennen lernen durfte, wird im Angesicht des endgültigen Abschieds wohl nicht nur Trauer und Wehmut, sondern vor allem Dankbarkeit empfinden.

Sie hat uns überreich beschenkt.


Renate Drucker                                                                                         zurueck 1 2 
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