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Thema verfehlt?
 
Über die Schwierigkeiten im Umgang mit Form und Inhalt
Zum Wettbewerb für eine Gedenkstätte am Platz der ehemaligen Synagoge
in der Gottschedstraße


Wer erinnert sich – wie ich – noch heute an die spannenden Momente längst vergangener Schulzeit, wenn die Rückgabe der Aufsätze anstand? Das verheerendste Urteil vor der versammelten Klasse konnte nach meiner Erinnerung nur lauten: Thema verfehlt! Die schönste Schrift konnte dieses Urteil nicht revidieren oder mildern. Heute weiß ich natürlich: Es gibt viel Schlimmeres, als solche kleinen persönlichen Niederlagen. Das Leben geht darüber hinweg. Es bleibt im schlimmsten Fall eine vage, nur noch sehr nebulös unangenehme Erinnerung. Bis in die frühe Kindheit reichen also meine Erfahrungen über die Schwierigkeiten zurück, Form und Inhalt in eine angemessene, stimmige und harmonische Einheit zu bringen.
Die Ausstellung über die „Ergebnisse des künstlerischen Wettbewerbs zur Gestaltung einer Gedenkstätte für die verfolgten, ausgegrenzten und ermordeten jüdischen Bürger der Stadt Leipzig auf dem Areal der 1938 zerstörten Synagoge“ rief mir ganz unerwartet diese unangenehmen Kindheitserinnerungen ins Gedächtnis zurück. Ausgangspunkte und Fakten sind dem interessierten Leipziger hinlänglich bekannt: An der Ecke Gottschedstraße/Zentralstraße stand seit 1855 bis zum November 1938 die imposante Gemeindesynagoge als das bemerkenswerteste architektonische Zeichen jüdischen Lebens in unserer Stadt.
Jedes Jahr in den Novembertagen trafen und treffen sich Menschen an dieser Stelle in Erinnerung an die traumatischen Ereignisse, die sich nicht aus dem öffentlichen Bewußtsein verdrängen lassen. Der Unmut über die heutige unwürdige Situation des Platzes wurde nicht nur bei dieser Gelegenheit immer lauter und nachdrücklicher formuliert. Wo sich früher die Gemeindemitglieder zum Gottesdienst mit Orgelbegleitung zusammenfanden, versorgt heute ein häßliches Trafohäuschen die Anwohner mit Strom. Ein Stellplatz für unsere unentbehrlichen modernen Fortbewegungsmittel dominiert den historischen Ort.
Der schlichte Gedenkstein, an den Rand des Geschehens gedrängt, im wuchernden Grün fast verschwindend, wirkt wie ein Feigenblatt in dieser Situation.
Der politische Wille zur Veränderung war spätestens seit 1990 vorhanden.
Es galt einige bürokratische und parlamentarische Hürden zu nehmen, bis am 22. Juni diesen Jahres die eingangs erwähnte Ausstellung mit dem sperrigen Titel eröffnet werden konnte. Wer im Vorfeld der Eröffnung vielleicht angstvoll nach Berlin blickte und das Losbrechen einer ähnlichen unproduktiven bis unsäglichen Diskussion befürchtete, wurde eines anderen belehrt, denn es herrscht öffentliches Schweigen.
Die gezeigten Ergebnisse des künstlerischen Wettbewerbs bedürfen aber der allgemeinen und vor allem öffentlichen Diskussion. Es besteht also kein Anlaß zur Beruhigung. Das gegenwärtige Schweigen ist allzu trügerisch und könnte sich leicht als die gefürchtete Ruhe vor dem Sturm erweisen.
Ich weiß aus meinen eingangs geschilderten Kindheitstagen: Wo das Thema verfehlt wurde, ist auch mit der Form kein überzeugendes Ergebnis zu erreichen. Nur hier ist es erlaubt, eine Frage zu stellen, die ich als Dreikäsehoch niemals gestellt hätte: Vielleicht war das Thema nicht klar genug formuliert? Das Thema berührt auch sechzig Jahre nach Kriegsbeginn noch immer die Grundfesten unseres Selbstverständnisses und erzeugt regelmäßig end- und fruchtlose Debatten. Diese Tatsache spiegeln leider auch die meisten der ausgestellten Entwürfe wider: Sie wirken sehr auf „political correctness“ bedacht, vorsichtig, grüblerisch, formalistisch, austauschbar. Ein einziges intensives Gespräch mit einem Überlebenden oder auch das Erinnern an eigene familiäre Bezugs-punkte (in fast jeder deutschen Familie ist mindestens ein Mitglied im Krieg gefallen) hätten nach meinem Eindruck zu überzeugenderen, weil menschlicheren und deutlicher von Herzen kommenden Ergebnissen führen können.

Ort des Gedenkens – für wen?

Der Ursprung vieler Mißverständnisse liegt in der offensichtlichen Schwierigkeit für die Beteiligten, sich einzugestehen, daß an dieser Stelle zuallererst etwas für uns selbst entstehen muß und nicht etwa für die jährlich seitens der Stadt eingeladenen Gäste, welche wir umständlich „ehemalige jüdische Leipziger Mitbürger“ nennen. Es gibt keine Tradition des öffentlichen Eingestehens eigener Unzulänglichkeit und des dramatischen Versagens, obwohl wir das zum Überleben brauchen wie das tägliche Brot. Am Standort der Gemeindesynagoge sollten wir uns den Spiegel eigenen Scheiterns vorhalten können. Die später Geborenen können und werden sich dort selbst nur angesprochen fühlen, wenn sie nicht sicher sein können, daß sie sich gegenüber ihren jüdischen Nachbarn wirklich moralisch besser verhalten hätten als die Generation ihrer Väter und Großväter. Aus dieser bleibenden Unsicherheit kann die Kraft erwachsen, persönlich dafür einzustehen, daß niemand mehr auf eine derartige Probe menschlicher Courage gestellt werden muß. Die umgebrachten Leipziger Juden können wir nicht wieder zum Leben erwecken. Die Vertriebenen werden auch nicht dauerhaft hierher zurückkehren. Die nach wie vor spürbar Fehlenden können uns aber helfen, fortdauernde Unzuläng-
lichkeit zu erkennen, einzugestehen und im besten Fall zu überwinden.


Uwe Mietke, Kai Schreiber
Leipzig1905

Peter Krauskopf, Knut Hauswald
uns Markus Geiler
Leipzig / Meissen

dritter Preis
Konzept von Acerplan
Planungsgesellschaft

ZVI Hecker, Berlin

Kastner und Thüngen Architekten
Köln / Chemnitz

Gero Strnad
Leipzig

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