zuhomezupublikationenzunswiedergutmachungzuanwaltsgeschichtezujudeninleipzig

Fortsetzung: Thema verfehlt?

Die „Leipziger Lösung“

Samuel Josef Agnon verdanken wir die Überlieferung von der „Leipziger Ware“ als einem in der Messewelt der zwanziger Jahre allgemein anerkannten Gütesiegel für besondere, einzigartige Produkte, die höchsten Ansprüchen genügten. Ein Kind als „Leipziger Ware“ zu bezeichnen, war höchstes Lob für die Eltern.
Die Leipziger Juden waren in ihrer Gesamtheit etwas ganz Besonderes, Unvergleich-liches, also „Leipziger Ware“. War es gestalterisch unlösbar, am Standort der Gemein-
desynagoge ein künstlerisches Spiegelbild der untergegangenen alten Leipziger Gemeinde entstehen zu lassen? Keines der ausgewählten künstlerischen Ergebnisse genügt meines Erachtens in überzeugender Weise diesem Anspruch. Sie könnten ebenso in Dresden, Bad Mergentheim oder anderswo errichtet werden. Am ärgerlichsten ist hier eigentlich die hinlänglich bekannte Standardlösung mit der Namensnennung als formalem Versuch der Individualisierung.

Die künftigen Generationen

Ein weiteres Manko der meisten Entwürfe liegt darin, daß offensichtlich nicht der Frage nachgegangen wird. wie bei den künftigen Generationen, die keine eigenen Bezugs-punkte zu diesen historischen Ereignissen haben werden, durch die Gestaltung des historischen Ortes emotionales Interesse geweckt werden kann. Letztendlich könnte für Leipziger und Gäste der bedrückende Eindruck entstehen, daß hier eine Verpflichtung abgearbeitet wurde und nun wieder zur Tagesordnung übergegangen werden kann. Es kann nicht gleichgültig oder stillschweigend hingenommen werden, daß hierüber das Leben hinweggeht wie immer, wenn das Thema verfehlt wurde. Das Leben ist seit 1990 schon über viel zu viele Zeugnisse jüdischen Lebens in unserer Stadt hinweggegangen: Fröhliches Gelächter und munteres Klappern der Kaffeetassen bestimmten die Geräuschkulisse auf der Terrasse an der Parthe am Zoo in der warmen Jahreszeit. Die Demütigungen und Erniedrigungen, die jüdische Familien vor ihrer Deportation ins Niemandsland an dieser Stellewährend der Polenaktion im Oktober 1938 erleiden mußten, setzen sich so Tag für Tag mit anderen Mitteln fort. Die quälende Frage auf dem eindrucksvoll schlichten Gedenkstein »Wo ist dein Bruder?« bleibt ungehört und unbeantwortet Mit dem wohl unabwendbaren barbarischen Abriß des Henriette-Goldschmidt-Hauses wird eine weitere Wunde in die Stadtgeschichte geschlagen werden. Aus der Ariowitsch-Synagoge im Hinterhaus der Färberstraße 11 werden schicke Lofts. Nichts wird dort an die mit unsäglicher Traurigkeit heimlich aus dem Fenster schauenden Alten erinnern, die von dort „auf Transport gen Osten“ gingen. Auch die unsichtbaren Wunden vernarben nicht und können uns Phantomschmerzen verursachen.

–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––
Erstveröffentlichung:
Leipziger Blätter 1999, Heft 35, S. 39



Sebastiab Helm, Anna Dilengite
Leipzig

Thema verfehlt?                                                                                         zurueck 1 2 
        Kontakt  |  Impressum