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Fortsetzung: Victor Armhaus

Bemerkenswert ist die persönliche Freundschaft, die Victor Armhaus mit dem Reform-
pädagogen Hugo Gaudig verband. Da sich diese Verbindung später auf die Tochter Gaudigs und dann deren Familie übertrug, sind Spuren hierüber in den Aufzeichnungen von Rosemarie Gaudig-Sacke erhalten geblieben. Hieraus ergibt sich, daß der Kontakt nach der Machtübernahme durch die Nationalso-zialisten nicht abbrach, obwohl Victor Armhaus die Eheleute Sacke telefonisch vor einem Besuch bei ihm gewarnt hatte. Nachdem Georg Sacke jedoch 1934 verhaftet worden war, konnte nach seiner Freilas-
sung keine Verbindung wieder aufgenommen werden.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten verlor Victor Armhaus seine Beschäftigung bei den Leipziger Gerichten. Gemäß der offiziellen Verlautbarung in der Mitteldeutschen Handelsrundschau vom Mai 1934 wurde Victor Armhaus im gericht-
lichen Sachverständigenverzeichnis als Dolmetscher und Übersetzer für 24 Sprachen gestrichen.

Kurz zuvor war der rüstige 74jährige nach den Erinnerungen seines Neffen Martin Einschlag noch als Dolmetscher im Reichstagsbrand-Prozeß tätig gewesen.

Mit Beginn der Auswanderung seiner Glaubensgenossen hatte Victor Armhaus zahllose Dokumente, insbesondere aus der polnischen Sprache zur Vorlage bei Behörden zu übersetzen. Hierdurch erleichterte er vielen Verfolgten die rechtzeitige Auswanderung.

1936 zog Victor Armhaus nach über 35 Jahren von der Emilienstraße 28 in eine Sechs-
zimmerwohnung zu seinen beiden unverheirateten Nichten Wanda und Hedwig in der Promenadenstraße 33 am Westplatz in der 3. Etage. Dort waren seine beiden Zimmer und der Vorsaal mit seiner wertvollen Bibliothek bis zur Decke gefüllt.

Nachdem in der berüchtigten Polenaktion am 28. Oktober 1938 seine beiden Nichten, wie auch deren Bruder, der Maler Eduard Einschlag mit seiner Frau, ins Niemandsland zur polnischen Grenze deportiert worden waren, blieb Victor Armhaus schon fast 80jährig vollkommen allein in Leipzig zurück.

Sein weiteres Schicksal ist untrennbar mit dem seiner Glaubensgenossen verbunden. Ein bitterer Tag war für den weltoffenen Dolmetscher der Umzug in ein winziges Zimmer in das Hinterhaus des Ariowitsch-Altersheimes in der damaligen Auenstraße (heute: Hinrichsenstraße). Victor Armhaus mußte natürlich die gesamte Wohnungseinrichtung zurücklassen. Besonders muß ihn jedoch der Verlust seiner einmalig wertvollen und umfangreichen sprachwissenschaftlichen Bibliothek geschmerzt haben.

Doch auch hier verlor Victor Armhaus nicht den Lebensmut und seinen besonderen Charme. Erhalten gebliebene Briefe von Frau Käthe Paul, einer nichtjüdischen Bekannten, die den Mut hatte, den von ihr hochverehrten alten Mann weiter zu besuchen, beweisen das.

Als am 19. September 1942 ein weiterer Transport von Leipzig nach Theresienstadt abging, war auch der 83jährige Victor Armhaus unter den Deportierten.

Nach den Erzählungen einer Überlebenden über seine letzten Lebenstage hat er auch unter den barbarischen Lebensbedingungen in Theresienstadt bis zum Schluß nicht seine geistreiche kluge Art verloren. Victor Armhaus schlief am 7. November 1942
„ganz ruhig“ ein, berichtete Frau Morgenstern nach ihrer Rückkehr in Leipzig.

Die Umstände des Todes dieses Sprachgenies bedeuten mehr als das tragische Ende eines Lebens. Sie sind ein Mirakel für den Abbruch der Kommunikation der Deutschen mit anderen Völkern, dessen Folgen bis heute potenziert fortwirken: Wir sprechen eine Sprache, aber wir verstehen uns nicht.

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Manuskript, unveröffentlicht


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DRK Suchdienst

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