dr. jur. Hubert Lang

Nachlass Martin Drucker, Briefe und Fotos

Leipzig S 3, den 10 Dezember 1946
Brandvorwerkstraße 80

Mein lieber Conrad!

Du wirst begreiflicherweise nicht nur verwundert, sondern auch verstimmt darüber sein, dass Du auf Deine Briefe vom 24. und 30. September ds. Js., die am 11. und 12. Oktober hier eingingen, bisher noch keine Rückäusserung von mir bekommen hast. Ich kann zur Entschuldigung nur anführen, dasss ich mich schon im Oktober nicht so recht wohl fühlte und dass ich dann seit Anfang November eine Widerholung der Rippenfellentzündung durchzumachen hatte, an der ich im Frühjahr erkrankt war. Nach wochenlangem Krankenlager bin ich noch immer zu Haus. Wenn auch seit fast zwei Wochen das Fieber völlig verschwunden ist, so befinde ich mich doch noch in einem ausserordentlich schwachen Zustand und kann noch nicht wieder Briefe schreiben. Ich fange aber jetzt wieder an zu diktieren.
Du siehst, dass Dein Geburtstagswunsch, das neue Lebensjahr möge mir volle Gesundheit bringen, sich bisher nicht erfüllt hat. Es ist aber wohl zu hoffen, dass nach Ueberwindung der jetzigen Attacke es wieder aufwärts gehen wird. Es ist nur gut, dass ich auf dem Büro seit Anfang Oktober schon in der Person eines meiner früheren Referendare und späteren Landgerichtsrats einen Mitarbeiter von allerhöchsten Qualitäten besitze, der mich in der Praxis vollständig ersetzt. Uebrigens werden von nun an, bis ich wieder aufs Büro gehen kann, die wichtigsten Konferenzen hier in meiner Wohnung abgehalten.
Aber mindestens so wichtig wie der Genesungswunsch ist ja der andere, dass wir uns in diesem neuen Jahr wiedersehen möchten. Leider erscheint mir die Verwirklichung geradezu ausgeschlossen. Dass wir von hier aus nicht in eine andere Zone geschweige denn ins Ausland, etwa die Schweiz reisen können, wird Dir bekannt sein. Bisher ist  es aber auch unmöglich, dass jemand aus Eurem Land hierher käme. Ich glaube nicht, dass die politische Entwicklung daran etwas ändern wird.
Due erwähnst, dass Betty und Ernst Dir Grüsse von (Karl) Protze bestellt haben. Ich fürchte, dass Du Dich in der Person des Grüssenden irrst. Es ist nämlich nicht Dein Freund, der Oberstaatsanwalt, sondern dessen Bruder (Walther Protze), der in Dresden Oberregierungsrat oder Ministerialrat ist. Dein eigentlicher Freund lebt nicht mehr. Er war noch nicht wieder reaktiviert, konnte aber darauf rechnen. Ich sprach ihn manchmal. Eines Tages teilte mir seine Frau mit, dass er wegen eines unübersichtlichen Zusammenhangs sistiert worden sei. Darüber muss er ganz den Kopf verloren haben, denn er hat sich vergiftet. Wir haben nie erfahren, was eigentlich vorgelegen haben kann.
Was dagegen die Familie Schmidt angeht, so sind alle Brüder noch vollzählig vorhanden. Leider kann ich sie nach den Vornamen nicht auseinanderhalten. Der eine, der eine Hartpapierfabrik in Groitzsch betreibt, ist in dem dort von Dr. Eckstein unterhaltenen Zweigbüro Klient, was ihn aber durchaus nicht hindert, mich bisweilen hier in meiner Wohnung aufzusuchen, da er nicht weit von uns wohnt. Das ist, glaube ich, der älteste. Einer der anderen betreibt hier die väterliche Gravieranstalt, die allerdings sich nicht mehr in der Sophienstrasse (Nr. 8) sich befindet, wo das Haus völlig zerbombt ist. Diese Schmidts sind Dir und eigentlich unserer ganzen Familie sehr anhänglich und treu gesinnt. Sie sprechen zu gern von dem freundschaftlichen Verkehr in Eurer Jugendzeit und sind voll der Sympathie und des Lobes für Dich.
In Deinem Briefe vom 24. September erwähnst Du unsere gute Freundin Evchen (Evelyn Dobson). An sie denken Betty und ich viel zurück. Sie war doch immer ein prächtiger Mensch und uns Geschwistern innig zugetan. Wenn ich etwas Zeit habe, werde ich ihr einmal schreiben.
Von ganz besonderer Wichtigkeit ist die Frage, was Du wegen der Bank tun sollst. Ob Du für die Leitung in Hamburg oder in Bremen vorgesehen bist, weiss ich nicht, das ist aber vielleicht auch unbeträchtlich. Es ist sehr schwer, hier einen Rat zu geben, weil ich ja die Situation nicht voll übersehen kann. Aber wenn ich alle Ueberlegungen zusammenfasse, so scheint es mir doch richtig zu sein, dass Du auf den Vorschlag eingehst. Voraussetzung ist selbstverständlich, dass Dein Londoner Unternehmen darunter nicht leidet, das scheinst Du ja in Hinblick auf die Person des Managers nicht zu befürchten. Erwogen werden muss, ob, wenn Du in Deutschland das nicht findest, was Du suchst, Dir die Rückkehr nach England gestattet werden würde. Darauf weise ich deshalb hin, weil sich in der Tat die Entwicklung der Bankverhältnisse in Deutschland nicht übersehen lässt. Wie die Dinge jetzt liegen, scheint aber doch die Aufrechterhaltung der Banken in der englischen Zone als sicher angenommen werden zu können. Ist das der Fall, so findest Du zweifellos eine sehr dankbare Aufgabe an der Spitze der Norddeutschen Kreditbank. Ich nehme an, dass Du durch englische Zeitungen wenigstens in grossen Zügen über die Situation der Banken in Deutschland, und zwar in den westlichen Zonen, unterrichtet bist; und auch Geheimrat Reimers wird Dir darüber das Wichtigste mitgeteilt haben. Bedenkt man nur, dass Deine Erfahrungen nicht nur im deutschen Bankwesen begründet sind, sondern dass Du die vorzüglichen Beziehungen zu massgebenden Persönlichkeiten des englischen Bankwesens besitzt, so kann man mit grosser Sicherheit annehmen, dass du von vornherein eine einflussreiche und volkswirtschaftlich bedeutsame Stellung einnehmen würdest. Ich möchte geradezu sagen, dass Du eine der ganz seltenen Persönlichkeiten bist, die auf dem Bankgebiete die vorzüglichsten Leistungen für das Wiedererstarken des deutschen Bankwesens bringen könnten. Deshalb schlage ich vor zu prüfen, ob Du nicht zunächst versuchsweise, vielleicht auf sechs Monate, nach Deutschland kommen könntest. In dieser Zeit würde sich alles klären.
Was die Versicherungsangelegenheit angeht, so will ich Dir hierunter die mir von der Versicherungsanstalt des Bundeslandes Sachsen aufgegebene Berechnung der Police bei der Alten Leipziger mitteilen.
Sie lautet:
„Obige Versicherung endet am 31. März 1945 durch Ablauf der vereinbarten Versicherungsdauer. Zur Auszahlung gelangen
Versicherungssumme RM 30.ppp,–
Schlussdividende        RM   1.188,40
zusammen                   RM 31.188,40
abzüglich: Vorauszahlung                                                 RM    7.000,–
Gestundete Beiträge und Zinsen (Kriegsstundung)       RM   8.720,50
RM 15.720,50
verbleiben:                                                                         RM 15.467,90
Das ist die Abrechnung. die die Alte Leipziger selbst noch unter dem 24. März 1945 in einem mir niemals zugegangenen Brief aufgestellt hat. Die Landesversicherungsanstalt bemerkt dazu, dass die Abrechnung einer Ergänzung bedürfe durch die noch später über die ADCA gezahlten Beiträge. Ich hatte nämlich, wie ich Dir schon mitgeteilt habe, seiner Zeit mit der Alten Leipziger die Abrede getroffen, dass ich zwecks Aufrechterhaltung der Versicherung einen Kriegssatz, der monatlich RM 36,– betrug, zahlen würde. Leider sind ja aber all diese Erwägungen jetzt gegenstandslos, weil in der russischen Zone zu allen vor dem 9. Mai 1945 abgeschlossenen Lebensversicherungen eine Leistungssperre besteht. Von der Allianz in Hamburg habe ich keine Antwort bekommen, bleibe aber darum bemüht.
Erfreulicher als um die Versicherungsangelegenheiten steht es um Dein Silber. Die seiner Zeit von Hamburg hier eingetroffenen Pakete hatte ich bei der ADCA in Verwahrung gegeben u. deren ausgezeichnete Stahlkammer hat dem Bombenhagel stand gehalten. Als wir im vergangenen Jahr aufgefordert wurden, in Gegenwart der russischen Besatzungsmacht die Tressors zu öffnen und die Verwahrstücke vorzuweisen, bekam ich beide Pakete ausgehändigt und brauchte sie, nachdem ich mich legitimiert hatte, nicht einmal zu öffnen. Sie liegen beide hier in meiner Wohnung. Wir haben in Voraussetzung Deines Einverständnisses beschlossen, nun demnächst einmal die Siegel zu lösen, den Inhalt der Pakete festzustellen und ein genaues Verzeichnis aufzustellen. Ein Abschrift dieses Verzeichnisses lassen wir Dir zugehen, wahrscheinlich aber nicht von meiner Wohnung aus. Ich werde voraussichtlich Frl. Dr. (Therese) Hoffmann bitten, Dir das Verzeichnis zugehen zu lassen.
Ich glaube, dass ich nunmehr wenigstens das Wichtigste erörtert habe und diesen Brief schliessen kann. Vielleicht ist es mir in einigen Tagen möglich, Dir zum 28. Dezember (Geburtstag von Conrad D.) zu schreiben.
Mit herzlichen Grüßen
Dein Bruder (Martin)