dr. jur. Hubert Lang

Nachlass Martin Drucker, Briefe und Fotos

Dr. jur. Kurt Runge
Rechtsanwalt und Steuerberater
(früher Berlin W)
Herzog-Wilhelm-Str. 69 (Britische Zone)
Bad Harzburg, den 25. Juni 1946

Herrn
Justizrat Dr. Martin D r u c k e r
(10)   L e i p z i g   C   1
Karl-Marx-Platz 7

Hochverehrter Herr Justizrat!

Auch für mich war es eine sehr große Freude, daß Sie so rasch auf mein Lebenszeichen reagiert haben, und ich bin Ihnen ausserordentlich dankbar dafür, ersehe ich doch daraus, daß Sie den Ihnen so ans Herz gewachsenen Beruf wieder in alter Tatkraft ausüben, und ich kann mir vorstellen, welche grosse Befriedigung Sie nach allem, was gewesen ist, darin finden. Leider hörte ich kürzlich durch Herrn Kollegen  G a u l,   daß Sie an einer Lungenentzündung erkrankt seien, und ich kann nur von ganzem Herzen wünschen und hoffen, daß Sie dieser Brief bereits wieder bei guter Gesundheit antrifft! Solche Erkrankungen sind unter heutigen Verhältnissen bestimmt nicht leicht zu nehmen. Die Hauptsache wird sein, daß Sie trotz aller Freude am Schaffen sich noch auf längere Zeit die notwendige Ruhe gönnen und jede Erholungsmöglichkeit ausnutzen. Sie haben ja leider wie wohl die meisten Berufskollegen früher zuviel Raubbau an Ihrer Gesundheit getrieben, und ich entsinne mich noch genau, wie Ihre Herren Sozien Ihnen eines Tages einfach die Fahrkarte nach Taormina besorgt hatten, um Ihnen zu einem „Zwangsurlaub“ zu verhelfen, weil Sie sich von der Arbeit nicht losreißen konnten. Herr Kollege   (Kurt) E c k s t e i n   wird sich sicher auch noch mit Vergnügen dieser Episode erinnern, und ich bitte, ihm meine besten Grüsse zu übermitteln. Das gleiche bitte ich gegenüber Herrn Kollegen (Erich) C e r f   zu tun, sobald Sie wieder in brieflicher Verbindung mit ihm stehen. Wir haben ja nicht selten genug bei der 3. Zivilkammer gemeinschaftlich verhandelt.
Haben Sie auch recht vielen Dank für Ihre interessanten Mitteilungen über die wirtschaftliche Situation in Leipzig! Ich habe inzwischen eine ganze Reihe von Herren gesprochen, die die Leipziger Messe besucht haben, so daß sich das Bild in meiner Vorstellung ziemlich abgerundet hat. Wenn man auch gefühlsmäßig immer wieder eine gewisse Sehnsucht nach seiner alten Vaterstadt verspürt, zumal dort auch mein beruflicher Aufstieg begonnen hat, so kann es verstandesmäßig keinem Zweifel unterliegen, daß ganz abgesehen von allen sonstigen Erwägungen, insbesondere hinsichtlich des Lebens in einer zerstörten Großstadt, wenn man statt dessen in einem unzerstörten Badeort leben kann, eine Rückkehr ausgeschlossen ist, weil schon die klimatischen Verhältnisse der angegriffenen Gesundheit meiner Frau völlig unträglich sein würden. In Berlin würde es zwar in dieser Beziehung etwas günstiger sein, aber im übrigen spricht vorläufig auch noch alles gegen eine Übersiedlung. Gerade die Erfahrung der letzten Monate zeigt mir, daß es für meine besondere Art der Buchhandelpraxis, die sich ganz vorwiegend auf eine schriftliche Beratungstätigkeit erstreckt, ziemlich gleichgültig ist, wo ich mich befinde, zumal da sich die Situation mit der zunehmenden Verbesserung des Reiseverkehrs nur erleichtern kann.
Ich habe mich gefreut, aus der Presse zu ersehen, daß auch einige Leipziger Verlage die allgemeine Verlagslizenz erhalten haben, wie Breitkopf & Härtel, E. A. Seemann, Reclam, Insel-Verlag usw. Mit verschiedenen alten Leipziger Buchhändlern stehe ich wieder in brieflicher Verbindung. Besonders leid tut es mir, daß Dr.  (Max Albert) H e ß  mit dem Börsenverein nicht vorankommen kann, weil eine solche Dachorganisation nach Lage der Dinge noch nicht genehmigt, sondern bestenfalls stillschweigend geduldet wird. Infolgedessen können keine Mitgliedsbeiträge erhoben werden und hat der Börsenverein auch noch keine Lizenz für einen solchen Verlag. Es schwebt also ziemlich alles in der Luft, und die Finanzierung der Geschäftsstelle ist für Dr. H. bestimmt kein leichtes Problem. Alles Weitere hängt letzten Endes von der allgemeinen politischen Entwicklung des deutschen Problems ab. Kommt eine wirtschaftliche Einheit zustande, dann werden m. E. im Laufe der Zeit Leipzig und Berlin auch wieder eine gewisse umfassende Bedeutung für den Buchhandel erhalten, andernfalls wird sich das Schwergewicht vollends nach den Westzonen verlagern, wie es schon weitgehend der Fall ist.
Die Hauptsache ist aber jetzt, hochverehrter Justizrat, daß Sie sich recht schnell und recht gründlich von dieser heimtückischen Krankheitsattacke wieder erholen, und mit diesem Wunsche verbleibe ich

mit freundlichen Grüßen
Ihr Ihnen aufrichtigst ergebener
(Dr. Runge)