dr. jur. Hubert Lang

Nachlass Martin Drucker, Briefe und Fotos

8. Juli 1946.

Sehr geehrter Herr Ollendorff!

Die Beantwortung Ihres gegen Ende Mai hier eingetroffenen Briefes vom 7. April ds. Js. hat sich dadurch verzögert, dass ich zwei Monate an einer Lungen- und Rippenfellentzündung laborierte und erst jetzt wieder beginne, zur Arbeit zurückzukehren.
Selbstverständlich ist mir Ihr Name gut bekannt, wie ich ja überhaupt über die Familie Ihres Herrn Schwiegervaters (Samuel Hodes) gut unterrichtet bin. In dessen letzten Lebensjahren war ich noch als Schiedsrichter in dem Rechtsstreit tätig, den Herr Alfred Bock gegen Herrn (Samuel) Hodes und Herrn (Wilhelm) Hofstein  (1888-1975) angestrebt hatte. Es gereichte mir damals zur Genugtuung, obwohl die beiden anderen Schiedsrichter Nationalsozialisten und einer von ihnen sogar ein besonders aktiver war, einen Vergleich durchsetzen zu können, mit dem Ihre Verwandten sich durchaus einverstanden erklärten. Herr Bock ist nicht mehr hier. Er hat sich irgendwo in Wuppertal eine neue Existenz gegründet; die Firma besteht hier zwar noch, wird aber von einem Treuhändler verwaltet. Es hiess kürzlich, Bock wolle hierher zurückkommen, aber ich vermute, dass er dieses Gerücht nur ausgestreut hat, um zum Ausdruck zu bringen, dass er das Geschäft noch als sein Vermögensstück betrachtet wissen will.
Herrn Dr. (Feodor) Zernik  (1883-1942 Ghetto Riga) ist schon vor einigen Jahren deportiert worden und soll bald darauf „gestorben“ sein.

Hochachtungsvoll (Drucker)