dr. jur. Hubert Lang

Juden in Leipzig

Victor Armhaus – Tätigkeit für das Reichsgericht

Unter den durch Otto Ehrenberg geretteten Dokumenten, Briefen und Fotos seines Freundes Victor Armhaus befinden sich auch Belege für die Arbeit des Dolmetschers und Übersetzers für das Reichsgericht. Die Dokumente umfassen den Zeitraum von 1921 bis 1936, also zu einer Zeit als Victor Armhaus bereits aus der amtlichen Liste der Dolmetscher und Übersetzer gestrichen war. Diese Dokumente waren für Victor Armhaus offensichtlich so wertvoll, dass er sie bewahrt wissen wollte.
Aufgenommen wurden hier auch private Briefe des Reichsgerichtsrats Alexander Baumgarten und des Reichsanwalts Carl Kirchner (1880-1966).
Biographische Angaben zu Victor Armhaus finden Sie hier: http://hubertlang.de/juden-in-leipzig/victor-armhaus/

Reichsanwalt Freiherr Maximilian von Eberz und Rockenstein (1852-1921)

Der Oberreichsanwalt      Leipzig, den 30. Aug. 1920
a J 153/20
U. R. mit Akten

Herrn Dolmetscher Armhaus, hier
mit dem Ersuchen um Anfertigung einer Übersetzung der mit Bleistift  1 – 23 bezeichnete Blätter und zwar jedes der Blätter auf einem besonderen Bogen.
Um Fertigstellung bis zum 10. Sep. wird gebeten.
i.V. Eberz

Anmerkung: Zur Witwe des Reichsanwalt: http://hubertlang.de/anwaltsgeschichte/bleiben-sie-stehen-frau-reichsanwalt/

II. Strafsenat des Reichsgerichts

Vorbemerkung: Es handelt sich hierbei offensichtlich um einen Antrag der Reichsanwaltschaft aus dem Jahr 1921, von dem nur die nachfolgende Seite 12 überliefert ist. Es könnte sich hierbei evtl. um eines der Verfahren handeln die als „Leipziger Prozesse“ in die Rechtsgeschichte eingegangen sind und für welche der II. Strafsenat zuständig war. Die wenigsten der erwähnten Beschuldigten konnten biographisch erfasst werden. Das könnte sich wiederum dadurch erklären, dass der Antrag auf Eröffnung des Verfahrens abgewiesen wurde.
Zu einzelnen Personen: 21.) Max Plaut, * 1864 Eschwege, mosaisch, studierte 1883 in Leipzig Medizin; 36.) Hans Abel, * 20.12.1883 in Leipzig, ev.-luth., studierte 1906 in Leipzig Philologie; 38.) Paul Berg, * 30.05.1884 Stargard, ev., studierte 1906 in Leipzig Pharmazie; 44.) Oswald Dörffel, * 06.10.1880 Greiz, studierte 1908 in Leipzig Pharmazie.

12.

31.) Dr. med. Max Plaut in Frankfurt a. M.
32.) Verwalter Philipp Richter in Höchst a.M.
33.) Zigarrenmacher Hugo Kreutzberger in Brotterode i. H.
34.) Dr. med. Erich Lejeun in Neuhaus am Rennweg
35.) Hofrat und Verlagsbuchhändler Horst Weber in Leipzig
36.) Studienassessor Dr. Hans Abel in Leipzig
37.) Prof. Fritz Haasler in Halle a. S.
38.) Dr. Paul Berg, Beauftragter der Außenhandelsstelle für Chemie in Hamburg
39.) Rechtsanwalt Dr. Kurt Blümel in Liegnitz
40.) Ewald Fischer in Roßwein i. Sa.
41.) Dr. med. Wilhelm Tofahrn in Gollnow
42.) Bankdirektor Gerhard Heinrich Bauer in Osnabrück
43.) Schaltmeister Karl Wucherpfennig in Hannover
44.) Diplomkaufmann Oswald Dörffel in Frankfurt a. M. – Niederrath
45.) Landwirt Fritz Schöpflin in Nebenau bei Lörrach
46.) Musikdirektor Young in Paris
47.) Bankbeamter Paul Hoc in Linogen
48.) Tischler Marcel Sérieis in Bedarieux
49.) Fernande Gevrain in Disy-le-Gros
50.) Jean Pichottin in Aix
51.) Leo Alfred Edmund Chalander in Nantes
52.) Paul Etienne Lucas in Nantes
53.) Marie Le Hénaff in Auraiy
54.) Fernande Goux geb. Guyot  in Diy-le-Gros
55.) Gendarmeriewachtmeister Alcide Henry in Barenton-Cel
56.) Marie Louise Canard geb. Dupont in Mohon
57.) Renée Handiquez in Paris
58.) Orphise Holzer geb. Dumottiez in Poussay
59.) Dr. med. Julius August Pichard in Evreux
Es wird beantragt, Termin zur Hauptverhandlung vor dem II. Strafsenat des Reichsgerichts zu bestimmen und zwar in Gemäßheit des Gesetzes vom 12. Mai 1921 auch bezüglich derjenigen Beschuldigten, wegen deren vorstehend Anklage nicht erhoben ist.

Anmerkung: rückseitiger handschriftlicher Vermerk: b J 603/20; Herrn Armhaus, 6 Durchschläge

Oberstaatsanwalt Richard Neumann

Herrn Dolmetscher Victor Armhaus hier, Emilienstr.
ergebenst.
Es ist möglich, daß Sie morgen, den 4. Februar 1921, in der Sitzung des Reichsgerichts benötigt werden. Sicher ist es nicht.
Für alle Fälle bitte ich um gef. Angabe hierunter, wo Sie morgen den 4. Februar 1921 von 9 Uhr ab bis 2 Uhr angetroffen werden können.
Leipzig, den 3. Februar 1921
Der Oberstaatsanwalt

(Richard) Neumann 

Reichsgerichtsrat Alexander Baumgarten

Leipzig, den 28/11 21  Floßplatz 32 I
Hochverehrter Herr Armhaus,
Vor einigen Monaten waren sie so gütig, mir anzubieten, bei Gelegenheit mir einmal Bücher zu Vorzugspreisen zu besorgen. Falls Ihnen das auch jetzt noch möglich sein sollte, würde ich Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie mir die unten benannten beiden Werke bestellen würden die der älteste meiner drei Söhne (der seit 1.4. d. J. landwirtschaftlicher Eleve ist) sich zu Weihnachten gewünscht hat. Ich bitte Sie, die anliegende Postkarte freundlichst zu einer kurzen Nachricht an mich benutzen zu wollen, wenn die Bücher eingetroffen sein werden. Ich werde sie dann … mir abholen und sogleich den Kaufpreis erlegen.
Mit bestem Gruß und in alter Wertschätzung
Ihr ergebener Dr. Baumgarten

1.   (Kurt) von Rüm(b)ker, Tagesfragen aus dem modernen Ackerbau, Verlag Paul Parey, Berlin SW 11
2.    Pusch-Hansen, Allgemeine Tierzucht, Verlag Linke in Stuttgart

Anmerkung: Umseitig handschriftliche Notizen von Victor Armhaus zu den beiden bestellten Titeln.

Der Oberreichsanwalt

Leipzig, den 27. Oktober 1923   Az.: … 7 J 109/22
In der Strafsache gegen Urbanczyk und Genossen
wegen Verrats militärischer Geheimnisse
sind Sie zum Dolmetscher ernannt und werden zu Ihrer Vernehmung auf Donnerstag, den 8. November 1923 vormittags 9 Uhr vor dem 5. Strafsenat des Reichsgerichts zu der im Sitzungssaale des Reichsgerichtsgebäudes hier, Reichsgerichtsplatz 1, stattfindenden Hauptverhandlung geladen.
Dolmetscher, welche ohne genügende Entschuldigung nicht erscheinen, werden nach § 77 Strafprozeßordnung zum Ersatze der Kosten und zu einer Geldstrafe verurteilt; im Falle wiederholten Ungehorsams kann noch einmal eine Geldstrafe erkannt werden.
I. V. gez. Dr. Freiesleben
Beglaubigt: gez. (unleserlich) Oberregistrator

Reichsanwalt Carl Kirchner

Leipzig, den 7.III.1932
Herrn Viktor Armhaus, Leipzig
Sehr geehrter Herr Armhaus!
Ich bitte Sie, den beifolgenden an meine Mutter gerichteten Brief zu übersetzen und mir die Übersetzung nebst Ihrer Kostenrechnung möglichst bald zukommen zu lassen.
In größter Hochachtung
gez. Dr. Kirchner, Reichsanwalt (früher am Landgericht Leipzig und von damals her mit Ihnen bekannt!)
Stempel: Dr. Kirchner in Leipzig, Straße des 18. Oktober Nr. 13, III. r. Fernruf 265 78

umseitig maschinenschriftlich die Übersetzung von Victor Armhaus:

Liebe Hede,
Man ist mit Hitler verschont geblieben,
Man kann nun wieder das Leben lieben,
Kein Köpferollen an allen Ecken,
Man braucht noch diesmal nicht zu verrecken,
Deutschland ist auch von vielen Gewähl‘
Verhungern darf man, doch nicht auf Befehl …
Hazi! Prosit Neujahr! Herzlichst
Leipzig, 16.3.32

handschriftlich (Bleistift):

Für manchen strahlte Ostern froh
und hoffnungsreich – für mich nicht.
Doch muß man eignen Schmerz ertragen
Und frei sich mit den Freunden freuen
Dann scheint es einem
Als ob man ungefähr
selber glücklich wär.

Anmerkung: Der erwähnte Brief ist nicht überliefert.

Der Oberreichsanwalt

Leipzig, den 20. Oktober 1932  Az.: 11 J 59/32
In dem Wideraufnahmeverfahren gegen deb früheren Oberlagerverwalter Walter Bullerjahn wegen Landesverrats werden Sie als Dolmetscher für die polnische Sprache auf Donnerstag, den 10. November 1932, vorm. 9 1/2 Uhr vor den 4. Strafsenat des Reichsgerichts zu der im Hauptsitzungssaal des Reichsgerichtsgebäudes hier, Reichsgerichtsplatz 1, stattfindenden Hauptversammlung geladen.
Sachverständige,welche ohne genügende Entschuldigung nicht erscheinen, werden nach § 77 Strafprozeßordnung zum Ersatze der Kosten und zu einer Ordnungsstrafe in Geld verurteilt. Im Falle wiederholten Ungehorsams kann noch einmal auf eine Ordnungsstrafe erkannt werden.
I.V. gez.  (Karl) Nagel
Beglaubigt: Sekretariat 11 der Reichsanwaltschaft, gez. (unleserlich) Regierungs-Oberinspektor
Der Oberreichsanwalt

Leipzig, den 24. November 1932   Az.: 11 J 155/31
In der Strafsache gegen den Kraftfahrer August Jäger wegen Kriegsverrats sind Sie zum Sachverständigen ernannt und werden zu Ihrer Vernehmung auf Freitag, den 2. Dezember 1932, vorm. 9 Uhr vor dem 4. Strafsenat des Reichsgerichts zu der im Hauptsitzungssaal des Reichsgerichtsgebäudes hier, Reichsgerichtsplatz 1, stattfindenden Hauptversammlung geladen.
Sachverständige,welche ohne genügende Entschuldigung nicht erscheinen, werden nach § 77 Strafprozeßordnung zum Ersatze der Kosten und zu einer Ordnungsstrafe in Geld verurteilt. Im Falle wiederholten Ungehorsams kann noch einmal auf eine Ordnungsstrafe erkannt werden.
I.V. gez.  (Karl) Nagel
Beglaubigt: Sekretariat 11 der Reichsanwaltschaft, gez. (unleserlich) Regierungs-Oberinspektor

Anmerkung: August Jäger aus Erfurt, 41 Jahre alt, wurde zu 10 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust verurteilt. Er wurde im April 1915 bei Langemarck von den Franzosen gefangen genommen und soll den Plan eines Gasangriffs verraten haben.

Der Oberreichsanwalt

Leipzig C 1, den 24. Mai 1934  Az.: 7 J 145/34
Einschreiben! Geheim!
An Herrn Victor Armhaus in Leipzig, Emilienstraße 28
1 Anlage
Den angeschlossenen, in russischer Sprache abgefaßten Zeitungsausschnitt bitte ich unter strengster Geheimhaltung ins Deutsche zu übertragen. Ihre Kostenrechnung wollen Sie gesondert einreichen.
gez. Werner
Beglaubigt: Müller, Oberjustizsekretär

Anmerkung: Die erwähnte Anlage ist nicht überliefert.

Der Oberreichsanwalt

Leipzig, den 25. Juli 1936 Az.: 5 D 481/26
Eilt sehr! (handschriftlich)
Mit den 2 Bücher
„Het Wetboek van Strafrecht“ und „Annuaire de Legislation Étrangère“ sowie dem Schreiben der Bibliothèque du Palais de la Paix im Haag vom 23. Juli 1936 – die zurückerbeten werden – an den Dolmetscher Herrn Victor Armhaus in Leipzig C 1, Promenadenring 33 mit dem Ersuchen ergebenst, mit möglichster Beschleunigung von Artikel 248ter des Niederländischen Strafgesetzbuches (S. 502 – 510 des erstgenannten Buches) und Artikel 249 Ziffer 4 (S. 512 daselbst) sowie von der angeführten Stelle in niederländischer Sprache in dem anliegenden Schreiben vom 23. Juli 1936 Absatz 5 und 6 Übersetzungen mit je 1 Durchschlag herstellen zu wollen.
In Vertretung gez. Müller

Anmerkung: In dieser Sache erging das Urteil des 5. Strafsenats des Reichsgerichts vom 17.09.1936. Hiernach kann ein Reichsdeutscher, der mit seiner 14jährigen Pflegetochter in Holland unzüchtige Handlungen vorgenommen hat (§ 174 Abs. 1 Nr. 1 StGB) nach den Strafgesetzen des Deutschen Reiches verfolgt werden.