dr. jur. Hubert Lang

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts

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Anlagen

  • Anlage – Das Ideal eines Rechtsanwalts

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 12 a

Postkarte Max Friedlaender an Martin Drucker, o. D. (nach 1945)

Dr. Max Friedlaender, 14 Vale Close, Twickenham

Herrn Justizrat Dr. Martin Drucker
Brandvorwerk Strasse 80/I
Leipzig  Germany

Mein lieber Herr Dr. Drucker!
Gestern hörte ich zu meiner Freude von unserem Freunde Dr. Oestereich (der Sie herzlich grüssen lässt), dass Sie wohlbehalten in L. wieder praktizieren und Präs. der sächs. Anw Kammer sind. So versuche ich – mich ebenfalls lebendig meldend – zunächst einmal mit einer Postkarte den Kontakt wiederherzustellen, um später, wenn er oder es klappt, mehr zu berichten. Für heute nur die Mitteilung, dass ich seit 6 Jahren wieder verheiratet bin (mit einer alten Freundin meiner Familie, insbes. auch meiner verst. Frau) und dass ich nahe bei London ein ländlich beschauliches, zugleich im Haushalt arbeitsames und glückliches Leben führe. Meinen ältesten Sohn, den ehemaligen Juristen habe ich leider verloren, den Kindern und Enkel in den U.S.A. geht’s gut. In der Hoffnung bald von Ihnen zu  zu hören, begrüsse ich Sie vielmals von meiner Frau und Ihrem
Max Friedländer

 

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 21

Karl Klein (Wisselsheim) an Martin Drucker, 06.07.1946

Wisselsheim 6. Juli 1946

Mein lieber Martin!

Unendlich lange haben wir nichts mehr voneinander gehört. Vor Monaten schrieb ich Dir eine Karte, ohne Antwort zu erhalten. Ich hoffe, daß es Dir & allen Deinen Lieben so gut geht, als es unter den heutigen Verhältnissen möglich ist. Sei April 1944 wohnen meine Frau und ich infolge Ausbombung & völliger Zerstörung unseres Hauses hier auf dem Dorfe, wo wir Stube & Küche haben sowie 180 qm Pachtland für Gemüse & Kartoffeln. Meine Frau betreibt ausserdem noch in einem anderen Hause mit 2 Lehrmädchen ihre Schneiderei. Sie ist sehr abgearbeitet & hat 36 Pfd. verloren, wir wollen Ende dieses Monats für 14 Tage zur Erholung nach  Mittenwald. Ich mußte mir vor 8 Tagen operativ eine Geschwulst aus der rechten Brust entfernen lassen & bedarf auch der Erholung. Hoffentlich ist der Befund gutartig. Mein Schwiegersohn kam im August aus der Gefangenschaft zurück. Sein Geschäft ist total ausgebombt & die Wohnung stark beschädigt. Er versucht jetzt, durch Vertretungen zu verdienen, da infolge der Zonensperre sein Geschäft nicht neu betrieben werden kann .. Annemarie versucht z.Zt. durch Schreibmaschinenarbeiten  … … Haushaltes .. recht abgearbeitet. Vor 8 Wochen wurde ihr Söhnchen von 3 ½ Jahren von einem Militärauto überfahren & erlitt einen compl. zersplitterten Bruch des rechten Oberschenkels … der aber Gott Lob gut heilt & zwar bis jetzt ohne die gefürchtete Beinverkürzung. Frida Stoß ist mit ihrer Tochter Erika zu ihrer verheirateten Tochter in Döbeln Heinr. Heinestr. 12 gezogen. Sie wiegt nur noch 83 Pfd. & Erika 72 Pfd. Er erlitt einen vollkommenen Zusammenbruch, Elsbeth Wohlfart und Anna mussten im Dezember 45 zwangsweise nach Hamburg  zurück & hungern dort. Wo man hinsieht ist Kummer & Sorge. Wie ist es Euch ergangen? Bist Du wieder in Leipzig oder in Aue? Als z. Zt. vom beseitigten Regime Verfolgter könntest Du doch Deine Praxis wieder ungehindert aufnehmen? Ich würde mich sehr freuen, von Euch bald ausführlicher zu hören & Deine jetzige Anschrift zu erhalten. Mit den herzlichsten Grüssen von Haus zu Haus bleibe ich Dein getreuer Vetter & Frau Herk?

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 23

Martin Drucker an Ewald Köst, 30.06.1946

30. Juni 1946.

Lieber Herr Kollege Köst!

Auf Ihren freundlichen Brief vom 25. Mai dieses Jahres hätte ich gern längst geantwortet. Ich war aber seit Anfang Mai an Lungen- und Rippenfellentzündung erkrankt und bin erst jetzt wieder in der Lage, in geringem Umfange mich wenigstens im Wege des Diktats zu äussern.
Ich habe mich sehr gefreut, ausführlicher von Ihnen zu hören, als mir das bei gelegentlichen Umfragen nach Ihnen und Ihren Schicksalen gelungen war. Schon damals, als Sie gewissermassen verschwanden, konnte man in Dresden kaum etwas über Sie erfahren, erst Ihr Brief klärte mich darüber auf, dass Sie so lange Zeit von der Gestapo in Haft gehalten worden sind. Auch über Ihre späteren Schicksale wusste ich nichts. Mit Freude ersehe ich nun aus Ihrem Brief, dass Sie wieder geheiratet haben und Vater einer nun schon im zweiten Lebensjahre stehenden Tochter geworden sind. Nehmen Sie meine herzlichsten Glückwünsche entgegen.
Wenn Ihnen Ihr Herr Vater, den ich aufs herzlichste zu grüssen bitte, mitgeteilt hat, dass ich das tausendjährige dritte Reich gut überstanden hätte, so kann er nur an das Ende dieses Spuks gedacht haben, das, was vorher gegangen ist, war für mich überaus bitter. Meine beiden Söhne sind gefallen, Peter schon im Juli 1942 bei dem fluchwürdigen Abenteuer in Aegypten, Heinrich Ende Januar 1945 in Schlesien, als seine Einheit sich allzu langsam von den nachdrängenden Russen abzulösen versuchte. Ausserdem bin ich mit Büro und Wohnung viermal ausgebombt und wohne jetzt in einer zwar guten, aber fast ausschliesslich mit zusammengeborgten Möbeln eingerichteten Wohnung. Ausser meiner Schwiegertochter mit ihren beiden kleinen Jungen sind auch meine beiden Töchter bei mir. Ina kam im Dezember aus russischer Gefangenschaft in Westpreussen, in die sie Anfang des Jahres in Schlawe in Pommern als Aerztin im dortigen Krankenhaus verfallen war, zurück und ist jetzt am Kinderkrankenhaus hier tätig; Renate, der es gerade noch gelungen war, am Tage des Einmarschs der Amerikaner und Franzosen in Strassburg ihr Doktorexamen zu vollenden, hat jetzt hier an der Universität einen Lehrauftrag für geschichtliche Hilfswissenschaften, genauer für Mittellatein, ist ausserdem journalistisch tätig und viel beschäftigte Sekretärin des Anwaltsausschusses. Nachdem wir im Februar vorigen Jahres durch vollständige Zerstörung unseres Wohnhauses obdachlos geworden waren und uns dann einige Zeit bei Bekannten hier aufgehalten hatten, zog ich im März vorigen Jahres es vor, mich der unmittelbar drohenden Einlieferung in ein Konzentrationslager dadurch zu entziehen, dass ich mit der Familie in Jena untertauchte. Von dort wurde ich nach dem Einmarsch der Amerikaner nach Leipzig zurückgeholt und übe nun wieder mit Eckstein die Praxis aus, und zwar im Europahaus am jetzigen Karl-Marx-Platz (früher Augustusplatz). Wir sind wie die meisten Anwälte ganz ausserordentlich stark beschäftigt.
Dass Sie die Neigung verspüren, nach Leipzig überzusiedeln, begreife ich durchaus. Ob sich diese Absicht aber verwirklichen lässt, erscheint mir doch als recht zweifelhaft. Die Zuzugssperre hier ist sehr streng, und an ihre Aufhebung ist bis auf weiteres, wie noch in den letzten Tagen durch die Zeitung bekannt gemacht  worden ist, nicht zu denken. Allerdings glaube ich, dass der Zuzug sich erreichen liesse, wenn Sie an der Universität mindestens einen Lehrauftrag erhielten. Aber auch in dieser Hinsicht  bestehen beträchtliche Schwierigkeiten. In der Fakultät scheint nämlich, wie ich nur streng vertraulich Ihnen mitteilen kann, ein starker Widerstand gegen die Erteilung von Lehraufträgen an Praktiker zu bestehen. Ich weiss ganz zuverlässig, dass in der Landesverwaltung die Erteilung einiger Lehraufträge für ganz bestimmte Disziplinen an bestimmte praktische Juristen beschlossen war, dass aber die Durchführung dieses Beschlusses an der Gegnerschaft der Fakultät, oder vielleicht auch der ganzen Universität, gescheitert ist. Die Fakultät ist ja noch ganz klein. Ordinarien sind nur (Hans Otto) de Boor, (Erwin) Jacobi und (Arthur Philipp) Nikisch, und neuerdings soll ein Kriminalist berufen sein. Ausserdem liest der Generalstaatsanwalt (John Ulrich) Schroeder über irgendwelche kriminalistischen Themen; Näheres ist mir nicht bekannt. Was ich unternehmen kann, ist eine vorsichtige und unverbindliche Rücksprache mit Jacobi, mit dem ich häufiger in Berührung bin. Ich werde Ihnen dann wieder Nachricht geben. Ueber Ihre literarische Tätigkeit bin ich im grossen und ganzen unterrichtet. Ihre Bücher, soweit ich sie besass, sind leider im Dezember 1943 mit meiner ganzen Bibliothek verbrannt. Besonders gern erinnere ich mich an die glänzenden Ausführungen über die Urteilsberichtigung, die Ihnen damals vom Oberlandesgericht schwer verdacht worden sind. Aber ich weiss noch mehr: Sie haben einen Kommentar zum neuen Ehegesetz entweder schon vollendet oder noch unter der Feder. Ich erlaube mir, Ihnen den freundschaftlichen Rat zu geben, auf schleunigstes Erscheinen dieses Buches hinzuwirken. Mir ist nämlich bekannt, dass ein sehr grosser und angesehener süddeutscher Verlag die Absicht hat, durch einen Rechtsanwalt einen derartigen Kommentar schnellstens schreiben zu lassen. Dem muss zuvorgekommen werden. Was nun endlich die Juristische Wochenschrift angeht, so sind die Aussichten, sie wieder herauszubringen, sehr ungünstig, obwohl Herr Goldstein von Möser, der sie bekanntlich jahrzehntelang betreut hat, in Gemeinschaft mit mir und anderen alles versucht, um diese unersetzliche Zeitschrift wieder auf die Beine zu bringen. Sollte uns das gelingen, so werde ich dafür sorgen können, dass Ihnen mindestens die Mitarbeit in der Redaktion gesichert wird, wenn nicht vielleicht die Uebernahme der Leitung in Betracht kommt.
Ich denke also, Ihnen demnächst wegen der Stellung der Fakultät zu einem Lehrauftrag schreiben zu können.
Mit der Bitte, Ihrer Frau Gemahlin mich einstweilen noch unbekannterweise ergebenst empfehlen zu wollen, bleibe ich mit herzlichen Grüssen

Ihr (Drucker)

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 2b

Trauerrede für Gerhard Hübler, ohne Datum (1940)

Freunde des Mannes, dessen Hingang uns an dieser Stätte vereinigt, haben den Wunsch, daß auch in ihrem Namen bezeugt werde, was der Lebende ihnen gewesen ist. Aber kaum jemals wohl tritt die Unzulänglichkeit des Wortes zur Wiedergabe von Vorstellungen und Empfindungen so schmerzhaft deutlich zutage, wie dann, wenn versucht werden soll, das sinnlich nicht wahrnehmbare Wesen eines Menschen zu beschreiben. Fast vierzig Jahre sind verstrichen, seitdem Gerhard Hübler und ich einander näher getreten sind. In Stunden der Arbeit und der Muße hat seine ganze Persönlichkeit sich mir erschlossen. Und doch bin ich außerstande, mit den Mitteln der Sprache sein Bild so lebenstreu, so farbenreich zu malen, wie seine Freunde es im Herzen tragen. Nur ein schwacher Abglanz dieses Bildes wird entstehen, wenn ich darzustellen versuche, wie ich unseren Freund in wichtigsten Perioden seines Lebens gesehen habe.
In den ersten Jahres dieses Jahrhunderts[1] wurde die damals an großen Talenten reiche Leipziger Rechtsanwaltschaft auf den jungen Kollegen Hübler aufmerksam, der soeben mit einem gleichstrebendem Freunde[2] die Berufsausübung begonnen hatte. Die tüchtige juristische Vorbildung teilte er mit manchem anderen. Aber ihm eignete die schon damals seltener werdende Gabe der freien Rede in (gestrichen: hohen) – ein Wort unleserlich Maße. Sein Vortrag im Civilprozeß fand bei Gerichten hohe Anerkennung, sein Plaidoyer in Strafsachen stellte ihn bald in die vorderste Reihe der Verteidiger. Mit vollkommener Beherrschung des Tatbestandes verband sich (Streichung) ein mathematisch folgerichtiger Gedankenaufbau, der den kritischen Verstand so befriedigte wie die vornehme Schönheit der Sprache das ästhetische Gefühl der Zuhörer entzückte. Niemals sentimental, wusste dieser Verteidiger doch die Herzen zu rühren; niemals verletzend, bediente er sich der feinsten Form der Ironie, um bombastische Argumente zu zerstören. Für die Klienten, die den Schutz ihrer Ehre oder ihres Gutes ihm anvertraut hatten, trat er, wo es Not tat, mit kompromissloser Unerschrockenheit ein. Alles in allem: ein Rechtsanwalt, wie ihn die beste Tradition des freien Standes haben wollte.
Aber das kaum Beschreibliche geschah: aus diesem Stande, für den er geboren war, an dem er mit allen Fasern hing, schied Gerhard Hübler aus. Freiwillig, und doch nicht aus eigenem Antriebe. Der Staat rief ihn, um ihn als Richter zu gewinnen. Weder äußerlich noch innerlich konnte Hübler dadurch mehr werden oder erlangen als bisher. Niemals werde ich die Abendstunde vergessen, in der er meinen Rat suchte, in der ich ihn beschwor Anwalt zu bleiben, und in der er doch in wahrer Selbstentäußerung (?) sich dahin entschied, es sei seine Pflicht, dem Rufe des Volkes sich nicht zu versagen. Und so hat er sich, seinen Beruf und manches andere zum Opfer gebracht – aus Pflichtgefühl und Gemeinsinn!
Der Nutznießer dieses Opfers war der Staat nicht allein, sondern die rechtsuchende Allgemeinheit, der Richterstand und wir, seine früheren Berufsgenossen. Denn der Landgerichtsdirektor Hübler bewährte sich als Richter nicht minder als er sich in der Anwaltschaft ausgezeichnet hatte. Mit sicherem Blick für das Wesentliche jedes Streitfalles hielt er den von ihm geleiteten Verhandlungen alles Beiwerk fern und führte sie rasch zu dem Punkte, an dem die zu entscheidende Rechtsfrage klar hervor trat. Dann fällte er, als geborener Jurist, sein Urteil ohne bängliches Schwanken.
Die dritte Lebensperiode unseres Freundes, die heute erwähnt werden muss, setzt ein, als sein Richteramt endete. Wie schwer ihn das vorzeitige Ausscheiden aus dem tätigen Leben getroffen hat, das weiß (wissen) außer seiner treuen Lebensgefährtin nur wenige. Aber dieses bitterste Erlebnis ist zum Prüfstein seines Charakters geworden. Und er hat sich bewährt. Gerhard Hübler zerbrach nicht, er versank auch nicht in dumpfer Lethargie.
Mit gesteigerter Hingabe widmete er sich der Erziehung der geliebten Kinder, Hand in Hand mit der Gattin. Trüben Gedanken wirkte er entgegen, indem er sich durch seine Bücher weitab vom Alltag führen ließ. Wer in diesen Jahren das Glück gehabt hat, freundschaftlich vertrauliche Gespräche mit ihm zu pflegen, musste immer wieder sein geschichtliches Wissen, seine literarischen Kenntnisse den beschwingten Stil bewundern, mit dem er zu beeindrucken verstand. Ich darf sagen: niemals ist unser Freund als Mensch bedeutender erschienen als in diesen letzten Jahren. Seine Seelengröße erweckte große Ehrfurcht, gepaart mit dem Stolze, der Freundschaft eines so edlen Menschen gewürdigt zu werden.
Über dieses Erinnerungsbild hat der Tod keine Macht. Er lebt in uns und mit uns, solange wir uns bleiben. Und das du dieses Bild uns geschenkt hast, das danken wir dir, du unvergesslicher Freund.

[1] Anwaltszulassung: 1902, Alfred Neu war seit 1901 zugelassen
[2] Alfred Neu

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 30a

Leo Ollendorff (New York) an Martin Drucker, 07.04.1946

LEO OLLENDORFF
87-51   80th STREET
JACKSON HEIGHTS, L.I.N.Y.

New York  7. April 1946

Sehr geehrter Herr Justizrat,

Ich hoffe, dass Sie sich meiner erinnern werden.
Ich bin der Schwiegersohn des verstorbenen Herrn Samuel Hodes  (1856-1940) früher in Leipzig wohnhaft.
Durch meinen Vetter Hofstein aus Palaestina hörte ich, dass Sie in Leipzig mit Ihrem früheren Sozius Herrn Dr. Eckstein wieder Ihre Praxis betreiben und die Hitlerzeit gut überstanden haben.
Ich wäre Ihnen sehr zu Dank verpflichtet, wenn Sie mir mitteilen könnten, ob R.A. Dr. Feodor Zernik (1883-1942 Ghetto Riga) noch in Leipzig lebt und wo? Ferner würde es mich sehr interessieren, ob Herr Alfred Bock noch in Leipzig lebt und sein Geschäft am Neumarkt 3 noch betreibt.
Für Ihre Mühewaltung sage Ihnen im Voraus meinen herzl. Dank.

Mit vorzügl. Hochachtung

Ihr   L. Ollendorf

Anmerkung:
Das Textilkaufhaus von Samuel Hodes am Neumarkt 3 wurde 1937 zugunsten von Reinhold Bock arisiert. Leo Ollendorf hat den Vornamen vermutlich falsch erinnert.

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 33b

Martin Drucker an Kurt Jacoby, 07.10.1946

7. Oktober 1946

Lieber Herr Jacoby!

Ihr Brief vom 14. August ds. Js. traf erst am 27. September hier ein, während sonst Briefe aus New York mich in der Regel nach etwas zwei Wochen erreichen. Worauf sich diese Unregelmässigkeiten in der Beförderung zurückführen lassen, weiss ich nicht, es ist ja auch gleichgültig. Über die Verhältnisse bei der Aka und bei Fock habe ich an Ihren Schwager Walter Johnson einen ganz ausführlichen Bericht gesendet und nahm an, dass Sie von ihm Kenntnis erhalten hätten. Da im Gegensatz zu Thüringen hier in Sachsen noch kein Gesetz und keine Verordnung zur Regelung der Rückgabe der sogenannten arisierten Geschäfte besteht, habe ich mich seit meiner Rückkehr nach Leipzig, also seit Sommer 1945 bemüht, als Vertreter des Interessen der Familie Jolowicz tätig zu werden,  und bin dabei durchaus nicht auf Widerstand bei Herrn Erler geschweige denn bei Herrn Geest gestoßen. Herr Becker ist inzwischen vollständig ausgeschieden. Das Ausscheiden des Herrn Erler steht in allernächster Zeit bevor, weil davon die Erteilung der Verlagslizenz an die AKA abhängig gemacht wird. Richtig ist, dass zur Zeit und vorläufig Herr Portig den Verlag leitet. Herr Geest liegt seit zwei Monaten in einem Krankenhause, wo ich ihn schon mehrfach besucht habe. Es ist zu hoffen, dass er bald in den Betrieb zurückkehren kann, dessen verantwortlicher alleiniger Leiter er dann sein würde. Ich könnte Ihnen Einzelheiten über den Verlauf der bisherigen ziemlich komplizierten Verhandlungen berichten, aber Sie würden doch schwerlich ein vollkommenes Bild über die Situation erlangen, da dazu eine genaue Kenntnis der hiesigen Rechtsentwicklung notwendig wäre. Ich habe Walter Johnson schon mitgeteilt, dass, wenn Sie oder er hierher kommen könnten, die Rückübertragung sich wahrscheinlich schneller und unter durchaus erträglichen Konditionen vollziehen würde. Solange aber niemand von Ihnen hier ist, entstehen Schwierigkeiten, die nicht etwa in der Person der Herren Geest und Erler begründet sind, sondern in der allgemeinen Lage des hiesigen wissenschaftlichen Verlags.
Darüber, welche Zeitschriftenbestände bei der AKA vorhanden sind, werde ich Ihnen eine schriftliche Aeusserung zugehen lassen können, ebenso über die in Vorbereitung befindlichen Werke, deren Herausbringung aber doch eben von der Erteilung der Lizenz abhängig ist.
In Berlin hat man sich erfreulicherweise auf den Standpunkt gestellt, dass ein Unternehmen von der Bedeutuung der AKA nicht aus dem deutschen Buchhandel verschwinden dürfe, dass man deshalb Lizenzen erteilen werde, sobald die personelle Bereinigung durch Ausscheiden des Herrn Dr. Erler durchgeführt sein würde. Bei Fock ist fast das ganze Antiquariat durch Feuer nach einem Bombenangriff zerstört worden. Das Grundstück in Lindhardt ist belegt. Es stand ja in der Bilanz der Firma.
Was nun Ihr Grundstück in der Fockestraße angeht, so wird die Rückübertragung des Anteiles auf Sie wahrscheinlich auf erhebliche Schwierigkeiten stossen. Soweit nämliuch Grundstückbesitz auf das ehemalige Deutsche Reich übergegangen ist, steht die russische Militärverwaltung auf dem Standpunkt, dass dieser Besitz der Besatzungsmacht zur Verfügung stehe. Eine gesetzliche Regelung fehlt hier noch. Aber auch diesen Punkt behalte ich selbstverständlich im Auge. Eine Uebernahme Ihrer früheren Wohnung durch mich kommt nicht in Frage. Die von mir jetzt bewohnte und, da ja meine eigene Einrichtung restlos zugrundegegangen ist, mit geborgten Möbeln ausstaffierte genügt vollkommen den Ansprüchen, die ich heute noch stellen und im Hinblick auf die sehr scharfen Steuergesetze noch befriedigen kann.
Ihnen und allen Mitgliedern Ihrer Familie, insbesondere aber Ihrer Frau Schwiegermutter, sende ich herzliche Grüsse und bitte, auch die des Herrn Rudolf Schick in meinem Namen bestens zu erwidern.

(Drucker)

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 34

Heinrich Roloff (Rostock) an Martin Drucker, 11.06.1946

Dr. phil. Heinrich Roloff
Seestadt Rostock
Parkstraße 4 a
Rostock, 11. Juni 1946.

Hochverehrter Herr Dr. Drucker!

Seit langem schon wollte ich Ihnen schreiben, um nach diesen fürchterlichen Jahren die alten Verbindungen wiederherzustellen. Da schrieb mir Eberhard Forche, daß er schon mehrfach versucht habe, mit Ihnen in Verbindung zu treten, leider aber bisher ohne Erfolg. Nun bietet sich mir die Gelegenheit, Ihnen durch Professor (Walter) Gerstenberg, mit dem nur hier vielfältige Beziehungen verbinden, ein Lebenszeichen zukommen zu lassen, und so will ich – in Eile – Ihnen rasch einen Gruß schreiben. Ich hoffe sehr, daß Prof. Gerstenberg – der ja Ihren Sohn Heinrich auch gut gekannt hat – mir nun gute und befriedigende Nachrichten über Ihr und Ihrer Töchter Ergehen mitbringen wird und Sie an der altgewohnten Stätte in der Schwägrichenstr. antrifft.
Meinen letzten Brief vom 9. März 1945, der Ihnen mein Beileid zu Heinrichs Tode übermittelte, haben Sie gewiß noch erhalten und wissen also, daß wir bis dahin ohne Schäden an Gut und Gesundheit durch den Krieg gekommen sind. Gott lob, können wir auch den letzten Kriegsmonat und die ganze Zeit seitdem dies gleiche von uns sagen. Meine Frau kehrte noch im April von Plauen, wo sie ja seit März 1944 mit unseren Jungen und ihrer Mutter lebte, hierher zurück mit den beiden, und wir überstanden das Kriegsende, das am 1. Mai 45 durch den kampflosen Einmarsch der Russen kam, gut und ohne Minderungen. Ein persönliches Opfer mussten wir allerdings bringen. Meine Schwiegermutter starb am 9. August an einer Miliartuberculose der Lunge, einem alten Leiden, das schlechte Ernährung und die Anstrengungen der letzten Jahre frühzeitig wieder hatten aufbrechen lassen. Sie fehlt uns sehr. Nach den ersten …? unmutigen und hinsichtlich der Ernährung schwierigen Monaten hat sich unser Leben nun wieder in normale Bahnen begeben. Vor allem dürfen wir von uns persönlich sagen, daß wir bisher immer satt geworden sind – wenn es auch nicht immer ganz leicht war, die Voraussetzungen dazu zu beschaffen. Auch mit der Heizung ging es infolge großer Sparsamkeit in den vorangegangenen Wintern ganz leidlich, wir hatten es immer so, daß wir nicht froren.
Beruflich blieb zunächst alles beim alten für mich. Die Bibliothek blieb zunächst geschlossen, und wir hatten mit Ordnungsarbeiten usw. viel zu tun. Mitte Oktober begann der Lehrbetrieb wieder im alten Umfange. Im Rahmen der radikalen Entkernungsaktion unserer Zone wurde ich dann Mitte Dezember ehrenhalber entlassen: Nachdem ich 1937 und 1938 es vergeblich versucht hatte, ohne parteiliche Bindung in meinen Bibliothekarsberuf hineinzukommen, musste ich dann 1939 den Antrag auf Aufnahme wenigstens stellen, der dann infolge meines vielfachen Ortswechsels erst 1942 tatsächlich noch zu meiner Aufnahme in die Partei führte. Da man aber nicht nach der Gesinnung, sondern nur nach der Tatsache der Zugehörigkeit urteilt – einstweilen wenigstens -, so bin ich also von dieser Maßnahme mit betroffen. Ich habe mich aber inzwischen in meinem Stande ganz gut eingerichtet und verdiene durch Privatunterricht zu meinen Studienfächern bequemer als sonst und auskömmlich das, was ich brauche. Zum wissenschaftlichen Arbeiten komme ich sehr wenig, mehr hingegen zu meiner Musik, Kammermusik, vor allem Streichquartett, und Mitwirkung bei dem Symphoniekonz. des städt. Orchesters sind es hauptsächlich. Zudem ist Oper und Konzertleben reichlich und teilweise recht gut. Viel Zeit braucht natürlich, vor allem im vergangenen Herbst und Winter, der Haushalt, einige Zeit natürlich auch unser Sohn, der wohl am besten gesundheitlich die Kriegsjahre überstanden hat und nur mit seinem Temperament und seiner fröhlichen Munterkeit sehr viel Freude macht. Gesundheitlich geht es auch meiner Frau gut, auch mir, doch merke ich bisweilen spürbar an einer schnelleren Ermüdbarkeit die Schäden einer jahrelangen unzureichenden Ernährung.
Ich hoffe, daß Sie dieser Brief mit Ihren Töchtern bei guter Gesundheit antrifft, und würde mich herzlich freuen, wenn ich Ihnen ab und an einmal von mir berichten dürfte.

In alter, herzlicher Verbundenheit grüße ich Sie alle
in aufrichtiger Ergebenheit
Ihr Heinrich Roloff

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 35

Martin Drucker an Heinrich Roloff (Rostock), 08.07.1946

8. Juli 1946

Lieber Herr Dr. Roloff!

Es hat mich ausserordentlich gefreut, durch Ihren Brief vom 11. Juni ds. Js. über Ihre Erlebnisse unterrichtet zu werden. Wenn Ihnen Eberhard Forche von der Vergeblichkeit seiner Versuche, mit uns in Verbindung zu treten, geschrieben hat, so liegt die Ursache bei der Post. Meine Schwiegertochter hatte ihm schon vor Monaten einen ganz ausführlichen Brief geschrieben, den er nie bekommen hat. Uebrigens habe ich ihm nunmehr auch selbst noch einmal ausführlich Nachricht gegeben.
Herr Professor (Walter) Gerstenberg hat sich nicht mit mir in Verbindung gesetzt. Das mag damit zusammenhängen, dass ich die letztem zwei Monate infolge einer Lungen- und Rippenfellentzündung krank zu Hause gewesen bin.
Den von Ihnen erwähnten Brief vom 9. März 1945, in dem Sie mir Ihr Beileid zu Heinrichs Tode ausgesprochen haben, habe ich nicht bekommen. Wir hatten uns im März vorigen Jahres nach Jena verfügt, um der mir bevorstehenden Abtransportierung in ein Konzentrationslager entgehen zu können. Dann aber spitzten sich ja die Verhältnisse derart zu, dass in unserer Gegend der Postverkehr nahezu völlig lahmgelegt wurde. Auch Ihrer Annahme, das Ihr jetziger Brief mich an der altgewohnten Stätte in der Schwägrichenstrasse antreffen werde, muss ich leider entschieden entgegentreten. Von diesem Haus würden Sie, wenn Sie nach Leipzig kämen, nur noch Schutt vorfinden. Nachdem es schon im Juli 1944 schwer beschädigt worden war, wurde es am 27. Februar 1945 durch Bomben und Phosphor gänzlich zerstört. Wir waren obdachlos und fanden bis zu der schon erwähnten Uebersiedlung nach Jena bei verschiedenen Familien ein vorübergehendes Unterkommen. Was wir aus dem brennenden Hause noch hatten retten können, wurde in einem Lagerhause untergebracht, dass dann am 6. April 1945 gleichfalls durch Bomben und Brand aufgefressen wurde. Von unserer beweglichen Habe besitzen wir eigentlich nur noch den Inhalt einer Anzahl von Kisten, die schon vor jenen Unglücksfällen auswärts untergebracht waren. Seltsamer-und erfreulicherweise ist aber unser Ihnen so gut bekannter Flügel gerettet worden. Er stand zunächst zwei Tage mit Decken zugedeckt auf der winterlichen Schwägrichenstrasse und wurde dort von einer mir nahestehenden Speditionsfirma abgeholt, bei der er zum Glück nicht beschädigt worden ist.
Nach dem Einmarsch der Amerikaner konnte ich nach Leipzig zurückkehren und meine Praxis wieder aufnehmen. Unser Büro befindet sich in dem Ihnen noch bekannten Europahaus, und zwar hoch oben im 10. Stock, also hoch über dem Getriebe der schlechten Menschheit, deren Gebresten und Untaten allerdings dann oben bei uns verarbeitet werden müssen.
In meiner oben angegebenen Wohnung führt meine Schwiegertochter mir den Haushalt. Ihre beiden kleinen Jungen sind unsere grosse Freude. Meine Tochter Ina ist im Dezember aus russischer Kriegsgefangenschaft (Thorn ins Westpreussen), wo sie viele Monate als Aerztin beschäftigt worden war, zurückgekehrt und jetzt hier am Kinderkrankenhaus angestellt. Renate, die noch in Strassburg ihr Doktorexamen ablegen konnte, hat einen Lehrauftrag für geschichtliche Hilfswissenschaften (Mittellatein) an der Universität, konnte aber noch nicht lesen, weil die historischen Disziplinen in diesem Semester noch nicht gelesen werden durften. Sie ist ausserdem journalistisch für die in Berlin erscheinende Universitätszeitschrift „das Forum“ verpflichtet, und überdies vielbeschäftigte Sekretärin des Ausschusses der Rechtsanwälte, der gleichfalls im Europahaus sein Büro hat und unter meiner Leitung steht.
Wie nun die Verhältnisse sich weiter entwickeln werden, weiss freilich niemand.
Ich hoffe, dass mein Brief Sie in befriedigenden Verhältnissen antrifft, und bleibe mit der Bitte um Empfehlung an Ihre Frau Gemahlin und herzlichen Grüssen

Ihr (Drucker)

 

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 36

Martin Drucker an LGP Alfred Neu, 15.07.1946

15. Juli 1946

Herrn
Landgerichtspräsidenten   (Alfred) N e u
L e i p z i g
Sehr verehrter Herr Präsident!

Gestatten Sie mir, dem bei Ihnen zur Weitergabe an die Landesverwaltung – Justiz – eingereichten Gesuche des Herr Dr. (Georg) S c h w a l m
einige Geleitworte mit auf den Weg zu geben.
Ueber die ausgezeichnete juristische Qualifikation Schwalms sind wir uns einig, wie ich aus gelegentlichen Gesprächen weiss. Für die Zuverlässigkeit seines Charakters und die Sauberkeit seiner Anschauungen stehe ich ein. Während er als Referendar bei mir tätig war, habe ich ihn gründlich genug kennen gelernt. Ich konnte ihm unbedenklich Aufgaben stellen, die man in der Regel jugendlichen Referendaren nicht anvertraut.
Wenn es aus Gründen, über die zu rechten nicht am Platze ist, nicht angeht, eine so wertvolle Kraft in den Justizdienst aufzunehmen oder zur akademischen Laufbahn zuzulassen, so wird die standesbewusste Rechtsanwaltschaft mit seinem Beitritt in ihren Kreis zweifellos gern einverstanden sein. Seinem darauf gerichteten Wunsche steht aber die Gepflogenheit der Landesverwaltung entgegen, Neuzulassungen jetzt vorzunehmen. Ich bin der Meinung, dass diese Regel nicht an Beachtlichkeit verliert, sondern dass ihre Richtigkeit erhärtet wird, wenn in einem besonderen Falle eine Ausnahme eintritt. Der Fall Schwalm schreit geradezu – ich bitte diesen kräftigen Ausdruck nicht zu beanstanden – nach einer Ausnahmemassregel. Es handelt sich darum, einen ausgezeichneten Mann, der seine Altersgenossen weit überragt, dem Juristenberufe zu erhalten und ihn (nicht) vor die bittere Wahl zwischen Handarbeit und Auswanderung zu stellen.
Deshalb bitte ich Sie, wenn Sie in der Hauptsache mit meiner Auffassung übereinstimmen, das Zulassungsgesuch des Herrn Dr. Schwalm Ihrerseits zu unterstützen. Selbstverständlich bin ich damit einverstanden, dass Sie diese meine Aeusserung zur Kenntnis der Landesverwaltung – Justiz – bringen, und lege deshalb einen Durchschlag bei.

Mit besten Grüssen
Ihr

Anmerkung:
Prof. Dr. Georg Schwalm (1905-1979), Strafrechtler, vor 1933 LGR in Dresden, danach bis 1935 im Sächsischen Justizministerium, 1954 Ministerialrat im Bundesjustizministerium, Professur in Erlangen-Nürnberg, später Bayreuth, Freiburg; Vater des sächsischen Generalstaatsanwalt (1990) Jörg Peter Schwalm (* 1942 Leipzig)

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 4

Martin Drucker an Erich Cerf, 18.04.1936

Leipzig, den 18. April 1936.

Herrn
Dr. Erich   C e r f,
T e l   A v i v.
Frishmanstreet 9.

Lieber Cerf !

Sie haben ganz Recht, wenn Sie sich gelegentlich darüber beschweren, dass ich Ihnen so selten schreibe. Meines Erachtens ist mein letzter Brief an Sie im Oktober 1934 aus Luzern abgegangen. Aber Sie müssen bedenken, dass handschriftliche Darlegungen mir so ausserordentlich unbequem sind, dass ich mich höchstens in der friedlichen Stille einer Reise dazu entschliessen kann. Was Sie heute erfahren sollen, lässt sich durch Schreibmaschine übermitteln. Es ist folgendes:
In einem Telefongespräche erfuhr ich soeben von (Julius) Magnus in Berlin, dass er nächsten Dienstag, also den 21., eine Lustreise nach Palästina antritt. Als wir davon sprachen, dass er Sie und andere Freunde, wie beispielsweise Willy Kaufmann (1874-1942), aufsuchen werde, ergriff er im Hinblick darauf, dass er zunächst nach Tel Aviv kommen will, sofort die Mitteilung, dass auch Sie in Tel Aviv wohnen, zu dem Antrage, ich möchte Ihnen unverzüglich folgendes mitteilen:
Sein Schiff verlässt Triest Donnerstag, den 23. April. Er wisse zwar nicht, wann es in Palästina eintreffe, das zu ermitteln, werde Ihnen aber bei einiger Anstrengung mit Hilfe zuverlässiger Reisebüros gelingen. Nun ist ja nicht zu verkennen, dass die blosse Ermittelung der Ankunftszeit des Schiffes weder für Sie noch für Magnus von allzu hohem Gemütswerte sein kann. Er meint offenbar, dass Sie ihm die ersten schüchternen Schritte auf dem heiligen Boden erleichtern und ihm dabei ein getreuer Führer sein sollen. Wenn es Ihnen nicht lästig ist, einen der prächtigsten Menschen, der mir je begegnet ist, in solcher Weise zu betreuen, so wird es Ihnen gelingen, in geeigneter Weise diesem seinem Wunsche zu entsprechen.
Ich beeile mich, dieses Schreiben der Luftpost anzuvertrauen und schliesse es deshalb ohne weitere Beifügung als die vieler herzlicher Grüsse an Sie, Ihre Gattin und Ihre Ihnen längst über den Kopf gewachsenen beiden Töchtern.

Ihr getreuer (Drucker)

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 5

Erich Cerf an Martin Drucker, ohne Datum (Mai 1936?)

Allerhöchster! Ich danke Ihnen für Ihren Brief vom 18. April 36. Nachdem Sie sich selbst unerhörtester Schreibnachlässigkeit bezichtigen, bleibt mir es erspart, Ihnen das vorzuwerfen. Magnus war hier, und ich habe mich seiner nach meinen schwachen Kräften angenommen. Das war mir ein umso grösseres Vergnügen, als er wirklich ein – wie man so sagt – „feiner Kerl“ ist! Wir haben schöne Stunden durch ihn gehabt, weil er uns insbesondere den Duft vergangener Zeiten mitbrachte. Darüber will ich Ihnen nichts erzählen, weil Sie das vielleicht nicht so ganz empfinden können, wenn Sie noch dort in der alten Heimat, in der alten Umgebung, in der alten Arbeit sich bewegen können. Das sind Dinge, über die man   s p r e c h e n   muss, die sich nicht so gut schreiben lassen! Ich habe Magnus gesagt, dass Sie doch einmal herkommen möchten! Das ist mein Ernst! Einmal eine ganz, ganz andere Umgebung (Wie damals in Gardone!!!). Und wir laden Sie in aller Form hiermit ein! Ich weiss, dass Sie nicht genug Auslandsgeld bekommen werden. Deshalb: Sie schlafen und essen bei uns und wir werden uns so um Sie kümmern, wie es uns selbst die grösste Freude machen wird! Sie finden hier viele alte Bekannte [(Martin) Seligsohn (1868-1942), Prof. (Otto) Opet, RA Landsberg], nur um einige Namen zu nennen), und massenhaft Anregungen, die Sie aus der Tretmühle des Alltags einmal herausreissen! Schreiben Sie, wann Sie kommen!!! Sonst geht es uns gut. Renate ist auf dem Lande im Emek, sie pflanzt Gemüse, erntet Hühnereier, arbeitet am Hausbau mit, reitet viel und gern, und wird vielleicht doch einmal eine richtige Bäuerin werden. Mottchen geht in die Schule, ist eine fleissige Schülerin und ein sehr liebes Kind. Nicht erst zu erwähnen, dass die Kinder fliessend hebräisch sprechen, nur nicht gern mit den Eltern, weil es bei diesen noch nicht so fliessend geht und Kinder sich nun einmal nicht durch ihre Eltern gern compromittieren lassen. Unsere Unruhen machten uns natürlich Sorge. Aber wir sind so zuversichtlich, dass es eine Freude ist. Auch über diese Dinge kann man nicht so schreiben. Auch darüber werden wir uns unterhalten! Bitte veranlassen Sie doch, dass man mir das abändernde Urteil der Reichs-RA.-Kammer bald schicke! Und dann noch etwas: Am 19.9.35 schrieb ich in jener Sache einen Brief an Eckstein. Ich habe ein besonderes Interesse, zu wissen, ob er angekommen ist. Ich zeigte ihn Magnus, er wird Ihnen berichten. Mein Laden geht naturgemäss jetzt gar nicht. Das ist auch kein Wunder, weil man das Ende des Streiks abwarten will. Wie geht es Ihrer Frau und den Kindern? Magnus konnte uns hierüber nicht erschöpfend berichten. Meine Schwiegermutter war einige Monate bei uns, hat sich dann hier den Oberschenkel angebrochen und ist jetzt wieder heimgefahren. Rufen Sie sie doch einmal an. Sie kann Ihnen viel erzählen, wenn es Sie interessiert. Sie war ja unser längster Besuch. Ach wie gerne möchte ich mich einmal mit Ihnen zusammensetzen und mit Ihnen sprechen! Das können Sie sich nicht vorstellen! Jetzt wird es warm und wir möchten gern im Sommer einmal nach Europa fahren. Ich fürchte aber, es wird nicht gehen, weil mich einer in Europa mit Geld sitzen lässt. Wenn es noch klappt, fahren wir nach Franzensbad! Grüssen Sie bitte Ihre Frau und Ihre Kinder und seien Sie selbst recht herzlich gegrüsst von Ihrem Cerf

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 70

Hedwig und Alois Mayrhans (Garmisch) an Martin Drucker, 28.12.1945

Garmisch, den 28.XII.45

Sehr geehrter Herr Justizrat!

Nach längerer Unterbrechung, ist es mir wieder möglich, an Sie einige Zeilen zu schreiben.
Vor Allem möchte ich Ihnen Herr Justizrat, sowie auch meine Frau, zum Neuen Jahre die herzlichsten Glückwünsche senden. Möge das kommende Jahr ein besseres segenreicheres Jahr werden, nachdem all die vergangenen Jahre so schweres unsagbares Leid für Sie und Ihre Familie gebracht haben.
Meine Frau hat durch Zufall vor einigen Monaten eine Zeitung aus Leipzig in die Hände bekommen, darin stand unter anderem, daß Sie Herr Justizrat Ihre Praxis & Notariat wieder eröffnet haben, und wieder in Leipzig Schwägrichenstr. 5 wohnen. Deshalb adressiere ich diesen Brief auch dorthin. Wir gratulieren Ihnen Herr Justizrat herzlich dazu. Wie es jetzt Ihnen sonst weiter geht wissen wir nicht, hoffen aber das Beste. Wir hätten zu gerne einige Nachricht von Ihnen, so bitten wir Sie, wenn es Ihnen möglich ist, uns gelegentlich einige Zeilen zu schreiben.
Herr Justizrat ich bin seit 25. Okt. wieder zu Hause. Das „siegreiche Ende“ habe ich gut überstanden. Bei unseren Bewegungen kam ich zuletzt noch nach Mitteldeutschland und zwar in den Harz. Am 19. April 45 wurden wir bei Ballenstädt in der Nähe von Quedlinburg „kassiert“. Kam dann in verschiedene Lager in Westdeutschland so auch nach Remagen a/Rhn. Koblenz und Andernach. Von dort aus wurden wir Ende Juni verfrachtet & nach Südfrankreich zum Arbeitseinsatz geschickt. Unser Lager war in Grenoble. Habe dieses vergangene Jahr große Strapazen, Entbehrungen & Hunger erlitten. Aber zum Glück Alles soweit gut überstanden. Daß ich so schnell wieder aus Frankreich zurückkam, und entlassen wurde ist der Umstand, daß ich Herz krank bin. Deshalb als Arbeitseinsatz unfähig geschrieben und somit zu den Rückführern kam. Sie können sich denken wie froh ich war und bin, nun endlich diesen grauen Rock ausziehen zu können, der mir immer eine Qual war, ihn zu tragen. Froh war auch meine lb. Frau, als ich auf einmal unverhofft auftauchte, nachdem sie seit Anfangs März keinerlei Nachricht mehr von mir hatte. Nun machen wir Beide diesen Dienst bei Herrn Geheimrat weiter, ich gehe zusätzlich noch in eine hiesige Blumengärtnerei in Arbeit. Herr Geheimrat K. wurde auch vor 7 Wochen nach Frankfurt beordert, zur Klärung verschiedener Sachen. Ist jetzt wieder zuhause, und eine große Arbeit schreiben über das ganze Versicherungswesen wie es bei uns in Deutschland bestanden hat. Weihnachten haben wir zwar einfach aber gemütlich im warmen Stübchen verbracht. Wenigstens waren wir Beide glücklich es mitsammen feiern zu können, nachdem diese unselige Zeit des Mordens und Zerstörens aufgehört hatte.
Herr Justizrat wie geht es Ihren beiden Töchtern Frl. Ina & Frl. Renate? und Ihrer Schwiegertochter Frau Drucker & den beiden Enkelkindern. Oft denken wir auch an Ihre Verwandten in Dresden, ob Sie wohl alles gut überstanden haben. So wünschen wir Ihnen allen auch alles Gute zum Neuen Jahr und grüßen Sie Herr Justizrat

Ihre  Hedwig & Alois Mayrhans

Anmerkung:
Hedwig und Alois Mayrhans (1903-1980) waren nach den Erzählungen von Renate Drucker bei im Haushalt der Familie Drucker in der Schwaägrichenstraße 5 beschäftigt.

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 71

Martin Drucker an Alois Mayrhans (Garmisch), 23.06.1946

23. Juni 1946.

Mein lieber Herr Alois!

In der Mappe, in der unbeantwortete Briefe liegen, befindet sich noch immer Ihr Schreiben vom 28. Dezember, das Mitte Januar hier eingegangen ist. Ich bedaure sehr, dass ich anscheinend nicht einmal Ihre freundlichen Glückwünsche zum neuen Jahr erwidert habe. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur anführen, dass ich durch eine kaum überwindbare Arbeitsbelastung gehindert worden bin, mich mit Privatangelegenheiten zu beschäftigen. Seit Anfang Mai bin ich infolge einer Lungen-und Rippenfellentzündung zu Haus, die zwar jetzt behoben ist. Ich darf aber noch nicht ausgehen, sondern nur täglich einige Zeit ausser Bett verbringen und benutze diese Stunden, um in ihnen wichtigste Büroangelegenheiten zu erledigen und wenigstens einige Privatbriefe zu diktieren. So bin ich denn auch heute in der Lage, Ihnen einige Mitteilungen zu machen.
Es ist richtig, dass in einer schon im Juni vorigen Jahres erschienen Zeitung angekündigt war, dass ich meine Praxis wieder aufgenommen habe und wieder Schwägrichenstrasse 5 wohne. Das war aber nur im ersten Teil richtig. Wir waren im Juni aus Jena zurückgekehrt und fanden jene Bekanntmachung in der Zeitung bereits vor. Die Amerikaner hatten alle politisch nicht belasteten Anwälte wieder zugelassen. Aber das Haus Schwägrichenstrasse 5 war ja schon am 27. Februar 1945 vollständig zerstört und niedergebrannt. Ich bemerke gleich, dass unsere ganze schöne Wohnungseinrichtung, die Sie und Ihre Frau ja so genau kennen, vernichtet ist und dass wir jetzt hier in einer zwar recht guten, aber nur mit zusammengeborgten Gegenständen eingerichteten Wohnung hausen. Den Haushalt führt meine Schwiegertochter. Renate ist Assistentin an der Universität. Ina ist im Dezember vorigen Jahres aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt und jetzt als Aerztin im Kinderkrankenhaus angestellt.
Meinen Dresdner Verwandten, nach denen Sie fragen, ist es auch recht schlecht ergangen. Bei einem der furchtbaren Angriffe im Februar vorigen Jahres verloren nicht nur alle drei Familien ihre Wohnungen und Einrichtungen vollständig, sondern mein Schwager (Carl) Mannsfeld wurde auf der Strasse von einem Bombentreffer in der Schläfe getötet und meine Schwester an seiner Seite schwer verletzt. Nach monatelangem Kranksein ist sie erst jetzt wieder notdürftig hergestellt. Mein Neffe Ernst Mansfeld wurde infolge des Wegfalls des Nazismus sofort Ministerialrat bei der Landesjustizverwaltung, und mein anderer Neffe Dr. (Eduard) von Bose (1898-1963) ist jetzt Amtsgerichtsdirektor in Borna.
Ihre Mitteilungen über Ihre Erlebnisse, seitdem Sie im April vorigen Jahres das Glück gehabt haben, unverwundet in Gefangenschaft zu geraten, haben mich sehr interessiert, weil Sie ja alles gut überstanden haben. Aber die Herzkrankheit will mir doch nicht recht gefallen. Ich empfehle Ihnen die allergrösste Vorsicht. Ich freue mich sehr, dass Sie beide wieder bei Herrn Geheimrat (Wilhelm) Kisskalt Ihre frühere Tätigkeit aufnehmen können. Für die von Ihnen erwähnte Arbeit, die er über das Versicherungswesen schreiben will, interessiere ich mich sehr stark. Vielleicht ist es Ihnen möglich, ihn zu bitten, mir durch Sie mitteilen zu lassen, wann, wo und unter welchem Titel die Arbeit erscheinen wird oder schon erschienen ist. Herrn Geheimrat Kisskalt wird ja bekannt sein, dass hier in Sachsen eine ganz besondere Regelung des Versicherungswesens eingetreten ist, deren Zweckmässigkeit mir nicht recht einleuchtet.
Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mich nicht so lange auf Antwort warten liessen als ich Sie, und bleibe mit freundlichen Grüssen an Sie und Ihre Frau, auch im Auftrag meiner Töchter,

Ihr (Drucker)

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 72

Max Thiemann (Braunschweig) an Martin Drucker, 26.06.1946

Max Thiemann
Rechtsanwalt und Notar
Braunschweig
Marthastraße 3

Braunschweig, den 26.6.1946

Herrn
Justizrat
Dr. Martin Drucker
Leipzig S 3
Brandvorwerkstr. 80 II

Sehr geehrter Herr Justizrat!

Ich bestätige dankend den Empfang Ihrer heute bei mir eingegangenen Zeilen und freue mich daraus zu ersehen, dass es Ihnen und offenbar auch Ihrer werten Familie gut geht und dass Sie wieder im Interesse der Anwaltschaft an hervorragender Stelle tätig sind.
Hoffentlich werden Ihre Bemühungen Erfolg haben, wenn man auch bei den bestehenden Verhältnissen lange warten muss.
Wir haben inzwischen hier den früheren Braunschweiger Anwaltsverein wieder in Tätigkeit gesetzt. Ich habe die Annahme irgend eines Amtes abgelehnt, nachdem ich früher 15 Jahre lang Schriftführer gewesen bin und jetzt mich von Ehrenämtern fernhalten will, um mich mehr meiner Familie widmen zu können.
Wie schön dass auch Ihr Frl. Tochter im Interesse der anwaltschaftlichen Bestrebungen tätig ist.
Es wird schon stimmen, dass wir uns etwa 1908 in Rifensbek kennengelernt haben, was waren das für schöne, idyllische Zeiten.
Ich vertraue jetzt, dass es in Jahren möglich sein wird, einmal wieder in gemeinschaftlichen Interessen tätig zu werden und in oder um Rifensbek Erholung zu finden. Inzwischen ist übrigens die grosse Sösethal-Sperre gebaut, durch die sich das landschaftliche Bild wesentlich verändert hat.

Mit ergebenem Gruß!
Ihr Thiemann

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 73

Anna Siehr an Martin Drucker, 06.05.1946

Leipzig . 0.27, den 6. Mai 1946.
Störmthalerstrasse Nr. 9 pt. r.

Sehr geehrter Herr   J u s t i z r a t !

Als Herr Dr.   H a r t m a n n   mich neulich um die Abschrift des Nachrufs meiner Schwagers Ernst   S i e h r   aus Königsberg Pr. bat, erfuhr ich, daß Sie, werter Herr Justizrat ein sehr guter Freund meines Schwagers sind. Da ich Ihnen das Abschriftliche gerne selbst überbringen wollte, sagte ich das auch Herrn Dr. Hartmann, aber er wollte es Ihnen selbst überbringen.
Ich möchte nun so gern einmal Sie besuchen kommen, um Ihnen aus den letzten Lebensstunden  meines lieben Schwagers Ernst  S i e h r zu erzählen; denn seine Frau hat mir Genaues darüber berichtet. Sie werden ja auch selbst wissen, wie sehr er beliebt bei allen Menschen war und ich war sehr, sehr traurig, als mich die Todesnachricht erreichte. Ich habe am 28. Juli 1922 den jüngsten Bruder von Ernst Siehr geheiratet, der fast 20 Jahre Jünger ist, ich bin also seine jüngste Schwägerin und wir haben uns so gut immer verstanden. Als er noch Oberpräsident war, besuchte er uns öfter in Berlin in unserer damaligen Wohnung in Charlottenburg. Das waren immer Festtage für uns. Meine Schwägerin ist sehr gebrochen und mein Mann, glaube ich, er weiß noch nicht einmal, daß sein Bruder Ernst, der seine Interessen für ihn wahrnehmen sollte, verstorben ist, also gar nichts mehr für ihn tun kann. Mein Mann war zuletzt hier Reichsgerichtsrat , vielleicht haben Sie ihn auch gekannt, er war ganz eben so ein Mann wie sein Bruder Ernst und fast sieben Jahre bin ich jetzt allein, fast sechs Jahre war er Soldat, Stabsoffizier und ein Jahr ist er in Kriegsgefangenschaft, ein halbes Jahr lag er wegen Entkräftung in einem Lazarett und ich habe ein ganzes Jahr von ihm nichts gewußt, ich habe sehr darunter gelitten.
In unserm Hause erzogen wir, da wir selbst keine Kinder hatten, das uneheliche Kind meiner jüngsten Schwester! Da er Halbjude war, haben wir 12 Jahre mit ihm gelitten, er mußte überall raus und war doch ein so tadelloser Mensch. Mich hatten die Nazis mal in die Gestapo gebracht, weil ich mit den Offizieren des 20. Juli in Verbindung stehen sollte. Meinem Mann durfte ich nichts davon mitteilen.
Ich würde mich so freuen, wenn ich Sie einmal aufsuchen dürfte. Einmal war ich schon dort gewesen, da war aber das Büro schon geschlossen.
Mein Mann hat noch einen zweiten Bruder im Jahr 1945 verloren, es war der M a x   S i e h r  , der in Insterburg Rechtsanwalt war. Er hatte zuletzt in Freiburg i/Breisgau gelebt, wo seine jüngste Tochter verheiratet ist. Er hatte einen Spaziergang gemacht und hatte dabei einen Herzschlag bekommen.
E r n s t   S i e h r   lebte zuletzt in   B e r g e n   a/Rügen bei seiner Tochter, die auch ihren Mann bei einem Autounfall verloren hat.
Hoffentlich habe ich Sie mit meinem ausführlichen Brief nicht gelangweilt !

Indem ich Ihnen freundliche Grüße sende, bleibe ich immer Ihre

Anna Siehr

Anmerkung:
Der Ehemann war RGR Kurt Siehr.

 

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 74

Martin Drucker an Anna Siehr, 08.07.1946

8. Juli 1946.

Sehr geehrte gnädige Frau!

Hoffentlich hat Ihnen mein Herr Kollege Dr. (Werner) Hartmann (* 06.06.1893 Zwickau) mitgeteilt, warum es mir bisher nicht möglich gewesen ist, auf Ihren freundlichen Brief vom 6. Mai ds. Js. zu antworten. Meine Rekonvaleszenz ist erst in den letzten Tagen so weit fortgeschritten, dass ich mich meinen früheren geschäftlichen und privaten Tätigkeiten wieder zuwenden kann. Deshalb kann ich Ihnen erst heute meinen verbindlichen Dank für die Uebermittlung des Nachrufes für Ihren Schwager Ernst Siehr auszusprechen. Ich hatte in den letzten Jahren naturgemäss nichts mehr von ihm gehört. Der mit seinem Hinscheiden eingetretene Verlust wird nicht nur von seiner Familie, sondern wird von allen, die ihn gekannt haben, sehr schwer empfunden werden.
Ihren Gatten habe ich persönlich nicht kennen gelernt, wohl aber Ihren Schwager Max Siehr. Erst aus Ihrem Brief entnehme ich, dass auch er verstorben ist.
Welches Ansehen die ganze Familie Siehr in der Provinz Ostpreussen genoss, habe ich bei mehreren Besuchen dort sehr deutlich erfahren.

Ich verbleibe mit besten Grüssen

Ihr ergebener (Drucker)

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 75

Wilhelmine Ahlswede an Martin Drucker, 29.04.1946

Wilhelmine   A h l s w e d e
Leipzig N 22, Gohliser Str. 15

Leipzig, den 29.4.1946

Herrn
Justizrat Dr. Drucker
L e i p z i g   C 1

Sehr geehrter Herr Justizrat!

Anbei die Anschrift von Herrn Generalkonsul (Ralph) Busser:

42 Carpenter Lane, Mt. Airy,
Philadelphia 19, Pa. U.S.A.

Darf ich daran erinnern, über die Herren seines Büros, soweit Ihnen, wie Sie sagten, die Lage bekannt ist, zu berichten, denn er schreibt wörtlich:

„We would also like to have news concerning the whereabouts an welfare of the members of my consular staff in L.“

Mit freundlichen Grüssen bin ich

Ihre ergebene   W. Ahlswede.

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 76

Wilhelm Breslauer (Amsterdam) an Martin Drucker, 21.07.1946

Amsterdam, 21. Juli 1946.
Haarlemmer Meerstraat 93.

Sehr geehrter, lieber Herr Justizrat!

Auf dem kuerzesten Wege, naemlich via Trixi aus New York, erhielt ich gestern Ihre neue Adresse und da nun endlich die Postverbindung von hier nach Deutschland einigermassen funktioniert, moechte ich Ihnen sogleich einige Zeilen senden, um Ihnen zu sagen, wie sehr meine Frau und ich sich gefreut haben, dadurch ein Lebenszeichen von Ihnen zu erhalten.
Dass Bernhards Freund Peter im Osten gefallen war, hatten Sie uns ja seinerzeit selbst geschrieben, und wir nehmen an, dass Sie auch unsere damalige Condolenzzeilen erhalten haben. Aber nun hoeren wir durch Trixi, dass auch Ihr lieber Heinrich ein Opfer des Krieges geworden ist. Empfangen Sie unser herzlichstes, aufrichtigstes Beileid zu dem doppelten schweren Verlust. Wie viele Ihrer Wuensche und Hoffnungen sind mit diesen beiden prachtvollen jungen Menschen dahingegangen!
Ueber das Schicksal von uns Beiden werden Sie wohl nur zum Teil unterrichtet sein. Im Mai 1943 musste auch ich in das beruehmte Lager Westerbork, von wo ich erst nach zwei Monaten Dank der energischen Bemuehungen meiner tapferen Frau auf Grund unserer Mischehe entlassen wurde. Aber die Angst und die Sorgen rissen auch dann nicht ab und der Hungerwinter 44/45 war wirklich nicht „von Pappe“, sodass wir heilsfroh waren, als endlich auch fuer uns die Befreiung kam. Inzwischen haben wir uns gut erholt und fuehlen uns hier sehr wohl.
Dass wir noch haeufig an Leipzig und die alten Freunde und Bekannten zurueckdenken, ist doch selbstverstaendlich, und wenn ich Sie bitte, uns bald einmal recht ausfuehrlich ueber alles zu berichten, so koennen Sie schon daraus unser immer noch lebhaftes Interesse erkennen.
Wie geht es Ihnen, lieber Herr Justizrat, selbst gesundheitlich?
Was haben Ihre Toechter waehrend des Krieges getan und sind sie in Ihrer Naehe geblieben? Von Renate habe ich immer noch die Erinnerung, wie sie mit Fritz Nachod auf dessen Motorrad an unserem Hause vorbeisauste, winkend und strahlend. So eilt die Zeit dahin!
Wie geht es Dr. Eckstein; was hoeren Sie von „Cerf’chen“?
Wie geht es Gustav Melzer? Ist von Eitners Lagerhaeusern etwas stehen geblieben? Wer sind jetzt die grossen Matadoren am Bruehl?
Wenn Sie uns recht eingehend schreiben wuerden, so wuerden Sie uns wirklich eine Freude bereiten.
Von meinen Toechtern haben wir regelmaessige, gute Berichte. Valeries Maedels sind schon zahn, bez. zwei Jahre alt. Mit Trixis Besuch haben wir uns natuerlich sehr gefreut. Sie koennen sich denken, was es da alles nach diesen sechs schicksalsschweren Jahren beiderseitig zu erzaehlen gab.
Ihr Freund Justizrat Magnus hatte mit der ihm eigenen Energie und Elastizitaet sich auch hier einen Kreis geschaffen, in dem er durch Vortraege, etz. Anregung bot. In Westerbork sprach ich ihn fast taeglich, aber er ist ja allem Anschein nach auch im Osten ein Opfer des Naziterrors geworden.
Falls Sie mal irgendwelche Auskunft ueber Personen oder Angelegenheiten hier in Niederland brauchen, stehe ich Ihnen, soweit mir das nur irgend moeglich ist, gern zur Verfuegung.
Mit allerbesten Wuenschen fuer Ihr und Ihrer Lieben Wohlergehen und herzlichen Gruessen an alle Bekannten verbleibe ich Ihr

Wilhelm Breslauer

Besonders herzliche Gruesse auch von meiner Frau!
Wie geht es Ihren Bruedern Karl und Conrad, sowie dessen netter englischen Frau, mit denen wir öfters in Marienbad zusammen waren.

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 77

Martin Drucker an Wilhelm Breslauer (Amsterdam), 10.08.1946

10. August 1946.

Sehr geehrter, lieber Herr Breslauer!

Am 6. August wurde ich durch Ihren Brief vom 21. Juli freudig überrascht. Ich bin erstaunt, dass Trixi in der Lage gewesen ist, Ihnen von New York aus meine neue Adresse mitzuteilen. Sie ist demnach doch mit dem einen oder anderen meiner Bekannten aus Deutschland zusammengetroffen, in deren Kreis meine Adresse rasch bekannt geworden zu sein scheint. Dagegen hatte ich aus Holland noch keinerlei Nachrichten bekommen und insbesondere über Ihren Verbleib nichts erfahren. Erst jetzt entnehme ich nun aus Ihrem Brief, dass auch Sie den Weg ins Lager haben gehen müssen, dass es aber Ihrer tapferen Gattin nach verhältnismässig kurzer Zeit gelungen ist, Ihnen die Freiheit wieder zu verschaffen.
Das Wesentlichste über meine Schicksale haben Sie mit den Nachrichten über den Tod meiner beiden Söhne bereits erfahren. Peter ist übrigens nicht im Osten gefallen, sondern in Aegypten bei dem verbrecherischen Abenteuer, das die Hitlerstrategen damals mit der geplanten Eroberung Nordafrikas ins Werk setzten. Heinrich hat Ende Januar vorigen Jahres den Tod gefunden, nachdem seine Einheit vor den rasch nachdrängenden Russen nach Niederschlesien gelangt war, wo er für einige Tage zur Ordnung irgendwelcher sicherlich ganz überflüssiger Büroangelegenheiten zurückgelassen wurde. Ueber die näheren Umstände seines Todes werden wir nie etwas erfahren. Seine Leiche ist von einem Soldaten eines ganz anderen Truppenteils in einem Strassengraben gefunden worden, völlig ausgeplündert bis auf die Uniformhose, in deren Tasche er zufällig die letzten beiden Briefe seiner Frau bei sich getragen hatte.
Meine beiden Töchter sind jetzt bei mir. Ina war, als die Russen die kleine Stadt Schlawe in Hinterpommern, wo sie am Krankenhaus dienstverpflichtet war, eingenommen hatten, in ein Kriegsgefangenenlager nach Thorn in Westpreussen überführt worden, wo sie aber als Aerztin eine ganz erträgliche Zeit verbracht hat. Im Dezember vorigen Jahres kam sie hierher zurück und ist nunmehr als Aerztin am Kinderkrankenhaus tätig. Renate, die ihr Studium zuletzt in Strassburg abgeschlossen hatte, legte dort gegen Ende 1944 ihr Doktorexamen ab und ist nun jetzt mit einem Lehrauftrag für Mittellatein und geschichtliche Hilfswissenschaften hier als Universitätsassistentin angestellt, konnte aber noch nicht lesen, weil die Pflege geschichtlicher Fächer in der Universität noch nicht wieder erlaubt ist.
Unter den Ausbombungen haben wir alle schwer gelitten. Im Dezember 1943 ging unser Ihnen so wohlbekanntes Büro in der Ritterstraße in Flammen auf, wobei ausser allen Akten und Urkunden auch meine herrliche Bibliothek restlos verloren ging. Ich nahm das Büro und für einige Monate auch die Familie Eckstein, deren Wohnung in der Haydnstrasse aufs schwerste beschädigt worden war, in meine Wohnung in der Schwägrichenstrasse, die deshalb dazu Platz bot, weil meine Schwiegertochter mit ihrem damals einzigen Kinde nach Aue im Erzgebirge evakuiert worden war. Im Juli 1944 riss eine Bombe von dem nach der Mozartstrasse zu gelegenen Flügel unseres Wohnhauses ein grosses Stück weg, so dass wir uns noch mehr zusammendrängen mussten. Aber am 27. Februar 1945 wurden wir derartig mit Phosphorbomben belegt, dass das ganze Haus bis auf die Grundmauern niederbrannte, wobei naturgemäss fast alles, was sich an beweglicher Habe im Haus befand, zu Grunde ging. Wir konnten zwar aus unserer Parterrewohnung noch verhältnismässig viel retten und es in einem Lagerhaus aufbewahren lassen. Aber am 6. April 1945 wurde dann auch dieses Lagerhaus mit seinem ganzen Inhalt vernichtet. Ich wohne jetzt mit Schwiegertochter und Enkeln sowie meinen Töchtern in dem oben angegebnen Hause in einer recht schönen, wenn auch nur 5½  Zimmer grossen Wohnung. Aber, was darin steht, ist aus acht verschiedenen Haushaltungen zusammengeborgt.
Durch das Ereignis vom 27. Februar waren wir obdachlos geworden und zogen bei verschiedenen Bekannten umher. Gegen Ende März aber hielt ich es für geraten, mich der damals beabsichtigten  Verbringung in ein Konzentrationslager dadurch zu entziehen, dass wir nach Jena übersiedelten und auf diese Weise uns den Blicken der hiesigen Nazibestien entrückten. Als wir drei Wochen in Jena waren, rückten dort ganz friedlich die Amerikaner ein, und damit war der Krieg in seiner für uns scheusslichsten Form, nämlich den ununterbrochenen Bombenangriffen zu Ende. Anfang Juni kehrten wir nach Leipzig zurück, und ich bin seitdem wieder in der Praxis ausserordentlich stark beschäftigt.
Dr. Eckstein hatte inzwischen das Büro einer ausgefallenen Anwaltssozietät im Europahaus mieten können. Nach meiner Rückkehr gelang eine beträchtliche Erweiterung. Er persönlich hat den Krieg leidlich überstanden, aber, was nicht wunder nehmen darf, gleichfalls seine ganze Habe am 27. Februar 1945 verloren. Sein älterer Sohn, der mit Bernhard und Peter gleichaltrig war, ist, und zwar vermutlich schon Anfang 1944, als Ingenieurleutnant mit einem Unterseeboot wohl in der Chinesischen See untergegangen. Der jüngere Sohn ist vor einigen Monaten aus der Gefangenschaft zurückgekehrt, aber mit soviel beträchtlichen Durchschüssen, dass er am Stock geht und der Eintritt in irgendeinen festen Beruf höchst zweifelhaft geworden ist. Wir beschäftigen ihn einstweilen auf dem Büro als Telefonisten. Ecksteins Tochter Hilde, die 1943 den hiesigen Arzt Dr. (Roland) Ady (* 1907) geheiratet hatte, ging Ende 1944 zu ihm nach Delmenhorst bei Bremen und ist jetzt noch dort. Sie ist aber so schwer krank, dass, wie ich gerade heute hörte, eine Rettung ausgeschlossen erscheint.
Von (Erich) Cerf haben wir merkwürdigerweise noch keine Nachricht. Schon im vorigen Jahre hatten wir einen nach Palästina reisenden Herrn einen Brief an ihn mitgegeben, den er vielleicht nicht bekommen hat. Da der Postverkehr doch nun schon länger als vier Monate zulässig ist, können wir uns nicht erklären, warum keine Nachricht von ihm kommt.
Dr. (RA Gustav) Melzer (* 1882) übt nach wie vor seine Praxis aus. Er hat vielleicht noch mehr zu tun als jemals früher.
Von Eitners Lagerhäusern sind mehrere zerstört, die anderen aber noch erhalten geblieben. Georg Eitner (Inhaber der Hans Eitner AG, Roscherstraße 9) ist vor etwa zwei Jahren gestorben. Das Unternehmen wird jetzt recht gut von Grossner geleitet.
Ihre Frage nach den grossen Matadoren am Brühl lässt sich nicht gut beantworten. Um mich verständlich zu machen, müsste ich bei Ihnen eine Kenntnis der wirtschaftlichen Grundsätze voraussetzen, die hier zur Geltung gekommen sind.
Darüber, dass mein Freund (Julius) Magnus schliesslich im Konzentrationslager buchstäblich verhungert ist, war ich schon unterrichtet.
Auf Ihr freundliches Angebot, mir Auskünfte über Personen in den Niederlanden zu verschaffen, bitte ich Sie, wenn möglich, mir eine Nachricht darüber zukommen zu lassen, was aus der Familie meines Freundes Justizrat Moritz Carstens aus Cottbus geworden ist. Er selbst ist wohl 1943 dort gestorben. Es lebt aber, und zwar wohl in Amsterdam sein Sohn Dr. (Otto) Carstens, der gleichfalls in Cottbus Anwalt gewesen, aber ebenfalls nach den Niederlanden ausgewandert war. Dort hatte er sehr geschickt eine allerliebste Bibliothek über holländische Städte herausgegeben und dabei die volle Unterstützung der dortigen Behörden gefunden. Leider kann ich seine Adresse nicht angeben, weil auch das Notizbuch, in dem sie notiert war, verbrannt ist.
Mein Freund Dr. Fürst aus Heidelberg ist in Holland gestorben.
Von meinem Bruder Carl in Upsala habe ich nach Beendigung des Krieges endlich wieder einmal Nachricht bekommen. Von Conrad in London wusste ich seit Ende 1939 überhaupt nichts mehr. Aber nunmehr stehen wir wieder im Briefwechsel.
Der Krieg ist nun schon fünfzehn Monate vorüber, und vieles hat sich wieder eingerenkt, aber mindestens ebensoviel harrt noch der Wiedereinrichtung, die von den verschiedensten Ereignissen und Möglichkeiten abhängt.
Ich werde mich sehr freuen, wieder von Ihnen zu hören, und bleibe mit besten Empfehlungen an Ihre Frau Gemahlin und freundlichen Grüssen

Ihr (Drucker)

P.S. Renate, die mich diktieren hört, ruft mir aus dem Nebenzimmer schöne Grüsse für Sie zu.

Anmerkung:
Moritz Carstens (13.11.1863 Berlin-12.04.1941 Gouda/Niederlande) war als Moritz Cohn geboren. Er war Vorstandsmitglied im DAV. Sein Sohn Otto Carstens (* 1899) studierte Jura in Leipzig, von 1940 bis Kriegsende lebte er im Untergrund. Eine Tochter Anna Carstens (* 1895) studierte in Leipzig Philosophie.

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 78

Arthur Kaufmann (London) an Martin Drucker, 11.07.1946

11.7.46.

Sehr verehrter Herr Justizrat,

Seit langem schon habe ich Ihnen schreiben wollen, seitdem ich die Nachricht erhielt, dass Sie wohlbehalten den Krieg und die Nazi Greuel ueberlebt haben und wieder in Amt und Wuerden eingesetzt worden sind. Es tut gut zu wissen, dass Sie als der erste Repräsentant der Alten Garde vom Schlimmsten verschont worden sind und heute wenigstens zu einem Teile Ihre Lebensarbeit fortfuehren koennen. Dass Eckstein, der Ihnen und allen Freunden stets die Treue gehalten hat, Ihnen weiter zur Seite steht, freut mich gleichermassen.
Wie Ihre Arbeit aussieht, kann man sich infolge der Lueckenhaftigkeit unserer Informationen schwer vorstellen. In Ihrem besonderen Falle gibt es gewiss Arbeit genug und wenn einmal die Wiederherstellung frueherer Rechte und Werte ernsthaft in Gang kommt, werden Sie sich vor Arbeit nicht zu retten wissen. Ich hoffe, dass auch die Gebuehren sich entsprechend entwickeln, nicht nur auf dem Papier !
Wissen Sie zufaellig, was aus einer Frau Marie Menkes-Fischer (und Ihrem Vermoegen) geworden ist, deren Hypotheken einmal von Ihrem Buero betreut worden sein sollen?
Es wuerde mich ungemein freuen, wenn ich einmal von Ihnen, Ihrem Ergehen und Ihrer Arbeit hoeren wuerde. Dass Sie immer auf mich rechnen koennen, wenn ich Ihnen in irgend einer Weise behilflich sein kann, bedarf keines Wortes.
Sie werden vielleicht wissen, dass mein Onkel Willy (Kaufmann) waehrend des Krieges in Palestina verstorben ist, wo er noch einige Jahre in Frieden leben durfte.
Ich selbst war nach meiner Naturalisation vier Jahre in der Armee, hauptsaechlich in Nord-Afrika und Italien, und habe als Claims Officer (Captain) eine interessante Taetigkeit gehabt. Seit Anfang dieses Jahres bin ich demobilisiert und habe meine Praxis wieder aufgenommen. Hier muss ich wohl einfuegen, dass ich im Jahre 1940 – als einziger – als Solicitor zugelassen wurde und seitdem mit der umstehenden Firma assoziiert bin.

Bitte gruessen Sie den Kollegen Eckstein von mir.

Ihnen und den Ihren meine besten Wuensche,
Ihr sehr ergebener (Kaufmann)

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 79

Martin Drucker an Arthur Kaufmann (London), ohne Datum (Juli/August 1946)

Sehr geehrter Herr Kollege Kaufmann!

Mit grosser Freude habe ich Ihren Brief vom 11. Juli dieses Jahres bekommen. Ich hatte bereits vor einiger Zeit mich in London nach Ihnen erkundigt, darauf aber noch keine Antwort bekommen. Es gereicht mir zu besonderer Befriedigung, aus Ihrem Briefe zu entnehmen, dass Sie als Solicitor zugelassen worden sind.
Mit Ihrer Vermutung, dass ich mich vor Arbeit nicht zu retten können würde, wenn einmal die Wiederherstellung früherer Rechte und Werte ernsthaft in Gang komme, haben Sie sicherlich recht. Schon nach meiner Rückkehr aus Jena, wohin ich im März 1945 übergesiedelt war, um mich weiteren Verfolgungen durch die Nazis, die mich damals ins Konzentrationslager bringen wollten, zu entziehen, bin ich bis an die äusserste Grenze meiner Leistungsfähigkeit mit Arbeit beschäftigt. Dazu braucht es gar nicht des Ihnen in Zukunft erwartenden Zustandes der Wiederherstellung früherer Rechte. Auch unter den jetzigen Verhältnissen ist ein volles Mass an Anwaltsarbeit vorhanden, dass wohl ausnahmslos jeder der wieder zugelassenen Rechtsanwälte überbeschäftigt ist. Die Arbeit wird nicht dadurch erleichtert, dass in Verbindung mit der recht komplizierten staatsrechtlichen Lage die Anwendbarkeit früherer Gesetze und Verordnungen in jedem einzelnen Falle übergeprüft werden muss. Die ehemalige einheitliche deutsche Rechtsverfassung besteht nicht  mehr. Nicht nur in jeder Zone, sondern auch innerhalb der Zonen besteht Selbständigkeit der Gesetzgebung in jeder einzelnen Provinz. Für Wiedergutmachungsansprüche, an die Sie wohl gedacht haben, fehlt noch jede grundsätzliche Regelung.
Ueber Frau Marie Menkes, die ich als eine Tante meines früheren Sozius Dr. (Erich) Cerf beraten habe, solange sie noch in Leipzig war, habe ich bisher etwas Zuverlässiges noch nicht erfahren können. Es heisst aber, sie sei ebenso wie Tausende anderer nach ihrem Abtransport ein Opfer der bekannten Greuel geworden.
Dass Ihr Onkel Willy (Kaufmann) vor einigen Jahren in Palästina gestorben sei, war mir schon einmal gerüchtweise bekannt geworden. Sie wissen, wie hoch ich ihn geschätzt habe;  sein Andenken werde ich stets in Ehren halten. Kollege Eckstein erwidert Ihre freundlichen Grüsse bestens. Ich verbleibe in der Hoffnung, gelegentlich wieder etwas von Ihnen zu hören,

Ihr ergebener (Drucker)

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 80

Heinrich Barban (Shanghai) an Martin Drucker, 07.04.1946

RA. Dr. Heinrich BARBAN
Shanghai,   P.O.B. 1425

China, 7.4.1946.

Justizrat Dr. Martin DRUCKER,
Ritterstr. 1, Schwärichenstr. 5,
Leipzig C.1,
Germany (Europa)
Evtl. nachsenden !!

Sehr geehrter Herr Justizrat !
Nachricht über Fortbestand Ihres Domizils in Leipzig ermutigt mich, nach so vielen Jahren furchtbarsten Erlebens, ein sogenanntes Lebenszeichen zu geben. Vor allem darf ich Sie selbst zu Ihrer neuen Position beglückwünschen, deren Art mir zwar nicht genau erkennbar, die aber wohl Ihren Neigungen und berechtigten Ansprüchen gemäss zu sein scheint. – Von mir zu sprechen, so war und ist mir Shanghai, nach Ausbootung 1933, Konzentrationslager 1938 und allem drum u. dran, seit Juni 1940 zwar Asyl geworden, aber mehr noch Exil geblieben, erleichtert allerdings durch Zusammensein mit Frau und Sohn, der hier verheiratet. Ueber Alles was fehlt, an Natur u. Kultur, dazu Sprachfremdheit in Kulibezirk dieser ungeheuren u. unheimlichen Hafenstadt, musste geistige Arbeit mehr hinwegtäuschen als hinweghelfen: etwas Anwaltspraxis, die hier merkwürdigerweise in gewissen Grenzen möglich, Studium zur Weiterbildung in Juristerei und Englisch, gelegentlich ein Zeitungsartikel oder ein Vortrag dieser in der „Vereinigung zentral-europäischer Rechtsanwälte“, in deren Vorstand ich, als alter Vereinsmeier und Mitbegründer (1941), über die Kassenführung allmählich zum „Chairman“ avanziert bin, was alles wiederum anregenden persönlichen Verkehr mit zusagenden Kollegen zur Folge hat. Aber im übrigen ist für einen Europäer hier kein Boden. Ich möchte endlich wieder in meine Heimatstadt zurückkehren u. dort als RA. oder auch als Beamter ein neues Leben beginnen, das innerlich lebenswert ist. Besteht dazu eine Möglichkeit ? Könnte man zur Berufsausübung von irgend welcher Seite angefordert werden? Im eigenen Interesse wie in dem einiger Vereinskollegen hatte ich schon hier mit UNRRA und brieflich mit auswärtigen Stellen Fühlung genommen. Aber es geht nicht recht vorwärts. Für Leute von Uebersee soll dort keine Aufnahmebereitschaft bestehen, was eigentlich zu verwundern: laut Pressestimmen werden doch überall Beamte für vakante Posten gebraucht, dergestalt, dass schon „einige Gesetzeskenntnisse“ zu Richteramt u. STA. befähigen sollen ! Und nun sind wir hier eine Anzahl vollqualifizierte Juristen mit wirklicher Rechtskenntnis u. Erfahrung frühere Rechtsanwälte u. Notare, Richter u. Verwaltungsjuristen, die hier praktizieren u. zu angemessenen Bedingungen in die Bresche springen würden, wenn man uns nur die Gelegenheit dazu geben wollte. Ist denn dort keine Stelle, der man diese Frage unterbreiten könnte, auch wenn evtl. Anstellungsbedingungen, Wahl der Zone (Sprache !), Reise-u. Wohnmöglichkeit usw.? Dass wir zu den ersten Opfern der Hitlerverfolgung gehörig, überzeugte Gegner des Nazismus sind u. alle Träger demokrat. u. antifaschistischer Anschauungen der allgemeinen Befriedung Dienste leisten könnten, versteht sich „am Rande“. Darf ich Sie, verehrter Herr Justizrat, mit diesen Fragen behelligen; war es doch früher einmal guter alter Brauch, seine Anwaltssorgen zu Ihnen zu bringen ? – Leider soll unsere „Lindenstadt“ unter den Kriegshandlungen so schwer gelitten haben ! Um so mehr möchte man von alten Freunden u. Bekannten hören, mit „Furcht u. Hoffnung“, den ewigen Elementen des Bühnen- u. des Welten-Drama’s. Hoffentlich sind Sie selbst u. Ihre Angehörigen, so auch Ihre Söhne, durch die schlimmen Jahre wohlbehalten hindurchgekommen ? So auch Eckstein u.a. Kollegen ? Lange hörte ich nichts von (Herrmann Albert)  Jacobson (1875-1941) u. Wilh. Friedmann u. LGDir. Dr. (Walther) Lange usw. ! Wie ist dort das Leben u. die Volksstimmung, auch gegenüber „displaced persons“? – Aber ich sehe, ich werde unbescheiden u.nehme Ihre Geduld über Gebühr in Anspruch. Doch wäre ich Ihnen für ein paar Zeilen aufrichtig dankbar: bei vollen Tellern, dank Joint UNRA., hungert man doch wirklich nach Berichten aus der alten Heimat. Darf ich hoffen ? Im Voraus für Alles herzlich dankbar, begrüsse ich Sie in bekannter Hochachtung und Wertschätzung Ihr aufrichtig ergebener Dr. H. Barban.

NS.: von sächs. Kollegen ist hier nur noch Dr. Kurt Hammer, übrigens nicht in der Vereinigung, aber in guter persönl. Beziehung mit mir.

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 81

Martin Drucker an Heinrich Barban (Shanghai), 24.08.1946

24. August 1946.

Sehr geehrter Herr Kollege!

Ihr Luftpostbrief vom 7. April 1946 erreichte mich über die hiesige israelitische Religionsgemeinde erst gestern. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie sehr es mich gefreut hat, einmal wieder etwas von Ihnen zu hören, nachdem Sie seit so vielen Jahren für mich verschollen waren. Noch mehr freue ich mich darüber, dass Sie, nachdem Sie Ihrem „Vaterland“ den Rücken gekehrt hatten, doch in erträgliche Verhältnisse gekommen sind und mit Ihrer Gattin zusammenbleiben konnten, auch befriedigende Nachrichten von Ihrem Sohn besitzen. Dass Sie sich sogar juristisch betätigen können, erscheint mir wie ein Wunder, erklärt sich aber wohl aus der besonderen Bevölkerungsschichtung in Shanghai. Andererseits begreife ich, dass Sie trotz alledem geneigt sind, nach Deutschland zurückzukehren. Auf Fragen, die Sie mir nach dieser Richtung vorlegen, kann ich Ihnen nur unvollkommen Auskunft geben. Ich zweifle nicht, dass Sie in jeder Besatzungszone Deutschlands wieder zur Anwaltschaft zugelassen werden würden. Höchstwahrscheinlich würde man Sie auch in den Justizdienst wieder aufnehmen, da der ausserordentlich grosse Bedarf an Richtern und Staatsanwälten nur aus den Kreisen der politisch nicht belasteten Anwaltschaft gedeckt werden kann. Die Schwierigkeiten liegen aber auf einem anderen Gebiet, nämlich dem der Zuzugserlaubnis und der Wohnungsbeschaffung. Die Zuzugserlaubnis wird im allgemeinen auch solchen Deutschen versagt, die bis zu einem bestimmten Zeitpunkt ihr Domizil an ihrem früheren Wohnort nicht erneut begründet haben. Für Leipzig ist dieser Stichtag der 1. September 1945 gewesen. Nun gibt es natürlich von dieser allgemeinen Regelung Ausnahmen, und wenn die Justizbehörde sich dafür einsetzt, dass einem unter solchen Umständen wie Sie ausgewanderten Juristen, der in eminentem Sinne ein Opfer des Faschismus ist, der Zuzug zum Beispiel gewährt werden möge, so wird von der Verwaltungsbehörde die Genehmigung wohl zu erlangen sein. Damit ist aber die Wohnungsfrage noch nicht gelöst, und in dieser Hinsicht sind die Verhältnisse recht kompliziert. Bei der Wohnungszuweisung werden allerdings Opfer des Faschismus bevorzugt, und wenn einer wie Sie sogar das Konzentrationslager gekostet hat, erst recht. Aber der Mangel an Wohnungen und namentlich an solchen, die sich zugleich zu einem Anwaltsbüro verwenden lassen, ist sehr bedeutend. Leipzig hat, wie Sie selbst hervorheben, unter den Kriegshandlungen ausserordentlich schwer gelitten. In der inneren Stadt, dem früheren Hauptsitz der Anwaltskanzleien, sind nur ganz wenige, beispielsweise in der Petersstrasse, noch erhalten, aber in ganz dürftigem Zustande. Alles in allem will ich Ihnen von der Rückkehr selbstverständlich nicht abraten, sondern nur darauf hinweisen, dass Sie manche Unbequemlichkeiten in den Kauf nehmen müssen. Ich gehe dabei von der Annahme aus, dass Sie die Rückkehr gerade nach Leipzig ins Auge fassen, also in die russische Zone, weil Sie hier doch die meisten Beziehungen haben. Sie können ja aber auch, wenn Sie in einer anderen Zone, etwa in Hamburg in der englischen Zone, ankommen, zunächst einmal von dort aus die Niederlassungsmöglichkeiten abtasten.
Auf Ihre Fragen nach Bekannten erwidere ich, dass Eckstein noch heute in Sozietät mit mir steht. Unsere Kanzlei befindet sich im Europahaus am früheren Augustusplatz, der jetzt Karl-Marx-Platz heisst, nachdem unser schönes Büro in der Ritterstrasse schon im Dezember 1943 und unser Ausweichbüro in meiner Wohnung in der Schwägrichenstrasse im Februar 1945 völlig zerstört worden war.
Es sind im ganzen wohl 80% aller Anwaltskanzleien vernichtet worden. Jacobson ist 1938 hier gestorben, Wilhelm Friedmann in Frankreich nach dem Einmarsch der deutschen Heere ermordet worden. Landgerichtsdirektor Dr. (Walther) Lange befindet sich seit einigen Monaten nicht mehr in Leipzig, sein Aufenthalt ist nicht bekannt.
Was nun mich selbst angeht, so habe ich sehr Schweres erlebt. Meine beiden Söhne sind gefallen. Das wurde ihnen ja trotz der Schikanen und Zurücksetzungen, denen sie im übrigen von den Nazis ausgesetzt waren, erlaubt. Meine Frau war schon im Januar 1939 verstorben. Ihr Herzleiden hatte sich unter dem Eindruck der schauderhaften Pogrome im November 1938 derart verschlimmert, dass sie nicht mehr geheilt werden konnte. Meine gesamte bewegliche Habe ist bis auf wenige ausgelagerte Stücke durch Brand und Plünderung mir entzogen worden. Ich lebe mit meinen Töchtern und meiner Schwiegertochter sowie deren beiden kleinen Jungen in einer zwar recht schönen, aber nur mit geborgten Möbeln eingerichteten Wohnung, die oben angegeben ist. Was ich sonst noch alles erlebt habe, werde ich Ihnen vielleicht erzählen können, wenn Sie zurückkehren. Den Brief will ich nicht damit belasten.
Ecksteins älterer Sohn ist mit einem Unterseeboot untergegangen, der jüngere ist zum Krüppel geschossen worden. So oder ähnlich sieht es in den meisten Familien aus.

Mit den besten Empfehlungen an Ihre Gattin und freundlichen Grüssen

Ihr (Drucker)

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 82

Martin Drucker an Stadt Leipzig, OdF, 02.09.1946

2. September 1946.

An
die Geschäftsstelle für die Opfer des Faschismus
(10)  L e i p z i g   C 1
Humboldtstrasse 3

Bei Ueberreichung meines Gesuchs um Anerkennung als Opfer des Faschismus ist meiner Schwiegertochter, die es einreichte, erklärt worden, dass ich nicht Opfer des Faschismus sei, weil ich mich nicht im Konzentrationslager befunden hätte.
Diese Meinung überrascht mich, weil sie in unvereinbarem Gegensatz zu der Verordnung der Landesverwaltung vom 24. September 1945 steht. Dort ist in § 2 unter Ziffer 2 ausdrücklich bestimmt, dass als Opfer des Faschismus (ausser den in § 2 Abs. 1 gekennzeichneten Personen) alle Personen gelten, die auf Grund der Rassengesetze oder wegen ihrer religiösen oder politischen Einstellung verfolgt worden sind und dadurch Schaden gesundheitlicher oder wirtschaftlicher Art erlitten haben.
Dass diese Voraussetzungen auf mich zutreffen, ist in meinem Gesuch und dem beigefügten ausführlichen Lebenslauf hinreichend bewiesen. Ich erinnere nur daran, dass mir, weil ich im Sinne der Nürnberger Gesetze Mischling ersten Grades bin, schon 1933 das Notariat entzogen und dass ich dann vom 1. April 1944 auch als Rechtsanwalt in den Ruhestand ohne Ruhegehalt versetzt wurde.
Wenn ich die wirtschaftliche Schädigung, die mir durch diese Massnahmen zugefügt worden ist, noch so niedrig schätze, so überschreitet sie doch sicherlich den Betrag von mehr als 100 000,.
Durch die Versetzung in den Ruhestand wurde mir überhaupt jede Erwerbsmöglichkeit entzogen.
Die Ablehnung meines Gesuchs steht übrigens auch in Widerspruch mit der Entscheidung, die in anderen Fällen, wie ich nachweisen kann, getroffen worden ist.
Ich bitte deshalb um nochmalige Prüfung meines Gesuchs. Für den Fall, dass ihm nicht entsprochen werden sollte, bitte ich um schriftlichen beschwerdefähigen Bescheid.
Ich habe versucht, in der Geschäftsstelle persönlich vorzusprechen, sehe mich aber ausserstande, stundenlang zu warten und mich dabei noch von irgendeiner Büroangestellten unhöflich behandeln zu lassen.

Justizrat (Drucker)

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 83

Rat der Stadt Leipzig, OdF an Martin Drucker, 06.09.1946

Oberbürgermeister der Stadt Leipzig
Kommunal-Abteilung
Opfer des Faschismus

Herrn
Dr. Martin   D r u c k e r
Leipzig S 3
Brandvorwerkstr. 80

6.9.1946.

In Beantwortung Ihres Schreibens vom 2.9. teilen wir Ihnen mit, dass unsere Ablehnung zurecht besteht.
Der Par. 9 der Verordnung vom 24.9.45 besagt:
„Die Durchführungsbestimmungen erlässt die Landesverwaltung.“
Diese wurden den Betreuungsstellen mit Rundschreiben vom 28. November 45 zugestellt, wobei es im Absatz 2 heisst:
„Opfer des Faschismus sind auch diejenigen, die zwar auf Grund einer staatsfeindlichen Handlung inhaftiert waren, aber nicht den bewussten Kampf gegen den Faschismus geführt haben. (Darunter fällt: Heimtückevergehen, Abhören ausländischer Sender, Religions- und Rasseverfolgte, usw).“
Sie sehen also, dass wir nicht anders handeln können und bitten Sie, Ihren Einspruch an die Landesverwaltung Sachsen, Wirtschaft und Arbeit, Soziale Fürsorge – Opfer des Faschismus – D r e s d e n, A 50, August-Bebel-Str. 19 zu richten.

Der Prüfungsausschuss.
Im Auftrag:

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 86

Milly Wünschmann, geborene Kröer an Martin Drucker, 10.09.1945

Leipzig, S.10/9.45

Lieber Martin!

Du wirst Dich wundern diese Zeilen von mir zu erhalten, nachdem wir fast ein Menschenalter so gut wie nichts von einander gehört haben. Ich komme von Sorgen beladen zu Dir und möchte nun einen Rat von Dir haben, wenn das jetzt, in diesen chaotischen Zeiten möglich ist. Darf ich einmal eine Viertelstunde zu Dir kommen, um Dir meine Not vorzutragen? Wir sind total ausgebombt und wohnen in Untermiete ganz in Deiner Nähe – Fockestrasse 57 pt. bei (Lucy) Bär. Als ich vor einigen Tagen Frau Hering besuchte, sah ich, dass Du in der Brandvorwerkstrasse im selben Hause wohnst. Darf ich also einmal kommen und wann? Bitte sei mir nicht böse, dass ich mich so einfach an Dich wende, aber ich weiss mir keinen anderen Rat! Meine Frage darf wohl auf Antwort warten?

Mit herzlichem Dank und freundschaftlichem Gruss
Milly Wünschmann geb. Kröer

Anmerkung:
Milly Wünschmann war eine gute Freundin aus Kindheitstagen. Die Familie Kröer wohnte damals in der Nähe der Familie Drucker am Sophienplatz. Ihre ältere Schwester Marie ging mit Druckers Schwester Johanna zur Schule.
Martin Drucker, Lebenserinnerungen, Leipzig 2007

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 9 c

Antwortschreiben Martin Drucker an Georg Rosen, 20.06.1946

20. Juni 1946.

Herrn
Dr. George H.   R o s e n ,
498 West End Avenue,
New York 24. N. Y.

Sehr geehrter Herr Dr. Rosen !
Aus Ihrem Brief vom 17. Mai ds. Jrs. habe ich zu meiner Überraschung ersehen, dass Sie Nachrichten über mich erhalten haben. Es trifft zu, dass ich seit einem Jahre wieder den Beruf ausübe. Darüber, was ich in den 12 Jahren der Naziherrschaft und insbes. in der Zeit des Krieges erlitten habe, will ich mich nicht aussprechen.
Auf Ihre Anfrage nach früheren Kollegen kann ich Ihnen berichten, dass Alfred Neu seit Zusammenbruch des Naziregimes hier Landgerichtspräsident ist. Ich habe ihm Ihre Grüsse schon ausgerichtet. Auch Hans Otto und Hubert Simon sind wieder als Rechtsanwälte zugelassen. Über Hellmuth Löffler weiss ich nichts. Möglicherweise ist er noch gar nicht aus dem Krieg oder Gefangenschaft zurückgekehrt. Jedenfalls ist er als Anwalt nicht zugelassen.
Einen Reichsbankrat Wilhelm Schäfer habe ich nicht gekannt, erinnere mich auch nicht, jemals von ihm gehört zu haben.
Wegen der Wiedergutmachungsansprüche von Antifaschisten oder Juden sind seitens der Landesverwaltung Sachsen noch keinerlei Anordnungen erlassen worden, wohl aber sind solche in Aussicht gestellt worden.
Eine Anmeldungspflicht für früher in jüdischem Besitz gewesene Grundstücke besteht nicht. Sie werden aber meistens noch von den seinerzeit seitens des Reiches eingesetzten Treuhändern verwaltet, die die Erträgnisse an ein Finanzamt abzuführen haben. In dieser Hinsicht scheint baldige Regelung bevorzustehen.
Von Steuergesetzen, die jüdische Auswanderer betreffen, ist wohl nur das Reichsfluchtsteuer-Gesetz zu erwähnen. An eine Zurückzahlung der gezahlten Steuern ist nicht zu denken.
Damit glaube ich Ihre Fragen im wesentlichen beantwortet zu haben und bleibe mit besten Grüssen

Ihr (Drucker)

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 90

Henry Gold (New York) an Franz Stoiber

Meine Privat-Adresse
760 Westend Ave
New York City
Henry Gold

New York 6/15/46

Herrn
Franz S t o i b e r
L e i p z i g,

Sehr geehrter Herr Stoiber!

Es ist wohl keine Übertreibung, wenn ich Ihnen sage, dass ich und meine Frau freudig bewegt waren, als wir ein Lebenszeichen von Ihnen erhielten. Im Laufe der letzten sieben unheilvollen Jahre dachten wir öfters an Sie und Ihre liebe Familie. Wir gedenken unablässig der herzlichen Aufnahme, die wir Ihrem Hause während des November – Juden – Pogroms fanden.
Der Verlust Ihres Sohnes hat uns tief erschüttert. Aber auch wir sind von schmerzlichen Schicksalsschlägen nicht verschont worden. Ich betrauere den gewaltsamen Tod meiner Schwester mit ihrer 5köpfigen Familie, desgleichen meine Frau-ihrer Schwester und deren Mann. Sie Alle sind in den Gaskammern jäh ums Leben gekommen.
Wir nahmen mit Bedauern Kenntnis, dass Ihr Gesundheitszustand viel zu wünschen übrig lässt und sind wir mit Vergnügen bereit, Ihnen in irgend einer Wiese behilflich zu sein. Wir erwarten daher Ihre Rückantwort mit detaillierter Angabe der Mittel und Wege, damit wir Alles arrangieren können.
Wir sind bereits 6 Jahre hier und sind bereits amerikanische vollberechtigte Bürger. Ich arbeite in unserer Firma wie üblich.
Eitingon-Schild besteht lediglich in Liquidation. Die neue Firma lautet nunmehr: Motty Eitingon, Jnc. 224 W. 30 th.st.
Wir machten in den letzten 4 Jahren glänzende Geschäfte und Motty ist wieder hochgekommen. Wie geht es Herrn Römer? Herr Justizrat Drucker, wie wir hören, ist in „big shot“, wie wir es hier bezeichnen. Bitte übermitteln Sie diesen meinen Freunden meine Grüsse. Wir sehen Ihrer Rückantwort gern entgegen und begrüssen Sie und Ihre liebe Gattin aufs Herzlichste

H. Gold & Frau

P.S. Wie geht es Frl. (Elly) Pöhler (Sekretärin)? Können Sie mir ihre Adresse geben?
D.O.

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 40

Martin Drucker an Helmuth Delbrück (Celle), 16.06.1946

16. Juni 1946

Sehr geehrter Herr Präsident!

Ihre sehr freundlichen Zeilen vom 1. April dieses Jahres wären längst beantwortet worden, wenn ich nicht seit Anfang Mai an einer zu spät entdeckten Lungen- und Rippenfellentzündung krank zu Hause läge und erst jetzt wieder anfangen kann, in einer mir täglich gestatteten kärglichen Aufstehzeit etwas zu diktieren. Ich habe mit grossem Interesse davon Kenntnis genommen, dass Sie in den Richterstand übergetreten und von Anfang an in eine Position gelangt sind, die der Stellung eines angesehen Anwalts entspricht. Das gilt ja auch von unserem Kollegen (Hodo) von Hodenberg. Vielleicht haben Sie auch davon gehört, dass Dr. (Heinrich) Dittenberger Oberamtsrichter in Kitzingen ist. Die Justiz, die früher dem Verlangen, erfahrene Anwälte in höhere Stellungen zu übernehmen, nicht sehr geneigt war, hat nun Gelegenheit, sich von den Vorteilen einer solchen Einrichtung zu überzeugen. Bei uns in Leipzig kann der sehr rege Gerichtsdienst überhaupt nur dadurch aufrechterhalten werden, dass eine sehr grosse Anzahl von Anwälten nebenbei als Hilfsrichter tätig ist.
Meine von Ihnen erwähnten Bestrebungen, den D A V wieder aufzurichten, kommen leider nicht von der Stelle, hauptsächlich deshalb nicht, weil die Genehmigung der Besatzungsmächte zur Gründung von Vereinen und insbesondere solchen, die sich über die Zonengrenzen weg erstrecken sollen, nicht zu erlangen ist. Unsere Bemühungen werden aber fortgesetzt. – Von vielen der Kollegen, mit denen wir seiner Zeit in der Standesarbeit uns begegnet sind, habe ich Nachrichten. Wenn Sie mich wissen lassen, für wen Sie besonderes Interesse haben, so bin ich gern bereit, Ihnen weitere Mitteilung zu machen.
Ich bitte Sie, Herrn (Hodo) von Hodenberg meine besten Empfehlungen zu übermitteln und bleibe mit freundlichen Grüssen

Ihr sehr ergebener (Drucker)

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 41

Martin Drucker an Wilhelm Wielandt?, 16.06.1946

Lieber Wilhelm!

Dein Brief vom 20. Januar 1946 hat mich schließlich auf Umwegen erreicht. Den Landaufenthalt in Grossbothen hatten wir schon Ende 1937 aufgegeben. Hier in Leipzig war es nicht schwer, mich zu ermitteln. Dass ich Dir aber trotz der großen Freude und Genugtuung, die Dein Brief gebracht hat, erst jetzt antworte, hat einen besonderen Grund darin, dass ich seit Anfang Mai infolge einer viel zu spät durch eine ganz anderen Zwecken dienende Röntgenaufnahme festgestellten Lungen- und Rippenfellentzündung ans Haus gefesselt bin und erst jetzt wieder täglich einige Stunden der Rekonvaleszenz ausser dem Bett verbringen kann. Aber das ist ja alles nebensächlich gegenüber der Tatsache, dass wir nun endlich wieder in wenigstens brieflichen Verkehr kommen können. Ich bin sehr beruhigt darüber, dass Du die wüste Zeit im wesentlichen unbeschädigt durchgestanden hast und nun wieder der Friedensarbeit obliegen kannst. Wie weit Du über unser Schicksal seit der Zeit, als Du mit Deiner Gattin hier in Leipzig warst, unterrichtet bist, kann ich aus der Erinnerung nicht mehr feststellen. Das letzt, was Du von mir erfahren hast, wird wohl die Mitteilung von dem im Januar 1939 eingetretenen Tode meiner Frau gewesen sein. Sie ist tatsächlich als ein Opfer der Nazis gestorben. Die Judengreuel, die im November 1938 gerade hier in Leipzig in so beispielloser Gemeinheit und Schändlichkeit sich breit machten, hatten sie gemütlich derart erschüttert, dass ihr Herzleiden eine wesentliche Verschlimmerung erfuhr, der sie dann erlegen ist. Das ist nicht etwa Einbildung der Familie, sondern ärztlich ausser Zweifel gestellt. Trotz dieses Einbruchs in unsere Familiengemeinschaft haben wir alle bald Anlass gefunden, den Tod der Gattin und Mutter als eine gütige Schicksalsfügung aufzufassen. Das, was hinterher kam, hätte sie nicht ertragen. Damit meine ich nicht etwa die schamlosen Verfolgungen, denen ich durch die Nazis ausgesetzt war. Ich habe meinen Beruf bis zum 1. April 1944 ausüben können, wenn auch ein ehrengerichtliches Verfahren das andere jagte. Als mir selbst mit Hilfe falscher Zeugen nicht beizukommen war, wurde ich unter dem oben angegebenen Datum unter gröblichster Verletzung der Rechtsanwaltsordnung einfach in den Ruhestand versetzt. Trotzdem fanden Dr. Eckstein, der mir die Treue hielt, und ich Mittel und Wege, um mich weiter in unangreifbarer Weise juristisch arbeiten zu lassen, bis diese Tätigkeit durch meinen noch zu erwähnenden Weggang nach Jena ihr Ende fand. Aber das Schicksal hatte andere Schläge für uns in Bereitschaft. Im Juli 1943? fiel mein jüngerer Sohn, der schon seit Frühjahr 1940 eingezogen war, bei El Alamein in Aegypten unter besonders tragischen Umständen. Dass man ihm in Deutschland seine akademische Karriere verdorben hatte, hinderte ja nichts daran, ihn sein Leben für die Nazimeute einsetzen zu lassen. Im Januar 1945 erlitt auch mein älterer seit 1941 verheirateter Sohn den sogenannten Heldentod, das heisst, er wurde als seine in der Nähe von Radom bis dahin stehende Einheit vor den Russen fliehen musste, irgendwo auf der Landstrasse ermordet. Seine beiden kleinen Jungen, deren jüngeren er noch nicht einmal gesehen hat, sind nun die letzten, die unseren Familiennamen in die Zukunft tragen können, wenn sich das überhaupt verlohnt und ermöglichen lässt.
Nicht weniger als viermal wurden wir ausgebombt. Schon im Dezember 1943 ging mein Büro in der Ritterstraße, wohl das schönste aller Leipziger Büros, mit der schlechthin unersetzlichen Bibliothek, die noch kurz vorher auf 40.000 RM geschätzt worden war, nebst der ganzen Einrichtung und allen Akten in Flammen auf. Wir übernahmen das Büro nach meiner Wohnung in der Schwägrichenstrasse. Dort wurde am 7. Juli 1944 ein Teil des Mozartstrassenflügels durch Bomben einfach weggerissen und somit das Büro zum zweiten Male vernichtet. Wir gingen aber daran, es erneut einzurichten. Aber am 27. Februar 1945 bei einem der grauenvollsten Angriffe, den Leipzig durchgemacht hat, wurde das grosse Haus durch Bomben und Phosphorbegiessung völlig vernichtet. Da es von oben nach unten niederbrannte, gelang es zwar einigen herbeigeeilten Freunden, verhältnismässig viel Einrichtungsgegenstände einigen zugänglich gebliebenen Zimmern zu retten, die in ein Lagerhaus verbracht wurden. Am 6. April 1945 wurde dieses Lagerhaus mit unserer ganzen Habe zerstört. Wir besitzen nur noch, was schonlange vor diesen Katastrophen in Kisten verpackt auswärts eingelagert worden war. Die sehr gute Wohnung, die ich jetzt bewohne, ist mit aus acht Haushaltungen zusammengeborgten Gegenständen eingerichtet.
Durch den 27. Februar war ich mit meiner Schwiegertochter und den kleinen Jungen sowie meiner Tochter Renate, die inzwischen in Strassburg das Doktorexamen hatte machen können, obdachlos geworden. Das genügte aber meinen Naziverfolgern nicht. Ich erhielt zuverlässige Nachricht, dass man, um mich endlich los zu werden, mich in ein Konzentrationslager abschaffen wolle. Dieser freundlichen Aussicht entzogen wir uns dadurch, dass wir gegen Ende März vorigen Jahres und nach Jena wendeten und dort untertauchten. Dort waren wir kaum drei Wochen, als der Einmarsch der Amerikaner den Spuk ein Ende bereitete. Wir blieben dann noch bis Anfang Juni in Jena, dann wurde ich in einem von Leipzig entsendeten Auto zurückgeholt, um hier die Führung der Anwaltschaft wieder zu übernehmen. Die Amerikaner hatten durch eine geheime demokratische Wahl der Anwälte, die nicht Pgs gewesen waren, einen Ausschuss wählen lassen, an dessen Spitz ich als Präsident gestellt wurde. Kurz darauf wurde ich auch zum Vizepräsidenten der vorläufigen sächsischen Anwaltskammer (Sitz Dresden) berufen. Die Praxis, in der ich wieder mit Eckstein vereinigt war, stellte die grössten Anforderungen an mich. Ich habe während meiner ganzen Anwaltstätigkeit niemals so viel Mandate entgegennehmen müssen als nach meiner Rückkehr. Das erklärt sich ja unschwer. Die grosse Inanspruchnahme durch die Arbeit ist wahrscheinlich auch schuld daran, dass die Lungenentzündung zu spät entdeckt wurde. Ich hatte einfach nicht Zeit gehabt, mich um meinen Körper zu kümmern, bis er eben nicht mehr mitmachte.
Wie es nun hier weiter gehen wird, weiss freilich niemand. Das hängt von der Entwicklung der politischen Verhältnisse ab, die für mich nicht durchsichtig sind. Ich denke viel darüber nach, komme aber zu keinem klaren Ergebnis. Da wir aber die grauenhaften zwölf Jahre durchgestanden haben, werden wir vielleicht auch über die Unklarheiten und Schwierigkeiten der neuen Zeit hinwegkommen.
Ich habe Dir so ausführlich geschrieben, weil ich an einem stillen Sonntagvormittag die Möglichkeiten zu diesem Diktat fand, und würde mich nun sehr freuen, auch bald wieder von Dir zu hören. Du und ich sind ja tatsächlich die letzten Überlebenden aus dem Leipziger Freundschaftskreise. Mit der Bitte, mich Deiner Gattin bestens zu empfehlen, bleibe ich mit herzlichen Grüssen

Dein (Martin)

Anmerkung:
Wilhelm Wielandt (1870-1964)
Der Adressat dieses Briefes kann nur aus dem Inhalt vermutet werden, da ein Familienname nicht genannt wird.

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Anlage 42

Pfarrer Rudolf Wielandt (Berlin) an Martin Drucker, 12.08.1945
Postkarte

Absender:
Pfarrer i. R. R(udolf) Wielandt
Berlin W 35, Bülowstr. 61

Herrn
Dr. M. Drucker
(10) Leipzig
Schwägrichenstr. 5

Berlin, 12. August 45

Lieber Freund !

Seit einigen Tagen geht hier wieder die Post. Da drängt es mich, Dir sofort einen Gruß zu senden. Was für schwerste Jahre hast Du mit den Deinen und ganzbesonders im Hinblick auf deren Zukunft durchgemacht. Doch nun: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen, und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.“ Nun kommt ja wieder die Rehabilitation mit allen Ehren. Wie freue ich mich für Dich und mit Dir.
Von Bruder Wilhelm weiß ich natürlich nichts; er ist wohl in der englischen Zone. Auch von meinen drei Söhnen nichts. Durchgemacht haben auch wir Schweres. Doch wir haben viel zu danken: ich darf ungebrochen an Leib und Seele vollen Dienst tun, wenn auch sehr entkräftet, und die Wohnung wir auch über den letzten Zerstörungsschauer der sinnlosen „Verteidigung von Berlin“ behalten. Bezüglich der Zukunft bin ich fröhlicher christlicher Optimist. Ich sehe ja auch genau die täglichen Fortschritte trotz aller Hemmnisse, und spüre handgreiflich Gottes führende Hand.

Anmerkung:
Rudolf Wielandt (1875-1948), Sohn des RGR Karl Wielandt, Bruder von Wilhelm Wielandt, Friedenspfarrer in Niedereggenen.

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 9

Heinrich Dittenberger an Drucker, 09.03.1946

Dr. Dittenberger
Kitzingen, den 9. März 1946
Wörthstrasse 80 II.

Herrn
Justizrat Dr. D r u c k e r
Leipzig, S 3.
Brandvorwerkstrasse 80 II.

Sehr geehrter Herr Kollege!

Besten Dank für Ihre freundlichen Briefe vom 9. und 18. vor. Mts., die gleichzeitig hier eintrafen.
Die Angelegenheit Rotzsch hat sich in der Tat vorläufig erledigt, da R. die Mietzahlungen wiederaufgenommen hat.
Die Nachricht, dass auch Ihr Heinrich dem wahnwitzigen nationalsozialistischen Verbrechen zum Opfer gefallen ist, hat meine Frau und mich tief erschüttert. Es ist wirklich zu viel des Leides, dass Ihnen auferlegt worden ist und ich will bisweilen, wenn ich mein Schicksal mit dem mancher Freunde, wie dem Ihrigen vergleiche, ein gewisses Grauen vor der Götter Neide überkommen, Es ist wie ein Wunder, dass wir vor dem Schlimmsten bewahrt geblieben sind. Mein ältester Schwiegersohn lag 1944 Monate lang mit einer rätselhaften Infektionskrankheit im Lazarett, schwebte lange Zeit zwischen Leben und Tod und stand in der Gefahr, zu erblinden. Mein zweiter Schwiegersohn wurde in der den Russlandfeldzug eröffnenden Panzerschlacht, der dritte im Jahre 1944 an der Ostfront verwundet. Alle drei sind völlig wiederhergestellt. Meine Frau und ich entgingen bei dem vernichtenden Angriff auf Freiburg i.B. am 27.11.44 ganz knapp dem Tode; wir waren nicht beisammen und mussten einige Tage lang ein jeder vom anderen überzeugt sein, dass er ein Opfer des Angriffes geworden sei. In Würzburg waren wir zweimal in unmittelbarster Gefahr; meine Frau wurde verletzt, ist aber gleichfalls wiederhergestellt.
Hitler pflegte, wenn ein Unheil an ihm vorüberging, in seiner Hybris von einem „Walten der Vorsehung“ zu sprechen. Ich sehe darin, dass es den einen trifft und den anderen verschont, eine Sinnlosigkeit, die ich nicht zu ergründen vermag.
Es muss ein kleiner Trost für Sie sein, dass Sie sich an den Enkelkindern erfreuen können und überdies Ihre Töchter bei sich haben. Sind Ihre Enkel auch in Leipzig? Ich habe ja das grosse Glück, zwei meiner Töchter und vier meiner Enkel ganz in der Nähe zu haben, sodass ich sie häufig sehen kann.
Dies war auch ein Grund für mich, den hiesigen Richterposten zu übernehmen. Ich hätte lieber meine Praxis in Berlin wieder aufgenommen. Inzwischen habe ich allerdings von dort Nachrichten, die mir die Lust zur Rückkehr genommen haben. Einer meiner Richter, der früher auch Anwalt in Berlin war, hat dieses kürzlich besucht und hat mir über die ausserordentlichen Schwierigkeiten des Lebens dort berichtet.
Die Grundsätze der „Entnazifizierung“ sind hier wohl im wesentlichen dieselben, wie bei Ihnen. Nachdem man anfänglich etwas weitherziger gewesen war, legt man jetzt den strengsten Massstab an. Eine ganze Anzahl von Richtern, Justizbeamten, Rechtsanwälten usw., die ganz gering belastet und deshalb wieder angestellt oder zugelassen waren, sind wieder hinausgetan worden, sehr zum Nachteil der Rechtspflege, die mühsam vegetiert. Wegen des Richtermangels hat man hier sogar Amtsgerichte, die feierlich eröffnet worden waren, wieder schliessen müssen. Ich weiss im Augenblicke nicht, ob ich Ihnen nicht schon davon berichtete, dass auch mein Amtsgericht Kitzingen dadurch in eine recht schwierige Lage geraten ist. Hier waren früher acht Justizinspektoren und Obersekretäre. Bei der Wiedereröffnung des Gerichts im September vor J. erhielt ich mit Müh‘ und Not drei Inspektoren, mit denen der Betrieb allenfalls hätte durchgeführt werden können. Nun hat man mir zwei von diesen Inspektoren wieder genommen, weil sie belastet erscheinen, und nun soll die Arbeit mit einem einzigen Beamten und fünfzehn Anwärtern und ungeschulten Kräften geschafft werden; ein Ding der Unmöglichkeit. In diesen Tagen ist nun ein neues Entnazifizierungs- und Entmilitarisierungsgesetz für die amerikanische Besatzungszone verkündet worden. Es hat den Vorzug, dass es die Entscheidung in die Hand der deutschen Behörden legt, enthält aber im übrigen nicht die allgemein erwartete Milderung, sondern eher eine Verschärfung der Vorschriften. Wie man unter diesen Umständen die nötigen Kräfte für den Wiederaufbau gewinnen will, weiss ich nicht.
Auch mir erscheint die Wiedererweckung des DAV als eine recht schwierige Aufgabe. Eine wichtige Voraussetzung ist doch wohl die Gleichrichtung der verschiedenen Besatzungszonen, die ja von den Amerikanern und Engländern angestrebt, aber vorläufig von den Russen verhindert wird. Dass bei den hiesigen, d. h. mainfränkischen Kollegen vorläufig kein Interesse für die Sache besteht, habe ich Ihnen wohl schon geschrieben. – Dass der Deutsche Rechtsverlag Anspruch auf die JW erhebt, ist grotesk. Es wird wohl nicht schwer sein, dies zurückzuweisen.
Meine Frau dankt Ihnen recht herzlich für Ihre freundlichen Grüsse, die sie aufs Wärmste erwidert. Ich hoffe nicht nur, dass wir in Mitteilungsaustausch bleiben, sondern auch, dass uns ein Wiedersehen beschieden sein wird.

Mit kollegialen Grüssen verbleibe ich
Ihr getreuer und in Dankbarkeit
ergebener
Dittenberger

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 1

Schreiben JR Albert Pinner (Berlin) an Martin Drucker vom 13.04.1928

Berlin W 56, den 13. April 1928

Herrn Justizrat Dr. Drucker
Streng vertraulich!

Sehr geehrter Herr Kollege!

Gestatten Sie mir, abseits unserer Korrespondenz, die den Berliner Anwaltverein betrifft, mich persönlich an Sie in folgender Angelegenheit zu wenden:
Bei der Neuorganisation des Deutschen Anwaltvereins spielt  selbstverständlich die Führerfrage eine ent­scheidende Rolle; also abgesehen von der Person des neu zu ernennenden Aussenministers die Frage, wer Präsident des neu organisierten künftigen Anwaltvereins sein würde. Selbstverständlich haben wir in Berlin uns auch schon mit dieser Frage eingehend beschäftigt und zwar im engeren Kreise, dem ausser mir 3 andere Mitglieder des Vorstandes angehören. Wir sind zu einem Resultat ge­langt, das ich Ihnen im folgenden mitteile und wollen, bevor wir Ihre Willensmeinung kennen, von Beratung im weiteren Kreise absehen. Bleibt der Deutsche Anwaltver­ein in Leipzig, so ist die Frage ohne weiteres unserer Ansicht nach gelöst, denn wenn wir auch, wie ich Ihnen offen gestehe, mit der Art, in der Sie sich dem grössten Ortsverein, dem Berliner Anwaltverein, gegenüber verhal­ten, uns nicht immer einverstanden erklären können, so hindert uns das nicht, anzuerkennen, dass Sie der allein in Betracht kommende Vorsitzende des reorganisierten in Leipzig sitzenden Anwaltvereins sind. Nun aber haben wir die durch gewisse Tatsachen begründete Vermutung, dass in der Vertreterversammlung der Antrag gestellt werden wird, den Sitz nach Berlin zu verlegen. Meine Ansicht hierüber kennen Sie. Ich bin absolut davon überzeugt, dass ein gedeihliches Wirken des Deutschen Anwaltver­eins, insbesondere in der jetzt in Aussicht genommenen Art des weiteren Heraustretens in die Öffentlichkeit und der Beeinflussung der öffentlichen Meinung, insbesondere der Mitglieder der Parlamente und der Regierungen, nur möglich ist, wenn der Verein seinen Sitz in der Reichs­hauptstadt hat. Ich verkenne zwar nicht, dass gefühls­mässige Bedenken vorhanden sind, dieselben sollten aber überwunden werden, wenn es sich um das Interesse des ge­samten Anwaltsstandes handelt. Andererseits hat die Be­handlung der Frage im Vorstand des Deutschen Anwaltver­eins und in der Reichskonferenz mich dazu geführt, mei­nerseits keinerlei Aufträge auf Verlegung des Sitzes nach Berlin zu stellen und ich glaube annehmen zu können, dass auch seitens unserer Vertreter ein derarti­ger Antrag nicht gestellt werden wird. Wird er von ande­rer Seite gestellt, so nehme ich an, dass unsere Vertreter dem Antrage zustimmen würden. Ob eine Verlegung des Sitzes nach Berlin erfolgt oder nicht, kann niemand wissen; wir müssen aber mit der Möglichkeit rechnen und da wir ja die Anwaltschaft in Berlin orientieren müssen, müssen wir uns schlüssig machen, wie wir in solchem Falle handeln würden. Ich bin überzeugt, dass die erste Frage, die hierbei an uns gestellt würde, die ist, wen wir zum Vorsitzenden präsentieren. Der engere Kreis, von dem ich oben sprach, geht nun davon aus, dass wir nicht die Absicht haben, einen Berliner Kollegen zum I. Vor­sitzenden und zum I. Stellvertreter vorzuschlagen. Wir würden in diesem Falle empfehlen, dass Sie den Vorsitz weiter übernehmen, einesteils aus der bereits oben dar­gelegten Erkenntnis, dass Ihre Eigenschaften als Vorsit­zender derart sind, dass keine Veranlassung besteht, von Ihrer Wahl zum Vorsitzenden Abstand zu nehmen, anderer­seits, weil wir Gewicht darauf legen, dass in der Geschäftsführung des Vorstandes eine Kontinuität statt­findet und gerade dann, wenn der Ort des Vereins verlegt wird. Zum stellvertretenden Vorsitzenden würden wir Herrn Rechtsanwalt Fischer in Hamburg vorschlagen und zum 2. stellvertretenden Vorsitzenden Herrn Rechtsanwalt Dr. Willy Alterthum in Berlin, Boxhagener Str. 55. Wir sind überzeugt, dass ein derart zusammengesetzter Vor­stand geeignet ist, die Interessen der Anwaltschaft voll zu vertreten und die Anwaltschaft auf der Bahn weiter zu führen ist, die wir jetzt zu gehen uns entschlossen ha­ben. Wir glauben auch nicht, dass dadurch, dass Sie und Herr Kollege Fischer nicht am Orte des Vereins wohnen, besondere Unzuträglichkeiten sich ergeben. Wir gehen da­von aus, dass der Vorsitzende die allgemeine Leitung hat, dass er die Richtung geben soll, dass er Anreger und Ausführer für den Vorstand sein soll. Gerade wenn nach der neuen Satzung die Einführung neuer Vertreter beschlossen wird, insbesondere des sogenannten Aussen­vertreters, fällt dem bisherigen Vertreter und dem Au­ssenvertreter die Hauptarbeit, also die tägliche Arbeit des Vorstandes zu und es genügt vollkommen, wenn alle Monate oder in ruhigen Zeiten alle zwei Monate eine Sit­zung des Gesamtvorstandes stattfindet, zu der bei gerin­gen Entfernung von Leipzig nach Berlin zu kommen ja nicht besondere Schwierigkeiten machen würde. Ich habe Ihnen diese unsere Gedanken mitgeteilt. Ich darf Sie bitten, die Sache zu überlegen und mir, und zwar ledig­lich persönlich, mitzuteilen, ob falls eine Sitzverle­gung stattfindet, Sie bereit sein würden, eine auf Sie fallende Wahl als Vorsitzender anzunehmen. Ich kann selbstverständlich nicht sagen, ob, falls eine bejahende Antwort Ihrerseits erfolgt, die Vertreter, die ja schliesslich über die Wahl des Vorstandes und indirekt damit des Vorsitzenden zu entscheiden haben, sich dieser Ansicht anschliessen. Ich bin aber überzeugt, dass, wenn wir ihnen Gründe darlegen, wir unsere Vertreter zu der Überzeugung bringen. Ich habe mich bisher auch nicht an Herrn Kollegen Fischer gewandt, da ich zunächst Ihre Antwort abwarten möchte. Bemerken darf ich, dass ich am Donnerstag, den 19. ds. Mts., auf ca. 4 Wochen verreise. Die Verhandlungen hier werden auch während meiner Abwe­senheit fortgeführt. Ich würde es begrüssen, wenn ich von Ihnen vor Donnerstag schon eine Antwort hätte, ev. bitte ich Sie, falls dies nicht möglich ist, Ihre Antwort an Herrn Rechtsanwalt Dr. Willy Alterthum in Berlin, Boxhagener Str. 55 richten zu wollen.

Der Original­brief befindet sich im privaten Nachlaß Martin Druckers.

 

 

 

 

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 10

Gerhard Herrmann an Martin Drucker, 11.04.1946

Dr. Gerhard Herrmann,
München 13,
Elisabethstr. 7 II links
11.April 1946

Lieber und verehrter Fempe,

Meinen Brief von vor 14 Tagen, den ich Ihnen kurz nach der Begegnung mit Herrn Mau schrieb, werden Sie hoffentlich erhalten haben. Meine früheren Versuche mit Ihnen in Verbindung zu treten scheinen allerdings fehlgeschlagen zu sein. Entweder ist die Post verloren gegangen oder wurde Ihnen nach der neuen Anschrift nicht nachgesandt.
Mein Dasein in den letzten 5/4 Jahren ist einigermassen turbulent verlaufen – wie wohl bei den meisten von uns – per saldo habe ich aber ziemlich Glück entwickelt.
Im Januar 1945 geriet ich natürlich in den Wirbel der grossen Russenoffensive. Wie durch ein Wunder kam ich aber heil davon und gelangte schließlich durch einen tollen Zufall zum Stabe der Heeresgruppe Mitte (Schörner), der in den letzten Monaten des Krieges in der Tschechei lag. Hier wurde ich als Schreiber und Kurier eingesetzt und bin in Mittelböhmen viel als Kurier hin- und hergesaust. Noch Anfang Mai 45 war ich in dem scheinbar friedlichen Prag. Als dann der grosse Aufstand der Tschechen losbrach, von dem man wohl in Deutschland durch den allgemeinen Zusammenbruch wenig erfahren hat, befand ich mich erfreulicherweise gerade bei meinem „Verein“ in Altbunzlau. Es glückte uns dann unter Kämpfen mit Tschechen knapp vor den Russen zu den Amis in der Karlsbader Gegend zu gelangen. Diese konnten aber mit uns nichts anfangen und da die Gefahr bestand, daß wir zu den Russen abgeschoben wurden, haben wir uns einzeln in Richtung Heimat selbständig gemacht. Auf grossen Umwegen gelangten wir über Tirschenreuth ins Reichsgebiet. Bei dem Versuch bis Leipzig durchzustossen, wurde ich mit einem Kameraden nördlich des Fichtelgebirges geschnappt vom Ami. Wir hatten aber Glück und wurden schon nach einer Woche wieder entlassen und zwar Richtung München wo ich zunächst mal bei Verwandten unterschlüpfte. In der zweiten Hälfte 45 konnte ich mir dann eine sehr schöne Existenz als Dolmetscher und Sprachlehrer in Mü. aufbauen. Das Glück war freilich von kurzer Dauer, denn auf Grund der Nazisäuberungsbestimmungen wurde mir jede sprachliche Betätigung untersagt und seit Ende Dezember habe ich eine ganz untergeordnete Stellung als Hilfsarbeiter bei einer Baufirma inne. Schön ist anders, aber was will man machen. Von diesem beruflichen Mißgeschick abgesehen, gefällt es mir aber hier sehr gut. Die herrliche Stadt ist zwar böse zugerichtet, aber sie hat doch viel von ihrem alten Zauber bewahrt.
Nun, und über die schöne Umgebung, nahe wie weite, ist weiter kein Wort zu verlieren. Solange das Schicksal des Goldmann Verlages nicht positiv geklärt ist, hat auch eine Rückkehr nach L. wenig Sinn für mich. Denn hier habe ich, wenigstens nach erfolgter Denazifizierung, wenigstens die Möglichkeit, mir eine „englische“ Existenz aufzubauen, wozu in L. kaum die Möglichkeiten gegeben sind. Und ob und wann man sich wieder der Verlegerei widmen kann, ist doch noch recht ungewiss. Dieses Schreiben möchte ich nun mit einer Bitte verknüpfen, die auszusprechen mir nicht ganz leicht wird. Sie wissen, für die Bereinigung braucht man polit. Leumundszeugnisse. Für die Zeit ab 1937 haben mir hiesige einflussreiche Bekannte sehr schöne Testate ausgestellt. Aber ich muß natürlich den Nachweis führen, daß ich auch vor 1937 ein anständiger Mensch war. Würden Sie nun die grosse Freundlichkeit besitzen, mir eine entsprechende eidesstattliche Erklärung zu übersenden. Hieraus müsste sich ergeben, daß Sie selbst niemals Parteimitglied waren usw, daß Sie mich seit 1928 kennen etc. Ich weiß nicht, wie diese Dinge in L. gehandhabt werden, habe aber im allgemeinen den Eindruck, daß man hierzulande in dieser Hinsicht weit strenger ist. Aber wie stets heute sind die Informationen recht widersprechend. Es ist mir recht peinlich, daß ich Sie in dieser Sache behelligen muß, aber ich sehe keine andere Möglichkeit, um mein Leben wieder in Ordnung zu bringen. Difficile est satyram non scribere !
Mit Sorge habe ich von den sehr schlechten Ernährungsverhältnissen in L. gehört. Hoffentlich ist Ihre und der Enkel Gesundheit hierdurch nicht gar zu nachteilig berührt worden.
Ich würde mich sehr freuen, von Ihnen oder von weiblicher Hand – denn Sie werden jetzt gewiß sehr viel zu tun haben, Näheres über Ihr und Ihrer Familie Ergehen zu erfahren. Wie geht es Ursel, Ina und Renate, wo stecken sie, was treiben sie? usw. Es gäbe so viel zu fragen und zu erzählen. Und manches wäre leichter, wenn man einander gegenüber sässe. Aber der Himmel weiß, wann dies der Fall sein wird.
Recht herzliche Grüsse Ihnen, Töchtern und Enkeln
Ihr stets treu ergebener

Gerhard Herrmann

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 14

Antwortbrief von Martin Drucker an Eberhard Forche, 23.06.1946

23. Juni 1946.

Lieber Eberhard!

Dieser Tage kam ein Brief von Heinz Roloff  [1], der auf eine Mitteilung von Ihnen des Inhalts Bezug nahm, dass Sie verschiedentlich versucht hätten, mit uns in Verbindung zu treten. Deshalb beeile ich mich, Sie darüber zu unterrichten, dass Ursel Ihnen vor einigen Monaten – genau kann ich den Zeitpunkt nicht feststellen – ganz ausführlich geschrieben hat. Auch dieser Brief hat Sie anscheinend nicht erreicht. Danach traf Ihr vom 27. März datierter Brief ein. Er wäre schon längst beantwortet worden, wenn sich nicht die verschiedensten Hindernisse in den Weg gestellt hätten. Zunächst war es mir infolge einer im April mir entgegenstehenden Ueberhäufung mit Arbeit wirklich nicht möglich, mich mit Privatbriefen zu beschäftigen. Anfang Mai aber wurde durch eine Röntgenuntersuchung bei mir eine schon seit mehreren Wochen bestehende Lungen-und Rippenfellentzündung festgestellt und ich ins Bett gesteckt. Noch heute habe ich, obwohl die Krankheit inzwischen behoben ist, das Haus nicht verlassen können, sondern darf nur täglich für ein paar Stunden das Bett verlassen, die ich zum Diktieren von Briefen benutzen kann. Ich bitte Sie deshalb, die bisherige Nichtbeantwortung Ihres Briefes zu verzeihen.
Wie weit Sie über unsere Schicksale seit Februar oder März 1945 unterrichtet sind, weiss ich infolge der Störung des Briefwechsels nicht. Ich will Ihnen daher wenigstens einige wesentliche Tatsachen auch für den Fall, dass Sie sie schon wissen sollten, mitteilen.
Nachdem durch den fürchterlichen Bombenangriff am 27. Februar vorigen Jahres auch das Haus in der Schwägrichenstrasse vollständig zerstört und niedergebrannt war und wir obdachlos geworden waren, siedelten Ursel mit den Kindern, Renate und ich, nachdem wir kurze Zeit bei verschiedenen Bekannten in Leipzig untergekrochen waren, nach Jena über. Ein wesentlicher Grund dafür bestand darin, dass von Naziseite ernstlich mit meiner Abschaffung in ein Konzentrationslager gedroht wurde. Aber in Jena waren wir jener Gesellschaft aus den Augen gerückt. Glücklicherweise marschierten schon nach wenigen Wochen die Amerikaner in Jena und gleich darauf auch in Leipzig ein. Es dauerte noch bis Anfang Juni, ehe wir von Jena zurückgeholt wurden. Hier fand ich von Anfang an eine ausserordentlich grosse Arbeitslast vor. Nicht nur, dass alte und neue Klienten in das inzwischen von Dr. Eckstein im Europahaus gemietete Büro einströmten und mich von früh bis abends bis an die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit in Anspruch nahmen, sondern ich war auch in einen Ausschuss der Anwälte und Notar gewählt worden, den die Amerikaner im Wege einer geheimen Wahl der nicht faschistischen belasteten Anwälte gebildet hatten, und wurde sofort auch dessen Präsident. Ich konnte mich dieser Aufgabe nicht entziehen, weil im Hinblick auf meine frühere Stellung als Präsident des deutschen Anwaltvereins und auf die Haltung, die ich stets gegenüber den Nazis eingenommen hatte, mein Name gewissermassen als Programm für die Zukunft gebraucht wurde. Das war auch der Grund, aus dem ich alsbald zum Vizepräsidenten der von der russischen Besatzung eingesetzten Anwaltskammer (Sitz Dresden) berufen wurde. Ich kann nicht beschreiben, in welchem Umfang meine Arbeitskraft beansprucht wurde. Siebzig wöchentliche Arbeitsstunden reichten nicht aus. Aber die Hauptsache war ja, dass der grauenvolle Krieg mit seinen abscheulichen Begleiterscheinungen nun hinter uns lag. Wir bezogen in einem schönen Grundstück eines befreundeten Klienten die oben angegebene Wohnung, die wir freilich, da ja unsere ganze Habe bei viermaligem Ausbomben zerstört worden ist, mit aus acht verschiedenen Haushaltungen zusammengeborgten Einrichtungsgegenständen ausstaffieren mussten. Aber auch das ist erträglich, da wir ja im Verzichten wirklich fachmännisch geschult worden sind.
Im November vorigen Jahres traf die erste Nachricht von Ina ein, die in Schlawe kriegsgefangen und von den Russen in ein Lager nach Thorn in Westpreussen abtransportiert worden war, wo sie aber als Aerztin eine ganz gute Zeit verbracht hat. Im Dezember erschien Ina dann selbst. Sie ist nunmehr im Kinderkrankenhaus hier angestellt. Renate ist Universitätsassistentin und hat einen Lehrauftrag für geschichtliche Hilfswissenschaften, konnte aber in diesem Semester noch nicht lesen, weil für alle historischen Fächer es dafür noch an der Erlaubnis der Besatzungsbehörde mangelt. Ursel führt den Haushalt, und die beiden kleinen Jungen erfreuen uns durch ihre Munterkeit und durch ihre Entwicklung.
Wenn Sie in Ihrem Brief erwähnen, dass sich für Sie noch keine Möglichkeit ergeben habe, wieder einmal nach Leipzig zu reisen, so möchte ich die Frage aufwerfen, ob denn nicht eine Besprechung mit der Akademischen Verlagsgesellschaft wegen Ihres Buches notwendig ist. Bei der Firma sind unter meiner Mitwirkung erhebliche Veränderungen im Hinblick auf Verhältnisse vorgegangen, die ich als Ihnen bekannt glaube voraussetzen zu können. Das hat aber mit der wissenschaftlichen Leistung nichts zu tun. Es kommt also nur darauf an, ob für das Erscheinen Ihres Buches jetzt eine Lizenz zu erhalten ist. Ich werde bei nächster Gelegenheit mit den Herren Dr. Erler [2] und Geest [3] darüber sprechen.
Zu Ihrer Absicht, entweder nach Hannover oder nach Leipzig zurückzukehren, erlaube ich mir zu bemerken, dass darin sich ein tiefgreifender Gegensatz ausspricht. Mann kann vielleicht sagen, dass, wenn die Möglichkeit der Rückkehr nach Hannover besteht, sie für Leipzig nicht gegeben ist und umgekehrt. Leipzig würde aber auch wahrscheinlich die Zuzugsgenehmigung nicht geben. In dieser Richtung sind wir noch sehr weit von erwünschten Zuständen entfernt. Ich hoffe, lieber Eberhard, dass dieser Bericht Sie bei guter Gesundheit und auch im übrigen insoweit wie möglich zufriedenstellenden Verhältnissen antrifft, und bleibe mit herzlichsten Grüssen von uns allen

Ihr alter (Drucker)

[1] Heinrich Roloff (10.05.1911 Wernigerode/Harz-27.03.1980 Berlin) Vater: Oberlehrer am Städtischen Fürstin-Anna-Lyzeum in Wernigerode, Hermann R. (1870-1923); Bibliotheksrat, Dr. phil. (Leipzig 1936), Direktor der Katalogabteilung der Deutschen Staatsbibliothek Berlin, später Direktor der Inkunabelabteilung.

[2] Erler

[3] Johannes Geest war mit Felix Portig Verlagsleiter der Akademischen Verlagsanstalt nach der Arisierung. Er starb 1947 in Leipzig.

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 17

Martin Drucker an Staatsminister Wilhelm Tell in Altenburg, 02.02.1919

Handschriftlicher Vermerk  von Wihelm Tell auf dem Briefumschlag:

Interessanter Brief von meinem früheren Verteidiger Dr. Drucker, Leipzig, dem ich zu unendlichem Dank verbunden war und der mir in allen ernsten und schwierigen Lebenslagen als wertvoller Freund u. Berater beigestanden hatte.

Persönliche Angelegenheit
Leipzig, den 2. Februar 1919

Eurer Excellenz

Bestätige ich mit verbindlichstem Danke den Empfang des freundlichen Schreibens vom Jochnau(?)jahrestage und der Überweisung von M 200,-
Mehrwöchige Krankheit, von der ich erst jetzt mich langsam zu erholen beginne, hat mich zu meinem Leidwesen bis heute am Briefeschreiben verhindert.
Endlich kann ich nunmehr zum Ausdrucke bringen, mit welcher freudigen Teilnahme ich die Entwicklung der Verhältnisse in Altenburg verfolgt habe. Eurer Excellenz persönliches Schicksal bewahrheiten das Wort, dass die Weltgeschichte das Weltgericht ist. Wo sind sie nun alle hin, die Dunkelmänner, die dem von einem Teile gehassten, einem anderen Teile nur unbequemen Bürgermeister mit skrupellosen Intrigen den bürgerlichen Tod bereiten wollten!
Ich bitte, es nicht als Unbescheidenheit aufzufassen, wenn ich versichere, dass ich über diese Wendung der Dinge auch meine eigene Genugtuung empfinde, die Genugtuung, auf der rechten Seite in diesem bureaukratisch-klüngelhaften Kampfe gestanden zu haben. Stärker aber ist meine Freude darüber, Eurer Excellenz meinen herzlichsten Glückwunsch aussprechen zu können. Ein ganz klein wenig Neid macht sich freilich geltend: in Altenburg wird noch regiert, bei uns wird tyrannisiert. Ich war mein Lebtag nicht nur Demokrat, sondern warmer Freund der unteren Klassen. In der Zeit der wüstesten Sozialistenverfolgung bin ich als Anwalt, als Verteidiger energischer für die Unterdrückten eingetreten, als persönliche und gesellschaftliche Rücksichten erlaubten. Aber ich sehe jetzt, dass der Pöbel, der hier zur Herrschaft gelangt ist, an Unduldsamkeit gegen andere es den äußersten Reaktionären der alten Zeit mindestens gleich tut. Und das Bürgertum verdumpft völlig. Heute vor acht Tagen hat es die bürgerliche Majorität des Stadtverordnetenkollegs durch sträfliche Wahlschlappheit einfach verschenkt. Und heute bei den Wahlen zur sächsischen Volkskammer lagen die Wahllokale in den bürgerlichen Bezirken still und verödet da. Ich habe gerade in diesen Wochen schwer empfunden, dass meine Krankheit mich zur Untätigkeit zwang.
Durch aufopferungsvolle Agitation ist noch viel zu retten, was wenigstens viel zu retten. Das Volk ist ja so erschreckend unwissend – wie viele auch in unseren Ständen sind national-ökonomisch hinreichend gebildet, um zu ermessen, welchen ungeheuren Wahnsinn, welches namenlose Unglück die „Sozialisierung“ unter den heutigen Verhältnissen bedeuten würde. Marx und Engels würden sich im Grabe herumdrehen, erzählte man ihnen, dass in einem politisch niedergebrochenen, wirtschaftlich ruinierten und vom Weltmarkt ausgesperrten Binnenstaate plötzlich sozialisiert werden solle. Ich hatte noch im November eine Unterredung mit dem Führer der hiesigen Unabhängigen: das Unglück ist, dass auch diesen Leuten der Umsturz über den Kopf hereingebrochen ist und dass sie nicht genug Zurückhaltung besitzen, um wenigstens für jetzt von einer Verwirklichung ihres Programms Abstand zu nehmen. Statt aus wirtschaftlicher Entwicklung soll nun der sozialistische Staat durch Dekret geschaffen werden!
Ich bitte um Entschuldigung, dass ich mir diesen Erguß nicht versagt habe. Der Leiter eines Staatswesens kämpft mit diesen Dingen verantwortlicher als der Privatmann. Aber uns allen gemeinsam ist die Gefahr und das Recht der Notwehr.
Es ist nicht ausgeschlossen, dass Bankgeschäfte mich demnächst nach Altenburg führen. Vielleicht wage ich es dann Euer Excellenz für eine Viertelstunde an der Regierung zu hindern. Inzwischen verbleibe ich mit der Versicherung ausgezeichneter Hochachtung

Eurer Excellenz
Ergebener Dr. M. Drucker

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 18

C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung an Martin Drucker, 19.06.1946

C.H.BECK´SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG MÜNCHEN UND BERLIN
MÜNCHEN 23 . DIETLINDENSTRASSE 14 . FERNRUF 33 417

19. Juni 1946 Dr. Sch/La

Herrn Justizrat
Dr.   D r u c k e r
Leipzig S 3
Brandvorwerkstraße 82

Sehr verehrter Herr Justizrat!

Zum neuen Gesetz des Kontrollrats über die Ehe beabsichtigen wir einen Kommentar herauszubringen. Die Verfasser des in unserem Verlag 1939 erschienenen Kommentars zum grossdeutschen Ehegesetz von 1938 – Herr Ministerialdirektor (Erich) Volkmar und die damaligen Referenten des Reichsjustizministeriums – werden für eine Kommentierung des neuen Gesetzes wahrscheinlich nicht zur Verfügung stehen. Der geplante Kommentar soll auch nicht den Charakter jenes grossen Kommentars weiterführen. Wir glauben, dass er mehr auf die Bedürfnisse der Praxis zugeschnitten, etwa im Stile unserer Kurzkommentare von Baumbach, Schwarz usw. gehalten sein müsste. Ein Rechtsanwalt mit besonderer Erfahrung in Ehesachen erscheint uns als der geeignete Verfasser eines solchen Kommentars.
Wir wären Ihnen, sehr verehrter Herr Justizrat, sehr dankbar, wenn Sie uns einen Rechtsanwalt namhaft machen wollten, der über besondere praktische Erfahrungen in Ehesachen und zugleich über die juristischen und schriftstellerischen Fähigkeiten verfügen würde, um einen wissenschaftlich hochstehenden und praktisch brauchbaren Kommentar zum neuen Gesetz über die Ehe zu verfassen.

Mit der Versicherung ausgezeichneter Hochachtung

Ihre sehr ergebene (unleserlich)

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 2

Entwurf eines Anwortschreibens Martin Druckers an Albert Pinner, ohne Datum

Herrn Justizrat Dr. Pinner,
Streng vertraulich! Berlin W. 56, Markgrafenstr. 46.

Sehr geehrter Herr Kollege!
Im Besitz Ihres Briefes vom 13. ds. Mts. danke ich Ihnen und denjenigen Berliner Kollegen, für die Sie mir ge­schrieben haben, die in Ihrem Kreise für den Fall einer Neuorganisation des Deutschen Anwaltvereins hinsichtlich der Wahl des Vorsitzenden vertreten werden. Ihrem Wun­sche gemäss äussere ich dazu meine Meinung im folgenden: Zunächst darf ich hervorheben, dass auch ohne Verlegung des Sitzes keineswegs davon ausgegangen werden kann, dass ich mein Amt als Vorsitzender beibehalten bezw. eine Wiederwahl in den Vorstand annehmen würde. Die mit den innersten Organisationsangelegenheiten des Vereins vertrautesten Kollegen wissen, dass ich vor vier Jahren nur nach Überwindung ernster Bedenken mich gefügt habe. Den Ausschlag gab schliesslich die Einhelligkeit, mit der die Stimmzettel der Vertreterversammlung meinen er­neuten Eintritt in den Vorstand gewünscht hatten. Der Rückblick auf die letzten Jahre erleichtert mir wahrlich nicht den Entschluss, noch weiterhin die Rücksicht auf meine Sozien und meine Familie so weit wie bisher hint­anzusetzen. Es widerstrebt mir, darüber mich näher aus­zulassen. Weil aber Sie selbst, geehrter Herr Kollege, des mangelnden Einverständnisses derjenigen Berliner Kollegen, deren Ansicht Sie vertreten, mit meinem Ver­halten gedenken, so werden Sie es mir nicht verübeln, wenn ich ganz unverhohlen zum Ausdruck bringe, dass die immer wieder bemerkbar werdende Missdeutung meiner Auf­fassung und Massnahmen seitens eines Teils der Berliner Kollegen zu den trübsten Erfahrungen meiner Amtszeit gehört. Es beruhigt mich nicht die Einsicht, dass jener Berliner Meinung zum Teil eine begreifliche, leider von mir nicht zu beseitigende Unkenntnis meiner Motive zu­grunde liegt, zum Teil mangelnder Überblick über die Stellung und Stimmung der Anwaltschaft ausserhalb Ber­lins. Ich habe bisher auf meinem Posten aushalten können in der Gewissheit, dass die mehrfachen Beanstandungen meines Verhaltens gegenüber dem Berliner Anwaltverein seitens des Gesamtvorstandes nicht für berechtigt gehal­ten wurden. Aber von diesem Teile meiner Bedenken gegen die Annahme einer Wiederwahl ganz abgesehen, möchte ich, obwohl es selbstverständlich ist, auch nicht unerwähnt lassen, dass meine Entschliessung, wenn ich vor eine solche gestellt werde, sehr erheblich auch von dem Inhalte der neuen Satzungen und von der Zusammensetzung des Vorstandes abhängig sein würde, gleichviel, wo sich der Sitz des Vereins befindet. Wesentlich einfacher gestaltet sich die Frage bei Verlegung des Sitzes nach Berlin. Ihre Ansicht darüber, sehr geehrter Herr Kollege, ist mir von jeher bekannt. Ich unternehme nicht den Versuch, Sie zur gegenteiligen zu bekehren. Aber ich bitte mit gleicher Entschiedenheit Ihrer Auffassung die meinige entgegengesetzten zu dürfen. Der Deutsche Anwaltverein braucht seinen Sitz nicht in Leipzig zu haben. Sicher ist mir aber, dass er in Berlin nicht residieren kann und darf. Meine Überzeugung wurzelt wahrlich nicht in „gefühlsmässigen Bedenken“. Solchen pflege ich minde­stens bei Prüfung praktisch bedeutsamer Fragen nicht anheimzufallen. Wesen und Bestehen des Deutschen An­waltvereins scheint mir mit dem Sitze in Berlin unver­einbar. Auch in dieser Meinungsverschiedenheit glaube ich also dem nüchtern erwogenen Interesse der Gesamtan­waltschaft zu dienen. Damit ist Ihre Frage, ob bei Ver­legung des Vereinssitzes nach Berlin ich eine Wahl zum Vorsitzenden annehmen würde, beantwortet. Weil es doch aber nicht auf die Person ankommt, sondern auf die Ver­einssache, glaube ich jetzt noch zum Ausdruck bringen zu sollen, dass der Gedanke, der Vorsitzende könne an einem anderen Ort als dem Sitze des Vereins wohnen, schlechthin zu verwerfen ist. Nach Habers Rücktritt nötigten persönliche Umstände dazu, die Leitung des Vereins in die Hände Heiligers zu legen, der in Köln wohnte. Obwohl ihm als langjährigen Vorsitzenden des Deutschen Anwaltvereins reiche Erfahrungen zur Seite stand, obwohl er sich allgemeinen Vertrauens erfreute, obwohl die Geschäfte schon jahrelang von Dittenberger geleitet wurden und ich, bereits seit 1909 dem Vor­stande angehörig, hier als Stellvertreter fungierte, erwies sich sehr bald die Undurchführbarkeit einer sol­chen Anordnung. Der Vorsitzende, der nicht in ständiger unmittelbarer Berührung mit dem Geschäftsleiter arbei­tet, sondern im Wesentlichen nur als Leiter von Sitzun­gen und Versammlungen in Erscheinung tritt, kann nie­mals Führer sein und wird von der Kollegschaft nie als Führer angesehen werden.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Dieser Brief ist im Nachlaß Martin Druc­kers als handschriftlicher Entwurf enthalten.

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 28

Martin Drucker an Hermann Hesse (Lindenau/Kissingen), 02.07.1926

2. Juli 1946

Herrn
Rechtsanwalt Dr.  (Hermann) H e s s e
(13)   L i n d e n a u   /Kissingen, üb. Augsburg,
bei Dr. F. Dickhäuser.

Lieber Herr Kollege !

Ihre Frau Gemahlin übermittelte mir die Anfrage, ob es ratsam sei, von Ihrem jetzigen Aufenthalte aus an die hiesigen zuständigen Stellen ein Bewerbungsschreiben zwecks Wiederzulassung zur Anwaltschaft zu richten. Dazu erlaube ich mir, Ihnen im Folgenden meine Ansicht – mehr ist es nicht – mitzuteilen:
Gesuche um Wiederzulassung zur Anwaltschaft, sind an die Landesverwaltung – Justiz – in Dresden, -N25., Fabricestrasse, zu richten. Sie lässt diese Gesuche dann durch den vorläufigen Anwaltskammervorstand an die örtlichen Ausschüsse gehen, die eine Prüfung vornehmen und ihr Votum dann an den Kammervorstand zurückgeben, worauf in einer Kammervorstandssitzung in Anwesenheit eines Vertreters der Landesverwaltung darüber abgestimmt wird, ob die Wiederzulassung zu empfehlen ist. In allen diesen Fällen hat es sich aber bisher immer nur um solche Kollegen gehandelt, die bereits wieder nach Sachsen zurückgekehrt sind. Es ist mir in hohem Masse zweifelhaft, ob zur Prüfung auch das Gesuch eines Anwaltes zugelassen werden würde, der sich ausserhalb Leipzig, bzw. sogar ausserhalb der russischen Zone noch aufhält. Wenn ich bei der nächsten Anwaltskammersitzung, die am 8. Juli 1946 in Dresden stattfindet, etwas Positives darüber erfahren kann, so gebe ich Ihnen erneut Nachricht.
Was nun die Grundsätze, nach denen die Prüfungen stattzufinden haben, angeht, so sind sie überaus streng. Verlangt wird der Nachweis, dass der Gesuchsteller sich nicht aktivistisch als Nazi betätigt, sondern dass er im Gegenteil eine erhebliche antifaschistische bzw. antimilitaristische Haltung eingenommen hat. Eine Zeitlang wurde sogar verlangt, dass diese Einstellung sich bis zum Einsatz des Lebens gestaltet haben müsse. Dieses Extrem ist aufgegeben bzw. man kommt an ihm durch die Konstruktion vorbei, dass im Grunde genommen jede Auflehnung gegen das nazistische Regime eine Gefährdung des eigenen Lebens bedeutet haben würde. Aber hiervon ganz abgesehen sind die Anforderungen, die an den Nachweis der Würdigkeit für die Wiederzulassung gestellt werden, so hart, dass sie manchmal Befremden erregen. Es ist vorgekommen, dass der Leipziger Ausschuss mit seinen 12 Stimmen sich einmütig für die Wiederzulassung einsetzt und dass dann entweder durch die Abstimmung im Kammervorstand oder selbst nach dessen Zustimmung die Landesverwaltung die Zulassung ablehnt.
Unterstützt werden die Zulassungsgesuche durch eidesstattliche Versicherungen von Personen, die der Partei oder ihren Gliederungen nie angehört haben. Solche Erklärungen zu beschaffen würde Ihnen doch wohl so lange Sie nicht in Leipzig sind, nicht leicht fallen. Ich kann daher bei der jetzigen Sachlage Ihnen nicht empfehlen, ein Zulassungsgesuch einzureichen, stelle Ihnen aber anheim, meine weiteren Nachrichten abzuwarten.

Mit freundlichen Grüßen

(Drucker)

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 3

Lebenslauf, verfasst von Martin Drucker nach 1945

Ich bin am 6. Oktober 1869 zu Leipzig als Sohn des Advokaten und Notars, späteren Oberjustizrats Dr. Martin D r u c k e r  geboren. Meine Mutter war eine Tochter des Advokaten Carl Klein. Mein Vater war Volljude, Sohn eines Kaufmanns, dessen Familie vor Jahrzehnten aus Holland eingewandert war. Meine halbjüdische Abstammung hat mir in jenen Jahren weder Nachteile noch Verdriesslichkeiten eingetragen. Der Antisemitismus war für Leipzig noch nicht erfunden. Nachdem ich 1889 auf der Thomasschule das Abiturientenexamen abgelegt hatte, studierte ich in München und Leipzig Rechts- und Staatswissenschaften. Jetzt kam ich zum ersten Male in gegnerische Berührung zu jenen Kreisen, die etwa dreissig Jahre später den Nährboden für den Rassenantisemitismus abgeben. Unter der Aegide des Berliner Hofpredigers S t ö c k e r  hatte sich auf vielen Universitäten der „Verein Deutscher Studenten“ gebildet, der die akademische Jugend für eine extrem nationalistische , militaristische und antisemitische Weltanschauung zu gewinnen strebe. Eine ihm entgegentretende Studentenorganisation gab es zunächst nicht. Nach dem Vorbilde von Berlin wurde aber auch in Leipzig eine „Freie wissenschaftliche Vereinigung“ unter meinem Vorsitz gegründet, die den Kampf gegen den Verein Deutscher Studenten aufnahm. Es kam zu schweren Auseinandersetzungen, bis es, wohl 1891, gelang, bei den Wahlen der studentischen Vertreter für die Akademische Lesehalle die Macht des Vereins Deutscher Studenten zu brechen und unsere Kandidaten durchzusetzen. Die Führung der Freien Wissenschaftlichen Vereinigung wurde mir auch von den Universitätsbehörden verargt. Als ich an einem Vortragsabende einen der Deutschfreisinnigen Partei angehörigen Redner aus Hannover hatte sprechen lassen, wurden mir vom Universitätsrichter Massregelungen angedroht. Man beanstandete auch, dass in meiner Vereinigung Sozialdemokraten Mitglieder seien, so mein Altersgenosse Karl L i e b k n e c h t, mit dem ich bis zu seiner Ermordung in freundschaftlichem Verkehr geblieben bin. Ich habe mich den Drohungen des Universitätsrichters nicht gefügt. Er hätte sie wohl auch kaum verwirklichen können, denn der Lehrkörper der Juristenfakultät war von liberalen Anschauungen beherrscht und würde eine Verkümmerung der Meinungs-und Redefreiheit damals nicht geduldet haben. Unbehindert konnte ich damals im Akademisch-Philosophischen Verein einen Vortrag über Kants Schrift über den ewigen Frieden halten und meiner pazifistischen und kosmopolitischen Anschauung unverhüllt Ausdruck geben.

Am 1. Februar 1893 trat ich als Referendar in den juristischen Vorbereitungsdienst ein. Vom 1. Oktober 1894 an war ich Einjährig-Freiwilliger beim Infanterieregiment 107. Nach Ablegung der vorgeschriebenen Uebungen wurde ich versucht, mich zur Wahl als Reserveoffizier zu stellen. Zum Erstaunen des Bezirkskommandos lehnte ich ab. Mehrmals wurde ich dorthin vorgeladen. Man hielt mir vor, dass es doch für die gesellschaftliche Schicht, der ich nach Geburt und Beruf angehörte, eine Selbstverständlichkeit sei, nach der Ehre des Offizierstandes zu streben; niemand wolle doch als Unteroffizier hinter seinen Standesgenossen zurückstehen. Ich erwiderte, dass ich als Rechtsanwalt mich in der Freiheit der Berufsausübung nicht durch die traditionellen Anschauungen des Offizierkorps behindert sehen wolle. Das wirkte. Ich wurde „auf eigenen Antrag aus der Liste der Reserveoffiziersanwärter gestrichen.“ Im Weltkriege wurde ich, nicht völlig im Einklang mit der Wehrordnung als Vizefeldwebel des Landsturms eingezogen, wohl der dienstälteste Vizefeldwebel der ganzen Wehrmacht. Ich hatte mir erneut das Missfallen der höchsten Dienststellen in Leipzig dadurch zugezogen, dass ich in einer Zuschrift an eine Leipziger Zeitung die Gesetzwidrigkeit eines an den Litfassäulen angeschlagenen Einberufungsbefehls nachgewiesen hatte. Während ich bei einem Landsturmbataillon an der Danziger Küste im Wesentlichen mit der Aufgabe beschäftigt wurde, die Flundern-und Heringsfischer zu kontrollieren, damit sie bei Ausübung ihres Gewerbes nicht etwa Spionage ausübten, an die sicherlich keiner von ihnen dachte, traf die Nachricht von meiner Ernennung zum Justizrat ein. Das wirkte im Bataillonsgeschäftszimmer viel erregender als auf mich selbst. Der Kommandeur suchte mich in meiner Wohnung auf, um mir durchaus undienstlich zu der „hohen Auszeichnung“ zu gratulieren und mich dringend aufzufordern, sofort seiner Absicht zuzustimmen, beim Generalkommando meine Beförderung zum Offizier zu beantragen. Ich bat ihn, davon abzusehen, weil ich nicht Offizier werden wolle. Da traten die Beweggründe des Kommandeurs für seinen militärisch ganz unmöglichen Besuch bei mir zutage. „Sie müssen doch einsehen, Herr Justizrat, dass es für mich peinlich ist, in meinem Bataillon einen Unteroffizier zu haben, der einen höheren Hofrang besitzt als ich.“ Das traf zu. Er war Oberstleutnant, ich hatte in der sächsischen Hofrangliste den Rang eines Obersten! Aber ich beruhigte ihn mit dem Hinweise, dass doch, solange ich als Feldwebel eingezogen sei, mein Hofrang nicht in Erscheinung treten werde.

Ein paar Monate danach nahm meine durch mich bewusst gehemmte militärische Laufbahn ein stilles Ende. Der Reichsjustizminister setzte beim Oberkommando in den Marken durch, dass ich als Schriftführer des Deutschen Anwaltvereins auf ein Jahr in die Heimat beurlaubt wurde. Vor dessen Ablauf brach das wilhelminische deutsche Reich zusammen.

Der politische Neuaufbau fand mich selbstverständlich in den Reihen des Freisinns, dem ich von jeher angehört hatte. Schon 1903 hatte ich als Vorstandsmitglied der Leipziger Liberalen Vereinigung durchgesetzt, dass dem der Nationalliberalen Partei zugehörigen Professor H a s s e, der seit 10 Jahren Leipzig im Reichstage vertrat, deshalb, weil er Vorsitzender des durchaus illiberalen Alldeutschen Verbandes war und blieb, ein echt illiberaler Gegenkandidat entgegenstellt wurde und das bei der dadurch notwendig gewordenen Stichwahl die für unseren Kandidaten abgegebenen Stimmen dem Sozialdemokraten M o t t e l e r zufielen, der also an Stelle Hasses gewählt wurde. Diese Erfahrung nötigte die Nationalliberalen, bei der nächsten Wahl den von uns präsentierten sehr weit links stehenden Dr.  J u n c k  aufzustellen, der auch gewählt wurde.

In den folgenden Jahren hat der Umfang meiner Praxis und meine Stellung im Vorstande des Deutschen Anwaltvereins, dessen Vorsitzender (Präsident) ich 1924 wurde, mich von nennenswerter politischer Tätigkeit zurückgehalten. Ich blieb Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei, erklärte aber 1926 meinen Austritt, weil die Parteileitung, wie sie in einem Briefwechsel mit mir zugeben musste, bei mehreren wichtigen Abstimmungen im Reichstage Grundsätze des Parteiprogramms aus „taktischen“ Gründen preisgegeben hatte. Seitdem betätigte ich meine liberaldemokratische Ueberzeugung nur noch bei den Wahlen.

Nachdem Hindenburg Deutschland an Hitler ausgeliefert hatte, bekam ich sehr bald die nationalsozialistische Hetze zu fühlen. Am 1. April 1933 liess eine SA-Bande mich in Chemnitz aus einer Gerichtsverhandlung, die dadurch gesprengt wurde, durch Schupo ins Gerichtsgefängnis abführen. Freilich wurde ich noch in derselben Stunde wieder auf freien Fuss gesetzt, weil die Ungesetzlichkeit des Vorgehens allzu handgreiflich war. Aber man hatte doch die Möglichkeit erlangt, durch eine Sensationsmeldung in der Presse mich, wie man meinte, blosszustellen.

Einige Monate später wurde mir das Notariat entzogen und diese Massnahme öffentlich bekanntgemacht. Sie war selbst nach der damaligen Nazipraxis ungesetzlich. Nur die Volljuden sollten aus allen Beamtenstellungen entfernt werden, die „Mischlinge“ verblieben darin, Z.B. die Richter. In Dresden wusste man genau, dass man mich zu Unrecht als Notar absetzte. Ich erfuhr, dass man ein Bittgesuch um Rücknahme der Absetzung von mir erwartet habe. Zu solcher Demütigung war ich nicht genug ehrvergessen.

Nachdem ich in der Folgezeit durch allerlei Angriffe in der Nazipresse und durch Anzeigen disziplinineller Art belästigt worden war, ohne dass es gelang, mich einer Verfehlung zu überführen, holte man – wie ich später hörte, auf ausdrückliches Verlangen und Betreiben des Reichsjustizministers F r a n k – zu einem Schlage aus, der mich endlich vernichten sollte. Im Jahre 1930 hatte ich einem Kollegen in einer von ihm vertretenen Strafsache Auskunft über eine völkerrechtliche Frage gegeben, worauf er eine Eingabe an eine fremde Regierung gerichtet hatte. Vor dem Ehrengericht der sächsischen Anwaltskammer angeklagt, war er freigesprochen worden. Mein Verhalten in dieser Angelegenheit wurde von keiner Seite beanstandet, vom Ehrengericht vielmehr ausdrücklich gebilligt. Unbekümmert darum wurde ich auf Grund desselben Tatbestandes in einem ebenso schamlos eingeleiteten wie durchgeführten Verfahren von dem aus fünf Nazianwälten zusammengesetzten Ehrengericht im Januar 1935 von der Rechtsanwaltschaft ausgeschlossen! Triumphierend verkündete die Nazipresse: „Eine Systemgrösse gestürzt!“ Diese Verurteilung war – ich kann sie nicht anders bezeichnen – ein Schurkenstreich, der als solcher selbst in der nazistischen Anwaltschaft erkannt wurde. Mündlich und schriftlich haben anständige Pgs mir ihre Sympathie ausgesprochen. Die dreiviertel Jahr später durch den Ehrengerichtshof in Berlin erfolgte Aufhebung des Dresdner Urteils verdanke ich offenbar nur den als Ehrenrichter mitwirkenden Reichsgerichtsräten. Aber ich wurde nicht etwa freigesprochen, sondern mit einem Verweis und Geldstrafe belegt. Mir ist dann hinterbracht worden, dass ich durch die Versagung der Freisprechung gegen

M u t s c h m a n n  habe geschützt werden sollen: er habe den Ehrengerichtshof wissen lassen, dass er für den Fall meines Freispruchs meine Festnahme durch die Gestapo angeordnet habe. Trotz der einwandfreien Quelle, aus der diese Mitteilung mir zuging,  vermag ich ihre Richtigkeit nicht zu beweisen. Glaubwürdig ist sie in hohem Masse, denn ich habe positive Kenntnis eines Falles, in dem Mutschmann einen vom Berliner Volksgerichtshof wegen erwiesener Unschuld freigesprochenen Intellektuellen noch im Gerichtsgebäude durch die Gestapo festnehmen liess. Von der Aufhebung des gegen mich ergangenen Ausschlussurteils auch nur kommentarlos Kenntnis zu geben, wurde der Presse verboten.

Nachdem der Versuch, mich durch den Ausschluss von der Rechtsanwaltschaft wirtschaftlich und gesellschaftlich zu vernichten, missglückt war, strebten die Nazigefolgsleute demselben Ziele auf anderen Wegen zu. Ich war Mitglied bezw. Vorsitzender des Aufsichtsrats bei einer Anzahl von Aktiengesellschaften. Ihnen allen wurden schwerste Nachteile für den Fall meines Verbleibens in ihrer Verwaltung angedroht. So wurde einem aus mehreren Gesellschaften bestehenden Konzern der Kosmetischen Branche klipp und klar erklärt, dass die Abnahe seiner Produkte allen Parfümgeschäften, allen Friseuren usw. verboten werden würde, wenn ich in der Verwaltung bliebe. Einer Speditionsaktiengesellschaft wurde die Entziehung der Bahnspedition in Aussicht gestellt. Mit ähnlichen Mitteln wurden auch Privatfirmen und Einzelpersonen gezwungen, ihr Klientelverhältnis zu mir zu lösen. Die mir durch alle diese Machenschaften zugefügten wirtschaftliche Schädigungen habe ich nur mit grössten Schwierigkeiten ertragen; ich sah das Ende meiner Wiederstandsfähigkeit herannahen. Nebenher wurde ich weiterhin durch Verfahren bei dem Ehrengericht der Anwaltskammer und Strafanzeigen behelligt. Es gelang nicht, mir etwas am Zeuge zu flicken. In der Regel waren die mir entgegengehaltenen Beschuldigungen einfach zusammengelogen. Wohl jeder der Richter und sonstigen Beamten, die mich in diesen Verfahren zu vernehmen hatten, überzeugte sich nicht nur von der Haltlosigkeit, sondern von der Böswilligkeit der Vorwürfe.

1943(?) legte der Reichsjustizminister, damals der berüchtigte T h i e r a c k, sich die Befugnis bei, Rechtsanwälte in den Ruhestand zu versetzen. Das war eine Ungeheuerlichkeit. Die Begriffe Ruhestand und freier Beruf sind unvereinbar. Kein Jurist wird daran gezweifelt haben, dass hinter jener Verordnung irgendwelche das Licht scheuende Tendenzen steckten. Ein hoher Justizbeamter sprach es gegenüber einem Richter und mir offen aus: Das ist die lex Drucker. Er behielt Recht. Bald danach wurde ich in den Ruhestand versetzt, und zwar ohne Pension. Trotzdem ist es mir durch die verständige und anständige Gesinnung meines Sozius Dr. E c k s t e i n möglich geworden, ohne gegen die Verordnung zu verstossen, noch ein Weniges zu verdienen, so dass ich mit meinen Ersparnissen den Haushalt bis zum Zusammenbruch des Naziunwesens aufrecht erhalten konnte.

Schwer traf der Faschismus mich in meinen Kindern. Meine beiden Söhne mussten den akademischen Berufen entsagen. Ihre Diffamierung als Viertelsjuden hinderte aber ihre Einziehung als Soldaten des Raubkriegsunternehmens nicht. 1942 fiel mein jüngerer, 1945 der ältere, verheiratete Sohn. Meine schon 1932 als Aerztin approbierte Tochter konnte nicht einmal als Assistentin von Privatärzten ihren Beruf ausüben, bis sie endlich 1941 an ein hinterpommersches Krankenhaus dienstverpflichtet wurde, wo sie im Februar 1945 in russische Gefangenschaft geriet. Meiner jüngeren Tochter war das Universitätsstudium jahrelang gesperrt.

Im Februar 1945 wurde das von mir bewohnte Haus durch Bombeneinschläge und Phosphorbrand völlig zerstört. Der Obdachlosigkeit wollte ein mir näher stehender Klient dadurch abhelfen, dass er mir eine in einem seiner Grundstücke frei gewordene Wohnung überliess. Darauf wurden ihm für seine Person Massnahmen der Partei und für mich Abschaffung ins Konzentrationslager angedroht. Dieser Gewaltmassnahme entzog ich mich durch schleunige Uebersiedlung nach Jena, wo ich dem Gesichtskreis meiner heimlichen Verfolger entrückt war.

Mit dem Einmarsch der Amerikaner endete alle Bedrückung durch die antisemitische Cluique. Ich bin in meinen Beruf zurückgekehrt und kann wieder den weltanschaulichen Idealen dienen, denen ich seit meinen Gymnasialjahren angehangen habe.

Aber nie werde ich vergessen, geschweige denn verwinden, was ich als Opfer des Faschismus habe ertragen müssen.

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 32

Kurt Jacoby an Martin Drucker, 20.04.1946

870 West /81st Street
New York 33, N.Y.
20. April 1946

Sehr verehrter Herr Justizrat!

Meine Frau und ich möchten Ihnen sagen, wie sehr wir uns freuen, dass Sie die schweren Kriegsjahre überstanden haben und wieder in der Lage sind, Ihre alte Tätigkeit mit gewohnter Energie aufzunehmen. Ich weiss leider nichts über das Schicksal Ihrer nächsten Angehörigen und ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir gelegentlich einige Zeilen zukommen liessen. Wahrscheinlich wird Ihre Arbeitszeit schwer überlastet sein, nehmen Sie sich aber einige Minuten Zeit, uns kurz das Wichtigste über Ihr Ergehen u. das Ihrer Familie mitzuteilen.
Von uns gäbe es vielerlei zu berichten, doch möchte ich mich kurz fassen, weil kurze Briefe nach den Kriegserfahrungen rascher befördert werden. Die ganze Familie Jolowicz einschliesslich Ernst, der zum dritten Mal geheiratet hat u. zwar eine um 30? Jahre jüngerer Frau – ist in New York vereinigt. Meine Schwiegermutter (Martha J., geborene Finkelstein, * 1881) hat an  Lebhaftigkeit und Temperament, trotz der so gänzlich veränderten wirtschaftlichen Lage, nichts eingebüsst. Sie hat zeitweise einen nicht unwesentlichen Teil ihres Lebensunterhaltes sich selbst verdient, wobei ihr guter Humor manche Schwierigkeiten erleichterte. Auch meine Frau (Agnes-Charlotte geb. Jolowicz, 1903-1962) hat in den ersten Jahren in anstrengender und ermüdender Arbeit manchen Dollar zu Kosten für Wohnung und Essen beigetragen , doch jetzt ist die schwierigste Zeit überwunden. Ellen (Ellen Metzger, geb. Jacoby, 1024-2010) traf vor 2 Jahren von England ein, arbeitet als ….? bei einem Zahnarzt und fühlt sich recht wohl. Anneliese (Annelies von Molnár, geb. Jollowicz, 1906-1995) ist in ständigem Kontakt mit Elmar (Graf Elemér von Molnár,* um 1907) wegen der Kinder, die wahrscheinlich noch im Laufe des Jahres herüberkommen wollen. Elmar muss auch im Verlag sehr gut verdient haben, wie ich denn überhaupt glaube, dass es nicht viel Anstrengungen und Kenntnisse bedurft hat, um in diesen Zeiten einen wissenschaftlichen und technischen Verlag aufrecht zu erhalten. Käte ist stets guter Dinge und verdient auch gut. Walter hat ein sehr gut gehendes Antiquariat unter seinem neuen Namen Johnson (bis 1940: Walter Jollowicz), das in USA schon sehr gut bekannt ist und der Verlag die Academic Press ist zwar klein aber kräftig und entwicklungsfähig. Das ist jedenfalls die äussere Fassade, natürlich sieht es von innen nicht ganz so uncompliziert aus, wie es nach den obigen Bemerkungen den Anschein haben könnte. An das Grauenhafte, das in Deutschland geschehen konnten wir nur mit tiefster Empörung denken und es krampft sich in uns alles zusammen wenn wir an all die Menschen denken, die in den Gaskammern umgekommen sind.
Wir haben ja kaum noch Menschen in Leipzig, die uns einst nahe standen. Ich würde gern wissen, wie es Rolf Anschütz und seiner Familie ergangen ist. – Ist Ihre Wohnung unzerstört ?
Lassen Sie bitte gelegentlich von sich hören. Mit vielen herzlichen Grüssen von meiner Frau und mir

Ihr Kurt Jacoby

 

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 37

Paul Langerhans (Rendsburg) an Martin Drucker, 07.05.1946

Dr. Paul Langerhans
Neue Kieler Landstr. 81
(24) Rendsburg, 7.5.46

Sehr geehrter Herr Justizrat!

Sie hatten die grosse Liebenswürdigkeit, meine Schwester gegen Ende vorigen Jahres in der Frage meiner Rückkehr nach Leipzig zu beraten. Es erschien damals wenig opportun, dass ich alsbald zurückkehrte, auch glaubte ich damals hoffen zu können, hier in Schleswig-Holstein ein berufliches Betätigungsfeld finden zu können. Aus diesen Erwägungen habe ich die Leipziger Angelegenheit zunächst nicht weiter betrieben, wobei auch die Hoffnung eine Rolle spielte, die Scheidewand zwischen den Zonen würde sich bald mehr und mehr lockern. Schliesslich war mir auch von anderer Seite der Rat erteilt worden, zunächst noch abzuwarten.
Jetzt treiben die Dinge aber dahin, dass die sog. Zonenflüchtlinge mit einem Zwang rechnen müssen, in absehbarer Zeit wieder in ihren Ursprungsort zurückzukehren. Ein derartiges Gesetz soll vom Kontrollrat bereits beschlossen, wenn auch noch nicht veröffentlicht sein. Zu diesen Zonenflüchtlingen rechne aber auch ich mit meiner Familie, nachdem meine Frau mit den Kindern – es sind jetzt drei kleine Mädchen – nach der Ausbombung unserer Wohnung in der Mozartstr. 15 in Leipzig vom 4.12.43 im März 1944 hier in Rendsburg untergekommen ist, und ich ihr nach meiner Entlassung aus russischer Gefangenschaft folgte. Ich muß daher jetzt Alles versuchen, mich in Leipzig wieder etablieren zu können. Hierzu erbitte ich ergebenst Ihren Rat bzw. Ihre Unterstützung. Welche Schritte habe ich zu unternehmen und was ist dabei insbes. anzuführen? Sind Bürgen zu stellen?
Bei der Übernahme des Hanno Hagenschen Büros durch Herrn Kollegen Dr. (Oskar) Kolbe, sind Abmachungen getroffen worden, die mir für den Fall meiner Rückkehr aus dem Felde und Wiederzulassung als Anwalt Anspruch auf Wiederaufnahme der Praxis bzw. Beitritt geben, sodass eine Grundlage für meine Wirtschaftliche Existenz gegeben sein dürfte.
Was politisch mit mir los war, wissen Sie ja durch meine Schwester, auch dass ich weiss Gott kein wilder Nazi war. Es ist eben leider so gewesen, dass ich 1933 in beruflich sehr schwere Lage kam, da Hagen das Vertragsverhältnis zu mir damals löste, und ich glaubte, mir einen Rückhalt schaffen zu müssen durch Beitritt zur Partei, deren damaliger grosser innenpolitischer Erfolg und proklamierten Ziele ja damals viele bestachen. Die Tätigkeit als Blockleiter habe ich seit meiner schweren Erkrankung im Jahre 1937, wo ich über 3 Monate in einem Norweger Krankenhaus lag, nur noch zeitweilig ausgeübt. Sie beschränkte sich i. W. auf die Verteilung der Lebensmittelkarten u. das Kassieren der Beiträge. Wird es von erheblicher Bedeutung sein, dass ich vorübergehend beauftragter Staatsanwalt war? – Vom 17. Mai 1943 bis zu meiner Gefangennahme am 7.5.45 war ich (einfacher) Soldat. Als Verwundung erlitt ich einen Schädelstreifschuss.
Meine Hoffung zur Leipziger Frühjahrsmesse Leipzig einen Besuch abstatten zu können, hat sich leider nicht erfüllt, sodass ich eine persönliche Vorsprache bei Ihnen z. Z. nicht bewerkstelligen kann. Ich bitte Sie daher um brieflichen Bescheid. Ich glaube annehmen zu können, dass Herr LgPräsident (Alfred) Neu meiner Wiederzulassung wohlwollend gegenübersten würde.
Ich darf Ihnen noch berichten, dass ich kürzlich in Lübbecke in Westfalen die beiden Töchter meines Onkels Georg Langerhans, Ihres einstigen Klassenkameraden, Eva (1905-2000) u. Maria (1911-1992), antraf. Evas Mann ist als Min. Rat noch in einem Westdeutschen Lager, Marias Ehemann ist wieder bei ihr. Von dem Sohn Heinz Langerhans fehlt jede Spur.

Ich empfehle mich Ihnen als Ihr Ihnen sehr ergebener

Dr. Paul Langerhans

Beste Empfehlungen auch an Herrn Dr. (Kurt) Eckstein!

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 6

Martina Drucker an ihre Familie in Leipzig, 22.11.1945

Frankfurt/Oder 22.11.45

Meine Lieben!
Das erstemal mache ich den Versuch, einen Brief an Euch einem Durchreisenden mitzugeben.
Einigemale schon gab ich Eure Adresse das Lager verlassenden Leuten mit, ob Euch davon einer benachrichtigt hat, wie es mir bis dahin ergangen ist? Hier bin ich erst seit gestern; seit Ende April war ich im Kriegsgefangenenlager Thon, als Ärztin, vorher viel in Schlawe am Krankenhaus, auch natürlich als Ärztin. Es ist mir immer gut gegangen, ich bin vollkommen gesund; fehlen tut mir nur sehr eine Nachricht über Euch. Hier, im Kriegsgefangenen Lazarett Frankfurt besteht nun endlich die Möglichkeit, Briefe zu schreiben und zu empfangen, da aber offenbar die Postbeförderung noch sehr lange dauert, benutze ich nochmal den inoffiziellen Weg. Macht bitte bald den Versuch, mir zu antworten, die Adresse ist:

Kriegsgefangenenlager Frankfurt/Oder
Nuhnenstrasse (Hornkaserne).

Wielange ich hierbleibe, ist unbestimmt. Eigentlich bin ich laut Schein bereits in Thon aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, wurde aber hier, im Entlassungslager wieder eingestellt, weil die einen Arzt brauchten, als Heimatort steht natürlich Leipzig auf dem Schein, die Frage ist nur, wann ich die Reise dorthin mal antreten kann. In Thorn war es dadurch sehr leicht, dass ich einen Kreis recht netter Kollegen hatte, von denen ich mich eigentlich nur ungern trennte, dafür ist aber hier für die Ärzte, wenigstens für mich, die ich bei meinem Besuch als einziger deutscher Arzt bin, eine hervorragende Verpflegung. – Die letzte Nachricht von Euch war Vaters Brief vom 16. Februar.

Von Herzen Eure Ine

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 0

Laudatio eines ungenannten Bungonen (evtl. Martin Drucker) auf Kurt Hezel (vor 1921)

Ich träumte den Aschermittwochstraum
Und den Siegfriedtraum und den Graltraum
Die Flut meiner Träume verebbte kaum
In des Bewußtseins Schalt-Raum.

Der Vogel Zeit hat ein Ei gelegt
Alsbald nach der Hochzeit Etelchkas,
Der Anachoret stand freudig bewegt,
Ausleerend das funkelnde Kelchglas.

In der Heimat sang ein Vogel indes
Nicht nullmal, nein – unendlich,
Ihn quälte wohl Sickness und andere Näß
In der Opfernacht morgenwendlich.

Der Himmelsfalter vor Hekate
In lüsterner Verbeugung
Kredenzt ihr Tuberosentee
Zwecks doppelter Fernzeugung.

Doch als die blaue Stunde schwand,
Da lacht‘ ich auf: Sibylle,
Die ich in Deinem Munde fand,
Kurt Hezel, die sei stille!

Nicht nur die Melancholia,
Nicht Eros nur und Gnosis
Füllt Deines Geistes Folia,
Er führt weit stärkre Dosis.

Geiz‘ nicht nach Epigonenruhm
Du Eigner aller Kräfte:
Du saugtest aus Bungonentum
Die edelsten der Säfte!

Wo mitternächt’ger Lampe Schein
Verschlossnen Geist entrammelt,
Wo selbst das rationalist’sche Schwein
Den Rosenhymnus stammelt.

Wo keiner eignes Handwerk kennt,
Doch das der andern meistert,
Für Jus der Philologe brennt,
Den Arzt Musik begeistert.

Wo keine andre Regel gilt
Oder die: O Freunde lass er,
Da ist es, wo Dein Siegel schwillt,
Du jeden Dings Erfasser.

Von aller Lüste roter Pracht
Sprich dort in 1000 Zungen;
Lehr uns, wie kalte Wissenschaft
In Mystik ist verschlungen.

Du steuerst das Bungonenschiff
Durch aller Reden Meere,
Du bist der Bungo als Begriff –
Wo fändst Du höhre Ehre?

Drum grüßt Dich der Bungonenbund,
Mitfeiernd Deine Feste;
Wir künden Dir durch meinen Mund
Und mit Verlaub der Gäste:

Bungonis incarnatio,
Hic haeret rerum ratio;
Wozu noch viel Geseire, —
Kurt Hezel, (zwei Worte in griechisch)

Anmerkung:
Diese Handschrift im Nachlass Martin Druckers verzeichnet keinen Verfasser und auch kein Datum. Es kann daher nur vermutet werden, dass Martin Drucker der Verfasser war. Unklar bleibt auch aus welchem konkreten Anlass diese Laudatio für Kurt Hezel als den Führer der Bungonen verfasst wurde.

 

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 101

Martin Drucker an Becka Frankel (London), 07.10.1947

7. Oktober 1946

Sehr geehrte Frau Frankel!

Ueber Ihre freundlichen Zeilen von 15. September ds. Js. habe ich mich sehr gefreut. Wenn sie auch an eine Zeit erinnern, die für Sie und Ihre Familie ganz besonders ernst war, so zeigen sie mir doch, dass Sie meinen Bemühungen, Ihnen allen beizustehen, ein gutes Andenken bewahren. Ich habe mich auch weiterhin bemüht, soweit es die immer trostloser werdenden Verhältnisse in Deutshcland gestatteten, für das Recht der Unterdrückten einzutreten, und bin ein wenig stolz darauf, dass ich doch manches schlimme habe abwenden können.
Persönlich habe ich sehr Trauriges erlebt. Meine beiden Söhne sind in diesem verbrecherischen Kriege gefallen, mein Heim und alles, was darin war, habe ich eingebüsst. Zuletzt musste ich noch im März 1945 aus Leipzig entweichen, um der gewissermassen längst fälligen Uebereführung in ein Konzentrationslager zu entgehen. Seit Juni vorigen Jahres bin ich aber zurückgekehrt und über wieder mit meinem Sozius Dr. Kurt Eckstein, mit dem ich nun schon fast 40 Jahre verbunden bin, die Praxis aus. Ich hätte gerne gewusst, wer von Ihren nächsten Angehörigen die letzten Jahre überstanden hat, auch ob mein Kollege Dr. (Georg) Steinmarder noch in Zürich tätig und wie dort seine Adresse ist. Vielleicht können Sie mir darüber einmal Nachricht zukommen lassen.
Ich danke Ihnen für die aus dem beigelegten Zettel ersichtliche Absicht, mir Kaffee und Tee zu übersenden. Bisher ist allerdings das Päckchen noch nicht eingegangen, und ich glaube auch nicht, dass es jemals an mich gelangen wird. Dadurch wird aber die Intensität meines Dankes für Ihre Freundlichkeit in keiner Weise vermindert.
Mit den besten Grüssen verbleibe ich Ihr (Drucker)

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 103a

Heinrich Scheuffler (München) an Martin Drucker, 25.12.1945

Absender:
Dr. Heinrich Scheuffler
München 23
Antwerpenerstrasse 10
München, 25.12.45

Lieber Onkel!

Seit dem Besuch Deines Boten im Oktober habe ich nichts von mir hören lassen. Es hat sich auch nichts geändert bei mir und ich kann über nichts klagen – es sei denn den Mangel an Zeit. Im Verlag ist immer noch wenig zu tun. Als Bauhilfsarbeiter bin ich nunmehr ein halbes Jahr tätig gewesen; damit will ich einen Jugendtraum nach dem Vorbild Paul Ge… s einstweilen abgeschlossen haben; es ist mir körperlich und seelisch sehr gut bekommen. Inzwischen hab ich meinen Fühler nach verschiedenen Richtungen sowohl in die Schweiz als in München ausgestreckt und hoffe, daß sich im Lauf des Januar irgendetwas entwickeln wird. Einstweilen nütze ich die freie Zeit zu wissenschaftlicher Arbeit.
Euch geht es hoffentlich auch unter veränderter Oberhoheit weiter gut.
Herzliche Wünsche fürs neue Jahr Dir, Renate und Ursel
Euer Neffe und Vetter
Heinrich Scheuffler

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 103b

Heinrich Scheuffler (München) an Martin Drucker, 16.03.1946

Herrn Justizrat Dr. Drucker
(10) Leipzig
Brandvorwerkstrasse 82

Absender:
Dr. Heinrich Scheuffler
(13b) München-23
Antwerpenerstrasse 10

Starnberg, 16.3.46

Lieber Onkel!

Auf einem Ausflug zu Professor Riezler am Starnberger See finde ich endlich die Musse, Dir ein kurzes Lebenszeichen zu geben. Neues habe ich nicht mitzuteilen. Im Verlag warten wir immer noch auf die Lizenz und hoffen auf Mitte April. Ich habe die Ehre, ab und zu auf der Publikations Section für den Verlag auftreten zu dürfen (als unbelasteter Angestellter). – Meine Zahlungnahmen in der Schweiz laufen weiter vom Schweizer Generalkonsulat wohlwollend vermittelt. – Ich arbeite einstweilen im Verlag weiter, habe aber dennoch Zeit zur Fortsetzung juristischer Studien (im internationalen Kartellrecht und im Insolvenzrecht).
Dr. (Robert) Deumer aus Leipzig, früher Reichsbankdirektor, jetzt praktizierend in Feilbach Rosenheim, lernte ich kürzlich als Genossenschaftsspezialisten kennen.
So führe ich immer noch ein friedensmäßiges Dasein – mitten in dieser ruhelosen Welt.
Hoffentlich geht es Euch einigermaßen zufriedenstellend; und hoffentlich könnt Ihr Euch satt essen.

Herzliche Grüße Dir, Ina, Ursel und Renate von Eurem Neffen u. Vetter

 

 

Heinrich Scheuffler

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 103c

Beck'sche Verlagsbuchhandlung München (Heinrich Scheuffler) an Martin Drucker, 13.06.1946

C.H.BECK´SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG MÜNCHEN UND BERLIN
MÜNCHEN 23 . DIETLINDENSTRASSE 14 . FERNRUF 33 417
19. Juni 1946 Dr. Sch/La

Herrn Justizrat Dr.   D r u c k e r
Leipzig S 3
Brandvorwerkstraße 82

Sehr verehrter Herr Justizrat!

Zum neuen Gesetz des Kontrollrats über die Ehe beabsichtigen wir einen Kommentar herauszubringen. Die Verfasser des in unserem Verlag 1939 erschienenen Kommentars zum grossdeutschen Ehegesetz von 1938 – Herr Ministerialdirektor (Dr. Erich) Volkmar und die damaligen Referenten des Reichsjustizministeriums – werden für eine Kommentierung des neuen Gesetzes wahrscheinlich nicht zur Verfügung stehen. Der geplante Kommentar soll auch nicht den Charakter jenes grossen Kommentars weiterführen. Wir glauben, dass er mehr auf die Bedürfnisse der Praxis zugeschnitten, etwa im Stile unserer Kurzkommentare von Baumbach, Schwarz usw. gehalten sein müsste. Ein Rechtsanwalt mit besonderer Erfahrung in Ehesachen erscheint uns als der geeignete Verfasser eines solchen Kommentars.
Wir wären Ihnen, sehr verehrter Herr Justizrat, sehr dankbar, wenn Sie uns einen Rechtsanwalt namhaft machen wollten, der über besondere praktische Erfahrungen in Ehesachen und zugleich über die juristischen und schriftstellerischen Fähigkeiten verfügen würde, um einen wissenschaftlich hochstehenden und praktisch brauchbaren Kommentar zum neuen Gesetz über die Ehe zu verfassen.

Mit der Versicherung ausgezeichneter Hochachtung

Ihre sehr ergebene
i. A. Dr. Scheuffler

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 113

Carl Drucker an Martin Drucker, 16.04.1946 (315)

Upsala, 16 april 46

Lieber Martin: Es ist vor einigen Tagen bekannt gemacht worden, dass jetzt wieder die Postverbindung mit Deutschland in Gang ist. Ich sende Dir deshalb sogleich einige kurze Nachrichten. Seit Deiner Karte vom Februar vorigen Jahres haben wir von Euch keine directen Nachrichten mehr, nur erhielt ich von Ina zwei Briefe, aus denen hervorging, dass bei Mannsfelds schwere Unglücksfälle durch Bomben geschehen sind und das Deine Wohnung zerstört wurde, ferner aber auch, dass Du wieder beruflich tätig sein kannst. Ein Norweger, der sich nach Flucht vor den Deutschen zur russischen Armee gerettet hatte, schrieb mir, er sei dort im Lazarett von Ina gepflegt worden. Wenn es Dir möglich ist bitte ich Dich um baldige Mitteilungen wie alles in der Familie steht; wir sind natürlich in Sorge um Euch alle. Von uns hier ist nichts besonderes zu berichten; mir geht es gut, Gertrud klagt über ihr eines Auge und ist in ärztlicher Behandlung.
Von Konrad habe ich im vorigen Jahre wieder Nachrichten; sie sind alle drei wohl, aber er quält sich mit der Neuschaffung einer Existenz. auch mit Richard sind Konrad und ich wieder in Verbindung; er ist im März zu seinen Kindern gereist und nun wohl dort angekommen. Heute nur so viel, hoffentlich habe ich bald Deine Antwort.
Allen herzliche Grüße von uns. Carl

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 114

Carl Drucker an Martin Drucker, 23.04.1946 (316)

Upsala, 23. April 1946

Mein lieber Martin.
Du kannst Dir kaum vorstellen, wie wir uns gefreut haben,  als heute morgen Dein Brief vom 4. (oder 9.?) April ankam. Seit Empfang Deiner Karte vom Februar vorigen Jahres war es die erste directe Nachricht von Euch, und sie war besser, trotz schmerzlicher Einzelheiten, als wir erwartet hatten. Obwohl Du vielleicht inzwischen eine Karte von mir erhalten haben wirst, die ich vorige Woche absandte, als wir erfuhren, dass der Postverkehr wieder eröffnet sei, will ich den Brief doch nochmals beantworten. Du erwähntest eine Nachricht aus Frankfurt über uns; die wird der deutsche Emigrant Dir gegeben haben, der vor einigen Monaten von hier nach Deutschland zurückgekehrt ist. Ich hatte ihm mitgeteilt, was wir über Euch erfahren hatten, nämlich das bei Mannsfelds und auch bei Dir viel Unglück geschehen sei, dass wir aber nicht genau Bescheid über Einzelheiten wüssten. Nun hast Du uns alles mitgeteilt. Dass Carl Mannsfeld einer Bombe zum Opfer gefallen ist, geht uns sehr nahe, aber er hat wenigstens nicht leiden müssen. Und unser alter Hans (Sickert) ist ruhig entschlafen, wie er es sich wohl immer gewünscht hat. Von Betty hoffen wir, dass sie sich von der schweren Verwundung bald erholen möge, so dass wir auch sie bei gute Gesundheit treffen, wenn wir, wie wir planen, in absehbarer zeit die Möglichkeit haben sollten Euch zu besuchen. Vorläufig freilich besteht diese noch nicht.
Eine grosse Freude aber war es nun die Bestätigung zu erhalten, dass Du selbst nach all dem Elend, das über Dich gekommen ist, wieder die frühere Stellung in Deinem Berufe und bei Deinen Berufscollegen einnimmst wie vor der Verbrecherherrschaft.
Gertrud ist dauernd in augenärztlicher Behandlung, besser gesagt Controle, da das rechte Auge schwach ist. Sie ist auch ziemlich mitgenommen von Sorgen, vom Winter, den sie gar nicht verträgt, und von vieler Arbeit. Augenblicklich quält sie sich mit einer halben Influenza. Doch arbeitet sie regelmäßig und malt. Ihre Schwester Clara (Flatow) wohnt nach wie vor hier bei uns in der Nähe und versucht Gesangsstunden zu geben, findet natürlich als Ausländerin ohne Protection nur wenige Schüler, obwohl sie, soviel ich verstehe, eine sehr gute Lehrerin sein dürfte. Von mir ist nur zu berichten, dass ich mich körperlich wohl fühle und arbeite wie gewöhnlich.
Was Conrad und die Seinen betrifft, so stehen wir wieder in Briefwechsel. Er scheint nicht ohne Berufssorgen zu sein; näheres weiss ich jedoch nicht. Bertha und Hannchen haben beide Erwerbstätigkeit, Hannchen schrieb heute, dass sie wahrscheinlich im Sommer auf zwei Wochen nach Stockholm reisen wird, wo sie irgend etwas zu tun hat. Conrad hat auch die Verbindung zu Richard wieder hergestellt, von dem ich mehrere Briefe habe. Ihm ist Institut, Wohnung und sein gesamtes wissenschaftliches Material, dass er jetzt im Ruhestand zu veröffentlichen dachte, zerstört worden. Er hat lange bei einem ehemaligen Schüler gewohnt und schrieb am 1. März, dass er am 15. nach America zu seinen Kindern reisen werde, wo er hoffentlich inzwischen angekommen ist. Seine Adresse dort ist: c/o Hermann Burian, M.D., 520 Commonwealth Avenue, Boston, Mass. Conrads Adresse lautet: 6 Fraser House, Albion Avenue, London S.W. 8. Von Isa (Maria Luise Huntington, geb. Burian) habe ich seit vorigem Jahre direct nichts gehört; hoffentlich hat sie sich von dem schweren Unglück etwas erholt, dass ihr ihr drittes Söhnchen geraubt hat. Ihr Mann hat eine gute Stellung. Ihre letzte Adresse, die wohl noch gilt, war: Box 695, Socorro, New Mexico, USA.
Wir wollen versuchen, Euch wieder einmal ein kleines Paket zu schicken, vorausgesetzt, dass man die Erlaubnis erhält. Es heisst, dass das jetzt geht.
Die Adressen von Fritz Cohn und Hanna Dobriner würden wir gern haben; Briefe von ihnen haben wir nicht erhalten. Schreib recht bald wieder und grüsse einstweilen Alle recht herzlich von uns beiden Schweden.
Dein Carl

 

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 116a

Conrad Drucker an Martin Drucker, 21.06.1946 (320)

6, Fraser House
Albrion Avenue, S. W. 8
21th Juny 1946

Lieber Bruder,
ich war glücklich, trotz aller ernsten Nachrichten, Deinen Brief vom 20. Mai zu erhalten. Während all der Jahre war es ein schreckliches Gefühl nicht voneinander hören zu können, wir haben ständig an Euch gedacht.
Du hast wirklich genug durchmachen müssen und ich fühle brüderlich mit Dir. Peter war uns ein guter Freund geworden, den wir lieb gewonnen hatten, und wir freuten uns stets ihn zu sehen. Er stand uns besonders nahe, da er in Hamburg lebte. Heinrich haben wir leider infolge räumlicher Entfernung nur selten gesehen. Du kennst meine scharfe Einstellung gegen alles was Nazi hiess und ich empfinde es als eine Schande, dass wegen eines verbrecherischen Lumpen Deine beiden Söhne ihr Leben lassen mussten. Wir wussten nicht, dass Heinrich geheiratet hatte. Ich weiß nicht, ob ich Ursel getroffen habe. Es ist schön, dass sie mit Heinrichs beiden Jungen bei Dir wohnt. Kinder bringen Sonnenschein ins Haus, den man heute braucht und ich freue mich für Dich.
Was Du mir über Karl Mannsfeld und unsere arme Betty schreibst, ist auch tief traurig. Ich habe Karl immer hochgeschätzt. Abgesehen von seinen großen Fähigkeiten war er ein guter anständiger Mensch. Der Tag, an dem wir alle vor meiner Abreise nach England und zu Gretes Lebenszeit noch einmal bei Euch zusammen waren, wird mir stets unvergesslich bleiben. Grüße Ina und Renate von mir. Sie sorgen sicher gut für Dich und mit ihnen, Ursel und den Kindern hast Du einen schönen Familienkreis um Dich.
Du schreibst, dass Du erkrankt warst. Ich hoffe, dass Du nun wieder gesund und wohlauf bist. Ich bin stolz, dass Du, mein Bruder, wieder in führender Stellung bist und damit die Anerkennung erfährst, die Du verdienst.
Nun noch ein paar Worte über uns. Ich schrieb Dir die vorhergehenden Zeilen gestern im Büro, möchte aber den Brief auf alle Fälle heute abschicken. Aber wir können von jetzt an einen laufenden Briefwechsel aufrecht erhalten.
Bis jetzt sind wir drei wohl geblieben. Aber auch wir haben Erfahrungen gemacht. Wir haben oft unsere Wohnung wechseln müssen. Wir haben keine eigenen Möbel u.s.w. hier und haben entweder in möblierten Häusern oder Etagen gewohnt. Das ist natürlich viel teurer. Anfang Juli müssen wir auch aus unserer jetzigen Wohnung heraus, da die Eigentümerin zurück kommt.
Wir müssen uns Zimmer nehmen bis wir etwas anderes finden, was im Aguenblick sehr schwierig ist.
Joan hat ihre eigene kleine Wohnung, die sie aber für einige Zeit an einen Norweger vermietet hat. Sie hat in der Zwischenzeit bei uns gewohnt. Sie hat eine gute Stellung bei der B.B.C. Anfang Juli will sie auf 14 Tage nach Schweden gehen. Ich habe eine Firma für Textil-Abfälle, wo ich mit Hilfe einer Grossbank arbeite. Die Zeit während des Krieges war infolge Arbeitermangels und Warenrestrictionen sehr schwierig. Dieses Jahr bedeutete aber sicher einen Aufschwung, da nicht allein die erwähnten Schwierigkeiten nach und nach geringer werden, sondern auch der Export wieder ermöglicht wird. Jedoch am 4. Januar brach ein schlimmes Schadenfeuer aus, das die halbe Fabrik zerstörte. Wir erwarten täglich die Lizenz zum Wiederaufbau, aber inzwischen sind wir auf ein Drittel unseres Umsatzes reduciert. Well, such is life. Von Hamburg habe ich in jüngster Zeit eine ganze Reihe von Briefen erhalten. Die Bank steht noch. Erstaunlicherweise ist auch der Kerl, der mich s. Zt. denunciert hatte, noch angestellt. Er ist plötzlich ein scharfer Anti-fascist und „überzeugter“ Sozialdemokrat geworden. Andere viel anständigere Leute haben gehen müssen. Vor Monaten erhielt ich einmal eine mysteriöse Anfrage von Hamburg, ob ich evtl. gewillt wäre, wieder die Leitung der Bank zu übernehmen, habe aber seitdem nichts mehr davon gehört. Auch ich wäre glücklich am Wiederaufbau deutscher Kultur mitzuhelfen. Diese Kultur liegt durch die verbrecherischen Handlungen der Nazi-Anti-Kulturisten schwer darnieder, aber sie kann nicht tot sein, sie schläft.
Ich danke Dir, daß Du versucht hast unsere Möbel zu retten. Aber wir sind nicht die einzigen, die alles verloren haben.
Aber Du wirst ungeduldig werden über die Länge der Epistel. Nur noch zwei andere Punkte.
Du wirst Dich erinnern, daß ich die Bank vor dem Kriege plötzlich verlassen musste, weil ich scharfer Gegner der Nazis war. Die Mitglieder des Aufsichtsrates fürchteten um ihre eigene Sicherheit infolgedessen. Sie gaben aber gleichzeitig Erklärungen über meine „Tüchtigkeit“ und darüber dass mein Weggang einen „Verlust für die Bank bedeute“, ab. Well, das ist „wrongful dismissal“ oder unberechtigte Entlassung. Kann ich dafür ansprüche geltend machen, die beträchtlich sein würden?
Zweitens eine Bitte. Ich halte Lebensversicherungen wie folgt:
a) Alte Leipziger:
Vers.-Nr. 607 967, fällig, ich glaube voriges Jahr oder mit dem 60. Lebensjahr bereits. Ich bin nicht ganz sicher.
b) Allianz und Stuttgarter Berlin, Hamburger Geschäftsstelle
A 46 195, fällig 1939 (als Joan 25 Jahre alt wurde)
beide Policen sind auf Gold-Basis und im Namen K. Drucker.
Kannst Du etwas darüber ausfindig machen? Vielen Dank.
Carl schrieb mir, dass Hans Sickert gestorben sei. Er hat auch manches bittere durchgemacht. Carl vermutet, dass Onkel Paul (Drucker) von den Nazis ermordet worden sei. Ist das wahr?
Schreib weiter an meine Adresse Fraser House, bis ich Dir eine andere mitteile.
Das war ein langer Brief. Sei nicht böse. Wes das Herz voll ist, dem geht der Mund über.
Bertha, Joan und ich senden Dir und allen Deinen herzlichste Grüße
Dein Bruder Conrad

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 117

Rudolf Fiedler an Martin Drucker, 20.12.1946 (444)

Röbel  & Fiedler Chemische Fabrik G.m.b.H.
Leipzig W 33 Angerstraße 26-28

20. Dezember 1946

Herrn Justizrat Dr. Drucker
Leipzig S 3
Brandvorwerkstraße 80

Sehr verehrter Herr Justizrat,
bei meiner Rückfrage machte mir heute Ihr Büro die erfreuliche Mitteilung, dass Sie Ihrer völlige Genesung entgegen sehen. Hierüber freue ich mich aufrichtig mit Ihnen, und wünsche Ihnen weiterhin von Herzen alles Gute.
Zurückblickend auf das scheidende Jahr möchte ich Ihnen, lieber Herr Justizrat, im besonderen nochmals vielen Dank sagen für Ihre Unterstützung und die mir erwiesenen Freundlichkeiten.
Ohne Übertreibung können wir wohl behaupten, dass das vergangene Jahr das schwerste war, das wir durchleben mussten. Obwohl im Augenblick die Wirtschaftslage für Optimismus wenig Raum lässt, wollen wir unerschütterlich in die Zukunft blicken und uns die beruhigende Tatsache vor Augen halten:

„Hinter jeder Wolke scheint die Sonne!“

In dieser Erkenntnis möchte ich Ihnen, verehrter Herr Justizrat, und auch Ihren Lieben meine aufrichtigen Wünsche zum Jahreswechsel darbringen. Wollen wir weiterhin darnach trachten, in dieser schweren Zeit ein starkes Herz zu bewahren und gute Freundschaft zu halten.
In diesem Sinne begrüsse ich Sie herzlichst als
Ihr Ihnen sehr ergebener (Rudolf?) Fiedler

 

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 119

Helene Hilpert an Martin Drucker, 20.12.1946 (443)

20.12.46

Sehr geehrter Herr Justizrat!

Entschuldigen Sie bitte, daß ich nur mit Bleistift schreiben kann, es steht mir aber nichts anderes zur Verfügung.
Als erstes möchte ich Ihnen zusammen mit Ihrer lieben Familie die herzlichsten Weihnachtsgrüße übermitteln mit den besten Wünsche für  baldige völlige Genesung.
Uns hat das Schicksal hart angepackt, da ich hier unter wahnsinnigen Schmerzen zu leiden habe, u. das schönste Fest nicht mit meiner Familie verleben kann. Hier bekomme ich Milchsuppen, damit ich wenigstens etwas zu mir nehmen kann.
Ich will auch nicht undankbar sein, denn ich fange jetzt ja wieder wenn auch mühselig zu sprechen an.
Ich bin wirklich ganz traurig & mein geliebtes Notariat mußte ich so plötzlich verlassen.
Nachmals alles alles Gute & ein gesundes Fest wünscht Ihnen mit Ihren lieben Angehörigen
Ihre ergebene H. Hilpert

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 120

Martin Drucker an Schenker & Co. (Lübeck), 15.07.1946 (319)

15.7.46

Herren Schenker & Co.
24 Lübeck
Fischstrasse

Mein Bruder, Professor (Carl) Drucker in Uppsala, Luthage Esplanad 24b, hat am 24. Mai dieses Jahres ein Liebespaket (oder eine Mehrzahl solcher unter einer Nummer) Nr. 8326 an mich abgeschickt.
Wie ich von Herrn (Ernst) Dobriner, Leipzig, Eitingonstraße 10, höre, haben Sie ihm telegrafisch mitgeteilt, dass ein enige Tage vorher von demselben Absender (bzw. dessen Gattin) an ihn abgeschicktes Paket in Lübeck eingetroffen ist und ihm durch Sie zugeleitet werden soll.
Ich bitte Sie, nach dem Verbleib des für mich bestimmten Pakets zu forschen und bei Erfolg mich telegrafisch zu verständigen, damit ich Ihnen dann den von Ihnen zu bezeichnenden Spesenbetrag für die Weiterbeförderung nach Leipzig überweisen kann.
Hochachtungsvoll Justizrat (Drucker)

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 121

Gertrud Haubold (Gotha) an Martin Drucker, 26.10.1945

Gotha, 26.10.1945

Mein lieber, bester Fempe,

zuerst einmal möchte ich die leider versäumten Glückwünsche zum Geburtstag nachholen und Ihnen alles Gute für dieses neue Lebensjahr wünschen. Sie sehen, lieber Fempe, Sie werden hier noch sehr gebraucht und ich habe die Hoffnung, daß Ihre Arbeit allmählich wieder etwas erfreulicher wird und Ihnen eine kleine Befriedigung wenigstens gewährt wird. Sonst ist ja alles noch recht unerfreulich und die zur Zeit herrschende Atmosphäre lastet noch sehr auf mir. Ich hatte mir den Frieden doch sehr anders gestaltet vorgestellt. Und von Aufbau und der Freude positiven Schaffens nach so langen Jahren Zuchthaus ist eben auch noch nichts zu spüren.
Gotha ist ein Nest, von dem man nicht viel verlangen kann, ich bin aber dankbar, daß ich in der Obhut meiner Eltern sein kann, die zur Zeit ja vieles erleichtert, so die Sorge um das tägliche Brot. Gluecklich bin ich, daß auch wir ab 15.XI. eine neue und ordentliche Wohnung beziehen werden, in der jeder seinen Raum haben kann, schöne Lage und gutes Haus. Dieses hier bricht uns über den Kopf zusammen.
Meine Prüfung hat sich wieder verschoben und so wird es, zumal im November erst noch umgezogen werden muß, doch Dezember werden, bis ich einmal nach dem alten guten Leipzig kommen kann. Ich freue mich unendlich darauf, ein langer Schwatz mit Fempe, Renatchen und Ursel wird mich für viele Entbehrungen entschädigen. Also: ich komme sobald ich es einrichten kann.
Sehr gespannt bin ich auf die neue Wohnung, Ihre neue Arbeit, lieber Fempe, von der Sie mir erzählen muessen und … … … mein Patenkind, natürlich auch auf Michael.
Herbert wollte ich neulich Post für Sie und Ursel mitgeben, aber ich bin zur Zeit so schwer zum Schreiben zu bewegen. Ich hoffe, er hat meine allerbesten Grüße an Sie überbracht. Leider habe ich nichts mehr von ihm gehört, er wollte versuchen, Post über die Grenze zu bringen, aber ich nehme an, daß er jetzt bald von sich hören lassen kann, denn zur Zeit soll ja Postverkehr im ganzen Deutschen Reich möglich sein.
Von meinem Brüderlein haben wir noch keinerlei Nachricht. Ich mache mir Sorgen. – Haben Sie zwischenzeitlich von Ina gehört? Wie mag es ihr ergangen sein? Ich möchte sehr gerne von ihr wissen. Da oben war es sicher oft sehr unerquicklich. Daß Heinrich und Peter nicht mehr zurückkehren werden, ist ein sehr bitterer Gedanke. Ich denke so oft an die glücklichen Tage in Großbothen. War die Welt damals noch schön und reich!! Ob man einmal wieder so froh sein wird? Ach, Fempe, viel hat das Leben genommen – und das mir wertvollste ist doch die Freundschaft zu Ihnen geblieben. Ich bin Ihnen auch sehr dankbar, lieber bester Fempe, daß Sie mir Ihre Freundschaft bewahrt haben – es muß nicht immer leicht gewesen sein, scheint mir.
Mein lieber Fempe, grüßen Sie das … und Renate sehr herzlich und sagen Sie der Ursula, daß ich ihr noch sehr schön für den letzten Brief danke und bald auch schreiben werde. Ich freue mich sehr auf ein Wiedersehen und hoffe Sie tun es auch.
Für heute herzliche Grüße und nochmals alles Gute für Sie, Fempe, und das Urselchen muß nicht unbedingt auf meinen Brief warten, wenn es sie drängen sollte, mir zu schreiben. Ich freue mich auch über die …  …, die mir von Ihnen allen berichtet sehr.

Ihre alte Hauboldine

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 122

Gertrud Haubold (Gotha) an Martin Drucker, 06.10.1946 (408)

Gotha, 6. Okt. 1946

Mein lieber, guter Fempe,

heute geht nun schon der Geburtstage seinem Ende zu und ich habe so oft an Sie gedacht, liebster Fempe, bin aber leider noch nicht zum Schreiben gekommen. Und es sollte doch wengistens ein Briefchen werden.
Hat die liebe Familie dem Großfempe heute entsprechend gefeiert? Ich stelle mir Michael und Christian im festlichen Gewand mit Blumenstrauß vor, wie sie sicher ganz reizend gratuliert haben. Auf den Fasanen werden Sie, lieber Fempe, wohl haben verzichten müssen, aber Urselchen wird wohl ein festliches Mahl bereitet haben.
Nun also, liebster bester Fempe, wünsche ich Ihnen noch many happy returns of this day und daß Sie noch recht lange segensreich in der deutschen Anwaltschaft wirken.
Ich habe mich doch sehr darüber gefreut, wie viel besser Sie wieder aussahen als bei dem vorhergehenden Treffen. Und die Arbeit hat heute sicher auch manches Unangenehme, aber sie ist doch erfreulicher als vor ein paar Jahren. Ich würde gerne wissen, was Sie zu den Nürnburger Urteilen sagen! Darüber müssen wir uns einmal unterhalten, wenn ich wieder in Leipzig bin. Aber bis dahin wollen wir vielleicht gar nichts mehr davon hören. Ich muß ja überhaupt sagen, daß ich endlich von all dem Morden und Blutvergießen genug habe und nur an friedlich Dinge denken möchte. Später einmal, wenn wir in Afrika auf der Farm meiner Schwester hausen Silberstreif am Horizont.
Gespannt bin ich auf die Landtagswahlen und sehe mit Skeptizismus den Kämpfen um die Bildung einer Reichsregierung entgegen. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis wir soweit sind.
Liebster Fempe, ich denke oft an die schönen Leipziger Tage zurück. Leider ist Ina und sind auch Sie nun nicht hier aufgetaucht, so daß ich Sie mal hier einen Tag hätte verwöhnen können.
Nochmals alles Gute für Sie, bester Fempe, bleiben Sie gesund und seien Sie von Herzen gegrüßt von Ihrer
alten Hauboldina

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 123

Martin Drucker an Gertrud Haubold, 07.12.1946 (409)

7. Dezember 1946

Liebe Hauboldine!

Ihr an meinem Geburtstag geschriebener Brief traf schon am 9. Oktober hier ein und liegt nun immer noch unbeantwortet in meiner Mappe. Ehe ich mich deshalb entschuldige, danke ich Ihnen aufrichtig für die guten Wünsche, aus denen wieder die ganze Freundschaft und Anhänglichkeit spricht, die uns nun schon jahrelang verbindet. Ihre Vermutung, dass die Familie meinen Geburtstag „entsprechend“ gefeiert habe, trifft zu. Insbesondere war ich der Gegenstand besonderer Aufmerksamkeiten der beiden lieben Jungen. Aber nun zur Erklärung meines Schweigens.
Ich war im Oktober wie immer ganz stark beschäftigt und hatte auch einige Reisen im Auto zu unternehmen, deren gesundheitlicher Einfluss naturgemäss nicht sehr günstig war. Sie werden wohl die Ursache dafür gebildet haben, dass ich Anfang November einen Rückfall in die Rippenfell- und Lungenentzündung des Frühjahrs erlitt und seitdem das Bett hüten musste. Heute ist wirklich der erste Tag, an dem ich mich wenigstens in Form des Diktats mit meiner liegen gebliebenen Privatkorrespondenz beschäftigen kann. Ausgehen darf ich vorläufig noch nicht wieder.
Sie sehen, liebe Hauboldine, dass Ihre Erwartung, ich würde noch recht lange in der deutschen Anwaltschaft wirken können, auf ziemlich schwachen Füssen steht. Auf den sonstigen Inhalt Ihres Briefes einzugehen, der ja sich mit uns allen berührenden allgemeinen Fragen beschäftigt, muss ich mir deshalb versagen, weil eine kurze Antwort Missverständnisse hervorrufen und eine ausführliche vielleicht nicht zweckmässig sein würde. Aber ich denke, dass wir eine Aussprache über alle diese Dinge nicht zu weit zu verschieben brauchen, bis der Silberstreifen am Horizont, Ihre Uebersiedlung auf die afrikanische Farm, irdische Wirklichkeit wird, denn bis dahin hoffe ich, Sie noch manchmal bei uns zu sehen und mit Ihnen ernste vertrauliche Gespräche über unsere Umwelt führen zu können.
Für heute bitte ich Sie, zugleich von meiner ganzen Familie, die herzlichsten Grüsse entgegennehmen zu wollen, und bleibe
Ihr aufrichtig ergebener (Drucker)

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 124

Martha ? (Naunhof) an Martin Drucker, 05.11.1946 (401)

Schloßstraße 17 I
Naunhof, 5.11.46

Sehr verehrter lieber Herr Justizrat!

Viele Jahre sind dahin gegangen u. Sie haben von mir nichts mehr gehört. Doch ich habe mein Augenmerk auf Ihnen u. den Ihren gehabt, das werde ich wenn ich selbst vorbei komme erzählen.
Ich bin leider in tiefer Trauer sonst hätten mich meine Schritte schon längst mal zu Ihnen gelenkt. Ich hörte, es geht Ihnen allen so weit gut. Was ich sehr begrüße, auch ich kann sagen, daß es mir wieder befriedigend erging. Ich war Ihnen immer Dank schuldig, was ich auch immer bin. Ich weiß, dass Herr Justizrat gern Obst hatte u. erlaube mir Ihnen werter Herr Justizrat eine Kleinigkeit zu senden.
Indem ich Sie herzliche Grüße sende
in stiller Trauer Martha …?

b.w.
Meine alte Freundin Dora Lange, welche gerade sich jetzt auch in einer schweren Lage sich befindet, erzählte mir das Herr Justizrat wieder tätig ist. Hoffentlich erinnert sich Herr Justizrat meiner noch.
Wo wir 1928-29 alles verloren hatten.

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 13 a

Eberhard Forche (Nabburg) an Martin Drucker, 06.10.1945

Dr. Eberhard Forche
Nabburg/Opf.
Nikolaistrasse 302

Nabburg, d. 6.X.1945

Lieber Fempe,

gar oft habe ich in den vergangenen Monaten Ihrer gedacht und mir Gedanken gemacht, wie Sie und die Ihren wohl die gefahrvollen Ereignisse dieses Jahres überstanden haben mögen. Aber heute, an Ihrem Geburtstag denke ich wieder mit besonderer Herzlichkeit an Sie und bedauere es lebhaft, dass ich Ihnen meine Grüsse und Glückwünsche nicht zum heutigen Tage bringen geschweige dann persönlich ausrichten kann. So muss ich warten, bis die Post endlich wieder in alle Zonen geht, was vermutlich in nächster Zeit eintreffen wird, denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Briefe, die ich Reisenden nach anderen Gebieten mitgegeben habe, im allgemeinen nicht angekommen sind.
Nun, lieber Fempe, wünsche ich vor allem, dass Sie den heutigen Tag bei guter Gesundheit verleben. Vermutlich sind Renate, Ursel und die Enkelkinder um Sie versammelt und Sie können nach den vergangenen traurigen Jahren wieder Hoffnung und Pläne für eine …, friedliche Zeit hegen. Wünschen möchte ich auch, dass Ihre Leipziger Wohnung in der Schwägrichen Strasse vor weiteren Zerstörungen bewahrt worden ist und Sie es wieder zu dem geschmackvollen und kultivierten Heim ausgestalten können, wie es mir aus meiner schönen Leipziger Zeit her in unvergesslicher Erinnerung geblieben ist und .. bleiben wird.
Mir persönlich geht es verhältnismässig gut. Die Ernährung bei Bauern ist wesentlich besser als in anderen Gegenden. Die Besetzung ist ziemlich gemässigt vor sich gegangen. Lediglich durch ausgedehnte Plünderungen von Russen und Polen habe ich noch zum Teil meiner …, durch alle Angriffe geretteten Sachen verloren. Industrie und Verkehr kommen nur sehr schleppend in Gang. Das Reisen war bis vor kurzem völlig verboten und ist auch jetzt noch bei den spärlich verkehrenden Zügen mit grossen Schwierigkeiten verbunden.
Von meinen Eltern habe ich leider noch keine Nachricht. Sie waren im Januar aus Breslau nach Neundorf bei Stadt Wehlen in der Sächs. Schweiz geflüchtet, wo ich bei Bekannten aus Hannover Sachen verlagert hatte. Das Dorf ist dann mit Bomben belegt worden, wobei meinen Eltern wie durch ein Wunder nichts passierte. Ich war zu Ostern dort, um sie nach Nabburg zu holen. Aber meine Mutter und meine Schwester waren so krank – verschlimmerte Folgen der Flucht in der Kälte aus Breslau – dass sie nicht reisefähig waren. Seitdem habe ich nichts mehr von ihnen erfahren. Kämpfe sollen in der Gegend nicht gewesen sein. Die Breslauer Gegend, in der wir wohnten, ist durch die schweren Kämpfe völlig vernichtet. Um meine Eltern mache ich mir vor allem in gesundheitlicher und ernährungsmässiger Beziehung ernsteste Sorgen. Wenn mein Vater unversehrt ist, hat er vermutlich bereits nach Leipzig geschäftliche Verbindung aufgenommen.
Nun hoffe ich, von Ihnen bald eine möglichst günstige Nachricht über Ihr Wohlergehen zu erhalten, und bleibe mit den besten Wünschen und herzlichsten Grüssen

Ihr getreuer Eberhard Forche.

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 36 a

Lilli Conrad, geb. Langerhans an Martin Drucker, 01.12.1945

Persönlich !
Lilli Conrad geb. Langerhans
Leipzig W 33
Lindenauer Markt 12 11 r

Leipzig, am 1.12.45

Herrn Justizrat Dr. Drucker
Leipzig S 3
Brandvorwerkstr. 80

Sehr geehrter Herr Justizrat !

Der Name Conrad sagt Ihnen natürlich nichts, aber vielleicht erinnern Sie sich noch an Paul Langerhans, meinen Bruder, der eine Zeitlang, wohl als Referendar, bei Ihnen gearbeitet hat.
Ausserdem bin ich von einigen alten Demokraten an Sie verwiesen worden, um für meinen Bruder und mich Ihren Rat zu erbitten wegen politischer Rehabilitation.
Wir sind beide im Mai 1933 in die Partei eingetreten, mein Bruder hatte eine Zeitlang auch ein untergeordnetes politisches Amt (Block- oder Zellenleiter). Was für ein grundanständiger Kerl mein Bruder ist, werden Sie noch aus der Erinnerung wissen. Wir sind beide der Partei beigetreten, weil wir glaubten, dass es für unser Volk und Vaterland so das Beste wäre.
Mein Bruder war zuerst Rechtsanwalt, dann während des Krieges Staatsanwalt, ich glaube, zeitweilig auch beim Sondergericht, wenigstens sprach er mir damals von Fällen, die ihn seelisch schwer bedrückten, zuletzt über ein Jahr Soldat. Seine Familie war in Leipzig, Mozartstr. 15 am 4.12.44 ausgebombt und nach wechselnden Schicksalen bei Verwandten in Rendsburg/Holstein (24), Neue Kieler Landstr. 81 b. Eggers untergekommen. Dorthin ist mein Bruder nach seiner Entlassung aus russischer Gefangenschaft gegangen und zur Zeit ohne Arbeit. Seine Frau soll in diesem Monat ihr drittes Kind gebären.
Was soll er tun? Er fragt bei mir an, ob er wieder nach Leipzig kommen kann oder soll. Das ist doch wohl nicht ratsam? Ich nehme an, er würde als politischer Aktivist zählen und nur Schwierigkeiten haben?
Ich selbst bin Fürsorgerin, Gesundheitspflegerin von Beruf, habe zuletzt hier vom 1.10.39 bis 30.6.42 beim Oberbürgermeister-Gesundheitsamt- Leipzig gearbeitet und bin dann wegen meiner Verheiratung mit dem Ingenieur und Bezirksleiter (einer Versicherung) Albert Conrad, der mir ein zweijähriges Kind zubrachte, aus dem Beruf ausgeschieden. Mein Mann war während des grössten Teils unserer Ehe Soldat und im Ausland. Seit Ende November 1944 ist er vom Heer entlassen und hat wieder in seiner Versicherung („Flamma“ Erfurt) gearbeitet, ist aber jetzt bei der Zusammenlegung der Versicherungen und auch als Pg. (1937 oder 1939) und alter Offizier entlassen. Was nun aus uns wird, wissen wir noch nicht. Mein Mann könnte bei seiner Firma im ausserrussischen Gebiet Arbeit finden; da er mir dann aber nichts mehr schicken kann und es zweifelhaft ist, ob ich mich in absehbarer Zeit mit ihm vereinigen kann, ist diese Lösung problematisch, und er sucht einstweilen nach Arbeit im russischen Gebiet.
Natürlich muss ich arbeiten, und zu diesem Zweck möchte ich meine Rehabilitierung betreiben. Da wir keine gemeinsame Wohnung haben, sondern ich mit dem Kinde in meiner früheren Junggesellenwohnung in Leipzig hause (zwei Räume mit stillgelegter Zentralheizung, zwei Gasflammen im Bad, sonst gänzlich kalt!) und mein Mann bisher in Erfurt gewohnt und gearbeitet hat mit gelegentlichen Besuchen bei uns (eine Wohnung dort ist uns bei den grossen Wohnungsschwierigkeiten beschlagnahmt worden, ehe ich hineinziehen konnte!) war unser Haushalt immer etwas kompliziert.
Ich habe in diesem Jahre natürlich immer mehr oder weniger gearbeitet, da mein Mann sehr wenig verdiente, habe Privatunterricht in Englisch gegeben (ich habe eine Dolmetscherprüfung abgelegt) und Uebersetzungen gemacht. Ich sollte aber auch eine Anstellung bei der Fremdsprachenschule der Stadt Leipzig haben, aber meine Parteimitgliedschaft zusammen mit der Tatsache, dass ich kein Lererrinnenexamen habe, verhinderten das. Seit 2.11.1945 bin ich als Arbeiterin bei der Firma Rudolf Gottfried Hahn, Leipzig W 33 Demmeringstr. 18 tätig. Es ist eigentlich ein Barsortiment, aber ich arbeite in der Nebenabteilung – Vertrieb von Bohnerpaste. Ich fülle Bohnerpaste aus Fässern in Dosen ab, klebe Etiketts und dergleichen. Stundenlohn RM 0,60.
Sie müssen nicht denken, dass ich mich beklage, aber vielleicht gäbe es später doch wieder die Möglichkeit, wieder als Fürsorgerin zu arbeiten oder meine Kurzgeschichten an Zeitungen loszuwerden (ich hatte mir einen kleinen Abnehmerkreis an Zeitungskorrespondenzen geschaffen, das ist natürlich alles vorbei). Bisher geht es überhaupt nur dadurch, dass der Kindergarten ganz in der Nähe ist, sodass mein Sohn über Tag untergebracht ist und eine leidlich warme Stube hat. Letzteres kann ich ihm zuhause nicht bieten, denn ich habe zwar einen Ofen, konnte bisher aber kein Ofenrohr auftreiben!
Vielleicht sollte ich hinzufügen, dass ich am 4.9.1905 in Leipzig geboren bin als Tochter des praktischen Arztes und alten Demokraten, Sanitätsrat Dr. Ernst Langerhans, und am 6.6.1942 in Leipzig geheiratet habe.
Die Schwierigkeit, meine Rehabilitierung zu betreiben, wird wohl weniger in dem liegen, was ich getan habe- denn ich habe nie ein politisches Amt bekleidet und als Gesundheitpflegerin Personen verschiedenster Berufsgruppen, Rassen und Konfessionen unparteiisch und wohlwohlend betreut (Infektionskranke, Geisteskranke, uneheliche Kinder usw.) als darin, dass ich 1935-39 in Altenburg tätig und 1932/33 zur Ausbildung als Säuglingspflegerin in Greifswald war und in Leipzig erst beruflich sehr in Anspruch genommen war und dann nach meiner Verheiratung ganz zurückgezogen nur für das Kind gelebt habe. So habe ich den Konnex mit den Freunden und Bekannten meiner Eltern verloren (soweit sie nicht gestorben oder nach Ausbombung verzogen sind) und selbst wenig neue Bekanntschaften gemacht, auf die ich mich berufen könnte.
Was soll ich tut, geehrter Herr Justizrat?
Es ist das Schlimme, dass mein Bezirk in der Innenstadt, den ich als Fürsorgerin betreut habe, fast völlig zerstört ist, und die dort wohnhaft gewesenen Leute über die übrige Stadt zerstreut sind, sodass ich mich auf diese nicht berufen kann und sie nicht als Zeugen benennen kann.
Muss ich ein Gesuch machen, einen Fragebogen ausfüllen? In der Woche bin ich bis 5 Uhr beschäftigt und muss dann für mein Kind sorgen, aber am Sonntag, den 9.12. bin ich voraussichtlich bei meiner Tante, Frau v. Hagenow, in der Fockestr. 35 zu Tisch. Kann oder soll ich Sie vorher- etwa zwischen 11 und 12 Uhr- aufsuchen, um die Sache mündlich zu besprechen?
Entschuldigen Sie, dass ich Sie mit einem so ausführlichen Schreiben belästige, ich verlasse mich dabei darauf, dass Sie, wie mein Bruder zu sagen pflegte, ein gütiger und stets hilfsbereiter Mensch sind.

Mit Dank im Voraus
Ihre
Lilli Conrad

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 42

Martin Drucker an Fred Grubel (New York), 22.07.1946

22. Juli 1946.

Mein lieber Kollege Grubel!

Ihr Brief vom 4. April ds. Js. hat mich hoch erfreut, weil er mir so gute Nachrichten über Sie und Ihre Familie brachte. Ich hätte Ihnen längst geantwortet, war aber schon seit Anfang Mai infolge einer Lungen- und Rippenfällentzündung schwer krank zu Hause und fange erst jetzt wieder an, mich zu betätigen.
Wie ich aus Ihrem Schreiben ersehe, haben Sie auf irgendwelchen Umwegen Nachricht von den Schicksalsschlägen erhalten, die mich getroffen haben, hoffen aber, dass diese Angaben nicht zutreffen. Leider ist es mir aber schlimmer ergangen, als Sie vielleicht erfahren haben. Meine beiden Söhne sind als Obergefreite in des Verbrechers todgeweihtem Heer gefallen; Peter schon 1942 in Aegypten, Heinrich Ende Januar 1945 in Niederschlesien.
Ausgebombt bin ich viermal. Zu allererst ging am 4. Dezember 1943 unser Bürohaus nicht nur mit allen Akten, sondern auch mit meiner Ihnen so gut bekannten schlechthin unersetzlichen Bibliothek in Flammen auf. Dann wurde 1944 ein Teil des Mozartstrassenflügels meiner Wohnung weggerissen. Im Februar 1945 wurde das ganze Haus durch Bomben und Feuer vernichtet. Was wir an Einrichtungsgegenständen zunächst gerettet hatten, ging dann am 6. April 1945 in einem Lagerhaus zu Grunde. Dass die Nazibestien, wie Sie sie recht milde nennen, mich all die Jahre über drangsaliert und verfolgt haben, ist ja selbstverständlich. Weil es ihnen aber nicht gelang, mich unschädlich zu machen, versetzte man mich unter dem 1. April 1944 in den Ruhestand, den es doch für den freien Beruf gar nicht geben kann. Nachdem wir im Februar vorigen Jahres obdachlos geworden waren, sollte ich noch ins Konzentrationslager kommen, entzog mich dieser Ankündigung aber durch Uebersiedlung nach Jena, von wo ich nach der Befreiung Jenas und Leipzigs durch die Amerikaner hierher zurückkehrte. Dr. Eckstein, dessen älterer Sohn als Ingenieuroffizier auf einem Unterseeboot umgekommen und dessen jüngerer Sohn so zerschossen worden ist, dass er am Stock gehen muss, hatte im Europahaus am Augustusplatz (jetzt Karl-Marx-Platz) ein Büro gemietet, das nach meiner Rückkehr erheblich erweitert worden ist. Wir haben jetzt ein Dutzend oder mehr Angestellte und vermögen trotz Zutritts unseres Ihnen vielleicht noch bekannten Referendars Dr. Herbert Franz, der natürlich inzwischen Rechtsanwalt geworden ist, sowie einer Referendarin die Arbeit kaum zu bewältigen.
Von unseren alten Angestellten ist Herr (Karl) Thierbach trotz seiner 72 Jahre noch als Registrator bei uns tätig. Ich bin nach meiner Rückkehr sofort zum Präsidenten des hiesigen Ausschusses der Rechtsanwälte und Notare gewählt und auch als Vizepräsident in den Dresdner Kammervorstand berufen worden. Sie können sich unschwer vorstellen, welche Arbeit auf mir lastet.
Dass Sie beide Eltern, und zwar Ihre Mutter auf so grauenhafte Weise verloren haben, beklage ich mit Ihnen. Ich halte es immer für eine Gnade, dass meine Frau schon im Januar 1939 verstorben ist und somit wenigstens das grauenhafte Kriegsgeschehen und den Tod ihrer beiden Söhne nicht erlebt hat.
Nun aber zu Ihrer dortigen Tätigkeit. Es gereicht Ihnen zur Ehre und macht mich stolz, dass Sie eine so hohe Stellung sich erworben haben, und ausserdem ist doch die Aufgabe, die die von Ihnen erwähnte Organisation sich gestellt hat, ganz besonders schön. Dass Sie Aussicht haben, einmal nach Europa zu kommen, ist gleichfalls sehr erfreulich. Nun fürchte ich, dass wir uns nicht sehen werden. Die Zonenteilung Deutschlands steht dem wohl im Wege. Ihre Bereitwilligkeit, mit Affidavits sich zu betätigen, ist höchst dankenswert. Es heisst aber hier, dass Amerika nur den nächsten Verwandten derartiger Bürger Aufnahme gewähren wird. Ich selbst bin aber auch schon zu alt, um noch verpflanzt zu werden.
Das Ehepaar (Curt) Rossberg (Bücherrevisor) übt seine Tätigkeit wieder wie früher aus.
Herrn (Ralph) Busser bitte ich gelegentlich von mir zu grüssen. Er hat das gleiche schon selbst mir gegenüber getan.
Interessieren wird Sie vielleicht, dass Dr. Erich List ehrenamtlicher Geschäftsleiter der hiesigen Anwaltsorganisation ist. Sie kann sich natürlich mit dem früheren deutschen Anwaltverein nicht in Parallelle setzen, dessen Wiederaufrichtung auch an den Zonengrenzen scheitert. Vielleicht gelingt es uns aber, die Juristische Wochenschrift wieder auf die Beine zu stellen.
Wenn Sie drüben irgendwelche deutschen Juristen aus unserem Bekanntenkreise treffen, zum Beispiel (Robert) Held/Starnberg oder Marcuse/Berlin – andere fallen mir im Augenblick nicht ein – so grüssen Sie sie alle bitte von mir.
Aber mit besonderer Herzlichkeit grüsse ich Ihre Gattin und Ihr beiden Kinder, von denen das zweite wohl erst in Amerika geboren ist.

In alter Freundschaft Ihr (Drucker)

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 43

Martin Drucker an Rudolf Wielandt (Berlin), 12.07.1946

22. Juli 1946

Lieber Rudolf!

Zu den vielen Unbegreiflichkeiten, in denen wir uns bewegen, muss ich es auch zählen, dass ich Deine Postkarte vom 12. August vorigen Jahres nicht beantwortet habe. Sie hat mich nach einigen Irrfahrten erreicht und wurde von mir sofort in den Briefordner aufgenommen. Das letztere war vielleicht ein Fehler, denn nur dadurch, dass sie mir aus dem Gesicht kam, kann ich es erklären, dass ich während aller dieser Monate nicht dazu gelangte, Dir zu schreiben. Ich bin allerdings mit Arbeit bis an die äusserste Grenze der Leistungsfähigkeit überhäuft und habe soeben zwei Monate lang mich mit Lungen- und Rippenfellentzündung herumgeschlagen. Aber das alles erklärt, geschweige denn rechtfertigt, nicht mein Schweigen. Weil ich Deine verzeihende Güte kenne, so hoffe ich trotzdem, dass Du mich exkulpierst.
Die Haltung, die Du gegenüber allen schmerzlichen Erfahrungen bewahrst, ist bewundernswert. Ich hoffe, dass Du inzwischen von Deinen Söhnen gute Nachricht bekommen hast, und dass Dir auch die äusseren Verhältnisse die Möglichkeit geben, mit ungebrochener Zuversicht Deinem Berufe zu leben. Dass Du in Deiner Wohnung hast bleiben können, ist ein Glücksumstand, um den Dich viele beneiden werden.
Ich weiss nicht, was und wieviel Du von meinen Erlebnissen in den letzten Jahren erfahren hast, denn alle meine Briefmappen aus der Zeit vor 1945 sind verbrannt. Vielleicht wiederhole ich also im Nachfolgenden das und jenes, was Du schon weißt.
Der Krieg hat mir beide Söhne genommen. Der jüngere, Peter, fiel im Juli 1942 in Aegypten, der ältere, der 1941 geheiratet hatte, ist an einem nicht genau feststellbaren Tage, vermutlich Ende Januar 1945, auf der Landstrasse, die aus Polen über Schweidnitz nach Berlin führt, tot und ausgeplündert aufgefunden worden, vermutlich als ein Opfer der Russen, möglicherweise aber auch deutscher Plünderer. Seine junge Frau mit ihren kleinen Jungen, deren jüngster den Vater nie gesehen hat, kehrte darauf aus dem Erzgebirge, wohin sie sich schon seit längerer Zeit aus dem gefährdeten Leipzig geflüchtet hatte, zurück. Wenige Tage danach wurde das Haus in der Schwägrichenstrasse, das schon im Jahre vorher schwer beschädigt worden war, völlig zerstört, wobei fast die ganze Einrichtung verbrannte. Was zunächst gerettet wurde, fiel dann kurze Zeit danach in einem Lagerhaus weiteren amerikanischen Bomben zum Opfer. Das massive Haus in der Ritterstrasse, wo sich seit mehr als vierzig Jahren mein Büro befand, war schon im Dezember 1943 völlig ausgebrannt. Das Ergebnis ist, dass meine ganze bewegliche Habe vernichtet war und dass ich jetzt in einer an und für sich recht schönen Wohnung unter lauter geborgten Einrichtungsgegenständen hause. Was ich in den vorausgegangenen Jahren an Schikanen und Bedrohungen durch das herrschende Regime und seine Anhänger auszustehen gehabt habe, mag unerwähnt bleiben, mit Ausnahme meiner völlig rechtswidrigen Versetzung in den Ruhestand zum 1. April 1944 – eine Massnahme, die doch dem Begriffe des freien Berufs völlig widerspricht. Als wir obdachlos geworden waren und eine neue Wohnung suchten, verhinderte man unsere Bemühungen dadurch, dass man mir Ueberführung in ein Konzentrationslager androhte. Dem entzogen wir uns durch schleunigste Uebersiedlung nach Jena, wo wir den Blicken meiner Verfolger entrückt waren. Nach einiger Zeit rückten dort die Amerikaner ein und beendeten damit die fortwährenden Aufregungen durch die kaum noch unterbrochenen Alarme. Das war der erste Hoffnungsstrahl nach sehr schweren Jahren. Ich stehe noch heute auf dem Standpunkt, dass der Wegfall jener fortwährenden Bedrohungen durch die Bomben und dieser ununterbrochenen Alarmbesorgnis der grösste Gewinn ist, den wir seit Kriegsbeginn erlangt haben. Bekanntlich sind die Amerikaner dann schnell nach Leipzig vorgedrungen. Ich wurde von Jena zurückgerufen und nahm nicht nur meine Praxis als Anwalt und Notar mit meinem langjährigen Sozius Dr. Eckstein sofort wieder auf, sondern wurde auch auf Grund einer seitens der Amerikaner durchgeführten Wahl, an der alle nicht zur NSDAP übergegangenen Rechtsanwälte und Notare (beteiligt waren), gewählt. Fast gleichzeitig wurde ich zum Vizepräsidenten der sächsischen Rechtsanwalts-und Notarskammer in Dresden berufen. Diese ehrenamtliche Arbeit hat einen ganz ausserordentlichen Umfang angenommen, den ich neben den eigentlichen beruflichen Arbeiten kaum bewältigen kann. Aber dass alles ist ja seelisch zu ertragen und wirkt fast als Erlösung aus dem Tohuwabohu der früheren Jahre
Meine beiden Töchter sind bei mir, die ältere nach ihrer Rückkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft als Aerztin am Kinderkrankenhaus, die jüngere als Universitätsassistentin mit einem Lehrauftrag für geschichtliche Hilfswissenschaften, kann aber zur Zeit nicht lesen, da die historischen Disziplinen noch nicht wieder erlaubt sind.
Ueber die allgemeinen, insbesondere die politischen Verhältnisse möchte ich mich nicht aussprechen, weil sie für mich völlig undurchsichtig sind. Wer sich nicht in die vorderste Reihe der Persönlichkeiten drängt, die die öffentlichen Verhältnisse zu regieren glauben, erfährt nicht einmal etwas Zuverlässiges, und auch jene Persönlichkeiten wissen wahrscheinlich viel weniger, als sie vorgeben. Es bleibt uns nur übrig, die Ereignisse so hinzunehmen, wie sie auftreten, und nicht völlig die Hoffnung aufzugeben, dass wir sie überstehen werden, ohne vollständig niederzubrechen.
Nach Berlin bin ich bisher nicht gekommen. Sollte ich es aber nicht vermeiden können, mit einer der dortigen Stellen persönlich zu verhandeln, so werde ich versuchen, auch Dein Haus einmal zu erreichen.

Mit freundlichen Grüßen

Dein (Drucker)

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 44

Werner Hartmann an Martin Drucker, 01.06.1946

Dr. Werner Hartmann
Leipzig O 27
Störmthaler Str. 9
Leipzig, den 1. Juni 1946

Sehr verehrter Herr Justizrat!

Ich bitte Sie, diese Epistel zu Ende zu lesen, unbeschadet Ihrer beruflichen, ehrenamtlichen Überlastung. Sie handelt zum allerwenigsten von der brennenden, ihrem Wesen nach uninteressanten Frage der Zulassung
Ich gewöhne mir mit Prentice Mulford und Ralph Trine an, „ziehenden Gemütes“ zu warten und den Sinn der Führung meines Lebens erst später zu erkennen. (Friedrich) T h i e r s c h, mit dem ich befreundet bin und den ich schätze, sagte mir einmal, er sei in seinem Leben immer geführt worden und hätte es freilich oft erst hinterher erkannt. Lediglich, dass das Wort „Führung“ durch den unseligen Hitler einen Beigeschmack bekommen hat.
Meinem obigen Versprechen gemäss nur zwei Sätze über die Zulassungsfrage in Parenthese:
a) mein Glaube an die Gerechtigkeit namentlich innerhalb der an der Rechtspflege Beteiligten soll nicht erschüttert werden, darum geht es mir;
b) ich möchte gern anderen pekuniär helfen können – Geben ist ja bekanntlich göttlich, Empfangen menschlich , meinen beiden Kindern und nicht zugelassenen Kollegen, die Not leiden, Sachen verkaufen müssen, nachdem ich mit Befremden festgestellt habe,  dass der bisher befreundete „Amtsbruder“ seelenruhig diesen Freund seine Einrichtung veräussern lässt, während er, der vielleicht überzeugungsmässige oder geschäftlich berechnende, durch Logenzugehörigkeit „verhinderte Nazi“, Tausende im Monat verdient, die er dann bei hoffentlich unverschleierter Buchführung zum weitaus grössten Teile wieder als Einkommenssteuer entrichtet.
Damit sei die Problematik dieses Zeitgeschehens endgültig abgetan!
Ich selbst bin – trotz meiner gegenwärtigen Depressionslage – positiv zum Leben eingestellt, bemühe mich, zwischen steinigem Geröll allerlei köstliche Blumen zu entdecken, und gewöhne mir an, nach unten zu sehen. Es geht ja so vielen unschuldigen Menschen schlechter als mir. Nur so kommt man meines Erachtens zum Bewusstsein seines Glückes und zur Verpflichtung gegenseitiger Hilfe. Schliesslich ist ja die finanzielle Seite nur Beiwerk des Lebens.
Ich schreiben an einem harmlosen, aber gutgemeinten Bekenntnis zu meinem Berufe, ich, den man beruflich bisher nicht haben will. Ich ersann für dieses „Privatissimum zwischen Anwalt und Klientel“ den Titel „Mit meinen Augen“ und entdeckte erst nachträglich, dass er ein Plagiat ist, da ein schöngeistiges Buch mit diesem Titel bereits existiert. Ich stellte an die Spitze die Erkenntnis, dass es zwei Berufe gäbe, die dazu prädestiniert sind, anderen – körperlich, psychisch – zu helfen, den des Arztes und derjenigen des Anwalts. Sollte auch der Anwalt seinen Beruf nicht so ideal auffassen? Ich bin überzeugt, dass dieses Berufsethos Ihren eigenen Intentionen absolut entspricht. Doch auch diese immerhin primitive Erkenntnis ist nicht der Zweck des Briefes, ebensowenig meine Bitte, Ihnen nach Fertigstellung dieses Buches widmen zu dürfen, wenn das Niveau es zulässt.
Etwas gänzlich anderes: Ich empfinde das Bedürfnis, Ihnen zu sagen, ganz offen als Mensch zu Mensch, dass ich Sie seit Jahrzehnten persönlich und beruflich enorm, wirklich und wahrhaftig enorm, schätze und verehre. Es ist keine Phrase. Ich bin durchaus nicht in der Stimmung, Phrasen auszusprechen. Sie kennen mich wenig, ich kenne Sie genauer, als Sie es sicherlich für möglich halten. Bereits seit meiner Referendarzeit – ich wusste von Ihnen nur Vom Hörensagen – waren Sie mir  d e r   Anwalt,  d e r   Vertreter meines späteren Berufes, an dem ich hänge, dessen Unzulänglichkeit mich oft quälte. Eine „ungerechte“ Entscheidung bedeutete mir oft eine schlaflose Nacht. Ich las jede Ihrer Reden und Glossierungen in Anwaltsvorstandssitzungen und hatte meine helle Freude an Ihrer geschliffenen Dialektik und ciceronianischen Rhetorik, Ihrer unübertrefflichen Schlagfertigkeit und Ihrer sachlich fundierten Überlegenheit in einem so erlauchten Gremium. So wurden Sie allmählich für mich – ich übertreibe nicht – eine  l e g e n d ä r e   Persönlichkeit. Wenn ich eingangs schrieb, dass ich jeder Situation des Lebens etwas Positives zu entnehmen trachte, nun, positiv ist die mich beglückende Vorstellung, dass ich gerade jetzt die Gelegenheit fand, Sie auch persönlich noch näher kennenzulernen. Es erfüllt mich eine tiefe und aufrichtige Freude darüber. Und das Ergebnis: Sie imponieren mir restlos. Sie haben in Ihrem reichen Leben – trotz mancher Schmerzen – so viele Anerkennungen von allen Seiten erfahren, dass es Sie vielleicht nicht einmal innerlich anrührt, wenn ich es Ihnen offen bekenne. Doch soll mich das nicht irgendwie beeinträchtigen. Ich hatte es ja auch bislang für mich behalten. Ich litt mit Ihnen, so weit ein Dritter es vermag, unter der Ihnen zuteilgewordenen Diffamierung durch (Johannes Fr(ritzsche). Er ist tot, er ist sogar als „Antifaschist“ anerkannt worden. Mein Urteil ist dadurch nicht beeinflussbar. Als Sie mir damals erzählten, dass er Sie aufsuchte, um Ihnen zu sagen, er hätte unter Zwang gestanden – ich entsinne mich des Gespräches genau – nun, da schämte ich mich für diesen „Ehrengerichtsvorsitzenden“. Ich ertrug fortan mit einer gewissen Leichtigkeit, dass er mir wegen meiner konsequenten Einstellung gegen ihn manche berufliche Hemmung entgegensetze und erreichte, dass wegen politischer Unzuverlässigkeit meine Ernennung zum Notar abgelehnt wurde, während  v o r  der Aera Fr. – Zeuge Justizrat Dr. Wünschmann, der mich genau kennt – die Anwaltskammer in keinem einzigen Falle meine Berufsausübung zu beanstanden hatte und erfahrungsgemäss ein ernsthafter Anwalt m. E., je länger er im Berufsleben steht, um so einwandfreier funktionieren wird.
Ich hörte von Ihrer nicht unbedenklichen Erkrankung und freue mich, dass Sie auf dem Wege der Gesundung sind. Möchte Ihnen bald die völlige Genesung beschieden sein, damit Ihre begnadete Kraft möglichst noch Jahrzehnte sich schützend und leitend im Kampf um das Recht vor die Deutsche Anwaltschaft stellt, die kein höheres Ziel kennen wird, als Sie um die Präsidentschaft für ihre dereinstige Gesamtorganisation zu bitten – womöglich oder sogar mutmasslich gegen Ihren Willen!
Mit verbindlichem Gruss und besten Wünschen für Sie bin ich Ihr
Ihnen stets ergebenster (Hartmann)

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 45

Frederick Grubel (New York) an Martin Drucker, 04.04.1946

Frederick Grubel
141.45 UNION TURNPIKE
KEW GARDENS HILLS
FLUSHING. N.Y.

4. April 1946

Sehr verehrter, lieber Herr Justizrat,

seit einigen Tagen ist der Postverkehr mit Deutschland wieder hergestellt, u. ich beeile mich, Ihnen ein Lebenszeichen zuzusenden mit dem Wunsche, daß die entsetzliche Leidenszeit, die das Hitlerungeheuer über uns alle verhängt hat, friedlichen u. menschlicheren Zeiten Platz machen möge. Auf vielen Umwegen hörte ich, daß Sie diese Zeit gesund überstanden haben. Ich hoffe, daß die Mär von bösen Verlusten, die Sie erlitten haben, nur eine Mär ist. Wenn nicht, so wissen Sie, wie ich mit ihnen fühle. Mir haben die Nazibestien mit das Teuerste geraubt, was ein Mensch verlieren kann. Mein Vater ist – gut für ihn ! – bereits Ende 1940 für immer von uns gegangen u. meine arme Mutter haben die Mörder 1942 nach Auschwitz verschleppt.
Lieber Herr Justizrat, hoffentlich erreicht Sie dieser Brief. Bitte, lassen Sie von sich hören u. lassen Sie mich wissen, wie ich Ihnen u. den Ihren von Hilfe u. Nutzen sein kann. Ich habe mich in diesem Lande ganz gut zurechtgefunden. Von England sind wir am Tage des Beginns der mörderischen Luftangriffe weggekommen. Ich habe hier wieder studiert, meinen Mastertitel erworben u. bin Certifiec Public Accountant (Wirtschaftsprüfer). Seit 9 Monaten bin ich auch Chief Accountant des American Joint Distribution Committee, d.i. die größte jüd. Hilfsorganisation der Welt, die in diesem Jahr drauf und dran ist, 50 Millionen Dollar für Hilfs- und Wiederaufbauzwecke in allen Ländern Europas auszugeben. Vielleicht werde ich im Laufe dieses Herbstes mal geschäftlich nach Europa gondeln. Meiner Frau und meinen beiden Kindern geht’s – Gott sei Dank – gut. Wir sind bereits eingebürgert u. durchaus affidavit bereit, wenn Sie es mir sagen. Ich schaue immer weiter auf die Zeit – allzu kurze Zeit -, in der ich für Sie arbeiten durfte u. von Ihnen lernen, als die schönste u. meistversprechende meines Berufslebens zurück. Bitte. Lassen Sie mich wissen, wie die Dinge u. Menschen um Sie herum aussehen. Was machen Dr. Eckstein u. das Ehepaar Roßberg? Mit Dr. (Ralph) Busser bin ich ab und zu in Kontakt. Er spricht immer wieder mit höchster Verehrung u. Achtung von Ihnen. – Leben Sie wohl, verehrter Herr Justizrat u. seien Sie freundschaftlichst gegrüßt von Ihrem dankbar ergebenen Fritz Grübel.

 

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 46

Martin Drucker an Fred Grubel (New York), 22.07.1942

22. Juli 1946.

Mein lieber Kollege Grubel!

Ihr Brief vom 4. April ds. Js. hat mich hoch erfreut, weil er mir so gute Nachrichten über Sie und Ihre Familie brachte. Ich hätte Ihnen längst geantwortet, war aber schon seit Anfang Mai infolge einer Lungen- und Rippenfällentzündung schwer krank zu Hause und fange erst jetzt wieder an, mich zu betätigen.
Wie ich aus Ihrem Schreiben ersehe, haben Sie auf irgendwelchen Umwegen Nachricht von den Schicksalsschlägen erhalten, die mich getroffen haben, hoffen aber, dass diese Angaben nicht zutreffen. Leider ist es mir aber schlimmer ergangen, als Sie vielleicht erfahren haben. Meine beiden Söhne sind als Obergefreite in des Verbrechers todgeweihtem Heer gefallen; Peter schon 1942 in Aegypten, Heinrich Ende Januar 1945 in Niederschlesien.
Ausgebombt bin ich viermal. Zu allererst ging am 4. Dezember 1943 unser Bürohaus nicht nur mit allen Akten, sondern auch mit meiner Ihnen so gut bekannten schlechthin unersetzlichen Bibliothek in Flammen auf. Dann wurde 1944 ein Teil des Mozartstrassenflügels meiner Wohnung weggerissen. Im Februar 1945 wurde das ganze Haus durch Bomben und Feuer vernichtet. Was wir an Einrichtungsgegenständen zunächst gerettet hatten, ging dann am 6. April 1945 in einem Lagerhaus zu Grunde. Dass die Nazibestien, wie Sie sie recht milde nennen, mich all die Jahre über drangsaliert und verfolgt haben, ist ja selbstverständlich. Weil es ihnen aber nicht gelang, mich unschädlich zu machen, versetzte man mich unter dem 1. April 1944 in den Ruhestand, den es doch für den freien Beruf gar nicht geben kann. Nachdem wir im Februar vorigen Jahres obdachlos geworden waren, sollte ich noch ins Konzentrationslager kommen, entzog mich dieser Ankündigung aber durch Uebersiedlung nach Jena, von wo ich nach der Befreiung Jenas und Leipzigs durch die Amerikaner hierher zurückkehrte. Dr. Eckstein, dessen älterer Sohn als Ingenieuroffizier auf einem Unterseeboot umgekommen und dessen jüngerer Sohn so zerschossen worden ist, dass er am Stock gehen muss, hatte im Europahaus am Augustusplatz (jetzt Karl-Marx-Platz) ein Büro gemietet, das nach meiner Rückkehr erheblich erweitert worden ist. Wir haben jetzt ein Dutzend oder mehr Angestellte und vermögen trotz Zutritts unseres Ihnen vielleicht noch bekannten Referendars Dr. Herbert Franz, der natürlich inzwischen Rechtsanwalt geworden ist, sowie einer Referendarin die Arbeit kaum zu bewältigen.
Von unseren alten Angestellten ist Herr Thierbach trotz seiner 72 Jahre noch als Registrator bei uns tätig. Ich bin nach meiner Rückkehr sofort zum Präsidenten des hiesigen Ausschusses der Rechtsanwälte und Notare gewählt und auch als Vizepräsident in den Dresdner Kammervorstand berufen worden. Sie können sich unschwer vorstellen, welche Arbeit auf mir lastet.
Dass Sie beide Eltern, und zwar Ihre Mutter auf so grauenhafte Weise verloren haben, beklage ich mit Ihnen. Ich halte es immer für eine Gnade, dass meine Frau schon im Januar 1939 verstorben ist und somit wenigstens das grauenhafte Kriegsgeschehen und den Tod ihrer beiden Söhne nicht erlebt hat.
Nun aber zu Ihrer dortigen Tätigkeit. Es gereicht Ihnen zur Ehre und macht mich stolz, dass Sie eine so hohe Stellung sich erworben haben, und ausserdem ist doch die Aufgabe, die die von Ihnen erwähnte Organisation sich gestellt hat, ganz besonders schön. Dass Sie Aussicht haben, einmal nach Europa zu kommen, ist gleichfalls sehr erfreulich. Nun fürchte ich, dass wir uns nicht sehen werden. Die Zonenteilung Deutschlands steht dem wohl im Wege. Ihre Bereitwilligkeit, mit Affidavits sich zu betätigen, ist höchst dankenswert. Es heisst aber hier, dass Amerika nur den nächsten Verwandten derartiger Bürger Aufnahme gewähren wird. Ich selbst bin aber auch schon zu alt, um noch verpflanzt zu werden.
Das Ehepaar Rossberg übt seine Tätigkeit wieder wie früher aus.
Herrn (Ralph) Busser bitte ich gelegentlich von mir zu grüssen.
Er hat das gleiche schon selbst mir gegenüber getan.
Interessieren wird Sie vielleicht, dass Dr. Erich List ehrenamtlicher Geschäftsleiter der hiesigen Anwaltsorganisation ist. Sie kann sich natürlich mit dem früheren deutschen Anwaltverein nicht in Parallelle setzen, dessen Wiederaufrichtung auch an den Zonengrenzen scheitert. Vielleicht gelingt es uns aber, die Juristische Wochenschrift wieder auf die Beine zu stellen.
Wenn Sie drüben irgendwelche deutschen Juristen aus unserem Bekanntenkreise treffen, zum Beispiel Held/Starnberg oder Marcuse/Berlin – andere fallen mir im Augenblick nicht ein – so grüssen Sie sie alle bitte von mir.
Aber mit besonderer Herzlichkeit grüsse ich Ihre Gattin und Ihr beiden Kinder, von denen das zweite wohl erst in Amerika geboren ist.

In alter Freundschaft
Ihr (Drucker)

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 48

Heiner Ackermann (Kattenhorn/Bodensee) an Martin Drucker, 01.07.1946

Kattenhorn über Radolfzell
Bodensee
1.VII.46

Lieber, lieber Fempe,

nachdem drei Briefe (einer davon eingeschrieben) ganz ohne Antwort geblieben sind und ich von Ihnen selber überhaupt noch keine Zeile erhalten habe, mache ich mir grosse Sorgen sowohl um Ihr Ergehen als auch weil ich fürchte, Sie irgendwie gekränkt oder geärgert zu haben. Zwar bin ich mir wahr- und wahrhaftig keiner bösen Absicht oder auch Fahrlässigkeit bewusst, weiss jedoch, dass ich schon manchmal ganz unwissentlich … Dummes anrichte und bin so gerade Ihnen, liebster Fempe gegenüber, nachgerade ganz unsicher geworden. Hoffentlich ist der Grund Ihres Nichtschreibens besser gesagt des Nichtankommens irgendwelcher Post aus Leipzig nur postalischer Natur. Wie auch immer aber bitte ich Sie sehr herzlich, mir wenigstens eine Postkarte zu schreiben, damit ich von dieser quälenden Unruhe, wenn möglich, erlöst werden kann. – Wieder jährt sich der 12. Juli, wieder kann ich nicht mehr tun, als von ganzem Herzen in Treue und Dankbarkeit mit Ihnen an Peter zu denken. Nah bei dem Hause in dem ich wohne, steht ein altes Schloss, in welchem zu Anfang des letzten Jahrhunderts ein Mord geschehen. Das Grabmahl der jungen Schlossherrin auf dem Kirchhof zu Oehningen trägt die Worte:

Dass Du oft früh das junge Leben endest Allgewaltiger
Der Du auf eigenen Wegen den Menschen lenkst unerforschlicher!
Sieh wir schweigen und beugen uns vor Dir“

Die Inschrift stammt von der Hand des Vaters. An diesem Grabe werde ich am zwölften stehen und mein Gebet sprechen als kniete ich an dem unbekannten Hügel der fernen Wüste. Ich werde Ihnen sehr nahe sein, lieber Vater des besten Freundes. –
Unsicher, ob ich Sie nicht damit langweile, traue ich mich nicht recht, von hier und mir zu berichten. Es ist schwer, ganz ohne Echo zu schreiben und meine Unsicherheit ist gross. Habe ich Ihre Sympathie verloren? Legen Sie mir eine – jede! – Buße auf, und bitte bitte verstossen Sie mich nicht. Sie können nicht ahnen, was mir Ihre Freundschaft von jeher gewesen, sie zu verlieren wäre zu furchtbar für mich.
Ganz kurz sei rekapituliert, daß ich nach argen Schwierigkeiten ein winziges Zimmerle bei 2 Damen bekommen habe und als Lokalberichterstatter von dreieinhalb Dörfern, als Spüllümple, als – recht wacklige – Axt im leeren Holzschuppen, als Gartengerät und Einholtasche (mit nix drin!) mehr schlecht als recht mein Leben friste. Wir alle hungern sehr und man ist immer müde. Die Damen sind gut zu mir, „Omale“ ist fast 80 Jahre alt, war früher Pianistin und spielt noch immer wundervoll – eben klingt die Chaconne von Bach – Busoni durch die dünne Wand , B… die Tochter, ca. 54 Jahre, war in der Lohelandgymnastikschule eine Grösse, die Familie lebte lange in Weimar, wo der verstorbene Vater, ein Norweger, Professor an der Kunstakademie gewesen ist. Unsere Ecke hier am Ausfluss des Bodensees, dort wo er schmal und flumen Rhenus wird gehört zum Schönsten, was ich jemals gesehen habe, ein einziger Garten, Beete und Obstbäume, ist diese Landschaft, und der Südwind fächelt helvetische Lüfte uns zu. Leider wird man davon alleine nicht satt und die Bauern hier sind hartherzig, die Feldfrüchte meist im Voraus beschlagnahmt. Ich gebe mir grosse grosse Mühe im neuen Leben; manchmal glaube ich, Peter wäre nicht unzufrieden mit mir. Salem ist nicht sehr weit, auch wenn ich erst ein Mal drüben war, spürt man es doch. Popeele (Heinz Lindenmeyer) an den Sie sich vielleicht noch erinnern, besucht mich mitunter, er ist Lehrer dort. Gesundheitlich geht es auf und nieder, immerhin und von Rückfällen abgesehen wäre es undankbar wollte ich jammern. Seit die direkte Angst, Nazis und Knallen, vorüber, ist eine fühlbare Entspannung eingetreten, die Anfälle sind seltener geworden, die Depressionen allerdings in fast verstärktem Masse geblieben. Und der aufreibende Kleindreck des täglichen Lebens nimmt mich natürlich sehr mit. Dennoch – ich wehre mich wieder und, wie schon gesagt, ich gebe mir Mühe. Vielmehr kann man in keinem Fall tun. Ceci ist als Lernschwester in einem Berliner Krankenhaus, … verheiratet in Schwaben; von … hab ich verschiedene Briefe über Salem bekommen, es tut gut zu sehen, dass diese Freundschaften gehalten haben; auch die Eltern Bamberger schrieben sehr nett aus Schweden. Shirley – Sie erinnern sich vielleicht – ist verheiratet und lebt mit Mann und Töchterchen Vicky auf der Isle of Weight. Thats that!
Wie geht es Ihnen lieber Fempe, gesundheitlich vor allem? Was machen Ina, Renate und Ursel und die Enkele? Fräulein Anni? Sagen Sie bitte Renate, ich sei kürzlich zum Packen der restlichen Sachen in Titisee gewesen, ihr untergestellter Koffer befinde sich in guter Verwahrung dort und sofern sie ihn nicht holen könne (verschicken geht nicht), bliebe er da, ich passe drauf auf und sie soll sich nicht sorgen. In Konstanz lernte ich in einem Buchladen ein Mädchen kennen, das in Machern bei Leipzig beheimatet, in Bälde dorthin zurückkehren wird. Die Eltern haben ein kleines Obstgut und ich bat sie, was immer in ihren Möglichkeiten stände, zu Ihrem Haushalt beizusteuern. Sie werden zu gegebener Zeit Näheres hören, in einem Monat etwa, glaube ich. Aus der weiteren Familie wäre zu melden, dass meine Cousine in Pommern mitsamt ihrer ganzen Familie (ausgenommen ein im Kriege gewesener Sohn) durch eigene Hand umgekommen ist, eine Tante und die ihren, die … ebenfalls dort oben lebten, verloren alles, retteten sich aber nach Holstein. Eine der beiden Cousinen Ackermann aus Mühlhausen machte eine ziemlich sensationelle Heirat: In Jena lernte sie den Neffen des Grossmufti von Jerusalem kennen und wurde nach dem Einmarsch der Amerikaner seine Frau. Da Muftis bekanntlich nicht ganz unbelastet sind, reist sie nun zu ihrem vorerst nach den Seychellen Inseln (irgendwo im Indischen Ozean) verbannten Mann. Aus Eyba habe ich zeitgemässe, auch nicht direkt beunruhigende Nachrichten und den schönen „Herrn Kortüm“ mit Ihrer Widmung las ich erst kürzlich wieder, wobei, gerade wie es mit einem Briefe aus der Vergangenheit geht, jene Zeit wieder ganz lebhaft vor mir aufstand. Ob auch Sie noch manchmal daran zurückdenken werden, wie geht es Herrn Dr. Schütz? und Herrn Dr. Sernau? An beide schrieb ich wiederholt, auch von dort kam keinerlei Antwort mehr, Nachricht von Herrn Dr. Schütz, der seinerzeit gleich sehr lieb schrieb, habe ich jedoch einmal erhalten. Ich bitte Sie Ihre Kinder, Herrn Dr. Schütz und Dr. Sernau und alle sonstigen Freunde und nahestehenden Menschen auf das Herzlichste zu grüssen, muss ich erst sagen wie sehr ich Ihnen und ihnen allen das Beste wünsche. Gott im Himmel möge Ihnen, lieber Vater von Peter, die Kraft geben, dieses schwere Leben weiter zu tragen – Menschen wie Sie bleiben die letzte Hoffnung der in den Fugen krachenden Welt.

Von Herzen mit Schmerzen immer
Ihr Heiner

Anmerkung:
Heinz Lindenmeyer (Abitur 1934), dann Soldat im Krieg (Oberleutnant) baute in der Nachkriegszeit das Internat Salem wieder auf. Er war 1946 maßgeblich an der Salemer Teilschule Kirchberg maßgeblich beteiligt und leitete diese Schule 1951 bis 1955. (Informationen Martin Köllig, Schule Schloß Salem vom 30.01.2022)

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 49

Martin Drucker an Heiner Ackermann (Salem/Bodensee), 22.07.1946

22. Juli 1946.

Mein lieber Heiner!

Die Postkarte, in der ich vor einigen Tagen diesen Brief ankündigte, werden Sie inzwischen erhalten haben. Ich wiederhole zunächst den Ausdruck meiner Zerknirschtheit darüber, dass ich Ihnen so lange nicht geschrieben habe. Für die letzten Monate kann ich allerdings den Entschuldigungsgrund langer und schwerer Krankheit anführen. Am 8. Mai war durch eine Röntgenuntersuchung die die Aerzte verblüffende Tatsache festgestellt worden, dass ich schon seit einiger Zeit mit einer Lungen- und Rippenfellentzündung herumlief. Erst die durch die letztere hervorgerufenen Schmerzen hatten mich bestimmt, auf eine Untersuchung hinzuwirken. Nun werde ich natürlich sofort ins Bett gesteckt, und mein Körper wurde angewiesen, sich jenen beiden Krankheiten mit allen Kräften, die er noch hatte, die aber recht gering waren, entgegenzustellen. Jetzt endlich bin ich wieder im medizinischen Sinne gesund, aber noch nicht wieder recht leistungsfähig, fahre nur vormittags ein paar Stunden auf das Büro und arbeite, soweit es geht, nachmittags in der Wohnung. Wahrscheinlich hätte Ihnen Ursel schon längst wieder einmal geschrieben, aber die starke Vermehrung ihrer Tätigkeit durch die mir gewidmete Pflege hat sie übermässig in Anspruch genommen.
Aus diesen apologetischen Mitteilungen ersehen Sie, wie unbegründet Ihr Gedanke gewesen ist, dass ich Ihnen nicht geschrieben hätte, weil Sie mich irgendwie gekränkt oder geärgert hätten. Ich weiss nicht recht, wie Sie auf eine solche Vorstellung haben kommen können, denn etwas Derartiges hat es doch zwischen uns niemals gegeben. Ich bitte Sie, auch für alle Zukunft niemals solchen Annahmen Raum geben zu wollen. Ihre Schilderungen der äusseren Umstände, unter denen Sie sich in Kattenhorn bewegen, haben uns allen rechte Freude bereitet, weil daraus hervorgeht, dass Sie sich im grossen und ganzen wohl fühlen. Sowohl die manuelle wie auch die intellektuelle Beschäftigung scheint Ihnen doch zu behagen. Dass in Salem Popeele als Lehrer wirkt, wundert mich nicht. Er hatte mir schon von seiner militärischen Dienststelle aus mitgeteilt, dass er nach dem Kriege sich um die Wiedererweckung Salems bemühen werde. Renate bekam übrigens vor einigen Wochen einen ganz ausführlichen Brief von Dr. Gläser, der ja aus dem Lehrerkollegium ausgeschieden, aber noch als Organist an der von den Eltern der gefallenen Salemer gestifteten Orgel tätig ist. Die künftige Entwicklung Salems ist mir von grosser Wichtigkeit. Ich hänge dem Gedanken nach, ob nicht, wenn ich einmal die Augen schliesse, Heinrichs beiden Söhne in das dortige Internat übersiedeln sollten, natürlich unter Mitnahme ihrer Mutter, für die sich vielleicht auch dort ein Posten finden liesse.
Das sind freilich vorläufig nur Pläne, aber die Beschäftigung mit Ihnen wirkt in gewissem Sinne beruhigend bezüglich der Zukunft. Die Zukunft ist für uns alle recht undurchsichtig. Um mich insoweit gut verständlich zu machen, müsste ich viele Bogen schreiben. Ich will nur hervorheben, dass mir weder die staatsrechtliche Gestaltung Deutschlands noch die wirtschaftliche Entwicklung auch nur einigermassen gesichert erscheint. Vergleiche darüber, ob in der einen oder anderen Zone das oder jenes besser als in einer anderen Zone ist, soll man nicht anstellen. Gemeinsam muß allen Erwägungen die Erkenntnis sein, dass der Nazismus auf allen Gebieten eine nahezu sterile Wüste hinterlassen hat, auf der nur ganz ausnahmsweise eine kleine Oase erscheint, die aber möglicherweise sich dann auch als Fata Morgana entpuppt.
Renate hat mit grosser Freude davon Kenntnis genommen, dass Sie sich um ihren Koffer in Titisee mit dem Ergebnis gekümmert haben, dass er noch existiert. Wie allerdings er einmal hierher kommen soll, sehen wir noch nicht. Das von Ihnen erwähnte Mädchen aus Machern, das Sie mit Ihrer ausserordentlichen Gewandtheit in einem Konstanzer Buchladen zufällig entdeckt haben, wird ja doch den Koffer nicht mitbringen können und ist vielleicht schon nach Leipzig zurückgekehrt. Es ist sehr freundlich von Ihnen gewesen, dass Sie dieses Ihnen bisher doch gänzlich fremde Individuum sofort unter den Befehl gestellt haben, aus dem väterlichen Obstgut eine Beisteuer in meinen Haushalt zu liefern. Sie wird Ihrer liebenswürdigen Ueberredung sich gefügt haben, aber nach der Trennung von Ihnen doch einsehen, dass sie das Obst lieber pflichtgemäss abliefern als uns liefern wird.
Auch Ihre Mitteilungen über die Vorgänge in Ihrer weiteren Familie haben meine Teilnahme erweckt. Auch in der meinigen ist recht Schweres passiert. Bei einem der fürchterlichen Angriffe auf Dresden – ich bin jetzt selbst oft in Dresden gewesen und habe mich von der Richtigkeit der allgemeinen Auffassung überzeugt, dass wohl keine Stadt vollständiger und unheilbarer zerstört worden ist als Dresden – wurden die in verschiedenen Stadtgegenden gelegenen Häuser, in denen meine Geschwister und deren verheiratete Kinder wohnten, durch Bomben und Brand völlig zerstört. Meine Schwester Betty flüchtete mit ihrem Ehemann durch die brennende Stadt. Dabei wurde mein Schwager durch einen Bombensplitter, der seine Schläfe traf, getötet; meine Schwester brach an seiner Seite zusammen, von mehreren Splittern im Rücken und an der Hüfte schwer verletzt. Sie kam erst am zweiten oder dritten Tage danach in einem Krankenhause in Pirna wieder zur Besinnung und hat dort viele Monate lang gelegen. Alles, was sie an Wertgegenständen und Geld bei sich getragen hatte, war ihr weggeplündert worden. Jetzt ist sie leidlich wiederhergestellt, muss aber am Stock gehen. Sie lebt nun bei ihrer Tochter bezw. ihrem Schwiegersohn Eduard von Bose, der Amtsgerichtsdirektor in Borna bei Leipzig geworden ist. Mein Neffe Ernst von Mansfeld ist Ministerialrat in der Landesjustizverwaltung. Für beide handelt es sich um erhebliche Beförderungen, die einigermassen die ihnen in der Nazizeit zugefügten Zurücksetzungen ausgleichen sollen.
Sehr gelacht haben wir darüber, dass Sie nun ein angeheirateter Neffe des Grossmuftis von Jerusalem geworden sind. Können Sie diese hohe Verwandtschaft nicht für sich persönlich ausnutzen? Sie würden sicherlich den Arabern manches Nützliche beibringen können.
Ihre Frage, ob ich noch manchmal an Eyba zurückdenke, ist eigentlich recht wunderlich. Diese zwei Tage haften mit allen Einzelheiten in meinem Gedächtnis, das sogar den Versuch festhält, meine bei unserer Exkursion vollständig zerweichten Schuhe durch Lufttrocknung wieder gebrauchsfähig zu machen.
Mit Dr. (Hugo) Schütz habe ich häufige Berührung. Er war nach dem Umsturz sofort an die Spitze des Leipziger Gesundheitsamtes gestellt worden, hat diesen Posten dann aber bald aufgegeben und arbeitet jetzt wieder als ein hochangesehener Nervenarzt, der namentlich auch als gerichtlicher Gutachter stark in Anspruch genommen wird. Von Herrn Dr. (Wilhelm) Sernau weiss ich allerdings nichts. Hartheck (bei Gaschwitz) ist meines Wissens in kommunale Verwaltung gekommen, weil ja alle diese Anstalten dringendst für die Allgemeinheit gebraucht werden.
Nun, lieber Heiner, glaube ich, Ihnen aber wirklich wenigstens das Wichtigste berichtet zu haben, halte mich aber zu von Ihnen gewünschten Ergänzungen gern bereit und sende Ihnen unter Beitritt von Ina, Renate und Ursel herzlichste Grüsse als

Ihr alter (Drucker)

P.S. Halt, beinahe hätte ich vergessen, Ihnen für die Uebersendung Ihres sehr hübschen Essays über den Felchenfang zu danken. Lassen Sie in dieser literarischen Tätigkeit keinesfalls nach.

Anmerkung:
Heiner Ackermann, geb. 15.09.1913 in Freiburg, Eltern: Reichsbankier Hans Ackermann (1878-1920) und Maria geb. Kapferer (1892-1922),  Schüler in Salem 15.1.1928 bis zum Abitur am 6.4.1933 (Humanistenklasse). Er war zunächst Schüler auf dem Flügel von Kurt Hahn (1928/29), er war Juniorenhelfer; Freund von Peter Drucker,  Er erlitt 1944 im „gefährdeten Titisee“ einen nervlichen Zusammenbruch und musste von dort in Sicherheit gebracht werden. Martin Drucker brachte ihn im Privatsanatorium „Harthek“ in Gaschwitz bei den befreundten Ärzten Schütz und Sernau unter. (Informationen von Martin Kölling, Schloß Salem vom 30.01.2022)

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 50

Richard Jaffé (Dover/England) an Martin Drucker 18.06.1946

2, Nightingale Road,
Dover, Kent 18.6.1946

Lieber, verehrter Herr Justizrat,

Haben Sie vielen Dank fuer die freundlichen Gruesse, die Sie mir durch Dr. Krausse haben uebermitteln lassen. Doch hat er auch hinzugefuegt, dass Sie krank seien. Das tut mir innig leid, und ich wuensche Ihnen von ganzem Herzen Genesung und Wiederherstellung Ihrer Arbeitskraft; denn ich kann mir lebhaft vorstellen, dass eine Persoenlichkeit wie Sie jetzt nicht entbehrt werden kann. Sie werden das als eine grosse Genugtuung empfinden. Und das wird Ihnen die Kraft geben, das Leben in dieser schlimmen Welt zu ertragen.
Ich nehme an, dass Ihnen Dr. Krausse naeheres von meinen Schicksalen erzaehlt hat, und ich brauche Ihnen deshalb wohl von mir nichts weiter zu berichten. Eigentlich sollten auch Sie  einen solchen Bericht erhalten, wie ich ihn an meine deutschen Freunde verschickt hatte; ich hatte es nur deshalb noch hinausgeschoben, weil ich mir erlauben wollte, damit ein paar juristische Fragen zu verbinden im Zusammenhang mit der Anmeldung von Wiedergutmachungs-Anspruechen. Aber damit will ich Sie heute, so Sie noch leidend sind, nicht behelligen, zumal da eine Anmeldung, wie sie in Berlin bereits moeglich ist, in Sachsen noch gar nicht zugelassen zu sein scheint.
Ich bin hier, wie Sie sich denken koennen, in Verbindung mit Frau Dr. Hodes und Familie Dr. Michaelis. Dr. Hermann Michel (Literaturhistoriker, 1877-1946), den ich auch noch angetroffen habe, ist leider am 22. Februar d. J. nach kurzer Krankheit gestorben. Vor kurzem hat uns hier Dr. Lothar Guenther besucht, der frueher in Dresden Staatsanwalt und Mitarbeiter im JM. war; er geht jetzt nach langer und z. T. schwerer Emigrationszeit nach Deutschland zurueck, wo er sich in Luebeck niederzulassen gedenkt.
Mit dem Kollegen Dr. (Kurt) Hammer (1883-1979) in Schanghai stehe ich wieder in Briefwechsel; er traegt sich mit dem Gedanken, nach Deutschland zurueckzukehren, da er, wie er schreibt, keinesfalls drueben bleiben kann und sonst nirgendswo in der Welt Verbindungen mehr hat. Barbans haben mir durch ihn Gruesse geschickt. Er ist Praesident der dortigen Vereinigung mitteleuropaeischer Anwaelte. Dass Dr. (Leo) Lewy (1892-1944) in New York seinem Lungenleiden, das er schon vor seiner Auswanderung in sich trug, erlegen ist, werden Sie wissen auch seine Mutter ist gestorben. Dr. Werner Salomon (* 1904) schrieb mir vorigen Sommers aus Leeds unmittelbar vor seiner Entlassung aus dem englischen Heeresdienst, dass es seiner Mutter (Hedwig S., geb. Guttmann, 1871-1953)  und Schwester (Dorothea verh. Respini, * 1909) in Locarno und seinen Bruedern in Brasilien gut gehe, abgesehen davon, dass Gerhards (1902-1971) Ehe 1940 geschieden worden ist. – Ueber Nachods wissen Sie auch wohl Bescheid. Hans N(achod). war erst Professor an verschiedenen Colleges und arbeitet jetzt mit einem …book dealer zusammen, was ihn sehr befriedigt. Sein Sohn hat einen leitenden Posten in einer grossen Petroleum-Raffinerie und ist gluecklicher Vater zweier Buben. Leider huellen sich Nachods seit laengerer Zeit in Schweigen; hoffentlich ist nicht Krankheit die Ursache. Dass Walther Bruegmann im August v.J. in Bern einem Herzleiden erlegen ist, haben Sie vielleicht gehoert. Er hatte vorher noch die schoene Genugtuung erlebt, dass ihm die Inszenierung der Salzburger Festspiele angeboten worden war.
Ob Sie von Ihrem Onkel (Paul Drucker 1863-1942) wieder etwas gehoert haben? Und Paul Stern sowie Fr. Dr. (Margarethe) Fiedler (1878-1944, Tochter von Julius Haber) sind wohl auch unter den ungluecklichen Opfern des Nazismus? genau wie meine arme Schwester (Konzertsängerin Anna Henriette Jaffé, 1890-1942).
Seit ich den Bericht fuer meine deutschen Freunde verfasste, ist es mir gelungen, wenigstens ein kleines Halbtagspoestchen beim Education Committee hier, d.h. in der Geschaeftsstelle, zu finden, allerdings nur auf Zeit bis ein Heeresangehoeriger zurueckkommt, ausserdem aber 3 Schueler für Deutsch, die sich hoffentlich vermehren werden.
Mit einer besonderen Empfehlung an Dr. Eckstein u. den besten Wuenschen für Ihr u. der Ihrigen Wohlergehen begruesse ich Sie zugleich im Namen meiner Frau als Ihr aufrichtig ergebner Jaffé

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 53

Anlage 53 Martin Drucker an Hens-Helmuth Krenzlin (Gmund), 03.08.1946

3. August 1946.

Lieber Hans-Helmuth!

Dein vor wenigen Tagen hier eingegangener Brief vom 15. Juli des Jahres hat mich tief erschüttert. Ich hatte bereits Versuche unternommen, über das Schicksal Deiner lieben Mutter etwas zu ermitteln, konnte aber durch einen meiner Bekannten nur feststellen, dass an der letzten Berliner Wohnung Deiner Mutter eine Aufschrift des Inhalts angebracht war, dass Frau Krenzlin sich nach Bayern begeben habe. Ich schloss selbstverständlich daraus, dass sie zu Dir gelangt sei, kannte ja aber Deine Adresse nicht. Ich bin aufs tiefste betrübt darüber, dass sie von ihrem Leiden nicht wieder genesen ist, und ich spreche Dir und den Deinen die allerherzlichste Teilnahme aus. Wenn es auch die Umstände so gefügt haben, dass Deine Mutter und ich seit Jahrzehnten nicht mehr persönlich zusammengetroffen sind, so hat doch diese Zeit nicht vermocht, das enge verwandtschaftliche Verhältnis in Vergessenheit geraten zu lassen, das uns seit unserer Kindheit- ich weiss noch genau, dass wir einander im Hause Deiner Grosseltern in Minden zuerst im Jahre 1874 begegnet waren – immer gepflegt worden war und gerade in den letzten Jahren zu einem lebhafteren Briefwechsel geführt hatte. Keine meiner Kusinen hat mir so nahe gestanden wie Deine Mutter. Der Gedanke, dass sie nun aus dieser Welt gegangen ist, drückt mich nieder. Aber ich teile Deine Auffassung, dass in der Bewahrung Deiner Mutter vor einem schrecklichen Siechtum doch ein Trost für ihren Tod gefunden werden muss.
Ich danke Dir, dass Du alsbald nach Deiner Rückkehr aus der Gefangenschaft mir geschrieben hast.
Hoffentlich ist es Dir trotz aller schwierigen Verhältnisse möglich, für Dich und Deine engste Familie eine befriedigende Existenz aufzubauen. Ihr habt ja das grosse Glück, dass Ihr vor dem Schlimmsten bewahrt geblieben seid. Es wird Dir sicherlich gelingen, in Lübeck festen Fuss zu fassen.
Mit meiner Familie habe ich in dem verfluchten Krieg, wie auch Du ihn nennst, sehr schweres erlebt. Meine beiden Söhne sind gefallen. Bei viermaliger Ausbombung habe ich meine gesamte Habe verloren, und alles, was wir an Vermögen und Wertpapieren besassen, ist auf Grund der in der russischen Besetzungszone durchgeführten Massnahmen völlig entwertet worden. Im März vorigen Jahres war ich mit meiner Familie nach Jena entwichen, weil meine Abschaffung in ein Konzentrationslager bevorstand. Nach dem Einmarsch der Amerikaner wurde ich zurückgerufen und übe nun wieder meine Praxis aus. An der oben angegebenen Adresse habe ich eine sehr gute, wenn auch nur mit geborgten Möbeln eingerichtet Wohnung gefunden, die meine Töchter, meine Schwiegertochter sowie meine beiden kleinen Enkel mit mir teilen.
Meine ältere Tochter ist nach Rückkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft als Aerztin am Kinderkrankenhaus tätig, die jüngere ist Universitätsassistentin, nachdem sie in Strassburg ihr philologisches Doktorexamen abgelegt hatte. Wenn nicht der Rückblick in die Vergangenheit und die allgemeine Unsicherheit über die Entwicklung der künftigen Verhältnisse uns bedrückte, müssten und würden wir mit unserer jetzigen Lage zufrieden sein.
Ich bitte Dich, Deiner Gattin mich unbekannterweise bestens zu empfehlen und bleibe mit herzlichen Grüssen

Dein (Drucker)

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 58

Paul Nalopp an Martin Drucker, 04.11.1945

Dr. Paul Nolopp
Leipzig – C 1
Frankfurter Str. 18
4.XI.45

Sehr geehrter Herr Justizrat!

Vor einigen Tagen habe ich Ihrer Schwiegertochter kurze Andeutungen gemacht über eine Angelegenheit, in der ich Sie um Ihren Rat, und wenn möglich um Ihre Hilfe bitten möchte. Der Sachverhalt ist kurz folgender. Wegen der Angriffe wohnte ich mit meiner Familie in Thallwitz bei Wurzen. Wir hatten uns auf einem Bauernhof eingemietet und bewohnten da selbst 2 Zimmer und 1 Küche im Auszugshaus. Über unseren Räumen im Dachgeschoß befand sich noch ein größeres Zimmer, das seit Anfang Februar 45 ein älteres Ehepaar aus Tilsit innehatte (Flüchtlinge). Zu diesem Ehepaar kam ungefähr Ende März 45 noch die Tochter mit dem Schwiegersohn dazu (ebenfalls Flüchtlinge) und wohnten mit dort oben. Die Namen sind folgende: die Bauersfrau-Frau Engel, ihre Schwiegertochter- Frau Ilse Engel; das Ehepaar Sipplie aus Tilsit, und der Schwiegersohn Steffens, letzterer hauptberuflich Oberfeldmeister, und seine Frau geborene Sipplie.
Wir, d. h. meine Frau, mein Sohn und ich verließen Thallwitz am 25. April gegen Abend wegen der Annäherung der Russen. Vor unserem Weggang gaben wir in unserer Wohnung der Frau Ilse Engel den Schlüssel zu unserem abgeschlossenen Wäscheschrank und die Miete (100.-M) für die folgenden 2 Monate. Die Wohnung schlossen wir mit ihr gemeinsam ab und übergaben ihr den Schlüssel zu treuen Händen mit dem ausdrücklichen Bemerken, daß wir in den nächsten 2 bis 3 Wochen zurückkommen und mit einem Fahrzeug die Möbel und unser sonstiges Inventar abholen würden. Durch die Ungunst der Verhältnisse war es erst am 31. VII möglich, dies auszuführen. In der Zwischenzeit brachte eine gemeinsame Patientin von Prof. Rosenthal und mir, die bei R. zur Behandlung in Thallwitz gewesen war, von Frau Engel die Nachricht, unser Kommen sei zwecklos, da von unseren Sachen fast nichts mehr vorhanden sei.
Als wir ankamen, wohnte die ledige Tochter Anneliese der alten Frau E. und eine ältere Flüchtlingsfrau mit ihren Kindern in unseren Räumen. Von unseren in der Wohnung zurückgebliebenen Sachen waren nicht mehr vorhanden: die gesamte Kleidung von mir und meiner Frau, die gesamte Haushalt- und Leibwäsche, 2 Daunendecken, 1 Plumeau, 1 grüne Wolldecke, 1 Kamelhaardecke, 1 Roßhaarkopfkissen, 2 Federkopfkissen, 1 Kinderdaunendeckbett, 1 Decke aus 24 Rotfüchsen, 2 Sophakissen, 2 schweinslederne Coupekoffer- einer gezeichnet I.H.-, 1 Föhn, 1 elektr. Plätte (Fabriknummer bekannt), 2 lederne Schreibmappen, deren ganzer Inhalt sich aber merkwürdiger Weise geordnet in einem Kommodenfach fand, 1 silberne Schale (25 cm), 1 Meißner Teller (Rosenmuster), 1 Kinderstuhl (Naether), 1 Nähtisch mit Material, das gesamte Geschirr und alle Bestecke, 1 Oelgemälde von Loster „Fischerboote auf See“, 1 Aquarell von H. Herrmann „Kap Arkona“, die im Keller des Hauses untergebracht waren, waren fachmännisch geöffnet und vollkommen ihres Inhaltes – Kleidungsstücke, silberne Tee- und Kaffeekannen u. Schalen, Opernglas (Zeiss), Bettwäsche- beraubt. Auf unser Befragen nach dem Verbleib der Sachen wurde uns mitgeteilt von Engels und Sipplies, die Polen hätten geplündert. Damit hätten wir uns zufrieden gegeben, wenn nicht Steffens, der zur Zeit unseres Wegganges auch über uns wohnte, meiner Frau folgende Andeutungen gemacht hätte: eine halbe Stunde nach unserem Weggang sei die alte Frau E. bereits in unserer Wohnung gewesen; außerdem hätte der mit der jungen Frau E. befreundete Franzose (ein auch uns bekannter Kriegsgefangener) mit Frau Ilse E. Kleidungsstücke aus unserer Wohnung in die von E. getragen; den gleichen Weg seien der Nähtisch und die Daunendecken gegangen. Ehe Steffens diese Aussagen machte, hatte die alte Bäuerin ihrerseits gesagt, ihre Schwiegertochter habe beobachtet wie Steffens die silbernen Kannen aus dem erbrochenen Koffer an sich genommen habe. Durch die sich widersprechenden Aussagen stutzig gemacht, erstattete meine Schwiegermutter Anzeige. Es wurde in ihrem Beisein eine Haussuchung veranstaltet, hauptsächlich bei Engels u. Sipplies. Vor Beginn der Haussuchung unterschrieben die beiden Frauen E. die ihnen von dem Beamten vorgelegte eidesstattliche Erklärung, daß sie nichts an sich genommen hätten, die junge Frau allerdings erst nach langem Zögern. Es fand sich tatsächlich bei den beiden Frauen nur 1 Küchenhandtuch und 1 Schürze, die Ilse E. aus Stoff hatte anfertigen lassen, der in unserem Wäscheschrank verschlossen war. Leider wurde in keinem der zum Gut gehörenden Nebengebäuden gesucht. Bei Sipplies fanden sich sämtliche Übergardinen unserer Leipziger Wohnung und ein Abendkleid meiner Frau (diese Sachen ebenfalls aus dem Wäscheschrank, zu dem Ilse E. den Schlüssel hatte), und ein größerer Posten Haushaltwäsche, ein Teil davon wurde auch bei Steffens gefunden. Außerdem fand sich bei Sipplies die gesamte Bettwäsche aus dem Silberkoffer meiner Schwiegereltern, die zum Schutz zwischen die Kannen gepackt war. Engels und Sipplies hatten bei unserer ersten Fahrt nach Thallwitz jeder für sich geleugnet, unsere Sachen und ganz besonders die Wertsachen im Keller angerührt zu haben. Bei der Haussuchung behauptete Frau Sipplies, die letztgenannte Bettwäsche von Engels erhalten zu haben.
Es ist für mich klar, daß Engels mit Sipplies und Steffens gemeinschaftliche Sache gemacht haben und daß bei den 3 genannten noch ein erklecklicher Teil unserer Sachen sich befindet, meine Garderobe z. B. bei Steffens, der ja nur seine Uniform besaß.
Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie vielleicht einen Weg wüßten, wie wir u. U. noch etwas retten könnten. Meine Frau und ev. auch meine Schwiegermutter würden Ihnen gern persönlich zu dieser kurzen Skizze noch nähere Einzelheiten mitteilen.

Mit bestem Gruß (Nalopp)

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 62

Georg Klien an Martin Drucker, 23.05.1946

Dr. jur. (Georg) Klien
RECHTSANWALT UND NOTAR
LEIPZIG, 23.V.46.

Mein sehr verehrter lieber Herr Kollege Drucker!

Zu meiner tiefen Betrübnis höre ich, daß Sie das heimtückische Fieber noch nicht völlig überwunden haben. Ich hoffe innigst, daß Sie nun schleunigst wieder zu vollen Kräften kommen! Diese Attacke soll Sie aber auch mahnen, nicht zu verschwenderisch mit Ihrer Arbeitskraft umgehen, wie bisher; sie wird noch unendlich viel benötigt zum Segen der Menschheit – nicht zuletzt auch der Anwaltschaft. Ihre milde, gütige und wahrhafte demokratische Einstellung zu allen Fragen in dieser schweren Zeit ist einfach unersetzbar. Gott gebe Ihnen baldigste Genesung!

Mit herzlichem Gruß Ihr Klien

Die Pfingstrosen – leider duften sie nicht – sind Symbol für schleunigste Auferstehung vom Krankenlager

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 66

Gert Riess (Hamburg) an Martin Drucker, 20.07.1946

Hamburg-Lokstedt d. 20.7.46
Siemersplatz 4

Lieber Herr Justizrat!

Hoffentlich geht es Ihnen inzwischen mit Gottes Hilfe wieder besser und haben Sie sich wieder ordentlich gekräftigt. Das wünsche ich Ihnen von Herzen! Ich brauchte von hier nicht nach Husum weiter zu fahren, da ich mit Hilfe der „Notgemeinschaft der durch die Nürnberger Gesetze Betroffenen“ Aufenthaltsgenehmigung in Hamburg, eine halb Tages Stellung als Rechtsberater bei der Notgemeinschaft u. ein schönes Zimmer bei einer Anwaltsfrau, deren Mann in Auschwitz umkam (Walter Schüler), sogleich bekam. Diese Sache spielte sich in einer Weise ab, dass man nur von einer offensichtlichen Führung Gottes reden konnte, was nebenbei nicht das erste Mal geschehen ist. – Hoffentlich gelingt es mir nun noch, zu meiner Frau nach England oder zu meinem Sohn Gustav nach Argentinien zu kommen, was allerdings noch etwas Zeit in Anspruch nehmen wird. Ich bin hier auch sonst gut aufgehoben, da ein alter Freund von mir ganz in meiner Nähe wohnt und ich bei diesem morgens u. abends essen kann. – Trotz alledem: Leipzig war immer ein schönes Städtchen, das ich nicht vergessen werde, zumal ich noch das Glück hatte, Sie kennen zu lernen. Ich danke Ihnen nochmals für alle Hilfe, die Sie mir stets geleistet haben, insbesondere aber für Ihren Beistand in der fraglichen Sache, die mich zweifellos dem Tode ausgeliefert hätte, wenn Sie mir nicht geholfen hätten. Nochmals alles Gute u. herzliche Grüsse!.
Ihr stets ergebener Gert Riess.

Anmerkung:
Gerhard Riess (1885-1957), bis 1936 Rechtsanwalt in Dillingen, lebte danach mit seiner Familie in Leipzig; seine (nichtjüdische) Ehefrau Theodora geb. Pust emigrierte 1938 nach England; der Sohn Gustav (* 1920) kehrte 1954 aus Buenos Aires nach Deutschland zurück.

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Anlage 71b

Martin Drucker an Alois Mayrhans (Garmisch), 14.12.1946 (437)

14. Dezember 1946

Lieber Herr Alois!

Erst heute kann ich eine Antwort auf Ihren Brief vom 3. Oktober ds. Js. diktieren, weil ich seit fast zwei Monaten an Rippenfellentzündung krank zuhause war und erst jetzt, nachdem die Krankheit behoben ist, mich meinen persönlichen Angelegenheiten wieder zuwenden kann. Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Glückwünsche zu meinem Geburtstag. Ihr Brief kam nur wenige Tage verspätet an. Der Geburtstag wurde von meinen Töchtern, meiner Schwiegertochter und meinen Enkeln sehr herzlich gefeiert, und zu meiner großen Freude kam auch meine Schwester, Frau (Betty) Mannsfeld, die bei ihrem Schwiegerson Dr. (Eduard) von Bose, dem Amtsgerichtsdirektor in Borna bei Leipzig, wohnt, herüber. Diese Schwester und ich sind ja die letzten von uns sechs Geschwistern in Deutschland. Aber meine Brüder in Schweden und England nahmen auch brieflich an meinem Geburtstag teil.
Es freut mich sehr zu hören, daß es Ihnen und Ihrer Frau gut geht. Ihre Vermutung, dass Ihr Herzleiden nervöser Art ist, wird sich hoffentlich bestätigen, denn Derartiges ist in diesen Jahren sehr häufig. Ihre Anstellung beim Postamt ist doch sehr erfreulich, aber hoffentlich können Sie dabei den doch sehr angenehmen Posten bei Geheimrat Kisskalt weiter behalten.
Dass der Herr Geheimrat einige Monate im Internierungslager hat verbringen müssen, wundert mich nicht. Alle Persönlichkeiten, die im deutschen Bankwesen hervorgetreten sind, wurden ja zunächst beargwöhnt. Das aber scheint nun überwunden zu sein.
Es tat mir sehr leid, dass ich seine Arbeit über das Versicherungswesen, weil sie nicht im Druck erscheint, nicht lesen kann. Bitte danken Sie ihm in meinem Namen für seine Bereitwilligkeit, mir über Fragen des Versicherungswesens Auskunft zu geben. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ich davon gelegentlich Gebrauch machen werde. Das Versicherungswesen ist allerdings in Deutshcland gan uneinheitlich geworden. In der russischen Zone gilt eine ganz andere Verfassung als in den anderen Zonen. Bei uns gibt es überhaupt keine privaten Versicherungsunternehmungen mehr, und den auswärtigen ist der Geschäftsbetrieb untersagt.
Der von Ihnen erwähnte Geheimrat (Wilhelm) Kisch ist mir wohlbekannt. Ich nehme aber nicht an, dass er sich meiner erinnert, denn wir sind uns wohl nur ein oder zweimal bei Kongressen, etwa auf dem Juristentage, flüchtig begegnet.  Es ist in der Tat ein ganz bedeutender Gelehrter.
Meine Töchter und meine Schwiegertochter schließen sich den herzlichen Grüssen an, die ich Ihnen und Ihrer Gattin sende.
(Drucker)