dr. jur. Hubert Lang

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts

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Buchtitel

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalt Vorwort

Korrigierte, überarbeitete und ergänzte Fassung der ersten Auflage von 1997

V o r w o r t

Der 50. Todestag Martin Druc­kers im Februar diesen Jahres, war  ein würdiger Anlaß, an diesen mu­tigen Leipziger Juristen zu er­innern [1].
Die Ephraim Carlebach Stiftung fühlt sich mit dem namhaftesten Leipziger Rechtsanwalt in ganz besonderer Weise verbunden.
Auch wenn Martin Drucker wie bereits sein Vater nicht mehr der jüdischen Gemeinde angehörte,  war er zeitlebens stolz auf seine jüdische Herkunft. Juden gehörten ganz selbstverständlich zu seinem großen Freundes- und Mandantenkreis.
Martin Drucker gehört zu den wenigen mutigen Söhnen der Stadt Leip­zig, die über Jahrzehnte aus unterschiedlichsten Gründen aus der Stadtgeschichte verdrängt und folglich heute zu Unrecht weitestge­hend in Vergessenheit geraten sind.
Seinem couragierten Widerstand und seinem uneigennützigen Enga­ge­ment für Verfolgte und Bedrängte ist es zu verdanken, daß die Stadt Leipzig in der deutschen Rechtsgeschichte zwischen 1933 und 1945 nicht nur mit fanati­sierten Rassenwahn und menschen­verachtender Na­ziideologie in Verbindung gebracht werden muß.
Der Name Martin Druc­kers kann deshalb vollkommen zu Recht in einem Atemzug mit den Leipziger Widerstands­kämpfern Carl Goer­de­ler (1884-1945) und Walter Cramer (1886-1944) genannt werden.
Ich möchte an dieser Stelle all denjenigen danken, ohne die diese Publikation nicht zustande gekommen wäre.
Das ist zum einen na­türlich Renate Drucker, welche mir mit viel Ge­duld immer wie­der meine Fragen über den Lebensweg ihres Va­ters, ihre ganz persönlichen Erinnerungen und das Schicksal ih­rer gesam­ten Fa­milie beantwortete.
Darüber hinaus ist an dieser Stelle Manfred Un­ger zu danken, wel­cher durch seine fundierten und ausgezeichne­t recherchierten Bei­träge über Martin Drucker den wesentlichsten Grundstein für diesen Beitrag gelegt hat[2].
Besonderen Wert erhält die vorliegende Publikation durch die erst­malige Veröffentlichung von Dokumenten aus drei entschei­denden Le­bensabschnitten des Leipziger Rechtsanwalts, welche aus dem Privat­archiv von Renate Drucker zur Verfügung gestellt wurden. Zum einen wird ein eindrucksvoller Briefwechsel aus dem Jahr 1928 zwi­schen Drucker und seinem Berliner Kollegen Justizrat Albert Pinner (1857-1933) [3] publi­ziert, wel­cher die beabsichtigte Verlegung des Sitzes des DAV von Leipzig nach Berlin betrifft und das En­gagement Martin Druckers als Präsident des Deutschen Anwaltver­eins von 1924 bis 1932 beispielhaft widerspiegelt.
Aus der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft wird ein beson­ders brisantes Dokument erstmalig der breiten Öffent­lich­keit zu­gänglich gemacht: Das Urteil der Sächsischen An­waltskam­mer vom 26. Januar 1935, mit welchem der frühere Präsi­dent des DAV aus der An­waltschaft ausgeschlossen werden sollte.
Auch wenn sich der Ehrengerichtshof bei der Reichsanwaltskammer später gezwungen sah, dieses Urteil im Berufungsverfahren wie­der aufzuheben, ist es ein noch heute erschreckendes Dokument der von ungezügeltem Rassenhaß beherrschten Sprache nationalso­zialistischer Juri­sten, wie sie Victor Klemperer in LTI so ein­drucksvoll bloßge­stellt hat.
Ein lediglich als Manuskript vorliegendes Referat „Der Anwalt in der neuen Zeit“, welches Martin Drucker kurz nach dem tota­len Zu­sammenbruch des Hitlerregimes vor sächsischen Kollegen gehalten hat, muß als sein Vermächtnis betrachtet werden.
Diese letzte überlieferte Rede belegt sehr eindrucksvoll, daß der damals bereits über 75jährige Leipziger Rechtsanwalt unmit­telbar nach Kriegsende seine ganze ihm verbliebene Kraft für den Aufbau einer demokra­tisch legitimierten und wahrhaft erneu­erten Anwalt­schaft eingesetzt hat.
Unter diesem Aspekt kann es eigentlich nur als Segen verstanden werden, daß Martin Drucker die Entwicklung nach 1947 nicht mehr er­leben mußte.

Leipzig, im Oktober 1997
Hubert Lang

[1]Leipziger Volkszeitung vom 22. Februar 1997
[2]Vergleiche hierzu insbesondere: Martin Drucker Anwalt des Rechts; in: Anwaltsblatt 1/90 S. 3 ff. und: Leipziger Anwalt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und Präsident  des Deutschen Anwaltvereins: Martin Drucker, in: Sächsische Heimatblätter 3/96, S. 173 ff.
[3]Der jüdische Rechtsanwalt Albert Pinner war Vorstandsvorsitzender des Berliner Anwaltsvereins. Er starb kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten.

Vorwort zur überarbeiteten Fassung
Das hier in einer grundlegend überarbeiteten Fassung vorgestellte Buch erschien 1997 anläßlich des 80. Geburtstages von Renate Drucker. Es fand viel Beachtung und war deshalb sehr schnell vergriffen. Eine analoge Neuauflage erschien aber trotzdem nicht sinnvoll.

Deshalb habe ich mich für die Präsentation der Überarbeitung auf meiner Homepage entschieden. Die Überarbeitung war geboten, weil das Buch leider zahlreiche Fehler unterschiedlicher Art aufwies. Sprachliche Ungereimtheiten sollten zur besseren Lesbarkeit ebenfalls so gut wie möglich beseitigt werden. Doch vor allem hat sich der Forschungsstand seit 1997 erheblich erweitert. Dieser sollte deshalb unbedingt eingearbeitet werden. Im Jahr 1997 stand mir nur das Manuskript der Lebenserinnerungen von Martin Drucker jun. zur Verfügung. Diese sind zehn Jahr später anläßlich des 90. Geburtstages von Renate Drucker von mir herausgeben worden. So konnten die Verweise jetzt entsprechend präzisiert werden, so dass sie der interessierte Leser nachlesen kann.

Darüber hinaus werden die Anlagen durch Briefe aus dem Nachlass Martin Druckers erweitert, welche aus der Nachkriegszeit und somit den letzten Lebensjahren Druckers stammen. Der Nachlass wurde inzwischen an das Sächsische Staatsarchiv Leipzig abgegeben, wo u. a. auch diese Briefe einsehbar sind.

Leipzig, im April 2022
Hubert Lang

 

Das Ideal mißt man vielleicht
am besten an den Opfern,
die es verlangt.
(Friedrich von Weizsäcker)

Die  Vorfahren

Der Versuch die Persönlichkeit Martin Druckers über 50 Jahre nach dessen Tod heutigen Lesern nahe zu bringen, muss zwangsläufig mit seinen Vorfahren beginnen. Die Leben­seinstellung, der Mut und das le­bens­lange ganz selbstverständliche Engagement für hilfsbedürftige und die Gemeinschaft hatten bei ihm in ganz beson­ders intensiver Weise ihre Wurzeln in seiner Kindheit, in sei­ner Erziehung und dem fami­liären Umfeld.
Hierbei müssen die jüdischen Vorfahren des Vaters eine beson­dere Rolle spielen, denn von diesen wurde der Lebensweg des späteren Leipziger Rechtsanwalts entschei­dend geprägt und beeinflusst.
Die Druckers waren sephardische Juden, die nach Holland aus­wan­der­ten und von dort dann nach Kassel kamen. Hier ist der Urgroßvater Michael Levi Drucker (1761-1826) etwa Ende des 18. Jahrhunderts Hofjude beim Kurfürsten von Hessen gewesen. Die Urgroßmutter hieß nach den weni­gen überlieferten Quellen Jo­hanne, geborene Hirsch (1772-1839).
Aus dieser Ehe sind neben Siegmund (1801-1874), dem Großvater Martin Druc­kers, drei weitere Söhne nämlich: Gustav (04.07.1807 Kassel-29.01.1891 Paris), Jacob (16.08.1809 Kassel-09.11.1809 ebda.), Jacob (10.11.1810 Kassel- ? Battenberg) und zwei Töchter, Hed­wig (30.11.1798 Kassel-07.06.1843 Braunschweig) und Therese (07.03.1800 Kassel-26.06.1843 Magdeburg), her­vorgegangen. Aus den überlieferten Quellen ergibt sich, dass der Großva­ter Siegmund am 17. Juli 1801 ebenfalls in Kassel geboren wurde.  Der jüngere Bruder Gustav ist nach Philadelphia ausgewandert, wo er 1838 Sarah Cordoza Cauffmann (1817-1896) heiratete und Vater von sieben Kindern wurde. Er kehrte nach 1848 mit seiner Familie wieder nach Europa zurück. In Paris wurden zwei weitere Kinder geboren. Sein ältester Sohn Michael (* 1839) war 1855 Handelsschüler in Leipzig.
Der 1810 geborenen Bruder Jacob lebte mit seiner Frau Hennel Weinberg in Battenberg/Hessen. Sie hatten eine Tochter Friedericke (1831-1907), die mit Salomon Oppenheimer verheiratet war und sechs Kinder zur Welt brachte.
Die ältere Schwester The­rese heiratete 1832 in Magdeburg den Juwelier Jeremias Lie­bermann.  Aus dieser Ehe gingen drei Söhne hervor. Ein Brief an die beiden von der Mutter Johanne aus Kassel (in Deutsch mit hebräischen Buchsta­ben!) und der Schwe­ster Hedwig aus dem Jahr 1835 gehört zu den ältesten erhalten gebliebenen Dokumen­ten im Familienanschluss.
Zumindest zu dieser Zeit lebte auch Siegmund mit seiner Frau Emilie geborene Fränckel (1810-1842) in Magdeburg in der Knochenhaueruferstraße 9. Hier wurde am 30. Juli 1834 der Vater Martin Druckers geboren, wel­cher auch schon den Vor­namen Martin (im weiteren: Martin Drucker sen.) erhielt.
Am 14. Dezember 1835 wurde noch in Magdeburg ein zweiter Sohn Max geboren, welcher jedoch bereits am 02.11.1840 in Braunschweig an Scharlach­fieber starb und auf dem dortigen  jüdischen Fried­hof an der Ham­burger Straße begraben wurde.
Im Juli 1836 traf die Familie Siegmund Druckers in der Stadt Braunschweig ein. Hier wurden am 12.09.1837 der dritte Sohn Heinrich und schließlich am 08.05.1841 die Tochter Johanne ge­boren. Die Mutter Emilie, geborene Fränckel, starb erst 32jährig am 22.07.1842. Sie war nach den Familienüber­lieferungen eine auffal­lend schöne Frau gewesen, wie auch ein erhalten ge­bliebe­nes Minia­turbildnis noch heute be­zeugt. Sie fand ihre letzte Ruhestätte, wie ihr Sohn Max, auf dem jüdischen Friedhof in Braunschweig. Der Grabstein hat die Zeitläufte überdauert. Die deutsche Inschrift lautet:
„Hier ruht die treue Gattin, zärtliche Mutter und Tochter, Schwe­ster und Freundin, Frau Emilie Drucker geborene Fränckel, geboren am 05. Juni 1810 in Gott einge­schla­fen am 22. Juni 1842“
Vermutlich übernahm nach dem frühen Tod der Ehefrau die un­ver­heira­tet gebliebene Schwester Siegmund Druckers, Hedwig, die Führung des Haushaltes. Doch auch sie starb ein Jahr später am 07. Juni 1843, erst 44jährig, in Braunschweig. Der 42jährige Vater hatte nun allein für den Lebensunterhalt und die Versorgung seiner drei Kinder zu sorgen. Die Tochter Johanne war gerade zwei Jahre alt.
Der Großvater soll nach den persönlichen Erinnerungen Martin Druc­kers die beiden fünf bzw. acht Jahre alten Söhne nach dem frühen Tod der Mutter zeitweilig zu einem Pfar­rerehepaar in einem braunschwei­gi­schen Dorf gegeben haben. Über das spätere Schicksal der Tochter Jo­hanne ist nichts be­kannt. Nachweisbar ist nur, dass sich die Fami­lie Drucker, bestehend aus einer weiblichen und drei männlichen Personen, im Jahr 1843 aus Braunschweig abmeldete.[1] Siegmund Drucker reiste dann mehrfach nach Frankfurt an der Oder, wo die Familie seiner verstorbenen Frau lebte. Vielleicht haben die Großeltern Fränckel weiter für die kleine Johanne gesorgt, um dem Vater die Gründung einer neuen Existenz zu erleichtern.
Seit dem 22. September 1843 wohnte Siegmund Drucker mit seinen bei­den Söhnen Mar­tin und Heinrich in Leipzig. Fünf Jahre später stellte er den Antrag auf Einbürge­rung an die Stadtverordneten Leip­zigs, nachdem er am 18. Juli 1848 aus der preußi­schen Staats­bür­gerschaft entlassen worden war. Die Stadt Leipzig ent­sprach noch im gleichen Jahr dem Antrag und verlieh dem Großvater das Bürgerrecht.
Siegmund Drucker gehörte zu den Gründungsmit­gliedern der Israe­liti­schen Reli­gions­gemeinde zu Leipzig in der ersten Hälfte des 19. Jahr­hunderts. Er war gewählter Repräsentant der ersten Gemein­deversammlung der Leipziger Ge­meinde. In dieser Funktion gehörte er auch dem Komitee zu Errichtung der Gemeinde­synagoge an, das sich am 27. November 1852 konsti­tuierte.
Nur kurze Zeit vor ihm war Hermann Samson von Braunschweig nach Leipzig gekommen, um in der Reichsstraße 6-7 ein Handelsge­schäft zu eröffnen. In dessen Braunschwei­ger Firma war Siegmund Drucker lange Jahre Pro­kurist gewesen. Er übernahm diese Tä­tigkeit zunächst auch für das neu gegründete Leipziger Geschäft. Samson spielte bei der Gründung der Leip­ziger jüdischen Gemeinde ebenfalls eine sehr wichtige Rolle.[2]
Auch Albert Leppoc (1806-1875), der im März 1843 die Leipziger Jungfrau Emma Mayer geheiratet hatte,[3] war ein alter Geschäftspartner aus der Braunschweiger Zeit. Mit ihm eröff­nete Siegmund Drucker in der Ka­thari­nenstraße 14 die Seiden­handlung „Leppoc & Druc­ker“. Über dieses Geschäft und die abenteuerlichen Geschäftsreisen seines Großvaters in die Türkei hat Martin Drucker später in seinen Le­benserinnerungen viel Bemerkenswertes und Anekdotisches aufge­schrieben. Die Firma entwic­kelte sich in Leipzig so erfolgreich, dass eine Ein­kaufsfiliale in Hongkong eröffnet wurde, um chinesische Sei­den­stoffe mit Echtheitsgaran­tie und an­dere asiatische Textilien zu im­portieren. Die Leitung dieser Niederlassung übernahm Sieg­munds Bru­der Hein­rich (1837-1874), der jedoch seinen fernöst­lichen Ge­schäftspartnern nicht gewachsen schien, wie die Famili­enge­schichte überliefert.
Heinrich soll nach den Familienerzählungen das Opfer eines groß an­gelegten Betruges geworden sein. Die hieraus entstandenen enor­men Verlu­ste von ungefähr 100000 Talern glich Siegmund Drucker ohne jegliche Verpflichtung gegenüber seinem Ge­schäftspart­ner Leppoc aus.
Vom einstigen Drucker’schen Vermögen war deshalb nicht viel übrig­geblieben, als der Großvater starb. Heinrich ging später von Hong­kong nach San Francisco, wo er „im besten Mannesalter“ gestorben sein soll.
1850 heiratete Siegmund Drucker Emma Pollack (1825-1888), die wie seine erste Frau aus Frankfurt an der Oder stammte. Aus dieser Ehe sind nochmals drei Kinder, nämlich Hedwig (1855-?),  Paul und The­rese, hervorgegangen. Therese wurde am 4. Dezember 1851 geboren und heira­tete später einen Leipziger christlichen Kaufmann namens Theodor Fre­derking (1844-1914).  Das Ehepaar hatte zwei Töchter: Lina verheiratete Köpp (1876-1944), die adoptiert wurde, und Charlotte. Therese Frederking starb am 20. Mai 1927. Ihr Grab befand sich auf dem Süd­friedhof.
Am 18. Januar 1863 wurde der Sohn Paul geboren, der also nur wenige Jahre älter war als sein 1869 geborener Neffe. An ihn erinnert sich Martin Drucker jun. deshalb sehr leb­haft insbesondere aus gemeinsamen Kin­derspielen. Überliefert ist in diesem Zusam­men­hang der „histori­sche“ Ausspruch von Onkel Paul: „Martin, wir müssen Schweine sein!“ Der unverheiratet gebliebene spätere Kaufmann zog 1931 nach Al­tona. Er war dann Mitglied der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Ham­burg. Am 19. Juli 1942 wurde der 79jährige aus Hamburg nach Theresi­enstadt deportiert, wo er bereits am 10. August starb. Renate Drucker erinnerte sich noch an den sympathischen alten Herrn, den sie anlässlich ihres Besuches bei Onkel Konrad in Ham­burg kennen lernte. Im Mai 1946 erkundigte sich ein Freund der Fa­milie aus Hitzacker nach dem Schicksal des „alten Onkels, der immer so vergnügt war, wenn er uns aufsuchte.“
Siegmund Drucker starb 73jährig am 24. August 1874. Sein Grab auf dem alten jüdi­schen Friedhof in der Berliner Straße blieb erhalten und wurde anlässlich des 80. Geburtstages sei­ner Urenkelin Renate Drucker im Jahr 1997 restauriert.
Martin Drucker jun. war damals noch keine 5 Jahre alt, aber er er­innerte sich sehr gut, dass ihn die Nachricht vom Tod seines Großva­ters sehr traurig stimmte. Auf sei­nen Knien am Fenster in der Woh­nung in der Nonnenmühlgasse sitzend und die Straße beob­achtend, so gedenkt Martin Drucker jun. noch Jahrzehnte später liebe­voll seines jüdischen Großvaters. Die zweite fast 25 Jahre jüngere Ehefrau Emma starb am 23. De­zember 1888 und fand ihre letzte Ruhestätte eben­falls auf dem jüdischen Friedhof in der Berliner Straße.

„Wohl uns, daß unsere Eltern uns eine solche Ehe vorgelebt ha­ben!“[4]

Auch über den Vater sind sehr persönliche Informationen durch die kurz vor Kriegsende zu Papier gebrachten Lebenserinnerungen Mar­tin Druc­kers überliefert. Martin Drucker sen. besuchte, wie später sein gleichnami­ger Sohn, die weit über die Stadtgrenzen hinaus gerühmte Thomasschule. Sein Abitur legte er dort zu Mi­chaelis 1851 ab.
Sein innigster Wunsch, Musiker zu werden, bestimmte, obwohl er uner­füllt blieb, sein gesamtes Leben. Eine Doppelbegabung wie die des Vaters begegnet immer wieder in beeindruckender Weise in der Druc­ker’schen Genealogie. Einzigartig dürfte jedoch die Fähigkeit Mar­tin Druckers sen. ge­wesen sein, die ausgeprägte musische und auch sprachliche Be­ga­bung fruchtbar mit seinem späte­ren Juristenberuf zu verbin­den. Hierin dürfte ein wesentlicher Quell für die familiäre Harmonie und das eheliche Glück, wie sie der Sohn später gefühlvoll beschrieb, gelegen haben. Martin Druc­ker sen. besaß nach den Über­lieferungen das absolute Gehör. Er spielte so ausgezeichnet Geige, dass er auf Veranlas­sung des damali­gen Leiters des Konservatoriums Julius Rietz sogar aus­hilfs­weise im Thea­terorchester mitwirken durfte.
Der Großvater Siegmund war durchaus nicht amusisch eingestellt. Er hatte aber als Vater Sorge um die wirtschaftliche Zukunft seines begabten Sohnes. Deshalb ging Martin Drucker sen. zunächst nach Heidelberg, um dort Rechtswissenschaft zu studie­ren. Ein Entschluss, den er später nicht bereute und auf Grund sei­nes außerordentlichen beruflichen Erfolges auch nie­mals bereuen musste.
Aus dieser Studienzeit blieb eine lebenslange Freundschaft mit dem Kommilitonen Conrad Rieger (1831-1910) aus der Bachstadt Köthen, der wie Drucker eine beson­dere Affinität zur Musik besaß. Der spätere Justizrat Rie­ger hat über viele Jahrzehnte das Musikleben seiner Vaterstadt Cöthen geprägt. Er stand im Briefwechsel mit Clara Schumann.

Die Blüthen aus dem Treibhause der Lyrik
In Heidelberg sollen nach den Erinnerungen des Sohnes auch die „Blüthen aus dem Treibhaus der Lyrik“ entstanden sein. Diese Samm­lung parodistischer Gedichte des damals noch nicht 20jährigen Studenten Drucker hatte der Johann Ambrosius Barth Verlag in Leipzig 1855 anonym veröffentlicht. Martin Drucker sen. hat auch später trotz des Drängens seines Soh­nes untersagt, seine Urheberschaft preiszugeben. Die dritte Auflage dieses amüsanten Werkes wurde mit Illustrationen eines jungen Künstlers versehen, der die Texte höchst trefflich rahmte. Dieser junge Künstler war kein geringerer als der da­mals noch un­bekannte Max Klinger. Auf einer späteren Werkschau des Künstlers im Leipzi­ger Bildermuseum am Augustusplatz wurden damals auch die „Blüten“ gezeigt, allerdings ohne den Autor der Dichtung zu of­fenbaren.
Die zweite Auflage 1882 erschien in etwas veränderter Fassung. Einige Gedichte fehlen, andere sind erstmals enthalten, so insbesondere die Parodien „Turner, Sänger, Schützen“ und „Das Lied ist Macht“. Daraus kann geschlussfolgert werden, dass Martin Drucker sen. auch noch später aktiv an der Veröffentlichung der veränderten Auflage mitgewirkt hat.
Die „Blüten“ erschienen schließlich im Jahr 1904 in 4. Auflage. Wann die zweite Auflage erschien, konnte nicht ermittelt werden. Die drei anderen Auflagen werden noch antiquarisch angeboten. Dabei wird immer wieder neben Martin Drucker ein Adolf Zander als Mitverfasser angegeben. Worauf diese Angabe beruht, bleibt unklar. Die Staatsbibliothek Berlin gibt für ihre Exemplare an, dass der Mitverfasser der Komponist, Organist und Chorleiter Adolf Zander (1843-1914) gewesen sei. Das erscheint sehr unwahrscheinlich, da dieser beim Erscheinen der ersten Auflage 1855 erst zwölf Jahre alt war. Wahrscheinlicher ist, dass es sich um den späteren Augenarzt Adolf Zander (1832 Dresden 21.08.1863 Chemnitz), handelt, der zur selben Zeit wie Martin Drucker sen. an der Leipziger Universität Medizin studierte. Die beiden könnten sich folglich als Studenten kennengelernt haben. Dieser Adolf Zander hat später als Augenarzt Fachbücher veröffentlicht und starb sehr früh erst 31jährig in Chemnitz an Typhus.

Die Universitäts-Sängerschaft zu St. Pauli in Leipzig
Von Heidelberg kam Martin Drucker sen. dann in seine Vaterstadt zu­rück, da die juristische Fakultät der hiesigen Universität zu dieser Zeit einen außerordentlich guten Ruf genoss. Nur folgerichtig war, dass sich der musikalisch hochbegabte Student Drucker hier dem ruhm­reichen Universitätssängerschaft zu St. Pauli anschloss. In diesem Zusammenhang entstanden erste humoreske Dich­tun­gen, die zunächst auch anonym gedruckt werden.[5] Weitere sogenannte Gelegenheitsdichtungen für die Pauliner sind leider später verloren gegangen bzw. vernichtet worden.
In den Jahren 1855/56 wurde Drucker sen. zum Sekretär des Paulus gewählt. Zur 450. Jahrfeier der Universität  1859 verfasste Drucker sen. den Text zu einem von Julius Rietz vertonten Festgesang, welcher in der Universitätsbibliothek bewahrt wird. Am 28.07.1862, Drucker sen, war inzwischen „Alter Herr“ des Paulus, wurde im Hotel de Pologne eine von ihm verfasste sogenannte Bieroper „Trichinierinnen“ uraufgeführt.  Das Stück wurde zehn Jahr später zur Weihnachtsbescherung erneut aufgeführt. Bei dieser Gelegenheit trug Drucker zuvor zwei Schnarrtannelieder vor. Auch beim 25jährigen Paulinerjubiläum 1865 wurden Aufführungen von Drucker gezeigt.
Bedauerlicherweise wurde Druckers persönliches Exemplar des „Illustrirten Fest-Bädeker des Pau­lus“ vernichtet, den er anlässlich des 50. Stif­tungsfe­stes 1872 verfasst hatte. In der Leipziger Universitätsbibliothek ist der Fest-Bädecker online einsehbar.
Anfang der 1850er Jahre war auch  der spätere Landgerichtspräsident in Dresden, Emil von Bose (1832-1906), als Kassierer ein aktives Mitglied der Pauliner. Dessen Enkel  Eduard von Bose (1898-1963) heiratete 1925 in Dresden Marie Mannsfeld (1899-1985), die Enkelin von Drucker sen.
In Dankbarkeit und tiefer Verehrung hatten die Pauliner Martin Drucker sen. einen sehr kostbaren Ring verliehen. In der von Prof. Richard Kötzschke herausgegebenen Geschichte der Universitäts-Sängerschaft zu St. Pauli in Leipzig heißt es: „Besonders verdiente Pauliner bekamen einen goldenen Ring, ja einer von ihnen, der Jurist M. Drucker, wurde zum Lohn für seine ausgezeichneten Bierzeitungen und für seine bewährte Treue sogar durch einen Brillantring ausgezeichnet.“ Als in der Generalversammlung im Sommer 1885 der Konvent darüber debattierte, künftig keine Juden mehr aufzunehmen, verzich­tete er wie einige andere Alte Herren auf seine „Alte Herrenschaft“, schickte den Brillantring zurück und brach jede Verbindung zu den Paulinern ab. Drucker sen. jüdischer Anwaltskollege Karl Lebrecht (1857-1929) dagegen blieb dem Paulus als aktiver Alter Herr bis zu seinem Lebensende verbunden.

Nach dem juristischen Staatsexamen war Martin Drucker sen. als Hilfsarbeiter (Auskultator) bei dem stadtbekannten Advokaten Karl August Klein tätig, der damals ehrenamtlicher Vorsteher der Stadt­verordneten war. In dessen Haus kam es zu einer für den weiteren Lebensweg Druckers entscheidenden Begegnung mit der Tochter Marie.
Marie Klein war am 19. Dezember 1841 geboren worden. Sie lebte mit meh­reren Geschwistern in der angesehenen höheren Bürgerfamilie in auskömmlichen und sorgenfreien Verhältnissen. Als Tochter des Stadtverordnetenvorstehers hatte sie das beson­dere Privileg genossen, die sogenannte Ratsfreischule am Flei­scher­platz zu besuchen. Von der für damalige Verhältnisse gerade für Töchter außergewöhnlichen Bildung hat auch der Sohn Martin später noch profitiert. Marie Klein besaß eine besondere Bezie­hung zu deutscher Literatur und hatte, wie damals üblich, auch so erfolg­reichen Klavierunterricht erhalten, dass sie mit ihren Kin­dern zu deren Vergnügen vierhändig spielen konnte.
Die Liebe zu Marie Klein zwang Martin Drucker sen. zu einer fol­gen­schweren, aber offenkundig niemals bereuten Entscheidung. Er reiste am 7. Februar 1865 von Leipzig nach Dresden. Dort er­hielt er mit ausdrücklicher Zustimmung seines Vaters in der Kreuzkirche die Taufe und vollzog so den Übertritt zum Chri­sten­tum.
Damit wurde der Weg frei für eine segensreiche Verbindung zwi­schen einem Abkömmling sephardischer Juden und der Tochter von über viele Generationen in Altenburg tätigen engagierten Chris­ten. Die Trauung wurde am 25. Februar 1865 in St. Nikolai vollzogen. Der Brautvater, der langjährige Stadtverordnetenvorsteher und er­folgreiche Advokat Karl Klein, lebte zu diesem Zeitpunkt be­reits nicht mehr. Er war 62jährig am 7. Dezember 1862 ver­storben. Die Mutter der Braut, Constanze Klein, entstammte der in den Anna­len Altenburgs mehrfach ruhmreich verzeichneten Familie Dölitzsch. Sie wurde am 17. November 1807 als zweite Tochter des Altenburger Musikdirektors Johann August Dölitzsch (1779-1858) geboren.
Besonders zu erwähnen ist hier aber ihr Bruder, der Geheime Ju­stiz­rat Arthur Ottomar Olympius Dölitzsch, der es später als Advokat zu einiger Berühmtheit brachte. Zuvor hatte er jedoch be­reits als Stu­dent an der Leipziger Universität in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts für einige Unruhe gesorgt. Er war nicht nur ein „alter 48er“, sondern war einer der damals von der Obrigkeit polizeilich gesuchten führenden Revolutionäre im Thü­ringer Raum.  Nach den Erzählungen seiner Schwester führte er mit seinem Schwa­ger Karl Klein, der sich politisch zu einer konstitutio­nell gemä­ßigten Demokratie bekannte, häufige kontroverse poli­tische Dis­pute.
Martin Drucker ist nicht nur durch seine Berufswahl in die Fußstap­fen dieses bemerkenswerten Ahnen getreten. Auch mit seinem Engage­ment für den Deutschen Anwaltverein setzte er die Ideen des Rechts­anwaltes Ottomar Olympus Dölitzsch fort, denn dieser vertrat am 25. August 1871 bei der Gründung des DAV in Bamberg die Advokaten des Herzogtums Sachsen-Altenburg.[6]
Am 21. Dezember 1857 erhielt Martin Drucker sen. von der alma ma­ter lipsiensis das juristische Doktordiplom, welches 50 Jahre später in Goldschrift erneuert wurde.
Die erste Praxis des Advokaten Martin Drucker sen. gemeinsam mit seinem Freund Heinrich Roßbach (1835-1891) [7] befand sich seit 1861 am Markt 8, dem bekannten Barthels Hof. Da Drucker sen. zeitweise als sogenann­ter Patrimonialrichter für einen Rittergutsbezirk bei Wurzen tätig war und ihm durch die Leipziger Universität die Befugnisse eines „Protestnotars“ ver­liehen worden waren, entwickelte sich die Kanz­lei, damals noch Expedition genannt, sehr gut.
Vom Justizministerium das sogenannte Vollnotariat zu erlangen, war jedoch bereits damals viel wichtiger und natürlich auch fi­nanziell einträglicher. Das Vollnotariat wurde jedoch nur sehr beschränkt, und wie be­hauptet wurde, nur bei politischem Wohlverhalten verlie­hen.
Wie dem auch gewesen sei, Martin Drucker machte sich sein außer­or­dentliches Sprachtalent und eine besondere Ausnahmerege­lung zu Nutze, um trotzdem das Vollnotariat zu erlangen. Ein Kandidat konnte nämlich damals eine Prüfung ablegen, mit wel­cher er seine Fähigkeit zur Aufnahme von notariellen Urkunden in einer modernen Fremdsprache nachwies.
Die französische, italienische, englische Sprache beherrschte der Advokat Drucker sen. vorzüglich, doch auch spanisch und portugie­sisch sprach er hinreichend. Drucker meldete sich also zur Ablegung der erforderlichen Prüfung gleich in zwei Sprachen, nämlich in Französisch und Ita­lienisch, beim Justizministerium an. Er legte beide erfolgreich in einer Klausur vor dem Präsidenten des Leipziger Landgerichts ab. Auf diese Weise hatte bereits der junge Drucker das Vollnota­riat erlangt und damit die wohl entscheidende materielle Basis für die weitere Entwicklung der Anwaltskanzlei gelegt, die sich nach mehre­ren Umzügen seit 1900 bis zuletzt in der Ritterstraße 1-3 befand.
Die Tatsache, dass Martin Drucker sen. durch seine Tätigkeit als Protestnotar, welche sein Sohn in den Erinnerungen sehr anschaulich beschreibt, in der ganzen Stadt herumkam, um fällige Wechsel zuzu­stellen, brachte den Leipziger Anwalt auf eine grandiose Idee, wel­che noch über viele Jahre Gesprächsthema unter den Leipziger Juri­sten war. Oberjustizrat Drucker hatte durch seine sensible Nase im Laufe der Jahre nämlich festgestellt, dass sich viele Leipziger Stadtviertel und Straßenzüge durch ihren markanten Geruch unterscheiden ließen. Er fing deshalb an, diese Erkenntnisse zu sammeln, zu registrieren und zu ordnen. Im Ergebnis dieser Arbeit entstand zur Erheiterung der meisten seiner Kollegen ein Stadtplan, welcher dann im Anwalts­zimmer des Landgerichts mit dem Titel „Die Stadt Leipzig, nach Ge­rüchen gegliedert“ aufgehängt wurde. Drucker sen. hatte hierauf die Gerüche durch unterschiedliche Far­ben kenntlich gemacht, so dass ein außerordentlich buntes Gesamtbild der Stadt Leipzig entstand. Martin Drucker jun. merkt in seinen Erinnerungen hierzu an, dass diese amüsante Geschichte nicht nur Beifall gefunden habe, sondern auch von einzelnen als eine Verhöhnung der Stadt verkannt wurde, was natürlich niemals in der Absicht seines Vaters gelegen habe. Noch kurz vor Kriegsende 1944 erinnert sich der zu dieser Zeit in Berlin lebende Staatsrechtler Heinrich Triepel aus seiner Referen­darzeit höchst amüsiert an diesen einmaligen Stadtplan Leipzigs vom Anfang der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts.

Die Geschwister

Den Eheleuten Drucker wurde zunächst am 24. März 1866 ein Sohn ge­boren, der in Erinnerung an die so früh verstorbene Großmutter vä­terlicherseits Emil getauft wurde. Leider wurde das Trauma der Mut­ter Wirklichkeit, als der Erst­ge­borene gerade 3jährig an Diphtherie starb. Er teilte das Schick­sal vieler Kinder dieser Zeit. So war auch die Tochter ihrer äl­testen Schwester Adelheid (1840-1924) , die mit dem Al­tenburger Arzt Dr. Gu­stav Rothe (1822-1910) verheiratet war, 1867 als Dreijährige an Diph­therie ge­storben. Dieser Onkel konnte später zu mindestens fremden Kindern das Le­ben retten, denn er erfand eine Serumbehandlung, die später verbes­sert und ausgebaut, eine erfolgreiche Behandlung der Diphtherie ermög­lichte. Der Schmerz über den frühen Verlust des Sohnes Emils begleitete die Mutter ihr Leben lang und übertrug sich auch auf die beiden nachge­borenen Kinder, wie Martin Drucker jun. in seinen Erinne­rungen schreibt.
Am 23.02.1868 wurde das zweite Kind, die Tochter Johanna, geboren. Sie heiratete später den Leipziger Architekten Johannes Boguslaw  Sic­kert (1864-1945), den Sohn des letzten deutsch-wendischen Pfarrers Johann August Sickert  (sorbisch: Jan Awgust Sykora) in Schmölln/Bischofswerda. Johanna starb am 15.10.1936 nach langer schwerer Krankheit Leip­zig. Aus dieser Ehe gingen zwei Söhne hervor: der Rechtsanwalt Ludwig Sickert (1894-1938) und der Musiker Hermann Sickert (1898-1918), der seinen Beruf wegen einer im Krieg zerschossenen Hand nicht mehr ausüben konnte und sich vermutlich das Leben nahm.
Martin wurde als drittes Kind am 6. Oktober 1869 morgens um 7.00 Uhr in dem leider nicht mehr existierenden Wohnhaus in der Nürn­ber­ger Straße 12 in der I. Etage geboren. Einer seiner Taufpaten war der Leipziger Arzt Dr. med. Martin Kurzwelly. Es könnte demzufolge auch angenommen werden, dass der Vorname von ihm und nicht etwa vom Vater übernommen wurde.
Nach Martins Geburt kam am 26.07.1875 die Schwester Betty zur Welt. Mit der 6 Jahre jüngeren Schwester blieben Martin und seine Familie in einer besonders innigen und intensiven lebens­langen Verbindung, wie erhaltene liebevolle Nachkriegsbriefe zwischen den Geschwistern belegen. Betty heiratete 1896 den späteren sächsischen Justizminister Carl Manns­feld, dessen Schwester Margarethe wiederum Martin zur Frau nahm. Diese „kreuzweise“ Verschwäge­rung sollte später in politisch motivierten Angriffen gegen die beiden Schwäger Martin Drucker und Carl Mannsfeld eine große Rolle spielen.
Am 24. November 1876 wurde Carl geboren, der als Assistent von Wil­helm Ost­wald arbeitete, eine Professur an der Leipziger Uni­versität inne hatte und durch seine wissenschaftlichen Arbeiten als Physik-Chemiker weit über Deutschlands Grenzen hinaus an­er­kannt war. Er heiratete 1917 Gertrud Flatow (1882-1965), die aus einer alt­einge­sessenen jüdischen Familie die aus Stuhm/Pommern nach Berlin verzogen war.
Prof. Carl Drucker verlor 1933 sofort seine Professur an der Leip­ziger Universität. Die Eheleute konnten noch rechtzeitig nach Schweden auswandern, wo Carl eine Professur an der Universität in Uppsala inne hatte. Carl Drucker starb dort am 17.03.1959. Das gepflegte Grab der Eheleute befindet sich auf einen Friedhof in Uppsala. Gertrud Flatow war in Uppsala eine anerkannte Malerin, deren Gemälde auch von Museen angekauft wurden.
Am 16.07.1878 wurde in die bereits recht große Familie eine wei­tere Tochter geboren: Marie. Sie heiratete am 12.02.1905 den Mediziner Ri­chard Bu­rian (1871-1954). Aus dieser Ehe sind drei Kinder hervorgegangen. Die einzige Tochter Maria Louise (1908-1993), genannt Isa, stand wegen ihrer außergewöhnli­chen Schön­heit und Ausstrahlung immer im Mittel­punkt. Sie heiratete in erster Ehe 1933 auf dem Schiff vor der Emigration in die USA den Juristen Rudolf Littauer (1905-2002), einen Freund der Familie aus Leipzig, um diesem die Einreise zu ermöglichen. Diese Ehe wurde wenig später wieder geschieden und Isa Burian heiratete 1936 Morgan Huntington (* 1909). Aus dieser Ehe gingen drei Söhne hervor.
Der älteste Sohn Max Hermann Burian (1906-1974) war ein angesehener Augenarzt in Iowa/USA. Der jüngste Sohn Karl Wolfgang (1913-nach 1922) starb in Belgrad an Tbc, wo der Vater zu dieser Zeit einen Lehrstuhl für Physiologie inne hatte. Die Mutter Marie war schon am 12.08.1919 gerade erst 41jährig in Leip­zig gestorben.
Am 28.12.1879 wurde Conrad geboren, der später als Bankier in Ham­burg sehr erfolgreich tätig war. Dort heiratete er 1912 die Eng­län­derin Bertha Freyer (1889-1970). Mit seiner Frau emigrierte er noch vor Kriegsausbruch nach England, wohin bereits die am 10.06.1914 geborene einzige Tochter Joan nach 1933 ausgewandert war. Nach Kriegsende kehrte er nach Hamburg zurück, wo er 1947 von einem engli­schen Jeep überfah­ren wurde. Er starb an den Folgen dieses Unfalls 1950 in London.
Die große Familie Drucker lebte zur Zeit von Conrads Geburt in der Zeit­zer Straße 24, der heutigen Karl-Liebknecht-Straße. Druc­kers blie­ben auch künftig, trotz mehrfacher Umzüge, dem Leipziger Süden verbunden.
Als einer der aktiven Mitbegründer und langjähriges Vorstands­mit­glied des Leipziger Anwaltvereines hat Martin Drucker sen. seinem Sohn auch das Engagement für den Anwaltsstand beispiel­haft vorge­lebt. Der Vater war, wie später der Sohn, auch als langjähriger Rechtsbe­rater des französi­schen Generalkonsulats in Leipzig tä­tig. Ihm wurde für sein außer­ordentliches persönliches Engage­ment für Frank­reich, vor allem in Rechtsstreitigkeiten, welche im Ge­folge der Besetzung von Elsass-Lothringen nach 1871 mit dem Deut­schen Reich entstan­den, im Jahr 1905 das Rit­terkreuz der franzö­si­schen Ehrenlegion verliehen. Diese hohe Ehrung blieb wie durch ein Wunder im Familienbesitz erhalten. Im Jahr 1912 wurde  Martin Drucker sen. mit dem hohen Titel eines Oberjustizrates ge­ehrt.
Ein Jahr zuvor wurde er im Zusammenhang mit seinem 50jährigen An­walts­jubiläum seitens des Landgerichtspräsidenten „als scharf­sin­niger gut unterrichteter Anwalt der besten Stufe“ beschrie­ben. Eine et­waige Auszeichnung aus Anlass des Jubiläums wurde warm be­fürwortet.
Martin Drucker sen. starb am 15. November 1913 79jährig in Leip­zig. Seine letzte Ruhestätte fand er, wie auch seine am 29. Okto­ber 1921 gestorbene geliebte Frau auf dem Leipziger Süd­friedhof. Das Grab, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft sich auch die Ru­hestätte der Familie Frederking befand, wurde leider zu einem nicht bekannten Zeitpunkt eingeebnet.

Die Kindheit

Martin Drucker jun. beschrieb in seinen 1945 niedergeschriebenen Aufzeichnungen seine Kindheit als frei von jeglichen antisemiti­schen Erlebnissen. Eine Erfahrung fanatischer religiöser Intoleranz ganz anderer Art ist dem Kind jedoch lebenslang in sehr unangeneh­mer Erinne­rung geblieben.
Dem Drängen des bereits erwähnten Onkels seiner Frau Arthur Dölitzsch folgend, hatte Martin Drucker sen. eine Position in einer von diesem mitbegründeten Privateisen­bahnge­sellschaft übernommen. Diese Tätigkeit erforderte den Um­zug nach Düsseldorf. Die Ehefrau und die Kinder folgten Anfang des Jahres 1874 in die angemietete Wohnung in der Düsseldorfer Kai­serallee. Düsseldorf war damals eine streng katholische Stadt, was den pro­testantischen Druckers erhebliche Schwierigkeiten bescherte. So wurde den Dienst­mädchen strengstens verboten, bei den „Ketzern“ an den zahlreichen katholischen Feiertagen zu arbeiten. Schließlich versuchten einige besonders fanatisierte Katholiken nach einer Prozession in das Haus einzudringen und die Familie zu bedrohen. Die verängstigten Kinder, die Zeugen des Krawalls wur­den, verstanden damals den Grund der sehr bedrohlichen Si­tuation nicht.
Sowohl die Mutter als auch die beiden Kinder Johanna und Martin wa­ren deshalb sehr glücklich, als der Düsseldorf-Aufenthalt nach einem Jahr ein plötzliches Ende fand. Die Gründe hierfür lagen je­doch darin, dass sich die Eisenbahn-Aktien­gesellschaft, für die Drucker sen. in Düsseldorf tätig geworden war, nicht so entwic­kelte, wie es den Auffassungen des sehr ge­wissenhaften und korrek­ten Juristen entsprach.
Druckers kehrten also schon 1875 nach Leipzig zurück, wo sie eine Wohnung in der Dörrienstraße 13, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Tante Therese, bezogen. Die Familie Frederking in der Inselstraße war deshalb in dieser Zeit beliebtes Ausflugsziel der beiden Kin­der, da diese ohne Begleitung besucht werden konnten.
Besonders be­rührend beschrieb Martin Drucker als 75jähriger den Einfluss, den seine Mutter auf seine Er­ziehung ausübte. Er hatte als Kind eine Schwäche, die seine El­tern häufig verzweifeln ließ und insbe­sondere die Mutter sehr trau­rig stimmte. Er neigte zum Jähzorn. Derartige Ausbrüche des Kindes endeten regelmäßig im sogenannten Schrankzimmer der elterlichen Wohnung. Als Martin eines Tages sehr reuevoll aus diesem Zimmer zur Mutter zurückkehrte, um deren Ver­zeihung zu erlangen, fand er sie ganz unglücklich vor. Den kleinen Martin schmerzte es sehr, dass er seinen so liebevollen Eltern immer wieder solchen Kummer bereitete. An diesem Tag bat ihn seine Mutter um ein Versprechen, welches Mar­tin ihr auch gab. Die beiden trafen eine heimliche Abmachung, die letztendlich den Jähzorn des Kindes besiegte. Immer wenn Martin wieder einmal jähzornig zu werden drohte, sagte die Mutter nur: „Martin, Martin, denk an dein Ver­sprechen!“ Obwohl es ihm anfangs sehr schwer fiel, tat diese Ermahnung ihre Wir­kung der Heranwachsende glaubte diese Worte auch zu hören, wenn seine Mutter nicht anwesend war. Die kluge Marie Drucker hatte so instinktiv, geleitet durch ihre mütterliche Liebe, den Grund­stein für die spätere Karriere ihres Sohnes als einer der namhafte­sten deutschen Anwälte gelegt, denn sie lehrte ihn Selbstbeherr­schung.
Die Mutter war es auch, die ihre beiden großen Kinder, Johanna und Martin, früh über die jüdische Herkunft ihres Vaters aufklärte und bei die­ser Gelegenheit die Toleranz ins Herz des späteren Anwaltes pflanzte, die sein gesamtes Leben bestimmte.
Neben dem bereits erwähnten jüdischen Großvater Siegmund Drucker, der in der Nonnenmühlgasse wohnte, hatte die Großmutter Constanze Klein prägenden Einfluss auf den Knaben Martin. Martin Drucker beschreibt seine Großmutter, die nach dem Tod ihres Mannes abwechselnd in den Haushalten ihrer drei verheira­teten Töchter lebte, noch Jahrzehnte später sehr lebendig, denn die längste Zeit verbrachte sie bei ihrer Tochter Marie in Leipzig. Hier hatte sie nicht nur eine Vielzahl von alten Freundinnen „von etwas wunderlicher Grandezza“, sondern auch sechs Enkelkinder, de­nen sie eine liebe- und verständnisvolle Oma war. Ganz besonderen Eifer entwickelte sie im Stricken von Strümpfen, damit ihre zahl­reichen Enkelkinder niemals irgendwelches gekauftes neumodisches Zeug an den Füßen tragen mussten. Martin und seine Geschwister tru­gen tapfer diese Liebesbeweise ihrer Großmutter.
Martin Drucker schreibt in seinen Erinnerungen: „Aber mehr als un­sere Kinderbeine haben unsere Kinderseelen von ihr empfangen.“ Con­stanze besaß die besondere Gabe, den Kindern selbsterfundene Ge­schichten zu erzählen, die spannend, heiter oder auch sehr ernst sein konnten. Aber stets waren diese manchmal stundenlangen Geschichten aus dem Leben geschöpft und ohne den Kindern oft lästi­gen moralischen Zeigefinger.
Kurz bevor die große Familie mit vier Kindern in eine größere Wohnung im dritten Obergeschoß in der damaligen Zeitzer Straße 24 d (heute Karl-Liebknecht-Straße 49), umzog, wurde der bereits über 6 Jahre alte Martin zu Ostern 1876 eingeschult. Er besuchte zunächst die Erste Höhere Bürgerschule, die an der Kreuzung Schiller- und Universitätsstraße lag, dort wo sich heute der Studentenclub „Mo­ritzbastei“ befindet. In seinen Erinnerungen beklagt Martin Drucker die späte Einschulung, aber er beschreibt rückblickend insbesondere den außerordentlichen positiven Einfluss, den seine Lehrer auf die Schüler hatten. Besonders lobend erwähnt er den in der unmittelba­ren Nachbarschaft zu Druckers in der Braustraße wohnenden Schuldi­rektor Carl Traugott Reimer (1836-1915), der sich auch als Schulschriftsteller einen Namen gemacht hatte.
Ostern 1880 trat der junge Drucker dann in die Sexta der Thomas­schule ein, die gerade erst vom Thomaskirchhof in den Neubau in der Schreberstraße umgezogen war. Als Schüler dieser namhaften Pflege­stätte der humanistischen Bildung erhielt der begabte junge Martin Drucker neun Jahre lang, wie schon sein Vater, die Prägung, die sein gesamtes späteres Leben bestimmte.  Die Lehrer dieser altehr­würdigen Schule verstanden es, den hochbegabten Schüler zu fördern und legten die entscheidende Grundlage sowohl für seine spätere be­rufliche Laufbahn, als auch seine konsequent humanistisch-liberale Lebenshaltung.
Der damalige Rektor der Thomasschule war August Eckstein, welchen Drucker in seinen Erinnerungen als einen der berühmtesten Lateiner seiner Zeit bezeichnet. Selbstverständlich war der Lateinunterricht von Anbeginn Schwerpunkt der Ausbildung, aber auch Griechisch, Französisch, Deutsch und Geschichte wurden auf hohem Niveau ge­lehrt. Die Schüler konnten das umfangreiche und anspruchsvolle Pro­gramm oft nur in mehr als sechsstündiger Hausarbeit nach sieben­stündigem Schulunterricht bewältigen.
Noch auf dem Gymnasium zog Martin besondere Anerkennung aus den oben erwähnten Geschichten seiner Großmutter Constanze. Als im Deutschunterricht eine Erzählung niedergeschrieben werden sollte, welche die Schüler gehört oder gelesen hatten, entschied er sich für eine dieser Geschichten. Der Lehrer lobte den Aufsatz sehr und erkundigte sich natürlich nach der Quelle. Gerne nutzte Martin diese Gelegenheit, um seinem Deutschlehrer über Constanze Klein zu berichten, deren späterer Tod zu Pfingsten 1887 für alle sechs Drucker-Kinder ein schmerzlicher Verlust war.
Aber auch seinen Vater beschrieb Drucker in diesem Zusammenhang dankbar als „ein alle Zeit bereiter und sicherer Führer durch die Weltliteratur“ für seine ganze Familie, der geradezu unmerklich sein Verständnis und seinen Geschmack geschult habe. Die Vorliebe, seinen Kindern aus der bereits damals sehr umfangreichen privaten Bibliothek vorzulesen, sensibilisierte die Geschwister für die Feinheiten der deutschen Sprache, aber auch für rechten Humor und wörtlichen Witz. Der Vater vererbte auf diesem Wege ganz besonders an seinen ältesten Sohn Martin das heute leider nur noch sehr sel­ten anzutreffende Talent, das Publikum spontan durch geistreiche Bonmots zu erheitern.
Eine überlieferte Episode aus der Schulzeit belegt, wie konsequent bereits der Schüler Martin Drucker zu seinen Überzeugungen stand. Als für den traditionell anonym abzugebenden Aufsatz der Oberprima­ner an der Thomasschule das Thema „Die alten Griechen und der deut­sche Patriotismus“ vergeben wurde, wollte er sich dieser Zumutung zunächst entziehen. Doch der Rektor fing ihn noch auf dem Schulhof ab, und Martin schilderte ihm sein Dilemma mit dem vorgegebenen Thema. Der Rektor ermunterte ihn, genau das aufzuschreiben, was er wirklich fühle.  Erregt schrieb der junge Drucker daraufhin sofort in Reinschrift, dass sich für ihn der humanistische Geist der alten Griechen nicht mit dem spießigen deutschen Patriotismus in Verbin­dung bringen lasse. Es ist außerordentlich bemerkenswert und spricht für das hohe Niveau des Gymnasiums, dass Druckers Aufsatz mit dem 1. Preis ausgezeichnet wurde, obwohl er mit der suggestiv in der Themenformulierung gewünschten Aussage und der damals allge­mein herrschenden öffentlichen Meinung bestimmt nicht in Ein­klang zu bringen war. Diesen begehrten ersten Preis hatte übrigens auch bereits sein Vater erhalten, und im Jahr 1923 konnte ihn auch sein ältester Sohn Heinrich an der ehrwürdigen Thomasschule entge­gen nehmen.
Doch nicht Sprache und Literatur hatten den größten mentalen Einfluss auf die Kinder. Das war vielmehr die Musik. Martin Drucker sen. war Mitglied des sogenannten Beethoventisches, zu dem u. a. auch der damalige Direktor des Konservatoriums Karl Reinecke ge­hörte. Seine Frau Marie beeindruckte die Kinder immer wieder durch ihren Gesang und ihr Klavierspiel. Der Flügel im Hause Drucker, welcher von den Familienmitgliedern, aber auch von den zahlreichen musikliebenden Gästen häufig genutzt wurde, hatte Drucker sen. vom Musikverlag Breitkopf & Härtel gekauft. Es war der Flügel, auf dem bereits Fe­lix Mendelssohn Bartholdy gespielt hatte.
Der Vater übertrug seine Liebe und seine Musikalität auch auf sei­nen Sohn Martin. In seinen Erinnerungen schildert er, mit welcher Ernsthaftigkeit der Vater sich in seiner knappen freien Zeit im Geigenspiel übte und wie glücklich er war, dass seine Kinder die Be­reicherung durch die Musik wie er empfanden.

Der Student Martin Drucker

Der Vater ließ den heranwachsenden Sohn sehr früh Einblick in seine anwaltschaftliche Arbeit nehmen und besprach auch beson­ders interessante juristische Streitfragen mit ihm. Martin Drucker erlebte so sehr unmittelbar das praktizierte Berufsverständnis sei­nes Vaters, welches ihm zeitlebens Vorbild blieb, dem er nachzuei­fern suchte. Deshalb war es für die Familie keine Überraschung, dass der junge Martin Rechtswissenschaft studieren wollte.
Martin Drucker begann sein Studium im Wintersemester des Jahres 1889 zunächst an der Universität in München. Aus dieser Zeit sind die abenteuerlichen Bergwanderungen mit seinen Freunden, Georg Langerhans (1870-1918)  dem späteren Bürgermeister von Köpenick, der 1906 vom „Hauptmann von Köpenick“ verhaftet wurde; dem auf den Tag gleichaltrigen späteren Anwaltskollegen Karl Zöphel  (1869-1969) und dem späteren Rechtsanwalt am Oberlandesgericht Dresden Walther Rudolph (1869-1938), dem Studenten Drucker besonders in Erinne­rung geblieben. Ein solcher Wochenendausflug führte die vier Freunde sogar einmal bis zur Zugspitze.
Aber auch die Theaterbesuche in München, die für Studenten zu au­ßerordentlich niedrigen Preisen möglich waren, und natürlich der un­glaubliche Bierkonsum fanden in den Aufzeichnungen über die Münch­ner Studentenzeit Erwähnung.
In München wurde Martin Drucker erstmals mit studentischen Kreisen konfrontiert, die den Nährboden für den später im Holocaust enden­den deutschen Antisemitismus legten. Damals waren an vielen Univer­sitäten „Vereine Deutscher Studenten“ unter dem Einfluss des Berli­ner Hofpredigers Adolf Stoecker entstanden, die sehr bald ihre extrem na­tionalistische, militaristische und eben insbesondere antisemiti­sche Weltanschauung propagierten.
Drucker entwickelte naturgemäß eine tiefe Abneigung gegen diese Studentenverbindung. Er gelangte sehr bald zu der Überzeugung, dass eine Vereinigung geschaffen werden müsse, die Studenten mit libe­ral-humanistischen Grundauffassungen zusammenbringt, um den unheil­vollen Einfluss des „Vereins Deutscher Studenten“ an den Universitä­ten zurückzudrängen. So gründete Drucker im Sommersemester 1890 an der Leipziger Universität, wohin er zwischenzeitlich von München gewechselt war, mit gleichgesinnten Studenten die „Freie Wissen­schaftliche Vereinigung“, der sein Freund Georg Lan­gerhans und der zwei Jahre jüngere Karl Liebknecht, angehör­ten. Mit Karl Liebknecht war Martin Drucker bereits seit seiner Kindheit und bis zu dessen Ermordung trotz differierender politischer Überzeugungen freundschaftlich verbunden. Die Lieb­knechts wohnten in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Druckers in der Braustraße und Karl besuchte wie Martin die Thomasschule.
Die Mitgliedschaft Liebknechts in der von Martin Drucker begründe­ten Studentenvereinigung, aber auch verschiedentliche Vorträge po­litisch missliebiger Redner, führten dazu, dass dem Studenten Drucker Maßregeln der Universitätsleitung angedroht wurden. Hiervon ließ dieser sich jedoch nicht abschrecken, zumal er den Lehrkörper der Juristischen Fakultät mit seinen liberalen Anschauungen in der Mehrheit auf seiner Seite wusste. Die damalige Zusammensetzung der Juristenfakultät war nach der Überzeugung Druckers ein Garant da­für, dass einer Beschränkung der Meinungs- und Redefreiheit von die­ser Seite konsequent und energisch entgegengetreten würde.

Der Akademisch-Philosophische Verein an der Leipziger Universität
Martin Drucker besuchte gemeinsam mit Karl Liebknecht am 03.06.1890 erstmals den Akademisch-Philosophi­schen Verein (APhV), wozu ihn wahrscheinlich sein enger Freund Kurt Hezel veranlasst hatte, der zeitweise im APhV eine sehr aktive Rolle spielte. Bereits am 24.06.1890 wurde er als Mitglied aufgenommen und war später mehrfach im Vorstand des APhV vertreten. Auch Druckers Freund Langerhans war zeitweise aktives Mitglied des Vereins. Am 21.07.1891 sprach Drucker im APhV zu Hermann Lotze „Über Grundzüge der Ästhetik“ und am 17.11.1891 über Schopenhauers „Kritik der Kantischen Philosophie“. Am 21.01.1892 spricht Drucker erneut, diesmal über „Philosophie und Recht gegenüber dem Problem des ewigen Friedens“, der ihm Gelegenheit gab, öffentlich über seine pazifistische und kosmopolitische Lebenshaltung zu sprechen.
Für das Sommersemester war Drucker in der Sitzung vom 04.02.1892 zum Vorsitzenden gewählt worden. Dieses Amt legte er im Ergebnis einer heftigen Kontroverse zwischen Moritz Wirth und Paul Weisengrün am 16.06.1892 nach Verlesen einer schriftlichen Erklärung nieder.

Es war schon zuvor in den Sitzungen immer wieder zu Auseinandersetzungen, die einen antisemtischen Hindergrund hatten, gekommen. Treibende Kraft hierbei war Moritz Wirth, ein enger Freund des Professors für Astrophysik und aktiven Antisemiten Johann Karl Friedrich Zöllner. Wirth hatte sich im APhV als langjähriges aktives Mitglied unentbehrlich gemacht. Hierbei ging es auch immer wieder um die Frage, ob Juden überhaupt Mitglied des APhV werden sollen. Es gab jedoch mehrere jüdische Mitglieder. Um diesbezüglich Klarheit zu schaffen, beantragte Drucker in der Sitzung vom 14.07.1892 § 18 des Statuts wie folgt zu ändern:
„Ordentliches Mitglied kann jeder Studierende der Universität Leipzig ohne Unterschied der Nation und Religion werden.“
Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen. In der gleichen Sitzung hatte ein Vereinsmitglied beantragt, den abwesenden Moritz Wirth aus dem APhV auszuschließen, da dieser durch öffentliche Demonstrationen für den Berliner „Rector“ Ahlwardt den Verein compromitiert und seine Interessen verletzt habe. Die Beschlussfassung hierüber wird vertagt und Wirth soll zu den Vorwürfen Stellung nehmen. Nach Erledigung dieser Beschlussfassungen hielt Drucker einen Vortrag über den Philosophen Friedrich Albert Lange.
Der Ausschließungsantrag gegen Wirth wird in der folgenden Sitzung abgelehnt. Darauf erklärt auch Moritz Weisengrün seinen Austritt aus der APhV. In der Folgezeit wird § 18 des Statutes in der von Drucker eingebrachten Fassung immer wieder revidiert. Schießlich werden die Worte „ohne Unterschied der Nation und Religion“ ersatzlos gestrichen, was aber keine Änderung der bisherigen Aufnahmepraxis bedeuten soll. Zu diesere Zeit ist Drucker nicht mehr bei den Sitzungen des APhV anwesend. Sein förmlicher Austritt ist in den Protokollbüchern des APhV nicht vermerkt.

Jeder der zu Druckers Studienzeit an der Leipziger Juristenfakultät wirkenden Ordi­narien gehörte nach der herrschenden Überzeugung zu den Kory­phäen seines Rechtsgebietes. Eine solche hochrangige Besetzung ha­ben die Annalen der Juristenfakultät weder in den Jahrhunderten da­vor, jedoch noch weniger in der späteren Zeit aufzuweisen. So war Karl Binding (1841-1920), der führende Straf- und Staats­rechtler, hier zwischen 1873 und 1913 tätig. Auch die namhaf­ten Kirchenrechtler Emil Friedberg (1837-1910) und Rudolph Sohm (1841-1917) lehrten zur Studienzeit Martin Druckers an der Leipziger Universität. Der Pandektist Bernhard Windscheid (1817-1892) darf an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben.
Ebenso gehörte der bedeutendste Zivilprozeßler Adolf Wach (1843-1926), Schwiegersohn von Felix Mendelssohn Bartholdy, da­mals zu den Professoren der Leipziger Juristenfakultät.[8] Bei die­sem Aufgebot von hochrangigen Gelehrten kann es nicht verwundern, dass der Student Drucker von seinem ursprünglichen Plan, einige Se­mester an einer süddeutschen oder der Berliner Universität zu stu­dieren, Abstand nahm und sein Studium an der Leipziger Universität been­dete. Die Vorlesungen in Nationalökonomie und Finanzwissen­schaft, die Drucker bei Wilhelm Roscher, Lujo Brentano und August von Miaskowski besuchte, kamen ihm, im Verhältnis zu den Vorträgen der Juristen, erholsam wie „freie Kunst“ vor. Unter den jungen Lehrkräften an der Juri­stenfa­kultät befand sich bereits damals Richard Schmidt, der jedoch bald einem Ruf nach Freyburg folgte und erst 1913 als anerkannter Ge­lehrter wieder an die Universität seiner Vaterstadt zurückkehrte.
Martin Drucker erwähnt in seinen Erinnerungen in ausführlicher und dankbarer Weise einen weiteren jungen Lehrer, der zunächst unzwei­felhaft noch im Schatten des Ruhmes von Adolph Wach stehen musste: Friedrich Stein (1859-1923),[9] der auch jüdischer Herkunft war.[10] Anlässlich ei­nes der häufigen Kaffeebesuche des jungen Studen­ten Drucker im Hause Friedberg, die noch auf die gemeinsamen Tanz­stunden mit der Tochter Asta zurückgingen, erwähnte der ebenfalls anwesende Stein, dass er noch immer keinen Famulus für seine Kolle­gien gefunden habe. Dem spontanen Vorschlag Friedbergs, dass Martin Drucker diese Aufgabe übernehmen solle, konnte sich dieser natür­lich nicht entziehen. Damit war der Grundstein für ein langjähriges und fruchtbares Lehrer-Schüler-Verhältnis zwischen Stein und Druc­ker gelegt.
Bereits die erste angekündigte Vorlesung Friedrich Steins zum Prozessrecht, war so gut besucht, dass sich der Famulus Drucker um einen größeren Hörsaal bemühen musste. Nach diesem hinreißenden Vortrag war Stein als der glänzendste Redner der Leipziger Universität an­erkannt, wie Martin Drucker später schreibt. Steins Zivilprozeß­praktikum, in erlaubter Konkurrenz zu Wach, erwies sich als größter Erfolg. Zwischen dem Privatdozenten Stein und seinem Famulus Druc­ker entwickelte sich eine enge persönliche Beziehung. Stein, der zu dieser Zeit nicht weit von Druckers entfernt in der Grassistraße 17 wohnte, stellte dem Studenten seine bedeutende Bibliothek und sein gesamtes Fachwissen zur Verfügung. So war Drucker sehr bald seinen Kommilitonen auf dem Gebiet des Zivilprozesses weit überlegen.
Bedeutender war jedoch nach den Aufzeichnungen Martin Druckers die Tatsache, dass diese besonders intensive Ausbildung sich in seinem späteren Anwaltsberuf tagtäglich auszahlte. Als Referendar am Amtsgericht Marienberg brachte es Martin Drucker zu einer herzlichen und persönlichen Anerkennung des Justizmini­sters Rudolf Schurig, da er ein Urteil in einer Sache abgefasst hatte, in welcher es um eine besonders schwierige Frage des Beweis­rechts ging. Martin Drucker hatte diese Aufgabe mit der Hilfe einer Büchersendung seines gelehrten Meisters Stein aus Leipzig und un­terstützt von dessen prinzipiellen Hinweisen so großartig gelöst, dass dieses Urteil, welches auch in der Berufungsinstanz Bestand hatte, später als Aufgabe für Prüfungszwecke Verwendung fand.
An der alma mater lipsiensis legte Martin Drucker am 14. Januar 1893 die erste Staatsprüfung ab. Seine Doktorarbeit zum Thema „Die Konstruktion der Auslobung im justitianischen Recht in der Bedeu­tung für das heutige gemeine Recht“ wurde von Emil Friedberg als Doktorvater betreut. Am 28. März 1896 wurde diese Arbeit mit dem Prädikat „magna cum laude“ verteidigt.
Am 4. Juni 1896 absolvierte Martin Drucker schließlich auch die große Staatsprüfung an der Juristenfakultät der Leipziger Universi­tät mit Bravour. Bedauerlicherweise sind archivalische Quellen und weitergehende Informationen über die Studienzeit in Leipzig durch die Vernichtung des Archivs der Juristenfakultät mit der Zerstörung des Juridicums in der Leipziger Innenstadt im Dezember 1943 nicht mehr erhalten.
Insbesondere fehlt die Promotionsakte Martin Druckers. Nur das Ori­ginal seiner Promotionsurkunde konnte mit anderen wichtigen Doku­menten noch aus den Flam­men gerettet werden, bevor das Wohnhaus in der Schwägrichenstraße am 27. Februar 1945 durch einen Bombenan­griff zerstört wurde.

Margarethe Drucker Familienleben auf dem Land

Die Spielgefährten aus Kindheits- und Jugendtagen rekrutierten sich naturgemäß aus der unmittelbaren Nachbarschaft. In der Braustraße wohnten nicht nur die Liebknechts, sondern auch die Familie des Leipziger Richters Ernst Mannsfeld (1830-1892). Die Mannsfeld stammten aus Bockau im Erzgebirge. Seine Frau Ottilie geborene Hänel (1842-1918) war eine Nichte des Rechtshistorikers Gustav Friedrich Hänel. Die weit verzweigte Familie Hänel lässt sich zurückverfolgen bis zu  dem 1520 in Komotau/Böhmen geborenen Joachim Hähnel. Sein gleichnamiger Sohn (1550-1609) verzog von dort nach Mittweida im Erzgebirge, wo er Erbrichter wurde.
Zwischen der Tochter Margarethe und Druckers jüngerer Schwester Betty entwickelte sich eine intensive Mädchenfreundschaft, die auch nicht endete, als die Mannsfelds nach dem frühen Tod des Vaters etwa 1890 in die Nähe von Dresden nach Kötschenbroda verzogen. Mar­garethe Mannsfeld war am 1. Juni 1873 in Leipzig geboren und also zwei Jahre älter als Betty. Vermutlich waren in die Freundschaft der beiden Mädchen auch die anderen Geschwister mehr oder weniger einbezogen. Da das Verhältnis zwischen Martin und Betty immer ganz besonders herzlich war, lernte er so sicher auch bereits zu dieser Zeit deren Freundin Margarethe kennen. Weil die persönlichen Erin­nerungen Martin Druckers bei seiner Studienzeit abbrechen, gibt es hierzu von ihm selbst keine genaueren Überlieferungen.
Tatsache ist, dass am 20. September 1896 die Schwester Betty Carl Mannsfeld, den Bruder ihrer Freundin Margarethe, heiratete. Zwei Jahre später am 22. November 1898 heiratete Martin Drucker in Köt­schenbroda Margarethe Mannsfeld, die Freundin seiner Schwester Betty. So kam es zu einer „doppelten Verschwägerung“ der Familien Drucker und Mannsfeld, über deren Folgen noch zu berichten sein wird.
Mit dieser Heirat wurde eine über 40jährige Partnerschaft begrün­det, die zu Recht als harmonisch und glücklich bezeichnet werden kann, obwohl oder gerade weil der Charakter und die Mentalität der Eheleute unterschiedlich war. Margarethe war eine sensible Ro­mantikerin, die versuchte, unter den Bedingungen der damaligen Zeit auch als Hausfrau und Mutter ihren eigenständigen Weg zu gehen. Die Möglichkeiten für die kreative und phantasievolle Frau waren aller­dings beschränkt.
Für die Haushaltsführung war sie natürlich wie alle Mädchen ihres Standes ausgebildet. Sie erfüllte diese Aufgabe von Anbeginn an mit Gewissenhaftigkeit, wie ihre erhalten gebliebenen Haushaltsbücher aus den Jahren um die Jahrhundertwende eindrucksvoll belegen. Die tagtägliche Abrechnung sämtlicher Ausgaben entsprach wohl nicht dem Wesen der jungen Frau, die zeichnerisches Talent besaß und mit ih­rem Mann die Liebe zur Musik und zur Literatur teilte. Die älteste 1903 geborene Tochter Martina beschrieb sie in ihrer Erinnerung als sehr strenge Mutter, die energisch die Erledigung der Hausaufgaben überwachte.
Ihr Rollenverständnis als Mutter muss sich in den Jahren sehr gewan­delt haben, denn die 1917als viertes Kind geborene jüngste Tochter Renate kann sich nicht erinnern, von ihrer Mutter jemals für schlechte oder gute Noten bestraft oder besonders belobigt worden zu sein. Nach dem Vorbild der drei älteren Geschwister gehörte es einfach zur Selbstverständlichkeit, zumindest Zweitbeste der Klasse zu sein. Nur ein einziges Mal trat Margarethe ihrer Tochter Renate zur Seite, als diese an der Aufgabe, ein Schaf zu zeichnen, ver­zweifelte. Die Mutter zeichnete kurzerhand ein wunderschönes Schaf und versah diese Zeichnung mit der Anmerkung ihrer Urheberschaft und dem Hin­weis, dass sie damit der unsäglichen Qual ihrer Tochter ein Ende ma­chen wollte. Margarethe Drucker konnte ihre persönliche Erfüllung auf Dauer nicht nur als sorgende Hausfrau und Mutter fin­den und versuchte deshalb, sich eigene kreative Freiräume zu schaf­fen.
Nach der Erinnerung der Tochter Renate hatte der Romanist Wilhelm Friedmann, der Anfang der 20er Jahre, nachdem die Großmutter Otti­lie Mannsfeld gestorben war, bei Druckers in der Schwägrichenstraße 5 zur Untermiete wohnte, großen Einfluss auf ihre Mutter. Der mit den größten deutschsprachigen Literaten dieser Zeit, insbesondere mit Stefan Zweig, befreundete Friedmann, brachte mit seinem typi­schen Wiener Charme und seinem einnehmenden Wesen die ganze Familie Drucker auf seine Seite.
Im Kreis der zahllosen, ständig im Hause ein und aus gehenden wech­selnden Freunde ihrer heranwachsenden vier Kinder fand Margarethe Drucker ihre wahre Erfüllung. Sie besaß eine nur schwer zu be­schreibende Ausstrahlung, der man sich nicht entziehen konnte. So lange sie im Raum war, war sie stets der Mittelpunkt der Gesell­schaft. Sie vermochte die jugendlichen Freundinnen und Freunde ih­rer Kinder gleichermaßen mit ihrem offenen und natürlichen Charme, ihrem außergewöhnlichen Intellekt und ihrer manchmal überbordenden Phantasie zu faszinieren. Wenn sich Martin Drucker bei diesen Zu­sammenkünften auch nur selten sehen ließ, wurde bei diesen Gelegen­heiten offenbar, welche außergewöhnliche Ausstrahlung auch er auf die zahlreichen gleichgesinnten Freunde seiner Kinder hatte. Nur wenige Worte oder Gesten genügten oft, um den Freunden zu zeigen, welches väterliche Interesse der berühmte Anwalt an ihrer Entwick­lung hatte.
Aus erhalten gebliebenen Briefen aus der Zeit nach 1945 geht her­vor, dass einige dieser Verbindungen auch nicht abrissen, als die beiden Söhne dem barbarischen Krieg zum Opfer gefallen waren. Be­gierig suchten diese Freunde den Rat ihres großen Vorbildes. Es wurde für sie offenkundig sehr bedeutungsvoll, dass ihr Verhalten und ihre berufliche Entwicklung, gerade auch während der Zeit des Nationalsozialismus, die Zustimmung Martin Druckers fanden.
Förmliche gesellschaftliche Zusammenkünfte waren bei Margarethe Drucker außerordentlich unbeliebt, und sie versuchte immer wieder, sich solchen lästigen Verpflichtungen zu entziehen. Aber in diesem Punkt hatte sie wenn auch weniger extrem wieder eine Gemeinsam­keit mit ihrem Mann, der solche Dinge ebenfalls nicht besonders mochte.
Da Margarethe Drucker nicht nur die Leidenschaft zu reiten mit ih­rem Mann teilte, sondern auch Hunde liebte, spielten diese Tiere über viele Jahre im Familienleben eine dominierende Rolle. Zur Zeit als Friedmann in der Schwägrichenstraße wohnte, kamen zwei reinras­sige schwarzhaarige Glatthaardackel namens Tristan und Waldi ins Haus. Tristan starb sehr früh, aber die Dackeldame Waldi trauerte und lachte über viele Jahre mit der ganzen Familie. Nachdem der Schmerz über den Tod Waldis verwunden war, wurde im Frühsommer 1932 eine etwa ein Jahr alte Tigerdogge angeschafft, die den stolzen Na­men Nestor vom Eichberg führte. Dieser Hund wuchs natürlich enorm und musste tagtäglich mindestens sieben Stunden bewegt werden. Das führte dazu, dass die gesamte Familie, einschließlich des Herrn Ju­stizrat, in die Betreuung dieses Familienmitgliedes eingebunden wurde. Nestor musste nach Kriegsbeginn Ende 1939 einge­schläfert wer­den, um ihm ein langes, qualvolles Ende zu ersparen.
Margarethe Drucker liebte die Natur. Lange Spaziergänge durch die Wälder, auch bei scheußlichem Wetter, bereiteten ihr großes Vergnü­gen. Ihr geradezu schlafwandlerisches Orientierungsvermögen wurde bei diesen Gelegenheiten von ihrem Mann, der sich kaum irgendwo zu­rechtfand, sehr bewundert. So war es verständlich, dass die Familie regelmäßig Urlaubsziele wählte, die Berge und Wasser ver­einten.
Als sich 1913 die Gelegenheit bot, in Niedergräfenhain ein leer stehendes ehemaliges Pfarrhaus als Wochenenddomizil zu nutzen, war sie es, die dafür sorgte, dass dieses Haus auf dem Lande gerade wäh­rend des Ersten Weltkrieges zum Ruhepol für die gesamte Familie wurde. Die Tochter Renate Drucker erinnert sich noch heute gern an die als Kind dort verbrachten glücklichen Tage, die viel mehr Gelegenheit für ausgelassenes Spielen boten als die Leipziger Schwägrichen­straße. 1923 benötigte die Gemeinde das für ein Wochenenddomizil doch recht große Haus, um Arbeiter unterzubringen, weshalb der Pachtvertrag beendet werden musste. Der von Margarethe Drucker lie­bevoll gepflegte große Obstgarten verfiel sehr bald, und auch jetzt noch steht das Haus verfallen unmittelbar neben dem Dorffriedhof.
Die für Martin Drucker so wichtige Möglichkeit, in der kurzen freien Zeit mit der Familie aufs Land zu flüchten, ergab sich dann erst wieder Ende 1932. Als Wilhelm Ostwald im April 1932 starb, standen in Großbothen die von ihm in idyllischer waldreicher Lage für seine Kinder errichteten Häuser teilweise leer. Andererseits besaß die Witwe Ostwalds nicht die finanziellen Mittel, um die Häu­ser zu erhalten. Deshalb wurde von Martin Drucker nach dem Tod Ost­walds im April 1932 das Haus „Glück auf!“ durch Vermittlung des Bruders Prof. Carl Drucker, der Assistent bei Wilhelm Ostwald gewe­sen war, von dessen Erben angemietet. Dieses Haus auf dem Land mit seinen insgesamt 16 Schlafplätzen erwies sich in den folgenden fin­steren Jahren für die Familie und den außerordentlich umfangreichen Freundeskreis der Kinder als besonderer Glücksfall.
Während Martin Drucker gemeinsam mit Fritz Grübel über Monate in höchster Anspannung in Berlin in dem Aufsehen erregenden Strafprozess gegen Nikodem Caro  als Vertreter der Nebenkläger Ignaz Petschek und dessen Sohn Ernst (1887-1956) auftrat, widmete sich Margarethe Drucker mit viel Liebe für jedes Detail und unter strenger Beachtung der be­schränkten zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel der Einrichtung des neuen Wochenenddomizils. Sie schuf für die Familie eine ländli­che Idylle, einen Hort der Ruhe und Entspannung. Hier zogen die Druckers am Heiligen Abend 1932 ein.
Margarethe Drucker war ihrem Mann eine ebenbürtige Partnerin in ei­nem Sinne, wie es damals noch nicht üblich war. Sie verfolgte die Arbeit ihrer Mannes mit großem Interesse, wie Briefe aus der Zeit des Caro-Petschek-Prozesses noch heute belegen. Sie litt unsäglich, vielleicht sogar mehr als Drucker selbst, an den Verfolgungen, Dif­famierungen und Repressalien, denen der Leipziger Rechtsanwalt nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt war. Diese ständigen Angriffe auf ihren Mann und insbesondere die bru­tale Gewalt gegen die Leipziger Juden, die sie in der berüchtigten Pogromnacht im November 1938 entsetzt miterleben musste, haben ihr Leben entscheidend verkürzt. Margarethe Drucker, schon seit längerer Zeit herzkrank, starb erst 65jährig am 21. Januar 1939. Sie fand ihre letzte Ruhestätte, ihrem Wunsch gemäß mit einem ein­fachen Holzkreuz versehen, auf dem LeipzigerNeuen Johannisfriedhof.
Mit dem Tod seiner Frau ging für Martin Drucker ein weiterer, ent­scheidender Lebensabschnitt zu Ende. Margarethe fehlte ihm gerade in der nun folgenden dunklen Zeit, die noch so viel von ihm abver­langte. Aber auch die zahlreich auf dem Friedhof erschienenen Freunde und Freundinnen ihrer Kinder hatten Tränen in den Augen, als sie Abschied von dieser im wahrsten Sinne des Wortes besonderen Frau nehmen mussten.

Der Rechtsanwalt Martin Drucker (1898-1933)

Bereits am 17. Juni 1898 wurde Martin Drucker jun. als Rechtsanwalt vereidigt. Er konnte seine Tätigkeit in der weit über die Stadt­grenzen hinaus bekannten Kanzlei seines Vaters, welche sich zu die­sem Zeitpunkt wahrscheinlich noch in dem nicht mehr existenten Haus Neumarkt 29 befand, aufnehmen. Erst etwa um die Jahrhundertwende bezog die Anwaltskanzlei ihren Sitz in der Ritterstraße 1-3.
Die Tätigkeitsschwerpunkte des jungen Anwaltes waren natürlich durch das Profil der anwaltschaftlichen Arbeit des Vaters vorge­prägt. Hierzu gehörte zunächst insbesondere das damals noch relativ neue Internationale Markenrecht mit allen angrenzenden Rechtsgebie­ten. Oberjustizrat Drucker sen. hatte sich diesem Rechtsgebiet be­reits kurz nach seiner Rückkehr aus Düsseldorf im Jahr 1875 inten­siv zugewandt, denn im Jahr zuvor hatte Deutschland ein Marken­schutzgesetz in Kraft gesetzt, welches erstmals nicht nur inner­deutsche, sondern auch ausländische Marken vor Missbrauch schützte. Jetzt konnten demzufolge auch Ausländer in Deutschland ihre Marken wirksam schützen. Voraussetzung hierfür war, dass sie ihre Marke beim Handelsgericht in Leipzig registrieren ließen und einen inlän­dischen Bevollmächtigten zu ihrer Vertretung bestellten. Das Be­dürfnis vieler ausländischer Anmelder, mit ihrem deutschen Bevoll­mächtigten in ihrer eigenen Landessprache zu korrespondieren, führte dazu, dass sich viele von ihnen an den außerordentlich sprachbegabten Martin Drucker sen. wandten und ihn um ihre Vertre­tung in diesen Sachen baten. Ausländische Ratsuchende fragten oft­mals auch bei ihren Konsulaten in Leipzig an und wurden dann an Martin Drucker sen. verwiesen. So waren bereits Anfang 1875 zahl­reiche Anfragen in der Drucker’schen Kanzlei eingegangen. Die über­wiegende Mehrheit dieser Anträge kam von französischen Anmeldern. Das war offenkundig nicht nur darauf zurückzuführen, dass Oberju­stizrat Drucker sen. die französische Sprache in Wort und Schrift perfekt beherrschte. Eine wesentliche Ursache lag vermutlich darin, dass der Leipziger Anwalt mit dem damaligen Leipziger Generalkonsul Frankreichs, dem namhaften Gelehrten Louis Tolhausen, wegen über­einstimmender literarischer Interessen in einem langjährigen freundschaftlichen Kontakt stand. Aber auch englische Firmen, z.B. aus der Sheffielder Stahlindustrie, und italienische Anmelder ge­hörten bald zur ständigen Klientel der Kanzlei Drucker. In seinen Erinnerungen schreibt Drucker jun., dass sein Vater mit mehreren hun­derten von Anmeldern in deren Landessprache korrespondierte, ohne jemals einen Dolmetscher zur Hilfe nehmen zu müssen. Natürlich wur­den diese Briefe damals noch per Hand gefertigt, was Drucker sen. mit seiner schönen und schwungvollen Handschrift unnachahmlich tat. Naturgemäß wagten sich nur wenige Anwälte zu dieser Zeit an die vollkommen neuartige Rechtsmaterie, denn auch die hierüber zur Ver­fügung stehende Literatur war anfänglich sehr beschränkt. Das ge­rade erst im Entstehen begriffene Markenrecht ge­hörte auch noch nicht zum Lese- und Lehrstoff an den Universitäten. So wurde Druc­ker sen. sehr schnell zu einem anerkannten Speziali­sten des deut­schen Markenrechts, denn zwangsläufig wurde er in spä­ter zum Schutz der angemeldeten Marken notwendig werdenden Prozes­sen ebenfalls mit der anwaltschaftlichen Vertretung beauftragt.
Martin Drucker jun. berichtet in seinen Erinnerungen von einigen damals sehr wichtigen Prozessen zum Schutz eingetragener ausländi­scher Marken und Patente. Besonders eindrucksvoll schildert er den langwierigen Kampf um die Abwehr einer Patentverletzung zu einem damals erfundenen Verfahren zur künstlichen Herstellung von Mo­schus, in welchem Drucker sen. ein Paradebeispiel für sein scharf­sinniges und logisches Denkvermögen gab, auch dann, wenn es um die Beurteilung komplizierter naturwissenschaftliche Prozesse ging.
Die Privatbibliothek erinnerte Drucker jun. bis zu ihrer Vernich­tung 1945 immer wieder daran, dass sein Vater einen damals viel be­achteten Prozess wegen des Missbrauches des Nachdruckgesetzes in der Berufungsinstanz gewonnen hatte. Ein Dresdner Verleger hatte das Recht zur Herausgabe von sogenannten „Schulausgaben“ dazu missbraucht, um lediglich gekürzte Abdrucke damals viel gelesener fran­zösischer Romane zu veröffentlichen. Das Landgericht hatte die von Drucker sen. vertretene Klage mehrerer bedeutender Pariser Verleger gegen diesen Missbrauch abgewiesen. Dieses Urteil wurde durch das Oberlandesgericht aufgehoben und die Originalausgaben, die zu den Akten gereicht worden waren, gelangten dann als Geschenk der Man­danten in die Drucker’sche Privatbibliothek. Der junge Anwalt Martin Drucker war bereits aus seiner Referendarzeit mit der damals schon sehr ansehnlichen Spezialbibliothek des Vaters bestens vertraut und stand diesem sehr bald an Fachkompetenz auf dem Gebiet des Marken­rechts nicht nach.
So ist auch erklärlich, dass heute nicht mehr mit Bestimmtheit fest­gestellt werden kann, ob Drucker sen. oder jun. der Verfasser zweier rechtsvergleichender Aufsätze zum spanischen und zum portu­giesischen Markenrecht im Jahr 1912/1913 war.[11] Keinesfalls be­schränkte sich Martin Drucker jun. in seiner anwaltschaftlichen Tä­tigkeit jedoch auf dieses Rechtsgebiet. Martin Drucker war insbe­sondere als ein viel beschäftigter und erfolgreicher Strafverteidi­ger berühmt und anerkannt. Naturgemäß ist wegen der bereits damals üblichen Resonanz in der Presse diese Arbeit des Leipziger Anwalts heute noch am besten nachzuzeichnen. Es muss der Versuchung begegnet werden, eine Übergewichtung des strafrechtlichen Engagements Druc­kers vorzunehmen, denn er war im Unterschied zu anderen in dieser Zeit tätigen Kollegen, insbesondere des sicher namhaftesten Berli­ner Strafverteidigers Prof. Dr. Max Alsberg, keinesfalls so aus­schließlich auf diese Rechtsmaterie fixiert. Aber trotzdem soll an dieser Stelle auf einige bedeutende von ihm vertretene Strafsachen eingegangen werden. Entscheidenden Einfluss auf den Ruf Martin Druc­kers als exzellenter Strafverteidiger hatte sicher die erfolgreiche Vertretung der Hauptangeklagten im Zusammenhang mit dem Zusammen­bruch der Leipziger Bank im Jahr 1902. Den Angeklagten war betrüge­rischer Bankrott vorgeworfen worden. Die damalige Resonanz in der Presse lässt sich wohl am ehesten mit den aktuellen Vorgängen um Dr. Jürgen Schneider verglei­chen.
Die außerordentlich verwickelten Hintergründe des Bankencrashs wa­ren aber hier offensichtlich so, dass der Zusammenbruch von Berliner Großbanken zielgerichtet provoziert worden war. Wie Dr. Fred Gru­bel, späterer enger Mitarbeiter von Justizrat Drucker und heute als Präsident der Ephraim Carlebach Stiftung in New York lebend, sehr zutreffend feststellte, kam dem Leipziger Anwalt in dieser Sache damals nicht nur die exzellente Beherrschung des Strafprozesses zu­gute, sondern insbesondere seine Fähigkeit zur „scharfsinnigen Ana­lyse komplizierter Wirtschaftsvorgänge und bis dahin kaum erprobter Gesetzesvorschriften.“[12] Der damals 33jährige Rechtsanwalt erreichte durch sein Engagement einen Freispruch der Hauptangeklagten von dem Vorwurf des betrügerischen Bankrotts.
Kennzeichnend und besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammen­hang, dass Martin Drucker von dem ersten nennenswerten Honorar, wel­ches er aus diesem Prozess verdiente, für seine Frau einen Bech­stein-Flügel kaufte. Dieser stand dann viele Jahre im Zentrum des offenen musikalisch-literarischen Familienlebens in der Schwägri­chenstraße. Er konnte sogar trotz Lebensgefahr und mit gemeinsamer Anstrengung von Freunden und Bekannten im Februar 1945 in letzter Minute aus den Flammen gerettet werden.
Im Jahr 1914 zog sich Martin Drucker den Unwillen der Regierung zu, weil er in der Presse nachwies, dass der an den Litfaßsäulen ange­schlagene Einberufungsbefehl gesetzwidrig war.
Zu seinen heute noch bekannten Mandanten gehörte gegen Ende des Er­sten Weltkrieges der gerade 17jährige Bruno Apitz, der spä­tere Autor des Buchenwald-Romans „Nackt unter Wölfen“. Apitz wurde vor dem Reichsgericht mit weiteren Angeklagten vorgeworfen, in Leipzig durch Flugblätter und Reden zum Massenstreik aufgerufen zu haben, um die Aufnahme von Friedensverhandlungen zu erzwingen. Aber auch Rosa Luxemburg verteidigte Martin Drucker etwa um 1917 auf persönliche Empfehlung ihrer langjährigen Freundin und Berate­rin Mathilde Jacob in einem Prozess wegen Beleidigung eines Krimi­nalbeamten vor dem Reichsgericht.[13]

Ein heute nur noch wenig ver­ständlicher „Gesellschaftsskandal“ beschäftigte die Kanzlei Drucker im Jahr 1932 besonders intensiv. Auch die Presse, insbesondere die Berliner Tageszeitungen, berichteten über den über mehrere Monate laufenden Prozess hauptsächlich aus zwei Gründen: Einerseits standen sich hier leider jüdische, wie Fred Grubel in seinen Erinnerun­gen[14] schreibt Personen des öffentlichen gegenüber, andererseits wurden deren Interessen durch zwei der namhaftesten und profilier­testen Anwälte dieser Zeit vertreten, nämlich Prof. Max Alsberg und Justizrat Martin Drucker.
Der Chemiker Nicodem Caro (1871-1935), der gemeinsam mit Adolf Frank das Verfahren zur Erzeugung von Kalkstickstoff aus Luft, das sogenannte Frank-Caro-Verfahren, entwickelt hatte, wurde in diesem Verfahren von dem un­bestritten namhaftesten Strafverteidiger Als­berg, von Rudolf Dix, dem Nachfolger Martin Druckers im Amt des Präsidenten des DAV, und dem früheren preußischen Justizminister Heine vertreten.
Justizrat Drucker vertrat in diesem Verfahren den früheren Schwie­gersohn Caros, Ernst Petschek. Dessen Vater Ignatz Petschek ge­hörte zu den größ­ten tschechischen Braunkohlenhändlern und hatte auch wesentlichen Einfluss auf die mitteldeutsche Braunkohlenwirt­schaft.
Zur Vorgeschichte des Verfahrens gehört, dass Caro nach der erfolg­ten Ehescheidung seiner Tochter von seinem früheren Schwiegersohn eine Mitgift von 300000 Mark zurückforderte. Nachdem Petschek be­hauptet hatte, dass er sich an eine solche Zahlung nicht erinnern könne, sagte Caro, dass er sogar eine Quittung hierüber besäße. Pet­schek hat dann versucht, diese ominöse Quittung im Wege einer einstweiligen Verfügung sicherstellen zu lassen. Als der Gerichts­vollzieher im Hause Caro erschien, behauptete dieser, die Quittung soeben in der Toilette weggespült zu haben. Die wegen der Behaup­tungen Caros in ihrer Ehre verletzten Petscheks erstatteten nun Strafanzeige wegen Urkundenfälschung.
Caros Kontakte zu höchsten Regierungsstellen führten jedoch offen­bar dazu, dass die gebotene Klageerhebung seitens der Staatsanwalt­schaft rechtswidrig verweigert wurde. Petschek erhob daraufhin beim Berliner Kammergericht Klage mit dem Ziel, die Staatsanwaltschaft anzuweisen, Anklage gegen Caro wegen Urkundenfälschung zu erheben. Die Angelegenheit erregte immer mehr öffentliches Aufsehen. Die auf höchstem Niveau geführten Auseinandersetzungen zwischen Alsberg und Drucker waren Berliner Tagesgespräch. Es standen sich zwei Juristen gegenüber, die in ihrer Wesensart un­terschiedlicher kaum sein konnten, die jedoch ihre wechselseitige kollegiale Hochachtung wiederum verband.[15] Der jüdische Rechtsan­walt Max Alsberg liebte, ganz im Gegensatz zu Drucker, den großen drama­tischen Auftritt. Er genoss es, bei diesem, wie auch bei ande­ren großen Strafprozessen, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Die unmittelbar nach der Machtergreifung gegen ihn einsetzenden un­säg­lichen Angriffe trafen ihn daher bis ins Innerste. Der berühmte­ste deutsche Strafverteidiger setzte am 11. September 1933 in der Schweiz seinem Leben ein Ende.
Gemeinsam mit Max Alsberg war Martin Drucker im März 1931 im Zusam­menhang mit dem Familieneklat, der das berühmte Haus Ullstein da­mals erschütterte, erfolgreich tätig gewesen. Als Franz Ullstein zum Missfallen seiner Familie Rosi Gräfenberg heiratete, setzte eine üble Verleumdungskampagne ein. In deren Zentrum stand die mit gefälschtem Material untermauerte Behauptung, dass Rosi Ullstein für Frankreich spioniert habe. Zu dieser Zeit war kaum ein Vorwurf denkbar, der eine Person des öffentlichen Lebens in Deutschland härter treffen konnte. In den daraufhin einsetzenden wechselseiti­gen Klagen vertraten die Rechtsanwälte Drucker, Alsberg und Dix die Beklagten Franz Ullstein und den Schriftsteller Josef Bornstein in einer Privatbeleidigungsklage, die der frühere Chefredakteur der „Vossischen Zeitung“, Professor Georg Bernhard, gegen diese ange­strengt hatte.
Auch über das Engagement des Leipziger Rechtsanwalts in der zeitge­schichtlich und politisch interessanten Sache des Staatsanwaltes Frieders liegt eine umfassende Darstellung vor.[16]
Die Vertretung des Präsidenten der Sächsischen Landesversicherungs­anstalt Tempel durch Justizrat Drucker in einem Ende 1930 durchge­führten Disziplinarverfahren verdient schon insoweit eine geson­derte Erwähnung, weil bereits damals die nationalsozialistische Presse diese Verfahren nutzte, um den „jüdischen“ Anwalt in unflä­tigster Weise zu diffamieren.[17]
Alle bekannten antisemitischen Vorurteile wurden hier wiederholt: die krampfhafte Verdrehung der klaren gesetzlichen Bestimmungen durch den jüdischen Verteidiger und das angeblich horrende Honorar, welches der Justizrat für seine „Bemühungen“ erhalten soll. Beson­ders ausfällig wurde der mit „Mephisto“ (!) zeichnende Autor, wegen der Tatsache, dass Justizrat Drucker doppelt verschwägert sei mit dem sächsischen Justizminister Dr. Mannsfeld. Diese Verwandt­schaftsverhältnisse haben auch später immer wieder den ganz beson­deren Zorn der Nationalsozialisten erregt. Der in der Anwaltschaft hoch angesehene Leipziger Rechtsanwalt war es, wie dieses Beispiel besonders krass zeigt, bereits vor 1933 ge­wöhnt, antisemitischen Angriffen ausgesetzt zu sein.
Auch auf dem Gebiet des Strafprozesses beließ es Martin Drucker nicht bei der reinen Anwaltstätigkeit, sondern meldete sich wiederholt in der einschlägigen Fachpresse zu Wort. Als im Jahr 1909 die Universität und die Stadt Leipzig des 500. Jahrestages der Gründung der alma mater lipsiensis gedachte, legte die Juristische Gesellschaft Leipzig eine Festschrift[18] vor. Neben namhaften Juristen wie Adelbert Düringer und Johannes Mittel­staedt hat sich auch Martin Drucker mit dem Aufsatz „Die Verteidi­gung nach dem Entwurfe der Strafprozessordnung“ an dieser Publika­tion beteiligt. Im September 1908 war der Entwurf der neuen Strafprozessordnung amt­lich bekannt gemacht worden. Es ist ein wahrer Genuss noch heute zu lesen, mit wieviel humorvoller Ironie sich Drucker hier mit der weitgehenden Rechtlosigkeit des neu eingeführten „Verdächtigen“ ganz im Unterschied zum „Beschuldigten“! auseinandersetzt. Leider ist der sachliche Hintergrund heute mit dem Ruf nach Straf­rechtsvereinfachung, die wiederum im wesentlichen Verkürzung der Rechte des Angeklagten bedeutet, beklemmend aktuell.
Gegen eine Vorverurteilung des Beschuldigten und gegen die Be­schneidung von prozessualen Rechten der Verteidigung wandte sich der Leipziger Rechtsanwalt vehement nicht nur in diesem Aufsatz, sondern auch später immer wieder in anderen Veröffentlichungen, insbesondere natürlich in der Juristischen Wochenschrift.[19] Die ju­ristische Kompetenz Martin Druckers erschöpfte sich jedoch keines­falls im Marken- und Strafrecht. Zentraler Schwerpunkt der Anwalts­kanzlei, zu der seit März 1919 neben Dr. Kurt Eckstein auch der jü­dische Rechtsanwalt Dr. Erich Cerf gehörte, waren vielmehr wirt­schaftsrechtliche Fragen und Probleme in umfassendstem Sinne.
Justizrat Drucker wurde wegen seines anerkannten Sachverstandes be­reits sehr früh in verschiedene Vorstände und Aufsichtsräte von Leipziger Unternehmen berufen. Hierzu gehörten auch ein führender Konzern der Kosmetikbranche, die Spe­di­tion Eitner, und natürlich mehrere Rauchwarenfirmen. Hier muss das Engagement Druckers für die Chaim Eitingon AG und deren Tochtergesellschaft, die Kurt Wachtel AG, besonders genannt werden. Aber auch für das renommierte Unter­nehmen Harmelin war der Leipziger Anwalt über viele Jahre bera­tend tätig.
Neben seinem herausragendem juristischen Scharfsinn ver­fügte Martin Drucker, wie sein Vater, über mu­si­sche und ausgeprägte sprachliche Begabung. So bril­lierte er zur Überraschung seiner Zu­hörer des Öfteren in sponta­ner freier Rede in lateinischer und griechischer Sprache.
Im Jahr 1919 wurde Justizrat Drucker schließlich auch das Notariat verliehen. Die notarielle Tätigkeit bedeu­tete na­türlich auch damals bereits, insbesondere nach dem Tod des Vaters, eine bessere finan­zielle Absicherung der Kanzlei Drucker, Eckstein, Cerf.
In einer geradezu euphorischen Lobpreisung hob der jüdische Kollege Hans Bachwitz (1882-1927) im Leipziger Tageblatt vom 01. Februar 1925 hervor, dass Justizrat Drucker als treff­licher Kenner des englischen und des französischen Rechts gel­te. Er sei aber ebenso „ein heiterer Gesellschafter und liebens­würdiger Intellekt, dessen Witz stadtbekannt ist. Man könnte ihn für einen Schriftsteller von Rang hal­ten, für einen ironi­schen Phi­losophen voll Güte und Menschen­kenntnis.“

Der Deutsche Anwaltverein

Bereits für Martin Drucker sen. gehörte es zur Selbst­ver­ständ­lich­keit, sich über die eigenen beruflichen In­teres­sen hinaus auch für die gemeinsamen Belange der An­walt­schaft zu engagie­ren. Als am 11. Juli 1879 im soge­nannten Grünen Saal des Bonorand­schen Etablisse­ments im Rosental der Leipziger Anwaltverein (LAV) gegründet wurde, gehörte Martin Drucker sen. zu den anwe­senden 36 Gründungs­mitglie­dern. Er besaß das Vertrauen vieler sei­ner Leipziger Kol­le­gen und ge­hörte bereits dem ersten Vorstand des LAV als or­dentli­ches Mitglied an. In diesem Amt wurde er bis 1891 immer wie­der bestätigt. In der Zeit von 1906 bis 1909 gehörte dann der Sohn Martin Drucker jun. dem Vor­stand des LAV an. 50 Jahre nach der Vereinsgründung wurde in der aus die­sem Anlass er­schienenen Festschrift[20] hervorgehoben, dass der Vor­stand des LAV be­sonders stolz darauf ist, dass die beiden Druckers in so intensiver Weise an dessen Ent­wicklung be­teiligt waren. Wörtlich heißt es dann: „Mit ganz besonderer Genugtuung erfüllt es den Leipziger An­waltverein, … dass es unse­rem Verein ver­gönnt war, dem deut­schen Anwaltstande in Justiz­rat Dr. Drucker den opferwilli­gen und erfahrenen Führer von durchdringendem Verstande und nie er­müdendem Sinn für die Ideale unseres Beru­fes zu präsentieren.“
Acht Jahre vor der Gründung des LAV hatte sich im Jahr 1871 im Haus der Koncordia in Bamberg der Deutsche Anwaltverein (DAV) ge­gründet, welcher bis 1932 seinen Sitz in Leipzig hatte. In dem Maße, in dem sich die materielle Lage vieler deut­scher An­wälte verschlechterte, wurde der Ruf laut, dass der DAV sich stärker für die Interessen der Anwalt­schaft ein­setzen möge. Einen gewissen Höhepunkt erreichten diese Debatten auf dem An­waltstag in Mannheim im Jahr 1907. Zu dieser Zeit sollte die Zu­ständigkeit der Amts­gerichte erweitert werden, was die Lage der Anwälte, welche in Preußen und Bayern nur am Amtsgericht zugelassen waren, entscheidend hätte verbessern können. Dabei ging es in der Gesetzgebungsphase auch um die Frage, ob die Kammern der Amtsge­richte künftig mit Ein­zelrichtern besetzt oder als Kollegialge­richte tätig werden sollten. Auf dem Anwaltstag in Mannheim hielt Rechtsanwalt Dr. Max Hachenburg (1860-1951) ein Grundsatzreferat über die Lage der deutschen Anwaltschaft. Als wenige Wochen später der Gesetzesent­wurf der Regierung ver­öffentlicht wurde, musste die Anwaltschaft zur Kenntnis nehmen, dass dieser keinerlei Rücksicht auf die Be­schlüsse des An­waltstages nahm. Daraufhin wurde ein au­ßerordentlicher Anwaltstag nach Leipzig einberufen. Hier sprach Max Hachenburg erneut und unterbreitete ge­meinsam mit Rechtsanwalt Hin­richsen aus Güstrow eine entspre­chende Resolu­tion, die angenommen wurde. Auch diese Beschlüsse waren wiederum für die von der Reichs­re­gierung dem Reichstag vorgelegte Novelle zur Gerichts­verfassung und zur Zivilprozessordnung ohne Auswirkungen. Die deutsche Anwalt­schaft, gespalten in Amtsgerichts- und Land­gerichtsanwälte, fühlte sich durch die Nichtbe­achtung ihrer Meinung brüskiert.
Diese Tatsache und die immer weiter wachsende Not der deutschen An­waltschaft führte zwangsläufig zu einer Veränderung des Selbstver­ständnisses des DAV, der aus seiner jahrzehntelangen vornehmen Zu­rückhaltung erwachte und die Sicherung der materi­ellen Basis seiner Mitglie­der mehr in den Vordergrund stellen musste.
Die somit dringend notwendige straffere Organisation und Umpro­fi­lierung des DAV verlangte eine Umbesetzung sei­nes Vorstandes, in welchem bislang hauptsächlich die Reichs­ge­richtsanwälte, als die Elite des Standes, vertreten waren, weil diese nach der da­mals herrschenden allgemei­nen Auffassung als die vornehmsten Repräsen­tanten gal­ten. Der DAV brauchte aber zur Lösung der dringlichsten Probleme der deutschen Anwaltschaft keine „vornehmen Re­präsentan­ten“, die weit entfernt von den Problemen der Kollegen im Lande wa­ren. Er benötigte vielmehr Vertre­ter, die die Sorgen und Nöte ihrer Kol­legen kannten und teilten und demzufolge bereit waren, für de­ren Beachtung in der Öffentlichkeit mit aller Kraft zu kämp­fen.
Zur Bewältigung dieser Probleme standen auf dem An­waltstag 1909 in Rostock endgültig tiefgreifende Ent­scheidungen an. In dieser Um­bruchsituation wurde Martin Drucker als ein aus der Sicht der deut­schen Anwaltschaft geeigneter Vertreter erst­mals in den Vorstand des DAV gewählt. Auch Hachenburg, Adolf Heil­berg (1858-1936) und Conrad Haußmann wurden zu neuen Vor­stands­mit­gliedern be­stimmt. Gleichzeitig wurde die Position eines Geschäftsführers des DAV neu geschaffen, in welche der Kollege Heinrich Dittenberger (1875-1952) gewählt wurde. Eine weitere maßgebliche Satzungsänderung wurde 1909 da­durch vorgenommen, dass die Vertreterversammlung neu eingeführt wurde. Dieser war seitens des Vorstandes der Haushaltsplan vorzule­gen, sie entschied über die Mitgliedsbeiträge, und sie wählte auch den Vorstand. Diese Reform sicherte in den kommenden Kriegs- und Inflationsjahren das Überleben des Deutschen Anwaltvereins.
Mit diesem Anwaltstag in Rostock änderte sich für Ju­stizrat Drucker sowohl sein Privat- als auch das Be­rufsleben in gra­vierender Weise. Er schied aus dem Vor­stand des LAV aus und widmete sich von diesem Zeitpunkt an mit seiner ganzen Kraft den Interessen der deutschen Anwaltschaft. Drucker übernahm im Vorstand zunächst das Amt des Schriftführers. An der mit dem Anwaltstag in Rostock 1909 in Angriff genommenen Umprofilierung des DAV hatte Martin Drucker von Anfang an maß­geblichen Anteil.
Der DAV wurde seit dieser Zeit immer mehr zum wirklichen Inter­es­senvertreter der deut­schen Anwaltschaft. Das war durch die grundle­gende Verlagerung der Schwerpunktaufga­ben des DAV mög­lich, die in der Folge auch zu einem er­heblichen Anstieg der Mitgliederzah­len führte. 1928 wa­ren nur noch 15 % aller in Deutschland zugelassenen Rechtsanwälte nicht Mitglied im DAV.
Es kam jedoch in Rostock zunächst zu einem, wie sich zeigen sollte, nicht tragfähigen Kompromiss. Es wurden zwar fünf neue Vorstandsmit­glieder gewählt, die übrigen sieben bisherigen Vor­standsmit­glieder blieben jedoch. Prompt kam es auf der ersten nach Leipzig einberufenen Vor­stands­sitzung zu einem Eklat, denn einige der alten Vorstands­mitglieder weigerten sich, mit den neugewählten Kollegen zu ta­gen. In diese Situation schlug der kluge Kollege Heilberg vor, dass alle Vor­standsmitglieder ihre Ämter niederlegen, um durch eine Neuwahl Klarheit zu schaffen. Mit der Neuwahl trat Julius Haber (1844-1920)[21], ein am Leipzi­ger Reichsgericht zugelassener Kollege, der die außerordentlich schwierige Lage be­herrschte, an die Spitze des DAV.
Eine besondere Rolle hat hierbei die von dem unvergesse­nen Freund Druckers Julius Magnus (1867-1944) hervorra­gend betreute Juristi­sche Wochenschrift, gespielt. Das Fachblatt des DAV be­gleitete und propagierte wirksam den Wandel der Stan­desorgani­sation durch ent­sprechende Um­profilierung ihrer Veröf­fentli­chungen. Martin Drucker hat der Juristischen Wochenschrift als dem Sprachrohr des DAV seine ganz besondere Aufmerk­samkeit gewid­met.
Als Julius Haber zwei Jahre vor seinem Tod 1918 das Amt alters- und krankheitsbedingt abgeben musste, sollte sein Nachfolger wiederum ein am Reichsgericht zugelassener Kollege sein. Alfred Kurlbaum (1868-1938) nahm diese Auf­gabe in den schwierigen Nach­kriegsjah­ren, die Revolu­tion, Zusammenbruch und schließlich die Infla­tion brach­ten, auf sich.
1920 wurde Martin Drucker zum Stellvertreter des Vorsit­zenden und schließlich 1924 zum ersten Vorsitzenden ge­wählt. Diese Position erhielt später die Bezeichnung Prä­sident. Im Jahr 1923 legte Martin Drucker im Auftrag des Deutschen An­walts­vereins dem Reichsjustizmi­nister einen Gesetzentwurf vor, welcher die Zu­lassung der Anwalt­schaft zur Vertre­tung vor den Verwaltungsge­richten regeln sollte. Dieser Entwurf konnte da­mals jedoch nicht durchgesetzt werden. Zu dieser Zeit gehörte es keinesfalls zur Selbstverständlich­keit, dass der Anwalt als berufsmäßiger Parteivertreter überall und ausnahms­los tätig werden konnte. Der damalige Stell­vertre­ter des Vorsitzen­den des DAV hat für die Durchset­zung dieses Grundsat­zes immer wie­der gestritten und so Pionierarbeit für das heutige Ver­ständnis an­waltschaft­licher Berufsausübung ge­leistet.
Mit der „Renaissance von 1909“ wuchsen jedoch auch die Aufgaben des Vorstandes. In der Vorzeit war der Gesamt­vorstand nur spo­radisch zusammengekommen. Jetzt musste zwangsläufig ein engerer Leipziger Vorstand gebildet werden, der fast wöchentlich tagte. Für eine Sit­zung des Gesamtvorstandes mussten regelmäßig zwei volle Tage ein­ge­plant werden. Der Vorstand musste aber nicht nur wegen der Häufung der Aufga­ben, sondern vielmehr deswegen erheblich erweitert werden, weil er zahlreicher werdende, unterschiedlichste Interes­sen­gruppen innerhalb der Anwaltschaft zu vertre­ten zu hatte. Der Vorstand war immer wieder gezwungen, zwischen den sehr hart ge­führ­ten Aus­einan­dersetzungen zwischen Landgerichts- und Amtsge­richtsan­wäl­ten zu schlichten. Es war bei der zunehmend schwieriger werdenden Lage für den Vor­stand kaum möglich, die hoch geschraubten Erwar­tungen der Vereins­mitglieder zu befriedigen, welchen die tagtägliche Ar­beit der DAV-Führung weitestgehend verbor­gen blieb. In der Folge trafen manchmal harte und sehr ungerechte Vorwürfe die Leipziger Mitglieder des Ver­einsvorstandes.
Durch Hachenburg[22] ist folgende Anekdote aus dieser Zeit über­lie­fert:
„Dittenberger hat ein Töchterchen von sieben Jahren. Das fragte ihn, wohin er geht und was geschieht. Der Vater nannte dem Kinde die Namen der bekannten Leipziger Her­ren: ‚Erst spricht Dr. Druc­ker, dann Dr. Hahnemann, dann Dr. Brücklmaier, dann ich.‘ ‚So,‘ unterbrach ihn die Kleine, ‚Ihr redet. Ich habe geglaubt, Ihr ar­beitet.'“
Martin Drucker meldete sich in diesen Jahren als Vor­standsmit­glied des DAV wiederholt und energisch zu Wort, weil er die freie Be­rufsausübung der Anwaltschaft be­droht sah. Schon auf dem Anwaltstag 1894 hatte sich die deutsche Rechtsan­walt­schaft mit der Frage einer möglichen Zulas­sungsbeschränkung ausein­andergesetzt, nachdem in Folge der Freigabe der Advokatur 1879 die Zahl der zugelasse­nen Rechtsanwälte sprunghaft gestie­gen war. Der An­waltstag schloss sich dem vorgelegten Gutachten an und sprach sich damit gegen jegliche Zulassungsbeschrän­kun­gen aus. Die Diskussion um die Einführung eines numerus clau­sus war je­doch keineswegs ad acta gelegt. Auch die Anwaltstage 1905 und 1907 befassten sich ein­gehend mit dieser Thematik und spra­chen sich gegen einen numerus clausus aus. 1911 überstieg die Zahl der in Deutschland zugelassenen Rechts­an­wälte erstmals die 10000er Grenze. Der An­waltstag in diesem Jahr hatte sich demzufolge auch mit der Grundsatzfrage zu be­fassen: „Empfehlen sich ge­setz­geberische Maßnahmen gegen eine Überfül­lung des Anwalts­standes?“ Dem energischen Auftreten des damaligen DAV-Prä­sidenten Julius Haber und des langjährigen Freundes von Martin Drucker, des namhaftesten Standesrechtlers Max Friedlaender war es zu ver­dan­ken, dass sich der An­waltstag in Würzburg gegen die Einfüh­rung eines numerus clausus aussprach, weil alle derarti­gen Maß­nah­men für „unnötig und im Interesse der Rechtspflege und des Standes für schädlich“ gehalten wurden. Nachdem Martin Drucker an die Spitze des DAV getreten war, sollte sich an der von seinen Vorgängern vertretenen Auffassung zum numerus clausus nichts ändern.
Als jedoch der namhafte Berliner Anwalt und spätere Nachfolger Druckers als DAV-Präsident Rudolf Dix auf dem Anwaltstag 1927 in einer mit viel Beifall bedachten Rede erstmals den Stand­punkt ver­trat, dass Freigabe und Frei­heit der Advokatur keines­falls in einem untrennbaren lo­gischen Zusammenhang ständen, zeichnete sich ein Um­schwung in der herrschenden Meinung der DAV-Mitglie­der ab. In der 1928 anlässlich des 70. Geburtstages von Adolf Heilberg für diesen herausgegebenen Fest­schrift trafen die konträren Auffassungen von Dix und Drucker aufeinander. Während Dix seine auf dem Anwaltstag im Vorjahr bereits artiku­lierte Argumentation der Trennung von Freigabe und Freiheit der Advokatur wiederholte und ausbaute, sprach Martin Drucker in seinem Beitrag[23] die Hoffnung aus, dass die Beschlüsse des An­waltstages von Würzburg Bestand haben werden:
„In noch schwererer Stunde hat die ausgleichende und eini­gende Seele des Gesamtkörpers sich bejaht, als vor andert­halb Jahr­zehnten das Numerus-Fieber im Anwalts­stande um sich griff. Da­mals war in einigen Bezirken schon das be­denkliche Symptom der Bildung von Son­der­gruppen aufgetre­ten, die sich ausschließ­lich unter dem Feldge­schrei „Schließung des Standes“ zusammen­fanden, als noch recht­zei­tig die Leitung des Deutschen Anwalt­vereins die kontra­diktorische Verhandlung der Einzel­mitglieder herbei­führte. Der Würzburger An­waltstag ent­schied gegen den nu­merus clausus. Dieser Beschluss, ge­gen den die Anwaltschaft ein Wie­deraufnahmeverfahren ohne Beibrin­gung neuer Tatsachen und Be­weismittel nie­mals zulassen wird, wäre nicht zu­stande gekom­men, wenn die Anhänger der streitenden Ansich­ten sich in Ten­denz­ver­einen gegeneinander organisiert hät­ten. Wett­rüsten be­deutet dau­ernde Friedensbedrohung auch im Reiche des Gei­stes und des Glaubens.“
Bis zum Ende seiner Amtszeit hat sich der Präsident des DAV im­mer wieder vehement gegen jegliche Zulas­sungsbeschränkungen ausgespro­chen, weil diese nach sei­ner Auffassung zwangsläufig mit der Ein­schränkung der Freiheit der Advokatur verbunden sein müssten.
Die Tätigkeit im Deutschen Anwaltverein hatte jedoch auch un­mittel­bare Rückwirkungen auf das Profil der An­waltskanzlei Mar­tin Druc­kers. Immer häufiger wurde er von Kollegen in Fragen des Standes­rechts um Rat und Hilfe gebeten. Auch wenn er in dieser Materie nicht so stark schriftstellerisch hervortrat wie sein Freund und Kollege Max Friedlaender[24], hatte seine Meinung in Standesfragen für die deutsche Anwaltschaft besonderes Gewicht. So vertrat Martin Drucker im Oktober 1913 den bereits erwähnten Berliner Strafverteidiger Max Alsberg in ei­nem Verfahren vor dem I. Senat des Ehrengerichtshofs.
Ein kollegialer Rat, den Drucker einem Kollegen bereits im Jahr 1930 zu einer Standesfrage erteilt hatte, sollte nach 1933 natio­nal­sozialistischen Anwälten ein willkommener Vorwand sein, um den Leipziger Rechtsanwalt auszuschalten. Hierauf wird spä­ter noch aus­führlich zurückzukommen sein.
Bereits zu Beginn der 20er Jahre entbrannte unter den Mitglie­dern eine leidenschaftlich geführte Diskussion um die Verlegung des Sitzes des DAV von Leipzig nach Berlin. In der Inflations­zeit überstürzte sich die Gesetzgebung, und viele Kollegen hoff­ten, dass eine größere Nähe des DAV-Vorstandes auch einen größe­ren Einfluss der deutschen Anwaltschaft auf die Regierung und das Parlament bringen könnte.
Auf dem außerordentlichen Anwaltstag 1925 in Berlin kul­minierte die Debatte auf sehr unangenehme Weise. Die natürlich zahlreich vertre­tenen Berliner Kolle­gen ver­suchten das Gremium für poli­tische Dis­kussionen zu missbrauchen. Es bedurfte des energischen und geschick­ten Eingreifens seitens des Präsidenten Drucker, damit der An­waltstag nicht zum völligen Fiasko geriet. Manche Teilnehmer, wie auch Hachenburg, änderten damals ihre Mei­nung und kamen zu dem Schluss, dass es schon seinen guten Grund und Sinn habe, dass Berlin nicht Sitz des DAV sei. Trotz­dem endeten die Auseinandersetzungen um die Sitzverlegung auch nach diesem An­waltstag nicht.
Aus dem erhalten gebliebenen, im Anhang erstmals veröf­fentlich­ten Briefwechsel des DAV-Präsidenten mit dem Ber­liner Kollegen Albert Pinner im Jahr 1928 ist zu entnehmen, mit welchen sachlichen Argu­menten sich Druc­ker bereits damals im Interesse der gesamten deut­schen An­waltschaft gegen eine Sitz­verlegung nach Berlin wandte.
Als Martin Drucker im Oktober 1929 seinen 60. Geburtstag be­ging, war das Anlass, ihm für seine Verdienste um den Deutschen Anwaltver­ein mit einem öffentlichen Glückwunsch­schreiben auf der Titelseite der Juristischen Wochen­schrift zu danken. Die im Original auf Per­gament geschriebene Ehrung wurde von allen Vorstandsmitgliedern un­terzeichnet und dem Jubilar feierlich überreicht.
Als im April 1932 gegen die Überzeugung Druckers die Ver­legung des Sitzes des DAV von Leipzig nach Berlin be­schlossen wurde, hatte dieser seine Wiederwahl abgelehnt. In seiner Abwesenheit ist dar­aufhin eine Satzungsänderung beschlossen worden.
Trotz der wiederholten Kontroversen, insbesondere mit der Ber­liner Anwaltschaft, welche Drucker zu den „trübsten Erfahrungen seiner Amtszeit“ zählte, wurde er auf Grund sei­ner außeror­dent­li­chen blei­benden Verdien­ste um den Deutschen Anwaltverein und den gesamten Berufsstand mit großer Mehrheit zum Eh­renprä­sidenten mit Sitz und Stimme im Vorstand des DAV ernannt. Daraufhin erhielt Martin Drucker unter dem Datum vom 13. Mai 1932 ein Schreiben der Sächsischen Rechtsanwaltskammer folgen­den Inhalts:[25]
„Hochverehrter Herr Justizrat !
Der Sächsische Kammervorstand hat mit aufrichtigem Be­dau­ern da­von Kenntnis nehmen müssen, dass die Abgeordne­tenver­sammlung des Deut­schen Anwaltvereins beschlossen hat, den Sitz des Vereins von Leip­zig nach Berlin zu verlegen und dass damit Ihre bishe­rige Tätigkeit als Vor­sitzender des Vereins ihr Ende gefunden hat.
Er kann dieses Ereignis nicht vorüber gehen lassen, ohne Ihnen, hochverehrter Herr Kollege, seinen tiefempfunde­nen Dank für al­les das auszusprechen, was Sie in jahre­langer, einzig dastehen­der Auf­opferung für die Deutsche Anwalt­schaft an dieser Stelle geleistet haben. Wenn auch die Aufgaben des Deutschen Anwaltvereins andere sind, als die den Kammervorständen gesetzlich obliegenden, so be­rüh­ren sie sich doch aufs innigste in allen Bestre­bun­gen, die der Förderung und Hebung des Standes und damit der gesamten Rechts­pflege dienen sollten. Auf diesem Gebiet haben wir Sie stets mit Freude als un­se­ren Mitkämpfer begrüßt und dankbar anerkannt, dass Sie es immer ver­standen haben, die­sen Bestrebungen in einer Weise zur Geltung zu verhelfen, die frei von Standesei­gennutz und Selbst­sucht im­mer die idealen Aufgaben des Anwaltsbe­rufes und seine Würde in den Vordergrund stellte.
Es bleibt der Stolz der Sächsischen Anwaltschaft, dass un­ter Ih­rer Leitung der Deutsche Anwaltverein sich zu einer achtungsge­bietenden Höhe entwickelt hat; nicht zum wenig­sten Ihr Ver­dienst ist es, dass er aus einer bloßen Zusam­menfassung der Be­rufsgenossen zu einem le­bendigen Körper geworden ist.
Wenn die Abgeordnetenversammlung einstimmig beschlossen hat, Sie zum Ehrenpräsidenten zu ernennen, so hat sie da­durch mit Recht be­kundet, wie sehr die Deutsche An­walt­schaft Ihre Ver­dienste um den Stand würdigt.
Wir beglückwünschen Sie zu dieser Ehrung und hoffen, dass Ihre wert­volle Arbeit für das Wohl des Standes auch wei­terhin der Deutschen Anwaltschaft erhalten bleiben möge.“
Max Hachenburg gibt in seinen Memoiren[26] seine persönli­chen Er­in­ne­rungen an den hochgeschätzten Freund und Kol­le­gen aus der Zeit der Präsidentschaft Druckers im Deut­schen Anwaltverein  wie folgt wie­der:
„Er besitzt nicht die abgeklärte Ruhe Habers, nicht die Konzi­lianz Kurlbaums, dafür aber eine rastlose Arbeits­kraft, eine unbeugsame Energie und einen scharfblicken­den, rasch zugreifen­den Verstand. Ich habe niemanden ge­troffen, der mit solcher Schlagfertigkeit und, wenn nötig, mit ei­ner guten Dosis Ironie eine Versammlung leitet …“
Der Nachfolger Druckers im Amt wurde der Berliner Rechts­anwalt Ru­dolf Dix, welcher bereits kurze Zeit später nach der Machter­grei­fung Hitlers die Aufgabe hatte, die Gleich­schaltung des DAV zu vollziehen. Für die nächsten 13 Jahre war der Leipziger Rechtsanwalt Martin Drucker von jeglicher aktiver Anteilnahme an den Standesinter­essen der deutschen Anwaltschaft ausgeschlos­sen.

Der Rechtsanwalt Martin Drucker (1933 1944)

Kurz nach der Machtübernahme durch die Nationalsoziali­sten ver­lor der jüdische Sozius, Rechtsanwalt Dr. Erich Cerf (1888-1964), das Notariat und seine Zulassung als Rechts­anwalt. Weil Martin Drucker ihn und den Referendar Dr. Fritz Grübel trotzdem weiter be­schäf­tigte, wurde er in der „Leipziger Tages­zeitung“, dem Sprachrohr der NSDAP, vom 19. August 1933 persön­lich angegriffen.
Im Zusammenhang mit dem Boykottaufruf der Nationalsozia­li­sten am 01. April 1933 wurde Martin Drucker im Landge­richt Chemnitz während einer Verhandlung in „Schutzhaft“ genom­men. Der in der „Frankfurter Zeitung“ vom 04. April 1933 erschiene Bericht über die Vorgänge gibt ein weiteres Mal einen Eindruck von der souverä­nen und be­herrschten Haltung des Leipziger Rechtsanwalts selbst in dieser Ausnahmesi­tua­tion.
Die in Berlin weilende jüngste Tochter Renate war, nach­dem sie die Nachricht von der Verhaftung ihres Vaters im Radio gehört hatte, höchst beunruhigt und versuchte ver­geblich, Familien­mitglieder, Leipziger Freunde und das Anwaltsbüro telefonisch zu erreichen, um näheres zu er­fahren. Margare­the Drucker befand sich zu diesem Zeit­punkt wie immer am Wochenende in Großbo­then. Da sie telefonisch nicht er­reichbar war, eilten Kollegen und Freunde, die von der Ver­haf­tung Druckers hör­ten, auf schnellstem Wege dorthin, um ihr bei­zustehen und zu beraten, was zu tun sei. Als sie dort ankamen, tra­fen sie zu ihrer Überraschung auch den Justizrat an. Der sofort einsetzende internationale öf­fentliche Pro­test hatte die neuen Machthaber veranlasst, den Ehren­präsi­denten des Deutschen An­waltver­eins sehr schnell wie­der auf freien Fuß zu setzen. Sogar die „New York Evening Post“ hatte am 03. April 1933 über den Vor­gang auf der Ti­telseite berich­tet. Es war sehr typisch für den rücksichtsvollen Martin Drucker, dass er seiner Frau von der Verhaf­tung in Chemnitz überhaupt nichts gesagt hatte und diese die unheilvolle Nachricht deshalb erst im Nachhinein von den beunruhigten Besu­chern er­fuhr. Seinen weltanschaulichen Überzeugungen entsprechend hat sich Mar­tin Drucker, wie seine Frau Margarethe, über viele Jahre auch politisch engagiert. Er war von 1919 bis 1926 Mit­glied der Deut­schen Demokra­tischen Partei, in welcher er vor seiner Wahl zum Präsidenten des DAV auch sehr aktiv tätig war. Im Jahr 1926 er­klärte er sei­nen Aus­tritt, weil sich die Partei­führung wie­derholt bei Abstimmungen im Reichstag aus taktischen Mo­tiven von den Grundsätzen des Parteipro­gramms entfernt hatte.
Martin Druckers klares und realistisches Gespür für die politi­schen Verhältnisse wurde in jedem Fall in der Zeit seiner Zuge­hö­rigkeit zur DDP und durch seine Erfahrungen als DAV-Präsi­dent entscheidend geschärft. Bereits im No­vem­ber 1932 war für ihn klar, dass die Machtübernahme durch die Nazis unmittelbar bevor­stand. Hinden­burg hatte Görde­ler zu dieser Zeit angeboten, Reichskanzler zu werden. Dieser hatte jedoch das Verbot der NSDAP zu seiner Be­din­gung ge­macht. Die Abendzeitungen meldeten dann, dass von Schleicher zum Reichskanzler bestimmt worden war.[27]
Auch wenn zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen konnte, was die näch­sten zwölf Jahre bringen würden, hat der reali­sti­sche Sinn Druckers für das, was nach der im Januar 1933 erfolgten Macht­übernahme be­vorstand, vielleicht manchen das Le­ben ge­ret­tet. Hierzu gehört auch, dass er seinen jüdischen So­zius Dr. Erich Cerf schon sehr früh in sei­nem Entschluss be­stärkte, Deutschland mit sei­ner Familie zu verlassen. Die Aus­wanderung wurde vorbereitet und die Familie Cerf er­hielt alle nur denk­bare Unterstützung seitens der Kanzlei, um ihr die Basis für den Neuaufbau einer Existenz in Palä­stina zu er­mögli­chen. So ging auch das eigentlich unent­behrliche Kanzleiauto mit auf die weite Reise. Erich Cerf und sein hochgeachteter Se­nior­part­ner Drucker blieben wei­ter in Briefverbindung. Doch der in deut­scher Kulturtradi­tion verhaf­tete frühere So­zius konnte in sei­ner neuen Hei­mat nie wieder rich­tig Fuß fassen. Erst nach dem Kriegs­ende war es ihm vergönnt, als engagierter Anwalt in Wie­dergutma­chungssa­chen wieder in seinem geliebten Beruf tä­tig werden zu kön­nen. Seine jüngste Tochter, die unvergessliche, le­benslustige Aleeza Cerf-Beare, hat 1994 eine Wür­digung ih­res Vaters publiziert.[28] Aber auch anderen langjährigen jüdischen Mandanten, die Drucker in dieser Zeit fragten, wie sie sich verhal­ten sollten, nahm er jede Illusion von einem baldigen Ende der Hitlerherrschaft und riet dringlichst zur Aus­wanderung.
So schreibt der 1905 geborene Jacob Sachs, dass Drucker über viele Jahre auch der Anwalt der namhaften Rauchwaren­firma J. B. Sachs & Co. war, die sein Vater zu Beginn des 20. Jahr­hunderts am Brühl ge­gründet hatte. Als in der ersten Hälfte des Jahres 1935 die Nazis zu ihm ka­men, um seine Bibliothek zu kontrol­lieren, nahmen sie einige Bücher von jüdischen Schrift­stellern mit. Jacob Sachs wurde verhaftet. Weder seine Familie noch sein Büro wussten, wo er war. Nach fünfstün­digem Verhör wurde er nachts um 1 Uhr wieder entlassen. Jacob Sachs wurde später telefonisch angekün­digt, dass die Gestapomänner wiederkom­men werden, da sie ihre Hand­schuhe in seiner Wohnung ver­gessen hätten. Er ging sehr nervös zu Rechtsanwalt Drucker und fragte ihn, was er tun solle. Dieser sagte: „Ich rate Ihnen, Deutschland sofort zu verlassen.“ Auf den Einwand, dass er erst in einigen Wochen vor­bereitet sein werde aus­zuwandern, er­widerte der Justizrat sehr klar: „Sie müssen sofort ge­hen, denn alle Juden, die hier blei­ben, werden von den Nazis ge­tötet.“ Daraufhin ist Jacob Sachs mit dem Auto seines Schwagers, des stadtbekannten Arztes Dr. Abra­ham Adler, nach Prag geflohen. Im Februar 1939 musste Martin Drucker seinem früheren Man­danten Ja­cob Sachs nach London mitteilen, dass er „durch neuere Gesetz­gebung“ verhindert sei, irgendwelche anwalt­liche Tätigkeit für ihn auszu­üben.

Der Entzug des Notariats

Unter dem Datum vom 01. November 1933 erhielt Martin Druc­ker ein Schreiben vom Sächsischen Ministerium der Justiz, wie es andere seiner Notariatskollegen in dieser Zeit auch erhalten haben, mit folgendem Inhalt:
„Der Herr Reichsstatthalter hat durch Verfügung vom 11. August 1933 den Rechtsanwalt Justizrat Dr. Martin Druc­ker in Leipzig auf Grund von § 3 des Gesetzes zur Wie­derher­stellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 (RGBl. I S. 175) in Verbindung mit Ziff. 2 zu § 1 des Gesetzes in der Dritten Durchführungsverordnung vom 6. Mai 1933 (RGBl. I S. 245) von dem Amte als Notar enthoben“
Die Amtsenthebung jüdischer Notare war erst der Beginn der Ver­fol­gung. Sie traf diese wie beabsichtigt sehr empfindlich in ihrer Exi­stenz.
Für Martin Drucker hatten aber die zitierten Regelungen nach der Nazipraxis keine Gültigkeit, da damals nur die sogenannten „Vollju­den“ aus allen Beamtenstellungen ent­fernt werden soll­ten. In seinem Lebenslauf berichtet Druc­ker nach 1945, dass er erfuhr, dass man ein Bittgesuch von ihm erwartet habe, um die Rücknahme des Notari­ats­entzuges zu erreichen. Zu einer sol­chen Demütigung war er jedoch nicht ehrvergessen genug.[29]
Der Wegfall des Notariats und der Weggang des Sozius Erich Cerf zeigten natürlich sehr schnell gravierende Folgen, da sich die Auf­trags- und Ertragslage erheblich ver­schlech­terte. Eine damals in der Kanzlei Drucker Eckstein Cerf ange­stellte Stenotypistin, Frl. Irmgard Lehmann, erklärte sich, als die Re­duzierung des Personals unausweichlich wurde, als die Jüngste bereit, freiwillig zu gehen, ob­wohl sie sich in der Kanzlei in der Ritterstraße sehr wohl ge­fühlt hatte und die Arbeit sehr interessant war.
Irmgard Lehmann war in der Zeit zwischen 1931 bis 1935, die er­sten drei Jahre als Lehrling, bei Justizrat Druc­ker tätig gewe­sen. Sie lebt noch heute in Leipzig und berich­tet, wie gerne sie für den vä­terlichen und für­sorglichen Chef gearbeitet habe. Martin Drucker gab sei­ner jungen An­gestellten ein hervorragen­des Zeugnis mit, wel­ches ihr helfen sollte, sehr schnell eine neue An­stellung zu fin­den.

Das ehrengerichtliche Verfahren

Martin Drucker hat sich keine Illusionen gemacht, dass sein energi­sches Eintreten für eine freie Advokatur und seine immer wieder öf­fentlich vertretene humanistisch-liberale Lebenshal­tung ihm auch ganz persönlich Feinde geschaffen hatte.
Diese fanden sich nach der Machtübernahme jedoch offen­kun­dig weni­ger in den Kreisen der Berliner Anwaltschaft, wo man sie hätte ver­muten können, sondern vielmehr unter sei­nen Leipziger ‚Kollegen‘. Einer von ihnen hat die Chance genutzt, die ihm die Machtergreifung Hitlers gab, um zu versuchen, Justizrat Dr. Martin Drucker als un­liebsamen Konkurrenten auszuschalten. Bei Sichtung des über diesen Kollegen erhalten gebliebenen Ar­chivmateri­als[30] ergibt sich eine ge­radezu faustische Konstella­tion von Gut und Böse. Dieser Anwalt kann zu Recht als das ‚braune Gegenbild‘ des humanistischen und feinsinnigen Martin Drucker angesehen werden.
Der Standpunkt mag verständlich sein, dass einem bösarti­gen Na­zian­walt vielleicht zuviel Ehre angetan wird, wenn er in einer Schrift, die der Würdigung des Lebenswerkes Martin Druckers ge­widmet ist, zuviel Raum erhält. Doch bliebe wohl dann das ganze Ausmaß der per­manenten Gefährdung unverständ­lich, welcher Martin Drucker ausge­setzt war. Da darüber hinaus die­ser Nazianwalt perfider Weise in Lin­dent­hal öf­fentlich als ‚Widerstandskämpfer‘ und ‚Opfer der Nazi­dik­ta­tur‘ geehrt wird, muss dieser bereits Jahr­zehnte wäh­rende, un­haltbare Zustand durch die Veröffent­lichung sei­nes „Wirkens“ been­det werden.
Die Rede ist von Dr. Johannes Fritzsche, der 1902 als Sohn ei­nes Oberstudienrates bei Dresden geboren war. Am 01. 06.1930 wurde er Mitglied der NSDAP. Seine Mit­gliedsnummer lautete 256759. Er war Obersturmführer der SA und mit der Nr. 95 eines der ersten Mitglie­der des Nationalsozialistischen Rechtswahrer­bundes. 1933 wurde er in die Akademie für Deutsches Recht beru­fen. Noch im Januar 1937 erhielt er ein persönliches Dank­schreiben für die geleisteten Dien­ste in den Reihen der NSDAP. Seine Kanzlei im Dittrichring 6 nahm nach 1933 einen un­geheuren Aufschwung, so dass Fritzsche in den zwölf Jah­ren der Naziherr­schaft in der Lage war, nicht nur ein Landgut in der Niederlau­sitz, sondern auch noch sieben weitere Grundstücke innerhalb Leipzigs zu erwerben. Nachdem durch die Ent­lassung zahlreicher jü­discher No­tare ent­sprechende Vakanzen für parteitreue Juristen ge­schaf­fen worden waren, wurde auch Fritzsche im Oktober 1933 das sehr lukrative Notariat verliehen.
Bereits im Jahr 1931 hatte er sich durch einen antisemitisch moti­vierten Prozess gegen den jüdischen Leipziger Rechtsanwalt Dr. Al­fred Jacoby hervorgetan. Die diesbe­zügliche Akte des Amts­gerichts Leipzig blieb erhalten, da die Nazis sie als hi­sto­risch wertvoll und deshalb als aufbewahrungswert einstuf­ten.[31]
Am 18. März 1933 forderte er mit einem weiteren Leipzi­ger Nazi­an­walt den jüdischen Senatspräsidenten am Reichsge­richt Dr. Al­fons David (1866-1954) ultimativ auf, den Vor­sitz des Ehrenge­richtshofes niederzulegen,[32] nachdem der Bund nationalsoziali­sti­scher Juristen am Vortag seine sieben Punkte umfassenden diesbe­züglichen Forderun­gen veröffentlicht hatte:
„1. Alle deutschen Gerichte, einschl. des Reichsge­richts, sind von Richtern und Beamten fremder Rasse zu säubern.“[33]
Dr. Fritzsche erstattete am 09. Juli 1934 folgende An­zeige: „Hier­mit erstatte ich gegen den Rechtsanwalt Ju­stizrat Dr. Martin Druc­ker in Leipzig Anzeige wegen Ver­fehlung nach § 28 ff. der Rechtsan­waltsordnung und bean­trage, die Akten zur Einleitung des Ehrenge­richtsverfah­rens an die Staats­anwaltschaft beim Oberlan­desgericht ab­zugeben.“[34]
Mit dieser Anzeige setzte Dr. Fritzsche eine bereits ge­genüber Druckers Sozius Eckstein klar ausgesprochene Dro­hung um. Diesem ge­genüber hatte er erklärt, dass er „Druc­ker nach dem Konzentra­tions­lager in Colditz schaf­fen las­sen“ und „er werde Dr. Druc­ker außer­dem bei der Anwalts­kammer anzeigen, damit er aus der Anwaltschaft ausge­schlossen würde.“[35]
Nach den Erklärungen des Hamburger Rechtsanwalts Dr. Nicolaus Dar­boven (1877-1950), wel­cher den Mut hatte, die Vertretung Dr. Druckers in dem dar­aufhin eingeleiteten ehrengerichtli­chen Verfah­ren zu überneh­men, hatte diese Anzeige ihre Motivation darin, dass sich Ju­stizrat Drucker aus sachli­chen Gründen geweigert hatte, zu ei­ner Verhandlung vor dem Gauwirt­schaftsleiter zu erscheinen. Darüber hinaus soll sich Dr. Drucker geweigert haben, sich in einem ge­richt­lichen Ver­handlungs­termin mit Nationalsozialisten an einen Tisch zu setzen.
Das Engagement Druckers in Strafverfahren vor 1933, de­ren Ge­gen­stand leider nicht mehr feststellbar war, in denen Fritz­sche selbst jedoch keinerlei Rolle spielte, hat eben­falls den Zorn des Nazian­walts erregt.
Das daraufhin eingeleitete ehrengerichtliche Verfahren gegen Martin Drucker ist heute noch durch erhalten ge­bliebene bzw. wiederent­deckte Dokumente gut nachvoll­ziehbar. Im Londoner In­stitute of Con­temporary History and Wiener Library Limited wur de das Urteil des Ehrenge­richts der Sächsischen Anwaltskam­mer vom 26. Januar 1935 und die Berufungsbegründung hiergegen von Dr. Darboven vom 13. Mai 1935 ermittelt.[36] Wie diese Doku­mente in den Bestand der Wiener Library gelangt sind, konnte nicht endgültig geklärt werden. Es liegt je­doch nach den bis­he­rigen Erkenntnissen die Vermutung nahe, dass Mar­tin Drucker diese Dokumente an seinen früheren Sozius Erich Cerf nach Palä­stina übersandt hatte, welcher sie wegen ihrer histori­schen Brisanz dann im September 1955 an das Archiv abgab. Darüber hinaus offenbart ein ebenfalls in dem Londoner Institut dokumen­tiertes Interview mit Dr. Max Friedlaender aus dem Jahr 1954 De­tails dieses Verfahrens. Die Entscheidung des Ehrengerichtshofes über die Beru­fung Mar­tin Druckers vom 1. Oktober 1935 befindet sich im Bundesar­chiv, Abt. Potsdam.[37]
Zum Vorwand für dieses Verfahren musste ein kollegialer Rat her­hal­ten, welchen Justizrat Drucker bereits im Jahr 1930 dem Kol­legen Curt Holstein erteilt hatte. Der Kollege hat sich an Dr. Drucker ge­wandt, da dieser auch als langjähriger Rechtsberater des franzö­si­schen Konsulates in Leipzig bekannt war und die Sache deutsch-fran­zösi­sche Verhält­nisse betraf. Hieraus konstruierte der Sächsi­sche Ehrenge­richtshof vier Jahre später den unge­heuerlichen Vorwurf des Landesverrats.

„Lasciate ogni speranza voi ch’entrate!“[38]
Mit diesem italienischen Zitat Dantes wandte sich Dr. Darboven an seinen Mandanten Drucker, als sie den Ge­richtssaal zur Ver­handlung in dem ehrengerichtlichen Verfahren betraten, denn er hatte gerade festgestellt, dass ausgerechnet der persönliche Erzfeind und Anzei­ge­nerstatter Dr. Fritzsche zu den beisitzen­den Richtern gehörte.[39] Zwangsläufig wurde die Verhandlung mit einem Befangenheitsan­trag seitens Dr. Darbovens gegen Fritz­sche eröffnet, welcher je­doch prompt abgelehnt wurde. Folgerichtig befasste sich auch die Beru­fungsschrift gegen das Urteil eingehend mit dieser Pro­ble­matik. Ohne auf diese rechtlichen Erörterungen einzugehen, stellte der an­gerufene Ehrengerichtshof später lapidar fest, „dass das Ehrenge­richt das Ablehnungsgesuch, dass der Ange­klagte gegen den Beisitzer Rechtsanwalt Dr. Fritzsche angebracht hatte, nicht nach denjenigen rechtlichen Ge­sichtspunkten beur­teilt hat, die nach der ständigen Rechtsprechung des Reichsge­richts wie des Ehrengerichts­hofs dabei zu beachten sind.“ Und weiter heißt es: „Dar­auf braucht indes nicht näher eingegangen zu werden.“ [40]
Der Ehrenpräsident des Deutschen Anwaltvereins wurde durch das Sächsische Ehrengericht für schuldig befunden und mit Ur­teil vom 26. Januar 1935 aus der Anwaltschaft ausgeschlossen. Auf den unsäg­lichen Inhalt dieser Ent­scheidung muss an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden, da sich das Urteil im Anhang vollständig abgedruckt findet und keiner Kommentierung bedarf. Wichtig ist jedoch, dass sich aus der Berufungsbegründung Dr. Darbovens ergibt, dass das Urteil von Fritzsche persönlich verfasst wurde, obwohl dieser nicht Be­richter­statter war. Auch hierdurch wird der Verdacht bestätigt, dass dieser Nazianwalt einen ganz persönlichen Rachefeld­zug gegen Ju­stizrat Druc­ker führte. Zum Schluss des Ur­teiles soll Fritzsche nach den Erinnerungen Friedlaen­ders handschriftlich geschrieben haben: „Er ist ein Schandfleck der deutschen Anwaltschaft.“
Max Friedlaender gibt über den Verlauf der Berufungsver­handlung vor dem Ehrengerichtshof weiter folgende Dar­stellung:
Der Schandfleck legte Berufung zum Ehrengerichtshof ein, der jetzt nach Berlin verlegt war und aus 4 Nazi­anwälten und 3 Reichsge­richtsräten bestand. Die letzte­ren waren na­türlich unabhängige Richter. Die Verhandlung verlief so, dass an einer Freisprechung, die von den Reichsgerichtsrä­ten allein herbeigeführt werden konnte (da zu einer Verur­teilung qualifizierte Majorität erfor­derlich war), kaum zu zweifeln war. Rätselhaft wurde die Sache erst, als der Oberreichsanwalt als Ankläger das Wort ergriff und eine Lobrede auf Drucker hielt (er selbst erzählte mir, dass selbst bei offiziel­len Fest­lichkeiten noch niemand ihn so in den Himmel gehoben habe). Dann aber wurde der Ankläger plötzlich unruhig, lief vor seinem Pult hin und her und erklärte unvermit­telt: Eine Strafe müsse na­türlich sein und er stelle das Strafmaß in das Ermessen des Ge­richts. [41]
Die Entscheidung des Ehrengerichtshofes änderte das Ur­teil der Sächsischen Anwaltskam­mer dahingehend ab, dass ge­gen Martin Drucker die Strafe des Verweises und eine Geldstrafe von 1.000,00 RM ver­hängt wurde. Für das merk­würdige Verhalten des Staatsanwaltes gibt Fried­laender im weiteren folgende Erklärung ab:
Drucker freute sich nicht über dieses Urteil und als ihm ein Kol­lege zu seinem Erfolg gratulierte, lehnte er dies wütend ab. Darauf sagte der Kollege, der über die Interna der Sache gut Bescheid wusste: „Seien Sie froh, Drucker, dass Sie nicht freigesprochen wur­den. Die Gestapo war im Hause. Der Oberreichsanwalt wusste es und die Reichsge­richtsräte werden es auch gewusst haben. Wären Sie frei­ge­sprochen worden, so würden Sie jetzt nicht mehr hier sit­zen und schmollen!
Nach ungesicherten Informationen soll Mutschmann persönlich be­foh­len haben, Justizrat Drucker sofort durch die Gestapo zu ver­haften, falls dieser freigesprochen werden sollte.
Der Hamburger Rechtsanwalt Dr. Darboven, den Martin Drucker aus seiner Tätigkeit im Deutschen Anwaltverein gut kannte, verdient für sein entschlossenes und furcht­loses Auftreten in dieser Sa­che be­sonderen Respekt. Ob­wohl er wusste, dass er sich hierdurch selbst ge­fährdete, hatte er anlässlich eines Besuches in Leipzig spontan die Vertretung seines hochgeschätzten Kollegen Drucker über­nommen.
Der Anzeigenerstatter Fritzsche hatte sein Ziel, Martin Drucker auszuschalten, vorerst nicht erreicht. Es steht jedoch zu ver­mu­ten, dass er auch an anderen, späteren Re­pressionen gegen Drucker unmit­telbar und aktiv beteiligt war.
Der Nazianwalt hatte sich der Hitlerregierung nach sei­nen per­sönli­chen Erklärungen dadurch unentbehrlich zu machen versucht, dass er nach Kriegsbeginn für Reichs­behörden in Devisensachen im Ausland, insbesondere der Schweiz (!) und Italien, tätig wurde. Auf seine Inter­vention wandte sich der Landgerichtspräsi­dent im März 1943 an den Arbeitsamtspräsidenten, um Fritzsche vor dem unmittelbar dro­henden Arbeitseinsatz zu bewahren, da er kriegswich­tige Aufgaben zu erfüllen habe. Hierzu gehörte eine Reise im Auf­trag der Zollfahn­dungstelle Magdeburg in die Schweiz. Diese Reise sollte, wie auch vorangegan­gene, dem Reich erheblich De­visen einbringen. In einer Wirtschaftsstrafsache, die Fritzsche zu dieser Zeit be­arbeitete, ging es um 1,2 Mio. Schweizer Franken für das Deutsche Reich. ‚Da er (Fritzsche) verschiedene Vertrau­ensmänner in der Schweiz an der Hand habe, mit denen er unauffällig diese Geschäfte erledigen kann‘, sei er für diese Transaktionen besonders geeignet. Als Fritzsche jedoch nach der Ausrufung des „totalen Krieges“ durch Manipulationen die befürchtete Schließung seiner Kanzlei abwenden wollte, wurde er aus der NSDAP ausgeschlossen.
Als er sich gegen Ende des Krieges heimlich absetzen wollte, wurde er von der Gestapo verhaftet. In einer Ak­tion am 12. April 1945 auf dem Wehrmachtsübungsplatz in Lindenthal wurde er mit weiteren, überstürzt dorthin trans­portierten 52 Gefangenen erschossen. Die meisten der anderen Inhaftierten waren tatsächlich politi­sche Geg­ner des Naziregimes, die nun ausgerechnet neben dem Na­zianwalt zu Tode gebracht wurden. Unter Ihnen befanden sich z.B. auch Alfred Kästner, Paul Küster und Margare­the Bothe. Deshalb wird noch heute, obwohl die histori­schen Tatsachen lange bekannt sind, der Nazian­walt Fritzsche gemeinsam mit er­mordeten Widerstandskämpfern in ei­nem Ehrenhain in Lindenthal geehrt. Noch im Juni 1946 sprach ein früherer Kollege, der ebenfalls unter Fritzsche zu leiden hatte, gegenüber Justizrat    sein Entsetzen darüber aus, dass dieser Mann nunmehr durch sein Ende sogar als „Antifaschist“ anerkannt sei. Wahrscheinlich haben die im Urteil der Sächsischen An­waltskam­mer ent­haltenen zahllosen Ausfälle im Zusammen­hang mit der jüdi­schen Abstammung Martin Druckers diesen nicht beleidigen kön­nen, denn sein persönliches Verhältnis zum Judentum hat Drucker in sei­nen Lebenser­innerungen kurz und prägnant wie folgt be­schrieben: „Daß mein Vater von Juden abstammt, erhöhte in eigenar­ti­ger Weise meine Selbstachtung.
Fred Grubel kommt in seinem Vorwort zum dem von ihm 1983 initi­ier­ten Nachdruck der Fest­schrift für Martin Drucker von 1934 zu dem überzeugenden Schluss: „Es liegt der Ge­danke nahe, daß Martin Druc­ker, Anwalt des Rechts, ge­formt war nicht nur durch Erlebnis und Erfah­rung, son­dern auch durch das glückliche Zusammenwirken seiner jüdischen und christlich-deutschen Vorfahren, ein schla­gender Be­weis gegen den Irrsinn des Rassenwahns, der solch unsagbares Unheil über Deutschland und die ganze Welt gebracht hat.
Der Versuch Martin Drucker aus der Anwaltschaft auszu­schalten, war ein weiteres Mal gescheitert. Es ist si­cher heute kaum noch vor­stellbar, wie der schmächtige, nicht mehr junge Martin Druc­ker diese permanente physi­sche und psychische Anspannung und Bedrohung ertragen hat. Mit Sicherheit haben diese Verhältnisse das Leben von Martin Druc­kers geliebter Frau Margarethe verkürzt.
Obwohl Justizrat Drucker die stetige Bedrohung seiner Person zu diesem Zeitpunkt bereits bewusst gewesen sein muss, wollte er im Frühjahr 1934 die Vertre­tung von Ri­chard Hofmann, der wegen Hoch­verrats vor dem berüch­tigten Volksge­richtshof angeklagt war, über­nehmen. Der Leipziger Landgerichtsdirektor Gerhard Lo­renz warnte den Vorsitzenden des I. Senats des Volksgerichtsho­fes in einem Schrei­ben vom 27. April 1934 deshalb nachdrücklich vor diesem „talmudi­stischen Genie“: „Persönlich halte ich den Justizrat Dr. Drucker für einen anständigen Mann, er ist aber einer der überaus klugen, geistreichen und gewandten Juden, die aus ihrer spitzfin­digen und eben talmudistischen Geistesart nicht herauskön­nen.[42] Auch wenn ausweislich der erhaltenen Personalakte Martin Druc­kers nachweisbar ist, dass sich Lorenz persönlich sehr aktiv um die Auf­klärung der jüdischen Abstammung des Leipziger Rechtsan­waltes be­müht hat, ist in einer Gesamtschau der immer in klarer Handschrift mit grüner Tinte vorgenommenen persönlichen Anmer­kungen des Landge­richtspräsi­denten zu vermuten, dass dieser zu­mindest Re­spekt vor den intellek­tuellen Fähigkeiten und der an­waltlichen Kompetenz Druckers hatte und deshalb geneigt war, soweit er sich selbst damit nicht in Ge­fahr brachte, das Schlimmste zu verhindern.
Die Tatsache, dass Martin Drucker allen Verfolgungen und Bedro­hungen zum Trotz das Ende des Hitlerregimes erleben konnte, lässt überhaupt die Vermutung aufkommen, dass auch an anderer Stelle einflussreiche Persönlichkeiten ver­suchten, den Justizrat zu schützen und vor der Deporta­tion ins Konzentrati­onslager und der Ermordung zu bewah­ren. Hierfür gibt es je­doch bislang keinerlei konkrete Anhaltspunkte.

Der 65. Geburtstag

In dem bereits erwähnten Ostwald’schen Haus „Glück auf!“ in Großbo­then empfing die Familie am 6. Oktober 1934 eine Gruppe der damals namhaftesten Juristen Deutsch­lands, an ihrer Spitze den hochbetag­ten ehrwürdigen Ge­heimrat Adolf Heilberg. Der Nach­folger Druckers im Amt des DAV-Präsidenten Rudolf Dix hatte Heilberg noch anlässlich dessen 75. Geburtsta­ges am 14. Januar 1933 den Titel „Nathan der Weise der deut­schen Rechtsanwalt­schaft“ verliehen. Der Präsident der Schlesi­schen An­waltskammer und der Breslauer Stadtverordne­ten war nur zwei Monate später von den NS-Horden aus Breslau ver­trieben wor­den.[45]
Der für den Jubilar vollkommen überraschende Besuch in Großbo­then, das Verdienst des ältesten Sohnes Heinrich und des treuen Assisten­ten Fritz Grübel, war deshalb für Drucker eine mensch­liche Wohltat, da er zu dieser Zeit durch das bereits ge­schil­derte eh­rengerichtli­che Verfah­ren des Zuspruches der verehrten Kollegen besonders be­durfte.
Heilberg überreichte dem von der unerwarteten Ehrung tief be­rührten Martin Drucker eine anlässlich des 65. Ge­burtstages von Ju­lius Ma­gnus herausgegebene Festschrift. Die in aller Heimlichkeit, fast konspirativ, entstandene Fest­schrift vereinte die Koryphäen der deutschen Anwalt­schaft. Ganz besondere Bedeutung hatte für den Ju­bilar der in die Fest­schrift aufgenommene Beitrag des bereits mehr­fach genannten  Strafverteidigers Max Alsberg „Das Plaidoyer“.  Er wurde da­durch an diesem Tag schmerzlich an die vergangenen Zeiten erin­nert, als Alsberg und er sich brillante, scharfsin­nige und von der Presse beju­belte Rededuelle geliefert hat­ten. Der Beitrag wurde von der Witwe postum zur Veröffentlichung in der Festschrift übergeben. Der berühmteste deutsche Strafver­tei­diger Alsberg hatte sich, um weiteren Demütigungen und Re­pressalien zu ent­gehen, am 11. September 1933 das Leben genom­men.
Die Versuche der neuen Machthaber, auch den standhaften und mu­tigen Leipziger Rechts­anwalt Martin Drucker auszu­schalten, gin­gen immer weiter. Die Nazis gingen nun dazu über, die Klienten zu zwingen, ihre Mandate bei Ju­stizrat Drucker zu kündigen. So musste ein kosme­tischer Konzern gegen seinen Willen jegliche geschäftliche Ver­bin­dung abbrechen, da andernfalls mit einem totalen Boy­kott sämtlicher Produkte in allen Parfümgeschäften und durch alle Friseure ge­droht worden war.
Martin Drucker lässt in seinem Lebenslauf nach 1945 er­kennen, dass er die durch diese Machenschaften zugefügten wirtschaftli­chen Schädi­gungen nur mit größten Schwierig­keiten ertragen konnte: „… ich sah das Ende meiner Wi­derstandsfähigkeit her­an­nahen.“ Hier findet sich einer der wenigen Belege dafür, dass die ste­tige Bedrohung nicht spurlos an dem Leipziger Rechtsanwalt vor­überging. Er ließ sich ansonsten kaum jemals anmerken, dass ihn die Attacken im In­nersten trafen.

Der Fall des litauischen Zwangsarbeiters Galeckas

Umso erstaunlicher ist es, dass Justizrat Drucker sogar noch nach dem Beginn des Krieges 1942 vor dem Amtsge­richt Leip­zig den Frei­spruch des wegen Diebstahls ange­klagten litauischen Zwangsarbeiters Galeckas durch­setzte. Als er dann auch noch die volle Auszahlung des Lohnes für den Arbeitseinsatz des Angeklagten während der Un­tersuchungshaft forderte, ereiferte sich der OLG-Präsident über die „typisch liberalistische Denkweise“ Druckers wie folgt: „Dr. Druc­ker, dessen Berufsausübung schon früher Anlass zur Beanstandung ge­geben hat, hätte als Mischling besondere Veranlassung zur Zurück­haltung gehabt. Sein völlig ver­fehltes Eintreten für einen Li­tauer ist aber eines Anwalts unwürdig.[43]

Der Fall Susanne Aizen

Häufig war nach dem Beginn des barbarischen Krieges und der De­por­tationen der jüdischen Bürger Leipzigs der Rechtsanwalt Mar­tin Drucker die letzte und einzige Möglichkeit auf Hilfe und Rettung. Nur wenige dieser Fälle sind überliefert. Einer der ganz beson­ders dramatischen davon ist erhalten geblieben und verdient an dieser Stelle geschildert zu werden.[44]
Susanne Aizen war am 04. März 1924 in Leipzig geboren. Sie war seit Januar 1942 Kassiererin im Lichtspieltheater „Filmeck“ im Barfuß­gäßchen, bis sie am 12. September 1942 exakt um 12.10 Uhr mittags auf Grund einer Denun­ziation vorläufig festgenommen wurde. Ihr Vater war ein jüdischer Kaufmann, von dem die „deutschblü­tige“ Mutter geschieden war. Der Vater war nach Po­len abge­schoben worden. Eine Berufsschule konnte Susanne nach Abschluss der Volks­schule wegen ihrer Ab­stammung nicht besuchen. Sie lernte ein paar Mo­nate in der bekannten jüdischen Firma Max Held Kontoristin. Susanne Aizen war nach Auffassung der Gestapo Geltungsjüdin und hatte demzufolge den Judenstern zu tragen und den Zusatznamen „Sara“ zu führen. Beides hatte sie jedoch nicht getan.
Ein weiterer Vorwurf entstand dem 18jährigen Mädchen daraus, dass sie im November 1941 einen Sohn geboren hatte, dessen Vater ein „deutschblütiger“ Wehrmachtsan­gehöriger war. Das war nach Auffas­sung des anklagenden Oberstaatsanwaltes Rassenschande.
Die verzweifelte Mutter des minderjährigen Mädchen wandte sich an Martin Drucker, der das Mandat übernahm und bereits mit Schrift­satz vom 23. September zu den Vorwürfen Stellung nahm. Die Ausfüh­rungen belegen sehr eindrucksvoll, dass es der Leipzi­ger Rechtsan­walt ver­stand, die Nazijuristen mit ihren eigenen Waffen zu schla­gen. Die Rassengesetze waren nicht nur in ihrem In­halt barbarisch, sie waren auch so unprofessionell for­mu­liert, dass sie nicht in je­dem Einzelfall die ge­wünschte Ziel­stellung erreichen konnten. Mar­tin Drucker brachte die Staatsanwaltschaft in der mündlichen Ver­handlung am 28. September 1942 so in Bedrängnis, dass der Staatsan­walt Dr. Gläsemer Vertagung der Hauptverhandlung zur weiteren Vor­bereitung beantragen musste. Nach dem Protokoll der mündlichen Ver­handlung folgt in der er­halten gebliebenen Akte ein lapidares Schreiben der Geheimen Staatspolizei, Staatspolizeistelle Leipzig an den Herrn Ober­staatsanwalt beim Landgericht vom 20. Januar 1943 folgenden In­halts:
‚“Betr.: Susanne Sara Aizen
Die Obengenannte ist am 11.1.1943 im Konzentrationslager Auschwitz verstorben.
Ich bitte um Kenntnisnahme.
Die Mutter hatte bereits am 15. Januar die Nachricht der Gestapo erhalten, dass ihre Tochter verstorben und die Leiche bereits ver­brannt worden sei. Nachdem am 16. März 1943 durch Dr. Drucker angefragt worden war, ob das  Verfahren infolge des Ablebens der Angeklagten eingestellt sei, verfügte die Staatsanwalt­schaft: „Das Verfah­ren wird nach Ab­leben der Beschuldig­ten eingestellt.“  Die Akten konnten geschlos­sen werden.
Immer wenn der Leipziger Rechtsanwalt in diesen Tagen in das Ge­richtsgebäude in der Elisenstraße 64 (heute Bern­hard-Göring-Straße) ging, fürchtete die Familie, dass der Vater noch im Ge­richtssaal von der Gestapo verhaftet werden könnte. Auch die verbliebenen Ange­stellten der Kanzlei in der Ritter­straße waren sich bewusst, dass sich ihr beliebter Chef in stän­diger Gefahr befand, verhaftet und in ein Konzentrationslager geschafft zu werden.

„Schwer traf der Faschismus mich in meinen Kindern.“[45]

Martin Drucker hatte in der Zeit des Nationalsozialismus nicht nur die geschilderten Verfolgungsmaßnahmen und Re­pressionen zu er­leiden. Er verlor während der Bombenan­griffe seine Kanzlei mit der bereits vom Vater aufgebau­ten kostbaren juristischen Bibliothek. Auch die geliebte Wohnung in der Schwägrichenstraße wurde mit allem Hab und Gut während der Bom­benangriffe vernich­tet. Die Nazis ver­suchten nicht nur Martin Drucker selbst auszu­schal­ten, sondern sie verfügten auch immer wieder neue re­pressive Maßnahmen gegen seine Kinder, die über das für sie als sogenannte 1/4 Juden selbst nach den Rassegeset­zen zulässige Maß hinaus gingen.
Seine beiden Söhne Heinrich und Peter teilten das Schicksal vieler hoffnungsvoller junger Männer: Sie starben in dem barbarischen Krieg. Die beiden Töchter wurden in ihrer Ausbildung und ihrer Berufsausübung gehindert.
Der 1905 geborene Sohn Heinrich hatte wie sein Vater be­reits an der Thomasschule zu den größten Hoffnungen Anlass gegeben. Ihn drängte es später zum Studium der Philosophie, besonders bei Theodor Litt, dessen Nachlass im Jahr 1997 von der Leipziger Universität übernom­men werden konnte. Sein Wissens­drang führte ihn jedoch auf Abwegen zur Soziologie, so dass er am Leipziger Institut bei Hans Freyer lan­dete. Dieser ließ ihm bereits 1933 den Zutritt zum Institut ver­wehren, wofür es keinerlei Grundlage gab. Nach Kriegsbeginn im No­vember 1942 heira­tete er, da das Gerücht umging, dass auch den „25 %igen Ju­den“ künftig die Ehe per Gesetz untersagt werden sollte, die katholische Postangestellte Ursula Quinte. Aus dieser kurzen, sehr glücklichen Ehe sind zwei Kinder hervorge­gangen. Die bei­den Enkelkinder waren für Martin Drucker in seinen letzten Le­bensjahren Trost, Freude und Hoffnung. Obwohl die akademische Karriere des Sohnes Heinrich wegen sei­ner Abstammung beendet war, war er doch ‚geeignet‘, als Landesschütze an die Ostfront ein­bezo­gen zu werden. Tagtäglich schrieb Heinrich an seine junge Frau düstere Briefe. Als diese ausblieben, war die Familie natürlich beunruhigt. Schließlich erreichte Ur­sula Drucker im Februar 1945 in Aue, wohin sie mit ih­ren beiden Kleinkindern geflüchtet war, der Brief eines ihr unbe­kannten Stabsgefreiten Kosub. Der Unbekannte teilte ihr mit, dass er Heinrich auf der Haupt­straße nach Ber­lin-Breslau im Graben an einem Ort namens Oberau in der Nähe von Lüben in Niederschlesien tot ge­funden habe. Er schickte von ihr stammende Briefe, die er in der Hose des Toten gefunden hatte. Heinrich wurde in Oberau beer­digt. Der Stabsgefreite sprach sein herzliches Beileid aus und versi­cherte, dass ihr Mann eine schöne Ruhestätte gefunden habe. Nach den geschilderten Umständen musste die Familie annehmen, dass Heinrich seiner Uniform be­raubt und ermordet worden war.
Ebenso tragisch endete das Leben des wesentlich jünge­ren, 1914 ge­borenen, hochbegabten Sohnes Peter. Er fiel am 12.07.1942 in Afrika bei El Alamain. Am Morgen noch hatte er der Familie in Leip­zig eine Karte von Kreta ge­schrieben. Wenige Stunden später wurde er mit seiner Kompanie in Flugzeugen zum Kriegseinsatz geflogen, wo er am gleichen Tag umkam.  Peter war der Naturwissenschaft­ler der Familie und stand so in der Tradition seines On­kels Carl. Er stu­dierte zunächst 1932 in Göttingen, aber schon ab 1933 in Leipzig, insbesondere bei Hei­senberg. 1936 brach er sein Studium ab, da er keine Chance sah, dieses unter der nationalsozialistischen Herr­schaft noch been­den zu können. Er kam durch die Vermittlung seines Hamburger Onkels Conrad als Stift in eine Firma für Im­port-Export. Peter hoffte dadurch später nach Südamerika auswandern zu können. Diese Hoffnungen zerschlugen sich jedoch mit dem Kriegsbeginn.
Der 1903 geborenen Tochter Martina wurde nach dem er­folgreichen Abschluss ihres Medizinstudiums in Leipzig untersagt, ihren ge­liebten Beruf als Kin­derärztin auszu­üben. Auch für diese Schi­kane gab es natürlich keinerlei gesetzli­che Grundlage. Sie arbeitete deshalb einige Zeit bei dem namhaften jüdischen Arzt Dr. Abraham Adler in dessen Praxis in der Bose­straße. Spä­ter wurde sie nach Schlawe in Hinterpommern dienstver­pflich­tet. Nach dem Einmarsch der russischen Armee musste sie als Ärztin in einem Kriegsgefangenenlager arbeiten. Ihre Rückkehr nach Leipzig war eine schreckliche Odyssee, wie sie viele andere Flücht­linge und Vertriebene zu dieser Zeit er­leben mussten. Obwohl ihr allgemeiner Zustand bei ihrer Ankunft in Leipzig deshalb sehr er­schreckend war, wie sich die jüngere Schwester Re­nate noch heute erinnert, war ihr sehnlichster Wunsch, endlich als Kinderärztin ar­beiten zu dürfen. Als solche ist sie sicher heute noch vielen Leip­zigern aus Kindheitstagen liebevoll in Erinnerung geblieben. Die spätere Sanitätsrätin arbeitete aufopfe­rungsvoll für ihre kleinen Pati­enten, denn auch sie ver­stand ihren Beruf, wie ihr Vater,  als le­benslange Beru­fung. Die nach langer schwerer Krank­heit im Jahr 1992 in Leipzig ver­storbene Toch­ter Martina hat dem Namen ihres Va­ters im besten Sinne des Wor­tes Ehre gemacht.
Renate, die wesent­lich jüngere zweite Toch­ter Martin Druckers, besuchte das Gymnasium in Salem am Bodensee. Sie fühlte sich dazu berufen, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten und wollte Rechtsanwältin werden. Für diese berufliche Lauf­bahn gab es für sie jedoch nach 1933 keinerlei Chance. Sie stu­dierte daher Geschichte und Germanistik und hatte damit, wie heute mit Gewissheit gesagt werden kann, ihre wahre Berufung gefunden.
Zwischen 1938 und 1941 war sie aus rassischen Gründen vom Stu­dium an deutschen Universitäten ausgeschlossen. Selbstredend gab es auch für diesen Ausschluss in den „Rassegesetzen“ keiner­lei Basis. 1942 setzte sie ihr Studium bei Walter Stach in Straßburg fort, wo sie Ende 1944 zum Thema „Die althochdeutschen Glossen in der lex sa­lica“ promovierte. Renate Drucker ist wie der Vater und die Schwester ihrer Ge­burts­stadt Leip­zig bis heute treu geblieben. Als Hi­sto­rikerin hat sie sich bleibende Verdienste um den Auf­bau und die Bewah­rung der Uni­versitätsarchivs erworben, welches sie zwischen 1950 und 1977 bis zu ihrer Pensio­nie­rung engagiert leitete. Ganze Generationen von Stu­denten erinnern sich bis heute leb­haft an ihre Lehrver­anstaltun­gen auf dem Gebiet der histori­schen Hilfswis­senschaften an der Leipziger Universität. Noch heute ist die rastlose zierliche 80jährige als Kul­tursenatorin des Freistaates Sachsen, aber insbe­sondere als Vorstandsvorsitzende der Ephraim Carlebach Stiftung Leipzig ak­tiv und wirkt so im Sinne ihres Vaters fort.
Anlässlich ihres 80. Geburtstages [46] ver­lieh ihr die Leipziger Universität in Würdigung ihrer besonde­ren Ver­dienste für die Freiheit des Gedankens die Ehrenbürger­schaft. Am 23. Okto­ber 1997 wurde Renate Drucker für ihr Le­benswerk mit dem Verdienst­orden des Freistaates Sachsen geehrt. Martin Drucker wäre mit Be­stimmtheit sehr stolz auf seine Jüng­ste gewesen.

Die Versetzung in den „Ruhestand“

Unter dem Datum vom 23. April 1943 teilte der Oberlan­desge­richts­präsident dem Landgerichtspräsidenten mit, dass er zu prü­fen habe, „ob der jetzt 73 Jahre alte Rechtsanwalt Justizrat Dr. Drucker ge­mäß § 3 der VO vom 01.03.1943 in den Ruhestand zu versetzen ist.[47] Gleich­zeitig merkte er an, dass gegen Dr. Drucker wieder einmal ein strafrechtliches Verfahren bei der Dienststrafkammer anhängig sei, und abschließend heißt es dann: „Ich beab­sichtige, dem Verfahren auf Versetzung in den Ru­hestand den Vorzug vor dem ehrengerichtli­chen Verfahren zu geben und bitte deshalb um besonders beschleu­nigte Durch­führung der Erörterungen.“[48]
In dem daraufhin angefertigten „Vorschlag wegen Verset­zung in den Ruhestand“ stellt der Landgerichtspräsident Lorenz u.a. fest: „Ob das anhängige ehrenstrafrechtliche Verfahren ein Grund für seine Versetzung in den Ruhe­stand ist, kann von hier aus nicht beurteilt werden. Ob lediglich die Tatsache, dass Dr. Drucker Mischling 1. Grades ist, ein Grund zur Verset­zung in den Ruhestand gibt, muss der höheren Entschließung überlassen werden. Das Verhalten Dr. Druckers seit 1933, insbesondere die Art seiner Berufsausübung und Be­rufsauf­fassung seit die­sem Zeitpunkt geben zu Beanstandungen kei­nen Anlass.
Die beabsichtige Versetzung in den Ruhestand war auch Anlass, Erör­terungen über die Vermögensverhältnisse Mar­tin Druckers an­zustel­len, denn es war zu klären, ob der Rechtsanwalt einer Versorgung aus Mitteln der Reichsrechtsanwaltskammer „bedürftig und würdig“ sei. Martin Drucker gab hierzu an, dass die Versorgung seines 38jährigen Sohnes Heinrich und seiner 26jährigen Tochter Renate noch auf seinen Schultern ruhe, da sie als Misch­linge 2. Grades bis­lang kein eigenes Einkommen finden konnten. Auch seine ge­rade schwangere Schwiegertochter sei vollkommen vermögenslos. Die von der Sozietät abgeschlossene Lebensversicherung trete für den Fall des Ausscheidens auch nicht ein, so dass auch hier­aus kei­nerlei Versorgung zu erwarten sei, sondern nur weitere Prämienzah­lungen erfolgen müssten.
An dieser Stelle wird deutlich, dass Martin Drucker trotz seiner le­benslangen erfolgreichen anwaltschaftlichen Tätigkeit prak­tisch vermögenslos war. Sein Vorkriegsver­mögen (gemeint war hier natür­lich der I. Weltkrieg) hatte er wie andere pflicht­schuldigst in Kriegsanleihen angelegt und durch den Verfall der Währung verloren.
Es entsprach jedoch unabhängig davon nicht dem We­sen Mar­tin Druckers, und dem seiner Frau Mar­garethe, Vermö­gen anzu­häufen. Die vor 1933 gut laufende Kanzlei musste viele Köpfe ernähren, und ansonsten wurde Geld eigentlich im Wesentlichen dann sehr großzügig ausgegeben, wenn es um die um­fassende Ausbil­dung seiner Kinder ging. Wie sich die jüngste Tochter Renate erinnert, wurde an diesen Kosten nicht gespart.
Die Domizile in Niedergräfenhain und später in Großbothen konnte sich die Familie nur wegen der außerordentlich günstigen Mietver­hältnisse leisten. Aber auch das war ein „Luxus“, den sich und sei­ner Familie der Justizrat gerne gönnte. Die Anschaffung von Grund­be­sitz jedoch war ihm vollkommen we­sensfremd.
Trotz dieser Feststellungen wurde Martin Drucker natür­lich ohne jegliche Versorgung auf Grund der genannten Verordnung, welche als „lex Drucker“ bekannt wurde, per 01.01.1944 in den Ruhe­stand als Rechtsanwalt versetzt. Ein einmaliger Vorgang, da ein freiberuflich tätiger Anwalt, der eben nicht Staatsbeamter ist, natur­gemäß auch nicht durch den Staat per Dekret in den Ruhe­stand versetzt werden kann.
Der Termin für die Versetzung in den Ruhestand musste je­doch zu­nächst nochmals verschoben werden, da die Kanzlei in der Rit­ter­straße 1-3 während des Bombenangriffes am 4. Dezember 1943 in Flam­men aufging. Niemand wurde da­mals in die Innenstadt ge­lassen, um zu löschen oder noch irgendetwas zu retten. Das Haus selbst war gar nicht getroffen worden. Es war durch das Feuer des gegenüber­liegen­den Hauses schließlich abgebrannt.
Als Martin Drucker später in Jena seine Erinnerungen auf­schrieb, wurde ihm oft bewusst, welche wichtigen Doku­mente und lieb geworde­nen Erinnerungen damals unwieder­bringlich verloren gegangen sind. Die Kanzlei wurde dar­aufhin in die Wohnung in der Schwägrichen­straße verlegt, da auch die Ecksteins ausgebombt waren.
Am 29.12.1943 teilte der Oberlandesgerichtspräsident „gnädigst“ mit, dass die Versetzung in den Ruhestand auf den 1. April 1944 ver­schoben worden sei. Nur der Tatsa­che, dass sein treuer Sozius Eck­stein Justizrat Drucker trotzdem weiter im Rahmen des Möglichen et­was verdienen ließ, ist es zu verdanken, dass die Familie nicht vollständig ohne Einkommen war, zumal sämtliche Rückla­gen längst verbraucht waren.
Als Ende Mai 1944 bei Martin Drucker eine Aufforderung einging, ei­nen Personalbogen auszufüllen, kam es erneut zu einem uner­freuli­chen Briefwechsel mit dem Landge­richtspräsidenten, da sich der „Rechtsanwalt im Ruhe­stand“ beharrlich weigerte, die­ser Forderung nachzukom­men. Da ihm eine aufsichtsrechtliche Ahndung angedroht wurde, bat der Justizrat um Angabe der ge­setzlichen Be­stimmungen, nach welchen er weiterhin unter der Aufsicht des Reichsjustizmini­sters stehe.
Seinen 75. Geburtstag am 6. Oktober 1944 verbrachte Martin Druc­ker bei der Familie Duseberg in Aue, wohin seine Schwieger­tochter mit ihren beiden Kindern gegangen war. Auch wenn Heilberg vor 10 Jahren zu Drucker in Großbothen ge­sagt hatte, dass niemand wissen könne, was die nächsten Jahre bringen werden, hatte sicher keiner der da­mals Anwesenden auch nur eine vage Vorstellung von dem, was dann tatsächlich kam.
Martin Drucker hatte allzu früh seine Frau Mar­garethe ver­loren, der jüngste Sohn Peter war 1942 gefal­len, der Älteste war an der Ostfront, die Kanzlei war zerstört, die berufliche  Existenz schien für immer ver­nichtet.
Ein trauriger 75. Geburtstag. Doch die Dusebergs, die Tochter Re­nate und Ursula Drucker, die ihren Schwieger­vater abgöttisch ver­ehrte, versuchten, den Tag so würdig wie unter den Kriegsbe­dingun­gen nur irgend möglich zu gestalten.
Trotzdem war auch zu diesem Zeitpunkt für Martin Drucker noch nicht alles ausgestanden. Im Februar kam die Nach­richt vom Tod des Sohnes Heinrich, und die Schwiegertoch­ter Ursula kam mit ih­ren beiden klei­nen Söhnen zurück nach Leipzig. Hier erfuhren sie kurze Zeit spä­ter, dass ihre Ängste um die in Dresden lebenden Mannsfelds nicht unbegründet waren. Nach dem verheerenden Bombenangriff am 13. Fe­bruar 1945 war die geliebte Schwester Betty schwer verletzt mit zertrümmerter Hüfte, ohne Papiere und ohne Schuhe auf der Straße gefunden worden. Der ne­ben ihr liegende Carl Mannsfeld war tot. Sie wurde in die Klinik ‚Sonnenstein‘ gebracht, wo sie darum bat, die Druckers in Leipzig zu informieren, denn der Rest der Familie war durch den Bombenangriff auf Dresden eben­falls zer­streut und obdach­los. Der Tod des früheren sächsischen Justizministers war für Ju­stizrat Drucker der Schlusspunkt familiärer Todesnach­richten. Der hochanständige Carl Mannsfeld, auf den Martin Druc­ker an­geblich einen solch unheilvollen Einfluss gehabt haben sollte, war 1906 an das Dresdner Oberlandesgericht berufen worden. Er war Richter mit jeder Faser seines Lebens, und hierin lag wohl auch der entschei­dende We­sensunterschied zu dem Rechtsanwalt Drucker. Aber auch po­litisch gehörten sie nicht unbedingt einem Lager an, denn Mannsfeld fühlte sich eher demokratisch-konser­vati­ven Auffas­sungen verbunden. Im Jahr 1922 wurde er zum Chef­präsidenten am OLG Dresden berufen. Anlässlich seines 65. Ge­burtstages würdigt ihn die „Deutsche Juri­sten-Zei­tung“[48] wie folgt:
Im Jahr 1929 wurde er außerdem Justizminister. Er hat seine gleichzeitige Tätigkeit als solcher und als höchster Richter in vorbildlicher Weise ausgeübt und ge­zeigt, wie wertvoll es ist, wenn der Chef eines OLG gleichzeitig auch Chef der Justizverwaltung ist. Mit Mannsfeld wurde unzwei­felhaft der beste Sach- und Fach­kenner Sachsens an die richtige Stelle gesetzt. Er ist ein ausgezeichneter Ju­rist, der sich weit über Sachsens Grenzen durch seine un­ermüdli­che Mitarbeit am neuen StGB und an dessen Beratun­gen verdient ge­macht hat, zugleich ein Mann von ungewöhn­licher Arbeitskraft, ein hoch­geschätzter Vorgesetzter, den nicht nur die Mitglieder des Mi­nisteriums und des OLG, sondern ebenso auch die Richter und Staats­anwälte, die Be­amtenschaft und die jungen Juristen hoch verehren.
Sicher war es für Martin Drucker in dieser Situation ein Trost, dass die geliebte Schwester, die ‚Bettchentante‘, überlebt hatte. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1957 blieben ihre beiden Nichten auf das Engste mit ihr verbunden.
Am 23. Februar 1945 ging schließlich auch die Wohnung in der Schwä­grichenstraße in Flammen auf. Die Situation an diesem Tag, wie sie Renate Drucker sehr anschaulich be­schreibt, mu­tet geradezu kafkaesk an, denn kaum jemand war dieser Situation noch gewachsen. Nur we­nige Erinne­rungsstücke wurden in letzter Minute noch aus der Woh­nung gerettet. Kurz bevor die Balken herab brachen, wurde auch der zerlegte Flügel, auf dem Marga­rethe Drucker so gern gespielt hatte, noch auf die Straße ge­bracht. Die Fami­lie kam zunächst getrennt provisorisch bei Freunden und Bekannten unter. Ein früherer Mandant war bereit, der Familie Drucker eine freie Wohnung  in einem seiner Häuser zu vermieten. Deswegen sprach er im berüchtigten Amt zur Förderung des Woh­nungsbaus in der Harkortstraße1 vor, um die hier­für erfor­derliche Genehmigung zu erhal­ten. Im Nachbarzimmer hielt sich der Rechtsanwalt Zuber­bier, der Leiter diese Amtes, der über viele Jahre di­rekt über Druckers gewohnt hatte, auf. Als er mit an­hörte, worum es ging, drohte  er dem früheren Klienten Martin Druc­kers mit „Maßnahmen der Partei“, und Drucker selbst wolle er nun um­gehend ins Konzentra­tionslager schaffen lassen.
Sofort gewarnt, entzog sich die Familie dem Zugriff der Leip­ziger Verfolger und floh zu Freunden in Jena. Dort wartete Mar­tin Drucker das nahe Ende des Krieges ab. In dieser Zeit der relativen Ruhe und Besinnung gab er endlich dem Drängen seiner Schwiegertochter nach und begann, seine Erinnerungen aufzu­schreiben. Das Leben ohne Geld und Verdienstmöglich­keiten war in Jena für die restliche Familie na­türlich außeror­dentlich schwierig.
Ein Angebot der einmarschierten Amerikaner, nach dem We­sten zu ge­hen und in Frankfurt am Main eine neue Kanzlei aufzubauen war des­halb sicher sowohl lukrativ als auch verlockend. Trotz­dem widerstand der 75jährige Jurist diesen Angebo­ten. Es ent­sprach seiner innersten Überzeugung, dass er dort für den Wie­derauf­bau sorgen musste, wo er hingehörte: in Leipzig.[51]

Die letzten Jahre Wiederaufbau der sächsischen Anwaltschaft

Nach der Befreiung Leipzigs durch die Amerikaner war, wie Martin Drucker nach seiner Rückkehr erfuhr, ein Jeep vor dem völlig zer­bombten Wohnhaus Schwägrichenstraße 5 vorgefahren. Die Amerikaner suchten Drucker, um ihn zum ersten Bürgermeister Leipzigs zu ernen­nen. Wegen seiner Abwesenheit fiel die Wahl auf Rechtsanwalt Dr. Johannes Vierling, welcher kurze Zeit später durch Erich Zeigner abgelöst wurde.
Die Rückkehr von Jena nach Leipzig gestaltete sich unter den kata­strophalen Bedingungen nach dem totalen Zusam­menbruch außerordent­lich schwierig. Die Familie wartete in Jena auf ein Zeichen aus Leipzig, dass sie wiederkom­men könne. Martin Drucker erhielt dann tatsächlich Nach­richt, dass er zurückkehren müsse, „um in den Wiederaufbau ein­geschaltet zu werden.“ Es war jedoch schließlich erst Anfang Juni möglich, Mar­tin Drucker mit einem Auto aus Leipzig von Jena abzuho­len und in seine Heimat- und Geburtsstadt zurückzubrin­gen. Hier bezog die ganze Fa­milie eine Wohnung in der Brand­vorwerkstraße 80. Diese war nur spärlich, mit zum Teil geborgten Möbeln eingerichtet, denn die aus der Wohnung in der Schwägrichenstraße geretteten und untergestell­ten Möbelstücke waren später durch eine Luftmine vernichtet worden. Die Schwiegertochter Ursula, die ihre beiden Kleinkinder zu versor­gen hatte, führte auch den Haushalt. Die Toch­ter Renate hatte einen Lehrauftrag an der Leipziger Uni­versität erhalten. Sie konnte je­doch noch nicht lesen, da die geschichtlichen Fächer zu diesem Zeitpunkt noch ‚gesperrt‘ waren.
Nachdem auch die Tochter Martina im Dezember 1945 aus der russi­schen Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war, wurde sie als Assi­stenzärztin im Universitätskinderkran­kenhaus angestellt. Als Martin Drucker zurückkam, war er bereits wieder in die Liste der beim Amtsgericht zugelassenen Rechts­anwälte eingetragen. So kam es auch, dass hier als Kanz­leisitz die Schwägrichenstraße 5 angegeben war, obwohl dieses Gebäude nicht mehr bestand. Die von seinem treuen So­zius Eckstein mühevoll wieder eingerichtete gemeinsame Kanzlei be­fand sich vielmehr nun im Europahaus am Augustusplatz 7 (später in Karl-Marx-Platz umbenannt).
In seiner Abwesenheit hatten die Amerikaner in einer ge­heimen Wahl durch alle nicht faschistischen Rechts­anwälte einen Bezirksausschuß für Rechtsanwälte und No­tare in Leipzig wählen lassen, zu dessen Präsidenten Martin Drucker bestimmt worden war. Er engagierte sich sofort außerordentlich in der Kommission zur Überprüfung und Wie­derzulassung von Rechtsanwälten in Sachsen. Martin Drucker wurde darüber hinaus zum Vizepräsidenten der Sächsischen Rechtsanwalts- und Notarkammer gewählt und musste deshalb alle zwei Wochen nach Dresden reisen. Offenkundig in dieser Funktion wurde er etwa im Herbst 1946 gebeten, einen Vortrag zum Thema ‚Der Anwalt in der neuen Zeit‘ vor sächsischen Rechtsanwälten zu halten. Das im Anhang erstmals veröffentlichte Manuskript dieser Rede muss als das ein­drucksvolle Vermächtnis Martin Druc­kers an die deutsche Anwalt­schaft angesehen werden.
Er schreibt in erhaltenen Briefen aus dieser Zeit, dass er in seiner ganzen Anwaltspraxis noch niemals dermaßen mit Arbeit in Anspruch genommen worden war, die er nicht einmal in siebzig Wochenstunden bewältigen könne.
Am 28. März 1946 feierte ihn die Leipziger Universität aus Anlass seines Goldenen Doktorjubiläums. Martin Druc­ker war sehr Überrascht darüber, dass so viele Kollegen dieses Jubiläum zum Anlass nahmen, ihm zu gratulieren. Besonders berührt hat ihn das Glück­wunsch­schreiben des nunmehrigen Landgerichtspräsidenten Alfred Neu, mit dem er sich durch gemeinsame Erfahrungen sehr eng verbunden fühlte.
Auf Drängen seiner Schwiegertochter bemühte sich Martin Drucker um die Anerkennung als ‚Opfer des Faschismus‘ bei der Stadt Leipzig. Das hatte zumindest zwei Beweg­gründe: Einerseits wollte Ursula Drucker sicher, dass die Verfolgung und der mutige Widerstand ihres verehrten Schwiegervaters auch ganz offiziell anerkannt wird, an­dererseits war mit einer solchen Anerkennung auch eine bessere Ver­sorgung verbunden, die Martin Drucker dring­lichst benötigte, da im Ergebnis des Krieges das gesamte Hab und Gut verloren gegangen war.
In diesem Zusammenhang bekam Justizrat Drucker einen er­sten Ein­druck von dem, was später kommen sollte, er aber nicht mehr erleben musste. Im September 1946 sprach der bald 77jährige Justizrat in dieser Angelegenheit in der zuständigen Kommunalabteilung in der Humboldtstraße 3 vor. Hier musste er eine dreiviertel Stunde auf dem Kor­ridor warten. Während dieser Zeit wurden aber andere Herren in das Zimmer gerufen, die nach ihm gekommen wa­ren. Als er im Anmelde­zimmer diesbezüglich nachfragte, wurde er von einer Angestellten sofort niedergeschrien und der Lüge bezichtigt. Justizrat Drucker verließ dar­aufhin das Haus. Am 6. September 1946 teilte ihm der Rat der Stadt Leipzig lapidar mit, dass seine Anerkennung als Opfer des Faschismus nicht möglich sei, weil die gesetz­lichen Bestimmungen dies nicht zuließen.
Nach 1945 hat sich Martin Drucker darum bemüht, die ‚Ju­ristische Wo­chenschrift‘, die für seine persönliche Ar­beit über Jahrzehnte so bedeutungsvoll gewesen war, wiederzubeleben. Hierzu trat er in da­mals natürlich sehr langwierigen und schwierigen Schriftverkehr un­ter ande­ren mit Heinrich Dittenberger, der zu dieser Zeit Richter am Amtsgericht in Kitzingen war. In einem dieser Briefe schreibt Dit­tenberger an Drucker: ‚Dass der Deutsche Rechtsverlag Anspruch auf die JW erhebt, ist grotesk. Es wird wohl nicht schwer sein, dies zurückzuweisen.‘
In Abschrift erhalten geblieben ist auch ein Schreiben des damali­gen Ministerpräsidenten von Groß-Hessen, Karl Gei­ler, vom 19. März 1946, welcher die Problematik einer möglichen Konkurrenz der ‚Süddeut­schen Juristenzeitung‘ zur ‚Juristischen Wochenschrift‘ beinhaltet. Auf ent­sprechende Anfrage des Kollegen Wilhelm Kraemer  aus Berchtesga­den, der früher am Leipziger Reichsgericht zugelassen war, antwortete Martin Drucker in einem seiner letzten Briefe am 21. September 1946 wie folgt: „Die Absicht, die Juristische Wochenschrift wieder ins Leben zu rufen, müssen wir wohl nunmehr als gescheitert ansehen. Gerade vor einigen Tagen ist dem Berliner Vertreter der Firma Moe­ser und Professor Melsheimer, der in der Justizver­waltung für das russische Besatzungsgebiet arbeitet, un­ter dem Ausdruck des Bedau­erns eröffnet worden, dass die russische Verwaltung es schlechthin ablehne, für die Ju­ristische Wochenschrift eine Lizenz zu erteilen. Über die Gründe ist nichts gesagt worden.
In einem Schreiben vom 16. Juni 1946 teilt Martin Druc­ker dem frü­heren Senatspräsidenten Helmuth Delbrück resigniert mit: „Meine von Ihnen erwähnten Bestrebungen, den DAV wieder aufzurichten, kommen leider nicht von der Stelle, hauptsächlich deshalb nicht, weil die Geneh­migung der Besatzungsmächte zur Gründung von Vereinen und insbeson­dere solchen, die sich über die Zonengrenze weg erstrecken sollen, nicht zu erlangen ist. Unsere Bemühungen werden fortgesetzt.
Gleichermaßen erfolglos blieben Druckers Bemühungen um die Wieder­begründung des Leipziger Anwaltvereins. Be­reits im August 1945 hatte der Leipziger Anwaltsaus­schuss, dem er vorstand, die Satzung zur Genehmigung ein­gereicht. Diese wurde jedoch durch die Besat­zungsbehörde ohne Gründe nicht erteilt.
Es bleibt bis heute unverständlich, wie der nun bereits über 77 Jahre alte Justizrat Drucker die enorme Arbeits­belastung unter den schwierigsten Arbeits- und Lebensbe­dingungen bewältigt hat. Die er­haltene private Korrespondenz der letzten beiden Jahre spiegelt wiederholte Krankheit wieder. Eine ver­schleppte Lungenentzündung zwang Martin Drucker ins Krankenbett. Dieser Erkrankung erlag der große Leipziger Rechtsanwalt schließlich am 23. Februar 1947. Der lang­jährige Wegbegleiter Martin Druckers und Schriftleiter der ‚Ju­ristischen Wochenschrift‘ Heinrich Dittenberger stellte in dem nachfolgend vollständig widergegebenem Nachruf zutreffend fest: „Drucker verkörpert das Ideal des Rechtsanwaltes.
Das Grab Martin Druckers und seiner Frau Margarethe auf dem alten Johannisfriedhof wurde, wie die vieler weite­rer bedeutender Leipzi­ger Persönlichkeiten, später bei der Umgestaltung zum Friedenspark beseitigt. Im Unter­schied zu dem erwähnten NSDAP-Anwalt Fritzsche, der in Lindenthal als ‚Widerstandskämpfer‘ geehrt wird, erin­nert deshalb in Leipzig nichts an diesen außerordentlich mutigen Anwalt.
Dem Engagement von Dr. Fred Grubel ist es verdanken, dass im Oktober 1989 anlässlich des 120. Geburtstages erstma­lig Vertreter des Deut­schen Anwaltvereins und des Kolle­giums der Rechtsanwälte der damals noch existierenden DDR zu einer Gedenkveranstaltung in Leipzig zu­sammen ka­men. Sowohl Manfred Unger als auch der eigens von New York angereiste Fred Grubel würdigten sehr eindrucksvoll und einfühlsam das Lebenswerk Martin Druckers. In den nachfolgenden Wirren der Wiedervereinigung verfiel je­doch die gerade wieder aufgefrischte Erinnerung an die­sen mutigen Leipziger Juristen sehr schnell wieder dem Vergessen.

[1] Gemeindeverzeichnis Braunschweiger Juden. Geburten/Trauungen/Beerdigungen 1812-1868, Stadtarchiv Braunschweig, Sign. G III 1 : 276
[2] Hermann Samson war der erste Vorsteher der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. Vergleiche hierzu: Festschrift zum 75jährigen Bestehen der Leipziger Ge­meindesynagoge, Nachdruck: Berlin 1994, S. 43 ff.
[3] Albert Leppoc (1806-1875) trat 1847 zum Christentum über. Er wurde als Taufpate von Martin Drucker jun. im Taufregister von St. Nikolai verzeich­net.
[4] Zitat aus Martin Druckers Lebenserinnerungen.
[5] „Lieder für 4 Männerstimmen der vereinigten Bürgergesangsvereine Achtbarkeit und Biedersinn zu Schnarrtanne“, den Sangesbrüdern zu St. Pauli in Leipzig zum 50jährigen Stiftungsfeste gewidmet,  wurde 1872 von Constantin Sander im Musikverlag F.E.C. Leuckart verlegt.
[6] Vergleiche: 125 Jahre Deutscher Anwaltverein, Bonn 1996, S. 4
[7] ) Maria Ottilie Roßbach, geborene Bach (1844-1914), die Ehefrau des Sozius war 1869 eine der Taufpa­tinnen von Martin Drucker jun. Sie war eine Cousine von Ottilie Marianne Mannsfeld, geborene Bach (1842-1918), der Mutter von Margarethe Drucker, geborene Mannsfeld.
[8] Vergleiche hierzu u.a.: Bernd-Rüdiger Kern, Die Geschichte der Leipziger Juristenfakultät; in: Sächsische Justizgeschichte, Band 3, Schriftenreihe des Sächsischen Staatsministeriums der Justiz, Dresden 1994
[9] Ernst Heymann, Nachruf in: Deutsche Juristen-Zeitung, Nr. 28/1923, S. 481
[10] Vergleiche hierzu u.a.: Peter Landau: Juristen jüdischer Her­kunft im Kaiserreich und in der Weimarer Republik; in: Deutsche Ju­risten jüdischer Herkunft, München 1993.
[11] In: Europäisches Markenrecht, Dritter Teil: Vergleichende Dar­stellung der Markenrechte von den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Frankreich, Spanien, Portugal mit dem Deutschen Recht; Dr. Walter Rothschild, Berlin und Leipzig 1912/13
[12] Vergleiche: Vorwort von Dr. Fred Grubel zum Faksimiledruck der Festschrift Martin Drucker 1934; Scientia Verlag Aalen 1983.
[13] Vergleiche hierzu: Rosa Luxemburg im Gefängnis, Fischer Ta­schenbuch Verlag Frankfurt am Main 1987, S. 73
[14] Fred Grubel, Jüdisches Leben und Leiden in Leipzig, Erinnerun­gen 1908 bis 1939, Vorabdruck Leipzig 1997, S. 54 ff
[15] An dieser Stelle habe ich Georg Prick für wertvolle Hinweise zu Max Alsberg und zu dessen Verhältnis zu Martin Drucker zu danken.
[16] Dr. J. Jastrow, Der angeklagte Staatsanwalt, Dr. Walther Roth­schild, Berlin 1930
[17] Tempel rollt weiter! in: „Der Freiheitskampf“ vom 16.12.1930, S. 3
[18] Festschrift der Juristischen Gesellschaft in Leipzig, Verlag von Veit & Comp. Leipzig 1909
[19] Vergleiche hierzu u.a.: Martin Drucker; Neuester und allerneue­ster Strafprozeß; in: Juristische Wochenschrift 1924, S. 241 ff.
[20] 50 Jahre Leipziger Anwalt-Verein, Leipzig 1929
[21] Das Grab Julius Habers befin­det sich noch heute auf dem Leip­zi­ger Südfriedhof
[22] Hachenburg, Erinnerungen; a.a.O. S. 276
[23] Der Beitrag Martin Druckers „Auf dem Wege zum An­waltstande“ wurde auch in der Zeitschrift der Anwalts­kam­mer im Oberlandesgerichts-Bezirk Breslau Nr. 1/1928 veröf­fentlicht.
[24] Vergleiche hierzu insbesondere: Eberhard Haas/Eugen Ewig: Max O. Friedlaender (1873-1956) Wegbereiter und Vordenker des Anwalts­rechts; in: Hein­richs/Franzki/Schmalz/Stolleis, Deutsche Juristen jüdischer Herkunft, München 1993
[25] Der Inhalt dieses Schreibens ist nur dadurch über­lie­fert, weil Rechtsanwalt Dr. Darboven ihn in seiner Beru­fungsschrift vom 13. Mai 1935 an den Ehrengerichts­hof vollständig zitiert.
[26] Max Hachenburg, Lebenserinnerungen eines Rechtsan­walts, Düsseldorf 1927
[27] Vergleiche hierzu: Fred Grubel, Erinnerungen a.a.O., S. 56
[28] Vergleiche hierzu: Ju­daica Lipsiensia, Leipzig 1994, S. 295 ff.
[29] So beschreibt Martin Drucker die Situation in seinem nach 1945 niedergeschriebenen Lebenslauf (Anlage ).
[30] Vergleiche hierzu insbesondere die Personalakte, Staatsar­chiv Leipzig, Landgericht Nr. 1424
[31] Staatsarchiv Leipzig, Amtsgericht Nr. 814
[32] Vergleiche hierzu Schellenberger; Institut für Zeitge­schichte München, Sign. MA 108, Fasz. 4152
[33] Vergleiche hierzu u.a.: Neue Leip­ziger Zeitung vom 18.03.1933, S. 5
[34] Zitiert nach der Berufungsbegrün­dung des Rechtsanwalts Darboven vom 13.05.1935, Seite 2; Institute of Contemporary History and Wiener Library Limi­ted London, Index Number: P.II.b. 138
[35] Zitiert nach Darboven; a.o.O., S. 4
[36] Institute of Contemporary History and Wiener Library Limited London, Index Number: P.II.b. 138
[37] Bundesarchiv, Abt. Potsdam, Sign. EGH dt. RA, Nr. 3181
[38] „Laßt jede Hoffnung hinter Euch, ihr, die ihr ein­tre­tet!“ (Dante, Göttliche Komödie; Hölle 3, 9; Letzter Vers der Inschrift über der Höllenpforte)
[39] So beschreibt Max Friedlaender die Situation im No­vem­ber 1954; Vergleiche hierzu: Interview with Dr. Friedlaen­der, Institute of Contemporary History and Wie­ner Library Limited London, Index Number: P.II.b. 5
[40] Urteil des EGH vom 01.10.1935; a.o.O.; Seite 2
[41] Reichsanwalt Dr. Karl Schneidewin vertrat ausweislich des vorlie­genden Urteils die Staatsanwaltschaft
[42] Zitiert nach der Personalakte Mar­tin Druckers; Staatsarchiv Leipzig, Landge­richt Leipzig Nr. 1387
[43] Vergleiche: Perso­nal­akte Martin Druc­kers; a.o.O.
[44] Staatsarchiv Leip­zig, Amtsgericht Leip­zig Nr. 1265
[45] Martin Drucker in seinem nach 1945 nie­dergeschriebenen Lebenslauf
[46] Vergleiche hierzu: Gerald Wiemers, Re­nate Drucker zum 80. Geburtstag; in: Uni­versität Leipzig, Heft 4/97, S. 11
[47] Personalakte a.o.O. Blatt 24
[48] Deutsche Juri­sten-Zeitung 1930 Heft 21, S. 1383 f.

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Das Urteil

Urteil des Ehrengerichts der Sächsischen Anwaltskammer vom 26.01.1935

Ausfertigung.
Im Namen des deutschen Volkes !

U r t e i l

In dem ehrengerichtlichen Verfahren
gegen
den Rechtsanwalt
Justizrat Dr. Martin  D r u c k e r,  Leipzig
wegen

Verfehlung gegen die §§ 28, 62 der Rechtsanwaltsordnung hat das Ehrengericht der Sächsischen Anwaltskammer in der Sitzung
vom 26. J a n u a  r 1935, an der teilgenom­men haben die Rechtsanwälte:

Dr.  L e u p o l t,  Dresden
Vorsitzender,
Dr.  H.  F r i t z s c h e,  Leipzig,
Dr.  T a m m e n h a i n,  Leipzig,
Hoyer, Dresden,
G l a u n i n g,  Plauen,
als Richter,
Erster Staatsanwalt Dr.   F i s c h e r
als Vertreter der Staatsanwaltschaft beim Oberlandesgericht,
Rechtsanwalt   J u n g, als Protokollführer,

für Recht erkannt:

Der Angeklagte Rechtsanwalt
Justizrat Dr. Martin   D r u c k e r,   Leipzig,
wird wegen Verfehlung gegen die §§ 28,62 der Rechtsan­waltsordnung mit Strafe der Ausschliessung von der Rechtsanwaltschaft belegt und ist die baren Auslagen des Verfahrens zu erstatten schuldig.

Zuzustellen:
Herrn Rechtsanwalt
Justizrat Dr. Martin Drucker,
Leipzig,
Ritterstr. 1/3.

G r ü n d e:

Angeklagt ist der am 6. Oktober 1869 in Leipzig gebo­rene, daselbst wohnhafte und zur Rechtsanwaltschaft am 17. Juni 1898 zugelassene

Rechtsanwalt Justizrat Dr. Martin   D r u c k e r.

Der Angeklagte, der nicht-arischer Abstammung ist, ist viele Jahre lang Präsident des Deutschen Anwaltvereins und dann bis zur nationalsozialistischen Revolution des­sen Ehrenpräsident gewesen.
Ehrengerichtlich ist er noch nicht bestraft.
Auf Grund des Ergebnisses der Hauptverhandlung, insbe­sondere der Aussage des Zeugen Dr. Goldstein[1] und der ei­genen Erklärung des Angeklagten, ist folgender Sachver­halt vom Ehrengericht festgestellt worden:
Mit dem Brief vom 12. September 1930 wandte sich der Zeuge Dr. Goldstein an den Angeklagten, um von ihm, als dem in Standesfragen als besonders bewandert erachteten Berufsgenossen, Auskunft darüber zu erhalten, wie er sich als Verteidiger eines gewissen Becker, eines wegen Spionage zu Gunsten Frankreichs angeklagten deutschen Reichsangehörigen zu verhalten habe. Becker sei von deutschen Kriminalbeamten durch List und Gewalt von französischem auf saarländisches Gebiet verbracht worden, von da auf deutsches Gebiet, und sei dort verhaftet und dem Ober­reichsanwalt in Leipzig zugeführt worden. Becker ver­lange von ihm, Dr. Goldstein, eine Eingabe an die fran­zösische Regierung, damit diese in Berlin seine Auslie­ferung, richtige Rückführung nach Frankreich und Aufhebung der Haft verlange. Seinem Schreiben vom 12. September 1930 an den Angeklagten hatte Dr. Goldstein Abschrift seines Schreibens vom 11. September 1930 an die damalige vom Völkerbund eingesetzte Saar-Regie­rung beigefügt, damit der Angeklagte über den Sachver­halt genügend orientiert sei: In diesem Schreiben vom 11. September 1930 stellte Dr. Goldstein die Verhaftung seines Mandanten Becker als völkerrechtswidrig, insbesondere als Verlet­zung der Hoheitsrechte der Saar-Regierung, hin und ver­langte entsprechendes Einschreiten der Saar-Regierung, die sich deshalb auch an die deutsche Regierung jedoch erfolglos gewandt hat.
Das Schreiben Dr. Goldsteins an den Angeklagten vom 12. September 1930 beginnt damit, dass er sich in einer An­gelegenheit an den Angeklagten wende, die ihn, Dr. Gold­stein, in eine gewisse Kollision zwischen seinem natio­nalen Empfinden und seiner Pflicht als Verteidiger bringe. Dr. Goldstein wollte also von dem Angeklagten Rat und Auskunft darüber, ob er als deutscher Rechtsan­walt sich unmittelbar an die französische Regierung wen­den dürfte, um eine Rücklieferung des deutschen Spions nach Frankreich durch diese Macht fordern und durchset­zen zu lassen.
Am 4. Oktober 1930 fand zwischen dem Angeklagten und Dr. Goldstein eine ausführliche Rücksprache statt, in der dieser nochmals den Sachverhalt und die von ihm angeschnittene Kernfrage darlegte, ob es nämlich mit der Standessitte und den nationalen Pflichten des deutschen Anwaltes vereinbar sein, wenn dieser sich in einer Spio­nagesache an den von der Spionagehandlung begünstigten fremden Staat mit der Bitte um Veranlassung der Rücklie­ferung des Spions wende.
Ausweislich der Aktennotiz des Rechtsanwalts Dr. Gold­stein vom 4. Oktober 1930 in seinen Handakten hat der Angeklagte seine Meinung dahin dargelegt, dass er die Ansicht Dr. Goldsteins teile, wonach er auf Verlangen Beckers an das französische Justiz-Ministerium wegen der Auslieferung heranzutreten habe, wenn er dies als Ver­teidiger zur Wahrnehmung der Interessen seines Mandanten für erforderlich halte.
Dr. Goldstein hat als Zeuge ausdrücklich erklärt, dass er seine spätere Eingabe an das französische Justizmini­sterium bestimmt unterlassen hätte, wenn ihm der Ange­klagte davon abgeraten hätte. Auf Veranlassung der Reichsanwaltschaft ist bereits 1930 gegen Dr. Goldstein wegen seines Verhaltens, in dem eine Verletzung seiner Standespflichten als deutscher Rechtsanwalt gesehen wurde, ein ehrengerichtliches Ver­fahren eingeleitet worden. In erster Instanz ist Dr. Goldstein vom Ehrengericht der Sächsischen Anwaltskammer freigesprochen worden, auf die Berufung der Staatsan­waltschaft hin hat der Ehrengerichtshof Rechtsanwalt Dr. Goldstein mit der Strafe der Warnung belegt. Gegen Dr. Drucker ist damals ein ehrengerichtliches Verfahren nicht eingeleitet worden. In dem jetzt nach der nationalsozialistischen Revolution gegen ihn eingeleiteten ehrengerichtlichen Verfahren verteidigt er sich in fol­genden Richtungen:

1.) Die Verhaftung Beckers sei rechtswidrig gewesen, weil sie gegen die Regeln des Völkerrechts, insbesondere des allgemein anerkannten Asylrechts, erfolgt sei, die damals nach der Weimarer Reichsverfassung Bestandteil der deutschen Rechtsordnung gewesen seien. Ein Verteidi­ger habe die Pflicht, alle Mittel anzuwenden, um vorge­kommene Rechtsverletzungen wieder gutzumachen. Nach Meinung des Ehrengerichts kommt es auf die Frage nicht an, ob die Verhaftung Beckers, der übrigens später mit wohl 8 Jahren Zuchthaus bestraft worden und im Zuchthaus verstorben ist, völkerrechtswidrig erfolgt war. Dr. Goldstein hatte zweifellos als Verteidiger Bec­kers das Recht und die Pflicht, die Völkerrechtswidrig­keit der Verhaftung seines Mandanten vor dem Reichsge­richt geltend zu machen. Er hatte auch das Recht, sich an die Reichsregierung, Auswärtiges Amt, zu wenden, dem die Führung der deutschen Außenpolitik und damit die Wahrung des Völkerrechts obliegt. Schimpflich handelt aber jeder Deutsche, und damit besonders schimpflich je­der deutsche Rechtsanwalt, der Schutz und Hilfe einer gegenwärtigen Macht gegen angebliche Rechtswidrigkeit des eigenen Staates anruft.
Besonders schimpflich, wenn es geschieht zu Gunsten ei­nes Landesverräters, dem durch die Tüchtigkeit und Selbstaufopferung deutscher und deutschfühlender saarländischer Polizeibeamter endlich das Handwerk ge­legt und dessen verdiente Bestrafung dadurch endlich er­möglicht war. Ziel und Zweck des durch den Rat des Angeklagten veran­lassten Schrittes Dr. Goldsteins bei der französischen Regierung konnte nur sein, den deutschen Spion zu Gun­sten Frankreichs seiner verdienten Strafe für sein schimpfliches Handwerk zu entziehen. Damit musste er gleichzeitig in die Lage gesetzt werden und es war mit grösster Wahrscheinlichkeit damit zu rechnen, dass es auch geschehen würde seine für das Deutsche Reich und Volk ausserordentlich gefährliche Tätigkeit weiterhin fortzusetzen. Wenn der Angeklagte sich in der Hauptver­handlung dagegen verwahrt hat, dass der Schritt Dr. Goldsteins geeignet war, Repressalien Frankreichs gegen Deutschland hervorzurufen, weil bei der klaren völker­rechtlichen Lage die deutsche Regierung einem Ersuchen der französischen Regierung und Rücklieferung Beckers gar nicht hätte entgegentreten können, so zeigt diese vom Angeklagten nach seiner Behauptung damals ange­stellte Erwägung nur um so deutlicher, dass der darge­legte Zweck des Schrittes Dr. Goldsteins ihm bekannt und in seinen Willen aufgenommen war. Dass nicht der dazu nächstliegende Weg bestritten wurde, die deutsche Regie­rung, unter Hinweis auf die angeblich klare völkerrecht­liche Lage und die verfassungsgemässe Einordnung des Völkerrechts in die deutsche Rechtsord­nung, zur Befreiung und Rücklieferung Beckers zu veran­lassen, beweist, dass der Angeklagte entweder damals an die Klarheit der Völkerrechtslage, die er heute in den Vordergrund schiebt, nicht geglaubt und gehofft hat, bei der französischen Regierung eine Becker günstigere, da­mit aber den deutschen Interessen nachteilige Auslegung zu finden und durch diese gegen den Willen der deutschen Regierung zur Durchsetzung zu bringen. Oder der Ange­klagte hat angenommen, wiederum entgegen seiner jetzigen Behauptung, dass die deutsche Regierung, noch nicht in genügendem Masse liberalistisch-pazifistisch verseucht, selbst bei klarer Völkerrechtslage zu Gunsten Beckers die schwerwiegenden Interessen des deutschen Volkes dem „Rechte“ Beckers pflichtgemäss voranstellen und dessen Befreiung und Rücklieferung verweigern würde. Ein deut­scher Rechtsanwalt kann durch keinerlei Verteidiger­pflichten gezwungen sein, auf schimpflichste Weise, die jeder deutschempfindende Volksgenosse verabscheuen muss, zu Gunsten eines Spions und Landesverräters, über die mit Recht die deutsche Regierung jetzt wieder die Todes­strafe verhängt und vollstreckt, der deutschen Regierung bei der Wahrung der deutschen Volksinteressen durch An­gehen einer feindlichen Regierung in den Rücken zu fal­len. Da kann von einem Konflikt der Pflichten keine Rede sein. Die Interessen des Volkes, und für einen nichtari­schen Rechtsanwalt die Interessen des Wirtsvolkes, gehen ohne weiteres vor.

2.) Der Angeklagte hat in der Hauptverhandlung längere Ausführungen darüber gemacht, dass ein Verteidiger die moralische Seite der Handlungen des von ihm verteidigten Mandanten nicht zu prüfen habe, dass er nicht befugt sei, in moralischer Hinsicht über die Handlungsweise des Auftraggebers ein Werturteil zu fällen, der Verteidiger habe sich vielmehr nur streng an Recht und Gesetz, und dazu gehöre auch das Völkerrecht, zu halten und in deren Rahmen alle Mittel zu ergreifen, die im In­teresse seines Mandanten lägen. Der Anwalt sei aus­schliesslich Diener des Rechts und damit auch des Völkerrechts.
Dass diese Auffassung unseren nationalsozialistischen An­schauungen widerspricht, bedarf keiner Ausführung. Vor allem Recht steht das deutsche Volk, denn dieses hat ja alles Recht geschaffen, nur das kann Recht sein, was dem Volke dient und nützt. Der Verteidiger eines Landesver­räters hat besonders die Pflicht, darauf zu achten, dass die „Rechte“ dieses Schädlings am Volke nicht zu Schaden des Volkes ausschlagen und damit zum höchsten Unrecht werden. Selbst wenn man dem Angeklagten als Nichtarier und in der damaligen Zeit zubilligen will, dass er sich aus seiner liberalistischen Denkweise heraus dieser Fol­gerungen nicht bewusst geworden ist und sie auch nicht gefühlsmässig erfasst hat, so bleibt doch immer als be­sonders schimpflich an dem Schritte Dr. Goldsteins übrig, dass zugunsten eines Landesverräters eine fremde Macht gegen die eigene Regierung mobilisiert werden sollte. Man braucht sich nur vorzustellen, mit welchem Gefühl des Ekels ein nationalgesinnter Franzose im fran­zösischen Justizministerium die Eingabe Dr. Goldsteins, eines deutschen Rechtsanwalts, gelesen haben wird, um zu ermessen, wie schimpflich die beiden Anwälte gehandelt haben. Es ist bezeichnend, dass die französische Regie­rung auf die Eingabe nichts veranlasst, ja Dr. Goldstein nicht einmal einer Antwort gewürdigt hat. Mindestens das gleiche Gefühl des Ekels muss aber jeder deutschempfindende Volksgenosse empfinden, der von der Handlungsweise der beiden Anwälte Kenntnis erlangt. Der Angeklagte hat auch nicht etwa nur leichtfertig gehan­delt. Dr. Goldsein hat ihm ja ausdrücklich seine Beden­ken aus seinem nationalen Empfinden vorgetragen, wobei nicht verschwiegen werden kann, dass es dem Ehrengericht unverständlich ist, dass ein Arier wie Dr. Goldstein sich bei Bedenken aus nationalem Empfinden heraus Rat ausgerechnet bei drei Nichtariern holt. Dass Dr. Alsberg und Dr. Werthauer zu der Eingabe an das französische Ju­stizministerium nicht geraten haben, zeigt deutlich, dass auch Nichtarier gefühlsmässig das Schimpfliche die­ser Handlungsweise erkennen konnten.

3.) Zu seiner Verteidigung hat der Angeklagte weiterhin ausgeführt, dass seine Tat den zur ehrengerichtlichen Strafverfolgung berufenen Behörden, Staatsanwaltschaft beim Oberlandesgericht und Ehrengericht der Anwaltskam­mer, schon seit dem Jahre 1930, und zwar durch das Ver­fahren gegen Dr. Goldstein, bekannt gewesen sei. Dass bis zur Einleitung des jetzigen Verfahrens gegen ihn nichts unternommen worden sei, zeige deutlich, dass da­mals die zur Wahrung der ehrengerichtlichen Rechtspre­chung berufenen Organe in seiner Handlungsweise nichts Standeswidriges gefunden hatten. Dieses Vorbringen ist zunächst tatsächlich unrichtig. Das Ehrengericht der sächsischen Anwaltskammer hat Dr. Goldstein aus subjek­tiven Gründen freigesprochen, der Ehrengerichtshof hat ihn verurteilt. Die Staatsanwaltschaft beim Oberlandes­gericht hat, nach ihrer damaligen Praxis ein seltener Fall, Berufung gegen das freisprechende erstinstanzliche Urteil eingelegt. Die Reichsanwaltschaft, die kraft Am­tes die Gefährdung der deutschen Volksinteressen durch Landesverräter wie Becker besonders übersehen konnte, hat die Einleitung des ehrengerichtlichen Verfahrens ge­gen Dr. Goldstein veranlasst; sie kannte die Beteiligung Dr. Druckers nicht.
Es muss aber auch einmal offen ausgesprochen werden, dass die geradezu unglaublichen Urteile gegen Dr. Gold­stein sich nur erklären lassen aus einer uns heute unverständlichen Auffassung von den Pflichten des deut­schen Anwalts gegenüber seinem Volke, aus einer völligen Verkennung des Wesens des Rechts und der Aufgaben des Rechtsanwalts und aus einem liberalistisch-pazifisti­schen Objektivitätsfimmel, der kaum zu überbieten ist. Das Ehrengericht will offen erklären, dass es auch Dr. Goldstein wenn diesem gegenüber nicht die Strafklage verbraucht wäre mit der Strafe des Ausschlusses aus der Anwaltschaft belegt hätte, das schon um deswillen, weil er durch seine Eingabe an die Saar-Regierung zwei deutschfühlende saarländische Polizeibeamte um Brot und Stellung und ins Gefängnis gebracht hat, weil sie sich für die deutschen Interessen aufopfernd eingesetzt ha­ben. Dr. Goldstein brauchte den Rat „angesehener“, nicht-arischer Anwälte nicht. Er musste sich bei einiger Überlegung selbst sagen, dass seine Handlungsweise mit dem Ziel, den Spion Becker mit Hilfe Frankreichs der Strafverfolgung der deutschen Behörden zu entziehen und ihm die Möglichkeit weiterer Spionagehandlungen zu eröffnen, unter allen Umständen schimpflich und eines deutschen Anwalts unwürdig war. Haben in der vergangenen Zeit Ehrengerichte nicht erkannt, was die obersten Pflichten eines deutschen Anwaltes sind, so kann das heute nicht zu Gunsten des Angeklagten Dr. Drucker ins Gewicht fallen. Die Mitglieder des Ehrengerichts gegen Dr. Goldstein l. Instanz sind sämtlich nicht mehr in ih­rem Amte. Sie sind in ihrer Denkungsweise und durch die nationalsozialistische Revolution mit Recht beseitigt worden. Dr. Goldstein ist viel zu niedrig be­straft worden, geradezu unglaublich niedrig. Nichts kann das heutige Ehrengericht hindern, gegen Dr. Drucker die richtige und angemessene Strafe zu finden, eine Rechtsan­sicht, der sich auch das Schwurgericht Berlin in dem zweiten Horst-Wessel-Prozess angeschlossen hat, und mit ihm das Reichsgericht als Revisionsgericht dieses Prozes­ses. Wenn die Staatsanwaltschaft beim Oberlandesgericht Dresden seit Kenntnis der Beteiligung Dr. Druckers bis zur nationalsozialistischen Revolution nichts gegen die­sen unternommen hat, so nur deshalb, weil sie sich so lange bei der Zusammensetzung der Ehrengerichte und des Ehrengerichtshofes keinen Erfolg von einer Anklageerhe­bung versprach und nach dem geradezu kläglichen Ergebnis der Verhandlungen gegen Dr. Goldstein auch nicht verspre­chen konnte.

4.) Der Angeklagte hat durch seinen Verteidiger in der Hauptverhandlung davor gewarnt, den Zeitgeist, die gei­stige Einstellung der deutschen Anwaltschaft zur Zeit der Tat zu übersehen. Das Ehrengericht hat sich dem Wunsche des Verteidigers entsprechend ernstlich bemüht, sich in die damalige Zeit mit ihren Anschauungen und geistigen Strömungen zurückzuversetzen. Hier lag, wie das Ehrenge­richt ohne weiteres erkannte, die einzige Möglichkeit, zu einer milderen Auffassung über die Tat des Angeklagten zu gelangen. Auch diese Erwägungen mussten jedoch erfolglos bleiben aus folgenden Gründen:
Landesverrat ist zu allen Zeiten und bei allen Völkern als das ehrloseste und schimpflichste Delikt empfunden worden, das es gibt. Wenn in Deutschland Liberalismus, Internationalismus, Marxismus und nationaler Tiefstand zeitweise bei einem Teil der Volksgenossen, niemals bei allen, das Gefühl für die Schimpflichkeit des Landesver­rats geschwächt haben, so hat diese üble Krankheitser­scheinung doch niemals im deutschen Volke, insbesondere nicht in der deutschen Anwaltschaft, dazu geführt, in dem Landesverräter deutscher Staatsangehörigkeit, besonders wenn er um schnöden Mammon gehandelt hatte, wie Becker, nicht den Lumpen zu sehen, der er nach der Meinung aller Anständigen, gleich welcher Nationalität, immer ist und sein wird. Zur Zeit der Tat des Angeklagten Oktober 1930 begann überdies bereits in breiten und gerade den besten deutschen Volkskreisen die Auffassung über natio­nales Pflichtgefühl sich zu bessern. Die nationale Oppo­sition, besonders die N.S.D.A.P., von deren Reden die ge­samte Presse erfüllt war, geisselte scharf jeden Landes­verrat, selbst aus sog. ideellen, liberalistischen, in­ternationalistischen Beweggründen. Ihre Propaganda hatte immer grössere Erfolge. Das deutsche Volk begann zu erwa­chen, wurde wieder nationalgesinnt. Der Ausfall der Reichstagswahl vom 14. September 1930 107 Sitze der Na­tionalsozialisten kurz vor der zur Anklage stehenden Tat, musste jeden, auch den in politischen Dingen beson­ders erfahrenen Angeklagten auf das erwachende National­gefühl seines Wirtsvolkes hinweisen. Der Angeklagte musste sich sagen, dass sich eine wesentliche Änderung der weltanschaulichen Auffassungen und Grundlagen des deutschen Volkes vorbereite und musste darauf auch bei seiner Ratserteilung Rücksicht nehmen. Der Angeklagte musste als deutscher Anwalt berücksichtigen, dass schon damals viele, und gerade die besten Deutschen, die von ihm Dr. Goldstein angeratene Handlungsweise als schimpf­lich und damit eines deutschen Anwalts unwürdig ansehen mussten. Unberührt von jedem Zeitgeist musste aber für den Angeklagten die Erwägung sein, dass es für einen deutschen Anwalt schimpflich sein muss, die Regierung, ausgerechnet Frankreichs, gegen
den Willen der deutschen Regierung zu mobilisieren, um einen Spion der verdiente Strafe zu entziehen und seinem schimpflichen Handwerk zurückzuge­ben, zum Schaden des deutschen Volkes und in einem künftigen Kriege zur Gefährdung und Vernichtung tapferer deutscher Soldaten, wenn nicht der nationalen Existenz des deutschen Volkes.

5.) Die Verteidigung des Angeklagten hat schliesslich noch darauf hinweisen zu dürfen geglaubt, dass durch eine Verurteilung des Angeklagten, insbesondere mit der Strafe der Ausschliessung, die ganze deutsche Anwalt­schaft getroffen würde; denn der Angeklagte sei Jahre lang Präsident und Ehrenpräsident der deutschen Anwalt­schaft gewesen, ungefähr 15 000 deutsche Anwälte hätten ihn auf den Schild erhoben. Dieser Behauptung muss ent­schieden entgegengetreten werden. Selbst in den schlimm­sten Zeiten geistiger Verwirrung hätte die deutsche An­waltschaft niemals den Gehilfen eines Landesverräters zu ihrem Führer erkoren. Gerade weil der Angeklagte in der damaligen Zeit Führer der deutschen Anwaltschaft war, musste er besonders auf das Ansehen der deutschen An­waltschaft im besten Teile des deutschen Volkes bedacht sein, besonders war er verpflichtet, nicht nur den unter Anklage stehenden Rat zu unterlassen, sondern die lan­desverräterische Eingabe Dr. Goldsteins zu verhindern. Gerade weil seine Meinung in weiten Kreisen der deut­schen Anwälte für massgeblich erachtet wurde, vom Zeugen Dr. Goldstein ja auch als massgebend erachtet worden ist, hatte er die besondere Pflicht, als Führer der deutschen Anwaltschaft und er führte ja schliesslich deutsche Rechtsanwälte und nicht nur Anwälte schlechthin die Interessen des Reiches und des Volkes den Interes­sen eines Landesverräters voranzustellen, auch dann, wenn das seiner allgemeinen politischen Anschauung und seiner Einstellung als Jude nicht entsprach. Die führende Stellung des Angeklagten muss daher aus­schliesslich zu seinen Ungunsten berücksichtigt werden: Er war nicht ein beliebiger Anwalt, sondern er war der Präsident des Deutschen Anwaltvereins mit dadurch be­dingten besonderen Pflichten gegenüber Volk und Recht.
Im übrigen ist rein tatsächlich die Behauptung des Ver­teidigers des Angeklagten, 15 000 deutschen Rechtsanwälte hätten ihn zu ihrem Führer erkoren, unrichtig. Dem Eh­rengericht ist es aus der Standespolitik genügend be­kannt, wie in der verflossenen Zeit vor der nationalso­zialistischen Machtergreifung hervorgehobene Stellungen gerade innerhalb der deutschen Anwaltschaft besetzt wur­den. Die deutschen Anwälte liessen sich bedauerlicher­weise meist von den nichtarischen oder solchen ähnlicher Gesinnung führen. Nationalgesinnte Anwälte hielten sich infolge der allgemeinen politischen Lage von der Stan­despolitik fern. Nationalgefühl war als Politik ver­schrien, die der Standesarbeit ferngehalten werden müsse, liberalistische, sozialdemokratische, ja kommuni­stische Ideen waren unpolitische Menschheitsideen, für die zu kämpfen Aufgabe des freien deutschen Anwalts sei. Viele deutsche Anwälte beteiligten sich deshalb, aus Ekel und Gleichgültigkeit an derartiger Standespolitik, gar nicht an den ständischen Wahlen, ein Teil wählte auch Juden und Marxisten zu seinen Führern, in der Hoffnung, dass die Anwaltschaft aus deren Beziehungen zu den re­gierenden Stellen Vorteile für ihre Standesinteressen ziehen könnte. So konnte sich ein kleiner Kreis, wie ge­sagt, meist nichtarischer Anwälte die Führung der deut­schen Anwaltschaft anmassen. Aus der Gesinnung der dama­ligen Anwaltsführer auf die Gesinnung der deutschen An­waltschaft zu schliessen ist daher verfehlt.
Das Ehrengericht hat sich die Frage vorgelegt, ob das Judentum des Angeklagten strafmildernd in Betracht gezogen werden und ihm die Strafe der Aus­schliessung ersparen könnte, die nach alledem nur in den Kreis der Erwägungen gezogen werden konnte. Auch das war jedoch abzulehnen. Der jüdische Anwalt, der in Deutschland noch heute mit allem gesetzlichen Schutz seinem Berufe nachgehen kann, der trotz der grundsätzlichen Einstellung des national­sozialistischen Reiches aus allgemeinen Billigkeitsgrün­den deutscher Anwalt bleiben konnte, muss die Gewähr dafür bieten, dass er die nationalen Interessen des deutschen Volkes achten und sich bemühen wird, in die Gedanken des nationalsozialistischen Rechts einzudringen und zumindest ihrer Durchsetzung sich nicht entgegenzu­stellen. Diese Gewähr bietet der Angeklagte nach Meinung des Ehrengerichts nicht. Er musste bei seiner Ratsertei­lung mit der Möglichkeit von Repressalien seitens der französischen Regierung gegenüber dem damals völlig wehrlosen Deutschland rechnen. Es war ihm eine derartige Handlungsweise Frankreichs aus der Zeit nach 1918, wie er in der Hauptverhandlung selbst zugegeben hat, be­kannt. Diese Möglichkeit, die sogar eine gewisse Wahr­scheinlichkeit nach dem bisherigen Verhalten Frankreichs für sich hatte, musste mindestens den Angeklagten veran­lassen, Dr. Goldstein vor seinem Vorgehen zu warnen und ihn davon abzuhalten. Das Ehrengericht kann die Nicht­achtung dieser Gefahr und die völlige Umgehung des Auswärtigen Amtes, um sich über den Umfang dieser Gefahr zu unterrichten, die bei Dr. Goldstein vielleicht dessen Leichtfertigkeit und mangelnder Überlegung und politi­schen Erfahrung zur Last zu legen sind, dem Angeklagten bei seiner Intelligenz, Erfahrung und seinem politischen Gefühl nur als Böswilligkeit anrechnen. Sein Verhalten kann schlechterdings nur als Feindseligkeit gegenüber dem deutschen Volke begriffen werden, als Teil der Zer­setzungsarbeit seiner Rasse am deutschen Volkskörper von 1918 1932. Hätten sonst Dr. Arlsberg und Dr. Wert­hauer, die gewiss an liberalistischer, internationaler und antinationaler Rechtsauffassung dem Angeklagten nicht nachstanden, anders gehandelt wie er? In der Hauptverhandlung hat der Angeklagte seiner Meinung dahin Ausdruck gegeben, dass er auch heute noch sein Verhal­ten, seinen damaligen Rat für richtig halte, und dass er auch heute noch vorkommendenfalls den gleichen Rat er­teilen würde, weil für ihn heute noch die Anschauungen über Recht und Aufgaben der Verteidigung massgeblich seien, die oben eingehend widerlegt worden sind. Diese Einstellung war für die Staatsanwaltschaft bestimmend, Antrag auf Ausschluss des Angeklagten aus der Anwalt­schaft zu stellen. Das Ehrengericht hat keine Bedenken getragen, diesem Antrag zu entsprechen. Ein Anwalt, der nach einer schimpflichen Handlungsweise, wie sie unter Anklage steht und strafrechtlich Beihilfe oder Begünsti­gung zum Landesverrat mindestens nahesteht, eine solche Einstellung zeigt, kann nach Meinung des Ehrengerichts unmöglich länger deutscher Anwalt sein. Er ist ein Schandfleck der deutschen Anwaltschaft, der rücksichts­los beseitigt werden muss.

Die Entscheidung betreffend die Auslagen des Verfahrens folgt aus §§ 66,94 RAO. in Verbindung mit § 465 StrPO.

Dr. Leupolt  Dr. Tammenhaim  Dr. Fritzsche  Hoyer Glauning

Ausgefertigt, Dresden, den 11. April 1935

Der Schriftführer des Vorstandes der Sächs. Anwaltskam­mer

Hoyer.

[1] Goldstein änderte nach 1933 seinen Namen in Holstein, vermutlich um dem Verdacht zu entgehen, jüdischer Abstammung zu sein. Nach 1945 war er wieder als Rechtsanwalt und Notar in Taucha zugelassen.

Martin Drucker – Das Ideal eines Rechtsanwalts Vortrag

Der Anwalt in der neuen Zeit

Der Anwalt in der Neuen Zeit ein Thema, über das jede und jeder in dieser Versammlung sich täglich Gedanken macht, und wer etwa von der Initiative eigenen Denkens sich aus Abneigung gegen diese brotlose Kunst dispensie­ren möchte, der wird an das Thema herangeführt durch das, was andere darüber nicht nur denken, sondern reden. Auch in unserem Kreise soll heute über den Anwalt in der neuen Zeit gesprochen werden. Wenn ich nach dem Wunsche des Herrn Präsidenten der vorläufigen Anwalts- und No­tarkammer dazu bestimmt worden bin, diese Besprechung einzuleiten, so ist diese Entschliessung des Kammervor­stands durch die Erwägung bestimmt worden, dass eine pragmatische Beschreibung des Anwalts in der neuesten Zeit aus dem Vergleiche mit den früheren Jahrzehnten schöpfen muss, und das solche Parallelisierung oder auch Kontrastierung am leichtesten aus eigenem Erleben der vergangenen Jahrzehnte gewonnen wird. Die äusserlichen Voraussetzungen für die Übertragung des Referats erfülle ich. Seit ich vor nahezu 40 Jahren auf dem Ausserordent­lichen Anwaltstag 1907 zum Vorsitzenden des vom Vor­stande des Deutschen Anwaltvereins berufenen Geschäftsausschusses ernannt wurde, dem die Aufgabe ge­stellt war, eine dem Reichstag damals vorliegende Civil­prozessnovelle zu bekämpfen, habe ich das Wesen des Deutschen Anwaltsstandes in ungewöhnlicher Vielfältig­keit und Eindringlichkeit erlebt. Diese Erkenntnisse sind mir auch nicht abhanden gekommen in den schmachvol­len 12 Jahren, in denen der Nazismus den totalen Krieg führte gegen alles, was Freiheit und Menschenwürde be­deutet, und damit auch auf die Sterilisierung des Beruf­sethos des Anwaltsstandes hinarbeitete. Heute stehen wir vor der Schicksalsfrage, ob die Wiederanknüpfung an die Zeit vor 1933 möglich und wie weit sie erstrebenswert ist. Der Deutsche Rechtsanwalt ist durch die RAO vom 1. Juli 1878 geschaffen worden. Vorher zeigten die deut­schen Staaten eine erstaunliche Buntscheckigkeit. Hie und da unterschied man noch zwischen Advokatur und Pro­kuratur; in einzelnen Ländern kannte man schon längst die freie Advokatur, in anderen waren die Advokaten staatlich angestellte Beamte. Diese Gegensätzlichkeit der beherrschenden Prinzipien wurde durch grösste Dispa­rität ihrer Durchführung wesentlich verschärft. Dass die Beseitigung dieses Durcheinanders eine staatliche Notwendigkeit sei, wenn Deutschland einheitliche Ge­richtsverfassung und einheitliche Prozessgesetze erhal­ten sollte, wurde befremdlicherweise keineswegs überall anerkannt. Als Gegner der Vereinheitlichung trat unter Bismarcks Führung Preussen auf, dessen Bundesratsbe­vollmächtigter noch im November 1874 im Reichstage die kaum begreifliche These vertrat, dass die gesetzliche Ordnung der anwaltlichen Verhältnisse ausserhalb der reichsgesetzlichen Zuständigkeit liege. Der preussische Partikularismus unterlag. Schon gab es den Deutschen An­waltverein, der in Würzburg stürmisch eine Deutsche An­waltsordnung verlangt hatte. Und im Reichstage waren es führende liberale Politiker, ich nenne den Rechtsanwalt Lasker und späteren Reichsgerichtsrat Otto B ä h r , die einer Deutschen Rechtsanwaltschaft den Weg zum Ziele bahnte. So ist es gekommen, dass die Rechtsanwaltsord­nung als ein von wahrhaft liberalen Anschauungen genähr­tes Gesetz ins Leben getreten ist. Wenn an ihren Grund­lagen in späteren Jahren gerüttelt wurde, so waren die Störenfriede fast immer in jenen Kreisen zu finden, die den Geist freiheitlichen Denkens in spanische Stiefel schnüren möchten; so die nazistische RAO von 1935. Un­abhängigkeit im Denken und Handeln will die liberale Rechtsanwaltsordnung den Rechtsanwälten gewährleisten. „Der Kampf ums Recht, welchen der Anwalt tagaus tagein führen muss,“ so sagt F r i e d l ä n d e r in seinem unübertrefflichen Kommentar „erfordert eine Persönlichkeit, welche bei der Erfüllung ihrer Pflichten vor keiner anderen Autorität als vor dem Rechte selbst Halt macht, welche nur dem Gesetze Gehorsam schuldig ist und durch keinerlei Rücksichten gehindert wird, auch ge­gen die Staatsgewalt, gegen die Behörden zu kämpfen.“ Das ist das Gedankengut, das Montesquieu der eu­ropäischen Zivilisation vererbt hat, in Deutschland für die Notwendigkeiten des Anwaltsberufs ausgemünzt durch den liberalen Politiker und Professor Rudolf von Gneist. Ich hoffe durch die entschiedene Betonung des liberalen Charakters der RAO nicht dem Missverständnis anheim zu fallen, als wollte ich innerhalb der Anwaltschaft Propa­ganda für politischen Liberalismus oder wohl gar für den Anschluss an die liberale Partei machen. Mit solchem Verhalten würde ich illiberal handeln. Die liberale Ver­fassung des Anwaltstandes will und wird keines seiner Mitglieder politisch binden. Sie mögen auf staats- und wirtschaftspolitischem Gebiete denken und handeln, wie es ihrer Überzeugung entspricht. Nur sie müssen sich hüten, diese allgemeine politische Einstellung in die Standespolitik einzuschwärzen. Die frühere Stärke der deutschen Anwaltschaft hat darauf beruht, dass sie unpolitisch geleitet wurde. Ich habe Jahrzehnte im Vorstande des Deutschen Anwaltvereins mit­gewirkt, ausnahmslos allen Vorstandssitzungen, Abgeordnetenversammlungen, Anwaltstagen beigewohnt. Wir wuss­ten, dass die Anwesenden den verschiedensten politischen Parteien angehörten; manche Mitglieder waren Reichstags- oder Landtagsmitglieder. Aber niemals ist unter partei­politischen Gesichtspunkten debattiert und beschlossen worden. Diese bewusste Abstinenz von jeder Parteipolitik stärkte die Standespolitik und steigerte ihre Erfolge. Der Deutsche Anwaltverein hat schon bald nach seiner Re­form im Jahre 1909 vom Reichsjustizministerium die ver­bindliche Zusage erhalten, dass im Reichstage kein die Interessen der Rechtspflege oder des Anwaltstandes berührendes Gesetz beraten werden solle, ohne dass vor­her der Vorstand des Deutschen Anwaltvereins Gelegenheit zur Äusserung erhalten habe. Diese bedeutsame Zusage hätte nie gegeben werden können und gegeben werden dür­fen, wenn damit zu rechnen gewesen wäre, dass die Begut­achtung im Sinne der konservativen oder sozialdemokrati­schen, freisinnigen oder ultramontanen Partei erfolgen werde. So aber hat der organisierte Berufsstand der Rechtsanwälte einen oft nach aussen nicht bemerkbaren Einfluss auf die Rechtsgestaltung gerade deshalb ausüben können, weil keine Parteipolitik getrieben wurde. Diese historische Reminiszenz soll seine besondere Seite des heutigen Themas beleuchten: „Der Anwalt in der neuen Zeit und die Politik“. Ehe ich darauf eingehe, scheint mir der Hinweis darauf nicht überflüssig zu sein, dass ich mit allem was ich gesagt habe und noch sagen werde, nur meine persönliche Ansicht zum Ausdruck bringe, und dass ich nicht einmal weiss, ob und inwieweit die vom Kammervorstand geteilt sind. Formell betrachtet ist es ein Churchill-Toast unter prophylaktischer Inanspruch­nahme von Indemnität. Zur Sache! Immer wieder lesen und hören wir heute, dass der Beitritt zu einer der zugelas­senen Parteien eine Notwendigkeit sei. Solche Fälle, bei denen die Erlangung irgendwelcher Vorteile, beispiels­weise eine Anstellung im öffentlichen oder privaten Dienste, durch Mitgliedschaft bei einer bestimmten Partei erleichtert werden soll, lassen wir beiseite. Sie gehören zum Kapitel Korruption. Ernst ist aber die Argumentation zu nehmen, dass beim Wieder­aufbau eines demokratischen Staatswesens keiner, der gu­ten Willens ist, abseits stehen dürfe, und dass daher jeder sich einer Partei anschliessen müsse, weil nur die Parteien den Wiederaufbau bewirken werden. Von der Rich­tigkeit dieser Beweisführung habe ich mich nicht über­zeugen können. Ein demokratischer Staat kann nur aus den Beschlüssen einer Volksvertretung emporwachsen, die aus allgemeiner Wahl aller, die das Staatsbürgerrecht besit­zen, hervorgeht. Gewiss wäre es zulässig, vom aktiven Wahlrecht Gruppen bestimmter Personen, etwa die, die je­mals der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen angehört haben, zunächst auszuschliessen. Aber dass Wahlrecht nur Mitgliedern zugelassener Parteien zuzustehen, wäre eine Verleugnung des demokratischen Prinzips. Durch die Wahl soll ja gerade auch die Politik der Parteien kontrol­liert werden. Ist aber Parteizugehörigkeit nicht Voraus­setzung für die Ausübung des Wahlrechts, so fällt ein starkes Motiv für den Eintritt in eine Partei fort. Diese Gedankengänge sind viel weiter verbreitet, als die Tagespresse erkennen lässt. Wir dürfen nicht übersehen, dass die unsinnige Verzerrung des Parteibegriffs durch den Nationalsozialismus, der aus der pars das totum machte, eine starke Abneigung gegen das Parteiwesen zu Wege gebracht und zurückgelassen hat. Wir begegnen zahl­reichen Männern und Frauen, unversöhnliche Gegner des Nazismus, die sich aber den heutigen Parteien bewusst fernhalten, weil der Nazismus den Begriff und das Wesen der Partei entwürdigt hat. Wenn aber Parteilosigkeit zu keiner Min­derung der politischen Rechte führen darf, so soll Par­teimitgliedschaft erst recht nicht von dem Anwalt der neuen Zeit bei den gegebenen gefordert werden. Die Mit­gliedskarte befähigt ihn weder zu besserer Erfüllung seiner Berufsaufgaben, noch vermag sie die Standesorga­nisation zu stärken. In Staaten mit ausgeprägt parlamentarischer Re­gierungsform fällt die Führung der politischen Parteien in weitem Umfange Rechtsanwälten zu. Wo Volksvertretung gänzlich fehlt, ist es sicherlich erwünscht, wenn auch Rechtsanwälte sich der nicht immer erfreulichen Arbeit innerhalb der auch hier als Parteien bezeichneten Zusammenschlüsse unter­ziehen. Aber, und darauf kommt es an, solche politische Tätigkeit wird durch die Stellung, die dem Anwalt zur Zeit bei uns ein­geräumt ist, nicht erfordert. Erlauben Sie mir, die persönliche Bemerkung einzustreuen, dass ich selbst seit Jahrzehnten politisch organisiert und auch jetzt Mit­glied einer der vier Parteien bin. Diese Betrachtungen über das Verhältnis zwischen Beruf und Partei leiten über zum Aufbau der heutigen Anwaltschaft. Vor dem 8. Mai 1945 bestand eine straffe organische Verbindung al­ler deutschen Rechtsanwälte. Die nazistische Rechtsan­waltsordnung von 1935 hatte sogar alle Rechtsanwälte dergestalt in der Reichsrechtsanwaltskammer zusammenge­fasst, dass die im Bezirke jedes Oberlandesgerichts be­stehenden Anwaltskammern nur noch Verwaltungsstellen der Reichsrechtsanwaltskammer geblieben waren ohne eigene Mitglieder zu besitzen. Vorher war jede Anwaltskammer ein öffentlich-rechtlicher Zwangsverband aller in ihrem Gebiete zugelassenen Rechtsanwälte. Disziplinarrechtlich wurde die Einheit in gewissem Umfange gewährleistet durch den Ehrengerichtshof, im übrigen durch die ohne gesetzliche Grundlage gebildete Vereinigung der Kammer­vorstände der Anwaltskammern und durch den Deutschen An­waltverein. Mit dem totalen Zusammenbruch des Dritten Reiches sind nicht nur dessen berufsständische Einrich­tungen untergegangen, sondern alle solche, die das Vor­handensein eines deutschen Reiches voraussetzen. Es gibt keine deutsche Gerichtsverfassung mehr. Soweit forensi­sche Institutionen verschiedener Teile des ehemaligen Reiches übereinstimmen, fehlt die gemeinsame verbindli­che Rechtsbasis. Es besteht auch nicht etwa Einheitlich­keit dieser Einrichtungen innerhalb jeder der vier Be­satzungszonen, insbesondere der russischen, zu der das Bundesland Sachsen gehört. Mecklenburg und Thüringen be­sitzen nicht die gleiche Justizverfassung. Aus alledem resultiert, dass es keine deutsche Rechtsanwaltschaft, keinen deutschen Rechtsanwalt mehr gibt. Wir, die hier Versammelten, sind Rechtsanwälte innerhalb des Bundes­landes Sachsen. Sagen wir kurz: Sächsische Rechts­anwälte. Prüfen wir, wie der Einzelne sächsischer Rechtsanwalt geworden ist, so zeigt sich eine bemerkens­werte Verschiedenheit.
In dem ursprünglich von den Amerikanern besetzten westsächsischen Gebiet war durch Gesetz allen Rechts­anwälten (wie auch den Richtern) die Berufsausübung verboten worden, bis der einzelne nach Ableistung eines Eides erneut zugelassen wurde. Zugelas­sen wurde nur, wer der NSDAP nicht angehört hatte. Bei Durchführung dieser Anordnung sind freilich ein paar Betriebsunfälle passiert. Aber das positive Ergebnis war doch, dass schon ab Ende Mai 1945 in Leipzig wieder mehr als 100 Rechtsanwälte tätig waren, die sich niemals un­ter das Joch des Nazismus gebeugt hatten. Ich bitte, es nicht als Lokalpatriotismus zu beanstanden, wenn ich sage, dass diese 100 Leipziger den Kern der antifaschistischen sächsi­schen Anwaltschaft gebildet haben. Uns ist die mi­litärische Entwicklung zustatten gekommen. Östlich der Mulde musste anders verfahren werden. Man half sich mit Vertretungsverboten gegen Nazianwälte. Erst mit der Ein­setzung der Landesverwaltung Sachsen, Abteilung Justiz, konnte an die Vereinheitlichung der politischen Voraus­setzungen für den Wiedereintritt in die Anwaltschaft (und das Notariat) herangegangen werden. Ich will Sie, meine verehrten Anwesenden, nicht mit Schilderungen der überaus umfangreichen, mühseligen und mitunter sehr un­erfreulichen Arbeit aufhalten, die der Landesverwaltung, der Anwaltskammer und den örtlichen Ausschüssen aus der Behandlung der Wiederzulassungsgesuche ehemaliger PGs erwächst. Es geht dabei auch ohne Meinungsverschieden­heiten nicht ab, die das Schicksal des einzelnen Anwalts und seiner Familie von Zufälligkeiten abhängig machen können. Aber darüber wollen wir die Wichtigkeit des Ge­samterfolgs nicht vergessen: kein freier Beruf in ir­gendeinem Teile des ehemaligen deutschen Reiches ist mit solcher Gründlichkeit von allen nazistischen Elementen gesäubert worden, wie der sächsische Anwaltsstand. Rechtsanwalt in Sachsen ist und darf nur sein, wer nazi­stischen Irrlehren niemals gehuldigt oder, wenn er ihnen einmal verfallen war, sich durch Wort und Tat völlig von ihnen befreit hat. Die wahre Demokratie verfügt in Sach­sen über keine festere Stütze als die sächsische Anwalt­schaft der neuen Zeit. Das sollte sich mancher Zeitungs­schreiber und mancher andere kenntnislose oder böswil­lige Kritiker der Anwaltschaft gesagt sein lassen. Wer es wirklich nicht wissen sollte, den wird unsere Berufs­ausübung belehren, sofern er belehrbar ist. Von der Wie­derzulassung scheint nur ein kurzer Gedankengang zur Neuzulassung zu führen. Aber doch treten hier andere Probleme in den Vordergrund. Nach der Rechtsanwaltsordnung musste zuge­lassen werden, wer die Richterprüfung bestanden hatte, sofern nicht bestimmte Versagungsgründe vorlagen. Das Nazigesetz dagegen überliess die Entscheidung dem freien Ermessen des Reichsjustizministers und des Reichsführers im Nazijuristenbund. Der auf gewissenhafte Pflichterfül­lung gerichtete Eid der alten RAO wurde durch ein Treue­gelöbnis für Hitler erweitert und damit durchlöchert. Das Nazigesetz gilt nicht mehr. Ist aber damit die frühere RAO wieder schlechthin anwendbar geworden? Das kann nicht sein. Denn ihr ganzer Aufbau setzt das Beste­hen eines Deutschen Reiches, einer gemeindeutschen Ju­stizorganisation voraus. Es wäre m.E. nicht schwer, durch eine Verordnung mit Gesetzeskraft das Zulassungs­wesen zu regeln, solange das aus Gründen, die, ohne aus­gesprochen zu sein, verstanden werden müssen, nicht angängig erscheint, wird, wie auf so manchen Gebieten, diskretionäres Ermessen der Landesverwaltung angewendet. Das ergibt ein recht missliches Verfahren, soweit die politische Zuverlässigkeit des Bewerbers, d.h. seine Gegnerschaft gegen Nazismus und Militarismus geprüft und bewiesen werden soll. Das rein äusserliche Moment der Zugehörigkeit zu einer der zugelassenen Parteien darf nicht den Ausschlag geben. Andererseits würde ich es für bedenklich halten, wenn die Zeit des Fehlens einer ver­bindlichen gesetzlichen Grundlage dazu benützt werden sollte, den früheren Aufbau der Rechtsanwaltschaft zu reformieren und dabei zu deformieren. Ich denke an die sogenannte Bedürfnisfrage. Nachdem die vornazistische Anwaltschaft sich gegenüber allen Bestrebungen auf Ein­führung eines verkappten oder entblössten numerus clau­sus siegreich behauptet hatte, führte die Naziordnung die heuchlerische Kautschukbestimmung ein, dass bei ei­nem Gericht nicht mehr Rechtsanwälte zugelassen werden sollten, als einer geordneten Rechtspflege dienlich sei. Es wäre tief bedauerlich, wenn die sogenannte Bedürfnis­frage, deren Aufwerfung schon den Charakter der freien Anwaltschaft verkennt, den Zulassungsgesuchen solcher Juristen in den Weg treten würde, die im Sinne der früheren, bewährten Rechtsanwaltsordnung den Anspruch auf Eintritt in unsere Berufgemeinschaft erworben, ihn aber bisweilen nur deshalb nicht erlangt haben, weil sie sich weigerten, PGs zu werden. Solange die Rechtsan­waltsordnung nicht eine Neuredaktion erfährt, die auf die in Sachsen bestehenden tatsächlichen Verhältnisse zugeschnitten ist, fehlt uns auch eine ge­ordnete Disziplinaraufsicht und Ehrengerichtsbarkeit. Die eigene Ehrengerichtsbarkeit ist ein wesentlicher Be­standteil im Organismus der freien Anwaltschaft. Weil der Rechtsanwalt kein Beamter ist und nicht Geschäfte des Staates ausübt, darf er bei seiner Berufsausübung, soweit er nicht etwa allgemeine Strafgesetze verletzt, auch nicht disziplinarer oder ehrengerichtlicher Verfol­gung durch die Verwaltung ausgesetzt sein. Es gibt zu denken, dass es der Hitlerstaat gewesen ist, der sich von diesen althergebrachten Grundsätzen weiter und wei­ter entfernt hat, bis der ehemals freie Anwalt schliess­lich der Willkür des für seinen Niederlassungsort zuständigen Oberlandesgerichtspräsidenten ausgeliefert wurde, der ohne geregeltes Verfahren einfach mit schriftlichem Ukas vorging. Nach meiner Meinung hätte der Chef der deutschen zentralen Justizverwaltung in der sowjetischen Zone, der hochverdiente ehemalige Reichsmi­nister Dr. Schiffer, die Organisation des Rechtsanwalt­standes und damit das Disziplinarwesen zu regeln und wohl schon regeln können. Man hörte bisweilen, dass der­artige Massnahmen noch verfrüht seien, weil wir uns noch in einem revolutionären Zustande befänden, der erst vollständig abklingen müsse. Diese Auffassung halte ich nicht für zutreffend. Eine Revolution in der staats­rechtlich feststehenden Bedeutung dieses Wortes hat es 1945 nicht gegeben. Die breiten Massen, die, wenn über­haupt irgendwelche Volksgruppen, eine Revolution anzu­setzen und durchzuführen imstande gewesen wären, sind nicht dazu gelangt. Der totale Zusammenbruch des Hitler­staates ist nicht durch Revolution, nicht durch das deutsche Volk herbeigeführt worden, sondern durch eine grenzenlose militärische Niederlage. Deren Folge ist die occupatio bellica, unter der wir stehen. Es gibt keine deutsche Souveränität in irgendeinem ehemals zum deutschen Reich gehörigen Gebiete. Aber die Berufung Schiffers zum Chef der deutschen zentralen Justizverwal­tung involviert seine Befugnis, durch Verordnungen, die der Genehmigung durch die oberste sowjetische Besat­zungsbehörde bedürfen, wie das Gerichtswesen so auch das Anwaltsrecht wieder in Kraft zu setzen oder neu zu bil­den. Die vorhandenen Lücken werden jetzt fallweise durch Verfügungen der Landesverwaltung ausgefüllt. Das ist, vom Standpunkte der Anwaltschaft aus gesehen, auch kein erwünschtes Ver­fahren, wenn sie im einzelnen Falle mit der Entschlie­ssung der Landesverwaltung einverstanden sein kann. Ich möchte die Hoffnung nicht aufgeben, dass die manifeste Unzulänglichkeit des jetzigen Zustandes doch in absehba­rer Zeit zu einer positiv gesetzlichen Regelung durch die zentrale Verwaltung in Berlin führen wird. Unsicher, wie die verfassungsmässige Gestaltung des Anwaltstandes, sind auch seine wirtschaftlichen Verhältnisse. Es hat zwar noch nie soviel Anwaltsarbeit gegeben wie jetzt. Die Notwendigkeit der Rechtsanwaltschaft im demokrati­schen Staatsgebilde wird in der Sprechstunde täglich be­zeugt. Darüber, dass das Entgelt für unsere Arbeit bis auf geringe Reste durch die Finanzämter abgesaugt wird, dürfen wir uns nicht beschweren; wir erstreben keine Be­vorzugung vor anderen Ständen. Wohl aber wenden wir uns dagegen, dass uns unmöglich gemacht wird, uns gegen das eminente Risiko zu schützen, das die Ausübung unserer Berufstätigkeit in sich schliesst. Die grosse Mehrzahl von Rechtsanwälten war gegen die Folgen von Regressan­sprüchen bei Berufsversehen versichert. Jetzt, bei der Überlastung mit Arbeit einerseits und der Unsicherheit, um nicht zu sagen Verworrenheit der Rechtsverhältnisse andererseits, ist die Gefahr der Regeressansprüche au­sserordentlich gestiegen. Aber kaum einer von uns wird sich dagegen durch Versicherung decken können. Bei einem Reineinkommen von jährlich RM 9000 sind RM 5778.25 Ein­kommenssteuer abzuführen. Von den verbleibenden RM 3421.75 kann der Anwalt keine Versicherungsprämie bezah­len, die er seltsamerweise nicht vom Bruttoertrag seiner Praxis abziehen darf. Auch für Alter und Arbeitsunfähigkeit vermag der Rechtsanwalt in der neuen Zeit nicht mehr durch Versicherung vorzusorgen. Weggefallen sind auch die se­gensreichen Unterstützungseinrichtungen, die die vorna­zistische Anwaltschaft geschaffen hatte, die Hilfskasse, die Ruhegehaltskasse, der Erholungsstättenverein. Das Millionenvermögen des Deutschen Anwaltvereins ist in Formen, die etwa die Tatbestandsmerkmale des Diebstahls zeigen, weggenommen und zu dunklen Zwecken verbraucht worden. Alles das wirkt zusammen, um die finanzielle Po­sition des Rechtsanwalts noch erheblich über das Mass hinaus zu gefährden, das andere nicht nur mit der Hand arbeitende Stände bedrückt. Trotzdem hängt fast jeder Anwalt an seinem Berufe und das Verlan­gen, in ihn eintreten zu dürfen, hält bei den jüngeren Juristen an. Wir kennen Fälle, in denen neuerdings Rechtsanwälte ihnen angebotene hohe Posten in der Ver­waltung, auch der Justiz, in und ausserhalb der sowjeti­schen Besatzungszone abgelehnt haben, aus keinem anderen Grunde, als weil sie sich innerlich nicht von der An­waltschaft loszulösen vermögen. Und dabei wissen wir doch, dass an vielen Stellen die Anwaltstätigkeit gering geschätzt und der Anwalt grundsätzlich als eine uner­wünschte Erscheinung behandelt wird. Die offizielle Be­wertung unserer Arbeit zeigt sich in der Einstufung bei der Lebensmittelverteilung. Der Rechtsanwalt mit 70 oder mehr Wochenarbeitsstunden steht eine Klasse tiefer als jeder Richter und Staatsanwalt und in noch grösserem Ab­stande von jedem ermeritierten Professor, der als Schwerarbeiter gilt. Abneigung gegen die Rechtsanwälte als Berufsstand macht sich auch in manchen Amtsstuben breit, äussert sich in geflissentlicher Ignorierung an­waltlicher Schreiben oder auch in überheblichen Antwor­ten auf solche. Der erste beste Bürgermeister irgend ei­nes unbeträchtlichen Ortes betrachtet es als ein crimen laesae maiestatis, wenn einer seiner Anordnungen seitens eines Rechtsanwaltes entgegengetreten wird. Nun, wir überwinden den Verdruss über solches Gebaren im dem Be­wusstsein unserer Standeswürde und in der Erkenntnis, dass dieses Anrempeln des Anwaltsstandes wohl immer der Ausfluss undemokratischer, nämlich entweder feudaler oder ochlokratischer Gesinnung gewesen ist. Wo demokra­tische Anschauungen herrschen, wie in den westlichen Ländern, steht der Anwaltstand in dem Ansehen, das ihm gebührt. Die Nörgler in unserer Umgebung brauchten sich nur einmal ein paar Stunden im Palais des Justice in Paris aufzu­halten, sie würden eine Ahnung bekommen, wie ein demokratisches Volk seine Anwälte einschätzt. Wenn der ba­tonnier des Pariser barreaus durch die Hallen und Säle schreitet, geleitet von huissiers mit dem Rufe: place pour monsieur le batonnier, so begegnet ihm nicht weniger Respekt als dem Präsidenten der Repu­blik. Solche äussere Anerkennung unserer Standeswürde werden wir nie in Deutschland erreichen, wo erst jetzt und keineswegs überall der Versuch gemacht wird, demo­kratisches Denken in demokratische Tat umzusetzen. Wir legen auch kein grosses Gewicht auf die äussere Form, obwohl es recht angenehm wäre, wenn wir wieder Talare und Baretts hätten und trügen. Aber wir verlangen, dass unserer Tätigkeit und unserem Stande die Achtung nicht vorenthalten wird, die den hohen ethi­schen Zielen unseres Berufes und der Art, wie wir ihn ausüben, gerecht wird. Die wertvollsten und zugleich empfindlichsten immateriellen Besitztümer des Kulturmen­schen sind das subjektive Recht und die Ehre. Aber während die Ehre nur durch eigene Schuld vermindert oder verloren werden kann, ist das Recht fortwährend der Be­drohung und Beeinträchtigung durch andere ausgesetzt. Das Recht zu schützen durch Anwendung des Rechts das ist die hohe Aufgabe des Richters wie des Rechtsanwalt. Aber der Richter wird erst im Streite angerufen, der Rechtsanwalt greift früher ein und sucht den Streit zu vermeiden, indem er durch Belehrung die Rechtslage klar­zustellen bemüht ist. So dient er nicht allein dem Kli­enten, sondern der Rechtspflege. Ich glaube, dass bei der Göttin Themis mehr Freude herrscht über einen Pro­zess, der vermieden wird, als über 100 gerechte Urteile. Das gilt nach dem 8. Mai 1945 wie es vor dem Januar 1933 gegolten hat. Aber in einer Hinsicht trat mit dem Hit­lerregime ein Umschwung in der Bewertung anwaltlicher Pflichten und Rechte ein. Es war nie zweifelhaft gewe­sen, dass der Rechtsanwalt das Recht seines Klienten auch gegen den Staat zu verteidigen habe, wenn dessen Organe das Recht verletzten. Die gleiche Aufgabe wurde auch dem deutschen Richter nicht bestritten. Das wurde anders nach dem eidlichen Treuegelöbnis gegenüber Hitler und durch die vermessene Theorie über die Einheit von Partei und Staat. Gegen staatliche Behörde oder Partei­stellen das Recht des Einzelnen zu schützen, wurde als politisches Vergehen, als Auflehnung gegen die allgewal­tige Partei, als Blasphemie an der geheiligten Person des unfehlbaren Führers aufgefasst und, wie man im mit­telalterlichen Henkerjargon sagte, angeprangert. Wir er­innern uns daran, wie schon alsbald nach der Etablierung der Hitlerdiktatur einer der angesehensten älteren sächsischen Rechtsanwälte, eine Zierde des Standes, in einer sächsischen Grossstadt einfach deshalb ebenso wie sein Klient verhaftet wurde, weil er einen Prozess gegen die Stadt gewonnen hatte. Wir wissen auch, wie der kleinkalibrige Despot Martin Mutzschmann sich gegenüber der Anwaltschaft als solcher aufführte, weil ihre Mitglieder immer wieder versuchten, gegen den Stachel seines rechtsfeindlichen Polizeisystems zu löcken. Es ist leider nicht zu leugnen, dass von diesen Maximen des Unrechts auch die Rechtssprechung angefres­sen wurde. Diese schmachvollen Zustände liegen hinter uns. Wir demokratischen Anwälte haben das Vertrauen zu den demokratischen Richtern, dass sie wiederum ihr Amt ohne Ansehen der Person ausüben werden, auch dann, wenn die juristische Person des Staates im Unrecht ist. Auf der gemeinsamen Entschlossenheit, dem Recht sein Recht werden zu lassen, beruht nicht zuletzt das gute Einver­nehmen zwischen Richtern und Anwälten, das kaum jemals mit solcher Kraft hervorgetreten ist und sich bewährt hat wie in unseren Tagen. Wir hoffen auch und halten an der Überzeugung fest, dass im neuen Staate, der im demo­kratischen Frühling emporwachsen will, die Sendung der freien Rechtsanwaltschaft nicht verkannt werden wird. Wenn der Rechtsanwalt, um wirklichem oder vermeintlichem Unrecht zu wehren, staatlichen Massnahmen in taktvoller Form, wenn auch mit äusserster Entschiedenheit entgegen­tritt, so ist es der Staat selbst, der aus dieser auf­bauenden Kritik den Vorteil zieht. Es ist ja doch poli­tische Notwendigkeit, dass gute Gesetze angewendet, nicht durch Organe des Staates verletzt oder umgangen, und dass die Mängel missglückter Gesetze aufgezeigt wer­den, um besseren zu weichen. Darum vertrauen wir darauf, dass auch für uns Anwälte in der neuen Zeit die tiefe Weisheit eines Wortes aus Rudolf von Gneists Schrift über die freie Advokatur erkannt und beachtet werden wird:
Der Staat kann kein Element weni­ger entbehren als
einen von der Beamtenstellung freien Juristenstand.

Martin Drucker – Personenregister

An dieser Stelle werden die in "Martin Drucker - Das Ideal eines Rechtsanwalts" (1997) wie auch in dessen Lebenserinnerungen (2007) erwähnten Personen biographisch vorgestellt. Die angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die gedruckten Fassungen dieser beiden Bücher.
Soweit es zu einzelnen Personen biographischen Darstellungen im Internet gibt, wurde der Name mit diesem Beitrag verlinkt. Eine Gewähr für die Richtigkeit dieser Angaben kann nicht übernommen werden.

Ackermann, Heiner
A. war der Sohn von Hans Ackermann (1878-1920) und dessen Ehefrau Maria Kapferer (1892-1922). Er besuchte die Schule Schloß Salem, wo er ein enger Freund von Peter Drucker wurde. Da er Vollwaise war, nahm sich Martin Drucker seiner an.
Quelle: Lebenserinnerungen, S.  131 f.; Drucker, Briefe 47-49

Adler, Abraham
(04.05.1891 Hintersteinau – 21.08.1948 London), Dr. med., Facharzt für innere Krankheiten
A. besuchte das Goethe-Gymnasium in Frankfurt am Main, wo er 1909 das Abitur ablegte. Anschließend studierte es zunächst vier Semester Jura in Heidelberg und Marburg. Im Jahr 1918 legte er in Frankfurt seine medizinische Dissertation vor, nachdem er wiederum in Heidelberg aber auch in Kiel und Frankfurt Medizin studiert hatte. Während des gesamten Krieges hatte A. in einem Seuchenlazarett gearbeitet.
1921 heiratete er in Leipzig Trude Sachs (1899-1988). Aus dieser Ehe gingen sechs Kinder hervor.
A. war zunächst an der Leipziger Universitätsklinik Assistenzarzt bei Geheimrat Professor Adolf von Strümpell (1853-1925). Wegen antisemitischer Umtriebe erhielt er jedoch keine Professur und musste im November 1929 sogar die Klinik verlassen. Daraufhin ließ sich A. als Facharzt mit gut gehender Privatpraxis in der Bosestraße 2 nieder. Im Jahr 1933 verlor A. sofort seine Kassenpraxis und musste schließlich 1937 auch seine Privatpraxis aufgeben. Daraufhin wanderte er mit seiner Frau und den Kindern gegen Ende dieses Jahres nach England aus.
Nachdem er nochmals zwei Jahre Medizin studiert hatte, konnte A. 1940 wieder seine eigene Praxis in London eröffnen. Er wurde wiederum sehr schnell einer der namhaftesten Fachärzte insbesondere unter den Emigranten.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 61, 74; Lebenserinnerungen, S. 153, 161, 172

Ahlswede, Wilhelmine
(20.09.1882 22.05.1974 Leipzig)
A. war die Witwe der Generalkonsuls für den Iran, Hermann Ahlswede (1869-1935), Inhaber der Rauchwarenhandlung Mautner & Ahlswede in Leipzig und New York. Das Grabmal des Ehepaars mit der Ahlswede-Pieta von Max Alfred Brumme befindet sich auf dem Leipziger Südfriedhof.
Quelle: Drucker, Briefe 75

Albrecht, Alexis
(22.05.1843 Köthen – ? Klotzsche-Königswald) Dr. phil., Ordinarius an der Thomasschule, Ober­lehrer (1873-1888)
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 62, 172

Alsberg, Max
(16.10.1877 Bonn – 11.09.1933 Samaden), Professor, Dr. jur., Rechtsanwalt und Notar, Schriftsteller
A. war seit 1906 als Rechtsanwalt in Berlin zugelassen. Er war einer der namhaftesten Strafverteidiger Deutschlands. Seit 1931 hatte er eine Honorarprofessur an der Berliner Universität inne. Wegen seines herausragenden Engagements als Strafverteidiger der Weimarer Republik, aber auch wegen seiner jüdischen Herkunft wurde ihm schon 1933 die An­waltszulassung entzogen. A. floh nach Zürich. Kurze Zeit später be­ging er dort in einem Sanatorium Selbstmord.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 41 ff., 49, 69 f., S. 103; Lebenserinnerungen, S. 135, 137 ff., 142, 158, 172

Alterthum, Willy
(05.12.1879 Berlin ?), Dr. jur., Rechtsanwalt
A. war Mitglied des DAV-Vorstandes und von 1930  bis 1933 hauptamtlicher Geschäftsführer der Berliner RAK. Er emigrierte 1934 mit seiner Familie nach Brasilien.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 92; Ladewig-Winters, Anwalt ohne Recht, S. 107 f.

Aizen, Susanne
(04.03.1924 Leipzig 11.01.1943 KZ Auschwitz), Kontoristin
Martin Drucker verteidigte A. nachdem sie wegen „Rassenschande“ verhaftet und angeklagt worden war.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 72 f., Lebenserinnerungen, S. 148 f.

Apitz, Bruno
(28.04.1900 Leipzig – 07.04.1979 Berlin), Schriftstel­ler, Politiker
A. war von den Nationalsozialisten mehrfach aus politischen Gründen inhaftiert worden. Zuletzt wurde er ins KZ Buchenwald verbracht. Bekannt wurde A. durch seinen 1958 erschienenen Bu­chenwald-Roman „Nackt unter Wölfen“. M.D. verteidigte ihn im Jahr 1918 vor dem Reichsgericht und erneut, als er im Dezember 1934 inhaftiert war.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 42; Lebenserinnerungen, S. 136, 172

Bachweide
siehe: Chadima, Erna

Bachwitz, Hans
(01.08.1882 Leipzig – 24.08.1927 Berlin), Dr. jur., Rechtsanwalt, Schriftsteller
B. war Syndikus des Leipziger Operettenthea­ters und Mitarbeiter an der namhaften Leipziger Zeitschrift „Der Dra­che“. Bis 1920 trug B. den Namen „Bauchwitz“. Er schrieb zahlreiche humoristische Romane und Bühnenstücke. A. war zeitweise Deutschlands meistgespielter Bühnenautor und wie Martin Drucker Mitglied der Bungonen.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 45; Lebenserinnerungen, S. 143, 172 f.

Bähr, Otto
(02.06.1817 Fulda 17.02.1895 Kassel), Dr. h. c. (Marburg), Reichsgerichtsrat
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 106

Bärwinkel, Friedrich Max
(04.01.1870 Leipzig ? Berlin) Rechtsan­walt (1901) und Notar in Leipzig
Sein Vater, Justizrat Friedrich Emil B. (15.05.1824 Leipzig – 18.12.1912 Bad Kösen), war ebenfalls Rechtsan­walt (1851) und Notar (1849) in Leipzig. B. war von 1891 bis 1899 Mitglied des Vorstan­des der Anwaltskammer des Königreiches Sachsen und wurde anlässlich seines 50-jährigen Dienst­jubiläums 1901 mit dem Ritterkreuz I. Klasse des Albrechtsordens geehrt. Vater und Sohn waren gleichzei­tig verpflichtete Übersetzer und Dolmetscher für die englische Sprache. B. stu­dierte Jura in Leipzig (1891/95). Er nahm als Offi­zier am Ersten Weltkrieg teil. Er zog im Oktober 1934 nach Berlin.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 25, 173

Barban, Heinrich
(03.08.1876 Leipzig 01.08.1962 St. John’s/Neufundland), Rechtsanwalt und Notar
B. war seit 1907 als Rechtsanwalt in Leipzig zugelassen. Er verlor zu Zulassung bereits 1933. B. konnte noch 1940 mit seiner Familie nach Shanghai entkommen. Nach Kriegsende emigrierte er in die USA
Quelle: Drucker, Briefe 80, 81, 81 a; Lang, Zwischen allen Stühlen, S. 257 f.

Barth, Johann Ambrosius
(1760 Thalschütz – 1813 Leipzig), Buchhändler, Verleger
B. übernahm 1789 in Leipzig die Haugksche Buchhandlung, die er unter seinem Namen als Verlag fortführte, welcher bis 1995 bestand. Insbesondere sein Sohn Wilhelm Ambrosius B. (1790-1851) führte den Verlag zu großer Bedeutung.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 21, 173

Bartmann, Ferdinand
(28.11.1889 Köln -08.11.1969 Berlin), Rechtsanwalt und Notar
B. war zunächst Rechtsanwalt in Hamm, später in Berlin. Er war zeitweise Geschäftsführer des DAV.
Quelle: Drucker, Briefe 14b, 105

Bauer, A.
Dr. med., Arzt in Lindhardt/Nauhof
B. war ein langjähriger Freund von Heinrich Scheuffler.
Quelle: Drucker, Briefe 104

Baur, Albert
(13.04.1856 Biberach 29.08 1933),  Dr. rer. nat., Chemiker in Mühlhausen
Sein Patent zur Herstel­lung von künstlichem Moschus wurde am 14.08.1891 beim Reichspatent­amt angemeldet und unter der Nr. 62362 eingetragen. Das Patent er­losch am 13.08.1906 wegen Nichtzahlung der Jahresgebühr.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 35 ff., 173

Becker, Carl August
(04.11.1811 Märk. Friedland – 19.08.1892 Dresden?), Kauf­mann
B. gründete 1846 in Leipzig, Ka­tharinenstraße 13, mit Georg Ludwig Philipp Surhoff eine Baumwoll- und Leinwarenhandlung, deren Alleininhaber er 1848 wurde. Er war stellvertretendes Mitglied des königlichen Handelsge­richts in Leip­zig. Er wurde als Jude geboren und ließ sich 1842 in Großdölzig taufen. B. verlegte 1864 seinen Wohnsitz nach Dresden.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 14, 173

Becker, Georg Carl August
(08.01.1862 Leipzig – 16.07.1926 Leipzig), Kommerzienrat
B. war Sohn des oben Genannten, der ihn 1887 in seine Firma aufnahm. Da Unternehmen firmierte zuletzt als Möbelstoffgroßhandlung Carl Aug. Becker KG mit Sitz am Richard-Wagner-Platz 1. B. war verhei­ratet mit Sophie Bertha List (1863-1944) aus der namhaften und weitverzweigten Buchhändlerdynastie.  Sie hatte, wie B., jüdische Vorfahren und wurde Opfer des Holocaust. Aus dieser Ehe ist eine Tochter Ma­ria verheiratete Gräfin von Tauffkirchen hervorgegangen, die in München lebte.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 14, 173

Becker, Josef
(1871-1947), Rechtsanwalt in Köln
Quelle: Drucker, Briefe 14b

Beer, Ludwig
(15.05.1862 Leipzig – 11.01.1929 Heidelberg), Dr. phil., Schriftsteller, Pseudonym: Solitarius
B. war 1881 primus omnium der Thomasschule zu Leipzig. Nach dem bei der Universität Heidelberg überlieferten Nachlass hinterließ B. der Universität einen Teil seines großen Vermögens in Form ei­ner Stiftung.  Unter seinem Pseudonym erschien postum 1934/35 „Das Werk des Solitarius“. Der in den Lebenserinnerungen erwähnte Lehrer des Staats- und Völkerrechts an der Leipziger Universität namens Ludwig Beer war nicht der Mitschüler Druckers.
Quelle: Lebenserinnerungen, 61, 173

Bender, Paul
(28.07.1875 Driedorf 25.11.1947 München), Opernsänger (Bass)
B. war seit 1903 in München engagiert und wirkte in Breslau, spä­ter wieder in München. Gastspiele führten ihn an viele große euro­päische Bühnen, aber auch nach Amerika.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 45, 174

Bergmann, Ernst 
(07.08.1881 Colditz – 16.04.1945 Naumburg) Philosoph, Pädagoge
B. war seit 1916 Professor in Leipzig. Er trat bereits 1930 der NSDAP bei. Mit seinen zahlreichen Schriften und insbesondere als Herausgeber der Zeitschrift „Deutsches Werden“ war er einer der entschiedenen Förderer Hitlers unter den deutschen Philosophen.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 166, 174

Bernays, Michael
(27.11.1834 Hamburg 25.02.1897 Karlsruhe), Lite­raturhistoriker,
B. war der Sohn des Hamburger Oberrabbiners Isaak Bernays (1792-1849); Goethe- und Shakespeare-Kenner.
B. studierte zunächst Jura. Im Unterschied zu seinem Bruder, dem Altphilologen Jacob Bernays (1824-1881), der Zeit seines Lebens fest am orthodox-jüdischen Glauben festhielt, ließ sich B. 1856 taufen, was zur völligen Trennung von seiner Familie führte. B. war Pri­vatdozent in Bonn, ab 1872 außerordentlicher Professor in Leipzig. 1874 wurde er erster Ordinarius für Neugerma­nistik in München. B. veröffentlichte grundlegende Studien über Herder, Schlegel, Wie­land und Klopstock. Sein Sohn Ulrich Bernays (1881-1948) wurde als Pä­dagoge 1933 von der Karlsruher Goethe-Schule sus­pendiert. Er war dort 1947 der Begründer der Volkshochschule.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 103, 173 f.

Bernhard, Georg
(20.10.1875 Berlin – 10.02.1944 New York), Volks­wirt und Journalist
B. war 1904 der Gründer der Zeitschrift „Plutus“ und von 1914 bis 1930 Chefredakteur der „Vossischen Zeitung“. Im Jahr 1928 erhielt er eine Honorar­professur an der Berliner Han­delshochschule. 1928 wurde B. als demokrati­scher Abgeord­neter in den Reichstag gewählt. Er hinterließ zahlreiche Publikationen auf den Gebieten der Wirtschafts­organisation, des Geld-, Bank- und Börsen­wesens und der Finanzwirt­schaft.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 43; Lebenserinnerungen, S.  139, 174

Berthold, Johannes
(11.04.1879 Griesbach ?) Dr. jur., Rechtsanwalt (seit 1908) und Notar
B. war der Sohn eines Seminar-Oberlehrers in Schneeberg. Er kam 1908 von Schneeberg nach Leipzig und heiratete 1914 Charlotte Marie Rein­hold. Aus dieser Ehe ist am 26.02.1919 ein Sohn Hans Wolfgang her­vorgegangen. B. lebte nach 1945 in Bernau, von wo er 1946 nach Leipzig zurückkehrte.
Quelle: Drucker, Briefe 7

Binding, Karl Ludwig Lorenz
(04.06.1841 Frankfurt am Main 07.04.1920 Freiburg im Breisgau), Straf- und Staatsrechtslehrer
B. entstammte einer angesehenen Frankfurter Juristenfamilie. Er war seit 1965 Professor für Straf-, Strafprozess- und Staatsrecht an den Universitäten Heidelberg, Basel, Freiburg und Straßburg. 1873 folgte B. schließlich einem Ruf nach Leipzig auf den Lehr­stuhl für Criminalrecht, den er bis 1913 innehatte. B. zählte zu den Vertretern des auf liberalen Grundideen ba­sierenden Vergel­tungsstrafrechts. Er war auch als Richter und in der Universitäts­verwaltung aktiv. Seine zahlreichen Werke zum Strafrecht gelten nach wie vor als Klassiker. Kurz vor seinem Tode veröffentlichte B. eine umstrittene Schrift über die Freigabe der Vernichtung le­bensunwerten Lebens.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 29; Lebenserinnerungen, S. 108, 174

Blaurock, Marie, geborene Wolf
(21.04.1868 Schlettwein nach 1949 Leipzig)
B. war eine Cousine zweiten Grades von Martin Drucker. Ihre Großmutter väterlicherseits war Natalie Wolf, geborene Dölitzsch (1801-1878), eine Schwester von Druckers Großmutter Constanze Dölitzsch, verh. Klein (1807-1887). Sie wohnte nach 1945 in der Rochlitzstraße 45 in Leipzig. Ihr Sohn Karl B. (1885-1954) und ihre Tochter Martha B. (* 1901) lebten ebenfalls in Leipzig.
Quelle: Drucker, Briefe 110

Bomhard, Eduard von
(01.06.1868 Bamberg – 01.05.1900 München), Richter
Sohn des Senatpräsidenten am Reichsgericht Ernst von Bomhard (1833-1912), B. war 1887 primus omnium an der Thomasschule und später Königlich Bayrischer Landgerichtsrat in München.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 104, 174 f.

Bornstein, Josef
(18.10.1899 Krakau – 23.06.1952 New York), Journa­list und Schriftsteller, Justizkritiker
B. war Mitarbeiter bei der linksliberalen Zeitschrift „Das Tage-Buch“ und bei der Wochenzeitung „Der Montag-Morgen“. Er veröffentlichte im Tage-Buch u.a. den Artikel „Der Ullstein-Roman“, welcher sich mit dem Skandal um Franz und Rosie Ullstein befasste und der zu einer Be­leidigungsklage von Georg Bernhard gegen ihn führte. Ebenfalls eine Beleidigung und Verleumdung hatte ein weiteres Verfahren gegen B. zum Gegenstand. 1928 erschien in „Das Tage-Buch“ ein Artikel von B. über die Vergangenheit des damaligen Reichsanwalts Jorns. 1918 leitete dieser als Kriegsgerichtsrat die Ermittlungen gegen die Mitglieder der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, die an der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht beteiligt waren. Der Artikel berichtete darüber, dass Jorns in dieser Eigenschaft die Strafverfolgung der Täter vereitelt hatte. Dieser stellte Strafantrag wegen Beleidigung. B. als der verantwortliche Redakteur wurde zunächst freigesprochen. Das Reichsgericht hob jedoch das Urteil wieder auf.
B. veröffentlichte ebenfalls im „Tage-Buch“ eine sehr treffende Beschreibung der Vorgänge um den Caro-Petschek-Prozess. Er war Mitglied der deutschen Liga für Menschenrechte. Seine Bücher wurden 1933 ver­brannt.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 43; Lebenserinnerungen, S. 139, 175

Bose, Eduard von
(22.08.1898 Leipzig 19.06.1963 Leipzig), Richter
B. war der Schwiegersohn von Betty Mannsfeld, der Schwester Martin Druckers.
Quelle: Drucker, Briefe 71a, 99; Lang, Zwischen alle Stühlen, S. 272 f.

Bose, Erika von
(07.02.1929 Dresden 06.02.2017 Leipzig), Biliothekarin
B. war die Tochter von Eduard von Bose und eine Großnichte von Martin Drucker
Quelle: Drucker, Briefe 111

Brause, Albert
(10.03.1852 Spahnsdorf 28.09.1924 in Gaschwitz), Professor Dr. phil., Hauptmann a.D.
B. war Lehrer an der Thomasschule von Ostern 1876 bis zum 31.12.1905. Er lebte überwiegend in Brüssel.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 81 ff, 90, 175

Brentano, Ludwig (Lujo) Josef
(18.12.1844 Aschaf­fenburg 09.09.1931 München) Nationalökonom, Professor in Breslau, Straß­burg, Wien, Leipzig und München
B. war ein Bruder von Franz B. und Neffe von Clemens Wenceslaus Maria B. Er war einer der bedeutendsten Vertre­ter der sozialpoli­tischen Richtung der Nationalökonomie, dem sog. Kathederso­zialismus. B. war 1872 Mitbegründer des Vereins für Socialpolitik und trat für die Gewerkschaften und den Freihan­del ein. 1888 wurde B. auf ausdrücklichem Wunsch Roschers in Leipzig zum ordentlichen Professor der Nationalökonomie berufen. Er verließ Leipzig 1890/91 ausschließlich aus familiären Gründen und ging nach München.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 29; Lebenserinnerungen, S. 108, 175

Breslauer, Bernhard
(24.01.1913 Leipzig 05.05.1936 London)
B. war ein Freund Peter Druckers. Er studierte 1932 Jura in Leipzig und emigrierte später nach London.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 132; Drucker, Briefe

Breslauer, Moritz Wilhelm
(18.02.1878 Leipzig 1949 Amsterdam), Bankier in Leipzig
B. war Mitglied der „Leipziger Neunundneunzig“, seine erste Ehefrau war Erna geborene Platky (1889-1941). Bernhard Breslauer war sein Sohn. Seine Tochter Valerie war mit dem Rechtsanwalt Herbert Georg Meyer (1901-1952) verheiratet und arbeitete zuletzt in den USA als Bibliothekarin. B. war in zweiter Ehe mit Hildegard Dora Eleonore Baer, einer Nichtjüdin, verheiratet. Sie starb 1984 in Amsterdam.
Quelle: Drucker, Briefe 76, 77, 77a

Broda, Gustav
(14.12.1845 Dresden 06.07.1912 Borsdorf), Justizrat (1900), Rechtsanwalt (1874) und Notar (1899)
Der angesehene Leipziger Anwalt B. gehörte 1879 zu den Gründungsmitgliedern des Leipziger Anwaltsvereins. Er war verheiratet mit Henriette geborene Calm (1854-1931), einer Tochter des Rechtsanwalts am Reichsoberhandelsgericht David Calm (1825-1875).
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 120 ff, 175; Lang, Zwischen allen Stühlen, S. 283

Brücklmeier, Bruno
(03.02.1872 – 19.05.1943), Rechtsanwalt am Reichsgericht, Justizrat
Vater des Diplomaten Eduard Brücklmeier und  des Filmregisseurs Erich-Fritz B. (* 1907).
Quelle:
Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 48; Lebenserinnerungen, S. 147, 175

Buchholz, Adolf
(01.08.1868 Leipzig 14.10.1932 Leipzig), Pro­fes­sor, Oberstudienrat, Dr. phil.
B. war 1889 Abiturient der Thomasschule und dann dort von 1921 bis 1932 als Lehrer tätig.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 98, 176

Bulthaupt, Heinrich
(28.10.1849 Bre­men 20.08.1905 ebd.), Dich­ter und Dramaturg, Pseudonym: Capobulto
B. war ab 1875 kurzzeitig Rechtsanwalt in seiner Heimatstadt
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 75, 176

Burian, Hermann
(14.01.1906 Neapel 25.11.1974 Parma/Italien), Augenarzt
B. war ein Neffe von Martin Drucker. Seit 1945 war er Direktor der Ophthalmologischen Klinik in Hanover, USA.
Quelle: Drucker, Briefe  59

Burian, Richard
(08.01.1871 Wien 02.05.1954 Iowa City/USA), Dr. med., Prof. für Physiologie
B. heiratete Marie geb. Drucker (1878-1919), die Schwester Martin Druckers. Er war der Vater von Hermann Burian
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 24

Burkhardt, Jacob
(25.05.1818 Basel 08.08.1897 ebd.), Kultur- und Kunsthistoriker
B. studierte zunächst in seiner Ge­burtsstadt Theologie. Er wech­selte dann zur Kunstgeschichte und Philologie. B. war an der Erar­beitung des Brockhausschen Konserva­tionslexikons beteiligt. Zu seinen Werken zählen auch Novellen und Gedichte alemannischer Mundart. Von größter historiographischer Bedeutung war jedoch sein 1860 erschie­nenes Buch „Kultur der Renaissance in Italien“, denn es war die er­ste umfassende Darstellung jener Epoche. Posthum er­schien sein vierbändiges Alterswerk „Griechische Kulturgeschichte“ (1898-1902).
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 99, 176

Buschkiel, Friedrich Ludwig
(1848 Greifswald – 1939 Chemnitz) Dr. phil. (1873 Leipzig), Schulrektor
B. studierte Philologie und Geschichte in Greifswald und Leipzig (1869/70), wo er Mitglied der Universitäts-Sängerschaft zu St. Pauli war. 1874 wurde er an das Königliche Gym­nasium in Chemnitz berufen. Hier wurde er 1909 zum Konrektor berufen. B. trat 1913 in den Ruhestand und war von 1919 bis 1923 1. Vorsitzender des Ver­eins „Kunsthütte“ in Chemnitz. Er war der Vater des Bankiers und Kunstsammlers Dr. Alfred B. (* 1886 Chemnitz)
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 23, 176

Busser, Ralph Cox
(03.01.1875 York/USA 06.03.1955 Philadelphia/USA), Diplomat, Rechtsanwalt
B. war von 1930 bis 1940 Generalkonsul der USA in Leipzig. Er war verheiratet mit Bertice S. Bates (1879-1963). Das Ehepaar hatte sechs Söhne.
Quelle: Drucker, Briefe 75

Collin, Annemarie
(1901 Berlin 1979 Australien), Lehrerin, Bibliothekarin
C., genannt Loll, war eine jüngere Schwester des Mitglieds des Mitglieds der Comedian Harmonists Erich Abraham Collin sowie eine enge  Freundin und Kollegin von Gertrud Landsberg an der Luise-Zickel-Schule in Berlin. Sie wanderte 1939 nach Australien aus.
Quelle: Drucker, Briefe, Landsberg 4; Auskunft Sabine Hank, Berlin vom 25.04.2022

Calmann-Lèvy
französischer Verlag, gegründet von den Brüdern Kalmus  Calmann (1819-1891) und Michel Levy (1821-1875) aus Pfalzburg in Lothringen . Der Verlag war seit 1891 im Besitz der drei Söhne von Kalmus Calmann.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 34, 176

Carl, Richard Heinrich
(16.01.1868 Bautzen vor 1946), Dr. jur. (1894 Leipzig, magna cum laude), Rechtsanwalt in Zeitz
Sohn eines Amtsrats und Mitglied im Vorstand des DAV
Quelle: Drucker, Briefe, 14b

Caro, Nicodem
(23.05.1871 Lodz – 27.06.1935 Zürich), Geheimer Regierungsrat, Professor, Dr. Ing., Chemiker, Naturwissenschaftler und Unter­nehmer
C. entwickelte ge­meinsam mit Adolph Frank (1834-1916) das Verfahren zur Gewinnung von Kalkstickstoff (Frank-Caro-Verfahren). Er war seit 1892 Assistent an der Universität Berlin und später Direktor der bayerischen Stickstoffwerke. Im Jahr 1930 wurde er Präsident des inter­nationalen Kalkstickstoffsyndikats.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 33, 42 f.; Lebenserinnerungen, S. 134, 137 f., 176

Carstens, Moritz
(13.11.1863 Berlin 12.04.1941 Gouda/Niederlande), Dr.jur., Justizrat, Rechtsanwalt und Notar
C. war als Moritz Jacob Cohn geboren. Unter diesem Namen hat er sich 1884 an der Leipziger Universität für Jura immatrikuliert. Die Namensänderung erfolgte vermutlich mit seiner Taufe. Er war zunächst als Rechtsanwalt in Berlin beim Landgericht II, etwa seit 1904 dann in Cottbus zugelassen. C. war Vorstandsmitglied des DAV. Er hatte zwei Kinder. Sein Sohn Dr. Otto C., geboren 22.08.1899 in Berlin, hat ebenfalls in Leipzig Jura studiert und war später Rechtsanwalt in der Kanzlei des Vaters tätig. Vater und Sohn emigrierten in die Niederlande. Die Tochter Anna, geboren am 29.08.1895 in Berlin, studierte Philosophie in Leipzig. Ihr weiteres Schicksal ist unbekannt.
Quelle: Drucker, Briefe 14b

Cerf, Erich 
(25.08.1888 Leipzig – 26.04.1964 Tel Aviv), Rechtsan­walt
C. war Schüler der Nikolaischule und studierte Jura in Leip­zig und München von 1908 bis 1911. 1914 wurde er mit der Disserta­tion „Der Eigentumserwerb an der gefundenen Sache“ mit dem Prädikat „summis honoribus“ zum Dr. jur. promoviert. Nach dem Ersten Weltkrieg nahm er seine Tätigkeit als Sozius in der Kanzlei Drucker und Eckstein auf. C. verlor  bereits 1933 seine Anwaltszulassung und wanderte deshalb unmittelbar nach der Machtergreifung nach Palästina aus. Nach dem Kriegsende wurde C. wieder als deutscher Rechtsanwalt zugelas­sen und bearbeitete zahllose Wiedergutmachungssachen.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 44, 60 f., 64, 66; Drucker, Briefe 4, 5, 14b, 77a; Lebenserinnerungen, S. 412 f., 151 f., 154, 176; Lang, Zwischen allen Stühlen, S. 288 f.

Chadima, Erna geb. Weidenbach
(1888 Leipzig 1965 Freiburg), Korrespondentin, Übersetzerin
Ch. war die Tochter des Architekten Georg Weidenbach (1853-1928) und dessen Ehefrau Frieda geborene Schnackenburg. Sie heiratete 1908 Dr. phil. (Leipzig 1904) Siegfried Levinstein (1876-1945), Baumwollagent in Leipzig. Ihr Ehemann war in Frankreich geboren und besaß die britische Staatsbürgerschaft. Er entstammte einer jüdischen Familie, konvertierte in Dresden vor seiner Heirat und emigrierte nach 1933 in die USA, wo er seinen Namen in Samuel Livingston änderte. Aus dieser Ehe ging 1909 die Tochter Marianne hervor, über deren Schicksal nichts bekannt ist. Nachdem die Ehe 1919 geschieden worden war, heiratete Ch. 1926 den tschechischen Kunstmaler Jaro Chadima (1877-1940) . Auch diese Ehe wurde geschieden.
Ch., die sich immer nur Bachweide nannte, war zeitweise Angestellte im Büro Martin Druckers, nachdem sie geschieden war. Sie war Übersetzerin u. a.: A. G. Hays, Laßt die Freiheitsglocken läuten! Zeitbilder aus Amerika, Leipzig 1929; Maryse Choisy, In den Tiefen von Paris, Reportage, Leipzig 1930.
Quelle: Drucker, Briefe 97

Cohn, Fritz Alexander
(20.06.1897 Leipzig 15.09.1962 Frankfurt am Main), Rauchwarenhändler
C. war der Sohn von Hugo Cohn (1856-1919)und dessen Ehefrau Toni geb. Windmüller (1869-1943), sowie Bruder von Hanna Dobriner, geb. Cohn. Seine Mutter und zwei Brüder wurden Opfer des Holocaust.  Er war verheiratet mit Luise Liesel geb. Weiss (1906-2004) , einer Nichtjüdin. und hatte zwei Söhne. Der äaltere Sohn wanderte 1949 nach Schweden aus. C. war ein Freund von Carl und Gertrud Drucker
Quelle: Drucker, Briefe 114; E-Mail Ellen Bertram vom 13.04.2022

Cramer, Curt
(06.07.1854 Leipzig 29.09.1916 Leipzig), Professor, Pädagoge
C. war seit 1879 Lehrer an der Thomasschule. Sein Vater war der Arzt Dr. med. Ernst Ludwig Theodor C.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 54, 59, 177

Cramer, Walter
(01.05.1886 Leipzig 14.11.1944 Berlin-Plötzensee), Unternehmer, Widerstandskämpfer
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 4

Crusius, Otto
(20.12.1857 Hannover 29.12.1918 München) Philologe
C. war von 1915 bis 1918 Präsident der Bayrischen Akademie der Wissenschaf­ten.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 64 ff., 177

Dangel, Anneliese
(31.03.1922 Leipzig ?), Dr. phil. (Leipzig 1944), Lehrerin an der Buchhändlerlehranstalt
Freundin von Dieter Bergmann, dem Sohn von Gertrud Landsberg.
Quelle: Drucker, Briefe 150

Darboven, Johann Heinrich Nicolaus Jürgen
(21.11.1877 Lauenbruch – August 1950 Hamburg?), Dr. jur. (1901 Göttingen), Rechtsanwalt
D. war seit 1903 Rechtsanwalt in Hamburg. Er war von 1928 bis 1933 Vorstandsmitglied der Hanseatischen An­waltskammer. D. setzte sich vehe­ment gegen Zulassungsbeschränkungen in der Anwaltschaft ein. 1936 wurde gegen D. ein Ermittlungsverfahren vor dem Gauehrengericht eingeleitet.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 65 ff.; Lebenserinnerungen, S. 155 f., 177; Drucker, Briefe 21c

David, Alfons
(13.06.1866 Speyer 11.06.1954 Pasadena/USA), Dr. jur., Senatspräsident am Reichsgericht
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 65; Lang, Zwischen allen Stühlen, S. 299 f.

de Boor, Hans-Otto
(09.09.1886 Schleswig 10.02.1956 Göttingen), Rechtswissenschaftler
de Boor hatte von 1935 bis 1950 eine Professur an der Leipziger Juristenfakultät inne, 1946 war er Dekan der Fakultät.
Quelle: Drucker, Briefe 91, 92

Degen, Ernst Heinrich
(15.02.1870 Leipzig ?), Dr. phil., Oberlehrer
D. war 1889 Primus Omnium an der Tho­masschule. Er studierte von 1892 bis 1894 in Leip­zig und war später Oberlehrer am Königin-Ca­rola-Gym­nasium Leipzig. Sein Vater Ernst Moritz D. war Rechtsan­walt (1855) und Notar in Leipzig. D. war der Lateinlehrer von Hans Fallada, dem er „ebensoviel Talent wie überspannte Phantasie“ bescheinigte.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 69, 83, 177

Dehmel, Richard
(18.11.1863 Hermsdorf 08.02.1920 Blankenese), Dichter und Schriftsteller
D. war ein enger Freund von Kurt Hezel.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 143

Delbrück, Helmuth
(04.11.1891 Stettin 04.06.1957), Dr. jur., Rechtsanwalt und Notar in Stettin
D. wurde 1946 zum Senats- und Vizepräsidenten am OLG Celle berufen. Ab 1948 war er Richter beim Obersten Gerichtshof für die britische Zone.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 85; Lebenserinnerungen, S. 167, 177; Drucker, Briefe 39, 40

Devrient, Otto
(03.10.1838 Berlin 23.06.1894 Stettin), Dr., Schauspieler und Dramatiker
D. entstammte der namhaften deutschen Schauspielerdynastie flämi­scher Herkunft. Er war der Sohn des Schau­spielers und Theaterlei­ters Eduard Devrient (1801-1877). Sein Großvater war der Charakterdar­steller Ludwig Devrient (1784-1832).
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 75, 177

Dinter, Artur
(27.06.1876 Mühlhausen 21.06.1948 Offenburg), Dr. rer. nat. s.c. (1903), antisemitscher Publizist und Politiker
D. studierte nach dem Besuch des humanistischen Gymnasiums in seiner Heimatstadt Naturwissenschaften und Philosophie in München und Straßburg. Schon in dieser Zeit war D. als Schriftsteller aktiv. Bevor er 1905 ins Theaterfach wechselte, arbeitete er als Lehrer.
Politisch engagierte er sich schon frühzeitig im Alldeutschen Verband. F. war Kriegsteilnehmer und wurde schwer verwundet. In dieser Zeit wandte er sich verstärkt dem rechten Radikalismus zu. Nach 1919 ließ er sich als freier Schriftsteller in Weimar nieder. Wegen seiner radikalen antisemitischen Ausfälle musste er bereits 1917 aus dem Verband Deutscher Bühnenschriftsteller ausgeschlossen werden. Es erschienen in dieser Zeit zahlreiche judenfeindliche Bücher und Pamphlete, von denen die Trilogie „Die Sünden der Zeit“ wohl die Übelste war. In den Jahren von 1918 bis 1923 war er der meistgelesene völkische Publizist in Deutschland. 1924 wurde D. in den Thüringer Landtag gewählt. Ein Jahr später wurde er Mitglied der NSDAP und einer deren Führer in Thüringen. Es kam jedoch bald zu Diskrepanzen mit Hitler, was 1927 zu D.s Absetzung führte.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 140, 177 f.

Dittenberger, Rudolph Wilhelm Heinrich
(26.02.1875 Halle – 28.02.1952 Chesieres aus Ollon/Schweiz), Rechtsanwalt, Schriftleiter
D. war zu­nächst Rechtsan­walt in Halle, dann in Leipzig. Er war Mitglied des 1907 berufenen Geschäftsaus­schusses und ab 1910 hauptamtlicher Geschäfts­führer des DAV. Er hatte sich als Schriftleiter der Juristischen Wochenschrift bis 1933 bleibende Verdienste erworben. D. wurde später zum Ehren­mitglied des DAV ernannt. Er wurde durch die Nationalsozialisten sofort fristlos entlassen. Das RAG hatte diese Ent­lassung aber als unzulässig angesehen. D. war seit Januar 1933 als Rechtsanwalt in Berlin zugelassen. Nach 1945 war D. Mitherausgeber der NJW, Ober­amts­richter in Kitzin­gen und später dort wieder als Rechtsanwalt tä­tig.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 45, 48, 85 f.; Lebenserinnerungen, S. 145, 167, 178; Drucker, Briefe 8, 9, 9a, 14b, 105

Dix, Rudolf
(11.05.1884 Leipzig – 17.04.1952 Frankfurt/Main), Dr. jur. (Leipzig 1907), Rechtsanwalt
D. war der Sohn des Leipziger Rechtsanwalts Paul D. (1852 Greiz-vor 1903 Leipzig) und Bruder des Rechtsanwalt Hellmuth Dix. Er war seit 1920 als Rechtsanwalt in Berlin zugelassen. Im Jahr 1927 wurde D. Mitglied des Vorstandes und 1932 Präsident des DAV als Nachfolger Martin Druckers.
D. war der Sprecher der Anwaltschaft im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 43, 48, 51; Lebenserinnerungen, S. 138 f., 147, 178

Dobriner, Herbert Ernst
(12.07.1894 Hamburg ?), Kaufmann, Prokurist
D. und seine Ehefrau Hanna geb. Cohn (1910-1999) waren gute Freunde von Carl Drucker. Das Ehepaar überlebte Theresienstadt und kehrte nach Leipzig zurück.
Quelle: Drucker, Briefe 114, 120; E-Mail Ellen Bertram vom 13.04.2022

Dölitzsch, Arthur Ottomar Olympius
(15.04.1819 Altenburg 14.02.1900 ebd.), Geheimer Justizrat, Advo­cat
D. war Mitbegründer des Deutschen Anwaltvereins auf dem 1. Deut­schen Anwaltstag am 25.08.1871 in Bamberg. Er ver­trat gleichzeitig die im Herzogtum Sachsen-Altenburg bestehende Ad­vocaten-Vereini­gung.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 16, 25; Lebenserinnerungen, S. 10, 29, 31, 178

Donner, Max
(06.05.1855 Plö­sitz 19.12.1925 Leipzig), Lehrer an der Thomasschule seit Ostern 1883
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 64 ff., 178

Drucker, Carl
(24.11.1876 Leipzig 17.03.1959 Uppsala), Prof. Dr., Chemiker
D. war ein Bruder von Martin Drucker. Er war verheiratet mit der Malerin Gertrud geb. Flatow (1882-1965). Die Ehe blieb kinderlos.
Quelle: Drucker, Briefe 116a

Drucker, Conrad
(28.12.1879 Leipzig 06.01.1950 London), Bankier
C. war der jüngste Bruder von Martin Drucker. Er war verheiratet mit Bertha geb. Freyer (1889-1970) und hatte eine Tochter Johanna (Joan) verh. Dickinson. Er leitete in Hamburg die Filiale der Dresdner Bank.
Quelle: Drucker, Briefe 116a

Drucker, Paul
(18.01.1863 Leipzig 10.08.1942 Theresienstadt)
D. war ein Onkel von Martin Drucker aus der zweiten Ehe seiner Vaters. Er blieb unverheiratet und lebte zuletzt in Hamburg.
Quelle: Drucker, Briefe 116a

Düringer, Adelbert
(11.08.1855 Mannheim 02.09.1924 Berlin), Jurist, Politiker
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 44; Lebenserinnerungen, S. 141

Duseberg, Leo
(04.12.1900 Bürstedt – 19.09.1973 Oranienburg), Dr. med., Frauenarzt
D. war bis 1961 Inhaber einer Privatklinik in Aue. Danach war er bis 1968 als leitender Facharzt für Gynä­kologie am Krankenhaus in Oranienburg tätig. D. war verheiratet mit der aus Leipzig stammenden Ärztin Magdalena Maria geborene Krüger (1908-1977).
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 163 f., 178

Eckstein, Friedrich August
(06.05.1810 Halle 15.11.1885 Leip­zig), Dr. phil., Philologe, Pädagoge
E. war der früh verwaiste Sohn eines Maurers. Er wuchs in der Wai­senanstalt der Franckeschen Stiftung auf und wurde 1849 deren Kon­rektor. 1863 berief ihn der Leipziger Oberbürgermeister Otto Koch per­sönlich nach Leipzig, wo er 18 Jahre lang als Rektor an der Thomas­schule wirkte. Daneben hatte E. auch eine Professur an der Universität Leipzig inne. 1902 wurde die Straße, in welcher sich die frühere Thomasschule befand, nach E. benannt.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 27; Lebenserinnerungen, S. 54, 56, 61f., 178

Eckstein, Kurt
(05.06.1881 Leipzig 14.10.1953 Leipzig), Rechtsanwalt und Notar
E. war der Sohn des Dr. med. Anton E. und Mathilde Jacobi. Er war 1900 Abitu­rient an der Tho­masschule. Seit 1908 war E. Rechtsanwalt und seit 1923 auch Notar in Leipzig. E. war zunächst der einzige Sozius von M.D. Er wurde wegen der Fortsetzung der Sozietät nach 1933 durch den Ehrenge­richtshof angeklagt, aber freigesprochen. Nach dem Tode seines So­zius übernahm E. die Praxis von Rechtsanwalt Dr. Max Junghanns (1883-1946) in Groitzsch bei Leipzig, welcher in Ge­fangenschaft gestorben war.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 45, 65; Lebenserinnerungen, S. 19, 142 f., 154, 163, 166, 178 f.

Eitingon, Chaim
(11.12.1857 Schklou 24.12.1932 Leipzig), Rauchwarenhändler
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 142

Eitingon, Motty
(1885 Orscha 28.07.1956 New York), Rauchwarenhändler
Quelle: Drucker, Briefe 89

Eitner, Georg
( 1944 Leipzig), Inhaber der Spedition Hans Eitner AG in der Roscherstraße 11/13 in Leip­zig.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 142, 179

Endemann, Wilhelm
(1825-1899), Handelsrechtler, Professor in Jena und Bonn, Geheimer Justizrat, Mitglied des Reichstages
E. veröffentlichte u.a. 1881/85 ein vierbändiges Handbuch des Deutschen Handels-, See- und Wechselrechts. Ab 1867 war er Mit­glied der Kommission zur Ausarbeitung der ZPO.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 108, 179

Erkes, Anna Babette, geborene Conrady
(1894 Leipzig 1986), Malerin und Graphikerin
E. war die Tochter des Sprachwissenschaftlers August Conrady (1864-1925) und dessen Ehefrau Lucia Roßbach. Die Malerin Lily Herrmann-Conrady (1901-1992) war ihre jüngere Schwester. Sie war seit 1916 verheiratet mit dem Sprachwissenschaftler Eduard Erkes (1891-1958).
Quelle: Drucker, Briefe 102, 103

Fabian, Friedrich
(12.08.1832 Kleinnaundorf bei Dresden 01.04.1899 ?), Lehrer
F. war seit 1868 Lehrer an der Thomasschule.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 58, 179

Feuchtwanger, Siegbert
(02.12.1886 München 05.04.1956 Haifa), Dr. oec. publ., Rechtsanwalt und Redakteur
F. war der Sohn eines Bankiers und seit 1913 als Rechtsanwalt in München zugelassen. Er war Autor zahlriecher wissenschaftlicher Publikationen.
Quelle: Drucker, Briefe 14a; Weber, Jüdische Rechtsanwälte in Bayern, S. 228 f.

Fiedler, Rudolf?
Mitinhaber der 1923 gegründeten Leipziger Firma „Röbel & Fiedler Chemische Fabrik GmbH“ mit Sitz in der Angerstraße 26-28. Die Firma stellte Kosmetikprodukte und chemischen Produkte für die grafische Industrie her und verlegte 1953 ihren Sitz nach Ettenheim.
Quelle: Drucker, Briefe 117

Fischer, Friedrich Hugo
Dr. jur., Erster Staatsanwalt  am OLG in Dresden
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 96

Fischer, Rudolf
(13.07.1913 Leipzig 29.07.2003 ebda.) Pianist, Musikpädagoge
Quelle: Drucker, Briefe 7

Fischer, Walther
(27.10.1883 Tientsin/China – 22.03.1954), Rechtsanwalt in Hamburg
Quelle: Drucker, Briefe 14b

Fitger, Artur Heinrich Wilhelm
(04.10.1840 Delmenhorst 28.06.1909 Horn bei Bremen), Maler und Dichter
F. war der Sohn eines Postmeisters und Hoteliers. Er ging nach der Ausbildung in Oldenburg und Kunststudien in Mün­chen, Dresden, Ant­werpen und Italien nach Bremen, wo er sich als Maler und Dichter betätigte. F. schuf Kolossalgemälde und trat als Dramatiker, Ge­sellschaftspoet und Kunstkolumnist hervor.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 76, 179

Flatow, Clara
(09.11.1885 Berlin ?), Sängerin
F. war eine Schwester von Gertrud Drucker, geb. Flatow
Quelle: Drucker, Briefe 114

Förster-Nietzsche, Elisabeth Alexandra
(10.07.1846 Röcken -08.11.1935 Weimar), Dr. phil. h.c., Schriftstellerin
F. war die Schwester von Friedrich Nietzsche und nach dessen Tod die Herausgeberin seiner Werke. Sie war die Gründerin und Leiterin des Nietzsche-Archivs in Weimar. Seit 1885 war F. verheiratet mit dem Antisemiten und Lehrer Bernhard Förster (1853-1889), welcher in Paraguay Selbstmord beging. Er hatte dort versucht, eine germanische, d.h. judenfreie, Kolonie zu gründen.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 137, 179

Forcellini, Egidio
(26.08.1688 Campo Sampiero 04.04.1768 ebd.), Lexikograph
F. wurde als Sohn armer Eltern geboren. Erst 1704 konnte er das Seminar in Padua besuchen, wo sein Lehrer seine besondere Begabung erkannte. Von 1718 bis zu seinem Tod las er den gesamten Bestand der überlieferten lateinischen Texte und Inschriften. Erst vier Jahre nach seinem Tod konnte das vierbändige Werk erscheinen, auf dem die meisten Wörterbücher des 19. Jahrhunderts basieren.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 83, 179

Forche, Hans-Eberhard
(07.02.1914 Stolp/Preußen Frankfurt am Main?), Chemiker, Biliothekar
F. war der Sohn des Kaufmanns Paul Forche in Leipzig. Er studierte ab 1932 Chemie in Leipzig. Nach 1945 war er Leiter der wissenschaftlichen Bibliothek der Farbwerke Hoechst AG, vormals Meister Lucius & Brüning in Frankfurt am Main.
Quelle: Drucker, Briefe 13, 13 a, 14aa+

Fränkel, Norbert
F. war der Schwager von Becka Frankel und David Steinmarder
Quelle: Drucker, Briefe 100

Frank, Adolph
(20.01.1834  Klötze 30.05.1916 Charlottenburg) , Chemiker
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 42; Lebenserinnerungen, S. 137

Frankel, Becka (früher: Rebecca Fränkel), geborene Steinmarder
(um 1893 04.05.1959 London)
F. war mit Avraham Fränkel (1888-1970) verheiratet. Sie war die Schwester von David Steinmarder und die Schwägerin von Norbert Fränkel.
Quelle: Drucker, Briefe 100

Franz, Herbert
(27.06.1896 Hoyerswerda ?),  Dr. jur., Rechtsanwalt in Leipzig
F. war der Sohn des Gutsbesitzers Otto Franz; Referendar bei Martin Drucker, 1946 wurde er als Rechtsanwalt in Leipzig zugelassen.
Quelle: Drucker, Briefe 63

Franz, Rudolf
(18.03.1880 Sonneberg vor 1949 Leipzig), Rechtsanwalt (seit 1907) und Notar
F.  war zeitweise Mitglied des Vorstandes der Sächsischen Anwaltskammer. Er wurde nach 1945 wieder als Rechtsanwalt in Leipzig zugelassen, aber bald wieder aus der Anwaltschaft ausgeschlossen.
Quelle: Drucker, Briefe 59

Frederking, Phillip Friedrich Theodor
(07.08.1844 Minden 15.01.1914 Leipzig), Kaufmann
F. war verheiratet mit Therese Drucker (1851-1927), der Halbschwester Martin Druckers sen. Er adoptierte die leibliche Tochter seines Bruders Adolf F. (1845-1903) namens Lina (1876-1964) verh. Köpp.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 14, 25; Lebenserinnerungen, S. 48, 179

Freyer, Hans
(31.07.1887 Leipzig – 18.01.1969 Ebersteinburg), Dr. phil. (Leipzig 1911), Soziologe, Philosoph und Historiker
F. war der Sohn eines Postmeisters. Von 1907 bis 1911 studierte er Philosophie, Geschichte und Volkswirtschaftslehre in Greifswald und Leipzig. Nach Lehrtätigkeit an verschiedenen Reformschulen habilitierte er sich 1920 in Leipzig, wo er zwei Jahr als Privatdozent wirkte. Dann übernahm er bis 1925 eine Professur in Kiel. Anschließend hatte F. bis 1948 wiederum in Leipzig eine Professur für Soziologie inne, wo er zugleich Leiter des Instituts für Kultur- und Universalgeschichte war. In dieser Position gehörte er zu den Protagonisten der Nationalsozialisten an der Leipziger Universität. Deshalb wurde er 1947 beurlaubt und schließlich 1948 entlassen. F. ging dann nach Westdeutschland, wo eine Berufung nach Göttingen wegen seiner Nähe zum Nationalsozialismus scheiterte. Im Jahr 1953 erhält er schließlich eine Professur für Soziologie in Münster.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 160, 179 f.

Fricke, Gustav Adolf
(23.08.1822 Leipzig – 30.03.1908 Leipzig), Dr. phil., Theologe, Geheimer Kirchenrat.
F. war der Sohn eines Porträtmalers. Nachdem er sich 1846 habili­tiert hatte, wurde er 1851 ordentlicher Professor in Kiel, dann 1865 Oberkatechet an der Leipziger Petrikirche und 1867 Pro­fessor an der Theologischen Fakultät der Leipziger Universität. Er war zugleich Vorsitzender des Gustav-Adolf-Vereins. Seine Verdienste um die Stadt, die Universität, die theologische Wissenschaft und den Gustav-Adolf-Verein wurden 1892 mit der Ernennung zum Ehren­bürger Leipzigs gewürdigt. Nach seinem Tod wurde in Leipzig eine Straße nach ihm benannt. Hilde Teichgräber war seine Tochter.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 50, 77 ff., 180

Friedberg, Emil Albert
(22.12.1837 Konitz/Westpreußen 07.09.1910  Leipzig), Dr. jur., Kir­chenrechtler, Hofrat
F. war seit 1869 ordentlicher Professor in Leipzig. Für seine Ver­dienste wurde er zum Ehrenbürger der Stadt Leipzig und zum Ehren­doktor der Universität Bologna ernannt. F. war Ehrenmitglied der Universitäts-Sängerschaft zu St. Pauli.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 29 f.; Lebenserinnerungen, S. 108,130, 180; Lang, Zwischen allen Stühlen, S. 331ff.

Frieders Kurt (bis 1923: Friedländer)
(30.04.1882 Berlin 1979 Schweden), Staatsanwalt
F. entstammte einer begüterten jüdischen Familie. Er wurde jedoch bereits 1899 getauft. Nach dem Jura-Studium begann F. eine Laufbahn als Staatsanwalt. Bei Ausbruch des Krieges 1914 meldete er sich freiwillig an die Front. Im Jahr 1919 wurde F. Staatsanwalt in Trier. Als er 1922 nach Weimar wechselte, startete eine Kampagne der rechtsgerichteten Presse in Thüringen gegen ihn, weil er die Stelle nur aus politischen Gründen erhalten habe. Die antisemitischen Angriffe endeten auch nicht als F. als Oberstaatsanwalt nach Altenburg wechselte. Von dort kam er aber bereits 1924 wieder zurück nach Weimar. Im Zusammenhang mit einem Verfahren gegen den Staatsbankpräsidenten wurde er schließlich des Meineides beschuldigt, was zu einem der großen Justizskandale der Weimarer Republik führte.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 44; Lebenserinnerungen, S. 139 f., 180

Friedländer, Adolf
(23.01.1869 Bromberg 22.08.1942 Frankfurt am Main), Landgerichtsrat, Fachbuchautor
F. war der Bruder von M. Friedlaender. Er begann seine Tätigkeit als Richter 1888 in Frankfurt/Main. Vor der drohenden Deportation beging er Selbstmord.
Quelle: Drucker, Briefe 14a, 14b

Friedländer, Ilse (seit: 1926: Lippert-Dähne-Friedländer)
(04.03.1871 Leipzig 07.11.1951), Gesangsleh­rerin
Ihr Vater war der Mediziner Dr. Max Friedländer (1841-nach 1907), ihre Mutter Mary Rosalie geborene Lippert-Dähne (1848-1930) gehörte einer alteingesessenen Leipziger Familie an. F. veröffentlichte in den zwanziger Jahren gemeinsam mit Amélie Nikisch Bearbeitungen der Opern „Aebelö“ von Joseph Gustav Mraczek und „Daniel in der Löwengrube“ von Ernst von Wolzogen.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 98, 180

Friedlaender, Max
(26.06.1873 Bromberg – 28.05.1956 Twicken­ham/England), Rechts­anwalt, Autor
F. war seit 1899 in München als Rechtsanwalt zugelassen. Er war Mitverfasser des Standardkommentars zur RAO und publizierte zahlreiche Publikationen zum Standes­recht. Von 1924 bis 1933 war F. Vorstandsmit­glied des DAV. Nachdem ihm im Jahr 1938 die Zulassung entzogen worden war, emigrierte er mit seiner Familie nach England.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 48 f., 66 f., 106; Lebenserinnerungen, S. 132 f., 145, 147 f., 150 f., 156, 168, 180 f.; Drucker, Briefe 64, 65, 105

Friedländer, Thekla
(? Leipzig ? Leipzig), Konzertsängerin (Sopran), Musiklehrerin
F. war die Tochter des Arztes Hermann F. und dessen Ehefrau Charlotte geborene Heimbach. Ilse Lippert-Dähne-Friedländer war ihre Nichte.. Sie war zuerst viele Jahre eine erfolgreiche Konzertsängerin in England. Ihre Schwester Helene Marie (1844-1891) war ebenfalls Sängerin und mit Salomon Jadassohn verheiratet.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 98 f.

Friedmann, Wilhelm
(19.03.1884 Wien – 11.12.1942 Frankreich), Professor, Dr. phil., Romanist
F. gründete Mitte der zwanziger Jahre in Leipzig die Deutsch-Französische Studiengesellschaft, welche die neuesten Bücher und Autoren zu Lesungen nach Leipzig holte. Ihm wurde im April 1933 der Lehrstuhl für romanische Philologie an der Leipziger Universität entzogen. F. lebte seit Sommer 1933 im Exil in Frankreich. Als er bei seiner Flucht nach Spanien in den Pyrenäen von deutschen Truppen aufgegriffen wurde, nahm er sich das Leben.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 32; Lebenserinnerungen, S. 131, 133, 181, Drucker, Briefe 80, 81a

Fritzsche, Johannes
(23.03.1902 Dresden 12.04.1945 Lindenthal), Rechtsanwalt und Notar
F. war als Rechtsanwalt in Leipzig zugelassen. Nach 1933 wurde er auch zum Notar ernannt. F. war führendes Mitglied der NSDAP seit 1930 und des NS-Rechtswahrerbundes in Leipzig und er­klärter persönlicher Gegner von M.D. Er wurde wegen per­sönlicher Vorteilsnahme aus der NSDAP ausgeschlossen und geriet of­fenbar in persönliche Gegnerschaft zu Mutschmann. Er wurde unter den chaotischen Verhältnissen kurz vor Kriegsende mit 52 Gegnern des Hitlerregimes in Lindenthal bei Leipzig erschossen.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 65 ff., 86, 96; Lebenserinnerungen, S. 154 ff., 168, 181

Fruchtmann, ?
Quelle: Drucker, Briefe 5a

Fürst, Rudolf
(01.09.1865 Heidelberg 23.03.1943 Vernichtungslager Sobibor), Dr. jur., Rechtsanwalt
F. war der Sohn eines Rechtsanwalts und Fachautor in Heidelberg sowie Mitglied des DAV-Vorstandes.
Quelle: Drucker, Briefe 14a, 14b; Lang, Zwischen allen Stühlen, S. 730

Fugger-Blumenthal, Eberhard Joseph Graf von
(24.02.1824 Blumenthal 04.05.1903 München)
F.-B. war seit 1854 verheiratet mit Johanne Maximiliane Adelheid geb. Edler von Mayer auf Starzhausen (28.09.1833 Starzhausen 17.02.1902 München). Aus dieser Ehe sind vier Kinder hervorgegan­gen.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 102, 103, 181

Gabelsberger, Franz Xaver
(09.02.1789 München – 04.01.1849 ebd.), Kanzlist, Kalligraph
G. entstammte bescheidenen familiären Verhältnissen. Weil er deshalb nicht studieren konnte, ging er in den Staatsdienst, wo er zunächst Kanzlist wurde. Dort fielen seine Fähigkeiten auf dem Gebiet der Kaligraphie und Lithographie auf. Mit 28 Jahren begann er sein System einer Kurzschrift zu entwickeln, dass sich sehr schnell, insbesondere in den Parlamenten und der Verwaltung durchsetzte. Sein System ist die Grundlage der heutigen Stenografie.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 89, 181

Galeckas, ?
litauischer Zwangsarbeiter
G. wurde 1942 vor dem AG Leipzig verteidigt.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 72

Gebhardt, Hertha Antonie Mathilde von, geborene Triepel
(02.02.1896 Leipzig – 08.07.1978 Berlin), Schriftstellerin, Drehbuchautorin
G. arbeitete bis 1920 als Sprachlehrerin für französisch in Berlin. Die Tochter von Heinrich Triepel und Enkelin des Ägyptologen Georg Ebers war seit 1919 mit dem Genealogen Peter von G. (1888-1947) verheiratet. Ihr Schwiegervater war der Direktor der Leipziger Universitätsbibliothek Oscar von G. (1844-1906). Die Ehe wurde 1927 geschieden. G. schrieb zwischen 1932 und 1947 die Drehbücher bzw. Vorlagen zu zahlreichen Kinofilmen.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 28, 181 f.; Drucker, Briefe 106

Geiler, Karl
(10.08.1878 Bernau 14.09.1953 Heidelberg), Jurist, Politiker
Ministerpräsident von Groß-Hessen
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 85; Drucker, Briefe 9a

Gelberg, Paul
Kaufmann, Rauchwarenhändler
Mitinhaber der Rauchwarenhandlung Lifschitz & Gelberg.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 119 ff.

Gerlach, Hilde
G. war die Tochter des RGR Ferdinand Gerlach (1886-1941) und dessen Ehefrau Else geborene Goldschmidt, die einer jüdischen Familie entstammte.  Sie und ihre Bruder Franz gehörten zum engsten Freundeskreis der Kinder von Martin Drucker.
Quelle: Drucker, Briefe 14aa, 14aaa; Lang, Zwischen allen Stühlen, S. 188

Gerok, Karl
(30.01.1815 Vaihingen an der Enz 14.01.1890 Stutt­gart), evangelischer Theologe und religiöser Dichter
Die erste Auflage sei­ner „Palmblätter“ erschien im Jahr 1867.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 80, 182

Glaesemer, Martin
(16.12.1902 Leipzig 17.08.1944), Oberstaatsanwalt beim LG Leipzig
Vater: Rechnungsrat am Reichsgericht Hermann G. (1861-1932); lt. Leipziger Adressbuch 1943 Amtsgerichtsrat
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 159

Glauning, Hans
(07.03.1906 Plauen 07.06.1973 Großgmain), Rechtsanwalt in Plauen
NS-Studentenführer, NSDAP-Mitglied seit 1926
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 96

Gneist, Rudolf von
(13.08.1816 Berlin 22.07.1895), Jurist und Politiker
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 106, 116

Goerdeler, Carl Friedrich
(31.07.1884 Schneidemühl – 02.02.1945 Berlin/Plötzensee), Verwaltungsjurist und deutsch-nationaler Kommu­nalpoliti­ker
G. war von 1930 bis 1937 Oberbürgermeister in Leip­zig, seit Dezember 1931 zugleich Reichskommissar für Preisüberwa­chung. Er war der führende Kopf des zivilen nichtkommunistischen Widerstandes gegen Hitler. Nach dem gescheiterten Attentat wurde G. durch eine Denun­ziation verhaftet, zum Tode verurteilt und hinge­richtet. Nach ihm wurde ein Teil des Leipziger Innenstadtrings be­nannt.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 4; Lebenserinnerungen, S. 151, 182

Gold, Henry (eigentlich Euthyme Chaim)
(18.07.1874 Kaunas- New York?), Rauchwarenhändler
G. war verheiratet mit Fanny geborene Schloßburg (* 28.06.1880 Riga). Die Eheleute emigrierten im April 1939 in die USA. Er war mit Martin Drucker Vorstandsmitglied der Ch. Eitingon AG und der Kurt Wachtel AG (Taucha).
Quelle: Drucker, Briefe 89, 90; Informationen von Ellen Bertam, E-Mail vom 14.02.2022.

Goldschmidt, Max
(31.05.1884 Straßburg 1972), Professor, Dr. med.
G. hatte eine Professur für Augenheilkunde an der Universität Leipzig, aus welcher er wegen seiner jüdischen Herkunft 1933 enternt wurde. Er war verheiratet mit der Medizinerin Dr. med. Marie geb. Haas (* 1883) und ist 1937 in die Schweiz emigriert.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 127 f.

Goldstein, Kurt
(15.11.1896 Straßburg/Elsaß ? Taucha)), Rechtsanwalt und Notar
G. änderte seinen Namen nach 1933 in Holstein.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 66, 97 ff.; Lebenserinnerungen, S. 155; Lang, Zwischen allen Stühlen, S. 127, FN 500

Gordon, Adolf von
(1850-1925), Rechtsanwalt, Dr. jur., Geheimer Justizrat
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 145

Graf, Ernst
(20.04.1861 Meißen 12.11.1940 Quedlinburg), Professor, Dr. phil., Philologe
G. war 1884/85 Lehrer an der Thomasschule, später Professor am Gymnasium Quedlinburg
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 73

Grill, Leo
Komponist, Leh­rer am Leipziger Konservatorium für Theorie und Komposition
G. war als Sohn des Opernsängers Johann Paul Grill (07.11.1801 Wien-nach 1854) und der Schauspielerin Clara Huber (* 1809) in Budapest gebo­ren und auf dem Wiener Konser­vatorium ausgebil­det. Vor seiner Berufung nach Leipzig lebte er mit seinem Bruder, dem ersten Tenor Moritz G., und dessen Frau Marie in München. Lehrer von Leoš Janáček (1854-1928).
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 43, 45. 56, 182

Grill, Marie, Sängerin
G. hatte ihr erstes Engagement am Münchner Hoftheater antre­ten sollen, als der dort von 1857 bis 1867 als erster Tenor wirkende Moritz Grill (1826 Budapest-23.01.1871 München) sich mit ihr verlobte und ihr die Bühnenlaufbahn verbot. Ludwig II erlebte am 02.02.1861 mit dem Lohengrin seine erste Wagner-Oper mit Moritz Grill in der Titelrolle.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 43 f.

Grube, Max
(25.03.1854 Dorpat 25.12.1934 Meiningen), Schauspie­ler, Theaterleiter, Schriftsteller, Geheimer Hofrat
Sein Vater war der Zoologe Adolph Eduard G. (1812-1880). G. war verheira­tet mit der Schauspielerin Marie Leisch.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 75, 182

Grubel, Frederick, früher: Grübel, Fritz
(22.10.1908 Leipzig – 04.10.1998 New York) Jurist, Vizepräsident
Sohn des Kaufmanns und Schriftstellers Sally G. (1876-1940). Er war ein Cousin des Schriftstellers Joseph Roth, dessen Mutter eine Schwester von G.s Vater war. G. studierte von 1927 bis 1930 Jura in Leipzig und war als Referendar bei M.D. tätig. Die Zulassung als Rechtsanwalt konnte er wegen seines jüdischen Glaubensbekenntnisses nach 1933 nicht mehr erhalten. G. war nach 1933 Verwaltungsdirektor der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. 1939 wanderte er mit seiner Frau Lisa geb. Cohen (1913-2009), die er 1935 in Bremen geheiratet hatte, zu­nächst nach England, dann nach den USA aus, wo er sich bis zu sei­nem Tod für jüdische Belange engagierte. Er war zuletzt der Vizepräsident des Leo Baeck Instituts in New York. Daneben war er auch als Gründungspräsi­dent der Eph­raim Carlebach Stiftung tätig.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 33, 42, 60, 86; Lebenserinnerungen, S. 134, 136, 151, 157, 168, 182 f., Drucker, Briefe 45, 46; Lang, Zwischen allen Stühlen, S. 352 ff.

Gruhn, Hans Peter
(19.07.1906 Berlin 18.12.1991 Flushing/USA)
G. war der Schwiegersohn von Dora Hansen, verheiratet mit Charlotte geb. Kaufmann (1910-2006); studierte 1929 Jura und politische Ökonomie in Leipzig.
Quelle: Drucker, Briefe 56

Gürtner, Franz
(26.06.1881 Regensburg 29.01.1941 Berlin), Reichsjustizminister
Quelle: Drucker, Briefe 64

Gunkel, Theodor
(11.09.1898 Berlin ?), katholischer Pfarrer
Mitbegründer des Leipziger Oratoriums.
Quelle: Drucker, Briefe 56

Gutzkow, Karl
(17.03.1811 Berlin, 16.12.1878 Frankfurt am Main), Schriftsteller
G. wuchs als Sohn eines Maurers in ärmlichen Ver­hältnissen auf. Bereits während seiner Gymnasialzeit war G. Mitherausgeber einer handgeschriebenen Schülerzeit­schrift. Er studierte in Berlin, Hei­delberg und München Philologie, Theologie und Rechtswissenschaft. Zwischen 1831 und 1834 wurde G. zum engen Mitarbeiter Wolfgang Men­zels an dessen Literatur-Blatt. Sein 1832 anonym erschienenes ers­tes Werk „Briefe eines Narren an eine Närrin“ wurde, wie auch ei­nige seiner späteren Publikationen, in Preußen verboten. Zu Beginn des Jahres 1834 verbrachte G. einige Wochen im Kreise Heinrich Lau­bes in Leipzig. G. war Förderer Büch­ners, welchem er insbesondere zur Veröffentlichung von „Dantons Tod“ verhalf. G.s scharfe Lite­raturkritiken führten zu Auseinander­setzungen und Zerwürfnissen mit zahlreichen Zeitgenossen, so auch mit Heine. 1847 zog er nach Dresden, wo er 14 Jahre lang wohnen blieb. Dort gründete er mit anderen Persönlich­keiten die Deutsche Schillerstiftung, deren Generalsekretär er ab 1861 in Weimar war.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 74, 183

Haber, Julius
(06.05.1844 Brieg – 18.12.1920 Leipzig), Justizrat (1897), Rechtsanwalt
H. war zunächst Rechtsanwalt in Breslau. Im Jahr 1888 wurde er beim Reichsgericht zugelassen. H. hatte sich bleibende Verdienste um die deutsche Anwaltschaft als Vor­standsvorsitzender des DAV von 1909-1918 erworben. Er war ein enger Freund von M.D., den er auch zu seinem Testamentsvollstrecker ernannte. Seine Tochter Margarethe verheiratete Fiedler (1878-1944) wurde Opfer des Holocaust.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 47 f., 51; Lebenserinnerungen, S. 134, 146 f., 150, 183; Lang, Zwischen allen Stühlen, S. 357 f.

Hachenburg, Hans Heinrich (später: H. J. Harrison)
(24.12.1897 Mannheim 05.02.1975 Mannheim), Dr. jur., Landgerichtsrat
H. war der Sohn von Max H. Er floh nach England, kehrte nach 1945 nach Heidelberg zurück.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 48 f., 51; Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 46; Drucker, Briefe 9a

Hachenburg, Max
(01.10.1860 Mannheim – 23.11.1951 Beverley/USA) Professor, Dr. jur., Rechtsanwalt, Autor
H. war Anwalt in Mannheim und Hono­rarprofessor an der Universität Heidelberg. Er wirkte als Mitherausgeber der Deutschen Juristenzeitung und der Juristischen Wochenschrift. H. publizierte eine maßgebliche Kommentierung zum HGB. Er war stellvertretender DAV-Präsi­dent. Im Jahr 1938 wurde ihm die Zulassung entzogen. Daraufhin emigrierte er in die Schweiz. Im Jahr 1946 übersiedelte H. in die USA. H. war Ehrenmitglied des DAV.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 144 f., 147, 149 f., 183

Hachette, Louis
(05.05.1800 Rethel 31.07.1964 Paris), französischer Verleger
H. gründete 1826 in Paris den Verlag Librairie Hachette S.A. mit einem breiten Verlagsprogramm.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 34, 183

Hagen, Hans-Joachim
(18.04.1896 Pegau 26.03.1945 Leipzig), Dr. jur., Rechtsanwalt und Notar
Sohn des RA JR Dr. jur. Konrad Hagen (1867-1925), der Mitbegründer der Gartenvorstand Marienbrunn war (Konrad-Hagen-Platz); NSDAP-Mitglied, Major der Luftwaffe; zeitweise Sozius von Paul Langerhans
Quelle: Drucker, Briefe 37; Johannes Hohlfeld, Gedenkworte für Dr. jur. Hans-Joachim Hagen, Rechtsanwalt und Notar in Leipzig, Major der Reserve der Luftwaffe

Hahn, Kurt
(05.06.1886 Berlin 14.12.1974 Hermannsberg), Politiker und Pädagoge
H. gründete 1920 gemeinsam mit Max von Baden das Landschulheim Schloss Salem.
Quelle: Drucker, Briefe 49b

Hahnemann, Max Armin
(01.11.1876 Annaberg 1946? Leipzig), Dr. jur., Rechtsan­walt und Notar (1923)
H. war Thomaschüler und legte 1895 sein Abitur ab. Er war als Anwalt in Leipzig tätig. Seit 1920 war er Vorstandsmitglied des DAV, wo er ab 1922 die Funktion des Schatzmeisters innehatte. Er gehörte noch nach 1933 dem DAV-Vorstand an. H. war auch Vorsitzender des Versicherungs-Ausschus­ses des DAV und Leiter der Prüfung für Rechtsanwaltslehrlinge in Leip­zig. H. war nach 1945 wieder als Anwalt und Notar zugelassen und gehörte dem am 20.06.1945 gewählten „Vorläufigen Leipziger Anwaltskomitee“ als Schatzmeister an.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 48; Lebenserinnerungen, S.  147, 183 f.; Drucker, Briefe 14b

Hammer, Kurt
(10.08.1883 Dresden 08.12.1979 Verden/Aller), Rechtsanwalt und Notar
H. war seit 1913 als Rechtsanwalt in Leipzig zugelassen. 1935 musste er seine Anwaltszulassung aufgeben. H. verzog nach Berlin und emigrierte von dort nach Shanghai. Nach Kriegsende kehrte er nach Deutschland zurück.
Quelle: Drucker, Briefe 80, 81a; Lang, Zwischen allen Stühlen, S. 360 f.

Hansen, Dora, geb May
(18.04.1884 Hamburg 1944 Ghetto Riga)
H. war in erste Ehe mit Dr. jur. Ernst Kaufmann (1880-1944 KZ Auschwitz) verheiratet, mit dem sie drei gemeinsame Kinder hatte. Nach der Scheidung heiratete sie den (nichtjüdischen) späteren RA/RG Harald Hansen (1882-1940). Nach dessen Tod verlor sie den Schutz einer „privilegierten Mischehe“ und wurde deportiert.
Quelle: Drucker, Briefe 56; Lang, Zwischen allen Stühlen, S. 91, 189, 195

Harun ar Raschid
(Fe­bruar 766 Rai 24.03.809 Tus bei Mesched), abasidischer Kalif und Märchenerzähler
Unter seiner Herrschaft kam es zu wirtschaftlicher und kultureller Blüte, sowie hoher Macht- und Prachtentfaltung, was ihn zum Idealbild des Kali­fen werden ließ.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 82, 184

Hartleben, Otto Erich
(03.06.1864 Clausthal 11.02.1905 Salò am Gardasee), Schriftsteller
H. war ein enger Freund von Kurt Hezel.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 143

Hartmann, Werner
(27.11.1898 Magdeburg ?), Dr. jur., Rechtsanwalt in Leipzig (seit 1925)
Sohn des Kaufmanns Hermann Hartmann; nach 1945 wieder als Rechtsanwalt in Leipzig zugelassen.
Quelle: Drucker, Briefe 44, 44a, 44b

Hasenclever, Sophie, geborene von Schadow
(06.01.1824 Berlin – 09.05.1892 Düsseldorf),  Dichterin, Übersetzerin
H. war die Tochter des Malers Wilhelm v. Sch. Sie heira­tete 1845 den Sanitätsrat und Komponisten Richard H. Ihre Überset­zungen der Gedichte Michelangelos erschienen 1875 in Leipzig. Im Jahr 1884 veröffentlichte H. zwei Bände mit Erzählungen und Märchen und 1889 erschien ihre Übertragung von Dante Alighieris „Göttliche Komödie“.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 46, 184

Haubold, Gertrud?
Sekretärin, lebte nach 1945 in Gotha bei ihren Eltern, früher evtl. Sekretärin in der Anwaltkanzlei Drucker, Eckstein, Cerf?
AB Leipzig 1934: Lipsiusstraße 3/III?
AB Gotha 1949: Elisabeth H., Schneiderin; Gertrud H., Sekretärin; Jakob H., Schneidermeister, alle Brunnestraße 26 wohnhaft
Quelle: Drucker, Briefe 121, 122, 123

Hauptmann, Moritz
(13.10.1792 Dresden 03.01.1868 Leipzig), Komponist, Geiger
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 44

Haußmann, Conrad
(08.02.1857 Stuttgart – 11.02.1922 ebd.), Rechtsanwalt
H. war der Sohn des Politikers und Redakteurs Julius H. (1816-1889), welcher zum linken demokratischen Flügel während der 48er Revolution ge­hörte.
H. war seit 1909 Vorstandsmitglied des DAV, später wurde er zum Vizepräsidenten gewählt. Er war darüber hinaus Vorsitzender des Verfassungsausschusses der Nationalversammlung und Mitbegründer der DVP. H. war maßgeblich beteiligt an der Aus­arbeitung der Weimarer Verfassung. H. war ein enger Freund und auch Verteidiger von Ludwig Thoma. In seiner Komödie „Moral“ (1908) hatte er ihm mit der Figur des Justizrats Dr. Hauser ein bleibendes literarisches Denk­mal gesetzt. H. stand auch in regem Briefwechsel mit Hermann Hesse, der einen Nachruf mit dem Titel „Erinnerungen an Conrad Haußmann“ schrieb.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 45; Lebenserinnerungen, S. 145, 184

Hecker, Richard
(12.01.1853 Grünhain 10.12.1920 Leipzig),
Dr. phil., Professor, Studienrat, seit Ostern 1880 Lehrer an der Thomasschule
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 63 f., 88, 184

Heilberg, Adolf
(14.01.1858 Breslau – 17.12.1936 Berlin), Justizrat, Rechtsanwalt
H. war seit 1883 Rechtsanwalt in Breslau. Er war 1893 Mitbegründer der Deutschen Friedensgesellschaft und langjähriger Vorsitzender der Schlesischen Anwaltskammer. Daneben war er auch jahrzehntelanges Mitglied der Breslauer Stadtverordnetenversammlung. 1933 gab H. infolge der nationalsozialistischen Repressalien gegen ihn die  Anwaltszulassung zurück. Er übersiedelte nach Berlin, wo er an den Folgen eines Unfalles verstarb.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 45f., 48; Lebenserinnerungen, S. 145, 147, 157, 163, 184

Heimeran, Ernst
(19.06.1902 Helmbrechts 31.05.1955 Starnberg), Dr., Schriftsteller und Verleger
H. gründete 1922 in München den Ernst Heimeran Verlag, der 1980 liquidiert wurde.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 21, 184

Heine, Wolfgang
(03.05.1861 in Posen 09.05.1944 Ascona), Rechtsanwalt, Politiker, Justizminister
H. trat 1887 der sozialdemokratischen Partei bei. Bereits während seines Studiums war er Mitglied des Vereins Deutscher Studenten geworden. Er war langjähriges Mitglied des Reichstages, sowie Ministerpräsident von Anhalt und preußischer Justizminister. Zwischen 1920 und 1933 war H. als Anwalt in Berlin tätig.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 43; Lebenserinnerungen, S. 138, 184 f.

Heisenberg, Werner
(05.12.1901 Würzburg 01.02.1976 München), Physiker
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 160

Held, Max
H. war Mitinhaber des Kaufhauses „Gebrüder Held“ in Leipzig-Lindenau
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 158

Held, Robert O.
(05.11.1889 Nürnberg 19.08.1977 Starnberg), Rechtsanwalt
H. war Mitglied im Vorstand der Bayerischen Rechtsanwaltskammer und im DAV; er wurde zunächst in Nürnberg, dann in Starnberg und 1933 in München als Rechtsanwalt zugelassen; 1938 verzichtete H. „freiwillig“ auf die Zulassungf und emigrierte in die USA. Er war dann in New York als Anwalt tätig. 1971 kehrte er nach Deutschland zurück und wurde im Folgejahr in München wieder als Anwalt zugelassen.
Quelle: Drucker,  Briefe 14a, 14b, 64, 65, 105; Weber, Rechtsanwälte in Bayern, S. 235

Helmholtz, Hermann von
(31.08.1821 Potsdam 08.09.1894 Charlot­tenburg), Physiologe und Physiker
H. galt als Vollender der klassischen Physik und einer der letzten Univer­salgelehrten. Er stand für eine Naturwissenschaft, die Medi­zin, Physik und Chemie verknüpft. Er verkörperte in seiner Person die Physik in Theorie, Experiment und technologischer Anwendung.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 99, 185

Hemer, Franz
(1894 18.10.1982 Frankfurt am Main),  Chellist, Rauchwarenhändler, Leutnant
H. war Flieger im Ersten Weltkrieg. Er war verheiratet seit dem 29.04.1917 mit der Pianistin Johanna Hilde Steindorff (1892-1984), der Tochter des Ägyptologen Georg Steindorff  (1861-1951). Die Ehescheidung erfolgte 1938. Das Ehepaar hatte drei Söhne. Direktor der Fa. König & Bruder, Leipzig.
Quelle: Drucker, Briefe 59

Hermann, Karl
(28.11.1885 Unkeroda 01.10.1973 Eisenach), Politiker
H. war aktives Mitglied der USPD, später der SPD. Im November 1918 wurde er zum Vorsitzenden des Arbeiter- und Soldatenrates in Eisenach gewählt. In der Thüringer Regierung von August Frölich war H. Minister des Innern.
Quelle: Lebenserinnerungen, S.140, 185

Herr, Paul
(21.06.1875 Köslin 1951 Hamm) Dr. jur, Rechtsanwalt beim OLG Hamm
H. war der Sohn des Leipziger Kaiserliche Justizrates und Rechtsanwalts am Reichsgericht Paul Herr (1840-1912).  Sein gleichnamiger Sohn (1912-1998) studierte ab 1932 in Leipzig Jura. Paul Langerhans war der Sohn seiner Schwester.
Quelle: Drucker, Briefe 38 b, 38c

Herrmann, Gerhard
(06.05.1906 Charlottenburg München?), Dr. phil.
H. war nach dem Studium als Abteilungsleiter im Konsulat der USA , später im Verlagsbuchhandel in Leipzig tätig. Er war ein Freunder der Drucker-Familie, insbesondere von Heinrich Drucker
Quelle: Drucker, Briefe 9d, 10, 11, 12

Hertling, Georg Freiherr von
(31.08.1843 Darmstadt 04.01.1919 Ruhpolding), Rechtsphilosoph und Politiker
H. war seit 1882 Professor für Rechtsphilosophie in München. Im Jahr 1912 wurde er zum bayrischen Ministerpräsidenten gewählt. 1917/18 war er kurzzeitig Reichskanzler und preußischer Minister­präsident. Ein Jahr später veröffentlichte H. seine „Erinnerungen aus meinem Leben“.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 103, 185

Herzfelder, Felix
(15.10.1863 Speyer 05.10.1944 Haifa), Dr. jur., Geheimer Justizrat, Rechtsanwalt und Fachbuchautor
H. war Rechtsanwalt in München und DAV-Vorstandsmitglied.
Quelle: Drucker, Briefe 14a; Weber, Jüdische Rechtsanwälte in Bayern, S. 235

Hesse, Hermann
(04.10.1893 in Nordhausen ?) Dr. jur., Rechtsanwalt
Sohn des Lehrers Hermann Hesse, Rechtsanwalt in Leipzig, lebte nach 1945 in Lindenau/Kissinge
Quelle: Drucker, Briefe 28

Hezel, Kurt Heinrich Georg
(19.05.1865 Marienberg – 21.12.1921 Leipzig) Rechtsanwalt, Strafverteidiger, Dr. jur., Justizrat
H. war der Sohn des Kaufmanns und Stadtrats Friedrich Emil H. (1830-1910). Nach seinem Studium ließ er sich in Leipzig als Anwalt nieder, wo er sich sehr bald den Ruf eines herausragenden Strafverteidigers erwarb. H. war ein lebenslanger enger Freund von M.D. Als Begründer der Bungonen hatte er sich insbesondere in Künstlerkreisen großes Ansehen erworben.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 143, 185; Drucker, Briefe 0

Hilpert, Helene (?)
Mitarbeiterin im Notariat der Kanzlei Drucker, Eckstein & Cerf; Tochter des Bauführers Oberingenieur Curt Hilpert, Steubenstraße 83? Lt. AB 1949 Straßenbahnschaffnerin
Quelle: Drucker, Briefe 118, 119

Hinrichsen, Robert
(29.09.1863 Güstrow 17.10.1926 Rostock), Justizrat, Dr. jur., Rechtsanwalt  und Notar in Güstrow
H. wurde als Robert Cohen geboren. Hinrichsen war der Mädchenname seiner Mutter, der er 1892 bei seiner Taufe annahm.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 45; Lebenserinnerungen, S. 144

Hinrichsen, Walter
(23.09.1907 Leipzig 21.07.1969 New York City), Musikverleger
Quelle: Drucker, Briefe 59

Hodenberg, Hodo von
(13.04.1887 Leipzig 26.12.1962 Celle), Rechtsanwalt, OLG-Präsident
Quelle: Drucker, Briefe 14b, 105

Hoffmann, Therese
* 24.05.1907 Leipzig?, Dr. phil. (Leipzig 1932)
H. war die Tochter des Oberstudiendirektors Prof. Dr. Ernst Hoffmann. Sie studierte ab 1926 in Leipzig Germanistik und Geschichte. Sie promovierte über „Das klassisch-frühromantische Frauenideal“. H. wohnte 1943 mit ihrem Vater in der Kaiser-Wilhelm-Wilhelm-Straße 7/II. Keine weiteren Angaben.
Quelle: Drucker, Briefe 95

Hofmann, Emil Curt
(3.6.1890 Leipzig 1951) Dr. jur., Verlagsbuchhändler
Leiter des Verlags von Otto Beyer. Eigentümer der Villa Raschwitzer Straße 18 in Markkleberg. Nachdem der Verlag 1946 enteignet worden war, ging H. nach Hannover.
Quelle: Drucker, Briefe 88

Holldack, Hans
(22.08.1879 Königsberg 11.08.1950 Leipzig), Prof., Dr. phil., Agrarwissenschaftler
H. war der Bruder des Juristen Felix Holldack.
Quelle: Drucker, Briefe 107

Hollenberg, Wilhelm
(11.09.1820 Mülheim an der Ruhr 02.10.1912 Godesberg), Pastor
H. war seit 1853 Pfarrer in der neu geweihten „Kirche auf dem blauen Berg“ in Leverkusen. Er begründete im Jahr 1861 „Hollen­bergs höhere Bür­gerschule“ in Waldbröl. Im Jahr 1899 gab er die Leitung der Schule ab. Sein Hebräisches Schulbuch, später bearbei­tet von Karl Budde, er­schien im Jahr 1971 in der 26. Auflage.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 88, 185

Horn, Carl
Rechtsanwalt in Berlin
H. wurde 1931 in der Vorstand der Rechtsanwaltskammer Berlin und 1933 zum stellv. Vorsitzenden des Berliner Anwaltverein gewählt.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 157

Hoyer, Hellmuth
(13.10.1902 Leipzig ?), Rechtsanwalt in Dresden
H. war der Sohn des LGD Dr. jur. Arthur H. (* 08.12.1870 Geringswalde) in Dresden.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 96

Hüllemann, Karl
(19.11.1842 Greiz 03.02.1916 Leipzig), Dr. phil., Lehrer
H. war 1863 Abiturient an der Thomasschule und von 1877 bis 1907 dort als Professor tätig.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 88, 89, 185

Jacob, Mathilde
(08.03.1873 Berlin – 14.04.1943 KZ Theresienstadt), Stenotypistin, Übersetzerin
J. war die langjährige Sekretärin und Vertraute von Rosa Luxemburg. Sie rettete Teile ihres Nachlasses.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 42; Lebenserinnerungen, S. 136, 187

Jacobson, Hermann Albert
(05.01.1875 Leipzig 17.10.1941 Leipzig), Dr. jur., Rechtsanwalt
J. war mit RA Heinrich Barban asoziiert.
Quelle: Drucker, Briefe 81a; Lang, Zwischen allen Stühlen, S. 393 f.

Jacoby, Alfred
(11.09.1893 Leipzig 11.11.1946 Rio des Janeiro), Dr. jur., Landgerichtsrat, Rechtsanwalt
J. war seit 1922 Landgerichtsrat und seit 1925 Rechtsanwalt in Leipzig. 1936 floh er über Prag nach Brasilien.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 65; Lang, Zwischen allen Stühlen, S. 394 f.

Jacoby, Kurt
(1893 Insterburg August 1968 New York), Verleger
Schwiegersohn von Leo Jolowicz (1868-1940), Mitgesellschafter der Akademischen Verlagsgesellschaft und Martha geb. Finkelstein.
Quelle: Drucker, Briefe 32, 33

Jaffé, Richard
(08.05.1885 Surbiton/England ?), Dr. jur., Rechtsanwalt, Landgerichtsrat
Quelle: Drucker, Briefe 50, 51; Lang, Zwischen allen Stühlen, S. 399 f.

Jadassohn, Josef
(30.07.1869 Leipzig 17.09.1899 Leipzig), Medi­ziner
J. war der älteste Sohn von Salomon Jadassohn (1831-1902), Komponist und Professor am Leipziger Konservatorium. Er studierte Medizin in Leipzig (1895/97). Sein Grab, wie das seiner Eltern, befindet sich auf dem Alten Jüdischen Friedhof in der Berliner Straße.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 69, 186; Lang, Zwischen allen Stühlen, S. 398

Jastrow, Ignaz
(13.09.1856 Nakel – 1937 Berlin), Professor, Dr. jur., Wirtschaftshistoriker, Nationalökonom
J. war seit 1885 Dozent der Staatswissenschaften und später Professor für Verwaltungswissenschaft in Berlin. Er war der Begründer der deutschen Arbeitsmarktstatistik und Leiter der „Jahresberichte der Geschichtswissenschaft. Zudem war er Herausgeber verschiedener Zeitschriften. Im Jahr 1936 wurde ihm die Lehrbefugnis entzogen.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 140, 186

Joel, Maria (abweichend: Joël)
Freundin von Gertud Landsberg und Martin Drucker
Quelle: Nachlass Martin Drucker Gertrud Landsberg 15, 17

Jolowicz, Leo
siehe unter Kurt Jacoby

Joske, Erich
(19.04.1895 Weißenfels 22.12.1985 Marin County/USA), Dr. jur. , Rechtsanwalt
J. war seit 1922 als Rechtsanwalt in Leipzig zugelassen. Er war mit Erich Cerf und seiner Familie befreundet.
Quelle: Drucker, Briefe  5 a-b

Jung, ?
Rechtsanwalt in Sachsen
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 96

Jungmann, Franz Emil
(06.08.1846 Sangerhausen 08.04.1927 Dres­den), Dr. phil., Professor, Geheimer Studienrat
J. war Honorar­professor an der Universität Leipzig und Rektor an der Thomasschule von 1881-1917. Nach seinem Tod wurde in Leipzig-Wahren eine Straße nach ihm benannt.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 61 f., 82, 96, 98, 186

Kästner, Alfred
(12.12.1882 Leipzig 12.04.1945 Lindenthal), Kommunist, Widerstandskämpfer
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 68

Kaufmann, Arthur
(08.11.1901 Leipzig 10.07.1978 Richmond/England), Rechtsanwalt
K. war seit 1927 Rechtsanwalt in Leipzig, die Zulassung wurde him 1933 entzogen. Er wanderte im gleichen Jahr nach England aus.
Quelle: Drucker, Briefe 78, 79; Lang, Zwischen allen Stühlen, S. 417 f.

Kaufmann, Willy
(01.08.1874 Melsungen 27.11.1942 Jersualem), Rechtsanwalt
K. war seit 1901 als Rechtsanwalt in Leipzig zugelassen, 1935 wurde er aus der Anwaltsliste gelöscht und wanderte nach Palästina aus. K. war der Onkeln von Arthur Kaufmann.
Quelle: Drucker, Briefe 78, 79; Lang, Zwischen allen Stühlen, S. 418 f.

Kisch, Wilhelm
(12.12.1874 Diedolshausen 09.03.1952 München), Geheimrat, Zivilrechtler
Quelle: Drucker, Briefe 71a

Kißkalt, Wilhelm
(21.10.1873 Würzburg 14.02.1958 München), Geheimrat, Versicherungsrechtler
Quelle: Drucker, Briefe 71a

Klein, Karl
(02.11.1870 Naumburg Wisselsheim), Dr. phil., Direktor
Cousin Martin Druckers
Quelle: Drucker, Briefe 20, 21, 21a-c

Kleine, Heinz
Rechtsanwalt in Berlin
Sozius von Carl Langbehn, nach 1945 Mitarbeiter im Verlag Lambert Schneider
Quelle: Drucker, Briefe 9a

Klemperer, Victor
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 5

Klien, Georg
(19.06.1877 Mügeln ?), Dr. jur., Rechtsanwalt (1904) und Notar
K. war der Sohn eines Oberamtsrichters und der  Vater des Verwaltungsjuristen Wolfgang Klien.
Quelle: Drucker, Briefe 62

Klinger, Max
(18.02.1857 Leipzig 04.07.1920 Großjena), Grafiker und Bildhauer
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 15

Knauth, Elisabeth (Lis)
(1894 New York 1954 New York), Pianistin, Komponistin, Übersetzerin und Lehrerin
K. war die Tochter von Manuel K. (* 15.04.1854 Leipzig) und dessen Ehefrau Bertha geb. Kropp (* 1865 Aachen). Ihr Großvater Franz Theodor Knauth (1803-1874) war der Gründer des Leipziger Bankhauses Knauth, Nachod & Kühne. Sie hatte drei Schwestern. K. war eine enge Freundin von Gertrud Landsberg und Taufpatin ihres Sohnes Dieter Bergmann (1920-1997). Sie war u. a. Lehrerin von Ruth Bodenstein-Hoyme (1924-2006).
Quelle: Drucker, Briefe 150

König, Eduard
(15.11.1846 Rei­chenbach i.V. – 10.02.1936 Bonn), Dr. phil., Dr. theol., Geheimer Konsistorialrat
K. war von 1876 bis 1888 Lehrer an der Thomas­schule. Er habili­tierte sich 1879 in Leipzig, und erhielt hier 1885 eine außeror­dentliche Professur. Im Jahr 1888 wurde K. nach Rostock berufen. Von dort ging er 1900 nach Bonn, wo er eine Professur für alttes­tamentarische Exegese innehatte.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 89, 186

Koepp, Arthur
(03.05.1872 Leipzig 12.01.1940 Leipzig), Chemiker
Sein Vater Johann Heinrich K. war Generalbevollmächtigter der westdeutschen Versicherungsbank Essen und Bevollmächtigter der Deutschen Bank in Leipzig. K. studierte Chemie in Leipzig. Später war er Inhaber der Vasenol-Werke Dr. Arthur Koepp AG Leipzig. Von ihm sind folgende Druckschriften nachweisbar: Die sozialen Aufga­ben der Krankenkassen (1928), Merkblatt für Mütter und Pflegemütter (1925), Warum ist die Apotheke der Reklamewerbung verschlossen? (1928)
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 48, 186

Köst, Ewald
(10.08.1908 Leipzig ?), Dr. jur, Rechtsanwalt
K. war der Sohn des OLG-Präsidenten Fritz Köst in Dresden. Er war juristischer Fachautor udn gab. u.a. ein Juristisches Wörterbuch heraus.
Quelle: Drucker,  Briefe 22 bis 25

Kohler, Josef
(09.03.1849 Offenburg 03.08.1919 Charlottenburg), Universaljurist
Der auch international hoch geachtete K. war der bedeutendste deutsche Jurist seiner Zeit. Er veröffentlichte u. a. ein Lehrbuch des Konkursrechts (1891) und des Bürgerlichen Rechts (1906/19).
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 33, 186

Kolbe, Oskar
(24.07.1900 Meuselwitz ?), Dr. jur., Rechtsanwalt, KPD-Funktionär
Sohn des Zugführers Maximilian Kolbe; KPD-Stadtverordneter; 1933 kurzzeitige Verhaftung, danach Denunziant der Gestapo; nach 1945 Wiederzulassung als Rechtsanwalt in Leipzig.
Quelle: Drucker, Briefe 37

Kraemer, Gustav
(01.06.1842 Halberstadt 09.02.1915 Berlin), Pro­fessor, Dr. phil., Chemiker, Generaldirektor
K. erlernte den Apothekerberuf und studierte dann an der Bergakademie und der Berliner Universität. Hier promovierte er 1870 bei August Wilhelm Hofmann. Er war dann in der Chemischen Fabrik C. A. F. Kahlbaum tätig. 1880 wurde K. Direktor der Teer­verarbeitungswerke J. Rütgers in Berlin. Er war Vorstandsvorsit­zender der chemischen Berufsgenossenschaft.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 37, 186 f.; Drucker, Briefe 14b, 105

Kraemer, Wilhelm
(28.07.1874 Berlin – 06.11.1956 Berchtesgaden), Dr. jur., Rechtsan­walt
K. war der Sohn des Chemikers Gustav K. Er war an den Landgerichten Berlin I bis III von 1902 bis 1922, dann bis 1925 am Kammergericht und schließlich seit 1925 am Reichsgericht als Rechtsanwalt zugelassen. K. war von 1914 bis 1926 auch Notar in Berlin. Er war verheiratet mit Luise Köller und Vater von drei Kindern. Er nahm aktiv am Ersten Weltkrieg teil. K. ging am 06.02.1945 wegen der Bombenan­griffe auf Leipzig nach Berch­tesgaden, wo er seit 1930 ein Landhaus besaß. Be­reits am 16.10.1945 beantragte er in Berchtesgaden seine Zulassung als Rechtsanwalt.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 37, 187

Krenkel, Erich
(04.12.1880 Reichenau 1964), Prof. Dr. jur., Dr. phil., Geologe
Quelle: Drucker, Briefe 107, 108, 109

Krenzlin, Hans-Hellmuth
(29.08.1899 Berlin 25.08.1869 Altensteig/Calw)
Sohn von Adelheid geb. Rocholl (1872-1945), eine Cousine von Martin Drucker; Pressechef der O.N.S., NSKK-Obergruppenführer. Hans-Peter Krenzlin (1934-1995) war sein Sohn.
Quelle: Drucker, Briefe 52 bis 55, 98, 99

Kroch, Hans
(03.06.1887 Leipzig 07.02.1970 Jerusalem), Bankier
Quelle: Drucker, Briefe 77a

Kröer, Carl Hermann
(? 16.01.1901 in Leipzig), Kaufmann
K. war seit 1880 Mitinhaber der Weinhandlung „Röhß & Kiesgen“, die ihren Sitz damals in der Schlossgasse 24 hatte, K. war mit Juliane Therese geborene Trageles verheiratet. Sie hatten drei Kinder (Marie, Milly und Theodor).
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 187; Drucker, Briefe Nr. 86 (Milly verh. Wünschmann)

Kröner, Alfred
(26.02.1861 Stuttgart – 02.01.1922 Berlin), Verleger
K. war der Sohn des namhaften Verlegers und Vorsitzenden des Börsenvereins Deutscher Buchhändler Adolf Gustav von K. (1839-1911). Er begann zunächst eine militärische Laufbahn, die er 1882 quittierte, um eine buchhändlerische Ausbildung zu beginnen.
K. gründete 1904 in Stuttgart einen Verlag, der seinen Namen trug. Er veröffentlichte als erster die Werke Friedrich Nietzsches, was zum Streit mit seinem Vater führte. Er verlegte deshalb den Verlag 1907 nach Leipzig. Hier begründete er 1908 die preiswerten Taschenbuchausgaben, deren Maße zum Musterformat fast aller Taschenbuchverlage geworden sind. K. setzte die Preisbindung der Bücher durch. 1937 kehrte der Verlag wieder nach Stuttgart zurück.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 137, 187

Küchenmeister, Max
(04.07.1849 Braunschweig 10.10.1918 Leipzig), Professor, Studienrat
K. war seit 1874 Lehrer an der Thomas­schule. Er war gleichzeitig Inspektor des städtischen Turnwesens.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 68, 187

Küstner, Paul
(02.07.1896 Giebichenstein 12.04.1945 Lindenthal), Kommunist, Widerstandskämpfer
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 68

Kuntze, Johannes Emil
(25.11.1825 Grimma – 11.02.1894 Leipzig) Professor, Dr. jur., Geheimer Hofrat, Advocat
K. hatte sich 1851 in Leipzig ha­bilitiert. Er leitete 1869 die kon­stituierende Versammlung der Inneren Mission in Leipzig, zu deren Vorsitzenden er gewählt wurde. Er behielt dieses Amt inne bis zu seinem Tode. K. war ein Neffe von Gustav Theodor Fechner, dessen erste umfassende Biographie er 1892 veröffentlichte. Er lebte seit seinem 10. Lebensjahr als Pflegesohn bei den Eheleuten Fechner.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 107, 187

Kurlbaum, Alfred Adolf
(08.04.1868 Magdeburg – 26.08.1938 Leipzig) Dr. h.c. (Leipzig 1929), Justizrat, Rechtsanwalt
K. war als Rechtsanwalt am Reichsgericht zugelassen. Er war von 1920 bis 1924 Vorstands­vorsit­zender des DAV, zu dessen Ehrenmitglied er ernannt wurde. K. war in zweiter Ehe verheiratet mit der Kunsthistorikerin und Schriftstellerin Margarete geb. Siebert.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 47, 51; Lebenserinnerungen, S.150, 187

Kurzwelly, Martin
(1831 Chemnitz 1882 Leipzig). Dr. med., Arzt in Leipzig
Sohn des Kantors Christoph Friedrich Albert K. (1772- um 1864) in Chemnitz, später in Grimma; K. studierte wie seine drei Brüder in Leipzig.
Er war verheiratet mit Thekla Cäcilie geborene Heinig und der Vater von Johannes K. (25.02.1867 Leipzig-17.09.1922 Leipzig), Kunsthistoriker; Prof. Dr. phil. Albrecht K.  (20.01.1868 Leipzig-08.01.1917 Leipzig)  Gründungsdirektor des stadtgeschichtlichen Museums in Leipzig; Alexander K. (* 22.07.1869 Leipzig), Professor am Gymnasium in Plauen; Dr. phil. (Leipzig 1902) Walther K. (* 28.02.1875 Leipzig) und Dr. med. Ludwig K. (* 12.10.1877 Leipzig), Arzt in Leipzig; alle Söhne besuchten die Thomasschule.
K. ein Freund Martin Drucker sen. und der Taufpate seines Sohnes Martin Drucker jun.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 24; Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 24

Lahse, Franz Louis
(1837-16.07.1913 Belgern), Oberlehrer
1858 Lehrer in Belgern, von 1864 bis 1907 Lehrer in Leipzig an der 1. Bürgerschule für Knaben, an der 3. Bezirksschule, an der 2. Städtischen Fortbildungsschule für Knaben und an der Fischerschen Lehranstalt; Vater des Lehrers Dr. phil. Erich Lahse (* 1876 Leipzig) und des Anstaltsarztes in Eberswalde Martin Lahse (* 1874 Leipzig).
L. war vom 2. bis zum 4. Schuljahr der be­liebte, bereits ältere Klassenlehrer von Martin Drucker.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 53, 54

Landsberg, Alfred
(23.04.1887 Wiesbaden 02.08.1964 Tel Aviv), Dr. jur., Rechtsanwalt und Notar
L. war seit 1913 als Rechtsanwalt in Wiesbaden zugelassen. Er war bis 1933 Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde seiner Heimatstadt. Er emigrierte nach Palästina.
Quelle: Drucker, Briefe 14b; Faber/Rönsch, Wiesbadens jüdische Juristen, S. 117-119

Landsberg, Gertrud Helene
(18.12.1894 Posen Mai 1988 Kalifornien), Dr. phil., Musiklehrerin
L. war als Tochter des jüdischen Rechtsanwalts und Notars JR Dr. Adolf Landsberg (1861-1940) und dessen Ehefrau Elly geborene Mockrauer (1873-1944) geboren. Die Mutter wurde Opfer des Holocaust. Die Familie war nach dem Ersten Weltkrieg von Posen nach Naumburg verzogen, wo der Vater wieder eine erfolgreiche Anwaltspraxis betrieb. Der Mediziner Otto Guttentag (1900-1992) war ihr Cousin.
L. war mit Prof. Ernst Bergmann (1881-1945) verheiratet, mit dem sie zwei Söhne, Ulrich (1918-1940, gefallen) und Dieter Bergmann (1920-1997), hatte. Martin Drucker vertrat sie 1924 im Ehescheidungsverfahren. Die beiden Söhne wurden dem Vater zugesprochen. L. floh 1939 über die Niederlande nach England. 1952 wanderte sie zu ihrem Sohn Dieter in die USA aus.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 166; Drucker, Briefe 150, 151; Landsberg, Briefe 17; Dieter W. Bergman, Zwischen Stuhl und Bank. Nicht zur Ausrottung bestimmt. Autobiographie, Norderstedt 2019

Landsberg, Konrad
(24.03.1901 Posen 1956), Dr. jur., Rechtsanwalt
L. war der Sohn des Rechtsanwalts  JR Adolf L. (1861-1940) und Bruder von Gertrud L. Er war bis 1933 als Rechtsanwalt in Naumburg in der Praxis seines Vaters tätig und emigrierte im gleichen Jahr nach Schevingen/Holland.
Quelle: Drucker, Briefe 106

Langbehn, Carl Heinrich
(06.12.1901 Padang-Bedagei 12.10.1944 Berlin-Plötzensee), Rechtsanwalt
Quelle: Drucker, Briefe 9a

Lange, Dora
Quelle: Drucker, Briefe 124

Lange, Walther
(06.01.1886 Leipzig ?), Dr. jur., Landgerichtsdirektor in Leipzig
L. war der Sohn des Sparkassenhauptkontrolleurs Max Lange. Er lebte 1945 nicht mehr in Leipzig.
Quelle: Drucker, Briefe 80, 81a

Langerhans, Georg
(23.09.1870 Frankfurt an der Oder 08.03.1918 Köpenick)
L. entstammte einer namhaften Berliner Familie, aus welcher ver­dienstvolle Kommunalpolitiker und Ärzte hervorgingen. Sein Vater war der Reichsgerichtsrat Wilhelm Hermann Heinrich L. (1816-1902). Sein Großvater war der erste Berliner Stadtbaurat Friedrich Wilhelm L. (1780-1851), welcher Stadtältester (1850) Berlins war. Nach seinen Plänen wurde u. a. 1827 der jü­dische Friedhof in der heutigen Schönhauser Alle angelegt. L. war Albertiner und studierte Jura in Leipzig (1892). In die Geschichte ist L. vor al­lem durch seine Verwicklung in die Vorgänge um den „Hauptmann von Köpenick“ eingegangen, da er dort seit 1904 der Bürgermeister war. L. wurde 1915 als Soldat einberufen. Er fiel kurz vor Kriegsende.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 28 f.; Lebenserinnerungen, S. 69 f., 101 ff., 105 f., 188

Langerhans, Paul
(15.09.1906 Leipzig ?), Dr. jur., Rechtsanwalt, Staatsanwalt
L. war der Sohn des Sanitätsrats Dr. med. Ernst L. (* 1865), Neffe von Georg L., Enkel des RGR Wilhelm L. und Bruder von Lilli Conrad geb. L. Er war Referendar bei  Martin Drucker, wurde NSDAP-Mitglied und war nach 1933 zeitweilig Staatsanwalt bei einem Sondergericht. L. lebte nach 1945 in Rendsburg.
Quelle: Drucker, Briefe 36a, 37, 38, 38a-c

Lanner, Joseph
(12.04.1801 Wien 14.04.1843 Oberdöbling), öster­reichischer Komponist
L. begründete neben Johann Strauß (Vater) ide Popularität des Wiener Walzers
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 45, 188

Lasker, Eduard
(14.10.1829 Jarotschin 05.01.1884 New York/USA), Politiker, Rechtsanwalt
L. war ein führender liberaler preußischer Abgeordneter.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 106

Laue-Mitter, ? Frau
Gemeint war vermutlich die Ehefrau von Hermann Mitter, Inhaber der Großhandlung für Tapeten und Linoleum am Neumarkt 24.
Quelle: Drucker, Briefe 7, 85

Lehmann, Irmgard
L. war von 1931 bis 1935 Stenotypistin in der Kanzlei Drucker, Eckstein & Cerf.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 64

Leonhardi, Margarethe (Gretel)
(10.10.1877 Minden Berlin?)
L., geborene Rocholl war die Schwester von Adelheid Krenzlin und Marie Rocholl und eine Cousine von Martin Drucker. Sie starb vor ihrer Schwester Adelheid, also vor dem 06.06.1945.
Quelle: Drucker, Briefe 99

Leupolt, Paul Oskar
(03.06.1897 Leipzig ?), Dr. jur., Rechtsanwalt in Dresden
L. war der Sohn des Lehrers Arthur L. in Leipzig. NSDAP-Mitglied
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S.

Leibniz, Gottfried Wilhelm von
(01.07.1646 Leipzig 14.11.1716 Hanno­ver), Philosoph und Universalgelehrter
L. besuchte die Niko­laischule und studierte in seiner Vaterstadt. Als die Juristische Fakultät dem noch nicht Zwanzigjährigen die Doktorwürde „wegen allzu großer Jugend“ verweigerte, verließ er verärgert die Stadt.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 99, 188

Leimbach, Karl
Generalmajor, Ritter etc.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 134

Leppoc, Albert
(23.03.1806 Braunschweig 06.10.1875 Leipzig), Kaufmann, Stadtverordneter
L. war der langjährige Geschäftspartner von Siegmund Drucker (1801-1874). Er ließ sich 1847 taufen. L. war einer der Taufpaten von Martin Drucker sen.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 14; Lebenserinnerungen, S. 11 ff., 189

Lentsch, Carl
Kaufmann, Sachverständiger
L. war seit 1893 Mitinhaber der 1835 in Breslau gegründeten Rauchwarengroßhandlung Heinrich Lomer am Brühl 42, der sogenannten „Pelzkirche“. Das Unternehmen ging 1930 in die Insolvenz.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 122

Levi, Friedrich
(06.02.1888 Mühlhausen 01.01.1966 Freiburg), Prof. Dr. phil. Mathematiker
Quelle: Drucker, Briefe 107

Lichtenhahn, Carl
(1865 Basel 10.11.1939 ebda.), Dr. jur., Advokat
L. studierte 1887/88 Jura in Leipzig. Er war  ehrenamtlicher Präsident der Casinogesellschaft und der Gesellschaft des Stadttheaters in Basel.
Quelle: Drucker, Briefe 105

Lichtenstein, Leon
(16.05.1878 Warschau 21.08.1933 Zakopane), Prof., Dr. Ing., Mathematiker
Quelle: Drucker, Briefe 107

Liebknecht, Karl
(13.08.1871 Leipzig 15.01.1919 Berlin), Sozialistenführer, Jurist
L. war ein Freund Martin Druckers seit Kindheitstagen.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 29, 31; Lebenserinnerungen, S. 130

Lifschitz, Leo                            
Kaufmann, Rauchwarenhändler
L. war mit Paul Gelberg Mitinhaber der Rauchwarenfirma L. Lidschitz & Co am Brühl 27. Er war Besitzer des Geschäftshauses „Blaue Hand“ im Ranstädter Steinweg 28-32.
 Quelle: Lebenserinnerungen, S. 119 ff.

Lindenmeyer, Heinz
genannt Poppele/Papeele, Schüler, später Lehrer an der Schule Schloß Salem, Freund von Peter Drucker und Heiner Ackermann
Quelle: Drucker, Briefe 49b

List, Erich
(13.11.1905 Leipzig – 10.12.1962 Frankfurt am Main) Rechtsanwalt und Notar.
L. war seit April 1929 als Referendar in der Kanzlei Drucker, Eckstein, Cerf tätig und gleichzeitig als wis­senschaftlicher Hilfsarbeiter in der Hauptgeschäftsstelle des DAV beschäftigt. L. nahm 1931 seine Anwaltstätigkeit in der Kanzlei seines Vaters Hugo L. (1871-1944) auf. Die Rechtsanwaltszulassung wurde jedoch bereits 1933 wegen seiner „jüdischen Abstammung“ widerrufen. Nach 1945 erfolgte in Leipzig seine Wiederzulassung. Da sich die po­litischen Verhältnisse in Leipzig für ihn unerträglich wurden, kehrte er im Januar 1950 von einer Besuchsreise in Frankfurt am Main nicht zurück, wo er zunächst für die Jewish Agency of Palestine arbeitete, welche sich um die Geltendmachung von Restitutionsan­sprüchen emigrierter Juden bemühte. Im Juli 1952 wurde L. in Frankfurt als Rechtsanwalt beim Amts- und Landgericht zugelassen.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 168, 188; Lang, Zwischen allen Stühlen, S. 476 f.

Lister, Josef
(05.04.1827 Upton/Es­sex 10.02.1912 Walmer/Graf­schaft Kent), Baron (seit 1897), Chirurg
L. führte die Methode der Antisepsis ein, indem er den Patienten Karbol-Kompressen verordnete und Karbolspray in die Luft von Ope­rationssälen sprühte. Er konnte dadurch die Zahl der damals außer­ordentlich häufigen Wundinfektionen deutlich verringern. Der be­rühmte Chirurg sagte öffentlich: „Es gibt nichts verächtlicheres als den Haß gegen die jüdische Rasse.“
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 17, 188

Litt, Theodor
(27.12.1880 Düsseldorf – 16.07.1962 Bonn), Professor, Dr. phil. (Bonn 1904), Philosoph und Pädagoge
L. studierte von 1899-1904 alte Sprachen, Geschichte und Philosophie in Bonn. Nachdem er seine in lateinischer Sprache verfasste Dissertation erfolg­reich verteidigt hatte, wirkte er zunächst als Oberlehrer in Köln. Bereits 1919 erhielt L. eine außerordentliche Professur in Bonn. Schon ein Jahr später wechselte er nach Leipzig, wo er in der Nachfolge von Eduard Spranger den Lehrstuhl für Philosophie und Pädagogik übernahm. Seine Leipziger Lehrtätigkeit endete 1937 unter dem Druck der Nationalsozialisten mit seiner frühzeitigen Versetzung in den Ruhestand. 1931/32 war L. Rektor der Leipziger Universität. Nach 1945 nahm L. seine Lehrtätigkeit an der Leipziger Universität wieder auf, wo er aber bald mit den neuen kommunistischen Machthabern kollidierte. Deshalb wechselte er bald wieder nach Bonn, wo er eine Professur für Philosophie und Pädagogik übernahm.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 160, 189

Loeb, Walter
(12.05.1895 Mannheim 28.03.1948), Bankier, SPD-Politiker
L. war von 1922 bis 1924 Präsident der Thüringer Staatsbank. Er emigrierte 1933 nach Amsterdam und später nach London.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 140

Loewe, Carl
(30.11.1796 Löbejün 20.04.1869 Kiel), Kantor, Komponist
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 44

Lorenz, Gerhard
(03.09.1889 Leipzig ?), Dr. jur., Richter
L. wurde 1935 zum Präsidenten des LG Leipzig ernannt.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 157, 162

Luxemburg, Rosa
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 42

Magnus, Julius
(06.09.1867 Berlin – 15.05.1944 Theresienstadt), Ju­stizrat (1914), Dr. h.c. (1921, 1929), Rechtsanwalt (1898) und No­tar (1920)
M. war von 1915 bis 1933 Schriftleiter der Juristischen Wochenschrift. Das Notariat wurde ihm bereits 1933 entzogen. Als Rechtsanwalt war M. offenbar noch bis 1938 zugelassen. 1939 floh er nach Holland, von wo er nach Westerbork verschleppt und letztend­lich nach Theresien­stadt verbracht wurde. Dort ist M. nach Augen­zeugenberichten ver­hungert.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 47, 69 ff.; Lebenserinnerungen, S. 146, 157, 189; Drucker, Briefe 14a, 14b

Mannsfeld, Carl Emil
(15.11.1865 Annaberg – 14.02.1945 Dresden), Dr. jur. (Leipzig 1891), Geheimer Rat, Richter, Justizminister
M. war der Sohn des Oberamtsrichters Ernst Friedrich M. (1830-1892), der 1872 nach Leipzig versetzt wurde. 1896 heiratete er Betty Drucker (1875-1957), die Schwester von Martin Drucker. Ein Jahr später wurde M. zum Amtsrichter, drei Jahre später zum Landrichter in Leipzig ernannt. Ab 1906 war er am OLG Dresden tätig, zu dessen Präsident er schließlich 1922 ernannt wurde. Von 1929 bis 1933 war er parteiloser sächsischer Justizminister. M. schied mit dem von Manfred von Killinger erzwungenen Rücktritt am 11. März 1933 aus der Regierung aus. Am Folgetag der Bombenangriffe auf Dresden wurde M. während der Suche nach seinen Kindern getötet. Seine Frau Betty überlebte schwer verletzt.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 31; Lebenserinnerungen, S. 130, 141, 164, 189, Drucker, Briefe 99, 111 (Betty M.), 112, 116a

Mannsfeld, Karl Ernst Waldemar
(19.04.1855 Schwarzenberg 02.01.1915), Amtsgerichtsrat in Marienberg
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 109, 189

Martens, Kurt
(21.07.1870 Leipzig – 16.02.1945 Dresden), Jurist, Schrift­steller
M. war der Sohn des Regierungsrates Oskar Martens (1834-1882) Seine Auto­biographie „Schonungslose Kritik“ er­schien in zwei Bänden zwischen 1921 und 1924. M. studierte Jura in Berlin, später wieder in Leip­zig (1893/94). 1897 leitete M. die „Literarische Gesellschaft“ in Leipzig. Er lädt in diesem Jahr Frank Wedekind zu einem Vortrag nach Leipzig ein. 1906 wurde er Redakteur bei den „Münchner Neueste Nachrichten“. M. war ein Freund von Thomas Mann, mit dem er einen umfangreichen Briefwechsel führte. Er war Mitherausgeber der Zeit­schrift über Bücher, Kunst und Lebensstil „Der Zwiebelfisch“. Seine weiteren Romane sind heute weitgehend vergessen.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 100 f., 189 f.

Mau, Hermann
(01.07.1913 Hoyerswerda 25.10.1952 Pforzheim), Historiker
Quelle: Lebenserinnerungen, S.  131; Drucker, Briefe 9d

Maurenbrecher, Wilhelm
(22.04.1870 Königsberg 02.11.1929 Dortmund?), Schauspieler, Theaterdirek­tor
M. war der Sohn des gleichnamigen Historikers (1838-1892) und war 1889 Abiturient der Thomasschule. Er studierte anschließend Philosophie in Leipzig und wurde später Theaterdi­rektor in Düsseldorf. Sein jüngerer Bruder Max M. (1876-1930) war Theologe und politischer Publizist. Er erregte 1905 mit seinem Buch „Die Hohenzollernle­gende“ Aufsehen. Er wandte sich später allerdings alldeutschen und antisemitischen Ideologien zu. Er war Landtagsab­geordneter in Sachsen für die Deutschnationale Volkspartei und Hauptschriftlei­ter der „Deutschen Zeitung“. Sein Bruder Otto M. war ebenfalls Schauspieler und Theaterintendant. Der ältere Bruder Prof. Dr. phil. Berthold M. (1868- 1943) wurde Altphilologe und war u. a. Rektor des Thesaurus linguae Latinae in München. Alle drei Brüder besuchten die Thomasschule.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 69, 73 ff., 81 f., 190

Mayrhans, Alois
M. und seine spätere Ehefrau Hedwig waren viele Jahr Hausangestellte bei der Familie von Martin Drucker in der Schwägrichenstraße 5.
Quelle: Drucker, Briefe 70, 71

Meixner, Albert
Kaufmann, Fabrikant
Inhaber einer Blusenfabrik in Plauen
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 127 f.

Melsheimer, Ernst
(09.04.1897 Neunkirchen 25.03.1960 Berlin), Professor, Generalstaatsanwalt
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 85; Drucker, Briefe 9

Melzer, Gustav
(25.04.1882 Straßburg 1956), Dr. jur., Rechtsanwalt in Leipzig
M. war der Sohn eines Kaufmanns in Leipzig. Er wurde 1909 als Rechtsanwalt in Leipzig zugelassen., Er war Stadtverordneter in Leipzig für die Aufwertungspartei und Mitglied des Stahlhelms sowie der NSDAP.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, Anlage 2 a; Lang, Zwischen allen Stühlen, S. 129, 367

Menkes, Marie verw. Fischer, geb. Apfelbaum
(18.12.1866 Klasno 1943 verschollen), Witwe
M. war eine Mandantin von Martin Drucker und Tante seines Sozius Erich Cerf. Sie wurde am 12.10.1943 nach Ravensbrück deportiert.
Quelle: Drucker, Briefe 78, 79; Bertram, Gedenkbuch, S. 504

Meyer, Herbert George
(21.09.1901 Leipzig 14.10.1952 Milwaukee), Dr. jur., Rechtsanwalt
M. war verheiratet mit Valerie geb. Breslauer, der Tochter des Bankiers Wilhelm Breslauer.
Quelle: Drucker, Briefe 77a; Lang, Zwischen allen Stühlen, S.503 f.

Meyer, Richard Moritz
(05.06.1860 Ber­lin 08.10.1914 Berlin), Pro­fessor, Literaturhistoriker
M. war jüdischer Herkunft. Er ist insbesondere als Goethe-Biograph hervorgetreten. Max Klinger schuf 1910 eine Marmorbüste seines Sohnes Reinhold, die im Jahr 2002 durch das Leipziger Bildermuseum an die Erben zurückgegeben wurde.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 21, 190

Miaskowski, August von
(26.01.1838 Per­nau/Livland 22.11.1899 Leipzig), Dr. jur. (1864 in Heidelberg), Nationalökonom
M. war Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften. Er entstammte einer pol­nischen Adelsfamilie. Im Jahr 1866 ließ er sich in Riga als Hofgerichtsadvokat nie­der. M. verließ 1871 Riga und wandte sich in Deutschland der Natio­nalökono­mie zu. Er erhielt 1891 eine Professur in Leipzig als Nach­folger von Lujo Brentanos, die er bis 1897 innehatte. M. stand bis 1885 mit Fried­rich Nietz­sche in freundschaftlicher Verbindung. Sein Sohn Kurt M. (1869-1934) war kurze Zeit bis zu seinem Selbstmord Landge­richtspräsident in Leipzig. Der Jounalist und Schriftsteller Axel Eggebrecht (1899-1991) war sein Enkel.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 29; Lebenserinnerungen, S. 198, 190

Mittelstaedt, Hermann Gottfried Johannes
(03.06.1869 Altona – 25.01.1931 Leipzig), Dr. jur., Justizrat (1917), Rechtsanwalt
M. war der Sohn des Reichsgerichtsrats Otto Mittelstaedt (1834-1899). M. war zunächst seit 1900 als Amtsrichter am AG Leipzig tätig. Von dort wurde er ein Jahr später zum Landrichter beim hiesigen Landgericht ernannt. Doch schon seit 1902 war M. als Rechtsanwalt in Leipzig tätig. Im Jahr 1910 wurde er als Rechtsanwalt am Reichsgericht zugelassen.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 44; Lebenserinnerungen, S. 141, 190

Mommsen, Theodor
(30.11.1817 Garding 01.11.1903 Charlottenburg), Historiker, Altertumsforscher
M. war der Sohn eines friesischen Pfarrers. Im Jahr 1848 kommt er als Professor für römisches Recht nach Leipzig, wo er 1850 wegen seiner demokratischen Gesinnung wieder entlassen wird. Es folgen Professuren in Zürich und Breslau. 1854/56 erschien „Die römische Geschichte“ in drei Bänden. 1861 übernahm M. die Profes­sur für Alte Geschichte in Berlin. Am 31.01.1874 wurde M. zum ordentlichen Professor an der juristischen Fakultät der Universität Leipzig er­nannt und bereits am 21.02.1874 auf sein Ansuchen wieder des Dienstes enthoben. 1874/75 war M. Rektor der Berli­ner Universität. Ms. Forschungen auf historischem, juristi­schem, numismatischem und epigraphischem Gebiet waren bahnbre­chend. Er war ein entschiedener Kämpfer gegen den Antisemi­tismus und bezeichnete die Judenhetze als eine nationale Schmach. M. war 1891 Mitbegründer des „Vereins zur Abwehr des Antisemitis­mus“. Er war Mitglied des preußischen Landtages und später auch des Reichstages. Im Jahr 1902 wurde ihm für seine „Römische Ge­schichte“ der Nobelpreis für Literatur verliehen. Er ist bis heute der einzige Historiker, welcher jemals den Literaturnobelpreis er­hielt. 1994 wurde in Leipzig eine Straße nach M. benannt.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 79, S. 191 f.

Montesquieu, Charles de Secondat, Baron de
(18.01.1689 Schloß La Brède 10.02.1755 Paris), Schriftsteller, Philosoph und Staattheoretiker
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 106

Müller, Kurt
Inhaber des Verlags Kurt Müller & Co., Mitbegründer der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands, Ortgruppe Leipzig-Stadt.
Quelle: Drucker, Briefe 87

Mutschmann, Martin
(09.03.1879 Hirschberg – 14.02.1947 Moskau), Unternehmer, NS-Politiker
M. war ein Spitzenfabrikant aus Plauen. Er war seit 1925 Gauleiter der NSDAP in Sachsen. Bis zum Bankrott seiner Firma 1931 leistete er an die NSDAP großzügige Spendenzahlungen. Seit 1930 war er Mitglied des Reichstages und ab 1933 Reichsstatthalter in Sachsen. 1935 wurde er zusätzlich sächsischer Ministerpräsident. Nach Kriegsende flüchtete M. Er wurde jedoch gefasst und den sowjetischen Besatzungstruppen übergeben. Nach ungesicherten Informationen soll er im Januar 1947 durch ein Militärgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet worden sein.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 156, 191

Nachod, Friedrich (Fritz)
(04.10.1913 Leipzig 19. Juni 1992 New York)
N. war der einzige Sohn des Privatgelehrten und Kunstkritikers Dr. phil. Hans Nachod (1885-1958). Der Bankier und Philantrop Jacob Nachod war sein Urgroßvater und Konstantin von Hößlin sein Großvater mütterlicherseits.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 131; Drucker, Briefe 14aa, 14aaa

Nalopp, Paul
(11.08.1903 Leipzig ?), Dr. med.
N. war der Sohn des Sekretär beim Reichsausgleichsamt Paul Nalopp
Quelle: Drucker, Briefe 58

Nathanson, Leon
(09.12.1874 Kiew 21.12.1944 Santiago de Chile) Rechtsanwalt
Quelle: Lebenserinnerungen, S.  141

Neu, Karl Alfred Eugen
(21.12.1871 Reichenbach – 07.11.1969 Leipzig), Rechtsanwalt, Richter
N. war seit 1901 Rechtsanwalt in Leipzig. Im Jahr 1922 wurde er Präsident des hiesigen Amtsgerichts. Von Oktober 1923 bis Januar 1924 war N. sächsischer Justizminister. Bis März 1933 wirkte er als Abgeordneter für die SPD im Sächsischen Landtag. Nach dem Zusammenbruch des Hitlerregimes wurde N. zum Präsidenten des Landgerichts Leipzig berufen. Dieses Amt hatte er bis 1952 inne.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 167, 191; Drucker, Briefe 93, 94

Neumeyer, Karl
(19.09.1869 München 17.07.1941 ebda.), Professor, Rechtswissenschaftler
N. hatte seit 1908 eine Professur für Intrernationales Recht an der Universität München inne. Er wurde 1934 in den Ruhestand versetzt und beging im Angesicht der drohenden Deportation mit seiner Frau Selbstmord.
Quelle: Drucker, Briefe 14a

Oberhummer, Eugen
(29.03.1859 München – 04.05.1944 Wien) Privatdozent, Geograph und Altertums­wissenschaftler
O. war der Sohn eines Münchner Kaufmanns. Er studierte in München und Berlin. Dort war er zunächst Privatdozent bis 1892. In diesem Jahr wurde er außerordentlicher Professor in München. 1903 wechselte O. nach Wien, wo er eine ordentliche Professur der Geographie innehatte.  Er führte in Leipzig lediglich ein Kolleg über Ethnographie durch. O. hin­terließ Tagebücher seiner Reisen nach Zypern 1887 und 1891.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 103, 191

Oehler, Waldemar
(22.02.1858 Halle ?) Dr. phil., Professor,Ober­studienrat
O. war Schüler an der Lateinischen Schule in Halle (Franckesche Stiftungen) und seit Ostern 1884 Lehrer an der Thomasschule.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 89 f., 191 f.

Örtel, Karl
(* 1869 Leipzig ?), Oberstaatsanwalt
Sohn des Rechtsanwalts Carl Robert Oertel (* 1832 Eisenberg), Bruder von Robert Örtel; Schulfreund von Martin Drucker, Schwiegervater des Kapellmeisters Herbert Charlier.
Quelle: Drucker,  Briefe 60, 61

Örtel, Robert
(02.05.1873 Leipzig ?), Amtsgerichtsdirektor in Leipzig
Sohn des Rechtsanwalts Carl Robert Oertel (* 1832 Eisenberg), Bruder von Carl Örtel unds Vater des Kunsthistorikers Robert Oertel (1907-1981).
Quelle: Drucker,  Briefe 61

Ollendorff, Leo
Kaufmann
O. war der Schwiegersohn von Samuel Hodes (1856-1940) und Inhaber der Textilgroßhandlung L. Ollendorff GmbH am Neumarkt 3. Er emigrierte mit seiner Frau in die USA.
Quelle: Drucker, Briefe 30a, 31

Osterloh, Ernst Robert
(13.03.1813 im Plauen­schen Grund 20.08.1884 Leipzig), Dr. jur., Geheimer Hofrat, Advocat, Hochschullehrer
O. war seit 1850 Professor des sächsischen Rechtes und des Zivilprozesses und außerordentlicher Beisitzer des Appellationsgerichts. Seit dem Wintersemester 1873/74 war O. Vor­stand der Universitäts-Sängerschaft St. Pauli.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 21 f., 192

Ostwald, Wilhelm
(02.09.1853 Riga – 04.04.1932 Großbothen), Chemi­ker
O. hatte die Professur für physikalische Chemie an der Leipziger Universität von 1887 bis 1906 inne. Er erhielt 1909 den Nobelpreis für Chemie. Carl Drucker war ein enger Mitarbeiter von O. an der Universität und auch familiärer Freund.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 24, 33; Lebenserinnerungen, S. 134, 157, 192

Pappageorg, Peter
(20.12.1867 Wien 1944 Leip­zig), Kaufmann, Ge­neralkonsul
P. war 1889 Abiturient der Thomas­schule. Er war Generalkonsul für Griechenland in Leipzig. P. war als Prokurist der Fa. C. Pappá in Leipzig tätig. Er ver­öffentlichte aber auch 1912 ein Taschen­wörterbuch der neugriechischen und deut­schen Sprache.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 74, 192

Pelchrzim, Franz Cunibert Eugen von
Steuermann a. D., Ballettmeister, Tanzlehrer
P. entstammte einem alten schlesischen Adelsgeschlecht. Er war gemeinsam mit seiner Schwester Frieda von P. Inhaber eines Tanzlehrinstituts in der Emilienstraße 22.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 94

Petersen, Lorenz
Sprechschuldirektor
P. war Inhaber einer Berlitz-Sprachschule in Leipzig, welche er nach 1945 wieder eröffnete. Die Einrichtung war heftigen Anfeindungen ausgesetzt, weil eine Privatschule nicht „in die Landschaft  ostdeutscher Schulpolitik“ passte.
Quelle: Drucker, Briefe 56

Petschek, Ernst (später: Ernest Frederick)
(1887 – 1956), Dr., Unternehmer
P. war mit seinem Vater Ignaz P. seit 1926 Aufsichtsratsmitglied der Phönix AG. Im Jahr 1918 heiratete er Vera Caro. Als die Ehe 1928 geschieden wurde, entwickelte sich hieraus ein Rechtsstreit, der schließlich 1932 in eine Anklage ge­gen den früheren Schwiegervater Nicodem Caro führte.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 33, 43; Lebenserinnerungen, S.134, 138, 192

Petschek, Ignaz
(14.06.1857 Kolin/Böhmen – 15.02.1934 Aussig), Bankier, Großunternehmer
P. war der jüngste von drei Brüdern aus einer Familie von einflussreichen böhmischen Industriellen. Er war u.a. Inhaber der Aussi­ger Braunkohlenfirma Ignatz Petschek, welche in Deutschland, Polen und der Tschechoslowakei umfangreiche Kohlenvorkommen besaß. Mit seinem Bruder Julius war er Gründer und Eigentümer der Privatbank Petschek & Co. in Prag.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 33; Lebenserinnerungen, S. 138, 192

Petschull, Johannes
(08.05.1901 Diez 09.01.2001), Musikverleger
P. arisierte den Musikverlag C. F. Peters.
Quelle: Drucker, Briefe 59

Pinner, Albert
(28.09.1857 Berlin – 05.01.1933 Berlin), Dr. jur. h.c. (Berlin), Justiz­rat, Rechtsan­walt und Notar in Berlin
P. war Vorstandsmitglied des Berli­ner Anwaltver­eins und im DAV. Er war Verfasser zahlreicher Schriften zum Handels- und Aktienrecht und Mitarbeiter an verschiedenen Fachzeitschriften. P. wurde 1932 als letzter jüdischer Jurist mit einer Festschrift gewürdigt. Ha­chenburg schrieb für P. in der Deutschen Juristen-Zeitung vom 15.01.1933 einen würdigen Nachruf.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 4, 50, S. 91-94; Lebenserinnerungen, S. 59, 149

Politz, Alice Marie
(18.06.1869 Wien 1946 Dresden?), Königlich Sächsische Hofschauspielerin
P. war zu­nächst kurzzeitig in Berlin engagiert, dann für 1 ½ Jahre in Leipzig. Sie war verheiratet mit dem Musikkritiker Hugo Daffner (1882-1936), der Opfer des Holocaust wurde. Sie hatten einen Sohn Franz (* 1911). Ab 1890 bis 1907 war sie Mitglied des Dresdener Hoftheaters und Lektorin für Redekunst an der dortigen Technischen Hochschule. Bereits 1884 hatte P. ihren Austritt aus dem mosaischen Glauben erklärt.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 74, 192

Possart, Ernst Ritter von
(11.05.1841 Berlin 08.04.1921 ebd.), Dr. phil. h.c. (München), Schauspieler, Theaterleiter
P. wurde 1897 geadelt und war bis 1905 Generalintendant in Mün­chen. Er war ein namhaf­ter Freimaurer. Der Maler Felix P. war sein Bruder.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 83, 192 f.

Reimer, Carl Traugott
(06.06.1836 Kössern – 13.12.1915 Leipzig), Lehrer
R. war seit 1864 ständiger Lehrer an der Realschule und wurde 1872 Oberlehrer. Im Jahr 1874 wurde R. zum Direktor der Bürgerschule für Knaben, die ab 1891 die Bezeichnung „Erste höhere Bürgerschule“ führte, ernannt.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 27; Lebenserinnerungen, 52 f., 193; Information des Stadtarchivs Leipzig, Herr Olaf Hillert.

Reimers, Anna
(14.09.1868 Leipzig ? Hamburg-Wandsbeck)
R. war eine Cousine von Martin Drucker, Schwester von Karl Klein und Elsbeth Wohlfahrt. Sie war die Mutter von Elsbeth Thiess.
Quelle: Drucker, Briefe 21a-c

Reinecke, Carl Heinrich Carsten
(23.06.1824 Altona 10.03.1910 Leipzig), Dr. phil. h.c. Leipzig), Komponist, Pianist und Diri­gent
R. war Kapellmeister am Gewandhaus von 1860 bis 1895. Daneben war er bis 1902 auch am Leipziger Konservatorium tätig. Nach seinem Tode wurde in Leipzig eine Straße nach R. benannt.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 28; Lebenserinnerungen, 41 f., 193

Reinhardt, Max, eigentlich: Goldmann
(09.09.1873 Baden bei Wien   30.10.1943 New York), Schauspieler und Regisseur
R. war seit 1894 am Deutschen Theater in Berlin engagiert, dessen Leitung er 1905 übernahm. 1924 übernahm er das Theater in der Jo­sefstadt in Wien und eröffnete die Komödie am Kurfürstendamm in Berlin. 1933 verließ R. Deutschland und emigrierte schließlich 1938 in die USA.
Quelle: Lebenserinnerungen, 75, 193

Richter, Robert
(15.10.1843 Lichtensee 14.07.1905), Oberlehrer
R. war an der Ersten Höheren Bürgerschule und von 1875 bis 1886 an der Tho­masschule Lehrer für Mathematik.
Quelle: Lebenserinnerungen, 52, 54, 193 f.

Rieger, Conrad
(08.08.1831 Köthen – 14.09.1910 Köthen) Justizrat, Rechtsanwalt
R. war als Rechtsanwalt am herzoglichen Landgericht seiner Heimat­stadt zugelassen. Er war um 1877 Mitglied im Köthener Stadtrat. 34 Jahre lang arbeitete R. im Kreistag und 16 Jahre im Köthener Krei­sausschuss mit. Seine Frau, Clara geb. Krause, war Taufpatin von Betty Drucker, verh. Manns­feld (1875-1957).
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 15; Lebenserinnerungen, 19 ff., 39, 193

Riess, Gerhard
(22.21.1885 Kolberg 11.03.1957 Berlin), Rechtsanwalt
R. war bis 1936 als Rechtsanwalt in Dillingen im Saarland zugelassen, nachdem er dort seine Zulassung verloren hatte, verzog er mit seiner Familie nach Leipzig.
Quelle: Drucker, Briefe 66-69; Lang, Zwischen allen Stühlen, S. 554 f.

Rietz, Julius
(28.12.1812 Berlin 12.09.1877 Dres­den), Dr. phil. h.c. (Leipzig), Komponist
R. war 1847-1854 Theaterkapellmeister, von 1856 bis 1860 Direktor der Ge­wandhauskon­zerte und Kompositionslehrer am Konservatorium der Mu­sik in Leipzig. Ab 1860 war er königlicher Hof­kapellmeister in Dresden und 1874 wurde er dort zum Generalmusikdirektor berufen. R. war Ehrenmitglied der Universitäts-Sängerschaft St. Pauli.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 18, 193

Rocholl, Marie (Mietze)
21.05.1879 Minden Kassel?)
R. war die unverheiratete jüngste Tochter Elise Rocholl. geb. Klein, der Schwester von Martin Druckers Mutter. Sie lebte nach 1945 in Kassel.
Quelle: Drucker, Briefe 98, 99

Röhn, August William
(Borna bei Leipzig um 1928 Leipzig)
R. war zunächst Direktor der Dritten Bürgerschule, dann von 1874 bis 1893 Lehrer für Stenographie an der Thomas­schule und an der Fortbildungsschule für jüngere Kaufleute. Sein Sohn Walther R. (* 15.07.1884 Leipzig) besuchte die Thomasschule, studierte seit 1903 Jura in Leipzig und war später Mitglied des Semniars für Orientalische Sprachen in Berlin.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 89, 193

Roloff, Heinrich
 (11.05.1911 Wernigerode 27.03.1980 Berlin) , Dr. phil. (Leipzig 1936), Bibliotheksrat
Sohn des Oberlehrers Hermann Roloff, Direktor der Katalogabteilung der Deutschen Staatsbibliothek Berlin, später Direktor der Inkunabelabteilung.
Quelle: Drucker, Briefe 34, 35

Roscher, Wilhelm Georg Friedrich
(21.10.1817 Hannover 04.06.1894 Leipzig), Nationalökonom und Historiker
R. hatte seit 1848 eine Professur in Leipzig. Ihm wurde 1889 die Ehrenbürgerschaft der Stadt Leipzig verlie­hen. Als sein Hauptwerk gilt die 1874 erstmals erschienene „Ge­schichte der National-Oekonomie in Deutschland“. 1898 wurde in Leip­zig eine Straße nach R. benannt. Sein Sohn, der Alt­philologe Wil­helm Heinrich R. (1845-1923) war Oberlehrer an der Fürstenschule Meißen, später Rektor am Gymnasium in Wurzen.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 29; Lebenserinnerungen, S. 108, 193 f.

Rosenblatt, Viktor
(01.05.1870 Stadtlengsfeld 1934 Leipzig), praktischer Arzt
R. studierte Medizin in München, Feiburg und dann in Leipzig. Er war verheiratet mit Elisa­beth Lüh­mann. Sein Sohn Hans (1901 ?) war Amtsgerichtsrat in Leip­zig. Er überlebte als Mischling die Nazi-Diktatur und floh im September 1953 aus Leipzig in die Bundesrepublik.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 104, 194

Roßbach, Heinrich Julius
(26.01.1835 Zittau 03.03.1891 Leipzig), Rechtsanwalt
R. eröffnete mit Martin Drucker sen. dessen erste Anwaltskanzlei. Beide waren 1879 Gründungsmitglieder des Leipziger Anwaltvereins. Seine Ehefrau Maria geb. Bach (1844-1914) war eine der Taufpaten von Martin Drucker jun.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 16; Lebenserinnerungen, S. 24, 194

Rothe, Gustav
(09.03.1823 Gößnitz – 02.11.1910 Altenburg) Geheimer Medizinalrat, Dr. med.
R. studierte zunächst Theologie in Jena und Heidelberg. Er gehörte zu den führenden 48ern in der „Republik Thü­ringen“ um Douai, Erbe und Dölitzsch. R. wurde im Oktober 1848 ver­haftet und später zu vier Wochen Gefängnis verurteilt. Als er spä­ter beschuldigt wurde, zu einem Freischarenzug nach Dresden aufge­fordert zu haben, ging er nach Amerika, wo R. Medizin studierte und später auch prakti­zierte. Auf Wunsch seines Vaters kehrte er zurück und eröffnete in Altenburg eine gutgehende Praxis. 1862 heiratete er Adelheid Klein, die Nichte seines früheren Mitkämpfers Arthur Olympius Dö­litzsch. Sie war eine der Taufpaten M.D.s
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 17; Lebenserinnerungen, S.  16 f., 79, 90, 107, 194

Rothe, Karl Wilhelm August
(20.02.1865 Leipzig – 20.01.1953 Leip­zig), Dr. jur. et phil. h.c., Stadtverordneten-Vorsteher (1909), Justizrat (1909), Oberjustizrat (1916), Rechtsanwalt, Oberbürgermeister
R. besuchte die Nikolaisschule und studierte ab 1883 in München und Leipzig neben Jura auch Volkswirt­schaft, Kunst und Archäologie. Im Jahr 1893 wurde er Stadtrat in Meißen und später dort amtierender Bürgermeister. Seit 1896 war R. als Rechts­anwalt in Leipzig tätig. Von 1896 bis 1917 war er Direktor der Leipziger Hypothekenbank, die 1901 wegen wechselseitiger Verflechtungen auch in den Konkurs der Leipziger Bank verwickelt war. Als R. zum Leipziger Ober­bürgermeister (1918-1930) gewählt wurde, gab er seine Rechtsan­waltszulassung auf. In Gohlis wurde 1930 die Straße, in welcher sich sein Wohnhaus befand, nach ihm benannt. Nach 1945 war R. wie­derum als Rechtsanwalt tätig, bis 1947 Stadtrechtsrat und Alters­präsident der Stadtverordnetenversammlung, welcher er für die Libe­raldemokraten angehörte.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 135, 194

Rudolph, Walther
(27.08.1869 Glauchau – 04.05.1938 Dresden), Dr. jur., Justizrat, Rechtsanwalt
R. war als Rechtsanwalt am OLG Dresden zugelassen. Seine Kanzlei am Seidnitzer Platz Nr. 1 betrieb er gemeinsam mit Dr. Rudolf Busch. R. war vor und nach 1933 Vorstandsmitglied der Sächsischen Rechts­anwaltskammer.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 28; Lebenserinnerungen, S. 104 f., 194 f.

Runge, Karl Wilhelm Kurt
(13.07.1898 Leipzig – 15.07.1972 ?), Dr. jur., Rechtsanwalt
R. war 1918 Abiturient der Tho­masschule. Im Jahr 1926 wurde ihm die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft unter Bezugnahme auf § 5 Ziff. 4 RAO verwei­gert, da R. stellv. Ge­schäftsführer des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler und gleichzeitig Geschäftsführer des Arbeitgeberverban­des der Deutschen Buchhändler war. In dem Verfahren vor dem Ehren­gerichtshof wurde R. durch M.D. vertreten. Mit Urteil vom 6.11.1926 wurde fest­gestellt, daß ein Versagungsgrund nicht vor­liegt. R. wurde daraufhin in Leip­zig zur Rechtsanwaltschaft zugelassen. Er war Sozius in der Kanzlei von Hans Otto und Rudolph Flügel. Er ging später als Rechts­anwalt nach Berlin. R. war nach 1945 Rechtsanwalt und Steuerberater in Bad Harzburg, später in Köln und zuletzt am OLG Karlsruhe. Gleichzeitig wirkte R. als Dozent an der Bibliothekar- und Buchhändlerschule in Köln. R. war 1948 bis 1961 auch Kuratoriumsmitglied des Max-Reger-Insti­tuts.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 142, 195

Sachs, Jacob
(27.08.1904 Leipzig –  2000 London), Kaufmann, Rauchwarenhändler
S. wurde als Sohn des Rauchwarenhändlers Joseph Benjamin S. geboren. Er besuchte die von Ephraim Carlebach geführte Höhere Realschule. Im Jahr 1920 trat er in die Firma seines Vaters und seiner Brüder ein, die eine der der größten ihrer Art in Leipzig war. Zehn Jahre später wurde S. Mitinhaber der Firma J. B. Sachs & Co. in der Nikolaistraße.
Am 22. März 1933 wurde S., der in Begleitung seiner 68jährigen Mutter war, auf offener Straße von SA-Leuten überfallen und schwer misshandelt. Nachdem er 1935 kurzzeitig und grundlos inhaftiert worden war, verließ S. sofort nach seiner Freilassung Deutschland und wanderte über Prag letztendlich nach England aus. In London war er wiederum sehr erfolgreich als Rauchwarenhändler tätig. Er war Inhaber der Firma J. B. Sachs & Co. Ltd.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 61; Lebenserinnerungen, S. 153, 195 f.

Samson, Hermann
(18.07.1804 Braunschweig 16.09.1865 Leipzig), Kaufmann
S. entstammte einer alten Hoffaktorenfamilie. Er war der Sohn des Ban­kiers Hertz Samson (1778-1849). S. kam 1840 aus seiner Geburts­stadt, wo er Repräsentant der jüdischen Gemeinde gewesen war, nach Leipzig. Er wurde hier erster Gemeindevorsteher der Israelitischen Religi­onsgemeinde.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 14, 195

Sander, Constantin (Pseudonym: S. C. Helm)
(25.04.1826 Breslau 21.12.1905 Leipzig), Musikver­leger
S. war der Enkel des Musikverlegers Franz Ernst Christoph Leuckart (1748-1817), der 1782 eine Musikalienhandlung in Breslau gründete. S. verlegte die Firma 1870 nach Leipzig. Der noch heute existie­rende Musikverlag ist seit 1948 in München ansässig.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 22, 42, 195

Schatz, Johannes
(06.04.1868 Zschirla – 27.05.1943 Leipzig), Justizrat, Rechtsanwalt (1896) und Notar (1919)
Der Leipziger Anwalt war lang­jähriges Mitglied des Vorstandes des DAV.  Als Sch. im Jahr 1939 nach 47jähriger Dienstzeit ein Dankschreiben des Reichsjustizministeri­ums erhalten soll, schrieb der Leipziger NSRB in seiner Stellungnahme: „Justizrat Schatz ist im früheren  Deutschen Anwaltverein und im Notarverein jahrzehntelang aufopfernd für den Berufsstand tätig gewesen und hat dort oft in einem gewissen Gegensatz zu der jüdischen Berliner Richtung gestanden.“ Seine Tochter Eva war ebenfalls Rechtsanwältin. Ihr, wie auch Ihrem Ehemann Zuberbier, wurde am 29.10.1945 die Zulassung wegen der Mitgliedschaft in der NSDAP entzogen.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 149, 195 f.

Scheffel, Joseph Victor von
(16.02.1826 Karlsruhe 09.04.1886 ebda.), Schriftsteller und Dichter
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 56

Schenkel, Rudolph
(* 1842 Oelsnitz), Dr. med., Hausarzt, Leichenschauarzt (seit 1870)
Sohn des Pfarrers Carl Schenkel (1802-1861).
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 101

Scheuffler, Heinrich
(07.05.1889 Johanngeorgenstadt 02.09.1946 München) Dr. jur., Landgerichtsdirektor, Verleger
Sch. der Sohn von Clara geb. Mannsfeld und somit ein Neffe von Margarete Drucker, geb. Mannsfeld, sein Großvater war der Pfarrer Heinrich Scheuffler. Er war bis zu einer Entlassung 1934 am LG Dresden tätig. Nach dem Krieg war er in der C. H. BECK’sche Verlagsbuchhandlung in München tätig, wo er durch einen Verkehrsunfall starb.
Quelle: Drucker, Briefe 103a-c, 104

Schiffer, Eugen
(14.02.1860 Breslau 05.09.1954 Berlin, Jurist und Politiker
Sch. war bis 1921 Reichsjustizminster
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 112

Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst
(21.11.1768 Breslau 12.02.1834 Berlin), Theologe, Philosoph und Pädagoge
Sch. war Mit­begründer des Frühromantikerkreises um Friedrich Schlegel. Nach seiner Ausbildung in Niesky und Barby begann Sch. 1787 vier Semester in Halle, insbe­sondere Philosophie zu studieren. Dorthin kehrte er im Jahr 1804 wieder als außerordentlicher Professor und Universitätsprediger zurück. Durch die Schließung der Hallenser Universität im Zuge der Besetzung durch französische Truppen wechselte Sch. wie viele andere Gelehrte 1806 nach Berlin, um dort den Aufbau einer neuen Universität voranzu­treiben. Er war erster Dekan der Theologi­schen Fakultät.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 106, 196

Schmidt, Carl Adolf
(04.11.1815 Allstedt/Sachsen – 20.10.1903 Baden-Baden), Dr. jur., Dr. phil., Professor für römisches Recht, Geheimer Justizrat,
Sch. studierte Rechtswissenschaft in Jena, wo er 1839 promovierte und sich 1843 habilitierte. Im gleichen Jahr wurde Sch. hier außerordentlicher Professor. 1849 übernahm er eine ordentliche Professur in Greifswald. 1850 wechselte er an die Universität Freiburg im Breisgau. Von 1858 bis 1866 war Sch. Landtagsabgeordneter in Baden, ab 1869 Professor in Bonn und schließlich in Leipzig, wo er 1873/74 zum Rektor gewählt wurde.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 71 f., 76, 83, 108, 196

Schmidt, Richard
(19.01.1862 Leipzig – 31.03.1944 Leipzig), Professor, Dr. jur., Geheimer Hofrat, Prozessualist,
Sch. promovierte in Leipzig, wo er 1884 zunächst Assessor, dann Hilfsrichter wurde. Im Jahr 1887 erfolgte hier auch seine Habilitation und 1890 seine Berufung zum außerordentlichen Professor. Bereits ein Jahr später wechselte Sch. nach Freiburg im Breisgau. Im Jahr 1913 kehrte er auf eine Professur an die Universität Leipzig zurück, wo er 1925 auch Institutsdirektor für Auslandskunde wurde. 1932 wurde Sch. emeritiert. Als sein Nachfolger wurde Leo Rosenberg berufen.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 29; Lebenserinnerungen, S. 108, 196

Schmidt, Viktor
(03.12.1869 Leipzig ? Breslau), Privatmann
Sch. war der Sohn des Geheimen Rats Prof. Adolf Schmidt.  Laura  (* 1864), die mit dem Mathematiker Friedrich Schur verheiratet war, war seine ältere Schwester. Sch. war mit Martin Drucker 1889 Abiturient der Thomas­schule und studierte Jura in München, später wieder in Leip­zig, legte aber niemals das zweite Staatsexamen ab.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 69, 71 f., 74, 76, 83, 108, 196; Drucker, Briefe 41a

Schneider, Lambert
(18.04.1900 Köln 26.05.1970 Heidelberg), Verleger
Quelle: Drucker, Briefe 9a

Schneider, Otto
(25.10.1869 Leipzig ? Berlin), Lic. theol., Professor
Sch. war der Sohn eines Lehrers und legte, wie Martin Drucker, 1889 das Abitur an der Thomasschule ab. Er wirkte später als Professor am Realgymnasium in Blasewitz, später in Berlin.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 54 f., 196

Schönburg-Waldenburg Prinz, Heinrich Otto Friedrich von
(17.09.1867 Waldenburg – 24.05.1937 Obersiebenbrunn)
Jüngster Sohn von Fürst Otto Friedrich von Schönburg-Waldenburg (1819-1893), Thomasschüler.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 73, 196

Schreber, Daniel Gottlieb Moritz
(15.10.1808 Leipzig 10.11.1861  Leipzig), Dr. med. (Leipzig 1833), Arzt und Pädagoge
Sch. war Thomasschüler. Er studierte in Leipzig Medizin und Heil­mittellehre. Ab 1844 leitete R. eine orthopädische Klinik in Leip­zig. Gemeinsam mit seinem Schwiegersohn, dem Bürgerschul­direktor Ernst Innocenz Hauschild (1808-1866), war er der Wegbereiter der Klein­gartenbewegung, der drei Jahre nach seinem Tod nach ihm benannten Schrebergärten.
Seine Söhne besuchten ebenfalls die Thomasschule und wurden beide Juristen. Daniel Gustav Sch. (1839-1877) war Landsgerichtsrat in Leip­zig und beging Selbstmord. Sein jüngerer Bruder Paul Daniel Schreiber (1842-1911) war Senatspräsident am OLG Dresden.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 15, 197

Schrömbgens, Heinrich
(30.03.1874 Kaldenkirchen 1956 ?), Dr. jur., Justizrat,  Rechtsanwalt
Sch. war seit 1901 als Rechtsanwalt in Köln, ab 1912 am Reichsgericht und seit 1948 in Karlsruhe zugelassen. Er war ein Studienfreund von Konrad Adenauer.
Quelle: Drucker, Briefe 96

Schulze, Gerhard
(24.12.1906 Auerbach 1943 Leipzig), Schatzmeister der Gesellschaft der Bibliophilen
Sch. ist bislang nicht völlig zweifelsfrei identifizierbar. Evtl. der Verlagsinhaber und Schatzmeister der Gesellschaft der Bibliophilen Gerhard Schulze, der u. a. 1934 eine Fontane-Ausgabe mit Zeichnungen von der Kunstanstalt Max Breslauer drucken ließ. Sch. wurde „mitsamt seinen Sammlungen unter den Trümmern seines Hauses begraben“.
Quelle: Drucker, Briefe 77a

Schurig, Heinrich Rudolf
(04.03.1835 Radeberg – 15.06.1901 Dresden), Dr. h.c. (Leipzig), Geheimrat (1888), sächsischer Justizminister
Sch. war der Sohn eines Musikdirektors S. in Dresden. Er studierte von 1854 bis 1857 die Rechte und trat anschließend in den Staatsjustizdienst ein. Im Jahr 1876 wurde Sch. zum Rat beim Appellationsgericht (seit 1879 Oberlandesgericht) in Dresden ernannt. 1884 wurde er Landesgerichtspräsident und königlicher Kommissar bei den juristischen Prüfungen der Universität in Leipzig. Von 1890 bis zu seinem Tode war Sch. sächsischer Justizminister. Seit 1895 war er gleichzeitig Ministerpräsident.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 30; Lebenserinnerungen, S. 109, 197

Schuster, Erich
(24.07.1898 Sebnitz ?),  Dr. jur., Rechtsanwalt
Sch. war der Sohn des Studienrats Max Schuster in Bautzen. Er war aktives SPD-Mitglied, verlor nach 1933 seine Zulassung und wurde nach 1945 wieder als Rechtsanwalt in Bautzen zugelassen.
Quelle: Drucker, Briefe 57

Sernau, Wilhelm
(18.06.1880 Brehna ?), Dr. med., Psychiater
1929 Leiter des Sanatoriums „Villa Harthek“ in  Gaschwitz, ab September 1942 in der Wahrendorffschen Klinik in Ilten.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 132; Drucker, Briefe 49b

Sickert, Johannes (Hans)
(13.11.1864 Schmölln 1945 Leipzig), Architekt
Sein Vater war der deutsch-wendische Pfarrer Johann August Sickert (1835- 1921), der als letzter bis 1899 in sorbischer Sprache predigte. Er war mit Martin Druckers ältester Schwester Johanna verheiratet.
Quelle: Drucker, Briefe 99, 116a

Sickert, Ludwig
Dr. jur., Rechtsanwalt
Sohn des Architekten Johannes Sickert und dessen Ehefrau Johanna geborene Drucker, Neffe Martin Druckers.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 23; Lang, Zwischen allen Stühlen, S. 593 f.,

Siehr, Ernst
(05.10.1869 Heinrichswalde 14.11.1945 Bergen/Rügen), Jurist, Politiker
Quelle: Drucker, Briefe 73, 74

Siehr, Kurt
(05.08.1888 ?), Dr. jur. (Jena 1910), Kammergerichtsrat, zuletzt Reichsgerichtsrat.
S. war ein jüngerer Bruder von Ernst Siehr und verheiratet mit Anna Siehr.
Quelle: Drucker, Briefe 73

Sistermann, Anton
(05.08.1867 s’Hertogenbusch/Holland 06.03.1926  Haag), Konzertsänger (Bariton)
S. erhielt seine Ausbildung durch Julius Stockhausen in Frankfurt am Main. Er war einer der bedeutendsten Vertreter sei­nes Stimmfachs in Europa. Zwischen 1891 und 1914 gab er ständig Konzerte in Ber­lin; auch in Wien, Hamburg, Paris, Moskau und St. Petersburg war er außerordentlich erfolgreich. Am 16.03.1896 sang er in Berlin die Solopartie in der Uraufführung der „Lieder eines fahrenden Gesel­len“ von Gustav Mahler. Sein Vortrag der Werke von Johannes Brahms, vor allem der „Vier ernsten Gesänge“ galt als unvergleichlich. Diese sang er 1896 in Wien in der Uraufführung in Anwesenheit des Komponisten.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 45, 197

Sohm, Rudolph
(29.10.1841 Rostock 16.05.1917 Leipzig), Professor, Dr. jur. et. phil., Geheimrat
Nach seiner Promotion in Rostock und Habilitation in Heidelberg folgte S. 1870 einem Ruf auf einen Lehrstuhl in Frei­burg, dann 1872 nach Straßburg an die neu gegründete deutsche Uni­versität, wo er sofort zu den erfolgreichsten akademischen Lehrern gehörte. Mit der Annahme der Professur für Kirchenrecht und deut­sches Recht 1887 in Leipzig begründete S. mit anderen namhaften Kollegen das Ansehen der Leipziger Universität als führende juristische Fakultät um 1900. S. engagierte sich in der zweiten Kommission zur Beratung des BGB und als Reichstagsabgeordneter. Mit Friedrich Naumann begrün­dete er 1896 den Nationalsozialen Verein. Seine wissenschaftlichen Publikationen zur deutschen Rechtsgeschichte und zum Zivilrecht wa­ren und sind Standardwerke auf diesen Gebieten. Richtungweisend waren aber auch seine Schriften zum Kirchenrecht. Durch sein frühzeitiges Eintreten für eine aktive staatliche Sozialpoli­tik kann S. zu den geistigen Vätern der Tradition eines freiheitli­chen Sozialstaates gerechnet werden.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 29; Lebenserinnerungen, S. 108, 197 f.

Soldan, Hans
(22.03.1870 Friedberg/Hessen – 12.08.1940), Rechtsanwalt
S. war seit 1903 Rechtsanwalt in Mainz. Im Jahr 1908 übernimmt er die Herausgabe der Deutschen Rechtsanwalts-Zeitung (DRAZ). Seit 1923 war er am Reichsgericht zugelassen. 1929 gründete S. die noch heute bestehende Hans-Soldan-Stiftung.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 149, 198

Sorgler, Ernst
Friseur für Damen in Leipzig, Beethovenstraße 10
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 133

Spitzner, Friedrich Ernst Otto Johannes
(01.07.1869 Groß Jehser, Kreis Calau/Preußen – 24.07.1959 Hamburg), Professor, Dr. phil.
Sp. war der Sohn des Rittergutsbesitzers Max Friedrich Sp. (1839-1909). Er studierte 1889-1894 in Leipzig, Halle und Greifswald Theologie. Sp. war dann Gym­nasiallehrer an der Thomasschule und an der 2. Höheren Töchter­schule für Mädchen nebst Lehrerinnenseminar in Leipzig, ab 1907 Di­rektor des Lehrerseminars in Hamburg. Sp. unter­richtete Deutsch, Religion, Geschichte und Latein. Er wurde 1932 in den Ruhestand versetzt.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 97 f., 198

Stach, Walter
(01.11.1890 Pieschen bei Dresden – 09.09.1955 Ringingen bei Ulm), Professor
St. war Professor für lateinische Sprache und Literatur in Leipzig, später in Straßburg, wo er einen der wenigen Lehrstühle für mittelalterliches Latein innehatte. Er war auch Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften.
Quelle: Lebenserinnerungen, S.161, 198

Stein (früher: Goldstein), Friedrich Wilhelm Viktor Albert
(27.01.1859 Breslau 12.07.1923 Leipzig), Professor, Dr. jur., Zivilprozessualist
St. wurde 1887 Privatdozent, dann ab 1889/90 außerordentlicher Professor in Leipzig. Im Jahr 1896 erfolgte die Berufung zum ordentlichen Professor nach Halle, von wo er 1908 nach Leipzig zurückkehrte. St. war langjähriger Herausgeber des von Ludwig Gaupp begründeten Kommen­tars zur Zivilprozessordnung.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 30; Lebenserinnerungen, S. 108 f., 198

Steindorff, Georg
(12.11.1861 Dessau 28.08.1951 North Holywood/USA), Ägyptologe
St. war verheiratet mit Elise geborene Oppenheimer. Er war der Vater von Ulrich St. und der Pianstin Hilde Hemer geb. St.
Quelle: Drucker, Briefe 107

Steinmarder, David
(28.02.1882 Lublin ?)
St. war Rauchwarenhändler (Brühl 69) und der Bruder von Becka Frankel. Er wird erwähnt von Egon Erwin Kisch in „Eintritt verboten“ (1934).
Quelle: Drucker, Briefe 100

Steinmarder, Georg (Gerson)
(10.05.1885 Meseritz ), Dr. jur., Rechtsanwalt in Zürich
St. war der Sohn des Privatlehrers Joseph St. in Leipzig. David St. und Becka Frankel waren seine Geschwister. Er studierte Cameralia in Leipzig. St. verteidigte David Frankfurter (1909-1982) und vertrat Else Lasker-Schüler.
Quelle: Drucker, Briefe 101

Stoecker, Adolf
(11.11.1835 Halberstadt 07.02.1909 Bozen), Prediger, Politiker
St. war Berliner Hof- und Domprediger. Er gründete 1878 in Ber­lin die „Christlich-Soziale Arbeiterpartei“. St. war Mitglied des Deutschen Reichstages für die Deutschkonservative Partei (1881-1893 und 1898-1908). Wegen seiner antisemitischen politischen Tätigkeit wurde St. 1889 als Hofprediger entlassen.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 28; Lebenserinnerungen, S.24, 129, 198

Stoiber, Franz
(23.12.1897 Landshut ?), Wirtschaftsprüfer in Leipzig
St. war Geschäftsführer und letztes (nichtjüdisches) Mitglied des Vorstands der Ch. Eitingon AG, nachdem Henry Gold und Martin Drucker aus dem Vorstand ausscheiden mussten.
Quelle: Drucker, Briefe 89

Stürenburg, Heinrich
(23.07.1847 Hildburghausen – 28.09.1934 Dresden), Dr. phil., Professor, Geheimer Studienrat
St. war Konrektor an der Thomas­schule und später Rek­tor der Kreuzschule in Dresden von 1889 bis 1910. Er veröffent­lichte 1930 seine „Erin­ne­rungen eines Achtzigjährigen“.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 61, 98 ff., 198

Tammenhain, Oskar
(20.01.1899 Oberlungwitz 1986), Rechtsanwalt in Leipzig
T. war der Sohn des Pfarrers Oskar T.  (* 1866 Dresden) in Lützschena. Er war Leiter des Kreisrechtsamtes Leipzig der NSDAP.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 96, Lang, Zwischen allen Stühlen, S. 143, FN 588

Teichgräber, Heinrich
(1857 Freiburg 01.08.1923 Leipzig), Pfarrer
T. wurde 1883 Pfarrer in Kitzscher, dann in Leipzig Archidakonus an der Andreaskirche (1890) und Bethlehem (1912). Sein Vater war Diakonus. T. heiratete 1883 oder 1884 Hilde Fricke.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 77 f., 198

Tell, Wilhelm
(01.10.1871 Leipzig 12.05.1950), Politiker, Staatsminster
Bürgermeister von Altenburg, Mandant von Martin Drucker.
Quelle: Drucker, Briefe 17

Tempel, Gustav Richard
(1886 nach 1947), Präsident einer Versicherungsanstalt in Sachsen, Sozialdemokrat
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 141

Thiemann, Max
(18.07.1875 Helmstedt ?), Rechtsanwalt und Notar in Braunschweig
Th. studierte 1894-98 Jura und Theologie in Leipzig und war später viele Jahre Schriftführer im Braunschweiger Anwaltsverein.
Quelle: Drucker, Briefe 26, 72

Thiersch, Friedrich
(12.03.1868 Leipzig 1954?), Justizrat, Rechtsanwalt (seit 1895) und Notar in Leipzig
Sohn von Prof. Dr. med. Carl Thiersch; nach 1945 wieder als Rechtsanwalt zugelassen.
Quelle: Drucker, Briefe 44

Thiess, Elsbeth
(31.07.1891 Hamburg-Wandsbeck ?)
Th. war die Tochter von Anna Reimers, einer Cousine von Martin Drucker. Sie hatte eine Tochter Annerose (* 1922).
Quelle: Drucker, Briefe 21c

Tolhausen, Louis Charles Joseph
(18.02.1817 Frankfurt am Main ?), Ritter der Ehrenlegion, Kanzler bzw. Konsul von Frankreich in Lü­beck, Berlin und in Leipzig
T. war der älteste von fünf Söhnen ei­nes französischen Militärs. Die aus Lothringen stammende Familie T. emigrierte bei Aufhebung des Edikts von Nantes. Der Va­ter versäumte es 1814 die französische Staatsbürgerschaft beizube­halten und wurde später Frankfurter Bürger.
T. wurde 1832 berufen, das öffentliche Bildungssystem in Moldawien zu organisieren. Der Prinzregent Michel Stourza ernannte ihn zum Rektor der neu gegründeten Akademie in Yassi. T. übernahm dort 1839 den Lehrstuhl für französische Sprache und Literatur. Gesund­heitliche Gründe, aber offenbar auch religiöse Verfolgung veranlassten T. nach einigen Jahren die Donauprovinzen zu verlassen. Er bereiste Südrussland, die Türkei, Kleinasien, Ägypten, Griechenland, Serbien und Ungarn. Nach seiner Rückkehr in Deutschland beendete er sein Studium. 1840 wurde T. in Paris die Stelle des Kanzlers im Konsulat Lübeck angeboten, die er im Juni 1841 antrat. Per Dekret vom 20.12.1854 wurde T. zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. 1857 übernahm T. das Amt des Kanzlers in der Gesandtschaft in Ber­lin. Dort wurde er am 25.02.1860 zum Ehrenkonsul ernannt. 1866 wurde T. Konsul in Köln. Nachdem das dortige Konsulat aufgehoben wurde, kommt T. 1871 als Konsul 2. Klasse nach Leipzig. Hier wurde er 1975 zum Konsul 1. Klasse und schließlich 1879 zum Generalkonsul er­nannt. Am 21.01.1879 wurde T. die französische Staatsbürgerschaft verliehen, nachdem er bereits 1840 (!) die Einbürgerung beantragt hatte. Am 19.01.1981 wurde T. in den Rang eines Offiziers der Ehren­legion erhoben und zum Ende dieses Monats in den Ruhestand ver­setzt. 1884 erschien in Leipzig sein französisch-spanisches Le­xi­kon; bereits 1864 war in Paris sein „Dictionaire technologique francais-anglais-allemande“ erschienen.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 32, 199

Triepel, Carl Heinrich
(12.02.1868 Leipzig – 23.11.1946 Untergrai­nau), Professor, Dr. jur., Geheimer Justizrat, Staatsrechtler
T. studierte Jura in Leipzig von 1887 bis 1890. Im Jahr 1893 wurde er Privat­dozent für Staats- und Völkerrecht und 1899 außerordentlicher Pro­fessor in Leipzig. 1900 erfolgte seine Berufung als ordentlicher Pro­fessor nach Tübingen. Von dort wechselte er 1909 nach Kiel und schließlich 1913 nach Berlin. T. initiierte 1924 die Gründung der Vereinigung deutscher Staatsrechtslehrer. Im Jahr 1926 wurde er zum Rektor der Humboldt-Universität gewählt.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 17; Lebenserinnerungen, S. 28, 69, 99, 199

Triepel, Charlotte
Verlagssekretärin bei B. G. Teubner
Ehefrau von Hermann Triepel
Quelle: Drucker, Briefe 106

Triepel, Hermann
(24.01.1871 Leipzig – 26.09.1935 Breslau), Professor, Dr. med., Anatom
T. war 1889 primus omnium der Tho­mas­schule. Er studierte Medizin zunächst in Tübingen, dann von 1890 bis 1894 in Leipzig. Dann wurde er außerordentlicher Honorarprofessor und Abtei­lungs­vorsteher am Anatomischen Institut der Universität Breslau. Seine Witwe, Charlotte T., lebte nach 1945 in Leipzig.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 28, 69 ff., 74, 82 f., 98, 199

Breslauer, Beatrice verheiratete van Tijn
(1910 Leipzig ?)
B., genannt Trixi, war die Zwillingsschwester von Valerie B., verh. Meyer, war verheiratet mit Jacques van Tijn
Quelle: Drucker, Briefe 77a

Tröndlin, Karl Bruno
(26.05.1835 Leipzig 27.05.1908 Dresden), Dr. jur. et. phil., Justizrat, Oberbürgermeister (1899-1908)
T. war Abiturient der Thomasschule Ostern 1854 und seit 1876 Vor­steher der Thomas­schule. T. studierte Rechtswissenschaft in Heidelberg, Leipzig und Berlin. Dann war er zunächst in seiner Vaterstadt als Rechtsanwalt und Notar tätig. T. unterstütze die Thomasschule und insbesondere auch den Thomanerchor in seiner Amtszeit als Oberbürgermeister nachhaltig. Die Fortexistenz dieser beiden traditionsreichen Leipziger Einrichtungen ist sein besonderes Verdienst. In seiner Amtszeit wurden das Neue Rathaus und der Hauptbahnhof eingeweiht und zahlreiche Messehäuser errichtet.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 62, 199 f.

Türschmann, Paul Richard
(26.05.1834 Penig 13.12.1899 Arnheim), Rezitator klassischer Dramen
T. war Ostern 1854 Abiturient der Thomasschule. Anschließend studierte er zunächst an der Leipziger Universität. Er ging dann jedoch zur Bühne und fand am Hoftheater zu Braunschweig als erster Charakterdarsteller eine Anstellung. Infolge seiner zunehmenden Erblindung wandte er sich dann der Kunst der dramatischen Rezitation zu, die er seit 1872 mit großem Erfolg ausübte.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 83, 200

Twietmeyer, Carl Theodor Alexander
(? – 15.05.1911 Leipzig), Buchhändler
T. war in Leipzig Inha­ber einer angesehenen Buchhandlung für ausländische Literatur, Kunsthandlung und Antiquariat, die 1843 gegründet wurde. Die Firma wurde 1956 im Handelsregister gelöscht, nachdem auch die Witwe von T. kurz nach Kriegsende gestorben war.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 38, 200

Uhlmann, Robert
Maurermeister in Leipzig
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 51

Ullstein, Franz Edgar
(16.01.1868 Berlin – 13.11.1945 New York), Dr. jur. (Freiburg), Verleger
U. war der Sohn von Leopold U. (1826-1899), wel­cher 1877 den Verlag Ullstein gründete. Er studierte Jura in Ber­lin, Heidelberg und Freiburg und trat 1894 in den Verlag seines Va­ters ein, dessen Teilhaber er mit seinen vier Brüdern seit 1897 bis zum Zwangsverkauf 1934 war. U. emigrierte 1938 in die USA, wo er im Ruhestand lebte.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 43; Lebenserinnerungen, S. 139, 200

Ullstein, Rosalie geborene Gräfenberg
Ehefrau des obigen.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 43; Lebenserinnerungen, S. 139

Unger, Manfred
(10.10.1930 Chemnitz 28.01.2016 Dresden), Prof. Dr., Historiker, Archivar
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 4, 86; Lebenserinnerungen, S. 168

Vierling, Wilhelm Johannes
(12.09.1889 Nossen – 22.09.1956 Leipzig), Dr. jur., Rechtsanwalt, Bürgermeister
V. war Rechtsanwalt in Leipzig und Mitglied der Sächsischen Rechtsanwaltskammer seit 1931. Er blieb als einer der wenigen Nicht-NSDAP-Mitglieder auch nach 1933 im Vorstand. Nach Kriegsende wurde V. kurzzeitig von den Amerikanern zum Bürger­meis­ter in Leipzig ernannt.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 84; Lebenserinnerungen, S. 165, 200

Vieuxtemps, Henri
(17.02.1820 Verviers/Belgien – 06.06.1881 Mustapha Supérieur/Algerien), Komponist, Violinist
V. war der Sohn eines Geigenbauers, von welchem er ersten Unterricht erhielt. Seinen ersten öffentlichen Auftritt hatte er mit sechs Jahren. V. besuchte das Brüsseler Konservatorium. Während einer Kunstreise nach Deutschland 1833 kam er in freundschaftlichen Kontakt zu Robert Schumann, welcher ihn mit Niccolò Paganini verglich. Er war mit der Pianistin Josephine Eder (1815-1868) verheiratet, mit der er erfolgreich auf eine Welttournee ging.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 41, 200

Vitruv (Marcus Vitruvius Pollio)
Architekurtheoretiker
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 83

Wach, Adolf
(11.09.1843 Kulm – 04.04.1926 Leipzig), Professor, Dr. jur., Dr. theol. h.c., Wirklicher Geheimer Rat, Exzellenz, Ehrenmitglied der Universitäts-Sängerschaft St. Pauli
W. promovierte 1865 und habilitierte sich 1868 in Königsberg mit Themen des Kirchenrechts. Er lehrte dann in Tübingen und Bonn und ab 1875 in Leipzig Strafrecht, sowie Straf- und insbesondere Zivilprozessrecht. Auf letzterem Gebiet erlangte W. Weltruhm. Sein 1885 erschienenes Handbuch des deutschen Zivilpro­zesses wurde zum Klassiker, in welchem W. das Begriffssystem des Zivilprozessrechts mit Schärfe, Klarheit und Gestaltungskraft begründete. 1913 wurde W. eine dreibändige Festschrift zu seinem 70. Geburtstag überreicht. W. war seit 1879 auch Hilfsrichter am Leipziger Landge­richt. Er verband deshalb in seltener Weise Theorie und Praxis.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 29 f.; Lebenserinnerungen, S. 108 f.

Werner, Alfred
(27.03.1891 Stuttgart 26.08.1965), Dr. jur., Rechtsanwalt, Fachautor
W. war Rechtsanwalt in München, später in Haifa. Er kehrte nach Deutschland zurück und war in Düsseldorf wieder al Rechtsanwalt zugelassen.
Quelle: Drucker, Briefe 14a

Werthauer, Johannes
(20.01.1866 Kassel 31.01.1938 Paris), Rechtsanwalt und Notar in Berlin
W. war ein prominenter Strafverteidiger und Autor der Weltbühne.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 103; Ladwig-Winters, Anwalt ohne Recht, S. 282

Wielandt, Rudolf
(26.05.1875 Mannheim – 1948 Berlin?), Theologe, Pfarrer in Nieder-Eggenen
W. war verheiratet mit Elisabeth Treiber. Der Sohn Dr. phil. Helmut Wielandt (1910-2001) war Senior der mathematischen Fakultät Tübingen. W. lebte nach 1945 in Berlin.
Veröffentlichungen: Das Programm der Religionspsychologie, Tübingen 1910
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 201; Drucker, Briefe 42, 43

Wielandt, Wilhelm Felix
(31.08.1870 Karlsruhe 14.12.1964 Westerland), Chemiker, Fabrikant
W. war der älteste Sohn des Reichsgerichts­rates Karl Wielandt (1830-1914). Sein Bruder war der Theologe Rudolf W.  Er war in erster Ehe mit Elisabeth geboren Simons (1875-1925) verheiratet, die eine jüdischen Familie entstammte. Er war Inhaber einer Torfver­kokung in Elisabethfehn/Olden­burg.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 69, 94 f., 100, 201; Drucker, Briefe 40a, 41

Windscheid, Bernhard
(26.06.1817 Düsseldorf 26.10.1892 Leipzig), Professor, Dr. jur.
W. war einer der bedeutendsten Vertreter der Pandektistenwissen­schaft des 19. Jahrhunderts und Wegbereiter der modernen deutschen Privatrechtsordnung. Seine Schriften fanden weit über Deutschland hinaus Beachtung. Seine Promotion und Habilitation erfolgten in Bonn 1838 und 1840, wo er auch 1847 außerordentlicher Professor wurde. Im gleichen Jahr wurde er als ordentlicher Professor nach Basel berufen. Ab 1852 hatte W. Professuren in Greifswald, Mün­chen, Heidelberg und schließlich ab 1874 in Leipzig inne. Im Wintersemester 1879/80 wird er Ordinarius und 1. Professor der juristischen Fakultät. Auf Grund seines bürgerlich-liberalen Selbstverständnisses verzichtete er auf die Führung des 1868 ver­liehenen Adelstitels. W. gehörte 1880-1883 der ersten Kommission zur Beratung des BGB an. Der erste Entwurf des BGB von 1887 wurde des­halb zu Recht als „kleiner Windscheid“ bezeichnet. Als sein wissen­schaftliches Hauptwerk ist das dreibändige „Lehrbuch des Pandekten­rechts“, welches 1861-70 erschien, anzusehen.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 29; Lebenserinnerungen, S. 71, 108, 201

Witte, Karl Heinrich Gottfried
(08.10.1767 Pritzwalk -01.08.1845 Berlin) Lehrer, Pfarrer in Lochau bei Halle
W. stiftete 1836 den Witteschen Preis der Thomasschule. Sein Sohn war der Wunderknabe Johannes Heinrich Friedrich Karl Witte (1800-1883), der als Neunjähriger am 12.12.1809 an der Thomasschule beim damaligen Rektor Prof. Wilhelm Rost (1768-1835) seine Maturitätsprüfung ablegte. Das Kind wurde durch den Vater nach den Grundsätzen der Erziehungsreformbestrebungen der Aufklärung allein aufgezogen. W. war der Auffassung, dass die außergewöhnliche Begabung seines Sohnes die alleinige Frucht seiner Erziehung ist. Karl W. wurde am 18.01.1810 durch den Rektor der Leipziger Universität, Professor Gottlob Kühn (1754-1840), feierlich immatrikuliert. Er durfte jedoch nicht in Sachsen studieren, obwohl Leipziger Bürger durch Stiftungen die notwendigen finanziellen Voraussetzungen geschaffen hatten.
Er wurde später Professor in Halle und ist der namhafteste Dante-Forscher. Er gründete 1865 anlässlich des 600. Geburtstages Dantes in Dresden die Deutsche Dante-Gesellschaft, deren Präsident er bis 1883 war. Als Jurist hat sich der Geheime Justizrat Dr. jur. und phil. Karl Witte um die Quellenkunde des römischen Rechts sowie das byzantinische und preußische Recht verdient gemacht.
Quelle: Lebenserinnerungen, S.  95 ff., 201 f.

Wohlfahrt, Frank
(15.04.1894 Bremen 03.10.1971 Hamburg), Komponist und Musikkritiker
W. war der Enkel von August Klein (1838-1912), einem Bruder von Martin Druckers Mutter, Marie geborene Klein (1841-1921). Seine Mutter war Elsbeth Wohlfahrt (*1866), eine Cousine Martin Druckers.
Quelle: Drucker, Briefe Nr. 21a

Wüllner, Ludwig
(19.08.1858 Münster/Westphalen 19.03.1938 Kiel), Dr. phil., Konzertsänger (Bariton) und Schauspieler
W. war der Sohn des Diri­genten Franz W. (1832-1902), der 1889 die Uraufführung von Wagners „Rheingold“ und 1870 von „Walküre“ leitete. W. ging 1889 als Schau­spieler nach Meiningen, wo er in fast allen klassischen Heldenrollen brillierte. Er war besonders als Brahms-Sänger berühmt, ab 1895 ging er als Rezitator auf Reisen.
Quelle: Lebenserinnerungen, S. 45, 202

Wünschmann, Feodor
(05.01.1870 Leipzig ?), Dr. jur., Justizrat, Rechtsanwalt (seit 1898) und Notar in Leipzig
Sohn des Fabrikanten Reinhold W.; Prof. für Steuerrecht an der HHL, Mitunterzeichner des Treueversprechen der Professoren der deutschen Universitäten und Gymnasien an Adolf Hitler und den nationalsozialistischen Staat.
Quelle: Drucker, Briefe 44

Zeigner, Erich Richard Moritz
(17.02.1886 Erfurt – 05.04.1949 Leip­zig), Dr. jur. (1913), Staatsanwalt, Richter, Justizminister, Ministerpräsident, Oberbürgermeister
Z. studierte von 1905 bis 1913 an der Leipziger Universität Jura und Volkswirtschaft. Anschließend war er in Leipzig als Staatsanwalt und Richter tätig. Im Jahr 1919 trat Z. in die SPD ein. 1921 wurde er sächsi­scher Justizminister und am 21.03.1923 Ministerpräsident des Frei­staates Sachsen. Bereits im Oktober dieses Jahres wurde Z. durch den Reichspräsidenten Ebert abgesetzt, kurz darauf verhaftet und zu drei Jahren Haft verurteilt, aus der er im August 1925 auf Bewäh­rung entlassen wurde. Z. arbeitete dann als Journalist und Lehrer sowie SPD-Funktionär. 1933 wurde er erneut inhaftiert, musste jedoch 1935 freigesprochen werden. Z. wurde durch die SMAD am 16.07.1945 als Oberbürgermeister der Stadt Leipzig eingesetzt. Dieses Amt führte er bis zu seinem Tode. 1946 gehörte Z. zu den Begründern der SED in Leipzig und Sachsen.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 84; Lebenserinnerungen, S. 165, 202

Zöphel, Karl Georg
(06.10.1869 Reichenbach i.V. – 13.04.1953 Gar­misch-Partenkirchen), Dr. jur., Rechtsanwalt und Notar, Politiker
Z. studierte in München Jura, später auch wieder in Leip­zig. Er war seit 1899 verheiratet mit Leonie Schleber. Aus dieser Ehe sind vier Kinder hervorgegangen. Der älteste Sohn Wolfgang (geb. 1899) wurde ebenfalls Rechtsanwalt und war in der Kanzlei seines Vaters tätig. Z. war von 1900 bis 1918 Mitglied der nationalliberalen und an­schlie­ßend bis 1921 der demokratischen Partei. Er war Mitglied der preu­ßischen Großloge 8. Grades und Abgeordneter im Sächsischen Landtag. 1919/20 vertrat Z. die linksliberale DDP als Reichstagsabgeordneter. Als Syndikus der Leipziger Unternehmerorga­nisationen beantragte Z. 1923 auf Grund der Misswirtschaft beim Reichspräsidenten, die Stadt Leipzig unter Geschäftsaufsicht zu stellen. Der Leipziger Landgerichtspräsident erteilte Z. noch nach 1933 in den Personalakten eine hervorragende Beurteilung. Der Prä­sident des OLG Dresden behauptete jedoch seine politische Unzu­ver­lässigkeit, die er bestätigt sah, als Z. in einem Brief schrieb, dass ihm „die neuen Autoritäten nicht imponieren.“ Er for­derte des­halb die sofortige Entziehung der Rechtsanwaltszulassung. Das Reichsjustizministerium erwog eine Versetzung in den Ruhestand nach der „lex Drucker“. Dem kam Z. zuvor, indem er seine Zulas­sung Ende 1944 aufgab. Durch die amerikanischen Behörden wurde Z. im Dezember 1945 wieder als Anwalt und Notar zugelassen. Die Zulassung wurde aller­dings am 15.07.1949 wieder zurückgenommen. Daraufhin verließ der 80-Jährige Leipzig und zog mit seiner Frau nach Garmisch-Parten­kirchen. Z. erhielt wenig später seine Zulassung als Rechtsanwalt in Düsseldorf.
Quelle: Das Ideal eines Rechtsanwalts, S. 28; Lebenserinnerungen, S. 103, 105, 220 f.

Zuberbier, Alfred
(24.04.1897 Leipzig ?), Dr. jur., Rechtsanwalt
Z. war der Sohn des Porträtmalers Eduard Z. Er war verheiratet mit Dr. jur. (Leipzig 1939) Eva geborene Schatz (* 21.01.1904 Leipzig), die ebenfalls Rechtsanwältin war. Die Familie wohnte, wie Martin Drucker, in der Schwägrichenstraße 5. Z. wurde 1936 zum Kreisamtsleiter der NSDAP für Schulungen ernannt. Ihm und seiner Frau wurdem am 29.10.1945 die Anwaltszulassungen wegen der Mitgliedschaft in der NSDAP entzogen. Sie verließen danach Leipzig und wurden in Westfalen wieder zur Anwaltschaft zugelassen.
Quelle: Lebenserinnerungen, S.  164; https://www.quelle-optimal.de/pdf/Rudolf%20Mothes/rudolf_mothes_erinnerungen_teil_c_pdf.pdf