dr. jur. Hubert Lang

Anwaltsgeschichte

Hans Bachwitz

Veranstaltung im Rahmen des Begleitprogramms zur Ausstellung "Anwalt ohne Recht" im Bundesverwaltungsgericht am 26. März 2012

Begrüßung

Guten Abend meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde, ich begrüße Sie zu unseren heutigen zweiten Veranstaltung im Rahmen des Begleitprogramms zur Ausstellung „Anwalt ohne Recht“ in diesem besonderen historischen Ambiente.

Sarolta Boros Gyevi am Klavier und der Schauspieler und Sänger Thomas Streipert haben für Sie Texte und Noten herausgesucht, um Sie mit dem literarischen Werk von Hans Bachwitz vertraut zu machen. Ich selbst werde Ihnen etwas zur Lebensgeschichte des Humoristen und Anwalts berichten.

1. Einführende Wort und Lebensgeschichte

Es gibt keinen Grund zur Panik. Wir sprechen heute Abend nicht über den Sinn oder Unsinn aktueller Gesetzgebungsverfahren. Aber hoffentlich werden Sie sich – wie ich – bereits an dieser Stelle fragen, wieso der Autor dieser Zeilen heute eigentlich vollkommen vergessen ist.

Um mein klares Urteil vorwegzunehmen: Zu Unrecht! Deshalb wollen wir heute zumindest in seiner Heimatstadt einen ersten Versuch wa­gen, den Nebel des Vergessens um Hans Bachwitz zu lichten.

Da wir heute primär an einen Künstler und weniger an einen Anwalt erinnern wollen, haben Sarolta Boros Gyevi am Klavier und der Sän­ger und Schauspieler Thomas Streipert den Part der kompetenten Vermittler dieses Anliegens übernommen. Sie haben Texte und Noten herausgesucht, um Sie heute in das Werk und die Zeit von Hans Bachwitz zu versetzen und Sie hoffentlich neugierig auf mehr zu machen.

Dabei beginnen wir wohl zweckmäßiger Weise bei den biographischen Daten. Der spätere Anwalt und Humorist wurde als Hans Bauchwitz am 1. August 1882 – also vor nunmehr 130 Jahren – in Leipzig geboren. Seine Eltern waren der jüdische Kaufmann Simon Bauchwitz und Au­guste geborene Silberstein. Er blieb das einzige Kind, was in der damaligen Zeit auch für jüdische Familien eher ungewöhnlich war. Manche Tragik seines Lebens mag schon hierin angelegt gewesen sein, denn die Erwartungen der Eltern an ihr einziges Kind waren wohl hoch gesteckt.

Als problematisch muss der spätere Humorist schon sehr früh seinen Namen empfunden haben, denn ich vermute er war tatsächlich wohlbe­leibt. (Leider gibt es bis heute kein Foto, so dass wir auf Mutma­ßungen aus seinen eigenen Erzählungen angewiesen sind.) Die Fami­lie gehörte zu den Juden, welchen zu Beginn der 19. Jahrhunderts mehr oder weniger diffamierende Familiennamen übergestülpt wurden. Trotzdem nannte sich auch der einzige Sohn noch bis 1920 Bauch­witz. Erst dann beantragte er formell die Änderung seines Namens. In diesem Zusammenhang wurde einer der typischen Leipziger Bonmots kolportiert. Der ursprüngliche Antrag den Namen in „Buchwitz“ zu ändern, sei vom Ministerium abgelehnt worden, denn die Bücher des Antragstellers seien nicht witzig. Die Mutter war entrüstet über diese Namensänderung und soll bis zum Tod ihres einzigen Sohnes jeden Kontakt mit ihm abgebrochen haben.

Die Lebensverhältnisse der Familie scheinen solide, aber nicht übermäßig sicher gewesen zu sein. Die Berufsbezeichnung „Kaufmann“ des Vaters konnte sehr viel bedeuten. Dieser hatte jedenfalls keine eigene Firma. In anderem Zusammenhang erfahren wir später aus den Akten, dass der Vater viel auf Reisen sei. Also war er wohl einer der zahlreichen Vertreter, welcher Waren verschiedener Art anboten. Dazu passt auch die damalige Wohnadresse der Familie: Nordstraße 48.

Relativ spät, nämlich mit zwanzig Jahren, begann Hans Bachwitz 1902 in Leipzig sein Jura-Studium, das er nach einem Semester in Berlin drei Jahre später auch hier abschloss.

Nach Aktenlage bestand er 1905 problemlos die erste juristische Staatsprüfung. Daraufhin beantragte er die Zulassung zum juristi­schen Vorbereitungsdienst. Er bat das Königlich sächsische Justiz­ministerium, ihn an das Amtsgericht Leipzig zuzuweisen. Die Gründe hierfür lagen in den ständigen Reisen seines Vaters, wodurch seine Mutter ansonsten ganz allein dastehen würde. Außerdem verwies der Referendar auf die beschränkten Vermögensverhältnisse seiner Fami­lie und die Tatsache, dass eine Ableistung des Vorbreitungsdiens­tes außerhalb Leipzigs erhöhte Unterhaltskosten verursachen würde. Die ebenfalls zum Vorbereitungsdienst gehörende Anwaltsstation leistete Hans Bachwitz bis April 1909 in der Leipziger Sozietät von Dr. Wachtel und Dr. Kaufmann ab.

Bereits zwei Jahre zuvor – also 1907 – hatte sich Hans Bachwitz an der Leipziger Juristenfakultät mit dem Thema „Der Rechtsschutz des Pseudonyms insbesondere nach dem bürgerlichen Gesetzbuche“ zum Dr. jur. pro­moviert. Die Arbeit wurde mit dem Prädikat „rite“ bewertet. Das Thema seiner Arbeit spiegelte bereits die literarischen Ambitio­nen, denn der Promovend wird selbst später immer wieder auch Ar­beiten unter Pseudonym ver­öffentlichen: nämlich als Walter Heim und Pickwick.

Der Vater starb erst 56jährig in Jahr 1908. Plötzlich standen Mut­ter und Sohn ohne Ernährer da und waren auf die Unterstützung ent­fernter Verwandter angewiesen. Nur mit deren Hilfe war die Beendi­gung der juristischen Ausbildung möglich. Unter diesen Umständen war es wohl fast folgerichtig, dass Bachwitz die zweite juristi­sche Staatprüfung im November 1909 nicht bestand und auch seine eingereichten schriftlichen Arbeiten 1911 zurückgewiesen wurden. Erst im Dezember 1912 – also zehn Jahre nach Aufnahme seines Stu­diums! – bestand Bachwitz im zweiten Anlauf die große Staatsprü­fung und er konnte seine Zulassung zur Anwaltschaft beantragen.

Dass sich Bachwitz von dem Prüfungsdesaster 1909 nicht entmutigen ließ, beweist die Tatsache, dass er im gleichen Jahr heiratete. Seine fünf Jahre jüngere Frau Flora geborene Littauer stammte aus Lodz. Sie brachte einiges Vermögen mit in die Ehe. Allerdings gab sie sich keinen Illusionen hin, bezüglich des leichtfertigen Verhältnisses ihres Bräutigams zum Geld. Jedenfalls schlossen die Brautleute einen Ehevertrag, welcher strikte Gütertrennung vorsah. Im besten Juris­tendeutsch hieß es kategorisch in dem Ehevertrag: „Das Nieß­brauchs- und Verwaltungsrecht des Ehemannes am Vermögen der Ehe­frau wird ausgeschlossen. Der überlebende Ehegatte erhält nur das Pflichtteil.“

Vielleicht wollten beide Seiten ihr Vermögen sichern. Die Braut ihr vorhandenes Vermögen und der Bräutigam den erhofften Geldsegen aus künftigen Tantiemen. Doch alles war vergebens. Die Mitgift löste sich in der Inflation auf wie der Schnee in der Sonne und der Autor wurde wie viele seiner Leidensgenossen zwar erfolgreich, aber eben nicht reich.

Nach acht Ehejahren war aber offenbar das wechselseitige Miss­trauen gewichen, denn die Eheleute hoben 1917 den Ehevertrag auf und setzten sich wechselseitig zu Alleinerben ein.



2. Jurist und Literat, plötzlicher Tod und die Folgen

Wir Juristen lieben es nicht erst seid Advokat Goethe unseren Be­rufsstand mit bedeutenden Künstlern zu schmücken und aufzuwerten. Einmal jährlich erscheint in der NJW ein ganzes Heft, welches sich ausschließlich dem Thema Kunst und Recht widmet.

Dabei geht es auch immer wieder um die Gretchenfrage, nämlich wel­chen Einfluss die Juristerei auf die künstlerische Arbeit ausübte. Das zielt meistens mehr oder weniger darauf ab, gegen das Vorur­teil des staubtrockenen Juristen zu agitieren und die Kreativität dieses Berufstandes unter Beweis zu stellen.

Dieser Versuchung will ich heute ausdrücklich für den Fall Bach­witz widerstehen, denn alles was wir bislang wissen, spricht da­für, dass er nur seinen Eltern zuliebe überhaupt eine juristische Ausbildung absolvierte.

Dann sind es sicher die finanziellen Probleme nach dem frühen Tod des Vaters gewesen, welche es notwendig machten, dass Hans Bach­witz als Anwalt Geld verdiente.

Nach seiner Zulassung als Rechtsanwalt am Amts- und Landgericht in Leipzig trat Bachwitz in die Anwaltspraxis von Gustav Broda (1845–1912) ein, der ein hoch angesehener und erfolgreicher Strafvertei­diger war. Nach dessen Tod war er mit Leopold Waldheim (1864–1942) und Rudolf Da­litz (1883–1931) assoziiert. Der Seniorpartner Leo­pold Waldheim kam in Theresienstadt ums Leben. Dalitz dagegen war einer der frühen aktiven Nationalsozialisten in Leipzig, aber auch ein Spieler. Er veruntreute hierfür Gelder seines blinden Senior­partners und nahm sich dann das Leben.

Zu einem nicht näher bestimmbaren Zeitpunkt war Bachwitz dann al­lerdings als Syndikus des Operettentheaters in der Bosestraße, wo auch die meisten seiner Bühnenstücke aufgeführt wurden, tätig. Bei den ständigen Finanzsorgen dieses Privattheaters dürfte Bachwitz dort nicht viel verdient haben.

Die Inflation traf ihn deshalb besonders hart, denn die Theater zahlten kaum noch Tantiemen und wenn sie denn einmal eingegingen, war das Geld längst wertlos geworden.

In dieser Zeit schrieb Bachwitz wieder verstärkt Erzählungen und Romane, die fast ausschließlich im Leipziger Goldmann-Verlag er­schienen. In diesen Erzählungen hat Bachwitz seinen Juristenberuf nie verhehlt, sondern hierauf immer wieder Bezug genommen. Das konnte auch gar nicht anders sein, denn sein Werk wird ganz offensichtlich gespeist von eigenen alltäglichen Erlebnissen. Allerdings offenbart sich auch, dass er die Juristerei zumindest nicht so ernst nahm, wie es die meisten seiner Kollegen – damals wie heute – tun.

Sein witziger Stil war gefragt in allen namhaften Zeitungen und Zeitschriften, da die Leser seinen Wortwitz und seine Schlagfer­tigkeit liebten.

So ist es nicht verwunderlich, dass Bachwitz auch zu den Mitarbei­tern der Wochenschrift „Der Drache“ in Leipzig gehörte. Deren Be­gründer Hans Reimann gehörte zu seinem Freundkreis und dieser er­innert sich dankbar an die Zusammenarbeit mit dem beliebten „Welt­mann, Rechtsanwalt und Bühnenschriftsteller“.

Über seinen weiteren Freundeskreis erfahren wir zumindest ein we­nig aus den Lebenserinnerungen von Georg Witkowski, denn beide ge­hörten den „Bungonen“ an. Das war ein literarischer Stammtisch, welcher von dem faszinierenden aber heute ebenfalls vollkommen vergessenen Rechtsanwalt Curt Hezel – er war u.a Verteidiger von Wedekind in dem berühmten Prozess wegen Majestätsbeleidigung – ge­gründet worden war. Zu diesem Stammtisch gehörten aber nicht nur Literaten, sondern u.a. auch Rechtsanwalt Martin Drucker. Auch der Schauspieldirektor Alwin Kronacher – übrigens auch ein promovier­ter Jurist jüdischer Herkunft! – gehörte zu diesem erlauchten Kreis. Man traf sich jeden Donnerstag nach dem Gewandhauskonzert im Ratskeller. Nach den Erinnerungen von Witkowski ging es dann hoch her. Es wurde kräftig getrunken, „und die Geister befeuerten sich, bis manchmal mit gewaltigen Schall die Sektflaschen an den Wänden zerschellten. Ebenso gewaltig flogen auch die Reden von al­len Seiten über den runden Tisch, geladen mit kühnen Gedanken und oft in deutschen, noch öfter in lateinischen und griechischen Ver­sen sich ergießend.“ So Witkowski wörtlich in seinen Erinnerungen.

3. Zur Bedeutung des Werkes von Hans Bachwitz

Ich werde der Versuchung widerstehen, an dieser Stelle die lange Listen von Bühnenstücken, Romanen, Erzählungen und Libretti vorzu­tragen, die Bachwitz hinterlassen hat. Machen Sie sich einfach die kleine Mühe „Hans Bachwitz“ zu googeln. Sie werden staunen, was die Antiquariate Ihnen dann alles offerieren werden.

Seine literarischen Neigungen offenbarten sich dem interessierten Lesepublikum bereits im Jahr 1900. Schon der 18jährige Pennäler hat in diesem Jahr seinen ersten „launigen“ Roman unter dem Titel „Der Weg ins Leidenschaftslose“ in einem Leipziger Verlag veröf­fentlicht. Dieser Roman ist heute leider nicht mehr nachweisbar und der Verfasser scheint ihn später als Jugendsünde eingestuft zu haben, die dem Vergessen anheim fallen sollte.

Später verlegte er seinen künstlerischen Schwerpunkt auf Bühnen­stücke. Hierbei scheint er sehr „teamfähig“ gewesen zu sein – wie man heute wohl sagen würde. Bauchwitz schrieb in schneller Folge die Libretti für Operetten und Schwänke mit kaum erklärungsbedürf­tigen Titeln wie: Der verliebte Herzog (Musik: Jean Gilbert) 1917; Wenn die bösen Buben locken …, (Musik von Rudolf Gfaller) 1918; Eheurlaub, (Musik: Jean Gilbert) 1918; Ein armer Musikante (Mu­sik: Erich Berken) 1919 und Eine Walzernacht (Musik: Rudolf Gfal­ler) 1919.

Doch den Höhepunkt seiner Karriere erreichte er in den zwanziger Jahren mit eigenen Bühnenstücken, die in ganz Deutschland aufge­führt wurden. Sie waren so unglaublich erfolgreich, dass sogar der Broadway einige Werke von Bachwitz inszenierte: „The Love City“ hatte 1926 am Broadway Premiere und nach seinem Tode 1931 folgte „The Joy of Living“.

Dieser Erfolg führte dann auch zu Kino-Verfilmungen. Das gemeinsam mit Hans Sturm verfasste Lustspiel „Liebe und Trompetenblasen“ wurde 1925 in der Regie von Richard Eichberg verfilmt. Nach Rec­lams deutschen Filmlexikon „Eine brillante erotische Komödie mit Voyeurcharakter und Fetischisierungstendenzen.“ In der Hauptrolle: die 19jährige Lilian Harvey! Zwei Jahre nach dem Tod des Autors verfilmte die Terra-Film in Berlin dann „Jennys Bummel durch die Männer“.

Der Tischlermeister Franz Herde fand am 24. August 1927 um ein drei viertel Uhr den Leipziger Autor tot vor dem Hause Zähringer Straße 32 in Berlin.

Die Wiener Morgenzeitung schrieb am 27. August 1927:

„Hans Bachwitz gestorben. In Berlin ist der erfolgreiche Schwank­dichter und Humorist Hans Bachwitz im Alter von 55 Jahren gestor­ben. Von den zahlreichen Bühnenwerken, die er allein oder mit ei­nem Kompagnon verfasste, hatten „Yoshiwara“, „Liebe und Trompeten­blasen“, ferner „Kitty und die Weltgeschichte“ und „Galante Nacht“ besonderen Erfolg. Die Uraufführung seines letzten Werkes „Minna und das Plagiat“, die in Berlin bevorsteht, sollte der Autor nicht mehr erleben. Bachwitz, der langjähriger Mitarbeiter großer deut­scher Zeitungen war, hat auch eine Reihe viel gelesener amüsanter Skizzensammlungen geschrieben, und einige Romane, deren letzter eben in der deutschen Presse erscheint.“

Die beim Amtsgericht Leipzig erhalten gebliebene Nachlassakte gibt einen höchst deprimierenden Einblick in die Vermögensverhältnisse des erfolgreichen Autors zum Zeitpunkt seines Todes:

Zum Nachlass gehörten hiernach nur seine Werke, die mit ca. 2000 RM bewertet wurden. Dem standen jedoch Nachlassschulden in Höhe von 17.000,00 RM gegenüber. Das Vermögen der Witwe war durch die Inflation verloren gegangen. Ihre Schmucksachen musste sie ver­pfänden.

Hans Bachwitz fand seine letzte Ruhestätte auf dem alten jüdischen Friedhof in der Berliner Straße in dem Familiengrab Littauer. Dort erinnert noch heute eine kleine, nach jüdischer Tradition immer weiter in der Erde versinkende Grabplatte an ihn.

Epilog:

Im Mai des nächsten Jahres starb die Mutter von Hans Bachwitz, die bis zu ihrem Tod den Namen Bauchwitz führte.

Bis 1933 wurde die Bühnenstücke des Humoristen weiter aufgeführt und seine Erzählungen postum veröffentlicht. Das änderte sich schlagartig mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. Die Werke des jüdischen Autors fielen der Vergessenheit anheim.

Erst 1957 wurden in einem Münchner Verlag die amüsanten Geschich­ten „Wetten – Sie lachen!“ neu aufgelegt.

Seine Frau Fanny war im Juni 1938 – also wenige Monate vor der be­rüchtigten Polenaktion – in ihre Heimatstadt Lodz zurückgekehrt. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt. Es muss allerdings befürchtet werden, dass auch sie Opfer des Holocaust wurde.

Bis zum Jahr 2002 war dann der Name Hans Bachwitz fast vollständig in Vergessenheit geraten. In diesem Jahr gaben Monica und Wolfgang U. Schütte eine Geschichte der Leipziger Wochenschrift „Der Dra­che“ heraus. Hierin wurde erstmals wieder an den Humoristen und Mitarbeiter dieser Wochenschrift erinnert.

Gerade in Leipzig ist es heute ein fast aussichtsloses Unterfangen eine Lanze für das Boulevardtheater der Weimarer Republik zu bre­chen. Es ist aber eine Tatsache, dass diese Theaterform in Leipzig neben dem avantgardistischen Theater dieser Zeit, für welches in Leipzig Namen wie Ernst Krenek (1900–1991) und Walther Brügmann (1884–1945) standen, ebenfalls ihren Platz hatte.

Dass eine vorurteilslose Neubewertung der Boulevardkomödie nötig ist, bewies im Jahr 2009 eine Tagung des Frankfurter Instituts für Theater-, Film- und Medienwissenschaft. Dort wurden neben Otto Ernst Hesse (1891–1946) und Bruno Frank (1887–1945) spe­ziell auch die Stücke von Hans Bachwitz in den Focus genommen.

Die Referentin Sophia Ebert kam zu dem Schluss:

„Diese Autoren gehörten nicht zur Avantgarde, ihre Stücke lösten keine Skandale aus. Von den politischen Umbrüchen und Zusammenbrü­chen ihrer Zeit scheinen ihre Stücke völlig unberührt geblieben zu sein, ebenso wie von den ästhetischen und formalen Experimenten ihrer Theater-Kollegen. Und dennoch waren es Unterhaltungs-Autoren wie Bachwitz, Hesse oder Frank, die mit ihren Stücken die Theater­spielpläne seit Anfang der 1920er Jahre in der Weimarer Republik dominierten. Denn die Boulevardkomödie leistete, was die Hochkul­tur versäumte: Neue Themen und Lebenskonzepte wie Frauenemanzipa­tion, lesbische Liebe, Identität der Persönlichkeit oder Klassen­kampf wurden von ihr allgemeinverständlich und in unterhaltsamer Form für ein breites Publikum dargestellt, erprobt und diskutiert. Sie diente in einer Zeit, in der alle Werte ins Wanken geraten wa­ren, als moralische Versuchsanstalt.“

Ich behaupte: Moralische Versuchsanstalten haben wir hier und heute nötiger als je zuvor!