dr. jur. Hubert Lang

Anwaltsgeschichte

Turner, Sänger und Schützen,
Sind der Freiheit Stützen.

Martin Drucker senior (1834-1913)
Jurist, Dichter und Musiker

In der Biografie Martin Druckers, soweit sie heute noch nachgezeichnet werden kann, sind kaum Hinweise darauf zu finden, dass ihm eine herausragende musische oder juristische Begabung von seinen Vorfahren in die Wiege gelegt wurde.

Er wurde am 31. Juli 1834 in Magdeburg als zweiter Sohn des Kaufmanns Samuel Drucker (1801–1874) und seiner Ehefrau Emilie geborene Fränkel in eine typische jüdische Kaufmannsfamilie geboren.

Der Großvater väterlicherseits, Michael Levy (1761–1826), war Hofjude beim Kurfürsten in Kassel gewesen. Dessen Vorfahren waren sephardische Juden, die nach Holland auswanderten. Die Familie war dann von Amsterdam nach Hessen gekommen, wo sie den Namen Drucker annahm. Wahrscheinlich sind die Vorfahren in Amsterdam als Drucker hebräischer Schriften tätig gewesen. Von Kassel zogen die Druckers schließlich nach Magdeburg, wo auch die ersten Kinder geboren werden. Im Juli 1836, als Martin zwei Jahre alt war, traf die Familie in Braunschweig ein. Dort wurde der Vater bald Prokurist in der Textilfirma Hermann Samsons (1804-1865).

Die Mutter war die jüngste Tochter eines Kaufmanns in Frankfurt an der Oder. Sie starb erst 32-jährig 1842 in Braunschweig, als ihr ältester Sohn Martin gerade acht Jahre alt war. Ihr Grab befindet sich noch heute auf dem jüdischen Friedhof in Braunschweig. Ein erhalten gebliebenes Miniaturbildnis eines unbekannten Künstlers zeigt die Mutter als blasse Schönheit mit auffallend vollen langen schwarzen Haaren. Sie hinterließ drei kleine Kinder, neben dem Ältesten Martin den 1837 geborenen Heinrich und die 1841 geborene Tochter Johanna.

Da die Mutter lange schwer krank gewesen war und sich deshalb nicht um die Erziehung ihrer Söhne kümmern konnte, wurden diese zu einem protestantischen Geistlichen in einem braunschweigschen Dorf gegeben. Diese Entscheidung dürfte für eine jüdische Familie dieser Zeit sehr ungewöhnlich gewesen sein. Über die Beweggründe ist allerdings nichts bekannt. Jedenfalls war es für den Geistlichen eine Selbstverständlichkeit, die ihm anvertrauten Jungen nicht von dem Glauben ihrer Väter abzubringen.

Leider ist darüber hinaus nichts über die Lebensumstände der Kinder auf dem Dorfe überliefert. In diesen frühen Jahren könnte der sicher gebildete und tolerante Pfarrer bei Martin die geistigen Grundlagen für seine spätere bemerkenswerte Entwicklung gelegt haben.

Nach dem frühen Tod der geliebten Mutter übernahm zunächst Tante Helene, eine unverheiratete Schwester des Vaters, die Führung des Haushaltes. Als auch sie 44-jährig im Jahr 1843 starb, verließ Samuel Drucker noch im gleichen Jahr mit seinen drei Kindern Braunschweig. Er reiste mehrfach nach Frankfurt an der Oder, wo die Familie seiner verstorbenen Frau lebte. Da sich von der kleinen Tochter Johanne keine weitere Spur findet, kann nur vermutet werden, dass der Vater das kleine Mädchen in die Obhut der Großeltern Fränkel gab.

Jedenfalls kam Samuel Drucker am 22. September 1843 nur mit seinen beiden Söhnen nach Leipzig. Nachdem er aus der preußischen Staatsbürgerschaft entlassen worden war, stellte der Vater im historischen Jahr 1848 den Antrag auf Einbürgerung an die Leipziger Stadtverordneten. Dem Antrag wurde entsprochen und Samuel bzw. Siegmund, wie sich der der Vater jetzt nannte, wurde das Bürgerrecht verliehen. So fand die Familie Drucker in Leipzig eine neue Heimat, die sie für die Nachkommen, trotz späterer Repressalien und Verfolgungen, bis heute geblieben ist.

Der Vater eröffnete in der Leipziger Katharinenstraße 14 gemeinsam mit einem Geschäftspartner aus seiner Braunschweiger Zeit, dem Kaufmann Albert Leppoc (1806–1875), eine Seidenhandlung.

Die Firma „Leppoc & Drucker“ genoss bald allgemeines Ansehen weit über Leipzig hinaus. Über diese Handelstätigkeit hat der Sohn später seinen Kindern manche Anek-dote berichtet. Martin Drucker junior hat über die Seidenhandlung seines Großvaters 1945 folgende amüsante Episoden aufgeschrieben1:

So trat einmal einer der polnischen Juden in den Verkaufsladen und verlangte seidene Schals zu sehen. Da diese Ware auf dem obersten, vom Fußboden aus nicht erreichbaren Regalbrett lag, wendete mein Großvater sich an einen Lehrling mit der Anweisung: „Geben Sie ihm eine Tritt!“ Das verstand der Kaufliebhaber falsch. „Wie heißt Herr Drucker, hab ich doch noch gar nicht geboten!“ Er glaubte sich durchschaut.
Ein andermal erschien ein besonders unerfreuliches Exemplar jenes Menschenschlags, schmierig, verwahrlost und eine widerliche Atmosphäre um sich verbreitend. Das war meinem Großvater zuviel. Er schreckte vor der üblen Erscheinung zurück und sagte verächtlich: „Pfui, Jeiteles, wie riecht Ihr!“ Darauf die spitzfindige Antwort: „Sie irren, Herr Drucker, Sie riechen, ich stink!“

Siegmund Drucker reiste auch mehrfach zu Pferde in die Türkei, um dort die notwen-digen Einkäufe zu tätigen. Von diesen abenteuerlichen und gefährlichen Reisen kehrte der Vater mit wunderbaren Geschichten zurück, die ebenfalls von Generation zu Generation weiter getragen wurden. Diese Erzählungen aus einer fremden Welt müssen die Phantasie des jungen Martin besonders beflügelt haben.

Die Geschäfte gingen schließlich so gut, dass die Firmeninhaber eine Filiale in Hongkong eröffneten. Von dort wurden chinesische Seidenstoffe mit Echtheitsgarantie importiert. Doch der jüngere Sohn Heinrich, welcher die Geschäfte in Hongkong führte, wurde Opfer eines groß angelegten Betruges. Es kam zu enormen Verlusten, die Siegmund Drucker seinem Geschäftspartner ohne jede Verpflichtung ganz selbstver-ständlich ausglich. Heinrich Drucker wanderte nach San Franzisko aus, wo er jedoch sehr bald starb.

Siegmund Drucker hatte im Jahr 1850 ein zweites Mal geheiratet. Aus dieser Ehe mit Emma Pollack (1825–1888), die wie seine erste Frau aus Frankfurt an der Oder stammte, gingen dann noch zwei weitere Kinder hervor. Diese beiden Halbgeschwister Martin Druckers waren Therese (1851–1927) und Paul (1863–1942). Der jüngste Sohn war ein aufgeweckter und angenehmer Spielgefährte für seinen nur wenige Jahre jüngeren Neffen Martin.
Er wurde im hohen Alter nach Theresienstadt deportiert, wo er umgekommen ist.

Siegmund Drucker beschränkte sich allerdings nicht nur auf sein Geschäfts- und Familienleben. Er war auch aktives Mitglied der gerade in der Gründung begriffenen Leipziger jüdischen Gemeinde und gewählter Repräsentant der ersten Gemeindever-sammlung. Als die Gemeinde 1852 den Bau einer großen Gemeindesynagoge in Angriff nahm, gehörte er dem Komitee zur ihrer Errichtung an.

Im gleichen Jahr zu Michaelis hatte der älteste Sohn Martin an der altehrwürdigen Leipziger Thomasschule sein Abitur erfolgreich abgelegt. Bereits als Schüler war er durch seine literarische Begabung aufgefallen. Ihm folgten an dieser traditionsreichen humanistischen Bildungsstätte später seine Söhne und Enkel mit gleichem Erfolg. Den weiblichen Nachkommen blieb diese Schule allerdings verschlossen, was seine Enkeltochter Renate noch heute bedauert.

Der Jurist

Trotz seiner bemerkenswerten literarischen Begabung sah der junge Martin Drucker seine berufliche Laufbahn nicht auf diesem Gebiet. Vielmehr wünschte der Abiturient seine außergewöhnliche musikalische Begabung für seinen künftigen Beruf zu nutzen.

Der Vater, welcher die musische Entwicklung seines Sohnes stets befördert hatte, sah in diesem Wunsch allerdings keine gesicherte Existenzgrundlage. Die Vorbehalte und Aversionen dieser Zeit gegen jegliche musikalische Berufswahl hat Martin Drucker seinen Kindern später mit folgender Anekdote verdeutlicht:

Als an der Thomasschule ein Schüler vorzeitig abging, wurde er von einem alten Professor in fast verächtlichem Tone gefragt, was er denn nun werden wolle. Auf die Antwort: „Ich will mich der Musik widmen“ wurde er mit den Worten verabschiedet: „So so. Aber das sage ich D.2: in meinen Hof kommt er mir nicht!“ Wenige Jahre danach zählte dieser ehemalige Thomasschüler zu den bekanntesten Pianisten Deutschlands.

Unter diesen Umständen muss die bis dahin sehr harmonische Vater-Sohn-Beziehung vor einer ernsten Bewährungsprobe gestanden haben.
Sowohl die Liebe zum Vater, aber wohl auch die sachlichen Argumente führten für den Abiturienten zu der Entscheidung, sich dem Studium der Jurisprudenz zuzuwenden. Diese Entscheidung hat Martin Drucker trotz seiner lebenslang nicht nachlassenden Liebe zur Musik niemals bereut. Er hat den Beruf des Rechtsanwaltes zu seiner Berufung gemacht und diesen nicht als Widerspruch zu seiner musischen Begabung verstanden.

Martin Drucker wählte zunächst Heidelberg als den besten Platz, um sein Jurastudium zu beginnen. Hier schließt er sehr schnell Freundschaften, von denen einige sein Leben lang Bestand haben. So trifft er auf einen Studenten, welcher in besonderer Weise seine Geisteshaltung und die Liebe zur Musik teilte. Der spätere Justizrat Conrad Rieger (1831–1910) aus Köthen wurde zum lebenslangen Freund und sogar zum Nennonkel der Kinder Martin Druckers.
Er stand in Köthen jahrzehntelang an der Spitze des Musiklebens und hat so Künstler von Weltruf zu Konzerten in diese Kleinstadt gebracht.

Anlässlich der Eheschließung des Freundes schrieb Martin Drucker ein „Hochzeits-carmen“ dessen Inhalt durch den Sohn wie folgt überliefert ist:3

Rieger sei, so schildert der Dichter, noch bis zur Stunde der Immatrikulation in größter Verlegenheit hinsichtlich der zu wählenden Fakultät gewesen und habe unschlüssig in der Reihe der Angemeldeten geharrt. Aber:

Da wird ein anderer inskribiert
der sich als ictus prädiziert.
Riegerus denket: „I für mich!
da werde auch ein ictus ich.“

Obwohl Drucker in Heidelberg das Studium der Rechte gewissenhaft betrieb, kamen auch studentische Streiche nicht zu kurz. Ganz selbstverständlich berichtete er seinen Kindern später auch von dieser Seite seines studentischen Lebens.

Für das Wintersemester 1853 kehrte Martin Drucker nach Leipzig zurück, um sein Studium an der hiesigen Juristenfakultät fortzusetzen. Im Juni 1855 beendete er sein Studium mit dem Baccalarexamen, welches mit der Note „bene“ bewertet wurde.

Dann war ihm für ein Jahr beim Leipziger Rathslandgericht nach damaligen Sprachge-brauch „der Access gestattet worden“. Seine Probeschriften fertigt Martin Drucker aus Akten des Landgerichts Wurzen. Weitere Stationen führen ihn in die Kanzleien der Advocaten Damm in Dresden und Raßbach in Leipzig.

Am 30. Juni 1856 bestätigte der Leipziger Advokat Klein, dass Martin Drucker bei ihm „auf meiner Expedition gearbeitet und in den ihm übertragenen advocatorischen Arbeiten verschiedener Art Fleiß und Sorgfalt an den Tag gelegt“ habe. Diese kurzzeitige Beschäftigung blieb nicht ohne nachhaltige Folgen für den weiteren Lebensweg des Referendars. Denn nur hier kann er Gelegenheit gehabt haben, seiner großen Liebe zu begegnen.

Karl Wilhelm August Klein (1800–1862) gehörte zu den angesehenen Advokaten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Messestadt Leipzig. Sein Ansehen beruhte jedoch nicht nur auf seiner beruflichen Kompetenz, sondern insbesondere auf seinem Engagement als Vizevorsteher der Leipziger Stadtverordneten. Er war, wie seine Ehefrau, gebürtiger Altenburger.

Er war ein überzeugter Demokrat. Inwieweit sich seine Haltung zu Juden allerdings von der damals noch allgemein üblichen Ablehnung unterschied, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Es spricht aber für eine tolerante Gesinnung, dass er den jüdischen Referendar in seiner Praxis aufnahm. Ob er allerdings die erst nach seinem Tod erfolgte Heirat mit seiner Tochter Marie gutgeheißen hätte, ist nicht völlig sicher.

Bei der strikten sozialen Trennung zwischen Juden und Christen wäre wohl ein Kennen lernen der beiden späteren Eheleute sehr unwahrscheinlich gewesen. Darüber hinaus hat der Vater seine zehn Kinder, von denen allerdings nur vier das Kindesalter überlebten, ganz besonders behütet und nach strengen Regeln erzogen.

Martin Drucker war in einer Familie mit gefestigter, aber liberaler Haltung zum Judentum aufgewachsen. Es gibt keine Hinweise, dass er jemals, trotz aller Schwierigkeiten, gegen dieses ihm durch Geburt zugefallene Glaubensbekenntnis opponiert hat.

Einer Heirat zwischen einem Juden und einer Christin standen nicht nur die allgemeinen Wertvorstellungen entgegen, es gab damals auch ein klares juristisches Verbot derartiger Eheschließungen.

Martin Drucker musste deshalb eine außerordentlich schwierige Entscheidung treffen, die für sein weiteres Leben und das Schicksal seiner Familie von eminenter Bedeutung sein sollte. Der verständnisvolle Vater wollte wohl einer Liebesheirat nicht im Wege stehen. So fuhr der Sohn am 7. Februar 1865 in aller Stille, aber mit der Zustimmung seines Vaters (er war noch nicht 21 Jahre alt), nach Dresden, um sich dort in der Kreuzkirche taufen zu lassen. Wenige Tage später erfolgte die Trauung mit Marie Klein in der Leipziger Kirche zu St. Nicolai.
Viele Jahrzehnte später haben die nationalsozialistischen Rasseschnüffler großen Aufwand betrieben, um den Übertritt vom Judentum zum Christentum nachzuweisen. Das ist ihnen nicht gelungen. Der zuständige Kirchenbuchführer muss hierbei passiven Widerstand geleistet haben, denn er legte nur Dokumente vor, aus welchen die Tatsache des evangelischen Glaubensbekenntnisses des Bräutigams hervorging. Wann und wo die Taufe erfolgt war, blieb deshalb für die Nationalsozialisten im Dunkeln.

Die Eheschließung mit Marie Klein führte zwei Kulturen zusammen. Die hieraus erwachsene Familie legt ein seltenes Zeugnis dafür ab, dass es möglich ist, diese unterschiedlichen Wurzeln harmonisch und fruchtbar zusammenzuführen.

Aus dieser Ehe gehen sieben Kinder hervor. Der Erstgeborene Emil stirbt im Alter von nur vier Jahren 1869 an Diphtherie.
Im Jahr 1868 wird eine Tochter geboren, die den Namen Johanna erhält. Bereits im Oktober des nächsten Jahres erblickt ein weiterer Sohn das Licht der Welt. Er erhält nach seinem Taufpaten, dem Leipziger Arzt Kurzwelly, den Vornamen Martin. Die Namensgleichheit mit seinem Vater erscheint als Omen dafür, dass dieser Sohn wie keines der anderen Kinder charakterlich und beruflich in die Fußstapfen seines Vaters treten wird.

1875 folgt die Tochter Betty, ein Jahr später wiederum ein Sohn namens Carl. 1878 wiederum eine Tochter Marie und als jüngster schließlich 1879 der Sohn Conrad.

Durch diese Geburtsfolge ergeben sich Geschwisterpärchen, wie sie ebenfalls auffällig bei den Kindern von Thomas Mann sind.

Auffällig für die damalige Zeit ist, dass alle Kinder nur einen einzigen Vornamen erhiel-ten. Der Vater wurde wegen dieser Sparsamkeit zur Rede gestellt. Hierauf erwiderte er, dass er befürchte, es könne irgendwann eine Luxussteuer für jeden zusätzlichen Namen erhoben werden.

Das Familienleben wird neben den liebevollen Eltern auch durch die teilweise mit im Haushalt lebenden Großmütter bestimmt. Die Druckers führten ein offenes, lebendiges und vor allem kunstfreudiges Haus.

So wachsen die Kinder sehr behütet auf. Sie können ihre geistigen Fähigkeiten ent-sprechend ihren charakterlichen Eigenheiten voll entfalten. Für die drei Töchter galt dies natürlich nur unter den damals üblichen sehr restriktiven Grenzen.

Die Tochter Johanna (1868–1936) heiratete später den bemerkenswerten Architekten Johannes Sickert, welcher mit seinen sorbischen Wurzeln eine neue Facette in die wachsende Familie einbrachte.

Der Sohn Martin (1868–1947) wurde einer der angesehensten Anwälte Deutschlands und hat sich als Präsident des Deutschen Anwaltvereins für seinen Berufsstand blei-bende Verdienste erworben. Er heiratete Margarethe Mannsfeld (1873–1939), welche einer sächsischen Richterdynastie entstammte.

Die Tochter Betty (1875–1957) heiratete den Richter Carl Mannsfeld (1865– 1945), den späteren sächsischen Justizminister, welcher ein Bruder ihrer Schwägerin Margarethe war. Die Familie lebte in Dresden und später wieder in Leipzig.

Der Sohn Carl (1876–1959) promovierte zum Dr. phil. Er war Schüler des Nobelpreis-trägers Wilhelm Ostwald (1853–1932) und erhielt schließlich eine Professur für physikalische Chemie an der Leipziger Universität. Nachdem er 1933 sofort entlassen worden war, wanderte er mit seiner Frau, der anerkannten Malerin Gertrud Flatow nach Schweden aus. Dort gelang es ihm, an der Universität in Uppsala seine berufliche Laufbahn erfolgreich fortzusetzen.

Die jüngste Tochter Marie (1878–1919) war seit 1905 mit dem Mediziner Richard Burian verheiratet. Die berufliche Karriere Burians führte die Familie nach Neapel und später nach Belgrad, wo er die Universität mitbegründete.
Die Familie wanderte nach Hitlers Machtergreifung nach den USA aus.

Der jüngste Sohn Conrad (1879–1947) beschritt eine sehr erfolgreiche Laufbahn als Bankier. Nach jahrzehntelanger Arbeit für die Dresdner Bank in London war er zuletzt Bankdirektor in Hamburg. Conrad wurde 1933 sofort entlassen und wanderte nach England aus. Er war mit der Engländerin Bertha Freyer verheiratet.

Der Vater Martin Drucker hat sein Herkommen auch nach seiner Taufe niemals ver-drängt oder verleugnet. Seine Kinder wuchsen deshalb in dem vollen Bewusstsein auf, dass die Vorfahren ihres Vaters Juden waren. Sie haben diese Tatsache deshalb niemals als Makel empfunden.

Die Vorfahren der Mutter waren Pastoren und Kantoren im Altenburger Land gewesen. Der Großvater mütterlicherseits, Johann August Dölitzsch, war Musikdirektor und später Stadtkirchner in Altenburg. Auch dessen Vater wird im Sterberegister als Musikbeflis-sener bezeichnet.

Besonderen Eindruck dürfte auf Martin Drucker ein Onkel seiner Frau gemacht haben. Dieser war nämlich kein geringerer als der namhafte Demokrat Arthur Ottomar Olympius Dölitzsch (1819–1900). Der Advokat gehörte mit seinem Kollegen Alfred Erbe und Dr. Adolph Douai zu den führenden Vertretern der 48er Revolution im Herzogtum Sachsen-Altenburg, in deren Ergebnis auch dort allgemeine und direkte Wahlen erfolgten und die Zensur aufgehoben wurde. Die drei Führer der demokratischen Partei wurden dann im Juni 1848 in den Landtag gewählt. Als kurze Zeit später jedoch ein Verhaftungsbefehl gegen diese Demokraten erging, drohte der offene Aufruhr. Die Bürgerschaft eilte in Altenburg bewaffnet auf die Barrikaden. Nachdem der Herzog einen förmlichen Frieden mit dem Volk geschlossen hatte, wurden die Verhafteten befreit, der Landtag sofort einberufen und eine Amnestie erlassen. Im September gehört Dölitzsch zu den Über-bringern des Landtags-Protestes an die Nationalversammlung gegen die beabsichtigte Besetzung Thüringens.

Dölitzsch war später Mitbegründer des Deutschen Anwaltvereins auf dem 1. Deutschen Anwaltstag am 25.08.1871 in Bamberg. Er vertrat gleichzeitig die im Herzogtum Sachsen-Altenburg bestehende Advocaten-Vereinigung. So ist eine besondere lang andauernde Verbindung der Familie mit dem Schicksal des Deutschen Anwaltvereins festzustellen, die ihren Höhepunkt 1932 in der Ernennung von Martin Drucker junior zum Ehrenpräsidenten erreichte.

Im Dezember 1857 erhielt Martin Drucker sein juristisches Doktordiplom und im Januar 1857 stellte er beim Sächsischen Justizministerium den Antrag auf Immatrikulation als Advocat. Die Vereidigung vor dem Bezirksgericht Leipzig erfolgte mit dem jüdischen Glaubensbekenntnis erst am 06.02.1862, da alle Antragsteller in Sachsen damals eine Wartefrist einzuhalten hatten, welche das Sächsische Justizministerium für angemessen hielt.

Martin Drucker eröffnet in der Leipziger Goethestraße gemeinsam mit seinem 1835 in Zittau geborenen Freund Heinrich Roßbach seine Anwaltskanzlei. Über einen der ersten Mandanten ist folgende Anekdote überliefert:
Der mit Spannung erwartete erste Klient war ein Freund Druckers. Er fragte den frisch-gebackenen Advocaten, ob er ihm nicht mal hundert Taler einklagen könne. Dieser erklärte selbstverständlich seine Bereitwilligkeit zur Übernahme eines solch lukrativen Mandats. Auf die hierauf folgende Frage von wem er das Geld zu bekommen hätte, antwortete der Freund und Klient: „Von wem ich’s zu kriegen habe? Ich habe Dich doch gefragt, ob Du nicht 100 Thaler für mich einklagen könntest. Du sagst Ja. Wie Du das machst, musst Du als Advokat wissen. Wenn ich jemanden wüsste, von dem ich 100 Taler kriegen könnte, brauchte ich doch Dich nicht zu bemühen!“

Diese Episode war jedoch nicht symptomatisch für die weitere Entwicklung der Kanzlei. Sie entwickelte sich vielmehr sehr rasch, zumal Drucker auch als Notar und Patri-monialrichter sehr beschäftigt war.

In Sachsen besaßen zu dieser Zeit noch viele adlige Rittergutsbesitzer das Privileg eigener selbständiger Gerichtsbarkeit. Sie mussten aber die Rechtsprechung durch einen zum staatlichen Richteramt befähigten Juristen ausüben lassen. So war auch Martin Drucker mehrere Jahre Patrimonialrichter für einen bei Wurzen gelegenen Ritter-gutsbezirk. Allerdings brachte dieses Amt nicht die finanziellen Erträgnisse wie das wichtigere Amt des Notars.

Martin Drucker war bereits seit dem 16. Februar 1857 als so genannter beschränkter Notar zugelassen. Diese Position ging auf eine sächsische Besonderheit zurück, nach welcher die Leipziger Juristenfakultät aus den Reihen ihrer Promovenden solche „Protestnotare“ ernennen durfte. Die Amtspflichten dieser Notare beschränkten sich nämlich auf die Befugnis zur Aufnahme von Wechselprotesten und zur Unterschriftsbeglaubigung.

Das Vollnotariat wurde in Sachsen nur in sehr beschränkter Zahl verliehen. Es wurde behauptet, dass es häufig Lohn für politisches Wohlverhalten gewesen sei. Hierauf wollte sich Martin Drucker allerdings nicht verlassen.

Er fand deshalb einen Weg, das Vollnotariat auf andere Weise zu erlangen, nämlich durch den Nachweis der Befähigung zur Aufnahme notarieller Urkunden in französischer und in italienischer Sprache. Diese Prüfungen hat der junge Anwalt vor dem Präsidenten des Leipziger Landgerichts für beide Sprachen an einem Vormittag abgelegt. Nachdem das Justizministerium durch einen Dolmetscher die Fehlerlosigkeit der aufgenommenen Urkunden festgestellt hatte, musste Drucker trotz seines jugendlichen Alters zum Vollnotar ernannt werden.

Martin Drucker sprach auch sehr gut englisch. Auf die Ablegung dieser Prüfung verzich-tete er mit Rücksicht auf seinen älteren Kollegen Justizrat Emil Bärwinkel (1824–1912). Dieser war nämlich bereits als Notar zur Aufnahme von Urkunden in englischer Sprache zugelassen. Später hat Drucker, als Genesender ans Bett gefesselt, innerhalb kürzester Zeit auch noch die holländische Sprache erlernt.

Als Notar wurde Drucker von Aktiengesellschaften und Banken bevorzugt beauftragt, da er einen Arbeitstil entwickelt hatte, welcher es erlaubte, Protokolle von Generalver-sammlungen noch am gleichen Tage zu verlesen und zu beurkunden. Die in Leipzig ansässigen Banken, insbesondere aber die Reichsbankhauptstelle, beauftragten den Notar dann gegen Ende des 19. Jahrhunderts in großem Ausmaß mit dem so genannten Wechselprotestieren. Wenn Martin Drucker mit derartigen Geschäften beauftragt war, kam er kaum zu anderen Arbeiten. Früh morgens um sechs Uhr wurden Pakete von zuzustellenden Wechselprotesten bei der Bank abgeholt und im Notariat nach Stadtgebieten sortiert. Dann setzt sich der Notar in eine Droschke, legte die Proteste vor und nahm die Erklärungen der Angegangenen entgegen. Dem folgte wiederum die Ausfertigung der Protesturkunde im Notariat, die sehr umständlich und zeitraubend war. Diese Arbeit musste unbedingt am gleichen Tage erledigt sein.

Der Zeitdruck, welcher hier regelmäßig eintrat, hat Martin Drucker in späteren Jahren dann auch für die Benutzung der aufkommenden Autodroschken gewonnen. Lange Zeit hatte er den Gebrauch eines solchen Gefährts strikt abgelehnt.

Zu Beginn des Jahres 1874 fand die advocatorische Praxis in Leipzig eine kurze Unter-brechung. Diese war durch den Onkel seiner Frau, den bereits erwähnten Advocaten Dölitzsch, verursacht worden. Er hatte sich an einer damals im Entstehen befindlichen Privateisenbahngesellschaft am Unterrhein in erheblichem Maße beteiligt und wollte, dass seine Interessen durch Vertrauenspersonen gewahrt werden. So übernahm Martin Drucker einen Direktorenposten dieser Gesellschaft in Düsseldorf.

Die protestantische Familie hatte in der streng katholischen Rheinstadt ein schweres Leben, welches einmal sogar durch Teilnehmer einer Prozession ernsthaft bedroht wurde. Hierin lag aber nicht der Ausschlag gebende Grund dafür, dass die Eheleute Drucker mit ihren beiden Kindern Johanna und Martin noch im gleichen Jahr wieder nach Leipzig zurückkehrten. Dafür waren vielmehr strafrechtliche Ermittlungen gegen ein Aufsichtsratsmitglied der Aktiengesellschaft entscheidend. Dieser hatte gegen aktienrechtliche Vorschriften verstoßen und die hierauf eingeleiteten Untersuchungen wurden auch auf Dölitzsch und Drucker erstreckt. Beide legten sofort alle Ämter nieder. Sie wurden später von allen Vorwürfen freigesprochen.

Die Rückkehr in die Leipziger Anwaltspraxis fiel mit einer für Martin Drucker bedeut-samen Neuregelung zusammen, denn im gleichen Jahr trat das erste Markenschutz-gesetz in Kraft. Dieses Gesetz gab nunmehr auch den ausländischen Firmen Schutz, wenn sie ihre Marke beim Leipziger Handelsgericht registrieren ließen. Hierzu mussten sie wiederum einen inländischen Bevollmächtigten benennen.

Diese Firmen bevorzugten naturgemäß einen Juristen, mit welchem sie in ihrer Landes-sprache korrespondieren konnten. Auf Anfrage beim Leipziger Konsulat wurden viele an die Praxis Drucker verwiesen. So erhielt die Kanzlei schon zu Beginn des Jahres 1875 zahlreiche französische, aber auch englische Mandate.

Mit dem damals gerade nach Leipzig berufenen französischen Generalkonsul entstand hierdurch eine intensive und familiäre Freundschaft. Der 1817 in Frankfurt am Main geborene Ludwig Tolhausen war eine bemerkenswerte und eindrucksvolle Persönlich-keit. Er war berufen worden, das öffentliche Bildungssystem in Moldawien zu organisie-ren. Der Prinzregent Michel Stourza ernannte ihn zum Rektor der neu gegründeten Akademie in Yassi, wo er 1839 den Lehrstuhl für französische Sprache und Literatur übernahm. Tolhausen war wohl auch die entscheidende Person, auf welche die besonders intensive Beziehung Martin Druckers zu Frankreich zurückzuführen war. Die Zuneigung zu allem französischen übertrug sich auf seine ganze Familie, im besonderen aber auf seinen ältesten Sohn Martin.

Martin Drucker wurde sehr bald zu einem der anerkannten Vertreter für das damals
völlig neue Markenrecht. So vertrat er zahlreiche ausländische Firmen in Markenschutz-prozessen vor dem zuständigen Leipziger Handelsgericht. Hierzu gehörten noch heute bekannte Namen wie die Champagnerfirma Louis Röderer, die größte aller Messer-schmiedefirmen Jos. Rodgers & Sons in Sheffield, die amerikanische Gesellschaft Durya, die mit dem Maizena-Mehl auftrat und das holländische Familienunternehmen Boonekamp.

Einer dieser Prozesse richtete sich gegen einen Dresdener Verlag, welcher so genannte „Schulausgaben“ druckte, die gesetzlich nicht als Nachdrucke galten. Tatsächlich handelte es sich jedoch um geringfügig gekürzte beliebte französische Romane. Dage-gen sollte Martin Drucker im Auftrag mehrerer bedeutender Pariser Verleger klageweise vorgehen. Zu seinem Entsetzen wurde die Klage in erster Instanz abgewiesen, weil die Richter des Leipziger Landgerichts nicht in der Lage waren, hinter dem Wort Schulaus-gabe den Begriff einer solchen zu fixieren. Der Anwalt fühlte sich nicht nur in seiner Berufsehre gekränkt, sondern er befürchtete auch einen Bloßstellung der deutschen Rechtspflege im Ausland. Den französischen Mandanten musste die Entscheidung als skrupellose Vorteilssuche zu Gunsten deutscher Leser erscheinen. In der Berufungs-instanz gelang es dieses unhaltbare leichtfertige Urteil zu revidieren. Das Reichsgericht in Leipzig hat diese Entscheidung des Oberlandesgerichts Dresden bestätigt. Die dankbaren französischen Verleger überließen ihrem erfolgreichen Anwalt sämtliche für das Verfahren verwendete Originalausgaben, die dann allerdings im Jahr 1945 bei der Zerstörung der Wohnung von Martin Drucker jun. Opfer der Flammen wurden.

Im so genannten „Moschusprozess“ im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts hat Martin Drucker beweisen können, dass er auch hochkomplexe naturwissenschaftliche Themen zu analysieren und rechtlich zu bewerten wusste. Der junge Chemiker Albert Baur hatte als Erster ein Verfahren zur Herstellung von künstlichem Moschus entwickelt und als Reichspatent angemeldet. Da die Herstellungskosten für den künstlichen Moschus pro Kilo nur etwa 30,00 RM, für tierischen Moschus aber 6.000,00 RM betrugen, gab es erhebliche Gewinnmargen. So dauerte es nicht lange, bis eine Leipziger Firma ebenfalls mit einem künstlichen Moschus auf den Markt kam, welches dem Baur’schen in der Zusammensetzung voll und ganz entsprach. Das Unternehmen leugnete allerdings das geschützte Baur’sche Herstellungsverfahren zu verwenden. Schließlich musste vor dem Landgericht der exakte Erzeugungsprozess offen gelegt werden. Hiernach wurden neben den Baur’schen Stoffen auch andere verwendet, woraus mehrere Gutachter ableiteten, dass das verwendete Verfahren mit dem patentrechtlich geschützten nicht identisch sei. Das konnte Martin Drucker aber bis zuletzt nicht glauben. Er setzte sich deshalb nun selbst mit dem hoch komplizierten chemischen Verfahren auseinander. Schließlich fiel ihm auf, dass abweichende chemische Stoffe zugegeben, aber im weiteren Verfahren wieder eliminiert wurden. So sind alle Abweichungen vom Baur’schen Verfahren im weiteren Herstellungsprozess wieder negiert worden. Diese Erkenntnis brachte einen Umschwung in der Beurteilung der Fachgutachter und schließlich kam auch ein Obergutachter zu der Erkenntnis, dass das Verfahren der Leipziger Firma mit dem für Albert Baur geschützten Patent identisch sei. So wurde dieser Prozess doch noch gewonnen.

Im Laufe dieser anwaltlichen Tätigkeit ist eine wohl einzigartige Spezialbibliothek entstanden, welche 1943 bei der völligen Zerstörung der Kanzlei in Flammen aufging.

Die Zustellung von Wechselprotesten führte den jungen Notar in alle Viertel seiner Heimatstadt. Trotz des regelmäßigen Zeitdruckes bei dieser Arbeit hielt Martin Drucker alle Sinne für seine Umwelt offen. So entstand Jahre später ein Stadtplan, welcher im Anwaltszimmer der Leipziger Landgerichts aufgehängt wurde mit der Überschrift: „Die Stadt Leipzig, nach Gerüchen gegliedert“. Martin Drucker war während seiner Fahrten durch die Stadt immer wieder aufgefallen, dass sich jedes Viertel durch einen ganz besonderen Geruch auszeichnete. Eine Tatsache, die heute nach dem allgemeinen Niedergang des Handwerkes, insbesondere dem völligen Wegfall der Rauchwaren-branche, nur noch schwer nachzuvollziehen ist. Der besondere Geruch am Brühl, dem Zentrum des jüdischen Pelzhandels, wurde aber in Stadtgeschichten mehrfach beschrieben. Martin Drucker ordnete nun den einzelnen Gerüchen in den Leipziger Straßen unterschiedliche Farben zu. So entstand ein farbiger Stadtplan, an welchem man ablesen konnte, wo es wie roch.
Einige besonders engstirnige Kollegen haben diesen kreativen Spaß etwa Ende des 19. Jahrhunderts allerdings als Verhöhnung der Stadtverwaltung verstanden. Der Staats- und Völkerrechtler Heinrich Triepel (1868–1946) erinnerte sich jedenfalls noch wenige Jahre von seinem Tode mit großer Freude an diesen besonderen Stadtplan, den er als junger Referendar bewundert hatte.

Seine Befähigung, notarielle Urkunden in Fremdsprachen aufzunehmen, brachte Martin Drucker zunehmend durch die Konsulate vermittelte lukrative Aufträge ein. Martin Drucker nutzte diese Gelegenheit sehr gerne, um im Gespräch mit Muttersprachlern seine Kenntnisse zu vertiefen. Allerdings brachten ihm seine Fremdsprachenkenntnisse auch die nicht so beliebte Zuziehung als Strafverteidiger für Ausländer ein.

Als am 11. Juli 1879 die erste Versammlung des Anwaltvereins zu Leipzig tagte, wurde Martin Drucker ordentliches Mitglied des Vorstandes. In diese Position wurde er später von seinen Kollegen mehrfach wieder gewählt. Seinem Sohn Martin Drucker jun. sprachen die Leipziger Anwälte über 20 Jahre später in gleicher Weise wiederholt ihr Vertrauen aus. So erwähnt die anlässlich des 50. Gründungsjubiläums verfasste Festschrift im Jahr 1929 Vater und Sohn als besonders verdienstvolle Kollegen der Leipziger Anwaltschaft.

Als Leipzig 1880 Gastgeber für den 15. Juristentag war, engagierte sich Martin Drucker seinen Interessen entsprechend im Preßauschuß.

Im Jahr 1889 begann der älteste Sohn Martin sein Jura-Studium in München. Auch wenn Martin Drucker auf alle seine Kinder stolz war, so kann doch nicht bestritten werden, dass der Älteste ihm ganz besonders nahe war. Nach dem erfolgreichen Abschluss des Studiums nahm er ihn in seiner Praxis auf. Seine Karriere als Anwalt, aber auch sein Engagement für die deutsche Anwaltschaft waren die unmittelbare Fortsetzung dessen, was Martin Drucker sen. seinen Kindern vorgelebt hat.

Sein berufliches und ehrenamtliches Engagement blieb nicht ohne äußerliche Ehrungen und Auszeichnungen. Es ist nicht überliefert, ob Martin Drucker großen Wert auf derartige Auszeichnungen gelegt hat. Allerdings konnte die Nichtzuerkennung bestimmter Ehrentitel in der damaligen Zeit auch eine bewusste Brüskierung etwa wegen fehlenden politischen Wohlverhaltens darstellen. Jedenfalls „geruhte seine Majestät der König“ 1895 ihm den Titel eines Justizrates zu verleihen. Im Jahr 1912 folgte dann der seltenere Titel eines Oberjustizrates.

Eine Auszeichnung im Jahr 1905 dürfte für Martin Drucker viel wesentlichere Bedeutung gehabt haben. In diesem Jahr wurde dem überzeugten Frankophilen durch die franzö- sische Regierung deren höchste Auszeichnung, das Ritterkreuz der Ehrenlegion, verliehen. Diese Ehrung erfolgte für die langjährige erfolgreiche Besorgung der Rechts-geschäfte für das Leipzig Generalkonsulat der Republik Frankreich.

Der Dichter

Martin Drucker trat bereits an der Thomasschule durch seine herausragende literarische Begabung hervor. Das wird durch die Verleihung des Witteschen Preises im Jahr 1851 dokumentiert.4

Die sehr hohen Ansprüche der Thomana an die Preisträger hat nicht nur Martin Drucker senior 1851 erfüllt. Im Jahr 1888 errang sein gleichnamiger Sohn diesen Preis und schließlich wurde auch sein Enkel Heinrich im Jahr 1922 in gleicher Weise ausge-zeichnet.

Juristische Ansicht

Ich lag in Weltschmerzwehen
Und wußte nicht recht warum.
Ich sprach: „Die Menschen sind Esel,
Sind abergläubisch und dumm!“

„Gemach, Du kühner Dichter,“
Sprach eine Juriste drein:
„Es kann der Mensch nicht Richter
In eigner Sache sein!“

Dieses satirische Gedicht ist einer kleinen Sammlung entnommen, die erstmals im Jahre 1855 im altehrwürdigen Leipziger Verlag Johann Ambrosius Barth unter dem Titel „Blüthen aus dem Treibhause der Lyrik. Eine Mustersammlung“ erschien. Der Verfasser zog es damals – wie auch später – vor, anonym zu bleiben.

Trotzdem, oder gerade deswegen, muss das Bändchen guten Absatz gefunden haben, denn im Jahr 1882 erschien bereits eine dritte Auflage. Die enthielt eine bemerkens-werte Verbesserung. Nunmehr waren die poetischen Ergüsse des sprachgewandten Anonymus mit witzigen, dem jeweiligen Inhalt folgenden kleinen Illustrationen versehen. Diese hatte ein damals noch weitgehend unbekannter Künstler gefertigt, der heute zu den ganz großen Söhnen des künstlerischen Leipzig gezählt wird: Max Klinger. Nach der Überlieferung soll die Anregung zu diesen Illustrationen durch den befreundeten Verleger erfolgt sein. Der anonyme Verfasser soll damals allerdings nicht ohne Bedenken dieser Idee zugestimmt haben.

Jedenfalls erhielt diese illustrierte Auflage besondere künstlerische Weihen, als es zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einer Ausstellung für den nunmehr hoch geehrten Max Klinger im Leipziger Bildermuseum präsentiert wurde. Auch damals noch bestand der Poet mit Nachdruck auf der Geheimhaltung seines Namens.

Wie ein erhalten gebliebenes Exemplar dieser dritten Auflage belegt, stand die zauber-hafte Parodiensammlung auch in der privaten Bibliothek von Richard Graul (1862–1944). Der anerkannte Leipziger Kunsthistoriker und Direktor des städtischen Kunstgewerbe-museums schätzte offenbar ebenfalls die feine, nie verletzende Ironie des unbekannten Autors. Er könnte allerdings durchaus auch zu dem kleinen Kreise der Eingeweihten gehört haben, denen die Autorenschaft bekannt war.

Eine zweite veränderte Auflage der „Blüthen“ war 1877 erschienen. Es ist aber heute kein einziges Exemplar dieser Auflage mehr nachweisbar. Im Jahr 1904 gab es sogar noch eine vierte Auflage, die in der Berliner Staatsbibliothek vorhanden ist. Auch diese Auflage enthielt die Illustrationen Max Klingers.

Das eingangs zitierte Gedicht hätte bei den zahlreichen immer wieder vergeblichen Versuchen, den Namen des Autors zu ermitteln, helfen können. Es sind die einzigen Zeilen, welche einen konkreten Hinweis auf den Hauptberuf des Verfassers geben. Aber auch der Untertitel „Eine Mustersammlung“ enthält einen Fingerzeig auf die Profession des Autors, denn bereits damals – wie heute – waren Mustersammlungen bei Anwälten sehr beliebt.

Diesen Beruf übte der Verfasser allerdings zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung noch gar nicht aus. Der gerade erst Zwanzigjährige war damals noch Student der Rechte in Heidelberg. Eine in der Familie erhalten gebliebene erste Ausgabe enthält folgende persönliche Widmung und ist somit eindeutigster Beleg der Urheberschaft:
„Frl. Therese Hornburger, Frl. Emilie und Frl. Helene Ettlinger zum Zeichen alter Freund-schaft und in dankbarer Erinnerung an fröhliche Tage zu Carlsruhe. Der Verfasser Martin Drucker. Leipzig, im Februar 1855“

Einem Freund schrieb er eine Parodie auf Schillers Ballade „Der Gang nach dem Eisen-hammer“ als Widmung in seine „Blüthen“5:

Schon mancher kauft zur Weihnachtszeit
Sich diesen zarten Band,
Bringt ihn der Gattin tief bewegt,
Die nichts davon verstand.

Noch im Todesjahr Martin Druckers 1913 erschienen in Richard M. Meyers „Deutsche Parodien. Deutsches Lied im Spottlied von Gottsched bis auf unsere Zeit“ drei Gedichte aus den „Blüthen“ gleichberechtigt neben solchen der deutschen Klassiker. Der Leipzi-ger Verlag Ambrosius Barth hatte zwar die Zustimmung zum Abdruck erteilt, aber trotz heftigen Drängens entsprechend den Vereinbarungen mit dem Autor dessen Anonymität gewahrt. Richard M. Meyer dankt dem Verlag trotzdem in seiner Einleitung für seine Zustimmung zur Veröffentlichung aus dieser köstlichen Sammlung.

Der Name des Autors wurde deshalb einer breiteren Öffentlichkeit erst dreißig Jahre nach seinem Tod durch ein Buch des Münchner Verlagsbuchhändlers Dr. Ernst Heime-ran (1902–1955) mit dem Titel „Hinaus in die Ferne. Mit Butterbrot und Speck. Die schönsten Parodien auf Goethe bis George.“ bekannt. Darin war aus den „Blüthen“ folgendes Gedicht mit Nennung Martin Druckers als Verfasser abgedruckt:

Tropenlandschaft

Wenn im Busch von Madagaskar
Tönt des Schakals heis’re Stimme
Und nach Beute die Hyäne
Lechzt mit stillverhaltnem Grimme;

Wenn die flüchtigen Gazellen
Scheucht des Leu’n geschärfte Kralle
Und das Gnu, das wohlgehörnte,
Durstig streift zum Wasserfalle;

Wenn im Rohr das Krokodil sich
Sonnet auf des Bachs Versandung
Und am wolfsmilchübersäten
Strande tost der Syrte Brandung;

Wenn die buntgefleckte Natter
Züngelnd sich zum Knäuel ballet
Und des Geiers krächzend Rufen
Durch der Palmen Wipfel schallet;

Wenn des Bodens dürre Rinde
Berstet, wenn die Manschinellen
Mit verderbensschwang’rem Pesthauch
Den erhitzten Dunstkreis schwellen;

Wenn der Kaffer seine Pfeife
Tränkt im Saft der gift’gen Bohnen:
Freut sich der gesetzte Bürger,
Nicht in Afrika zu wohnen.

Auf eine Anfrage des Sohnes teilte Heimeran ihm mit, dass er in der Bayrischen Staatsbibliothek ein Exemplar der zweiten Auflage gefunden habe. Dort war auch der Name des Verfassers genannt.

Diese Aussage konnte so allerdings nicht bestätigt werden, denn in der Münchner Bibliothek ist nur die dritte Auflage aus dem Jahr 1882 nachweisbar. Tatsächlich wird in der entsprechenden Kartei Martin Drucker als Autor angegeben. Als Quelle für den Autor wird das „Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten des 19. Jahrhunderts“ von Franz Brümmer genannt, welches bereits 1884 erschienen war. Allerdings hatte Brümmer bereits in seinem Deutschen Dichterlexikon im Jahr 1876 Martin Drucker und Adolf Zander als Herausgeber genannt. Dieses Buch fand aber offenbar wenig Beach-tung. So ist es einem akribischen Münchner Bibliothekar zu verdanken, welcher die Angaben Brümmers in die Kartei übertrug, dass die Urheberschaft der „Blüthen“ schließlich doch noch allgemein bekannt wurde.6

In den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde der Name des Autors in der Öffentlichkeit im Allgemeinen nur mit dem früheren Präsidenten des Deutschen Anwaltvereins in Verbindung gebracht. Der gleichnamige Verfasser war allerdings der Vater dieses verdienstvollen Repräsentanten der deutschen Anwaltschaft.

Die „Blüthen“ blieben nicht die einzigen literarischen Versuche des Leipziger Juristen. Leider sind über andere Dichtungen nur indirekte Darstellungen erhalten geblieben.

Bereits die ersten Gedichte des noch nicht Zwanzigjährigen zeigen eine erstaunenswerte Menschenkenntnis und genaue Beobachtungsgabe.
Bemerkenswert ist die spielerisch leichte Art, mit welcher der junge Mann sich unterschiedlichster Themen annimmt und hierbei immer wieder gegen damals allgemein gültige Wertvorstellungen verstößt. Trotzdem haben seine Gedichte niemals anklagende Schärfe. Das verbot ihm schon seine Auffassung, wie sie in den eingangs zitierten „Juristischen Ansichten“ deutlich wird: Der Mensch kann nicht Richter in eigener Sache sein. Wenn er andere anklagt oder bloßstellt, stellt er auch immer sich selbst bloß.

Der Leser spürt in jeder Zeile, welche geradezu diebische Freude der Verfasser beim Niederschreiben gehabt haben muss. Er wollte, dass möglichst viele Menschen beim Lesen diesen Spaß mit ihm teilten. Dabei ging es dem jugendlichen Martin Drucker nicht um persönliche Anerkennung oder gar Ruhm. Bis zu seinem Tod hat er trotz des Drängens auch seiner Kinder nicht zugelassen, dass sein Name offenbart wurde.

Jedoch nicht nur das geschriebene, auch das gesprochene Wort gehörte zu Martin Druckers Begabungen, die in auffälliger Weise auf seinen ältesten Sohn übergingen.
In dessen Lebenserinnerungen finden sich einige Beweise dafür, dass der Vater ein Meister des spontanen Bonmots war.

So fasste er seine Unlust an den jährlich wiederkehrenden familiären Feiertagsvorbereitungen in der lapidaren Feststellung zusammen:

Ostern, Ostern:
es ist zwar kein Pfingsten, aber doch wenigstens kein Weihnachten.

Die damals gerade aufkommenden bebilderten Modekataloge inspirierten ihn in faszi-nierender Weise zur Kommentierung der Abbildungen mit flotten Versen. Einige dieser Sprüche sind noch heute Bestandteil des familiären Sprachschatzes. Leider sind diese Verse sämtlich verloren gegangen. Einzelne davon hat Martin Drucker junior nach 1945 aus seiner Erinnerung aufgeschrieben.

Ein Eiskunst laufendes Paar wurde hiernach wie folgt kommentiert:

Laß deine Stirn es nicht beschatten,
Wenn dort in Knickerbocker-Tweed
Eulalia am Arm des Gatten
Auf blankem Eise Kreise zieht.
Bald bringen Mars dir und Minerva
Was dir noch fehlt zum Traualtar:
Den schneid’gen Leutnant der Reserve,
Der nebenbei noch Refrendar.

Auf eine junge Dame im Reitkostüm kommt in einer anderen Illustration eine wesentlich ältere Dame zu. Hierzu erfand Martin Drucker dann die phantasievolle Legende:

Klotilde will im Reiterkleid
(Cachemir-foulard zu 60 Mark)
Das Roß besteigen, das bereit
Längst stand zum Ritte durch den Park.

Diese Absicht wird durch den überraschenden Besuch der Tante Naumann durchkreuzt, was zu dem Schlusssatz führte:

Eh du es ahnest, kommt Besuch,
Und niemand weiß, wie lang er weilt.

Der Musiker

Martin Drucker besaß das absolute Gehör und hatte eine besonders schöne Gesangs-stimme. Darüber hinaus spielte er aber auch so hervorragend Geige, dass er auf Empfehlung des damaligen Theaterkappellmeisters (1847–1854) und späteren Direktors der Gewandhauskonzerte Julius Rietz (1812–1877) trotz seiner Jugend aushilfsweise im Theaterorchester mitwirken durfte.

Sein Sohn widmete sich deshalb in seinen 1945 niedergeschriebenen Erinnerungen7 sehr ausführlich diesem Thema:

Gedenke ich nunmehr der Musik im Leben des Vaters, so tritt vor meine Augen seine Gestalt, wie er fast an jedem Sonntagvormittag, aber oft auch zu anderen freien Tagen und Stunden auf einer seiner beiden Geigen übte mit einem Ernst und einer Ausdauer, als habe er sich auf einen Lebensberuf, mindestens auf eine möglichst glanzvoll zu bestehende Abschlussprüfung in der Meisterklasse eines Konservatoriums vorzubereiten. Er wusste und betonte in seiner Bescheidenheit stets, dass er außerhalb der Zunft stehe. Aber in der Leistung Dilettant zu sein, erlaubte er sich nicht. Unablässig mutete er seiner linken Hand, die durchaus keine schlankfingrige schmale Geigerhand war, die mühseligsten Geläufigkeitsetüden zu, und wenn er in einer Komposition, sei es auch eine solche, die er nicht anderen vortragen, sondern nur für sich allein kennen lernen und genießen wollte, auf die kniffligsten Terzpassagen oder ähnliche Schwierigkeiten stieß, so übersprang er nicht etwa diese Widerwärtigkeiten, sondern ruhte nicht eher, als bis seine Technik ihrer vollständig Herr geworden war. Diese Ausdauer war bewundernswert, denn im Grunde genommen rang er sie sich aus Ehrfurcht vor der Kunst ab, im Kontraste zu seinem impulsiven, rasch erfassenden und schnell handelnden Charakter. Wie glücklich war er aber auch, wenn er beispielsweise ein Virtuosenstück wie das Violinenkonzert von Vieuxtemps oder ein so erlesenes Kunstwerk wie das große Konzert von Mendelssohn ohne die leiseste technische Hemmung zu spielen vermochte. Was außer der Technik zum künstlerischen Vortrag noch gehört und erst den wahren Musiker ausmacht, hat ihm nie gefehlt. Musikalität durchströmte seine Adern. Sie bestimmte auch maßgeblich seinen persönlichen Umgang. Er hielt sich von jedem Skatkränzchen, jedem Kegelklub, jeder Schützengesellschaft und wie sonst noch die Klüngel heißen mögen, in denen das Geselligkeitsbedürfnis des Spießers und Philisters Erfüllung sucht, sein Lebtag fern, aber einer ganz losen Vereinigung gehörte er an: dem Beethoventisch.
Um Karl Reinecke, den Direktor des Konservatoriums und Kapellmeister der Gewandhauskonzerte, vereinigten sich in der Weinstube Möhle hinter der Nikolaikirche, dort, wo später die Wirtschaft Bavaria entstand, periodisch Männer aus verschiedenen Lebenskreisen, verbunden durch tiefste Zuneigung und Hingabe an diejenige Musik, die ihnen als die einzig echte und wahre Kunst erschien. Bei dieser Grenzziehung verfuhren sie sehr orthodox. Für sie war Beethoven in solchem Sinne die Inkarnation und die Vollendung der Instrumentalmusik, dass sie als letzten Symphoniker gerade noch Brahms bedingungsweise gelten ließen. Bereitwillig als echte Musiker anerkannt wurden Franz Schubert, Weber, Mendelssohn, Robert Schumann und mancher andere der unsterblich gebliebenen Komponisten, aber die gänzliche Ablehnung Richard Wagners und seiner Art war dem Beethoventisch nicht nur Dogma, sondern eingewurzelter Glaube.

Keineswegs huldigte man indessen einer unfrohen Askese, sondern hielt es nicht für einen Raub an den eigenen Idealen, sich auch an musikalischen Scherzen zu ergötzen, vorausgesetzt, dass sie geschmackvoll ersonnen und dargeboten wurden. Ich hebe das hervor, weil aus einem derartigen Anlasse sich zwischen meinem Vater und einem anderen Besucher des Beethoventisches ein persönliches Verhältnis entwickelt hat, das nach und nach sich zu einem immer wichtiger werdenden Bestandteil unsres häuslichen Verkehrs ausweitete. Im Anschluss an ein geselliges Zusammentreffen des Beethoventisches, wohl im Hause Reineckes, wurde allerlei musikalische Kurzweil getrieben. Irgendeiner der Anwesenden begann auf dem Flügel ein paar Takte aus einem bekannten Werke, einer Ouvertüre, einer Symphonie, einem Liede zu spielen, als auch schon auf einem zweiten Pianoforte oder einem anderen Musikinstrumente ein anderer eingriff, indem er die Melodie in die einer anderen Komposition überleitete, also ähnlich wie in einem so genannten Potpourie verfahren wird, nur dass die Männer am Beethoventisch sich nicht in ausgefahrenen Gleisen bewegten, sondern ferner liegende Weisen geistvoll miteinander zu verknüpfen wussten. So wurde also dem jeweils Musizierenden das von ihm angeschlagene Thema aus den Fingern genommen und er musste zur Vermeidung von Kakophonien bestrebt sein, seinerseits den Eindringling auf gleiche Weise wieder herauszuwerfen. Solcher Kunststücke sind selbstverständlich nur außerordentlich begabte Musiker fähig, die nicht nur die Gesetze der Harmonie virtuos beherrschen, sondern auch über ein überaus reichhaltiges, stets eingriffbereites Gedächtnis verfügen. An jenem Abend wurde das witzige Spiel durch eine neue Nuance bereichert. Als Erster unternahm es mein Vater, einem auf dem Klavier vorgetragenen Stück aus Rossinis Tell-Ouvertüre seine Geigenstimme zu überlagern, und zwar mit der Melodie der Volksweise „Lott ist tot, Lott ist tot, Jule liegt im Sterben.“ Andere eiferten ihm nach. Karl Reinecke selbst schrieb auf Notenpapier sofort nieder, was er und seine Gäste improvisierten. Daraus ist ein Stück für Klavier und Violine entstanden, dass der mit anwesende Verleger Konstantin Sander unter dem Titel „Wippchen“ und mit der Komponistenbezeichnung S. C. HELM herausgebracht hat. Es beginnt großartig mit der C-Moll-Sinfonie von Beethoven und gleitet alsbald in die Arie aus Josef in Ägypten über: „Ich war ein Jüngling noch an Jahren.“ Hundertmal mag das ebenso geistreiche wie wohlklingende Produkt vergesellschafteter Laune eines Kreises von Kennern und Könnern in meinem Elternhause wiedergegeben worden sein: stets ist es herrlich gewesen wie am ersten Tag. Leider, leider ist meines Vaters Exemplar am 27.02.45 verbrannt.

Der Sohn erinnert sich liebevoll weiter der musikalischen Sonntagvormittage in seinem Elternhaus. Der Freund des Vaters Leo Grill war mit seiner Schwägerin, der Frau seines verstorbenen Bruders, regelmäßiger Gast. Der Komponist Leo Grill war Lehrer am Leipziger Konservatorium für Theorie und Komposition, zugleich aber auch ein vorzüglicher Klavierspieler. Marie Grill ist eine einst in München gefeierte Sängerin gewesen. Sie sang für die Druckerschen Kinder insbesondere die Lieder von Mendelsohn unvergesslich schön und ausdrucksstark. Leo Grill setzte sich bei diesen Anlässen regelmäßig an den Flügel, welchen Martin Drucker von dem Leipziger Musikverlag Breitkopf & Härtel erworben hatte. Es war das von Felix Mendelsohn selbst benutzte Piano, welches natürlich hoch in Ehren gehalten wurde.

Aber auch Martin Drucker selbst sang bei diesen Gelegenheiten. Zu seinem Lieblingsrepertoire gehörten Lieder von Schumann, Schubert und Beethoven. Seine Stimme soll nach den Erinnerungen des Sohnes noch im hohen Alter nichts an Kraft und Glanz eingebüßt haben.

Seine Einstellung zur Kunstausübung brachte der Familienvater gegenüber seinen Kindern später im Zusammenhang mit der Inschrift auf dem Giebel des damals neuen Gewandhauses zum Ausdruck. Dort stand: Res sevra verum gaudium. Der landläufigen Übersetzung: „Ernste Dinge schaffen die wahre Freude“ trat er entgegen. Der rechte Sinn des Spruches sei: „Es ist um die echte Freude eine erste Sache.“

Diese Einstellung prägte auch Martin Druckers sängerische Aktivitäten während seines Studiums an der Leipziger Juristenfakultät.
Als aktives Mitglied der bereits 1822 gegründeten Universitäts-Sängerschaft zu St. Pauli beschränkte sich Martin Drucker aber nicht nur auf seine besondere gesangliche Begabung. So wurde er durch die Mitglieder 1855/56 zum Sekretär der Sängerschaft gewählt.

Als im Sommer 1862 der Paulus sein vierzigstes Stiftungsfest beging, erhielt Martin Drucker für sein dramatisches Werk „Die Trichinierinnen“ besondere Anerkennung. Die Aufführung fand am 28. Juli abends im Hotel de Pologne statt. Das Werk selbst, angeregt durch die damals aufkommende Trichinenuntersuchung, ist leider verschollen. Zum wesentlichen Inhalt des Lustspieles, welches ohne Musik und Gesang auskam, ist in der Geschichte des Paulus folgendes überliefert: Ein griechischer Königssohn wird aus seinem Vaterland vertrieben, er muss in einem fremden Lande Schweinehirt werden und verliebt sich in die dortige Königstochter. Deren Vater, über dieses unanständige Verhältnis erzürnt, verurteilt den Schweinhirten zum Tode. Die Leibärzte bitten sich den Übeltäter zu einem Versuche über die Wirkung der Trichinen aus. Als er schon eine trichinenverdächtige Wurst im Leibe hat, stellt sich heraus, dass er ein Königssohn ist und folglich die Ehe standesgemäß sein würde. Verzweifelt ruft der König, dem der Schwiegersohn gefällt, nach einer Abhilfe gegen die Todesgefahr. Die Leibärzte erklären, ein Mittel gebe es nur, das ihn retten könne: wenn nämlich jene Wurst geräuchert war. Der König: „Das ist sie doch wohl nicht gewesen“; der Delinquent: „Ich kann sie gar nicht anders essen“. So endete schließlich alles in Wohlgefallen.

Auch zum weiteren heiteren Verlauf soll Drucker gemeinsam mit Freunden beigetragen haben, welche sich in einem so genannten Narrenbund zusammengeschlossen hatten.

Damit hatte sich aber der Einfallsreichtum des Pauliners noch lange nicht erschöpft. Am darauf folgenden Tage erwartete das Publikum in „steifer Festlichkeit“ die im Programm angekündigten Abordnungen der auswärtigen Gesangsvereine. Zunächst brachte der Gesangsverein „Achtbarkeit zur Schnarrtanne“ in schwungvollen Quartetten seine Huldigung dar. Schließlich erschien aus dem fernen Afrika eine Hottentottendeputation, welche ihre Nationalhymne mit dem Thema „deficiente pecu- deficit omne nia“ in Variationen vortrug. Der ganze von Drucker inszenierte Scherz endete schließlich mit den Grüßen eines Vereins für Zukunftsmusik.

Zehn Jahre später verfasste Martin Drucker als Alter Herr anlässlich des 50. Stiftungs-festes einen illustrierten Festbaedecker. Das Exemplar, welches sich im Besitz der Familie befand, ist bei der Zerstörung des Wohnhauses in der Schwägrichenstraße bei den Bombenangriffen auf Leipzig vernichtet worden.

Martin Drucker jun. erinnerte sich in seinen Lebenserinnerungen allerdings noch sehr genau an dieses Buch:

In einem Buchdeckel der bekannten roten Farbe jener Reiseführer wird nach einer ein beliebiges Städtebild mit der Unterschrift: „Leipzig von Portorico aus gesehen“ zeigenden Vignette des Titelblatts zunächst in flüssigen gereimten Versen ein Führer durch Leipzig gegeben, dann folgt, ebenfalls in gebundener Rede, das Festprogramm, ebenso wie der Führer durchsetzt und überstrahlt von blendendem Witz, und den Schluss bildet ein „Wörterbuch“zum Gebrauche für die auswärtigen Festteilnehmer. Jede Vokabel in ihrer Übertragung ein Spottblitz.

Die herausragenden Verdienste ihres engagierten Mitgliedes würdigte die Sängerschaft mit der einmalig gebliebenen Verleihung eines Brilliantringes. Dieser Ring war der „Lohn für seine ausgezeichneten Bierzeitungen und für seine bewährte Treue“.8 Als die Sängerschaft später allerdings dem allgemeinen antisemitischen Zeitgeist an deutschen Universitäten folgte und Juden diskriminierte, sandte Drucker diesen Ring zurück.

Damit endete abrupt eine jahrzehntelange Verbindung, welche allerdings für den Studen-ten Martin Drucker nicht immer ohne innere Spannungen gewesen sein dürfte. Die Pauliner pflegten, wie alle Burschenschaften dieser Zeit, eine strengen Comment. Weil Martin Drucker mit diesem restriktiven und leider häufig auch intoleranten Reglement nichts anfangen konnte, hatte er sich während seiner ganzen Studienzeit weitgehend jeglichen Studentenverbindungen fern gehalten. Nur die Liebe zur Musik konnte ihn dazu bringen, von diesem Prinzip abzuweichen.

Sich selbst auch in der Musikausübung zu ernst und allzu wichtig zu nehmen, war ihm fremd. Seine Aktivitäten bei den Paulinern sind sämtlich Beweis seiner Bemühungen das strenge und steife Reglement zu durchbrechen. Da die „Blüthen“ auch Parodien enthalten, die dem allgemeinen Selbstverständnis der Pauliner zuwider gelaufen sein dürften, könnte auch hierin ein Grund für die Aufrechterhaltung der Anonymität des Verfassers gesehen werden.

So war das im Titel zitierte Gedicht eine Parodie auf ein altes Kommerslied aus der Kaiserzeit mit dem Titel „Turner, Sänger, Schützen sind des Reiches Stützen“. Die deutschen akademischen Sängerschaften nahmen derartige Lieder sehr ernst und hätten wohl eine Infragestellung der Aussage nicht hingenommen.

Seine Parodie „Das Lied ist Macht“, welches auf das Dresdner Gesangsfest 1865 Bezug nimmt, hätte wohl einige Entrüstung unter den meisten Paulinern ausgelöst:

Das Lied ist Macht
Frei nach Beist

Wir sind ein Bund voll Einigkeit,
Durchglüht von Freundschaftsflammen,
Und ob uns niemand trennen will,
Wir halten doch zusammen!
Und ob es donnert, ob es stürmt,
Und ob der Himmel Wolken thürmt
Und ob es leuchtet, blitzt und kracht:
Das Lied ist Macht.

Wir harren aus im höchsten Glück,
Uns lockt kein Sturmeswüthen,
Kein Sonnenstrahl schreckt uns zurück,
Noch Wein, noch Rosenblüthen.
Und ob die Windsbraut tobend brüllt
Und ob die Woge reißend schwillt,
Und ob es wettert früh und spat:
Das Lied ist That!

Mag Feindschaft ihre Gifte spei’n
Wir lieben uns unsäglich,
Wir wollen frei und einig sein
Wenn es nur irgend möglich.
D’rum ob es wettert, ob es kracht,
Bei Tag, ihr Barden, und bei Nacht
Singt laut die Donnermelodei:
Das Lied macht frei!

Martin Drucker hatte insbesondere dadurch, dass die Verbindung zu seinen jüdischen Wurzeln zeitlebens nie abriss, ein sehr feines Gespür für falsches Heldentum. Er ahnte wohl auch die möglichen Folgen nationalistischer Masseneuphorie, wie sie bei den Sängertreffen dieser Zeit zu beobachten waren. Die Gefahren, die in derartigen studen-tischen Verbindungen lauerten, hat er zumindest gespürt.

Das Mitschwimmen der Pauliner auf der Welle des Antisemitismus kann für ihn deshalb letztendlich nicht wirklich überraschend gekommen sein. Es markierte lediglich einen Höhepunkt, der unvermeidlich zum Bruch führen musste. Bei dem, was Martin Drucker für die Pauliner geleistet hat, bedeutete dieser Bruch einen schweren Verlust für die Sängerschaft.

 

Als Martin Drucker am 15. November 1913 in seiner Leipziger Wohnung starb, konnte er auf ein bewegtes und erfülltes Leben zurückblicken. Es war ihm gelungen, seine viel-fältigen Begabungen zu pflegen und zu entfalten. Nach wichtiger wird ihm aber wohl ge-wesen sein, durch sein Leben seinen Kindern nacheifernswertes Beispiel gewesen zu sein.

Er musste den durch den I. Weltkrieg ausgelösten Franzosenhass der Deutschen ebenso wenig miterleben, wie Jahrzehnte später die Repressalien und Verfolgungen seiner Familie durch die Nationalsozialisten. Aber noch aus dem Grab hat Martin Drucker den Antisemiten ein Schnippchen geschlagen, die alles Jüdische aus der deutschen Literatur verbannen wollten: Sein von Heimeran zitiertes Gedicht „Tropen-landschaft“ erschien 1944 ausgerechnet in einer Fronthandelsausgabe für die Wehrmacht.

Quellen:

  1. Martin Drucker, Lebenserinnerungen, Manuskript (unveröffentlicht)
  2. Wer dieser Pianist war, konnte wegen der fehlenden Angaben in den Lebenserinnerungen des Sohnes leider nicht ermittelt werden.
  3. Martin Drucker, Lebenserinnerungen, Manuskript (unveröffentlicht)
  4. Diesen Preis hatte der Pfarrer Karl Witte (1767-1845) der Thomasschule im Jahr 1836 gestiftet. Der Preis sollte an seinen Sohn Karl Witte (1800-1883) erinnern, der als Neunjähriger am 12.12.1809 an der Thomasschule beim damaligen Rektor Rost seine Maturitätsprüfung ablegte. Der als Wunderkind Gerühmte wurde durch den Vater nach den Grundsätzen der Erziehungsreformbestrebungen der Aufklärung allein aufgezogen. Er wurde später Professor in Halle und gilt noch heute als der namhafteste Dante-Forscher. Er gründete 1865 anlässlich des 600. Geburtstages Dantes in Dresden die Deutsche Dante-Gesellschaft, deren Präsident er bis 1883 war. Als Jurist hat sich der Geheime Justizrat Dr. jur. und phil. Karl Witte um die Quellenkunde des römischen Rechts, sowie des byzantinischen und des preußischen Rechts besondere Verdienste erworben.
    Die Erträgnisse aus dem gestifteten Kapital sollten alljährlich für zwei Preise an Oberprimaner ausgegeben werden, die in sechsstündiger Klausur die besten Aufsätze über ein freies Thema schreiben. Die Namen der Verfasser durften nicht genannt werden. Die Arbeiten waren unter einem Motto abzugeben, das auch auf einem den Namen des Verfassers enthaltenden verschlossenen Umschlag anzubringen war.
  5. zitiert nach: Martin Drucker, Lebenserinnerungen, Manuskript (unveröffentlicht)
  6. Es kann heute nicht mehr nachvollzogen werden, woher Franz Brümmer seine Informationen hatte. Der Verlag wahrte jedenfalls noch im Jahr 1913 das mit dem Verfasser vereinbarte Stillschweigen.
    Noch rätselhafter ist die Nennung des zweiten Herausgebers durch Brümmer. Das Leipziger Adressbuch von 1863 könnte vielleicht eine mögliche Erklärung geben. Hierin wird eine Zander’sche Buchhandlung (F. Volckmar) erwähnt. Der Buchhändler Otto Friedrich Volckmar wiederum wohnte in der III. Etage der Mühlgasse 3. In der I. Etage ebendieses Hauses wohnte aber zu dieser Zeit auch noch der ledige Verfasser mit seinen Eltern. War also durch die Vermittlung des Nachbarn ein Kontakt zur Zander’schen Buchhandlung und so zu dem erwähnten Adolf Zander hergestellt worden? Hatte dieser dann vielleicht wiederum bei dem Verlag Ambrosius Barth für den damals gerade 20-jährigen unbekannten Autor geworben? Gewissheit hierüber kann wohl heute nicht mehr erlangt werden.
  7. zitiert nach: Martin Drucker, Lebenserinnerungen, Manuskript (unveröffentlicht)
  8. Vergleiche hierzu: Kötzschke, Richard: Geschichte der Universitäts-Sängerschaft zu St. Pauli in Leipzig 1822-1922, Leipzig 1922