dr. jur. Hubert Lang

Nachlass Martin Drucker, Briefe und Fotos

21. September 1946

Lieber Carl!

Während ich gestern abwesend war, hat Euer Vetter Fritz telefonisch mitgeteilt, Ihr hättet in einem an ihn und seine Frau gerichteten Briefe Eurer Verwunderung darüber Ausdruck gegeben, dass Ihr seit Monaten nichts von mir gehört hättet. Ich glaube, dass bei dem telefonischen Gespräch ein Missverständnis unterlaufen ist. In Deinem Brief von 2. August ds. Js., der am 18. desselben Monats bei mir einging, bestätigst Du den Empfang meines Schreibens vom 30. Juni. In meinem Brief hatte ich erwähnt, dass das von Euch freundlichst angekündigte Paket noch nicht eingetroffen sei. Es kam dann kurze Zeit darauf, nachdem ich Deinen eben erwähnten Brief vom 2. August bekommen hatte, und nun war es meine Schwiegertochter Ursula, die einen ausführlichen Brief an Euch richtete, um in unserer aller Namen sich zu bedanken und bei dieser Gelegenheit sich wenigstens brieflich mit Euch bekannt zu machen. Es mag immerhin sein, dass Ursels Brief noch nicht bei Euch eingetroffen war, als Ihr an Cohns geschrieben habt. Fritz aht aber weiter telefonisch Eure Anfrage weiter gegeben, was denn eigentlich mit Ina sei. Diese Frage ist mir auch unverständlich. Ich hatte Euch doch in einem früheren Briefe, vermutlich den von Anfang April, berichtet, dass Ina schon seit Dezember wieder bei uns ist. Sie ist seit Ende April ds. Js. als Aerztin im Kinderkrankenhaus hier angestellt, wohnt aber zu Hause.
Aus Deinem Briefe ersehe ich mit Befriedigung, dass Ihr Euch in dem Sommeraufenthalt doch einigermaßen ausgeruht habt. Hoffentlich hat sich dort auch Gertruds Augenleiden etwas gebessert. Es kommt ja doch bei einer derartigen Erkrankung sehr viel darauf an, dass der Patient nicht nur körperlich, sondern auch seelisch Ruhe geniesst, und an solcher wird es wohl auf Oeland nicht gefehlt haben. Ich selbst habe nun auch meinen Urlaub hinter mir, der allerdings nur in einem zehntätigen Aufenthalt bei Schormanns in Nitzschka bestand. Bei der langen Dauer Eures Aufenthalts ausserhalb Deutschlands hat vielleicht der Name Schormann keine Bedeutung mehr für Dich. Deshalb erinnere ich daran, dass die jüngste Tochter von Rosenthals, Käthe, vor etwa 25 oder mehr Jahren einen landwirtschaftlichen Inspektor Schormann heiratete und mit ihm zusammen ein Bauerngut in Nitzschka bei Wurzen erwarb. Wir stehen mit dieser Familie von jeher in Verbindung. Du erinnerst Dich vielleicht nun daran, dass Walter Schormann, als er die Thomasschule, und dass seine Schwester Hilde, als sie die Servieresche Schule besuchte, bei Arlbergs wohnten.
Diese zehn Tage auf dem Lande haben mir sehr gut getan, insbesondere weil dort die Ernährung doch besser ist, ohne dass man irgendwelche Vorschriften zu übertreten braucht.
Deine Annahme, dass wir von dem Dachgarten ganz Connewitz und Umgebung sehen könnten, ist allerdings irrig. Das von uns bewohnte Haus ist das letzte in der Brandvorwerkstraße und liegt, wie Du ganz richtig vermutest, erheblich weiter draussen als die Kronprinzstraße, nämlich an der Ecke der bisherigen Kaiserin-Augusta-Straße, die jetzt den Namen Richard-Lehmann-Straße führt. Aber zwischen uns und dem eigentlichen Connewitz liegt doch noch eine ganze Stadtecke, Windscheidstraße, Papestraße usw. Das schadet aber nichts, denn ein erhebliches Bedürfnis, den Blick nach Connewitz richten zu können, ist bisher noch nicht hervorgetreten. Der Wert des Dachgartens wird auch nicht in seiner Eigenschaft als Aussichtspunkt gefunden, sondern in seiner Eigenart selbst. Er ist wirklich eine Erholungsaufenthalt allerbester Qualität und für die enkelsöhne schon gar nicht mehr entbehrlich.
Gestern würden Mannsfelds die Goldne Hochzeit zu feiern gehabt haben. Ich fuhr nachmittags nach Borna hinaus und verbrachte mit Betty und der Familie von Bose einige ruhige Stunden. Betty war sehr glücklich, mich als einzigen erreichbaren Ueberlebenden ihrer Hochzeit bei sich zu haben.
Ehe ich wieder schreibe, werde ich nun eine Nachricht von Euch abwarten.
Mit herzlichen Grüßen an Euch beide von uns allen
Dein Bruder (Martin)

23.9.46
Heute kam Deine Postkarte vom 11.9.46
Ich denke, dass Du nun wieder an der Reihe bist zu schreiben.