dr. jur. Hubert Lang

Nachlass Martin Drucker, Briefe und Fotos

Lieber Wilhelm!

Dein Brief vom 20. Januar 1946 hat mich schließlich auf Umwegen erreicht. Den Landaufenthalt in Grossbothen hatten wir schon Ende 1937 aufgegeben. Hier in Leipzig war es nicht schwer, mich zu ermitteln. Dass ich Dir aber trotz der großen Freude und Genugtuung, die Dein Brief gebracht hat, erst jetzt antworte, hat einen besonderen Grund darin, dass ich seit Anfang Mai infolge einer viel zu spät durch eine ganz anderen Zwecken dienende Röntgenaufnahme festgestellten Lungen- und Rippenfellentzündung ans Haus gefesselt bin und erst jetzt wieder täglich einige Stunden der Rekonvaleszenz ausser dem Bett verbringen kann. Aber das ist ja alles nebensächlich gegenüber der Tatsache, dass wir nun endlich wieder in wenigstens brieflichen Verkehr kommen können. Ich bin sehr beruhigt darüber, dass Du die wüste Zeit im wesentlichen unbeschädigt durchgestanden hast und nun wieder der Friedensarbeit obliegen kannst. Wie weit Du über unser Schicksal seit der Zeit, als Du mit Deiner Gattin hier in Leipzig warst, unterrichtet bist, kann ich aus der Erinnerung nicht mehr feststellen. Das letzt, was Du von mir erfahren hast, wird wohl die Mitteilung von dem im Januar 1939 eingetretenen Tode meiner Frau gewesen sein. Sie ist tatsächlich als ein Opfer der Nazis gestorben. Die Judengreuel, die im November 1938 gerade hier in Leipzig in so beispielloser Gemeinheit und Schändlichkeit sich breit machten, hatten sie gemütlich derart erschüttert, dass ihr Herzleiden eine wesentliche Verschlimmerung erfuhr, der sie dann erlegen ist. Das ist nicht etwa Einbildung der Familie, sondern ärztlich ausser Zweifel gestellt. Trotz dieses Einbruchs in unsere Familiengemeinschaft haben wir alle bald Anlass gefunden, den Tod der Gattin und Mutter als eine gütige Schicksalsfügung aufzufassen. Das, was hinterher kam, hätte sie nicht ertragen. Damit meine ich nicht etwa die schamlosen Verfolgungen, denen ich durch die Nazis ausgesetzt war. Ich habe meinen Beruf bis zum 1. April 1944 ausüben können, wenn auch ein ehrengerichtliches Verfahren das andere jagte. Als mir selbst mit Hilfe falscher Zeugen nicht beizukommen war, wurde ich unter dem oben angegebenen Datum unter gröblichster Verletzung der Rechtsanwaltsordnung einfach in den Ruhestand versetzt. Trotzdem fanden Dr. Eckstein, der mir die Treue hielt, und ich Mittel und Wege, um mich weiter in unangreifbarer Weise juristisch arbeiten zu lassen, bis diese Tätigkeit durch meinen noch zu erwähnenden Weggang nach Jena ihr Ende fand. Aber das Schicksal hatte andere Schläge für uns in Bereitschaft. Im Juli 1943? fiel mein jüngerer Sohn, der schon seit Frühjahr 1940 eingezogen war, bei El Alamein in Aegypten unter besonders tragischen Umständen. Dass man ihm in Deutschland seine akademische Karriere verdorben hatte, hinderte ja nichts daran, ihn sein Leben für die Nazimeute einsetzen zu lassen. Im Januar 1945 erlitt auch mein älterer seit 1941 verheirateter Sohn den sogenannten Heldentod, das heisst, er wurde als seine in der Nähe von Radom bis dahin stehende Einheit vor den Russen fliehen musste, irgendwo auf der Landstrasse ermordet. Seine beiden kleinen Jungen, deren jüngeren er noch nicht einmal gesehen hat, sind nun die letzten, die unseren Familiennamen in die Zukunft tragen können, wenn sich das überhaupt verlohnt und ermöglichen lässt.
Nicht weniger als viermal wurden wir ausgebombt. Schon im Dezember 1943 ging mein Büro in der Ritterstraße, wohl das schönste aller Leipziger Büros, mit der schlechthin unersetzlichen Bibliothek, die noch kurz vorher auf 40.000 RM geschätzt worden war, nebst der ganzen Einrichtung und allen Akten in Flammen auf. Wir übernahmen das Büro nach meiner Wohnung in der Schwägrichenstrasse. Dort wurde am 7. Juli 1944 ein Teil des Mozartstrassenflügels durch Bomben einfach weggerissen und somit das Büro zum zweiten Male vernichtet. Wir gingen aber daran, es erneut einzurichten. Aber am 27. Februar 1945 bei einem der grauenvollsten Angriffe, den Leipzig durchgemacht hat, wurde das grosse Haus durch Bomben und Phosphorbegiessung völlig vernichtet. Da es von oben nach unten niederbrannte, gelang es zwar einigen herbeigeeilten Freunden, verhältnismässig viel Einrichtungsgegenstände einigen zugänglich gebliebenen Zimmern zu retten, die in ein Lagerhaus verbracht wurden. Am 6. April 1945 wurde dieses Lagerhaus mit unserer ganzen Habe zerstört. Wir besitzen nur noch, was schonlange vor diesen Katastrophen in Kisten verpackt auswärts eingelagert worden war. Die sehr gute Wohnung, die ich jetzt bewohne, ist mit aus acht Haushaltungen zusammengeborgten Gegenständen eingerichtet.
Durch den 27. Februar war ich mit meiner Schwiegertochter und den kleinen Jungen sowie meiner Tochter Renate, die inzwischen in Strassburg das Doktorexamen hatte machen können, obdachlos geworden. Das genügte aber meinen Naziverfolgern nicht. Ich erhielt zuverlässige Nachricht, dass man, um mich endlich los zu werden, mich in ein Konzentrationslager abschaffen wolle. Dieser freundlichen Aussicht entzogen wir uns dadurch, dass wir gegen Ende März vorigen Jahres und nach Jena wendeten und dort untertauchten. Dort waren wir kaum drei Wochen, als der Einmarsch der Amerikaner den Spuk ein Ende bereitete. Wir blieben dann noch bis Anfang Juni in Jena, dann wurde ich in einem von Leipzig entsendeten Auto zurückgeholt, um hier die Führung der Anwaltschaft wieder zu übernehmen. Die Amerikaner hatten durch eine geheime demokratische Wahl der Anwälte, die nicht Pgs gewesen waren, einen Ausschuss wählen lassen, an dessen Spitz ich als Präsident gestellt wurde. Kurz darauf wurde ich auch zum Vizepräsidenten der vorläufigen sächsischen Anwaltskammer (Sitz Dresden) berufen. Die Praxis, in der ich wieder mit Eckstein vereinigt war, stellte die grössten Anforderungen an mich. Ich habe während meiner ganzen Anwaltstätigkeit niemals so viel Mandate entgegennehmen müssen als nach meiner Rückkehr. Das erklärt sich ja unschwer. Die grosse Inanspruchnahme durch die Arbeit ist wahrscheinlich auch schuld daran, dass die Lungenentzündung zu spät entdeckt wurde. Ich hatte einfach nicht Zeit gehabt, mich um meinen Körper zu kümmern, bis er eben nicht mehr mitmachte.
Wie es nun hier weiter gehen wird, weiss freilich niemand. Das hängt von der Entwicklung der politischen Verhältnisse ab, die für mich nicht durchsichtig sind. Ich denke viel darüber nach, komme aber zu keinem klaren Ergebnis. Da wir aber die grauenhaften zwölf Jahre durchgestanden haben, werden wir vielleicht auch über die Unklarheiten und Schwierigkeiten der neuen Zeit hinwegkommen.
Ich habe Dir so ausführlich geschrieben, weil ich an einem stillen Sonntagvormittag die Möglichkeiten zu diesem Diktat fand, und würde mich nun sehr freuen, auch bald wieder von Dir zu hören. Du und ich sind ja tatsächlich die letzten Überlebenden aus dem Leipziger Freundschaftskreise. Mit der Bitte, mich Deiner Gattin bestens zu empfehlen, bleibe ich mit herzlichen Grüssen

Dein (Martin)

Anmerkung:
Wilhelm Wielandt (1870-1964)
Der Adressat dieses Briefes kann nur aus dem Inhalt vermutet werden, da ein Familienname nicht genannt wird.