dr. jur. Hubert Lang

Nachlass Martin Drucker, Briefe und Fotos

13. Dezember 1946

Eidesstattliche Versicherung

Zum Zwecke der Vorlegung bei der Spruchkammer gebe ich auf Ersuchen des Professor Dr. E. Krenkel, zur Zeit in Weilburg an der Lahn, die nachstehende eidesstattliche Versicherung ab. Es ist mir bekannt, dass ich mich durch die Abgabe einer unrichtigen Versicherung an Eides statt schwerer Strafen aussetzen würde.
Ich schicke voraus, dass ich im 78. Lebensjahr stehe, seit 1898 Rechtsanwalt in Leipzig und im Sinne der sogenannten Nürnburger Gesetze Halbjude bin, weil mein Vater, der Oberjustizrat Dr. Drucker, volljüdischer Abstammung war.
Infolge meiner Absatmmung bin ich in der Nazizeit fortwährend schwersten Verfolgungen und Nachteilen ausgesetzt gewesen. Ich wurde ganz besonders scharf aufs Korn genommen, weil ich, bis 1932 Präsident und danach Ehrenpräsident des Deutschen Anwaltvereins, auch in der Oeffentlichkeit stets eine Haltung eingenommen hatte, die in schärfstem Gegensatz zur nazistischen Ideologie stand. Bei meiner Gesinnung und nach meinen Erlebnissen versteht es sich von selbst, dass ich ganz ausserstande bin, an irgendwelcher Stelle für irgendeine Person einzutreten, die in der Naziperiode mir als wirklicher Nationalsozialist erkennbar geworden ist.
Herr Professor Krenkel und ich sind eine Reihe von Jahren Hausgenossen gewesen, bis das von uns bewohnte Gebäude am 27. Februar 1945 durch Bomben völlig vernichtet wurde. Seitdem haben wir uns nicht wiedergesehen, zumal ich dringende Veranlassung hatte, zur Vermeidung der angedrohten Verbringung in ein Konzentrationslager Leipzig zu verlassen. Während unserer Wohngemeinschaft ist mir allerdings irgendwie bekannt geworden, dass Professor Krenkel Parteimitglied sei, das wurde wohl erwähnt, als er eine Zeitlang die Lebensmittelkarten im Haus verteilte. Aber niemals habe ich weder bei persönlicher Berührung mit Herrn Professor Krenkel noch durch andere Personen erfahren, dass er sich in irgendeiner Weise in der Partei oder für sie betätige. Als bei Häufung der Bombenangriffe wir uns vielfach, schliesslich fast täglich oder nächtlich, im Luftschutzkeller begegneten, ist in der Unterhaltung, die sich verständlicherweise um Krieg und Kriegsende bewegte, von Seiten des Herrn Professor Krenkel niemals irgendein Wort gefallen, das ihn als einen Gesinnungsgenossen der Naziverbrecher charakterisiert hätte. Er sprach sich ebenso wie wir anderen Hausbewohner gegen den Wahnwitz des Krieges aus.
Mein Urteil über Herrrn Professor Krenkel vermag ich nur dahin zusammenzufassen, dass er nach meiner Ueberzeugung keinesfalls mehr als ein nomineller Nationalsozialist gewesen ist.

(Drucker) Justizrat
Vizepräsident des Landesausschusses (Anwaltskammer) der Rechtsanwälte und Notare im Landes Sachsen, Sitz Dresden