dr. jur. Hubert Lang

Nachlass Martin Drucker, Briefe und Fotos

Wisselsheim, 2.IX.1946
bei Bad Nauheim Hauptstr. 54

Mein lieber Martin!

Seit 2 Wochen aus Mittenwald zurück hatten wir dauernd Besuch meines Schwiegervaters, dessen seit Frau 3 Wochen im Krankenhaus in Nauheim an Gelbsucht liegt. Heute ist er für 1 Woche in seinen seit 2 1/2 Jahren befindlichen Evakuierten-Aufenthalt bei Butzbach zurückgekehrt u. nun finde ich endlich die Muße, Dir auf Deinen ausfürhlichen Brief vom 30.VI. in Ruhe zu antworten. Zunächst aber die Beantowrtung einiger Fragen von Dir. Elsbeth (Wohlfahrt) u. Anna (Reimers) u. deren Tochter Elsbeth Thiess mußten kurz vor Weihnachten nach Hamburg zurück, da man ihnen weitere Lebensmittelmarken in Döbeln verweigerte. Angeblich war es ein Sonderzug mit Begleitung eines Arztes u. von Schwestern, der früh 4 Uhr Döbeln verlassen sollte. Es war aber ein großer Betrug, weder Arzt noch Schwestern, der Zug mit Personen und Gepäck bis zum äußersten vollgestopft, überall lange Aufenthalte, Rangieren, ungeheizt, zerbrochene Fenster usw. Mittags 1 Uhr erreichte er nach stundenlangen Verlauf Leipzig. Dort sollte er keine Weiterfahrt bekommen, da er nicht angemeldet sei u. lang bis Abends still, Nachts ging es im gleichen Tempo weiter. An der russ.-amerikanischen Grenze in strömenden Regen aussteigen, Gepäckrevision und stundenlanges Warten auf dem Bahnsteig, auf dem Handgepäck sitzend. Endlich kam ein anderer Zug, wieder Kampf um Platz, zögernde Weiterfahrt bis zur engl. Grenze. Wieder in den Regen heraus, ein mehrere Kilometer weiter weg durch den Morast, bis zu den Knöcheln mit dem Gepäck zu Fuß über die Grenze, stundenlanger Aufenthalt im Übergabelager mit Registrierungen, Untersuchungen etc. Elsbeth, die vor Erschöpfung auf dem Fußmarsch in den Morast gefallen war, ist es nur durch Anna’s tatkräftige Unterstützung möglich geworden, das Lager überhaupt zu erreichen. Dort blieb sie liegen, konnte am nächsten morgen 4 Uhr nicht weiter u. mußte per Auto in ein benachbartes Krankenhaus transportiert werden, wo sie nach 14 Tagen ihre Tochter zu sich nach Hamburg   Isestr. 98 holte. Dort ist sie heute noch. Anna’s Tochter Elsbeth Thiess, quittierte diese böse dreitägige Reise mit einer Lungenentzündung. Anna u. ihre Tochter kamen dann in Hamburg in 2 unbeheizbaren Bodenkammern in Groß-Flottbeck Osteresch Str. 50 unter. Jetzt haben sie dort ein Zimmer bekommen, das aber nicht heizbar ist, sogar eine Bettstelle haben sie jetzt, aner noch keine Matratze. Ich habe Anna bisher für einige 1000 Mark Briefmarken verkauft, davon leben sie. Die Ernährung in Hamburg soll mit die unzureichendste in ganz Deutschland sein. Elsbeth ist ihre Pension entzogen worden, obwohl ihr Mann (Barnim Wohlfahrt) als kaiserlicher Offizier bereits 1901 abging und 1912 gestorben ist. Elsbeths Tochter bekommt keinen Pfennig Pension, das Bankguthaben ist ihr auch gesperrt, ihr Mann war Generalstabschef u. Oberst in Oslo, ist seit Mai von Norwegen nach England ausgeliefert worden. Ihr ältester Sohn kam als Fliegerleutnant vor Tunis vom Feindflug nicht zurück, der jüngere Sohn wurde als Panzerleutnant bei Liegnitz schwer verwundet, als der Panzerwagen gesprengt wurde, wurede wieder hergestellt u. ist jetzt bei dem Hamburger Rundfunk für Mk. 400,– angestellt, womit er Mutter und Großmutter erhalten muß. Elsbeth bekommt jetzt eine Rente als Gnadenzuwendung in monatl. Höhe von sage und schreibe Mk. 30,–!!!!
Nun hungern sie alle in Hamburg und haben Angst, als Militaristen noch die Wohnung räumen zu müssen. Difficile est, satiram non scribere. (Sprichwort: Es ist schwierig, keine Satire zu schreiben) Frida wog nur noch 83 Pfd. und Erika 72 Pfd. Sie haben ihren Haushalt aufgelöst u. sind zur ältesten Tochter Ilse Rössler, deren Mann in Döbeln Heinrich-Heine-Str. 12, eine auch von anderen Verwandten stark benutzte Villa als Frauenarzt besitzt. Dort bewohnen Frida und Erika jetzt ein Zimmer, das aber wegen Heizmangels im Winter nicht beheizt werden kann. Frida bekommt nach monatelanger Sperrung mit Mk. 90,– monatlich noch nicht 1/3 ihrer früheren Pension. Ich habe nun meine freiberufliche Tätigkeit mit meinen 76 Jahren eingestellt u. meine Frau hat ihr Geschäft ab künftigen 1.X. auch abgemeldet. Durch Summation von Ruhegehalt u. freiberufl. Einkommen bleiben meiner Frau von ihrem Einkommen des letzten 1/2 Jahres nur Mk. 32,– je Monat übrig u. dafür sich bei der heutigen Ernährung körperlich zu überlasten wie bisher ist geradezu ein Verbrechen an der heute so besonders zu … Gesundheit. Ich habe im letzten 1/2 Jahre noch zwei literarische Arbeiten verfasst. 1) eine populär-wissenschaftliche Abhandlung über verschleißfeste Werkstoffe mit 15 Abbildungen: „Kampf dem Verschleiß“ (56 Schreibmaschinenseiten in Normalschaltung) 2) Forderungen und Probleme für den demokratischen Neuaufbau Deutschlands (34 Seiten Schreibmaschine in Engschaltung) in 9 Kapiteln, die ich vor 6 Wochen einer Monatsschrift einsandte. Bisher erhielt ich nur Eingangsbestätigung. Die andere Arbeit liegt seit 10 Wochen einem Hochschulprofessor als Lektor eines Verlages zur Prüfung vor. Ob ich beide Arbeiten gedruckt bekomme? Unter Verzicht auf geldliches Honorar habe ich nur je 30 Freiexemplare erbeten. Das Inhaltsverzeichnis zur zweiten Arbeit lege ich Dir zur Kenntnis bei. So viel über uns und unser Ergehen. Und nun zu Euch:
Mit lebhaften Bedauern habe ich Deinen Zeilen die Schilderung alles dessen entommen was Euch und Eure Familie so schwer betroffen hat. Dass Du zwei Monate an Lungen- und Rippenfellentzündung erkrankt warst müßte Dir in der heutigen Ernährungsnot besondere Schonung auferlegen und es will mir gar nicht gefallen, daß Du von 70 Wochenarbeitsstunden in Deinem Alter schreibst. So sehr ich mich auch über Deine neue Praxis u. die Führung der Anwaltschaft unter Deiner altbewährten Leitung freue, darfst Du doch nicht einen solchen Raubbau an Deinem Körper treiben. Das bist Du schon Deinen Kindern schuldig. Du hast nun Ina, Renate, Ursel u. 2 Enkel bei Dir vereint, wozu ich Dir von Herzen Glück wünsche. Acuh daß Ina an einem Kinderkrankenhaus beschäftigt ist u. Renate nach glücklich vor dem Einmarsch der Franzosen abgeschlossenem Studium mit Dr.-Examen sogar einen Lehrauftrag an der Universität hat u. literarisch für eine Universitäts-Zeitschrift tätig ist, entschädigt für alle früheren Hemmungen und Schwierigkeiten in der academischen Ausbildung. Wenn Du auch in der Schwägrichenstraße und später im Lagerhaus alles verloren hast u. Deine große Bibliothek ebenso wie so viele Erinnerungsstücke, Bilder und dergl. unwiderbringlich verloren sind, so habt Ihr alle Eure Tätigkeit wieder u. das hilft über vieles besser hinweg. Wir sitzen hier beschäftigungslos auf dem kleinen Dorfe in einer Stube u. kleinen Kammer, ohne jeden Verkehr mit geistig interessierten u. regen sympathischen Menschen u. ohne entsprechende geistige Arbeit u. Anregungen. Du beklagst den Verlust Deiner beiden Söhne. Ursel hatte mir bereits von Heinrich’s Schicksal berichtet. Wieviele Hoffnungen sind mit ihen zu Grabe getragen worden! Ihnen aber ist wohl, sie haben überwunden. Welche Zukunft wartet der die furchtbare Katastrophe Überlebenden? Ich sehe diesbezüglich sehr trübe u. beneide jeden, der dem Chaos entrissen ist. Auch was Du mir über Betty und Deinen Schwager Man(n)sfeld schreibst, hat mich zutiefst erschüttert. Sei unseres innigstenMitgefühls bitte versichert. Die neuen Beförderungen könne doch alle die schmerzlichen Lücken nicht im geringsten ausfüllen. Nur das eine ist von Bestand, daß Ihr alle dem drohendem Damoklesschwert, das 12 Jahre über Dir und den Deinen geschwebt hat, endlich u. endgültig entzogen seid. Aus dem K.Z. wärest Du, lieber Martin, in der Endperiode des Zusammenbruchs nicht lebend herausgekommen. Wenn jetzt die Reisebeschränkungen aufgehoben werden und die Überfüllung der Züge allmählich abebbt, hoffe ich doch, daß wir uns wiedersehen u. persönlich austauschen können u. hoffentlich sieht es dann wenigstens etwas tröstlicher aus als heute. Mein Schwiegersohn kann sein Lebensmittelgeschäft auch wohl nicht wieder aufbauen. Er hat kein Geld mehr, sein Geschäft ist total ausgebombt, die Wohnung stark beschädigt u. er versucht jetzt, als Vertreter das Geld zum Lebensunterhalt zu erwerben. Trotz angestrengter Tätigkeit hat er im ersten Monat knapp Mk. 100,– verdient, so dass Annemie den größten Teil des Haushaltes durch Schreibmaschinen-Arbeiten, oft die halbe Nacht, dazu verdienen muß. Sie ist körperlich so herunter u. unterernährt, daß der Arzt sie in 1 Sanatorium schicken will, ohne alle Nebenkosten pro Tag Mk. 14,–. Wo soll das Geld aber herkommen? Ihr 3 1/2jähriges Söhnchen wurde im Mai von 1 Militärauto überfahren. Der komplizierte Bruch beider rechter Oberschenkelknochen ist gottlob nach 10 wöchentl. Krankenhaus ohne Beinverkürzung geheilt. So löst eine Sorge die andere ab. Genug für heute. Sei mit all Deinen Lieben herzlichst gegrüßt u. alles Gute für die Zukunft!
In Treue Dein Vetter Karl

Anlage zum Brief

Forderungen und Probleme für den demokratischen Neuaufbau Deutschlands

Inhalt:

Kap. I Wahre Demokratie Seite 1
Kap. II Undemokratische Anwendung von lückenhaften Gesetzen Seite 9
Kap. III Minderes Recht der Sachverständigen vor Gericht und ihre völlig unzureichende Honorierung Seite 11
Kap. IV Allgemeine Minderbewertung der Technik und das Berufsausschuss der technisch-wissenschaftlichen Berufsträger Seite 15
Kap. V Das undemokratische Juristenmonopol in Verwaltung + Wirtschaft Seite 23
Kap. VI Demokratische Betreuung der Ausgebombten, Evakuierten und Zwangsvertriebenen Seit 25
Kap. VII Die Aufgaben der Presse zur Förderung wahrer Demokratie Seite 27
Kap. VIII Das Altersproblem als Helfer bei der politischen Reinigung Seite 29
Kap. IX Schlußbetrachtungen Seite 33