dr. jur. Hubert Lang

Nachlass Martin Drucker, Briefe und Fotos

Dr. Werner Hartmann
Rechtsanwalt
Leipzig, den 13. Juli 1946

Hochverehrter Herr Justizrat!

Ich hörte durch Ihr Frl. Tochter (Renate Drucker), daß es Ihnen gesundheitlich wieder besser geht. Der Gedanke, daß Sie unentbehrlich und unersetzlich sind, muß Ihnen die Kraft geben, gesund zu werden. Es handelt sich ja nicht allein um eine physische Angelegenheit.
Ich selbst bin glücklich darüber, wieder in meinem Berufe tätig zu sein. Ich empfinde als erstes die Verpflichtung, Ihnen meinen aufrichtigen Dank für die Anerkennung meiner antinazistischen Grundhaltung auszusprechen. Hat man die wohl unvermeidliche Depression über die Diffamierung überwunden, so resultiert eigentlich eine Steigerung der Freude am Beruf.
Ihnen wird es, freilich in anderer Weise, nach dem ruhmlosen Ende des Hitlerregimes ähnlich ergangen sein, wenn auch die Zeitspanne des Zuwartens weit länger und auch aufreibender war, ganz abgesehen davon, daß man im höheren Lebensalter wohl noch mehr darunter leidet. Das für Sie besonders schmerzliche Kriegsgeschehen kam außerdem hinzu. Möchte Ihnen die dankbare Gesinnung familienfremder Menschen, die zu Ihnen als einem Vorbild aufschauen, ein geringer Ausgleich sein!
Ich freute mich, einen Bruchteil meiner Dankesschuld abtragen zu dürfen. Der Kreisleiter der SED in Oschatz befragte mich bei einer gelegentlichen Besprechung nach Ihnen und berichtete  mir, er habe einen Artikel an die Volkszeitung eingereicht, in dem Sie persönlich angegriffen würden, weil Sie sich „befremdlicherweise“ besonders intensiv für einen schlecht beleumundeten Nazisten eingesetzt hätten. Ich klärte den Kreisleiter B. über Ihre Persönlichkeit entsprechend auf und veranlaßte ihn, den Artikel zurückzuziehen. Ich bin überzeugt, daß Ihnen selbstverständlich nicht das Geringste nachgesagt werden kann, und ich weiß nicht, ob Sie diese Intervention überhaupt billigen. Ich hielt mich jedoch mindestens deswegen für verpflichtet dazu, weil in Ihrem gegenwärtigen Befinden jede Aufregung fernzuhalten ist. Ich habe den Kreisleiter von der Irrigkeit seiner Auffassung über Sie, die Ihnen an sich gleichgültig sein wird, überzeugt, so daß die Angelegenheit erledigt ist. Ich darf noch vertraulich lediglich für Sie mitteilen, daß er gleichartige, sicherlich ebenso unberechtigte Vorwürfe gegen Herrn Kollegen Dr. List erhob, und weiterhin gegen Herrn Dr. (Paul) Friede (im Leipziger Adressbuch von 1948 als Rechtsanwalt eingetragen), der nach außenhin im übrigen nicht erkennen lasse, daß er nicht als Anwalt zugelassen sei.

Mit verbindlichem Gruß zugleich für Ihr Frl. Tochter bin ich Ihr Ihnen stets dankbar
ergebener (Hartmann)