dr. jur. Hubert Lang

Nachlass Martin Drucker, Briefe und Fotos

Kattenhorn über Radolfzell
Bodensee
1.VII.46

Lieber, lieber Fempe,

nachdem drei Briefe (einer davon eingeschrieben) ganz ohne Antwort geblieben sind und ich von Ihnen selber überhaupt noch keine Zeile erhalten habe, mache ich mir grosse Sorgen sowohl um Ihr Ergehen als auch weil ich fürchte, Sie irgendwie gekränkt oder geärgert zu haben. Zwar bin ich mir wahr- und wahrhaftig keiner bösen Absicht oder auch Fahrlässigkeit bewusst, weiss jedoch, dass ich schon manchmal ganz unwissentlich … Dummes anrichte und bin so gerade Ihnen, liebster Fempe gegenüber, nachgerade ganz unsicher geworden. Hoffentlich ist der Grund Ihres Nichtschreibens besser gesagt des Nichtankommens irgendwelcher Post aus Leipzig nur postalischer Natur. Wie auch immer aber bitte ich Sie sehr herzlich, mir wenigstens eine Postkarte zu schreiben, damit ich von dieser quälenden Unruhe, wenn möglich, erlöst werden kann. – Wieder jährt sich der 12. Juli, wieder kann ich nicht mehr tun, als von ganzem Herzen in Treue und Dankbarkeit mit Ihnen an Peter zu denken. Nah bei dem Hause in dem ich wohne, steht ein altes Schloss, in welchem zu Anfang des letzten Jahrhunderts ein Mord geschehen. Das Grabmahl der jungen Schlossherrin auf dem Kirchhof zu Oehningen trägt die Worte:

Dass Du oft früh das junge Leben endest Allgewaltiger
Der Du auf eigenen Wegen den Menschen lenkst unerforschlicher!
Sieh wir schweigen und beugen uns vor Dir“

Die Inschrift stammt von der Hand des Vaters. An diesem Grabe werde ich am zwölften stehen und mein Gebet sprechen als kniete ich an dem unbekannten Hügel der fernen Wüste. Ich werde Ihnen sehr nahe sein, lieber Vater des besten Freundes. –
Unsicher, ob ich Sie nicht damit langweile, traue ich mich nicht recht, von hier und mir zu berichten. Es ist schwer, ganz ohne Echo zu schreiben und meine Unsicherheit ist gross. Habe ich Ihre Sympathie verloren? Legen Sie mir eine – jede! – Buße auf, und bitte bitte verstossen Sie mich nicht. Sie können nicht ahnen, was mir Ihre Freundschaft von jeher gewesen, sie zu verlieren wäre zu furchtbar für mich.
Ganz kurz sei rekapituliert, daß ich nach argen Schwierigkeiten ein winziges Zimmerle bei 2 Damen bekommen habe und als Lokalberichterstatter von dreieinhalb Dörfern, als Spüllümple, als – recht wacklige – Axt im leeren Holzschuppen, als Gartengerät und Einholtasche (mit nix drin!) mehr schlecht als recht mein Leben friste. Wir alle hungern sehr und man ist immer müde. Die Damen sind gut zu mir, „Omale“ ist fast 80 Jahre alt, war früher Pianistin und spielt noch immer wundervoll – eben klingt die Chaconne von Bach – Busoni durch die dünne Wand – , B… die Tochter, ca. 54 Jahre, war in der Lohelandgymnastikschule eine Grösse, die Familie lebte lange in Weimar, wo der verstorbene Vater, ein Norweger, Professor an der Kunstakademie gewesen ist. Unsere Ecke hier am Ausfluss des Bodensees, dort wo er schmal und flumen Rhenus wird gehört zum Schönsten, was ich jemals gesehen habe, ein einziger Garten, Beete und Obstbäume, ist diese Landschaft, und der Südwind fächelt helvetische Lüfte uns zu. Leider wird man davon alleine nicht satt und die Bauern hier sind hartherzig, die Feldfrüchte meist im Voraus beschlagnahmt. Ich gebe mir grosse grosse Mühe im neuen Leben; manchmal glaube ich, Peter wäre nicht unzufrieden mit mir. Salem ist nicht sehr weit, auch wenn ich erst ein Mal drüben war, spürt man es doch. Popeele (Heinz Lindenmeyer) an den Sie sich vielleicht noch erinnern, besucht mich mitunter, er ist Lehrer dort. Gesundheitlich geht es auf und nieder, immerhin und von Rückfällen abgesehen wäre es undankbar wollte ich jammern. Seit die direkte Angst, Nazis und Knallen, vorüber, ist eine fühlbare Entspannung eingetreten, die Anfälle sind seltener geworden, die Depressionen allerdings in fast verstärktem Masse geblieben. Und der aufreibende Kleindreck des täglichen Lebens nimmt mich natürlich sehr mit. Dennoch – ich wehre mich wieder und, wie schon gesagt, ich gebe mir Mühe. Vielmehr kann man in keinem Fall tun. Ceci ist als Lernschwester in einem Berliner Krankenhaus, … verheiratet in Schwaben; von … hab ich verschiedene Briefe über Salem bekommen, es tut gut zu sehen, dass diese Freundschaften gehalten haben; auch die Eltern Bamberger schrieben sehr nett aus Schweden. Shirley – Sie erinnern sich vielleicht – ist verheiratet und lebt mit Mann und Töchterchen Vicky auf der Isle of Weight. Thats that!
Wie geht es Ihnen lieber Fempe, gesundheitlich vor allem? Was machen Ina, Renate und Ursel und die Enkele? Fräulein Anni? Sagen Sie bitte Renate, ich sei kürzlich zum Packen der restlichen Sachen in Titisee gewesen, ihr untergestellter Koffer befinde sich in guter Verwahrung dort und sofern sie ihn nicht holen könne (verschicken geht nicht), bliebe er da, ich passe drauf auf und sie soll sich nicht sorgen. In Konstanz lernte ich in einem Buchladen ein Mädchen kennen, das in Machern bei Leipzig beheimatet, in Bälde dorthin zurückkehren wird. Die Eltern haben ein kleines Obstgut und ich bat sie, was immer in ihren Möglichkeiten stände, zu Ihrem Haushalt beizusteuern. Sie werden zu gegebener Zeit Näheres hören, in einem Monat etwa, glaube ich. Aus der weiteren Familie wäre zu melden, dass meine Cousine in Pommern mitsamt ihrer ganzen Familie (ausgenommen ein im Kriege gewesener Sohn) durch eigene Hand umgekommen ist, eine Tante und die ihren, die … ebenfalls dort oben lebten, verloren alles, retteten sich aber nach Holstein. Eine der beiden Cousinen Ackermann aus Mühlhausen machte eine ziemlich sensationelle Heirat: In Jena lernte sie den Neffen des Grossmufti von Jerusalem kennen und wurde nach dem Einmarsch der Amerikaner seine Frau. Da Muftis bekanntlich nicht ganz unbelastet sind, reist sie nun zu ihrem vorerst nach den Seychellen Inseln (irgendwo im Indischen Ozean) verbannten Mann. Aus Eyba habe ich zeitgemässe, auch nicht direkt beunruhigende Nachrichten und den schönen „Herrn Kortüm“ mit Ihrer Widmung las ich erst kürzlich wieder, wobei, gerade wie es mit einem Briefe aus der Vergangenheit geht, jene Zeit wieder ganz lebhaft vor mir aufstand. Ob auch Sie noch manchmal daran zurückdenken werden, wie geht es Herrn Dr. Schütz? und Herrn Dr. Sernau? An beide schrieb ich wiederholt, auch von dort kam keinerlei Antwort mehr, Nachricht von Herrn Dr. Schütz, der seinerzeit gleich sehr lieb schrieb, habe ich jedoch einmal erhalten. Ich bitte Sie Ihre Kinder, Herrn Dr. Schütz und Dr. Sernau und alle sonstigen Freunde und nahestehenden Menschen auf das Herzlichste zu grüssen, muss ich erst sagen wie sehr ich Ihnen und ihnen allen das Beste wünsche. Gott im Himmel möge Ihnen, lieber Vater von Peter, die Kraft geben, dieses schwere Leben weiter zu tragen – Menschen wie Sie bleiben die letzte Hoffnung der in den Fugen krachenden Welt.

Von Herzen mit Schmerzen immer
Ihr Heiner

Anmerkung:
Heinz Lindenmeyer (Abitur 1934), dann Soldat im Krieg (Oberleutnant) baute in der Nachkriegszeit das Internat Salem wieder auf. Er war 1946 maßgeblich an der Salemer Teilschule Kirchberg maßgeblich beteiligt und leitete diese Schule 1951 bis 1955. (Informationen Martin Köllig, Schule Schloß Salem vom 30.01.2022)