dr. jur. Hubert Lang

Nachlass Martin Drucker, Briefe und Fotos

Chemnitz, d. 31.3.46

Lieber alter Schulfreund!

Da ich nicht mehr weiß, ob wir uns in unserem Berufsleben duzten oder Sie nannten, kehre ich jetzt im hohen Alter zum Du der Kinderzeit zurück. Gestern las ich in der Zeitung, dass Du Dein 50 jähriges Doktorjubiläum gefeiert hast. Ich gratuliere Dir dazu herzlich und bringe zugleich meine Freude zum Ausdruck, dass Du die schreckliche Zeit glücklich überstanden hast.
Meine Familie und ich sind auch gesund durch alle Schrecken hindurch gekommen, wenn auch meine Frau und ich und unser Sohn durch Brand all unsere Habe verloren haben.
Meine Frau und ich wohnen jetzt bei unserer Tochter u. unserem Schwiegersohn, dem Kapellmeister Herbert Charlier, der zuletzt 4 Jahre musikalischer Oberleiter am Deutschen Theater in Lille war. Dass es uns alten Beamten schlecht geht, weißt Du ja. Wir bekommen ja seit 1 Jahre keine Pension, obwohl ich nicht P.G. war, noch weniger natürlich Mitglied einer NS Formation.
Ich würde mich freuen, einmal von Dir zu hören, wie es Dir geht. Wir haben uns ja immer gut verstanden, wenn wir auch unserem Berufe entsprechend manchmal hart gegeneinander gekämpft haben. Vor allem habe ich es Dir nie vergessen, dass Du Dich damals, als meine alte Mutter durch die Inflation in precäre Vermögensverhältnisse gekommen war, beim Anwaltsverein so warm eingesetzt hast.
Ich hatte, da ich noch körperlich und geistig rüstig bin, bei der Justizverwaltung um Einsatz beim Neuaufbau der Justiz gebeten.
Bin aber, wenn auch verbindlich, als zu alt abgewiesen worden.

Mit herzlichen Grüßen bin ich Dein alter College
Dr. Carl Oertel
Oberstaatsanwalt a.D.