dr. jur. Hubert Lang

Buch: Victor Armhaus

038 Victor Armhaus an Otto Ehrenberg, 16.05.1942
Digitalisat 1, Digitalisat 2, Digitalisat 3

Lieber Otto,
Im Anschluß an mein Gestriges berichte ich, daß uns das junge Personal restlos zum Arbeitseinsatz genommen wurde, sofern es nicht schon früher abgewandert ist.
Die Stimmung ist hoffnungslos, da die paar alten Männer, die uns belassen wurden, alles verrichten müssen, zumal zentnerschwere Wagen von und zum J(oseph)-Konsum, wobei sie sich Leistenbrüche zuziehen werden, sofern sie noch nicht damit behaftet sind.
Obiges schrieb ich gestern
Heute Stimmung günstiger – weil eben alles Fett bereits abgeschöpft und vom alten Bodensatz nur wenige als einsatzfähig nach dreistündigem Stehen im Schulhof ohne Sitzgelegenheit befunden wurden. Von Luftwechsel, Evakuierung und dergl. Gott sei Lob nichts zu hören.
Bereitsein ist alles, sagt Hamlet.
Ich muß immer wieder auf Lenchen zurückkommen weil sie mir und besonders meinen Nichten sehr fehlt und ich muß immer wieder meinen jüngsten Spruch wiederholen: Das Schicksal hat ein Tigerherz und kennt kein Erbarmen. Aus Litzmann. Bekommt man zeitlebens kein Lebenszeichen.
Anella hat geantwortet, war auf Ferien bei einer Säuglingsschwester. An Tine schrieben wiederholt die Nichten mit herzlichstem Dank für Herrliches, ohne Antwort zu erhalten. Beim Besuch hast Du wohl leise gedrängt.
Was Deine Uhr betrifft, wenn ich höre daß sie 8 Tage ging, weiß ich alles: Ihr habt wohl unnützerweise von einem Uhrmacher eine auf neu reparierte Alt-Uhr gekafut. Die Uhrmacher verstehen nun die Kunst solche Alte auf 8-14 Tage zu verjüngen, nach Ablauf dieser Auferweckungszeit fallen diese Alten gern in ihr Greisentum zurück. Diese Uhr schien mir obendrein wegen ihrer früheren Einstellung (Gesinnung) antipathisch gesinnt zu sein und versuchte mich mit ihren Mucken aufzuziehen. Ich aber blieb standhaft, ziehe die Widerspenstige zwier täglich auf und da wäre es lachhaft, wenn ich nicht Sieger bliebe. Ich kenne sie nunmehr und sie soll meine mir gnädigst (hoffentlich knapp!) zugemessene Zeitspanne messen, ungetrenn und ungeschieden.
Allerdings, werde ich merken, daß ich der ewigen Zeitlosigkeit entgegen gehe, werde ich Euch die Leihgabe zurückgeben lassen.
Zufällig fand ich Bergers Rechnung v. 4/9 40 108.- Noch im vorigen Jahre gab ich seiner Tochter Hannelore französisch Unterricht. Als B. einmal sah wie ärmlich knapp mein Abendbrot war, sollte ich mir von seinem Geschäft Kolonnadenstr. 3 & Zentralstr. 5 etwas Eßbares holen lassen. Es war darnach. Aber den erbetenen Inhalt der Schubfächer im großen schwarzen Bücherschrank gab er nicht mit. Immerhin gab er unseren Sachen in der Sturmzeit als Edis Freund Asyl, damals wohl ohne Hintergedanken, die Eßlust kommt indes beim Essen. Ich möchte ihm aber nicht unrecht tun. Daher beim Bewerbchen wegen des Inhalts der Schubläden, diplomatische zarte Vorsicht. Wie dir bekannt, war ich mit Bitten ungewöhnlich sparsam, sonst hätte ich michschon längst an Dich wenden sollen um Rat, dann wäre mir manches erspart geblieben. Vielleicht?!
Unsere Aufwarte- und Waschfrau Marie Reinhart Mackensenstr. 31.II bewahrt auch viele Sachen von uns und Lenchen, aber sie ist sehr zach. Ich erwähne das nur so ganz beiläufig.
Ein äußerst dankbarer edler Mensch war mir der auch Dir wohlbekannte Oberbriefträger Friedr. Küttner früher Emilienstr. 28 IV, jetzt Siedlung Oberholz, Horst-Wessel-Platz, Großpösna, beliebter Ausflugsort. Bis in die jüngste Zeit, freilich nur selten, gab er mir, natürlich in bescheidenen Mengen, alleredelste Äpfel. Er wohnt in einer von A bis Z selbsthändig errichteten Villa, hat Obst, Gemüse, Geflügel etc. Hat viel Pech im Leben, Frau gestorben, Lieblingstochter Dorle unglücklich verheiratet, Schwiegertochter anscheinend unerträglich, seine gute Tochter Elly Kloppe, Gottschedstr. 25.II bei der alles abgegeben und abgeholt werden kann. Solche Nebenbemerkungen gelten nicht für heute und &morgen, sondern vielleicht für viel später in meiner Abwesenheit.
Martins Möbel, Flügel etc. waren beim Spediteur Gerh. & Hey eingestellt, was aus allem geworden, weiß ich nich(t). Vielleicht erfährst Du es bei Frau Käte Paul, Beuchaer Str. 13.I Sie ist angestellt in einem sozialnationalistischen Betrieb. Sie verwahrt privat Martins Silber, Gold, Kristall, Seide, Stoffe, Kunstgegenstände. Martin war der einzige Besitzer solcher Sachen, während wir arm dagegen waren. Nun hat
Sie in Verwahrung mein altjapanisches Schwert in geschnitz(t)er Elfenbeinscheide, das sie bei Waffenverbot von mir in der Promenadenstr. In Obhut nahm. Dieses Schwert möchte ich Dir als Andenken verehren, wenn Du es mit Grüßen an Frau Paul, Freundin von Martin u. Frau Hannie, wahrscheinlich erst am Spätnachmittage oder abends abholen willst. Grüße dabei auch die Schwester, Frau Herber, Frisöse, um die Ecke von der Beuchaer Str. Grüße auch den Hund Schinn, der an Korpulenz leidet, hoffentlich lebt er noch.
Ich muß mich beeilen wegen Post.
An Sonntagen Ausgehverbot, also wirst Du keinem Je auf der Straße begegnen, auch keine Kinder vorfinden, da Kinderheim, aufgelöst und abgeschoben ist.
Vorläufig Schluß und herzliche Grüße
16/5 42                                                                    Victor

039 Victor Armhaus an Otto Ehrenberg, 17.05.1942
Digitalisat 1, Digitalisat 2, Digitalisat 3

Lieber Otto,
Vielleicht habe ich Dir getippt, aber doppelt getippt hält besser, daß uns das Halten von Tieren, Vögeln untersagt ist. Und ich liebe meine Mitgeschöpfe, die Vögel, sintemal ich auch ein Vogel bin, ein Pechvogel. Warum? Alldieweil ich das Glück habe, so scheußlich alt geworden zu sein. Meine Sperlinge darf ich wohl behalten, habe ich doch ihre Sprache zu verstehen mich bemüht, mit ihrem klugkargen Vokabular, das sich in der Hauptsache auf drei Worte beschränkt: Hunger, Schlaf und Liebe. Das Wort „Geld“ ist diesen Gescheiten unbekannt. Vielleicht tippte ich Dir auch, daß in den nächsten 4/5? Sonntagen wir Ausgehverbot haben, vielleicht auch dauernd, vielleicht auch noch vieles, denn das Schicksal hat ein Tigerherz und kennt kein Erbarmen! (Mein letzter Leidspruch!). Die Sonntags-Stelldicheins sind damit hinfällig geworden. Und die Leute hüben und drüben sind derart eingeschüchtert, haben solchen Schiß, daß man sich auch damit abfinden muß.
Vom Leipziger Transport sind schon Lebenszeichen aus Belzyce, Kreis Lublin, Generalgouvernement, eingetroffen, jedoch von Lenchen keins. Rucksäcke (mit Hygieneartikeln, Seife, Mundpflege etc.) sowie Koffer (mit Kleidern, Bettzeug etc.) sind ihnen abgenommen worden, ein grausig primitiver Zustand wird herbeigeführt. Alles zeitgemäß!
Von meinen vergangenen Quellen vergaß ich noch zu erwähnen meine treue, ideale, feingebildete Stenotypistin Frau Martha Mayer, jetzt Kolonialwarenhandlung Wächterstr. Gegenüber der Polizei. Sie lieferte mir als Kaufmannsehefrau (nicht als Maschinenschreiberin!) göttlichen deutschen Käse. Sie hätte vielleicht auch für W.Muster ohne Wert Würfel Gewürz etc. die Lenchen sich aus rassischen Gründen scheute zu kaufen. Gespräche möglich nur in Kundenabwesenheit. Solltest Du vorbeigehen, frage sie nach Ihrer Tochter Gretchen und deren Mann. Kannst ihr schildern, wie es mir /uns ergeht.
Noch eine treue Freundin: Frl. Lisbeth Becker, Emilienstraße. 28.III von der Lenchen immer wieder eingeladen wurde und die, obgleich arm und kränklich, rührend aufopfernd war. Sie könnte vieler für
W. Muster ohne Wert besorgen und man müßte ihr Honorar aufdrängen. Kannst ihr alles beschreiben und erkundige Dich nach der operierten Schwester und wie meine Ampelopsis (wilder Wein) die Esse begrünt.
Was nun Berger angeht, der am zweckmäßigsten zu Hause Schnorrstr. 40 zu sprechen ist, während im Geschäft seine Schwester u. Schwager tätig sind, so habe ich bisher meiner Nichten wegen abgelehnt mich irgend welcher gemeinsamen Gegenstände zu entäußern, damit nach meinem Ableben das Fehlende nicht entschuldigt würde. Wohl gemerkt trotz der Scheinquittung über 1500.–! Allein wir haben Schiffbruch erlitten und unser ist – Nichts, nur das nackte kranke Leben. So habe ich mich entschlossen, Euch zu überlassen, was Euch ohne empfindlichen Nachteil für meine Nichten wäre, in einer mich entlastenden Form, ohne jemand Veranlassung zu geben zur Nachahmung und zum Vorwand zu willkürlichen Handlungen. Du wirst schon das Richtige herausfühlen und finden.
Eins würde mir sehr genehm sein: Ich möchte für unser Heim von meinen Wirtschaftsgegenständen meine Kartoffelschälmaschine in der Form ähnlich dem Kaffeebrenner mit einem Spieß zum Aufspießen der Kartoffel mit beweglichen Messerchen und Kurbel. Wie es Dir belieben mag!
Was mich anlangt, so dank ich Dir von Herzen, daß Du mir etwas spät, doch nicht allzuspät als Retter auf dem Plan erschienen bist, allein der Weg á la Lenchen ist mir vorerst versperrt. Bleibt Post, nur Nikotin in jeder Form. Wenn man Freunde Nichtraucher hätte, die, ohne selbst verzichten zu müssen, mittels weiterer Nichtraucherkette, zu meiner Verproviantierung beitragen möchten, wäre mir ein Segen. Sonstige Lebensdelikatessen müßte ich entnehren. Ausgenommen: Hafer, nach dem mein Vorleben als Pferd wiehert.
Nun habe ich für Euch ausgesucht etliche Kleinigkeiten: echte alte russische Tula-Silberteelöffel, das japanische Seidenbild, vom japanischen Kunstmaler signiert, und Eule aus  Goldmessing als Bücherstütze, und vor allem die venetianische Wanduhr. Auf diese war der Klempner, der Reparaturen im Haus vornimmt, versessen, und wollte sie um jeden Preis haben.
Er pflegte im Heim im blauen Arbeiterkittel, wie das auch Berger tat, zu erscheinen. Er hätte sie in diesem Gewande unauffällig zwecks Reparatur mitgenommen.
Habt Ihr unter Euren Bekannten einen verläßlichen Handwerker, der so verfahren würde?
Die Sache würde einfach sein.
Von Evakuierung spricht man jetzt weniger, doch sind wohl Zusammenlegungen und Zusammenpferchungen im Gange. Auch mir droht, der ich zeitlebens ein Alleinschläfer war, der Himmel bewahre, ein Beischläfer, d. h. mein Ende, aber kein frohes.
Auch ich habe mich mit der Tragödie meines Lebens abgefunden. Was ich noch wünsche ist, daß meine armen schon halbvernichteten Nichten, ob auch auf Umwegen, etwas durch mich haben. Von dem, der ihnen helfen könnte, von Martin, hört man seit Jahr und Tag nichts.
Mich bedrückt zutiefst, daß ich so vom tückischen Schicksal ausersehen bin, Deine Mußezeit zu stören. Aber andererseits wächst der Mensch zum Helden und vielleicht ist diese Deine Wirksamkeit eine mystische Fortsetzung Deines Dir verwehrten Nebenberufs. So wohlzutun ist auch wohlgetan.
Ich besitze nicht Lust das Getippte durchzulesen, vergib mir also meine etwaigen Sünden.
Kann ich Dir, um sicher zu gehen, ungenügend frankiert schreiben, damit Du ein kleines Strafporto bezahlst? Bist Du zu Postbringzeiten immer zu Hause?
Gehabt Euch wohl
17/5 42                                Dein Victor

040 Victor Armhaus an Otto Ehrenberg, 21.05.1942
Digitalisat 1, Digitalisat 2

Lieber Otto,
Ich bitte Dich um Bestätigung, nicht ob Du gewillt bist oder nicht meine Wünsche zu erfüllen, vielmehr nur um Bestätigung, daß Du jeweils meinen Brief erhalten hast. Also nur darum! Du mußt alles als meine letztwillige(n) Verfügungen auffassen, denn man wird von Ahnungen des Todes umschmeichelt und fürchte alles nicht überleben zu können. Denn die Bestialität hat sich noch lange nicht ausgetobt und man weiß nicht, welche Demütigungen uns das Schicksal zugedacht hat. Es ist alles möglich, wenn es sich um eine wehrlose ehrlose verschwindende Minderheit handelt. Auf Eure unverdienten Delikatessen werde ich wohl verzichten müssen, wenn Doppelbrief nicht gangbar, aber Hafer und Rauch entbehren zu müssen, wird mir ein Stückchen Leben kosten. Sodann würde mich schmerzen, wenn ich Euch die Kleinigkeiten nicht zustellen könnte, und ich bitte Dich mir diese Sorge abzunehmen zu suchen, ich möchte nicht gern die Perlen vor die Säue werfen, obschon Tula nicht ganz wertlos ist.
Unbeschadet Deiner späteren Entschließungen antworte mir sofort ob Du jeden Brief von mir bekommst.
Aus dem Orte wohin Lenchen abgewandert ist, sind nur erste Berichte angekommen. 5-6 stündiger verregneter Marsch von der Station nach dem Ort; nur was sie am Leibe hatten, durften sie behalten. Alles andere, Rucksack, Koffer, Toilettenartikel, Kamm, Seife, Handtuch, Medikamente, Papier wurde abgenommen, in Kleidern schlafen, mit Kleidern zudecken, Ungeziefer, Ratten, Wanzen, wenn Hemd gewaschen nackt schlafen. Daher ist jetzt Sperre über das Dorf verhängt, also der Ort ganz abgeriegelt, von dort wird keine Nachricht mehr erscheinen, wie von Riga, auch kann man nichts dahin schicken, weder Briefe noch Sachen, damit die Ärmsten elendiglich verkommen, darunter auch Lenchen. Es ist mir unmöglich, mich in die modernen Gedankengänge hineinzudenken. Selbst das Mittelalter verblaßt, und da wir im XX. Jh. Leben, dünkt uns alles beispiellos unwirklich. Wenn ich bedenke
aus wievielen selbstverständlichen Bequemlichkeiten das Leben besteht, und dieses Selbstverständliche dort grausam fehlt, muß ich immer wieder bedauern so alt geworden zu sein. Aber die Sanduhr des Freund Hein läuft doch ab und unsere Nachfreundschaft wird meinerseits nicht mehr lange dauern, aber ich danke Dir gerührt für die schmackhaften Erinnerungen.
Anliegend Brief von Anella, den ich zurückerbitte. Eigentümlich, daß sie ihren Mann nicht erwähnt.
Auch ein Brief von Lisbeth von der ich Dir im letzten Brief schrieb.
Das japanische Dokument werde ich Dir natürlich übergeben.
Wegen Ausgehverbots an Sonn- und Feiertagen schließe ich, damit die Post Dich erreicht.
Mit herzlichen Grüßen
Victor
Die Absperrung des oben erwähnten Ortes von der Welt, die Unmöglichkeit, etwas zur Erleichterung der äußersten Not (zu tun), ist doch ein Schlag, den ich nicht überwinden kann, und vielleicht droht mir dasselbe, denn das System hat sich bewährt.

Handschriftlich:
21/5 42
Anliegend auch mein Gnadengesuch v. J. 1934
Das Schicksal v. Miaskowski ist Dir wohl bekannt?

041 Victor Armhaus an Otto Ehrenberg, 27.05.1942
Digitalisat Vorderseite, Digitalisat Rückseite

Lieber Otto,
Zuvörderst mein Chronometer: so gehört es Dir als Zahlung für Unbezahlbares. Ich nehme es niemals zurück, schon aus dem egoistischen Grunde, damit es nicht in unrechte Hände komme. Und Du erschienst mir auf dem Plane, spät doch nicht zu spät, ungerufen doch wie gerufen, eine Epiphania für mich. Solltest Du (es) nach vielen vielen Jahren nicht brauchen und könnte es auch auf Umwegen und in irgendeiner Form den Meinigen zugutekommen, würde es mir genehm sein, doch das ist keine Bedingung. Euer Chronometer dagegen betrachte ich als geneigtest geliehen und werde alles daran setzen, es Euch zurückzugeben.
Und nun eine indiskrete Frage: Wer und was hat Dich bewogen unter Voranflug unseres holden Schutzengels nach Jahren der scheinbaren Vergessenheit mich, das ohne Grund geschlagene, verfemte und bespieene Wesen aufzusuchen?
Und nun zur Sache: Die Schrift Deines Briefes ist jugendkräftig und straft Dein Alter Lügen, dagegen gefällt mir die Schrift der Uhlschen Karte minder, sie spricht von inneren Kämpfen und Hemmnissen. Und ich verstehe Dich, ziehe daher ohne mindesten Groll meine Wünsche zurück bis auf Uhl im Doppelbrief, tunlichst Pappschutzdeckel, um die Sendung der Betastung Unberechtigter zu entziehen. Ich bekam inzwischen Waldmeister und streckte meinen Vorrat, aber frage nur nicht wie. Die Sache mit dem Mantelmann verlief ohne Folgen. Im Übrigen glaube ich bemerkt zu haben, daß die Behörden – unberufen! – doch gewisse Rücksichten hinsichtlich meiner Person walten lassen.
Wie ein Wunder erschien gestern ein Freund, an den ich in diesem Zusammenhange nicht gedacht habe und der, selbst starker Raucher, mir seine Ration Grob geopfert hat. Diesem Freund übergab ich für Dich Tulalöffel und das japanische Rollbild, vielleicht für Co. Vielleicht gelingt mir auch die Venetianische, doch kann ich heute noch nichts sagen. Dieser Freund zeigte sich so mutig, daß ich versuchen werde, ihm die Dir gegebenen Aufträge
anzuvertrauen. Deshalb bitte ich Dich, mir meine Unterlagen zurückzugeben, damit ich sie ihm aushändige, was mir viel Schweiß ersparen würde, denn in meinem Alter ist alles Schwerarbeit. Bei dieser Gelegenheit erbitte ich Anellas und Lisbeths Schreiben zurück.
Von Lenchen habe ich kein Lebenszeichen. Andere haben welche von den Angehörigen.
Meine Nichten bitten (betteln) um Doppelbriefe.
Für heute genug, mehr andermal.
Mit herzlichen Dank für alles                 Victor
27/5 42
Entschuldige Fehler, ich lese mein Geschreibsel nicht wieder.

042 Victor Armhaus an Otto Ehrenberg, 28.05.1942
Digitalisat Vorderseite

Lieber Otto,
Meinen Brief mit der allgemeinen Lossprechung hast Du wohl erhalten und mir alle Sünden vergeben. Ich bin mitunter so apathisch und indolent, daß wenn mir jemand mit einem schweren Eisenhammer auf den Schädel klopfen würde, ich höflich zerstreut „Herein!“ rufen würde.Doch etwas anderes: Heute träumte  ich, ich hätte von Lenchen eine Karte bekommen des Wortlauts:
„Bin gesund. Nichts fehlt mir. Ich brauche nichts. Betet für mich!“
Den Traum deute ich so, daß sie nicht mehr am Leben ist. Aus Karten an andere Personen vom 24. Mai ist übereinstimmend zu entnehmen, daß die Auswanderer 14 Tage (nunmehr also drei Wochen) nicht aus den Kleidern gekommen sind, im größten unwahrscheinlichsten Schmutz umkommen, ohne ein Stückchen Papier, ohne Kamm usw. Hunger usw.
Friedhof hat viel zu tun.
Also hat die peinlich Saubere ausgelitten.
Wer hat diese grausame Todesart erdacht?
Ich hoffe Dich mit meinen Ablösungen einverstanden und erwarte Deinen Bescheid, indem ich sehr bedaure, daß Du zumindest passiv Zuschauer einer Tragödie in der Welttragödie geworden bist.
Hat Co. den Roman von Agnes Günther – Die Heilige und ihr Narr – gelesen und kann ich ihn Dir zusenden?
Mit herzlichen Grüßen
L 28/5 42                                         Victor

043 Victor Armhaus an K & C (Otto Ehrenberg und Elly Freiberg), 14.08.1942 (erster handschriftlicher Brief)
Digitalisat Vorderseite, Digitalisat Rückseite

Meine verehrten K & C
Ich danke Euch herzlich für Euer freundliches Gedenken. Ich faßte den heroischen Vorsatz, mich des törichten Lasters zu entwöhnen. Nun zwingt Ihr mich kaltlächelnd den Tugendpfad zu verlassen. Immerhin, der Himmel segne Euch!
Übrigens bin ich derart apathisch geworden, daß mich nur das Grobe reizt – folglich entzieht Euch nicht der anderen weltlichen Genüsse, nagt Ihr doch auch am Hungerzellstoff.
Nachdem die Altersheime Berlin, Dresden etc. abgewanden (?) wurden, steht uns todsicher das gleiche Schicksal bevor. Zum Hohn bekamen wir jetzt 300 Zentner Kohle, die wir bezahlten, und doch nicht verbrennen werden.
Warum schweigt Ihr über Euer leibliches Befinden? Was machen Elly’s Äuglein und Ottos untere Extremitäten?
Ich leide an Reisefieber – Theresienstadt scheint über gepfercht zu sein  und wir werden nach Josefstadt verstaut werden – aber fragt nur nicht wie – sonst finde ich mich sehr bedrückt – Die Erde ist über bevölkert, aber es gibt so wenig Menschen –
Wollen oder Nichtwollen,
bald bin ich für Euch verschollen.
Mit herzlichen Grüßen
V. A.
L 14/8 1942

044 Victor Armhaus an Otto Ehrenberg und Elly Freiberg, 31.08.1942
Digitalisat Vorderseite, Digitalisat Rückseite

Meine Lieben,
Heute kann ich Euch die frohe Botschaft mitteilen, daß wir 485 Leichen am 19. September 42 nach Theresienstadt verladen werden. Das Klima ist dort optimal und glücklicherweise wird man sich dort der Einsamkeit nicht ergeben können, da etwa 30 Personen in einem Raum schlafen werden, hoffentlich gibt es Sitzgelegenheit, doch etwas Bestimmtes weiß man nicht. Man darf 50 kg brutto Haben mitbringen, darunter 1 Teller u. 1 Löffel -.
Vorsorglich sind Messer u. Gabeln wie im Zuchthaus unzulässig, jedoch im Gegensatz zum Zuchthaus ist jeglicher Briefverkehr unmöglich. Also werde ich Euch mit meinen Schreibereien nicht belästigen, leider werden mich auch Eure lieben Briefe nicht erreichen. Einzig angenehm ist, daß man nichts Gedrucktes mitnehmen darf, so daß ich mich des Lesens werde entwöhnen müssen. Andererseits wird das meinen müde gelesenen Augen wohltun.
Sollte ich Euch mit meinen bisherigen Wünschen nicht lästig geworden sein, hätte ich zum Schluß einige unbescheidene Wünsche, nämlich
1 Stückchen Rasierseife!!
und 1 Gummi (?) Stehumlegkragen Nr. 42 oder lieber Nr. 41, da ich doch ein bißchen sehr abgenommen habe. Sind diese Wünsche erfüllbar?
Verliert nur nicht (den) Humor. Über ein Kleines und Euch werden noch glückliche Zeiten lachen. Beiläufig ist den Krankenbehandlern und den Krankenschwestern Telefon entzogen u. sind Andachten zum Neujahrstag  u. Versöhnungsfest streng untersagt.
Seid glücklich! Dies wünscht Euch in Dankbarkeit Euer Victor
31/8 42

045 Victor Armhaus an Otto Ehrenberg und Elly Freiberg, 04.09.1942
Digitalisat Vorderseite

Meine Lieben,
Ich bat unüberlegt um Kragen Nr. 42, doch da er zu weit ist und ich trotz Mästung abgenommen habe, so würde Nr. 41 genügen.
Daß ich am 19/9 von dem liebgewonnenen Leipzig  wahrscheinlich für immer Abschied nehmen muß, denn ich kann auf das Kriegsende nicht warten – schrieb ich Euch bereits. Die Zeit galoppiert und der Termin mit Hundemarke N 9 am Halse zu tragen ist auch wie bald da.
Am Montag werden die Büchlein abgeholt, man muß von allem Abschied nehmen.
Für Außenseiter ist es schwer, sich in solche Lage einzufühlen.
Herzliche Grüße
V.A.
4/9 42

046 Victor Armhaus an Otto Ehrenberg, 16.09.1942
Digitalisat Vorderseite

Lieber Otto,
Ich weiß, daß ich Dir zur Last falle, allein Du wirst mich bald los, so wie so!
Ich sende Dir noch unsere ältesten Bilder –
Ich hörte, daß Kragen für Zivil nicht erhältlich sind – also bemühe Dich nicht weiter. – Sollte aber, was ein Wunder wäre, 40 oder 39 da sein, bin ich natürlich dankbarer Empfänger.
Sonst brauche ich nichts zum Leben.
Mit herzlichen Grüßen auch an Co.
Dein Victor.
L 16/9 42