dr. jur. Hubert Lang

Juden in Leipzig

Victor Armhaus – Gedichte

Im erhaltenen Nachlass von Victor Armhaus fanden sich auch die nachfolgend erstmals veröffentlichen Gedichte des Dolmetschers und Übersetzers.

Liebesgedicht (ohne Titel und Datum)

1.
Spielte ein Mägdlein auf Greises Knie,
Nun musst erzählen mein Onkel, wie,
Du hast kein Heim ja, lebst gar allein
Wo ist dein Weibchen, wo Kinder dein.

Da schluchzte schmerzlich der Greis und laut
Höre mein Mädchen, ich hatte ‘ne Braut
Doch Lieb und Leben Rauch ist’s und Schall,
Ich glaubt‘ sie treulos, nach einem Ball.

2.
Von holden Frauen lieblichster Kranz
Rauschende Weisen spielt man zum Tanz
Da sprach mein Liebchen, als wär’s zum Schein
Rasch ein Glas Wasser, lass mich allein.

Als ich zurückkam, da stand ein Mann,
küsst und umarmt sie, im Liebesbann,
Das Glas entfiel mir mit lautem Schall
Brach wie mein Herze, nach einem Ball.

3.
Jahre versanken in Ewigkeit,
Ich habe nimmer mein Lieb gefreit, –
Die alte, ewig neue Geschicht:
Sie wollte sprechen, ich hört‘ es nicht.

Da schrieb ein Briefchen der Mann zu mir,
War nicht ihr Liebster, war Bruder ihr,
Jetzt bin ich einsam, im ganzen all,
ich brach das Herz mir, nach einem Ball.

Und der Ball ist vorüber,
Im Morgendämmerschein
Manch leuchtend Aug wird trüber
Zu todeswunder Pein.

Es stirbt manch Lenzesblüthe,
wer mag sie zählen all,
Manch stolzes Hoffen welket
Nach einem Ball.

Gosengedicht (ohne Titel und Datum)

Schnäpslein sehnt sich nach dem Göslein,
Göslein nach dem Schnaps, dem Kleinen,
Warum will das Kümmelschnäpslein
Mit dem Göslein sich vereinen?
Göslein mischt vielleicht das Schnäpslein
Sein und dieses wohl die Gose?
Warum sind wohl unzufrieden
Beide so mit ihrem Lose?
Welches Urgeheimnis mag sie
Zueinander treiben, reizen?
Schnäpslein stand als Korn im Felde,
Gose blühte da als Weizen –
Eins verging da nach dem andern
In der Sommernacht, der warmen,
nur der Wind hört ihre Seufzer,
möchten sich so gern umarmen –
Kam der Mensch und schnitt sie beide,
machte Schnäpslein aus dem Korn,
Und zur Gose ward die blonde
Weizenfrucht, die feldgeborne
So das Schnäpslein nach der Gose
Stammt aus jenen Tagen.
Kommt der Mensch und trinkt sie einfach
Seinem Magen zum Behagen.

Gedicht (ohne Titel)

Es ist für uns vielleicht die Zeit dahin,
Wo man sich ohne Harm des Lebens freute;
Heut fragt man bänglich, hat noch einen Sinn
Dies allzusorgenschwere Dasein heute -?

Wieviel man wohltät‘, nimmer wär’s zu viel,
Denn, traun! zum Geben lieh uns Gott die Hände!
Wird gleichgeschaltete gar das Schenk-Ventil,
So platzt das arme Menschenwurm am Ende …

O weh des Tags, nicht schenken darf man was,
Es machte sich das Festkind auf die Socken,
Mein linkes Guckchen wurde reichlich naß
Und auch das rechte blieb darob nicht trocken.

Nicht sagen dürfen, was das Herz bedrückt,
Und schweigen ganz vom Lieben, Hoffen, Glauben,
Nicht stammeln leis: „Beglückend sei beglückt!“
Herab auf Null sein Wunschbedürfnis schrauben!

Man möchte schimpfen: Kreuzschockschwerenot!
Jedoch in Züchten schluckt man seine Wünsche,
Zu grausam ist das Sprech- und Geb-Verbot
Und die Verdrängung rührt ans Medizin‘sche

Anmerkung: Maschinenschrift mit handschriftlichem Vermerk: „Frau Gaudig 21/9 33“

Petition der Antisemiten an Ahlwardt

Ahlwardt, edler Schreigenosse,
lasse ab vom Judenhetzen,
denn du schleppst uns in die Gosse,
wo sich Säue grunzend letzen.
Denn du kannst uns nur besudeln
Und besudelt sind wir schon,
Lieber sollst du schon lobhudelnMeier, Levy, Veitel Cohn!

Anmerkung: Dieses Gedicht schrieb Victor Armhaus in das Buch „Der große Prophet. Ein Mahn- und Abschiedswort an meine antisemitischen Freunde.“ von Moritz Albrecht Stein (*1851 Breslau, studierte im WS 1871/72 Jura in Leipzig, Vater: Julius Stein). Dieses Buch wurde von Cordula Reuss bei ihren Provinienzrecherchen im Bestand der Universitätsbibliothek Leipzig entdeckt und an die Erben von Victor Armhaus zurück gegeben.