dr. jur. Hubert Lang

Juden in Leipzig

Victor Armhaus – Glückwünsche zum 70. Geburtstag am 13.10.1929

Als Victor Armhaus 1929 70 Jahre alt wurde, erhielt er zahlreiche Glückwünsche, welche sein außergewöhnliches Lebenswerk und seine Verdienste um die Allgemeinheit würdigten. Wie so vielen anderen bedeutenden Persönlichenkeiten jüdischen Glaubens sind solche Zeugnisse ein eindruckvoller Beleg, wie ihre Mitmenschen unabhängig von ihrem Glaubensbekenntnis ihre Leistungen einschätzten. Nichts von all dem sollte nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten nur vier Jahre später noch Gültigkeit haben. Victor Armhaus litt schwer unter den Demütigungen und dem Haß. So wurden die Geburtstagswünsche aus dem Jahr 1929 noch in seinem letzten erzwungenen Zufluchtsort im Jüdischen Altersheim in der Auenstraße für ihn zu bleibenden Beweisen seiner Lebensleistungen. Er übergab vor seinem Abtransport nach Theresienstadt auch diese Dokumente an seinen Freund Otto Ehrenberg, der sie bewahrte.
Biographische Angaben zu Victor Armhaus finden Sie hier: http://hubertlang.de/juden-in-leipzig/victor-armhaus/

Justizrat Martin Drucker

11. Oktober 1929

Hochverehrter Herr Armhaus!

Ihr überaus freundlicher Glückwunsch zu meinem 60. Geburtstag haben mich hoch erfreut; ich danke Ihnen aufrichtig für die Sympathie, die Sie mir bekunden.

Ich hätte aber, so viele Jahre auch der Beginn unserer Beziehungen zurückliegt, nicht für möglich gehalten, daß Sie, wie ich aus der Zeitung entnehme, mir ein volles Jahrzehnt auf der Lebensbahn voraus sind. Es scheint, daß polyglottes Arbeiten des Gehirns den ganzen Menschen jung erhält.

Erlauben Sie mir, Ihnen zum 70. Geburtstag mit meinen herzlichsten Glückwünschen auch der Bewunderung Ausdruck zu geben, die ich für Ihre unübertrefflichen Leistungen stets empfunden habe. Und gestatten Sie dem Verteidiger auch noch ein vertrauliches Wort  in Parenthese hinzuzufügen: ich weiß, daß Sie es stets als Ihre Hauptaufgabe im Strafprozeß betrachtet und behandelt haben, nicht mechanisch zu übersetzen, sondern zwischen dem Angeklagten und dem Gericht ein geistiger Vermittler zu sein, durch dessen Fragen das Gefühlsleben des Angeklagten von der Belastung durch den furchterregenden Eindruck der Prozedur befreit wird, so daß er den Mut zur Führung seiner Verteidigung findet. Für diesen Charakterzug der Menschenfreundlichkeit würden Ihnen heute Dutzende von Menschen, denen er sich hilfreich gezeigt hat, danken, wenn Sie von Ihrem Festtage Kenntnis hätten. Lassen Sie mich insoweit der Generalbevollmächtigte der Unbekannten und Vergessenen sein!

Hochachtungsvoll

Ihr Dr. M. Drucker

Nachlass Victor Armhaus
Foto: Seite 1
Nachlass Victor Armhaus
Foto: Seite 2
Nachlass Victor Armhaus
Foto: Seite 3
Nachlass Victor Armhaus
Foto: Vorderseite
Nachlass Victor Armhaus
Nachlass Victor Armhaus
Nachlass Victor Armhaus
Nachlass Victor Armhaus

Geburtstagsglückwunsch japanischer Freunde aus Sendai

Sendai, den 12. Okt. 1930[1]

Hochverehrter Herr Armhaus!

Erlauben Sie uns, Ihnen zum 70. Geburtstage unsere herzlichsten Glückwunsche zu senden. Wir wünschen und hoffen sehr, daß Ihnen frei von den Beschwerden des Alters, noch manches Jahr des Wirkens beschieden sein möge. Es war uns allen eine große Überraschung zu vernehmen, daß Sie schon Ihren 70. Geburtstag feiern, da wir angesichts Ihrer wunderbaren Leistungsfähigkeit, geistigen Spannkraft und Frische Ihnen noch kein so hohes Alter zugesprochen hätten. Es scheint, daß der „friedliche“ Ton der Schreibmaschine, die gemütlichen Rauschwolken der Pfeife, Ihre treuen Freunde, der „büchertraufe“ und „hellen Flammen“ der Gose Ihren ganzen Menschen so erstaunlich jung erhalten haben.

Ein großes Wunder war es uns allen stets, dort in Leipzig einen nicht-japanisch-sprechenden Herrn zu finden, der doch, in so vielen Sprachen bewandert, uns ganz wie ein alter japanischer Weiser anmutete.

Ihre tiefen Gedankengänge und ihr bescheidene Lebensweise erscheinen uns bei weitem mehr ostasiatisch als europäisch. Daß Sie wie ein sorgender und liebevoller Vater sich unser stets angenommen, das wird unverlöschbar in unserer Seele lebendig bleiben. Nicht nur den Strafprozesse, sondern auch uns allen waren Sie stets ein geistiger Vermittler.

Als kleines Zeichen unserer großen Dankbarkeit fügen wir unseren herzlichen Glückwünschen den Betrag von 900 RM bei. Es würde viele Menschen freudig stimmen und sehr beglücken, wenn durch unsere kleine Gabe die Veröffentlichung Ihrer „Aphorismen“ zusammen mit den „Liedern von der Gose“ ermöglicht werden könnte.

Mit dem Ausdruck unserer tiefgefühlten Dankbarkeit

Ihre

Tanenari Chiba[2]

Nobuo Inouge[3] (abweichend: Inonye oder Inoue)

Soju Irisawa[4]

Genji Kuroda[5]

Toshio Nogami[6]

Yasutaro Satake[7]

Takahido Tomoeda[8]

Sanjuro Tomonaga[9]

[1] V.A. hatte seinen 70. Geburtstag tatsächlich bereits 1929 gefeiert.
[2] (21.09.1892 Ishikoshimura – 18.03.1972), studierte 1921/22 phil. in Leipzig bei Wundt, wohnte bei Armhaus, Sohn des Arztes Rioso Chiba; Prof. in Kyoto
[3] (16.03.1876 Tokio-1971 Tokio), studierte 1902 und 1905 Medizin in Leipzig und wohnte seit 1905  bei Schuhknecht in der Emilienstraße 28/I (UAL: Nubuo), Vater: Augenarzt (verstorben), zwei Brüder studierten auch in Leipzig. Augenarzt, Professor der Medizinischen Hochschule Tokyo Igaku Senmon Gakko.
[4] (1885-1945), Prof. Dr., 1919 Assistenzprofessor an der kaiserlichen Universität in Tokio (Institut für Pädagogik) mit dem Schwerpunkt Geschichte der europäischen Erziehung; 1929 Buchgeschenk an Theodor Litt (UAL)
[5] (1886-1957), Psychologe, wohnte während des Studiums in Leipzig bei A., 1926 Lehrstuhl an der medizinischen Universität Mantschurei; 1931 bis 1934 Leiter des Japaninstituts in Berlin. Beschäftigte sich auch mit Sinologie, Kunstgeschichte und japanischer Geschichte.
[6] (1882-1963), Doktor der Literatur, Psychologe
[7] Mediziner, 8. Rektor der Universität Tohuko von 1946 bis 1949, 1947 Begründer der Sendai UNESCO Association.
[8] (1876-1957), Philosoph und Hochschullehrer, 1929-1939  Leiter des Japan-Deutschland-Instituts in Tokio, seit 1934 in Berlin, wikipedia-Eintrag
[9] Seit 1913 Prof. für Philosophie (Kants Lehre vom Frieden) in Kyoto, dessen ältester Sohn, der Physiker und Nobelpreisträger (1965) Shin’ichirō Tomonaga (1906-1979), studierte 1937 bis 1939 bei Heisenberg in Leipzig.

Der Rat der Stadt Leipzig

Leipzig, am 12. Oktober 1929

An Herrn Viktor Armhaus, Leipzig C 1

Sehr geehrter Herr Armhaus!

Wie uns mitgeteilt worden ist, feiern Sie heute Ihren 70. Geburtstag. Wir senden Ihnen hierzu herzliche Glückwünsche und hoffen, daß Sie diesen Tag in voller Gesundheit und Frische im Kreise Ihrer Freunde begehen können und daß Ihnen noch manches Jahr des Wirkens frei von den Beschwerden des Alters beschieden ist.

Vier Jahrzehnte lang haben Sie Ihr umfangreiches Wissen in den Dienst der Allgemeinheit gestellt und haben in dieser langen Zeit auch oft in der uneigennützigsten Weise unseren Abteilungen geholfen. Wir danken Ihnen heute für dieses gemeinnützige Wirken und für Ihre Arbeit im Interesse unserer Stadt. Als Zeichen unserer Dankbarkeit fügen wir unserem Glückwunsch eine einmalige Ehrengabe von 300 RM bei.

In vorzüglicher Hochachtung

Der Rat der Stadt Leipzig

gez. Schulze, Bürgermeister

Nachlass Victor Armhaus
Foto: Rückseite

Der Präsident des Landgerichts

Leipzig S 3, den 12. Oktober 1929  Elisenstraße 64

An Herrn Victor Armhaus in Leipzig C 1, Emilienstraße 28, I

Sehr verehrter Herr Armhaus!

Soeben lese ich, daß Sie heute 70 Jahre alt geworden sind.

Zugleich im Namen des Landgerichts sende ich Ihnen zu diesem Lebensabschnitt die herzlichsten Glückwünsche.

Mögen Sie in Gesundheit und Frische des Geistes, die wir an Ihnen bewundern, noch recht viele Jahre tätig sein können zum Nutzen aller derer, die Ihre Hilfe benötigen.

Ich gedenke des langen Zeitraumes von über 30 Jahren, in dem Sie bei den Leipziger Justizbehörden als Sachverständiger in Anspruch genommen worden sind. Mit Genugtuung und innerer Befriedigung können Sie auf die Vergangenheit zurückblicken.

Mit ausgezeichneter Hochachtung Ihr sehr ergebener

gez. Wagner, Präsident des Landgerichts

Institut für gerichtliche Medizin der Universität Leipzig

Leipzig C 1, den 12. Oktober 1929  Johannisallee 28

Sehr verehrter Herr Armhaus!

Zu Ihrem 70. Geburtstag spreche ich Ihnen meine herzlichsten Glückwünsche aus. Ich hoffe sehr, dass Sie noch lange Zeit Ihre hervorragenden Kenntnisse in den Dienst der Rechtspflege stellen können, und dass ich noch recht oft Gelegenheit habe, mit Ihnen zusammen zu treffen.

Mit vielen Grüssen Ihr  gez. Kockel

Dr. Ephraim Carlebach

Rabbinat der Israeltischen Religionsgemeinde, Rabbiner Dr. Ephraim Carlebach

Leipzig C 1, den 11. Oktober 1929, Nikischplatz 1

Sehr geehrter Herr Armhaus,

durch die Israelitische Religionsgemeinde habe ich erfahren, dass Sie am 12. ds. Mts. 70 Jahre alt werden. Nehmen Sie aus diesem Anlass meine herzlichsten Glückwünsche entgegen. Möge Ihnen der Liebe Gtt noch recht viele gesunde und glückliche Jahre gewähren.

Ergebenst gez. Dr. Carlebach

Israelitische Religionsgemeinde zu Leipzig

Leipzig C1, den 11. Oktober 1929  Löhrstraße 10

Herrn Victor Armhaus, Leipzig Emilienstraße 28 I

Zu Ihrem 70. Geburtstage entbieten wir Ihnen unsere herzlichsten Glück- und Segenswünsche und sprechen Ihnen bei dieser Gelegenheit unseren Dank für Ihr vielfältiges menschenfreundliches Wirken zu Gunsten unserer ärmeren Gemeindemitglieder aus. Möge Ihnen noch ein langes Leben in Gesundheit beschieden sein!

Der Vorstand der israelitischen Relegionsgemeinde zu Leipzig  gez. Goldschmidt