dr. jur. Hubert Lang

Juden in Leipzig

Victor Armhaus

Leben und Sterben eines Sprachgenies

Seit dem Turmbau zu Babel sind nach biblischer Überlieferung die Völker dieser Welt durch Sprachbarrieren getrennt. Das Resultat ihres Hochmutes sollte ihnen künftig jede Verständigung unmöglich machen.

Doch wie jede Barriere eröffneten auch diese Möglichkeiten zu ihrer Überwindung. Die Menschen lernten die Sprachen und damit die Kultur anderer Völker verstehen. Dieser für viele sehr mühsame Weg führte regelmäßig zu mehr Toleranz und gegenseitiger Achtung.

Um so mehr Bewunderung gilt Menschen, denen eine außergewöhnliche Sprachbegabung in die Wiege gelegt wurde. Einer dieser bemerkenswerten Menschen war Victor Armhaus. Sein Leben und Sterben verdient dem Vergessen entrissen zu werden.

Victor Armhaus wurde am 13. Oktober 1859 in Dubiecko, im damaligen Galizien, in einem jüdischen Elternhaus geboren. Sein Vater Martin Armhaus war praktischer Arzt
in Brzozow in Galizien. Seine Mutter Rosa war die Tochter des Gutspächters Nathan Schwarz in Mirocin.
Sie lebte seit dem Tod ihres Mannes bei ihrem Sohn in Leipzig. In seiner Wohnung starb sie am 7. November 1907 78jährig.

Victor Armhaus hatte noch zwei Schwestern und einen Bruder, nämlich Dorothea, Adele und Franz Xaver.

Nach der Übersiedlung von Galizien in die Messe- und Handelsstadt Leipzig, begann Victor Armhaus zunächst Medizin zu studieren. Er wechselte jedoch bald wegen seiner einzigartigen Sprachbegabung zur Sprachwissenschaft über.

Während des Ersten Weltkrieges erwarb er sich besondere Verdienste durch die Herausgabe eines Deutsch-italienisch-kroatischen Soldatensprachführers. Hierfür wurde Victor Armhaus das Offizierskreuz verliehen.

Seine Schwester Dorothea heiratete in Leipzig den Kaufmann Josef Einschlag. Aus dieser Ehe gingen vier Kinder hervor, nämlich Martin, Eduard, Wanda und Hedwig. Eduard Einschlag erlangte als Maler weit über Leipzigs Grenzen hinaus Berühmtheit. Seine Schwester Wanda war eine bekannte und bei ihren Schülern außerordentlich beliebte Klavierlehrerin. Von den vier Kindern überlebte nur der älteste Sohn Martin, der in Leipzig noch bis Ende November 1938 als Prokurist die Rauchwarenfirma von Julius Ariowitsch vertrat, den Holocaust.

Eduard Einschlag wurde mit seiner Frau Louise geborene Croner und seinen beiden unverheirateten Schwestern Wanda und Hedwig im Rahmen der berüchtigten Polenaktion im Oktober 1938 ins Niemandsland zur polnischen Grenze verbracht. Sie sind alle später wahrscheinlich in Warschau umgekommen. Die Ehefrau von Martin Einschlag, Johanna geborene Hepner, wurde bei einer Razzia in Nizza auf offener Straße verhaftet und von ihrem Mann getrennt. Auch sie kam in einem Konzentrationslager, wahrscheinlich in Auschwitz, ums Leben.

Die zweite Schwester Adele war unverheiratet und lebte bei ihrem Bruder Victor in der Emilienstraße 28. Sie starb 64jährig am 3. Dezember 1927.

Der einzige Bruder Franz Xaver hatte sich vom Judentum abgewandt und eine Christin geheiratet. Er war Kaufmann und starb erst 52jährig am 27. März 1919 in Leipzig-Reudnitz. Franz Xaver hinterließ drei minderjährige Kinder im Alter zwischen fünf und sieben Jahren. Sein Bruder Victor wurde zum Pfleger für die Halbwaisen bestellt. Die Familie zog während des Krieges offenbar nach Bad Dürrenberg, von wo die Witwe Martha Armhaus mit ihrem jüngsten Sohn Herbert nach 1945 wieder nach Leipzig zurückkehrte. Herbert Armhaus war hier als Buchhalter, später als Schaffner tätig. Über des Schicksal seines älteren Bruders Martin und seiner Schwester Anneliese konnte nichts Genaueres ermittelt werden. Vermutlich haben sie als sogenannte Mischlinge ersten Grades unter dem Schutz ihrer nichtjüdischen Mutter die Zeit des Nationalso-
zialismus im Unterschied zu ihren Cousins überleben können.

Victor Armhaus eröffnete im Jahr 1889 in der Leipziger Turnerstraße 25 ein Übersetzungsbüro. Er war verpflichteter Dolmetscher bei den Leipziger Gerichten für 23 Sprachen. Seit April 1899 befanden sich das Büro und seine Wohnung in der Emilienstraße 28.

Als im Jahr 1907 Oskar Dähnhardt, Gymnasialoberlehrer zu St. Thomae, seine vierbändige Sammlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden herausbrachte, schrieb er im Vorwort des ersten Bandes:

„Zuletzt aber und dennoch vor allem habe ich meinem vortrefflichen Übersetzer zu danken, einem allzeit treuwilligen, uneigennützigen und wahrhaft edlen Manne, der trotz eigener schwerer Arbeit seine staunenswerten Sprachkenntnisse freudig in den Dienst der Wissenschaft stellt, dem Dolmetscher am Leipziger Amtsgericht Victor Armhaus. Ohne ihn wäre es mir nicht möglich gewesen, mein Unternehmen zu Ende zu führen.“

Bemerkenswert ist die persönliche Freundschaft, die Victor Armhaus mit dem Reformpädagogen Hugo Gaudig verband. Da sich diese Verbindung später auf die Tochter Gaudigs und dann deren Familie übertrug, sind Spuren hierüber in den Aufzeichnungen von Rosemarie Gaudig-Sacke erhalten geblieben. Hieraus ergibt sich, daß der Kontakt nach der Machtübernahme durch die Nationalso-zialisten nicht abbrach, obwohl Victor Armhaus die Eheleute Sacke telefonisch vor einem Besuch bei ihm gewarnt hatte. Nachdem Georg Sacke jedoch 1934 verhaftet worden war, konnte nach seiner Freilassung keine Verbindung wieder aufgenommen werden.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten verlor Victor Armhaus seine Beschäftigung bei den Leipziger Gerichten. Gemäß der offiziellen Verlautbarung in der Mitteldeutschen Handelsrundschau vom Mai 1934 wurde Victor Armhaus im gerichtlichen Sachverständigenverzeichnis als Dolmetscher und Übersetzer für 24 Sprachen gestrichen.

Kurz zuvor war der rüstige 74jährige nach den Erinnerungen seines Neffen Martin Einschlag noch als Dolmetscher im Reichstagsbrand-Prozeß tätig gewesen.

Mit Beginn der Auswanderung seiner Glaubensgenossen hatte Victor Armhaus zahllose Dokumente, insbesondere aus der polnischen Sprache zur Vorlage bei Behörden zu übersetzen. Hierdurch erleichterte er vielen Verfolgten die rechtzeitige Auswanderung.

1936 zog Victor Armhaus nach über 35 Jahren von der Emilienstraße 28 in eine Sechszimmerwohnung zu seinen beiden unverheirateten Nichten Wanda und Hedwig in der Promenadenstraße 33 am Westplatz in der 3. Etage. Dort waren seine beiden Zimmer und der Vorsaal mit seiner wertvollen Bibliothek bis zur Decke gefüllt.

Nachdem in der berüchtigten Polenaktion am 28. Oktober 1938 seine beiden Nichten, wie auch deren Bruder, der Maler Eduard Einschlag mit seiner Frau, ins Niemandsland zur polnischen Grenze deportiert worden waren, blieb Victor Armhaus schon fast 80jährig vollkommen allein in Leipzig zurück.

Sein weiteres Schicksal ist untrennbar mit dem seiner Glaubensgenossen verbunden. Ein bitterer Tag war für den weltoffenen Dolmetscher der Umzug in ein winziges Zimmer in das Hinterhaus des Ariowitsch-Altersheimes in der damaligen Auenstraße (heute: Hinrichsenstraße). Victor Armhaus mußte natürlich die gesamte Wohnungseinrichtung zurücklassen. Besonders muß ihn jedoch der Verlust seiner einmalig wertvollen und umfangreichen sprachwissenschaftlichen Bibliothek geschmerzt haben.

Doch auch hier verlor Victor Armhaus nicht den Lebensmut und seinen besonderen Charme. Erhalten gebliebene Briefe von Frau Käthe Paul, einer nichtjüdischen Bekannten, die den Mut hatte, den von ihr hochverehrten alten Mann weiter zu besuchen, beweisen das.

Als am 19. September 1942 ein weiterer Transport von Leipzig nach Theresienstadt abging, war auch der 83jährige Victor Armhaus unter den Deportierten.

Nach den Erzählungen einer Überlebenden über seine letzten Lebenstage hat er auch unter den barbarischen Lebensbedingungen in Theresienstadt bis zum Schluß nicht seine geistreiche kluge Art verloren. Victor Armhaus schlief am 7. November 1942 „ganz ruhig“ ein, berichtete Frau Morgenstern nach ihrer Rückkehr in Leipzig.

Die Umstände des Todes dieses Sprachgenies bedeuten mehr als das tragische Ende eines Lebens. Sie sind ein Mirakel für den Abbruch der Kommunikation der Deutschen mit anderen Völkern, dessen Folgen bis heute potenziert fortwirken: Wir sprechen eine Sprache, aber wir verstehen uns nicht.

Manuskript, unveröffentlicht