dr. jur. Hubert Lang

Nachlass Martin Drucker, Briefe und Fotos

Durch die Vernichtung der Kanzlei und der Wohnung Martin Druckers wurde auch sein schriftlicher Nachlass weitestgehend zerstört. Erhalten geblieben sind sind lediglich einige Briefe und Fotos, die sich hauptsächlich auf seine letzten Lebensjahre nach dem Ende der Hitler-Diktatur beziehen. Daneben hat Martin Drucker den Briefwechsel und Fotos von Gertrud Landsberg gerettet. Mit ihr verband ihn eine langjährige innige Beziehung.
Im Zusammenhang mit der Herausgabe der Lebenserinnerungen Martin Druckers wurde mir dieser erhalten gebliebene Teilnachlass von der Tochter Renate Drucker übergeben. Bislang war es aber nicht möglich, die zeitgeschichtlich wertvollen Dokumente zu publizieren. Das wird nun endlich an dieser Stelle nachgeholt.
Diese Dokumente befinden sich heute im Sächsischen Staatsarchiv Leipzig, Signatur: SächsStA-L, 22381 Nachlass Martin Drucker. Die konkrete Signatur wird bei dem jeweiligen Dokument benannt. Für die Nutzung des Nachlasses gelten die Nutzungsbedingungen des Sächsischen Staatsarchivs: https://www.archiv.sachsen.de/formulare-4015.html

Heiner Ackermann (Kattenhorn/Bodensee) an Martin Drucker, 12.01.1946

SächsStA-L, 22381 Nachlass Martin Drucker, Nr. 109

Kattenhorn über Radolfzell
Bodensee, 12.I.46

Lieber guter Fempe,

Gott sei Lob und Dank, dass ich endlich endlich Nachricht bekommen habe und aus Inas liebem Brief ersehen kann, dass es Ihnen und den Ihren einigermassen geht. Welche Schecken müssen Sie in der Schwägrichenstrasse durchgemacht haben. Ich höre von Ina, das Haus sei zerstört. Konnten die Bücher und Möbel und Bilder denn wenigstens noch gerettet werden? Ich wäre sehr dankbar, wenn ich Näheres über das alles erfahren könnte, Sie wissen, wie sehr ich mit meinen Gedanken immer und besonders in den kritischen Tagen in der Schwägrichenstrasse war und wie alles, was Ihnen wehtut auch mich schmerzt und erschüttert. Ich wage garnicht von mir zu berichten, weil es mir wichtigtuerisch vorkommt all dem unsagbar Schweren gegenüber, dass dieser grausige Krieg Ihrem Hause (ich meine natürlich nicht die Steine und Mauern) an Leid und Unglück gebracht hat. Wie froh bin ich für Sie, dass nun Ina und Ursel und Renate und die Enkelchen um Sie sind, dass Sie, wie Ina schreibt, wenigstens eine neue Wohnung und ein ordentliches Büro wiederhaben. Ich habe nun ein eigenes Zimmer in Aussicht (Adresse umstehend), winzig zwar, aber bei gebildeten Menschen und da ich mich als Gartenbursche, Spüllümple und Aschentrottel überhaupt, als Holzspalter und Einkäufer im halbstundenfernen Nachbardorf engagieren liess, kommt man mir mit dem Kostpreis entgegen, ich hoffe, in Kattenhorn, einem wunderhübsch gelegenen Dörfchen am Untersee, nun wieder etwas Wurzel schlagen zu können.
Die letzten Monate nach der Ausweisung aus Austria waren sehr hart, sehr hungrig, sehr kalt und voller innerer und äußerer Schwierigkeiten, doch gab ich mir Mühe, dagegen anzustrampeln. In sehr herzlichen Gedanken bin ich Ihnen, lieber guter Fempe und all Ihren Kindern am 21. Januar nahe. Immer und in immer gleicher Anhänglichkeit

Ihr alter Heiner