dr. jur. Hubert Lang

Anwaltsgeschichte

Bücher und Blumen – Erinnerungen an den Bibliophilen Max Heilpern

von Franziska Heilpern
Erstveröffentlichung: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Frankfurter Ausgabe, Nr. 78 vom 29.09.1978, S. 334-337
Der Text wurde mit Anmerkungen versehen, sowie um Links und Fotos ergänzt.

Vor hundert Jahren, gerade als sein Vater eine Anwaltspraxis gegründet hatte, wurde in einer Vorstadtstraße der Bücherstadt Leipzig der Mann geboren, von dessen Liebe zu Büchern ich hier berichten möchte. Er besuchte die altberühmte Thomasschule, widmete sich dann dem Studium der Jurisprudenz, um einmal dem Vater im Beruf folgen zu können. Er trat auch nach bestandenen Prüfungen als Mitarbeiter in das Büro seines Vaters ein, aber die Anwaltstätigkeit beherrschte nicht ausschließlich seine Gedankenwelt. Als ich ihn kennenlernte, hatte er sich ein eigenes, einfacher Zuhause eingerichtet, eine Wohnung[1], die in erster Linie für seine Bücher bestimmt zu sein schien und für sein Behagen wenig Platz übrigließ. Wir kannten uns seit ein paar Monaten, hatten uns öfter auf dem kleinen Landgut seiner Verwandten getroffen, als er mich einlud (nicht allein, denn das schickte sich noch nicht), seine Bücher zu besichtigen. Es waren für meine Begriffe unendlich viele Bücher – die Menge erschreckte mich, und sie imponierte mir.

Ein paar Wochen später übernahm mein Verlobter die Anwaltspraxis[2] seines erkrankten Vaters allein – Rechtsanwalt Notar Max Heilpern stand jetzt auf dem Schild am Eingang des Bürohauses -, und er hatte damit so viel zu tun, daß ich mich um die Suche nach einer Wohnung kümmern mußte, einer Wohnung, in der seine Bücher und wahrscheinlich viele, die noch kommen würden, Platz haben sollten. Während mein Studium anfing, eine Nebenrolle zu spielen, lief ich wachen Auges in Leipzigs Straßen herum, erkundigte mich bei Vermietern und Agenten und fand, wie durch Zufall, am Rand der Stadt ein hochherrschaftliches Haus[3] – so etwas gab es damals noch – mit drei schon bewohnten, zehn Zimmer zählenden Etagen, in dem das Fünfzimmer-Domizil im dritten Stock auf uns gewartet zu haben schien. Gewiß, es gab darin ein paar schräge Wände neben de Fenstern, was kaum als standesgemäß betrachtet wurde. Aber viel wichtiger erschien uns der große Balkon, von dem aus man über die Rennbahn bis hin zum Stadtwald sehen konnte, und der geräumige Korridor, der es ermöglichen würde, eine ganze Bibliothek unterzubringen. Billig war diese Unterkunft auch noch, wir haben in ihren Wänden unsere silberne Hochzeit[4] erlebt.

In den nächsten Wochen zimmerte uns ein kaum der Lehre entwachsener eifriger Architekt kleinformatige Biedermeiermöbel, die später als Reklame für ihn besichtigt wurden; sie dienten unseren Bedürfnissen und kreierten fast eine Mode, die jedoch sowieso den Jugendstil ablöste. Unser Bücherbestand wuchs, sobald wir eingezogen waren. Ich wunderte mich freilich, wie mein Mann die Bücheranschaffungen mit der Büroarbeit vereinigte. Aber ich wagte nicht, das strahlende Besitzerglück durch unwillkommene Fragen zu stören. Die historischen Neuerscheinungen, die mein Mann heimbrachte, stammten hauptsächlich aus den zwei größten Buchhandlungen der Stadt, deren Inhaber meiner Mannes Klienten geworden waren. Er kannte auch die meisten anderen größeren und kleineren Läden mit Büchern und die Antiquariate – kein Mangel an diesen in Leipzig -, und in einem Kreis von jungen, später bekannt gewordenen Künstlern erhielt er manche Anregung, die bei ihm sofort auf fruchtbaren Boden, das heißt, auf Anschaffungen stieß.

Seine ungewöhnliche Liebe zu Literatur und Kunst war wahrscheinlich der Grund, daß der damals auf der Höhe seines Ruhms stehende Maler und Bildhauer Max Klinger (dessen Name, lange Zeit scheinbar vergessen, jetzt wieder zur Geltung gekommen ist) sich den jungen Anwalt als Vertreter vor Gericht erkor. Klinger erhielt unzählige Briefe von Freunden und Bewunderern, pflegte aber nur wenige aufzumachen, sondern sammelte die meisten ungelesen in einem Haufen auf dem Sofa seines Wohnzimmers. In diesem Durcheinander steckte wahrscheinlich der Brief einer ihm unbekannten Frau, die eine Zeichnung bei ihm bestellt und dafür einen Zwanzigmarkschein in das Kuvert gesteckt hatte. Da Klinger nie auf ihren Wunsch reagierte, verklagte sie ihn auf Rückgabe der 20 Mark, und mein Mann sollte die Abweisung der Klage erwirken. Er konnte sich dieses ihm schmeichelnden Auftrags erfolgreich entledigen mit dem Hinweis, daß Klinger das Geld nie gesehen hatte, aber sowieso die Zumutung, eine Zeichnung für 20 Mark zu liefern, als Beleidigung betrachtet haben würde. Eine Bronzebüste von Klingers Hand schmückte als Belohnung lange Zeit unsere Wohnung.

Mein Mann gehörte natürlich zur Gesellschaft 99 (nicht mehr und nicht weniger) Bibliophilen, von denen manche nur Buchliebhaber waren, andere mit Kunst und Literatur zusammenhängende Namen trugen. Unter ihnen spielten eine Rolle Prof. Georg Witkowski, der eine der größten Privat-Bibliotheken Deutschlands besaß; Maler wie der Porträtist Walter Tiemann, der Direktor der Staatlichen Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe, Hugo Steiner-Prag, dessen Werk kürzlich in einer Ausstellung international gezeigt und auch in Schweizer Zeitungen gewürdigt wurde; die Verleger Kippenberg, Brockhaus und Seemann; schließlich Leipzigs Oberbürgermeister Goerdeler, der Hitlers Mordlust zum Opfer fiel.

Oft brachte mein Mann kleine Kostbarkeiten heim: Almanache aus der Goethezeit oder illustrierte Bändchen der Romantiker. Wo mochte er sie aufgestöbert haben? Ein Samstagnachmittag, an dem ich in der Stadt Besorgungen machte, brachte mir des Rätsels Lösung. Ich schaute nicht ohne Vorahnung in das Antiquariat des alten Radestock[5] hinein, ein  kleines Lädchen nicht weit vom Standbild des jungen Goethe, gegenüber von Auerbachs Keller, das dem verrunzelten alten Herrn mit dem nicht übel passenden Namen gehörte. Dort stand mein lieber Mann auf der höchsten Sprosse der Leiter und rief mir zu, daß er ein Skizzenbuch von Ludwig Richter gefunden habe. „Was kostet das?“, fragte er den ihm belustigt zusehenden alten Mann. „Ach, das ist beschädigt, das gebe ich Ihnen für zwei Mark“, war seine Antwort. Ein solcher Fund wog natürlich für meinen Mann eine ganze Serie von Anwaltsaufträgen auf! Hinter den Scheiben einer alten Mahagonischranks sammelten sich im Lauf der Jahre viele solche und ähnliche Schätze. Gleichzeitig wurden neue Regale angeschafft und andere aufgestockt. Noch heute wundere ich mich, daß sich Ehrfurcht vor bestimmten Dingen, auch unverstandene Ehrfurcht, auf Kinder überträgt, denn niemals hat einer unserer kleinen Buben die ihnen leicht erreichbaren Bände in den unteren Reihen der Regale auch nur angerührt – man brauchte ihnen nichts zu verbieten. Sie hielten sich an den Inhalt ihres Spielschranks, den der Architekt ihnen gezimmert hatte. Seine Tür war geschmückt mit einer Zeichnung, auf der ein Knabe alle Tiere aus Wald und Wiese zu sich herankommen sieht. Schrank und Bild erfreuen heute Kinder aus der nahen Verwandtschaft.

In der Sammlung gesellten sich neu herauskommende Bücher zu den älteren; was die Geschichte der Welt betraf, durfte nicht fehlen. Zum aktuellen Geschehen wurde auch noch anfangs des ersten Krieges viel veröffentlicht, und mein Mann erwarb jeden Band, in dem er Aufschluß unsere gefährliche Situation finden konnte.  In den Kriegsjahren schien sich seine Arbeitsfähigkeit zu verdoppeln. Er war nicht felddiensttauglich, wurde nach ein paar Tagen an der Front wieder heimgeschickt und suchte nun die Pflichten in der Kaserne mit den übriggebliebenen Anwaltstätigkeiten zu verbinden. In dieser Zeit waren wir schwer bedrückt nicht nur durch den unglücklichen Fortgang der Ereignisse, sondern noch mehr, weil viele Freunde meines Mannes den Waffengängen zum Opfer fielen, und wir hatten stets Angst um meinen Bruder, der als Kriegsfreiwilliger an der Westfront stand. Den Kriegsjahren folgten die fast ebenso schweren der Inflation. Wer nicht Kriegsgewinnler war, litt gerade im armen Sachsenland unter heute fast unglaubwürdigen Entbehrungen, die besonders für kleine Kinder gefährlich wurden.

Mein Mann fand zum Glück, wie schon vor dem Krieg, Erholung und Ablenkung in der Natur. Die Samstagnachmittage gehörten besonders bei gutem Wetter unseren Buben. Nach meiner schönen Heimat an Rhein und Main und in den Jahren in Heidelberg hatte ich selbst immer Mühe mit der Industrie-Atmosphäre Leipzigs. Die flache Umgebung der Stadt war für mich reizlos: dicht an unserem Haus, zum Glück tief unten, kroch die schmale, schwarze Pleisse vorbei, die oft zu bösen Witzen Anlaß gab. Wie man sich nach einem klaren Wasserlauf sehnte! Den gab es in der Nähe der Stadt nicht, es gab jedoch den Bienitz, der mir bald nach unserer Heirat vorgestellt wurde. Er war ein mehrere Quadratkilometer großes, von Kultur noch unberührtes Wiesengelände, wo Vogelnester sich hinter Gesträuch verbargen, Kiebitze zur Fütterung ihrer Jungen hin und her flogen, seltene Orchideen – das Knabenkraut war nicht die einzige – wuchsen und man herrliche Wiesensträuße zusammenstellen und mit nach Hause nehmen konnte. Dahin pilgerten wir oft. Zum Glück schien diese Naturschutzzone – ein Begriff, der noch gar nicht erfunden war – nicht weithin bekannt.

Aber der Bienitz war nicht die einzige Quelle, die den Wunsch meines Mannes, seltene und schöne Pflanzen zu finden, erfüllte. Der Thüringer Kalkboden war nahe und konnte ihm die ersehnten Raritäten liefern. An sonnigen Sommersonntagen ging’s mit dem frühen Zug nach Naumburg oder gar bis nach Jena und von da weiter ins Tal der Saale und der Ilm, und in den Wäldern fand er, was er suchte. Manchmal wanderte er auf Goethes Pfaden, ich neckte ihn damit. Mit dem Rucksack auf dem Rücken und dicken Schuhen war er stundenlang unterwegs, auch wenn es zu stürmen und regnen anfing. Immer brachte er einen schönen Blumenstrauß mit heim, der jedoch nur wenige Exemplare einer Art enthielt, höchstens eine einzige seltene Orchidee – er räuberte nie.

In den auf Krieg und Inflation folgenden Jahren – es waren nicht viele, bis der Hitler-Ungeist sich bemerkbar machte – trat eine stürmische Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse ein, eine scheinbare Besserung, während der wir noch nicht wahrnahmen, daß Spekulanten aller Art mit unehrlichen Machenschaften das Wohlergehen untergruben. Freilich beklagte mein Mann sich schon bald über unfaire Spitzfindigkeiten von Anwälten, die man früher nicht kannte. Seine Fähigkeit schien sich jedoch in jener zu vervielfachen. Neben der Arbeit für das Büro sammelte er neues Material für die leeren Stellen auf den Regalen, die Verkäufe in der schlechten Zeit hatten entstehen lassen. Aufbauten der Regale wurden nötig; die zahlreichen Bände des Freien Deutschen Hochstifts auf der obersten Etage berührten fast die Zimmerdecke. In jedem Fach standen die Bücher in doppelten Reihen, und gar nicht selten krachte eins unter seiner Last zusammen und brachte die darunter befindlichen in Unordnung, die aber in guter Laune beseitigt wurde.  Eine Bekannte, die sich mit derlei Dingen beschäftigte, brachte ein paar Wochen damit zu, die Bände genau zu registrieren, und es stellte sich heraus, daß es an die 15 000 waren. Wie viele davon mein Mann völlig gelesen hat – denn nicht wenige waren nur zum Ansehen der Illustrationen da – wußte er wahrscheinlich selbst nicht zu sagen, aber er wußte ziemlich genau, wo jedes Buch seinen Platz hatte. Einmal kam er nach einem von ihm gefürchteten Putztag mit dem Ausruf zur Tür herein: „Und wo steckt das Buch der Lieder?“ Das war eine kostbare Erstausgabe von Heines Gedichten, die sich hinter einem größeren Band verkrochen hatte. Erstaunlicher vielleicht, daß er den Inhalt des Gelesenen immer im Kopf behielt. Er hatte auch das Talent, jede Minute zu konzentrierter Aufnahme des Lesestoffs zu benutzen. Beim allmorgendlichen Warten auf die Tram ließ er, versunken in ein Buch, gar oft den Schirm an der Bank stehen, den ich dann nach einem telefonischen Anruf suche mußte und meistens auch fand. Sogar im Lift des Bürohauses schaute er schnell noch auf seine Lektüre. Die alte Liftbedienerin sagte mir einmal im besten Sächsisch: „Ich mechte nur wisse, was der Herr Dokder da lese dut, is en scheener Herr.“ ‚Scheen‘ war die sächsische Bezeichnung für das Außergewöhnliche, und scheen war mein Mann wahrscheinlich auch in Bezug auf die Trinkgelder.

Daß er allabendlich einen Stoß von vier oder fünf Büchern auf seinen Nachttisch platzierte, war selbstverständlich, er mußte doch wählen können, was zu seiner Stimmung paßte. Zum Theater hatte er eine widersprüchliche Einstellung. Manchmal war er sehr beeindruckt. Ich erinnere mich an eine hervorragende Aufführung von Verdis „Don Carlos“, die er am liebsten gleich zum zweiten Mal genossen hätte. Ein andermal ließ er eine bestellte Karte für eine herrliche Oper einfach verfallen, er hatte eben keine Lust oder ein interessierendes Buch zu lesen angefangen, und wir warteten vergebens auf ihn. Als Brecht zuerst Aufsehen erregte, war er sehr wißbegierig. An einer der ersten Aufführungen der „Dreigroschenoper“ hörten wir hinter uns die scharfe Kritik von uns bekannten Nazi-Anhängern – wir hüteten uns, auf die wüsten Schimpfworte zu reagieren.

Jedoch noch einmal zum Ort der Sammlung. In der Mitte zwischen den mit Regalen verkleideten Wänden des Bücherzimmers stand ein Riesentisch mit herausziehbaren Brettern, auf denen Hunderte von Kunstblättern ihre Unterkunft gefunden hatten. Oben auf dem Tisch lagen Stöße von schweren Folianten und Bildbänden. Die schönsten Blätter, darunter das Aquarell einer Gebirgsstraße mit Kreuz von Caspar David Friedrich, Tuschzeichnungen von Pferden und Kühen und das Aquarell eines Reiters von Wilhelm Kobell, das eines am Galgen baumelnden mageren Menschenkinds von Spitzweg, Zeichnungen von Ludwig Richter und andere Blätter ähnlicher Geschmacksrichtung, aber auch eine Zeichnung von Menzel, die die Ausfahrt König Wilhelms zum siebziger Krieg darstellte, zierten die Wände über dem Schreibtisch und der Kredenz im Speisezimmer. Alles war mit Liebe erworben. Zu den Lieferanten gehörten die über Deutschlands Grenzen hinaus bekannte Kunsthandlung C. G. Börner, unter zahlreichen anderen Quellen gelegentlich auch Gutekunst und Klipstein in Bern. Ich hatte oft das Gefühl, daß die Inhaber dieser Kunsthandlungen meines Mannes Verständnis so schätzten, daß sie ihm zu preiswerten Erwerbungen verhalfen.

Mein Mann liebte die kleinen Dinge. Ganz abgesehen davon, daß wertvolle Ölgemälde für ihn unerschwinglich gewesen wären, kam es ihm auf eine bescheidene Sammlung an, die aber künstlerischen Gehalt haben sollte. Das einzige sehr gute Ölbild, das er einmal zu kaufen Gelegenheit hatte, schenkte er dem Leipziger Museum, wo es die uns gut bekannte Bilderbetreuerin vor dem Zugriff Hitlers rettete, aber nach dem Krieg wieder am alten Platz aufhängte – so schrieb sie uns -, wo es sich vielleicht heute noch befindet. Meines Mannes Mußestunden dienten ihm immer wieder dazu, frühe Abdrucke seiner Lieblinge Ludwig Richter, Overbeck, Kobell, Andreas Achenbach, Schwind, Chodowiecki hervorzuholen und zu betrachten und den nun schon fast erwachsenen Kindern zu zeigen. Als sie noch klein waren, kam den Kindern auch meines Mannes lebhafte Phantasie zugute. Bei Spaziergängen erfand er Geschichten für sie und ihre Kameraden. Erst kürzlich schrieb mir eine jüngere Freundin aus Westdeutschland: „Wissen Sie noch, wie wir immer über Ihres Mannes Erzählungen lachten?“

Die Zeit der Erwerbungen und der Freude an ihnen ging jedoch nur zu bald zu Ende. Was half’s, daß unsere Freunde meinem Mann zuredeten in Deutschland zu bleiben, mit dessen geistigen Werten er so eng verbunden sei: wenn unsere Söhne ins Ausland gingen, wollten und mußten wir es auch tun. Mein Mann hatte dank der Hilfe eines Protektors die Erlaubnis bekommen, etwa die Hälfte seiner Bücher und Kunstblätter mitzunehmen. So langten eines Tages Kisten über Kisten an, in denen die schönsten der schönen Dinge Platz fanden. Sie waren auf Abruf im Hamburger Freihafen untergebracht, aber der Abruf am letzten Tag vor Kriegsausbruch kam zu spät. Was nachher geschah, haben wir nie erfahren. Alles soll versteigert worden sein, nie ist jedoch das Resultat der Versteigerung bekannt geworden. Ein damals junger Freund, der die Bibliothek damals oft gesehen hatte und heute Antiquar ist, schrieb mir vor einiger Zeit, daß er merkwürdigerweise niemals ein Buch oder Kunstblatt mit den kleinen Initialen meines Mannes zu Gesicht bekommen habe. Als wir nach der durch den inzwischen ausgebrochenen Krieg Schiffsreise in Australien ankamen, hatten wir jedoch die Hoffnung noch nicht aufgegeben, unsere in Hamburg lagernden Güter einmal wiederzusehen. Das war eine vergebliche Hoffnung.

In der Beobachtung der Natur und fremdartiger Pflanzen fand mein Mann einen Ersatz für seine botanischen Entdeckungsreisen in Europa. Aber auch an Lektüre fehlte es ihm bald nicht, obwohl er nicht nach eigenen Büchern greifen konnte. Es gibt in Sydney nach englischem Muster in jedem Stadtviertel eine reichhaltige Bibliothek, wo man selbst in den Regalen wählen kann, was einem gefällt, und wo freundliche Betreuerinnen aus einer Schwesterbibliothek ein gewünschtes Buch kommen lassen, das bei ihnen fehlt und dort vorhanden sein mag. Den beiden Bibliothekarinnen mußte das ungewöhnliche literarische Wissen meines Mannes, den natürlich sein Akzent als Einwanderer auswies, auffallen, und bald begannen sie, sich für Unterhaltungen mit ihm zu interessieren. Er konnte kommen und fragen, was er wollte, sie halfen ihm bei der Suche nach einem Werk, berieten ihn, erkundigten sich bei mir nach seinem Ergehen, wenn sie ihn längere Zeit nicht gesehen hatten, und er erzählte uns oft von den angeregten Gesprächen, die er mit ihnen geführt hatte. Blumen und Bücher gab es für meinen Mann auch im fernen Australien, wenn auch andere als in der deutschen Heimat. Aber er machte wohl auch hier, im fremden Land, Entdeckungen. Und Funde sind ja das Glück des Sammlers, ein seltener Almanach und eine schöne Orchidee – sie gehören zusammen.

[1] Diese Wohnung befand sich in der Beethovenstraße 9/I.
[2] Die Anwaltspraxis befand sich in der Katharinenstraße 6/II.
[3] Diese Wohnung befand sich in der Fockestraße 2/III.
[4] Die Heirat erfolgte am 12.10.1912 in Mainz. Das Ehepaar Heilpern feierte folglich am 12.10.1937 seine silberne Hochzeit.
[5] Es gab mehrere Antiquariate Radestock in Leipzig. Gemeint war vermutlich das Antiquariat von Wilhelm Radestock in der Universitätsstraße 10. Das Antiquariat von Franz Radestock befand sich in der Kurprinzstraße 24. Die Sortimentsbuchhandlung von Paul Radestock in der Sternwartenstraße 24. Diese Läden kann Franziska Heilpern also nicht gemeint haben.