dr. jur. Hubert Lang

Varia

Trübe sind die Gewässer der Erinnerung

Veröffentlicht in:
Theater mit Leidenschaft. Die Studentenbühne an der Leipziger Universität, Passage-Verlag Leipzig, S. 92–94

Trübe sind die Gewässer der Erinnerung. Vieles ist bis zur Unkenntlichkeit verblasst oder wirkt merkwürdig unglaubhaft. Das Rühren in diesen Tümpeln führt nicht zur Klarheit – ganz im Gegenteil. Auch die Wahrheit wird so relativ.

Dies vorangestellt habe ich mich nur mit Bedenken dazu entschließen können, mich an die lange zurückliegenden Zeiten aus Kohlhaas zu erinnern. Das Niederschreiben verschleiert das flüchtige und ungewisse meiner Erinnerungen noch mehr.

Zuerst taucht der außergewöhnliche Ort unserer Vorstellungen wieder vor meinen Augen auf: der amphitheatralische Hörsaal der Frauenklinik gegenüber der Deutschen Bücherei. Es saßen in mancher Vorstellung Schwangere im Bademantel in der ersten Reihe, aber dass es während der Vorstellung zu einer Geburt gekommen sein soll, gehört in den Bereich der Legende.

Dann folgen die Namen der Mitstreiter, die mich in sehr unterschiedlicher Weise bleibend beeindruckt haben.

Jürgen Verdofsky der introvertierte und sich unverstanden fühlende Regisseur, dessen Versuch, an den Kohlhaas-Erfolg mit der Inszenierung von Christoph Heins Cromwell anzuknüpfen, leider scheiterte.

Burkhard Damrau mit seiner Bodenständigkeit wohl unbestreitbar die Idealbesetzung für die Hauptrolle. Trotzdem mit einer Neigung zum philosophisch Grüblerischem. Ich habe mich immer gewundert – und tue es noch – wie Burkhard seinen Kopf, beladen mit all den Bedenklichkeiten dieser Welt, tagtäglich auf seinen Schultern ausbalanciert hat.

Barbara Frank war ein aufgeweckter und überzeugender Till. Auch im persönlichen Umgang war sie immer wohltuend mit ihrem sonnig entspannten Wesen, das keine Voreingenommenheit kannte – und kennt.

Thomas Rühmann war ein unkomplizierter umgänglicher Journalistik-Student, der bereits als Luzifer Ambitionen und Potential für seinen späteren erfolgreichen Berufswechsel offenbarte.

Konstanze Lauterbach war eine Erscheinung von eigenartiger Grandezza. Sie pflegte ihre schwarze Garderobe mit dunkelbraunen Teilen aufzufrischen. Sie war wohl die Souffleuse, obwohl sie merkwürdigerweise nicht in der Besetzungsliste steht. Sich über ihre ignorante Umwelt erhebend, sehe ich sie lange vor Vorstellungsbeginn mutterseelenallein in dem großen Auditorium sitzen – lesend natürlich.

Petra Köhler, heute Stuber löste die schwangere Claudia von Zglinicki ab. Sie war erschütternd als die verzweifelte Mutter, die von höchster Höhe Kohlhaas ihre Verachtung entgegen schleudert und sich in den Tod stürzt. Mir fiel im Hintergrund die Ehre zu, Petra auf dem Bierfass (!) – auf dem sie während ihres Monologes stand – die nötige Standsicherheit zu geben.

Axel Vornam war mit seiner gelassenen freundlichen Ausstrahlung ein Ruhepool in dem ganzen Ameisenhaufen. Er selbst hätte sicher nicht geglaubt, dass gerade diese Gelassenheit ihn zu seiner bemerkenswerten Karriere verhelfen wird.

Elke Reinhardt, Claudia Winter, Annett Zumpe und Christiane Hofmann: Die Hexen, die auch hinter der Bühne nichts trennen konnte. Dort allerdings eher divenhaft als furchterregend: Wir können jeden haben! – Sex in the City für Zonenkinder.

Manche unserer Mitstreiter sind längst nicht mehr unter uns: Peter Brasch, Ben Dieling und Eckhard Reinhold.

Peter Brasch habe ich nur im Kohlhaas erlebt. Allerdings als sehr unangenehm im persönlichem Umgang. Da war eine permanente, für mich damals vollkommen unerklärliche Aggression gegen jedermann. Die sich hieraus ergebenden Probleme haben dann auch zu seinem Ausscheiden aus dieser Inszenierung und aus dem Poetischen Theater geführt. Seine damalige Freundin, die in der Maske arbeitete, war dazu ein erfrischendes Kontrastprogramm. Ich habe niemals wieder eine Frau erlebt, die in einem einzigen Satz so viele Ausdrücke unterbringen konnte, die in jeder gepflegten autoritären Kinderstube zu stundenlangem Mundausspülen mit Kernseife geführt hätten. Sie hatte ein großes Herz und das brauchte sie wohl auch.

Ben Dieling dagegen – gemeinsam mit Dietmar Voigt, Wolfgang Grossmann und mir eine der Wurzeln – war ein sehr ruhiger und introvertierter Typ. Absolut nichts konnte ihn aufregen. Das war für mich unfassbar, denn es gab ständig irgendwelche Gründe für Zoff.

Wir hatten uns nach der Anweisung des Regisseurs im Black auf die Bühne zu schleichen. Wir trugen nur Gymnastikhosen und einen Perlonstrumpf über den Kopf. Folglich sind wir auf den erhalten gebliebenen Fotos kaum zu unterscheiden.

Während einer Vorstellung – wir hatten gerade unsere Position eingenommen und warteten auf das Licht – flüsterte mir Ben Dieling zu, dass er seinen Strumpf vergessen habe. Er kroch in aller Seelenruhe zurück, um den Überzieher zu holen. Ich war panisch, weil der festen Überzeugung, dass er nicht rechtzeitig zurückkommen könne. Aber er hat es geschafft. In der Ruhe liegt die Kraft.

Die späteren dramatischen Ereignisse, die zum gewaltsamen Tod der Eltern und Jahre später zu Bens Selbstmord führten, lassen heute gerade diese kleine Anekdote für mich in einem ganz anderen Licht erscheinen.

Der plötzliche Tod von Eckhardt Reinhold vor einigen Jahren hat wohl viele von uns sehr erschüttert. Ruhig und besonnen konnte ihn auf und hinter der Bühne nichts aus der Ruhe bringen. Es bleibt in meiner Erinnerung ein verschmitztes Lächeln zurück.

Noch heute weiß ich übrigens die wenigen Sätze, die ich als fliehender Bürger Wittenbergs in die Arena zu rufen hatte: „Der Kohlhaas steht vor Wittenberg! Vor den Mauern die Häuser brennen! Rettet Euch!“ Das war der Höhepunkt meiner darstellerischen Karriere am Poetischen Theater und das war wohl auch gut so.

Zu den Bruchstücken der Erinnerung aus dieser Zeit gehört übrigens auch ein Reclam-Band, der unter uns zu dieser Zeit von Hand zu Hand ging: Sostschenkos Schlüssel zum Glück. Ich sollte es wieder einmal lesen, auch wenn es zur Klärung nichts beiträgt.

Leipzig den 28.07.2008
Hubert Lang