dr. jur. Hubert Lang

Juden in Leipzig

Victor Armhaus – Tätigkeit für das Reichsgericht

Unter den durch Otto Ehrenberg geretteten Dokumenten, Briefen und Fotos seines Freundes Victor Armhaus befinden sich auch Belege für die Arbeit des Dolmetschers und Übersetzers für das Reichsgericht. Die Dokumente umfassen den Zeitraum von 1921 bis 1936, also zu einer Zeit als Victor Armhaus bereits aus der amtlichen Liste der Dolmetscher und Übersetzer gestrichen war. Diese Dokumente waren für Victor Armhaus offensichtlich so wertvoll, dass er sie bewahrt wissen wollte.
Aufgenommen wurden hier auch private Briefe des Reichsgerichtsrats Alexander Baumgarten und des Reichsanwalts Carl Kirchner (1880-1966).
Biographische Angaben zu Victor Armhaus finden Sie hier: http://hubertlang.de/juden-in-leipzig/victor-armhaus/

II. Strafsenat des Reichsgerichts

Vorbemerkung: Es handelt sich hierbei offensichtlich um einen Antrag der Reichsanwaltschaft aus dem Jahr 1921, von dem nur die nachfolgende Seite 12 überliefert ist.

31.) Dr. med. Max Plaut in Frankfurt a. M.

32.) Verwalter Philipp Richter in Höchst a.M.

33.) Zigarrenmacher Hugo Kreutzberger in Brotterode i. H.

34.) Dr. med. Erich Lejeun in Neuhaus am Rennweg

35.) Hofrat und Verlagsbuchhändler Horst Weber in Leipzig

36.) Studienassessor Dr. Hans Abel in Leipzig

37.) Prof. Fritz Haasler in Halle a. S.

38.) Dr. Paul Berg, Beauftragter der Außenhandelsstelle für Chemie in Hamburg

39.) Rechtsanwalt Dr. Kurt Blümel in Liegnitz

40.) Ewald Fischer in Roßwein i. Sa.

41.) Dr. med. Wilhelm Tofahrn in Gollnow

42.) Bankdirektor Gerhard Heinrich Bauer in Osnabrück

43.) Schaltmeister Karl Wucherpfennig in Hannover

44.) Diplomkaufmann Oswald Dörffel in Frankfurt a. M. – Niederrath

45.) Landwirt Fritz Schöpflin in Nebenau bei Lörrach

46.) Musikdirektor Young in Paris

47.) Bankbeamter Paul Hoc in Linogen

48.) Tischler Marcel Sérieis in Bedarieux

49.) Fernande Gevrain in Disy-le-Gros

50.) Jean Pichottin in Aix

51.) Leo Alfred Edmund Chalander in Nantes

52.) Paul Etienne Lucas in Nantes

53.) Marie Le Hénaff in Auraiy

54.) Fernande Goux geb. Guyot  in Diy-le-Gros

55.) Gendarmeriewachtmeister Alcide Henry in Barenton-Cel

56.) Marie Louise Canard geb. Dupont in Mohon

57.) Renée Handiquez in Paris

58.) Orphise Holzer geb. Dumottiez in Poussay

59.) Dr. med. Julius August Pichard in Evreux

Es wird beantragt, Termin zur Hauptverhandlung vor dem II. Strafsenat des Reichsgerichts zu bestimmen und zwar in Gemäßheit des Gesetzes vom 12. Mai 1921 auch bezüglich derjenigen Beschuldigten, wegen deren vorstehend Anklage nicht erhoben ist.

Anmerkung: rückseitiger handschriftlicher Vermerk (b J 603/20; Herrn Armhaus, 6 Durchschläge)

Oberstaatsanwalt Richard Neumann

Herrn Dolmetscher Victor Armhaus hier, Emilienstr.

ergebenst.

Es ist möglich, daß Sie morgen, den 4. Februar 1921, in der Sitzung des Reichsgerichts benötigt werden. Sicher ist es nicht.

Für alle Fälle bitte ich um gef. Angabe … (unleserlich), wo Sie morgen den 4. Februar 1921 von 9 Uhr ab bis 2 Uhr angetroffen werden können.

Leipzig, den 3. Februar 1921

Der Oberstaatsanwalt

(Richard) Neumann

Reichsgerichtsrat Alexander Baumgarten

Leipzig, den 28/11 21  Floßplatz 32 I

Hochverehrter Herr Armhaus,

Vor einigen Monaten waren sie so gütig, mir anzubieten, bei Gelegenheit mir einmal Bücher zu Vorzugspreisen zu besorgen. Falls Ihnen das auch jetzt noch möglich sein sollte, würde ich Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie mir die unten benannten beiden Werke bestellen würden die der älteste meiner drei Söhne (der seit 1.4. d. J. landwirtschaftlicher Eleve ist) sich zu Weihnachten gewünscht hat. Ich bitte Sie, die anliegende Postkarte freundlichst zu einer kurzen Nachricht an mich benutzen zu wollen, wenn die Bücher eingetroffen sein werden. Ich werde sie dann … mir abholen und sogleich den Kaufpreis erlegen.

Mit bestem Gruß und in alter Wertschätzung

Ihr ergebener Dr. Baumgarten

1.   (Kurt) von Rüm(b)ker, Tagesfragen aus dem modernen Ackerbau, Verlag Paul Parey, Berlin SW 11

2.    Pusch-Hansen, Allgemeine Tierzucht, Verlag Linke in Stuttgart

Anmerkung: Umseitig handschriftliche Notizen von Victor Armhaus zu den beiden bestellten Titeln.

Der Oberreichsanwalt

Leipzig, den 27. Oktober 1923   Az.: … 7 J 109/22

In der Strafsache gegen Urbanczyk und Genossen

wegen Verrats militärischer Geheimnisse

sind Sie zum Dolmetscher ernannt und werden zu Ihrer Vernehmung auf Donnerstag, den 8. November 1923 vormittags 9 Uhr vor dem 5. Strafsenat des Reichsgerichts zu der im Sitzungssaale des Reichsgerichtsgebäudes hier, Reichsgerichtsplatz 1, stattfindenden Hauptverhandlung geladen.

Dolmetscher, welche ohne genügende Entschuldigung nicht erscheinen, werden nach § 77 Strafprozeßordnung zum Ersatze der Kosten und zu einer Geldstrafe verurteilt; im Falle wiederholten Ungehorsams kann noch einmal eine Geldstrafe erkannt werden.

I. V. gez. Dr. Freiesleben

Beglaubigt: gez. (unleserlich) Oberregistrator

Reichsanwalt Carl Kirchner

Leipzig, den 7.III.1932

Herrn Viktor Armhaus, Leipzig

Sehr geehrter Herr Armhaus!

Ich bitte Sie, den beifolgenden an meine Mutter gerichteten Brief zu übersetzen und mir die Übersetzung nebst Ihrer Kostenrechnung möglichst bald zukommen zu lassen.

In größter Hochachtung

gez. Dr. Kirchner, Reichsanwalt (früher am Landgericht Leipzig und von damals her mit Ihnen bekannt!)

Stempel: Dr. Kirchner in Leipzig, Straße des 18. Oktober Nr. 13, III. r. Fernruf 265 78

umseitig maschinenschriftlich die Übersetzung von Victor Armhaus:

Liebe Hede,

Man ist mit Hitler verschont geblieben,

Man kann nun wieder das Leben lieben,

Kein Köpferollen an allen Ecken,

Man braucht noch diesmal nicht zu verrecken,

Deutschland ist auch von vielen Gewähl‘

Verhungern darf man, doch nicht auf Befehl …

Hazi! Prosit Neujahr! Herzlichst

Leipzig, 16.3.32

handschriftlich (Bleistift):

Für manchen strahlte Ostern froh

und hoffnungsreich – für mich nicht.

Doch muß man eignen Schmerz ertragen

Und frei sich mit den Freunden freuen

Dann scheint es einem

Als ob man ungefähr

selber glücklich wär.

Anmerkung: Der erwähnte Brief ist nicht überliefert.

Der Oberreichsanwalt

Leipzig, den 20. Oktober 1932  Az.: 11 J 59/32

In dem Wideraufnahmeverfahren gegen deb früheren Oberlagerverwalter Walter Bullerjahn wegen Landesverrats werden Sie als Dolmetscher für die polnische Sprache auf Donnerstag, den 10. November 1932, vorm. 9 1/2 Uhr vor den 4. Strafsenat des Reichsgerichts zu der im Hauptsitzungssaal des Reichsgerichtsgebäudes hier, Reichsgerichtsplatz 1, stattfindenden Hauptversammlung geladen.

Sachverständige,welche ohne genügende Entschuldigung nicht erscheinen, werden nach § 77 Strafprozeßordnung zum Ersatze der Kosten und zu einer Ordnungsstrafe in Geld verurteilt. Im Falle wiederholten Ungehorsams kann noch einmal auf eine Ordnungsstrafe erkannt werden.

I.V. gez.  (Karl) Nagel

Beglaubigt: Sekretariat 11 der Reichsanwaltschaft, gez. (unleserlich) Regierungs-Oberinspektor

Der Oberreichsanwalt

Leipzig, den 24. November 1932   Az.: 11 J 155/31

In der Strafsache gegen den Kraftfahrer August Jäger wegen Kriegsverrats sind Sie zum Sachverständigen ernannt und werden zu Ihrer Vernehmung auf Freitag, den 2. Dezember 1932, vorm. 9 Uhr vor dem 4. Strafsenat des Reichsgerichts zu der im Hauptsitzungssaal des Reichsgerichtsgebäudes hier, Reichsgerichtsplatz 1, stattfindenden Hauptversammlung geladen.

Sachverständige,welche ohne genügende Entschuldigung nicht erscheinen, werden nach § 77 Strafprozeßordnung zum Ersatze der Kosten und zu einer Ordnungsstrafe in Geld verurteilt. Im Falle wiederholten Ungehorsams kann noch einmal auf eine Ordnungsstrafe erkannt werden.

I.V. gez.  (Karl) Nagel

Beglaubigt: Sekretariat 11 der Reichsanwaltschaft, gez. (unleserlich) Regierungs-Oberinspektor

Anmerkung: August Jäger aus Erfurt, 41 Jahre alt, wurde zu 10 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust verurteilt. Er wurde im April 1915 bei Langemarck von den Franzosen gefangen genommen und soll den Plan eines Gasangriffs verraten haben.

Der Oberreichsanwalt

Leipzig C 1, den 24. Mai 1934  Az.: 7 J 145/34

Einschreiben! Geheim!

An Herrn Victor Armhaus in Leipzig, Emilienstraße 28

1 Anlage

Den angeschlossenen, in russischer Sprache abgefaßten Zeitungsausschnitt bitte ich unter strengster Geheimhaltung ins Deutsche zu übertragen. Ihre Kostenrechnung wollen Sie gesondert einreichen.

gez. Werner

Beglaubigt: Müller, Oberjustizsekretär

Anmerkung: Die erwähnte Anlage ist nicht überliefert.

Der Oberreichsanwalt

Leipzig, den 25. Juli 1936 Az.: 5 D 481/26

Eilt sehr! (handschriftlich)

Mit den 2 Bücher

„Het Wetboek van Strafrecht“ und „Annuaire de Legislation Étrangère“ sowie dem Schreiben der Bibliothèque du Palais de la Paix im Haag vom 23. Juli 1936 – die zurückerbeten werden – an

den Dolmetscher Herrn Victor Armhaus in Leipzig C 1, Promenadenring 33

mit dem Ersuchen ergebenst, mit möglichster Beschleunigung von Artikel 248ter des Niederländischen Strafgesetzbuches (S. 502 – 510 des erstgenannten Buches) und Artikel 249 Ziffer 4 (S. 512 daselbst) sowie von der angeführten Stelle in niederländischer Sprache in dem anliegenden Schreiben vom 23. Juli 1936 Absatz 5 und 6 Übersetzungen mit je 1 Durchschlag herstellen zu wollen.

In Vertretung gez. Müller

Anmerkung: In dieser Sache erging das Urteil des 5. Strafsenats des Reichsgerichts vom 17.09.1936. Hiernach kann ein Reichsdeutscher, der mit seiner 14jährigen Pflegetochter in Holland unzüchtige Handlungen vorgenommen hat (§ 174 Abs. 1 Nr. 1 StGB) nach den Strafgesetzen des Deutschen Reiches verfolgt werden.