dr. jur. Hubert Lang

Juden in Leipzig

Leipzig – Essen – Köln – Wien – Belgrad

Die Lebensstationen des Opernregiseurs Dr. jur. Erich Hezel (Hirschfeld)

Anmerkung: Der Familienname lautete amtlich Hirschfeld. Hezel war nur der Künstlername. Um Irritationen zu vermeiden, wird in diesem Beitrag trotzdem ausschließlich der Name Hezel verwendet.

Erich Hezel wurde am 01.01.1901 als Erich Eugen Franz Hirschfeld in der Eisenbahnstraße 31 im Leipziger Stadtteil Neustadt geboren. Er war der einzige Sohn des Arztes Dr. med. Richard Hirschfeld (1862-1942) und dessen Ehefrau Franziska Maria geborene Rosenthal (1869-1942). Die Eltern hatten bereits im Mai 1890 in Leipzig geheiratet.

1.    Die Familie

Die Eltern entstammten beide jüdischen Elternhäusern und waren zu einem bislang unbekannten Datum konvertiert. In Leipzig gehörten sie seit etwa 1896 der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde an, welche von den Nachkommen der 1685 – nach der Aufhebung des Edikts von Nantes – aus Frankreich vertriebenen Hugenotten gegründet worden war.

Der Vater Richard Hirschfeld[1] entstammte einer jüdischen Familie aus Deutsch-Krone in Westpreußen. Er ließ sich 1887 als praktischer Arzt in der Leipziger Eisenbahnstraße nieder. Im Jahr 1900 gehörte er zu den Gründern des später in Hartmannbund umbenannten Berufsverbandes der Ärzte. Er wirkte über Jahrzehnte in diesem Verband als Kassierer.

Daneben pflegte er sehr intensiv seine Neigung zur Literatur. So gehörte er seit 1912 zu den Leipziger Bibliophilen[2], aber auch zu einer Gruppe literaturbegeisterter Leipziger, die sich um den Rechtsanwalt Dr. Kurt Hezel (1865-1922) sammelte. Diesem Kreis, der sich „Die Bungonen“ nannte und der sich immer donnerstags nach dem Gewandhauskonzert in einem eigenen Raum im Ratskeller zusammenfand, gehörten u. a. der Kulturmäzen Wolf Dohrn (1878-1914), der Musikwissenschaftler Hans Merian (1857-1902), der Theaterdirektor Max Martersteig (1853-1926), der Philologe Wilhelm Süß (1882-1969), der hoch angesehene Anwalt Martin Drucker (1869-1947), der Jurist und Schriftsteller Kurt Martens (1870-1945), der Literaturwissenschaftler Georg Witkowski (1863-1939), der Regisseur Alwin Kronacher (1880-1953), der Anwalt und Bühnenautor Hans Bachwitz (1882-1927),  der Mathematiker und Philosoph Felix Hausdorff (1862-1942)[3],  der Schriftsteller und Kaufmann Gustav Hermann, der Ökonom Erwin von Beckerath (1889-1964), aber auch Hirschfelds Berufskollegen Dr. Ernst Eggebrecht (geb. 1864), der Psychiater Dr. Götze und Adolf Rauscher (geb. 1873)  an. Während ihrer Leipziger Zeit, waren auch die Schriftsteller Richard Dehmel (1863-1920) und Frank Wedekind (1864-1918) Gäste des erlauchten Kreises.[4] Die Bungonen lebten von und durch Kurt Hezel und mussten deshalb mit dessen Tod 1921 ebenfalls ein jähes Ende finden. Einige dieser Freunde des Vaters haben die spätere Entwicklung des Sohnes Erich entscheidend beeinflusst.

Während seines Jura-Studiums wohnte auch Heinrich Hirschfeld, ein fünf Jahre jüngerer Bruder des Vaters, in Leipzig. Auch er war konvertiert und Mitglied der evangelisch-reformierten Kirche. Heinrich Hirschfeld heiratete 1908 in Berlin Meta geborene Schoenfeld, die sich zu dieser Zeit noch zum jüdischen Glauben bekannte. Er war Rechtsanwalt in Deutsch-Krone. Seine Witwe lebte seit etwa 1935 als Hausdame in Leipzig.[5] Meta Hirschfeld (1882-1943) wurde am 21.01.1942 nach Riga deportiert und von dort schließlich am 02.11.1943 ins KZ Auschwitz, wo sie umgebracht wurde.[6]

Die Familie der Mutter stammte aus Kassel. Deren Eltern lebten aber schon längere Zeit in Leipzig. Der Kaufmann Moritz Rosenthal (1836-1907) und seine Frau Anna geborene Meyer (1848-1935) gehörten bis zu ihrem Lebensende der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig an. Ihre Gräber befinden sich auf dem Alten Israelitischen Friedhof in der Berliner Straße.

Die Familie lebte 1920 kurzzeitig in Borsdorf. Die Gründe dieses vorübergehenden Umzuges sind allerdings noch unklar.[7]

Richard Hirschfeld starb am 18.03.1942 in Leipzig. Franziska Hirschfeld kam vom 05.11.1942 bis 26.02.1942 wegen „Verbreitung einer Hetzschrift“ in Haft. Sie hatte den Text der Predigt von Clemens August Graf von Galen, Bischof zu Münster, vom 13.04.1941 und andere regimekritische Schriften verbreitet. Ihr Name stand auf der Deportationsliste für den 19.09.1942. Da Franziska Hirschfeld am 01.09.1942 starb, wurde ihr Name gestrichen.

Da die Eltern nach 1933 von den Nationalsozialisten als Juden behandelt wurden, hatten sie sich von der evangelisch-reformierten Kirche entfernt. Das sie allerdings von der Kirchgemeinde „ausgeschlossen“ wurden, ist nicht belegt.[8]

Die Eheleute lebten die letzten Jahre getrennt[9], waren aber nicht geschieden.  Richard Hirschfeld war im Altersheim in der Auenstraße (heute Hinrichsenstraße)[10] untergebracht und seine Frau in der Färberstraße. [11]Über die Gründe diese Trennung ist nichts bekannt. Beide wurden in getrennten Gräbern[12] auf dem Alten Jüdischen Friedhof in Leipzig beerdigt.

2.    Die Taufe

Erich Hezel[13] wurde am 25.03.1901 in der Wohnung der Eltern getauft.  Wie alle Eltern wählten sie die Taufpaten für ihren Sohn sicher mit großer Sorgfalt aus. Schließlich sollen die Paten Verantwortung für das Kind übernehmen, insbesondere dann, wenn die Eltern einmal nicht in der Lage seien sollten, für das Kind zu sorgen.  Die Auswahl der Taufpaten gewährt insofern einen Einblick in den engsten Freundeskreis, da wegen des Glaubenswechsels keiner der Paten aus dem jüdischen Familienkreis kam. Die Taufpaten waren nach dem Taufeintrag in der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde: Herr Hugo Graf, Fabrikbesitzer in Leipzig, reformiert; Frau Eugenie Demuth, Wien, lutherisch und Frau Franziska Weigel, Leipzig, lutherisch.[14]

Hugo Graf

Der Kaufmann Hugo Graf (1866-1941) stammte aus Königsberg und kam 1891 nach Leipzig.  Zuvor hatte er mehrere Jahre in London und Paris gearbeitet.[15] Hier wurde er Mitinhaber der 1871 im Leipziger Süden gegründeten Firma F. Harazim, Glacé-, Carton und Cromo-Papierfabrik, später der Vorstand der F. Harazim Papierhandel AG.  Wie der Taufeintrag belegt, war auch er Mitglied der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde. Er war Vorstandsmitglied des Vereins der Freisinnigen Volkspartei.

Seine Ehefrau, Sophie geborene Hirsch, waren jüdischer Herkunft. Sie wurde 1872 gleich nach Ihrer Geburt in der evangelisch-reformierten Kirche getauft, da bereits die Eltern vor ihrer Heirat konvertiert waren. Die sich hieraus ergebenden vergleichbaren Lebenserfahrungen waren vermutlich eine der Wurzeln für die Freundschaft zwischen den Familien Hirschfeld und Graf. Sophie Graf „nannte man die Rote Gräfin, weil sie bei ihren Ausfahrten ein Kleid von demselben weinroten Tuch zu tragen pflegte, womit die Polster ihrer Equipage bezogen und woraus der Mantel und die Livree ihres Kutschers gefertigt waren.“ Wie der Rechtsanwalt Kurt Hezel soll sie an Kyklothymia, einem „manisch-depressiven Irresein“ gelitten haben.[16]

Hugo Graf bot aber auch aufgrund seiner sehr guten Vermögensverhältnisse die Gewähr dafür, dass er die Verpflichtungen einer solchen Patenschaft erfüllen kann. Dass er diese zusätzliche Verantwortung übernahm, ist aber trotzdem sehr bemerkenswert, weil er selbst zu dieser Zeit bereits drei Söhne hatte.

Aus einem ganz anderen sozialen Umfeld kamen die Taufpatinnen. Sie waren beide Schauspielerinnen am Königlichen Schauspielhaus in Berlin gewesen. Seit dieser Zeit waren sie vermutlich Freundinnen, denn sie kamen später  beide  nach Leipzig an das Alte Theater. Doch zuvor standen sie am 11.05.1892 in der Inszenierung „Doctor Claus“ von Adolph L’Arronge in Wien während der Internationalen Ausstellung für Musik- und Theaterwesen auf der Bühne.

Eugenie Demuth

Louise Adolphine Eugenie Demuth geborene Möller (1862-1954) war vor ihrer Heirat im Jahr 1892 unter dem Namen Eugenie Lenau als Theaterschauspielerin bekannt. Am Königlichen Schauspielhaus in Berlin debütierte sie 1887 als Franziska in Lessings „Minna von Barnhelm“ an der Seite von Max Grube (1854-1934) als Riccaut.[17]  Theodor Fontane schrieb am 21.09.1887 zu dieser Inszenierung eine Kritik. In diesem Zusammenhang wurden auch die antisemitischen Vorbehalte Fontanes deutlich. In einem Brief an seine Frau vom 21.08.1887 heißt es zu dieser Inszenierung:

„Heute Fräulein Lenau aus Wien; ich wette, dass nur die erste Sylbe richtig ist und dass sie Lewy heißt; sie spielt die Franziska, was der kl. Conrad[18] einen Stich ins Herz geben wird, denn sie (die Lenau) soll ganz gut sein.“[19]

Für Fontane war nur eine blonde – also typisch germanische – Franziska akzeptabel. Davon hätte ihn wohl auch die Tatsache nicht abbringen können, dass Fräulein Lenau weder tatsächlich Lewy hieß, noch jüdischer Herkunft war.

Eugenie Lenau wurde die Ehefrau des späteren Wiener Kammersängers Leopold Demuth (1860-1910), der unter dem Namen Leopold Pokorny als Sohn eines Oberlandesgerichtsrats in Südmähren geboren war. Er war zunächst in Halle und seit 1891 an der Leipziger Oper engagiert gewesen. Fünf Jahr später wechselte er nach Hamburg und von dort schließlich 1898 an die Wiener Hofoper. Ein Jahr später sang er in Bayreuth den Hans Sachs in den Meistersingern und den Gunther in der Götterdämmerung. Das Grab der Eheleute Demuth befindet sich auf dem Wiener Zentralfriedhof.

Franziska Weigel

Henriette Christiane Franziska Weigel wurde 16.04.1847 in Braunschweig als Tochter des Chorsängers Christian Friedrich Michael Ludwig Salomon Weigel und dessen Ehefrau Elisabeth geborene Warnecke (geb. 22.07.1814) geboren[20].  Sie wurde am 21.05.1847 in der Kirche St. Blasius getauft. Ihre Taufpaten waren der Klempnermeister Carl Weigel aus Wolfenbüttel, Heinrich Hübner, Mühlenbesitzer und Christiane Hübner geborene Kleinert, beide aus Halberstadt. Ihr Vater ist seit 1841 am braunschweiger Hoftheater engagiert. Zu dieser Zeit ist der frühere Tenor Carl Wisender (1793-1869) nach Verlust seiner Singstimme als Inspector tätig. Seine zweite Frau ist die Musikpädagogin und Komponistin Caroline geborene Schneider (1807-1868). Für deren 1849 in Braunschweig uraufgeführte Oper „Das Jubiläum oder: Die drei Gefangenen“ verfasst Ludwig Weigel das Libretto.

Franziska Weigel ist mit dem Theaterbetrieb schon als Kind vertraut und der Vater sorgt sicher für eine fundierte musikalische Ausbildung. Am 14.11.1872 wurde sie als Schauspielerin am Stadttheater Nürnberg engagiert. Sie ist schon damals mit dem Problem des Alters der Schauspielerinnen vertraut. Wohl deshalb gibt sie ihr Alter zwei Jahre jünger an, als sie zu diesem Zeitpunkt ist. In Nürnburg debütierte sie in der Titelrolle von Eugène Scribes (1791-1861) Schauspiel „Adrienne Lecouvreur“ mit „entschiedenem Erfolg“ und als Conradine Hartenberg in dem Lustspiel des Leipzigers Roderich Benedix (1811-1873) „Die relegirten Studenten“. In einer Kritik hierzu heißt es:

„Die Eleganz ihrer Erscheinung und ein seelenvolles Spiel standen ihr auch in dieser Rolle gewinnend zur Seite. Das Publikum fühlte sich durch die ganze Vorstellung des genannten Lustspiels zu großer Heiterkeit angeregt.“ [21]

Im Dezember 1873 zahlte Franziska Weigel  „für einen Scherz“ eine Strafe an die Genossenschaft. Im Jahr 1875 war sie als Gast aus Nürnberg am Stadttheater in Frankfurt am Main engagiert. Im gleichen Jahr ging sie an das Stadttheater nach Breslau. Im Almanach der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger für das Jahr 1876 wird sie mit der Mitgliedsnummer 2944 zwar als Schauspielerin aufgeführt, aber der Ort ihres Engagements ist mit einem Fragzeichen versehen.

Franziska Weigel hat sich schon sehr früh für die Durchsetzung von Ibsens Dramen auf den deutschen Bühnen engagiert. Als das Augsburger Stadttheater am 14.04.1886 einen ausgewählten Kreis zu einer Generalprobe von Ibsens „Gespenster“ einlud, hatte sie die Rolle der Regina Engstrand übernommen. Zu einer Premiere der Inszenierung kam es nicht, weil die Zensur wegen der „destruktiven Tendenz“ des Stückes ein Verbot aussprach.[22] Die Generalprobe, zu welcher auch Henrik Ibsen aus München angereist war, wurde von dem Münchner Theaterkritiker Max Bernstein (1854-1925) sehr positiv besprochen: „… die Wirkung des ausgezeichneten, jeder ersten Bühne würdigen Spieles … der Damen Weigel und Hausen waren so ergreifend und erschütternd, wie sie in einem modernen Theater sehr selten erlebt wird.“[23]

In den Jahren 1891/92 spielte sie am Königlichen Schauspielhaus in Berlin, u. a. am 18.11.1891 die Sophie Guilbert in Goethes „Clavigo“ und am 16.12.1891 den bösen Geist in Goethes „Faust“. Ihre Freundin Eugenie Lenau spielte in dieser Inszenierung die Hexe. Franziska Weigel war seit 1896 am Leipziger Stadttheater engagiert, wo sie am 05.12.1896 die Frau Publia in der Uraufführung von Henrik Ibsens „Kaiser und Galiläa“ spielte.  Der namhafte Leipziger Literaturkritiker dieser Zeit Rudolf von Gottschall (1823-1909) bescheinigte ihr, dass sie ihre kurze pathetische Szene wirksam dargestellt habe.[24] Ein Jahr später übernahm sie die Rolle der Miss Lona Hessel in Ibsens Drama „Stützen der Gesellschaft“.

Im Leipziger Adressbuch ist sie unter der Wohnanschrift Frankfurter Straße 5/II, also unmittelbarer Nähe zum Alten Theater, verzeichnet. Im Jahr 1898 wird ihr Beruf mit Schauspielerin angegeben und von 1899 bis 1902 wird sie als Mitglied des Stadttheaters bezeichnet. Dieses Engagement scheint dann beendet gewesen zu sein, denn 1903/04 erscheint ihr Name im Adressbuch ohne eine Berufsangabe. Ab 1905 wird sie unter unveränderter Wohnanschrift als „dram. Lehrerin“ aufgeführt, seit 1910 nur noch als Privata. Der letzte Eintrag aus dem Jahr 1916 nennt sie als „Pensionärin d. Stadttheaters“. Franziska Weigel blieb unverheiratet. Sie war sicher wesentlich älter als ihre Freundin Eugenie Demuth und wird um 1917 gestorben sein.

3.    Das Nikolai-Gymnasium

Erich Hezel  wurde Ostern 1911 nach bestandener Aufnahmeprüfung in das Nikolai-Gymnasium in die Sexta a aufgenommen. Welche Schulbildung er zuvor genoss, ließ sich bislang nicht feststellen. Richard Wagner gehörte zu den namhaften Schülern der angesehenen ältesten Bürgerschule Leipzigs.

Der Schriftsteller Hans Reimann (1889-1969) schreibt dagegen über seine Zeit an dieser Schule: „Ich hingegen wuchs in Leipzig auf, wo der Brühl üppige Blüten trieb (und treibt!), ‚besuchte‘ das Nikolai-Gymnasium und erlernte daselbst – neben toten Sprachen, zu denen auch Deutsch gezählt ward – den Antisemitismus. Alljährlich erschien, vom Rektor der Anstalt herausgegeben, ein Schülerverzeichnis. In diesem Schüler-Verzeichnis taten sich gewissen Kopennäler durch eine Klammer hervor, die hinter ihrem Namen stand. Durch die Klammer: (i). Und das hieß: israelitisch. Es war ihnen also ein Merkmal aufgebrummt, das etwa ähnliche Wirkung zeitigte, wie sie der Zusatz „republikanisch“ bei Individuen zeitigt, die unter strammen Monarchisten ihr Wesen treiben.“[25]

Dieser Namenszusatz erfolgte offenbar nur bei Schülern, deren Eltern Mitglieder der Israelitischen Religionsgemeinde in Leipzig waren. Erich Hezel war von einer solchen öffentlichen Brandmarkung folglich nicht betroffen. Dass er sich aber trotzdem selbst als Jude sah und als solcher wohl auch von Dritten angesehen wurde, belegen die Erinnerungen von Axel Eggebrecht.

Obwohl das Nikolai-Gymnasium zahlreiche Kinder von Juden besuchten, war in der Klasse von Erich Hezel kein einziger jüdischer Mitschüler und offenbar auch keiner, dessen Eltern konvertiert waren.

Die alljährlich erscheinenden Berichte über den Verlauf des Schuljahres dokumentieren, das sehr frühe Interesse von Erich Hezels am Gedichtvortrag und dem Theater. Als am 17.12.1912 in der Schulaula vor Mitschülern, Lehrern und Eltern Vorträge unter dem Motto „Hans Sachs und seine Zeit“ angesagt waren, trug er das Gedicht „Der Schmied mit den bösen Zähnen“ von Hans Sachs vor. Sein Mitschüler Artur Ehrenberg[26] rezitierte das Schlaraffenlied.

Eine Initialzündung für die lebenslange Begeisterung für das Theater dürfte aber ein Jahr später die Inszenierung von Schillers Räubern anlässlich der 400-Jahrfeier des Nikolai-Gymnasiums gewesen sein. Der damalige Schauspieler am Städtischen Theater Walther Brügmann studierte dieses Stück mit den Schülern ein. Die Premiere fand am 22.05.1912 im historischen Goethetheater in Lauchstedt statt. Die Begeisterung unter allen Schülern muss enorm gewesen sein. Als besonders bewegend wird die Darstellung des Franz Moor durch Werner Teupser[27] beschrieben. Am Schluss der Vorstellung drohte das gebrechliche Theater unter dem Beifall der Hörer zusammenzubrechen.

Die Hauptrollen mussten wohl den älteren Schülern vorbehalten bleiben. Aber der 11jährige Erich Hezel war mit Sicherheit bei den Massenszenen mit auf der Bühne. Die erfolgreiche Inszenierung wurde am 06.06.1912 im Alten Theater in Leipzig wiederholt.

Ein Jahr später schon wird der Name Erich Hezels auf einer Besetzungsliste genannt. Am 09.12.1913 wird im Theatersaal des Krystallpalastes „Peter Squenz“ das Schimpfspiel von Andreas Gryphius in der Regie von Eugen Zadeck vom Leipziger aufgeführt. Erich Hezel spielte den Meister Kipperling, den Tischler und den Löwen. Die Titelrolle hatte sein Schulkamerad Artur Ehrenberg übernommen, der also gleichartige Interessen hatte. Ob die beiden befreundet waren, lässt sich bislanf nicht belegen. Aber vieles spricht dafür, dass er zu dem Kreis literaturbegeisterter Schulkameraden gehörte, die Erich Hezel schon frühzeitig um sich scharte.

Axel Eggebrecht

In der Literatur wird verschiedentlich behauptet, dass Erich Hezel die Thomasschule besucht habe.[28] Das wird irrig aus seiner engen Freundschaft mit Thomasschülern, insbesondere Hellmut Köster (1898-1963)[29] und Axel Eggebrecht (1898-1991), dem Sohn des Arztes Ernst Eggebrecht, geschlossen. Die Erinnerungen von Axel Eggebrecht[30] geben einen tieferen Einblick in die Lebenssituation der Freunde während ihrer Schulzeit, denn die Beiden waren immer in einer losen Verbindung geblieben.

Axel Eggebrecht schreibt dazu in seinen Erinnerungen:

„Durch Erich kam ich in eine Runde jugendlicher Literaturbeflissener. Neuromantik war Trumpf, der Geschmack sehr unsicher, Stefan George und Anton Wildgans wurden gleichermaßen gefeiert, Caesar Flaischlein galt so viel wie Rainer Maria Rilke.“[31]

Leider geben die Erinnerungen keinen Hinweis, wie sich die beiden Freunde kennen gelernt haben. Schließlich konnte es zwischen Thomasschülern und Nikolaischülern kaum einen größeren Unterschied geben, wie Eggebrecht selbst schreibt:

„Das Nicolai-Gymnasium lag in einem entfernten östlichen Stadtteil. Es hatte keine imposante Geschichte, seine Schüler wurden von Thomanern als mindere Gattung betrachtet. Zumeist waren es Kinder aus kleinbürgerlichen Familien, es gab auch Proletariersöhne, was in den höheren Schulen selten war.“[32]

Genau an diese Schule musste Axel Eggebrecht aber wechseln, als er von der Thomasschule wegen diverser Diebstähle relegiert worden war. Da er dort einen Jahrgang niedriger eingestuft wurde, könnte er folglich mit Erich Hezel in eine Klasse gegangen sein. Die Freundschaft kann also damals entstanden sein. Allerdings durfte Axel Eggebrecht schon nach kurzer Zeit wieder zurück an die Thomasschule.

Die Freunde können sich aber auch durch ihre Väter kennengelernt haben, die sich als Berufskollegen, aber wohl vor allem durch ihre gemeinsame Mitgliedschaft bei den Bungonen, kannten. Hiergegen spricht, dass sich die Beziehung der beiden offenbar nicht auf die Eltern erstreckte.

Erich Hezel muss frühzeitig Klavier- und vermutlich auch Gesangsunterricht erhalten haben. Er wurde sehr bald zu einem enthusiastischen Wagner-Verehrer. Er spielte als 13jähriger seinen Freunden stundenlang Klavierauszüge von Wagners Opern vor und beeindruckte sie sogar durch die eindrucksvolle Markierung der Gesangsstimmen.[33] Hieraus lässt sich schlussfolgern, dass sich die Freunde in der elterlichen Wohnung von Erich Hezel trafen, denn nur dort wird ein Klavier zur Verfügung gestanden haben.

Die Erinnerungen von Axel Eggebrecht gewähren darüber hinaus einen bemerkenswerten Einblick in das wechselseitige Verhältnis zum Judentum der beiden Freunde:

„Die Wagner-Verehrung war gerade in jüdischen Kreisen verbreitet. Daß Erich Jude war, zog mich auf unbestimmbare Weise an, was er selber lächerlich fand. Durch ihn erfuhr ich, daß es Antisemitismus gebe, den ich in aller Unschuld als unwichtige Albernheit ansah. Ihn bedrückte die Sache insgeheim erheblich, in späteren Jahren mußte ich ihm recht geben, wir blieben immer in lockerer Verbindung“

Die selbstverständliche Annahme, dass Erich Hezel Jude war, steht im faktischen Widerspruch dazu, dass er bereits nach seiner Geburt getauft wurde und auch die Eltern schon längst konvertiert waren. Das änderte aber offensichtlich nichts daran, dass er von anderen als Jude wahrgenommen wurde und auch Hezel selbst seine Verbindung zum Judentum durch die Taufe nicht als abgebrochen ansah. Diesbezüglich ging es ihm nicht anders wie vielen Zeitgenossen aus konvertierten Familien.[34] Anderen Familien dagegen gelang es, bis 1933 ihre jüdischen Wurzeln zu verdrängen, wie das Beispiel von Eggebrechts Schulfreund Walter List belegt, der aus der Familie des namhaften List-Verlages entstammte.

Freundschaften zu Juden waren auch für Axel Eggebrecht eine absolute Ausnahme, obwohl er – wie auch sein Vater – dem aufkommenden Antisemitismus mit Abscheu begegnete. So spricht sehr viel dafür, dass dieses Gedicht Eggebrechts aus seiner Gymnasialzeit die Gefühlswelt seines Freundes Erich Hezels widerspiegelte:

Der junge Jude

Da ich mir heißer fluchte, als je ein Mensch sich geflucht,

kann ich mich tiefer erst lieben, da inniger ich mich gesucht.

Und schwillt der Haß gegen uns reißender übers Land,

bleibt um so schmerzlich süßer Freundschaft, die ich selten fand.

Träum‘ ich, wie man der schmetternden Tage Frohlocken

um ihre Schalheit in aller Fülle betrog, fühl‘ ich mich nur noch

ein schmutziger Flocken,

der an die weiße Säule hellerer Völker flog.

Aber klärt sich über ihren ausbrünstigen Nächten

meine Hoffnung, selbst noch wirr und beengt,

dann spür‘ ich den Wert meines Seins noch in dunkelsten Schächten,

Körnlein Gold, ins elende Quarz eingesprengt.

Traumdurchwälzte Lager ahnen meine Vernichtung

Graut die Frühe: Der Zweifel starrt, ungelöst,

ob wir jene köstlich-fünffache Verdichtung

oder ein Tropfen Gift, an dem die Menschheit verwest …[35]

Dieses Gedicht erschien im Juni 1920 als bibliophiler Druck in der Offizin Poeschel & Trepte in nur 30 Exemplaren unter dem schlichten Titel „Gedichte“.[36]

Es ist ein einzigartiger Beleg dafür, wie stark Erich Hezel schon während seiner Schulzeit seine trotz Taufe fortwährende Bindung zum Judentum empfand. Er dürfte aber mit diesen Gefühlen der Zerrissenheit nicht allein gewesen sein.

4. Studium und Promotion

Erich Hezel studierte in Leipzig von April bis August 1920 zunächst Germanistik und zuletzt vom 05.05.1922 bis 10.01.1924 Jura. Zwischenzeitlich hatte er in Berlin vom 27.10.1921 bis 16.03. 1922 und im Wintersemester 1920/21 in München Jura studiert.

Er beendete seine juristische Ausbildung mit seiner Promotion in Leipzig. Das Thema seiner Dissertation lautete „Schauspieler und Film“. Die 74 Seiten umfassende Arbeit ist als Maschinenschrift in der Universitätsbibliothek Leipzig überliefert. Sie beginnt mit der Widmung: „Meinen Eltern in Dankbarkeit“.

Erich Hezel befasst sich darin mit einem praktischen Problem, welches durch die rasante Entwicklung des Tonfilms entstanden war: Dürfen Theaterschauspieler neben ihrem Engagement an einem Theater gleichzeitig Verpflichtungen für eine Filmproduktion eingehen? Dabei geht es nicht nur um mögliche zeitliche Überschneidungen, sondern auch um die Frage, ob das Theater einen Anspruch darauf hat, dass der Schauspieler abends zur Vorstellung „ausgeruht“ erscheint. Die Praxisnähe der Darstellung kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die vorgelegte Arbeit nur sehr bedingt wissenschaftlichen Ansprüchen genügen kann. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Dissertation nur mit der Note „rite“ (genügend) bewertet wurde.

(wird fortgesetzt)

[1] Ausführlich zum Vater: Andrea Lorz, Dr. med. Richard Hirschfeld (1862-1942) praktischer Arzt, Mitbegründer des Verbandes der Ärzte Deutschlands (Hartmannbund), in: Was ist geblieben? Eine Spurensuche zum Leben und Wirken der Leipziger Dr. med. Edgar Alexander, Dr. med. Richard Hirschfeld, Dr. med. Moses Michel Walltuch, Leipzig 2019, S. 40-71.
[2] Lorz, a. a. O., S. 63 f.
[3] Pseudonym: Paul Mongré.
[4] Vgl. Georg Witkowski, Von Menschen und Büchern. Erinnerungen 1863-1933, Leipzig 2003, S. 263 f.
[5] E-Mail von Ellen Bertram vom 20.10.2019.
[6] Ellen Bertram, Leipziger Opfer der Shoah. Ein Gedenkbuch, Leipzig 2015. S. 358 f.
[7] STAL, PP-M 475
[8] So aber Andrea Lorz, a.a.O., S. 68.
[9] Vgl.: https://collections.arolsen-archives.org/archive/1-2-4-1_12410006/?p=1&doc_id=12658723 (24.04.2020)
[10] Seine letzte Wohnanschrift war die Frankfurterstraße 6.
[11] Ihre letzte Wohnanschrift war Nordplatz 7/III.
[12] Richard Hirschfeld in der Grabstätte von seiner Schwägerin Marie Rosenthal und Franziska Hirschfeld im Grab ihrer Eltern. Vgl.: Andrea Lorz, a.a.O. S. 70 f.
[13][13] Im Weiteren wird der Name mit Erich H. abgekürzt, um Irritationen zu vermeiden.
[14] E-Mail von Edith Markert vom 01.08.2018.
[15] Auskunft des Stadtarchivs Leipzig vom 24.02.2020.
[16] So kolportiert es zumindest Rudolf Mothes in seinen Lebenserinnerungen. Vgl.: https://www.quelle-optimal.de/pdf/Rudolf%20Mothes/rudolf_mothes_erinnerungen_teil_c_pdf.pdf (07.01.2021)
[17] Theodor Fontane schrieb zu dieser Inszenierung eine Kritik. Vgl.: Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen, Nr. 442, vom 22.09.1887, Abendausgabe.
[18] Gemeint ist die Schauspielerin Paula Conrad (1860-1938), die seit 1877 zum Ensemble des Königlichen Schauspielhauses in Berlin gehörte.
[19] Eckhard Ullrich: Fontane sieht „Minna von Barnhelm“, http://www.eckhard-ullrich.de/buecher-buecher/3646-fontane-sieht-minna-von-barnhelm (26.04.2020)
[20] Taufeintrag, Stadtarchiv Braunschweig, Signatur: GIII1 242/206 St. Blasius
[21] Fränkischer Kurier, Nürnberg 25.09.1872, Nr. 92.
[22] Neue Augsburger Zeitung vom 16.04.1886.
[23] Frankfurter Zeitung und Handelsblatt vom 16.04.1886.
[24] Besprechung im Leipziger Tageblatt vom 10.12.1896.
[25] Hans Reimann, Von Kowno nach Bialystok und retour, in: Die Weltbühne 1926, S. 56.
[26] Artur Ehrenberg (* 1901 in Leipzig), Sohn des Buchhalters Otto Ehrenberg, war später Amtsgerichtsrat in Leipzig.
[27] Werner Teupser (1895-1954) wurde Kunsthistoriker und war später der Direktor des Museums der Bildenden Künste in Leipzig.
[28] Richard Frank Kümmel: Nietzsche und der deutsche Geist, Band II: Ausbreitung und Wirkung des Nietzscheschen Werkes im deutschen Sprachraum vom Todesjahr bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, Berlin 1998, S. 653
[29] Der Historiker Dr. phil. Hellmut Köster war der Sohn des Neurologen Prof. Dr. med. Georg Köster (1867-1932). Seit 1927 war er Assistent am Hamburger Institut für Auswärtige Politik und Kollege von Hans von Dohnanyi.  Ab 1939 war K. Lektor des Leipziger Verlags Koehler & Amelang, dessen Verlagsdirektor er von 1946 bis 1950 war. Er war 1946 Stadtverordneter für die CDU und von 1946 bis 1950 Mitglied des Landtages im Freistaat Sachsen. In dieser Position wirkte er an der Formulierung der Verfassung mit. Vgl.: Karl Buchheim, Eine sächsische Lebensgeschichte: Erinnerungen 1889–1972, München 1996. S. 234, 239.
[30]  Axel Eggebrecht, Der halbe Weg. Zwischenbilanz einer Epoche, Hamburg 1975.
[31] Eggebrecht, a.a.O., S. 35
[32] Eggebrecht, a.a.O., S. 29
[33] Eggebrecht, a.a.O., S. 35
[34] So schrieb Martin Drucker (1869-1947): „Daß mein Vater von Juden abstammte, erhöhte in eigenartiger Weise meine Selbstachtung.“ Martin Drucker, Lebenserinnerungen, Leipzig 2007, S. 61.
[35] Zitiert nach: Klaus Schuhmann, Leipzig-Transit, Ein literaturgeschichtlicher Streifzug von der Jahrhundertwende bis 1933, Leipzig 2005, S. 170.
[36] Schuhmann, a. a. O., S. 167.