dr. jur. Hubert Lang

Hans Bachwitz

Auffassungssache

Dem aufmerksamen Forscher der vergleichenden Rechtswissenschaft kann er nur schwer entgehen, daß in Patagonien Urteile erlassen werden, die sogar dem verbissensten Querulanten ein ungläubiges Kopfschütteln entlocken. Nicht, daß sie eigentlich falsch wären – es gibt bekanntlich überhaupt keine falschen Urteile, sondern nur gewonnene oder verlorene Prozeße –, aber sie haben einen bestrickenden Hang zur Originalität, zu einem prickelnden richterlichen Subjektivismus, wie er in einem anderen Kulturlande ganz und gar unmöglich ist. Deshalb ist es von höchst belehrendem Nutzen, hin und wieder einige Proben der patagonischen Rechtsprechung zu geben. Einmal nämlich gewinnt der Leser dadurch Fühlung zu der doch immerhin bemerkenswerten Tatsache, daß auch eine Judikatur exotische Formen anzunehmen imstande ist, und weiter wird er gewißlich froh sein, nicht in Patagonien , sondern in einem Rechtsstaate zu leben, wo gewisse Dinge nicht nur überhaupt unmöglich sind, sondern – und das ist entscheidend! – selbst, wenn sie möglich wären, nicht lautgesagt werden dürften, und schließlich, selbst, wenn sie laut gesagt werden sollten, mit sofortiger Abhilfe beantwortet würden.
In Chinin, der Hauptstadt Patagoniens, lebte von den Erträgen eines Schmetterlingsexports Herr Amadeo Guilka. Er war nicht schlecht beleumundet, wenn man davon absieht, daß er außerhalb seiner lepidepterologischen Tätigkeit Gedichte und ähnlichen Kram verzapfte, der, ohne einer verbrecherischen Neigung zu entspringen, eben doch die Eigentümlichkeit aller literarischen Produkte teilte: den einen gefielen sie, den anderen nicht. Damit hätte es sein Bewenden haben können.
Es hatte sein Bewenden aber nicht. In Chinin in Patagonien gibt es offenbar Menschen, die nichts weniger verstehen, als den Hang zur Lyrik.  Und die das, was sie nicht verstehen, verachten, und da es dadurch allein nicht auszurotten ist, hassen und verfolgen. Amadeo Guilka hatte schon mehrfach Anlaß zur Betrübnis darüber, daß sein zuständiger Präfekt (was etwa unserem Amts- oder Bezirksrichter entsprechen mag), der Herr Loleo Pistazia mit dem Titel Eccelenza, von seinem Schaffen nicht erbaut war, soweit es außerhalb des Versandes von Schmetterlingen lag. Bei verschiedenen kleinen Rempeleien mit Paragraphen hatte Eccelenza Loleo kein Hehl aus seiner tiefen Abneigung gegen Herrn Guilka gemacht, auch verschiedentlich Ansätze zu fein-komischer Kritik der Guilkaschen Einwendungen riskiert und sich in einer geradezu auffallenden Peinlichkeit der Entscheidungen gefallen, die mit der sonstigen notorischen Oberflächlichkeit seiner Rechtsbegründungen in gellendem Widerspruche stand. Herr Guilka wunderte sich zuerst ein wenig über die fühlbare Animosität seines Präfekten, aber als ein Mann, der in diesem Beamten eine gottgesetzte Obrigkeit sah, hätte er nie gewagt, Herrn Loleo Pistazia die Meinung zu sagen. Um so weniger, als das in Patagonien nicht ungefährlich ist, weil sie dort Ordnungsstrafen von 1-1000 Pestos verhängen können, ohne daß ein Kater danach bellt, woher der Verdammte den Zaster nimmt.
Die erwähnte, tiefe Abneigung des Präfekten gegen den sangesfrohen Herrn Guilka muß doppelt hartleibig und verwunderlich erscheinen, weil Eccelenza ein guter Freund der Trauben im gekelterten Zustande war, und weil seit Li-Tai-Pe eigentlich immer zwischen Vers und Suff Blutsbrüderschaft bestanden hat. Sei dem nun, wie ihm möchte: Loleo Pistazia liebte den Suff, wie seine herrlich rot gebeizte Nase und die kugelrunden, schwarzen Schwimmaugen bewiesen, und er haßte den Vers, wie unter anderem seine tiefe Abneigung gegen Amadeo Guilka darlegte.
Diesen Abscheu in Verbindung damit, daß es kein Kunststück sei, vor dem Präfekten einen Prozeß gegen Amadeo zu gewinnen, beschlossen zwei skrupellose Herren, die Inhaber der Firma Insolato y Cia., sich zunutze zu machen. Eines Tages nämlich erhielt Herr Amadeo Guilka einen eingeschriebenen Brief gedachter Firma, worin er ziemlich barsch aufgefordert wurde, die ihm am 3. Februar bar geliehenen 200 Pestos binnen einer Woche zurückzuzahlen, andernfalls man gerichtliche Hilfe werde in Anspruch nehmen müssen.
Amadeo Guilka wußte, daß er sich niemals von der mahnenden Firma 200 Pestos geliehen hatte; er kannte diese Firma nicht einmal dem Namen nach. Dazu kam, daß 200 Pestos eine Riesensumme darstellten, etwa 10 000 Mark, und daß kein Patagonier Herrn Guilka diesen Betrag überhaupt geliehen hätte. Also dachte Herr Guilka, das Ganze sein ein mäßig begüterter Scherz eines Freundes, zerhäckselte den Mahnbrief und fütterte seine Schmetterlinge damit. Es hätte ihm auffallen müssen, daß fast alle daran krepierten.
Er wurde unsanft aus seiner Ruhe geweckt, als ihm eine Klage vor die Präfektur zu Chinin zugestellt wurde. Die Klage kam von der Firma Insolato y Cia., vertreten durch den Advokaten Maestro Odoardo Brustlatz, dessen Großvater aus den unwirtlichen Gefilden Russisch-Polens nach Patagonien ausgewandert war und es durch Fleiß, Zähigkeit und gute Beziehungen dahin gebracht hatte, daß bereits sein Enkel die Laufbahn eines Advokaten einschlagen konnte.
Amadeo Guilka bekam es ein wenig mit der Angst, als er zum Terminstage in Zimmer 568 der Präfektur erschien und Eccelenza Loleo Pistazia hinter dem grünen Tische thronen sah, neben sich den Schreiber und die Wasserflasche, die mit täuschend nachgemachten Wasser, nämlich mit echtem Genever, gefüllt war. Die Robe umhüllte pomphaft die kleine Figur Loleos, der ein Sitzriese war. Heftiger als sonst glühte die Nase in seinem Gesicht, das grau und rauh war wie ein alter Aktendeckel, die Rattenaugen funkelten höhnisch und der liederliche Scheitel glänzte von Fett. Auf der Oberlippe saß rechts und links des Nasenstegs je ein schwarzer Bartklecks. Amadeo trat ein, gleichzeitig mit ihm Maestro Odoardo Brustlatz mit Herrn Insolato.
Loleo blühte auf. „Ah“, rief er im Chininer Dialekt, der weich und etwas singend war, „unser Herr Amadeo Guilka! Sie haben ja wieder eine schöne Geschichte ausgefressen!“
„Nicht, daß ich wüßte, Ecczelenza!“ stammelte Amadeo und verfärbte sich.
„Maestro Brustlatz!“ Loleo wandte sich angewidert von Herrn Guilka ab und dem Brustlatz zu. „Tragen Sie vor!“
Der Brustlatz begann alsobald mit fistelnder Stimme einen längeren Vortrag, in dem er auseinandersetzte, daß nicht der mindeste Zweifel bestehen könne, daß Amadeo Guilka sich von Herrn Insolato 200 Pestos geliehen habe, und daß er sie zuzüglich 37 ½ % Zinsen zurückzahlen müsse.
Loleo nickte Maestro Odoardo gewinnende zu, trank ein Glas Genever und fragte Herrn Guilka, was er einzuwenden habe. Der Freund der Lyrik und der Schmetterlinge entgegnete, er habe nichts bekommen.
„So?“ Loleo stieß die Säufernase in die Luft. „Haben Sie einmal einen eingeschriebenen Brief von der Klägerin bekommen, in dem man Sie aufforderte, das Darlehen zurückzuzahlen?“
Jawohl, das habe er bekommen, gestand Amadeo.
„Sehen Sie,“ feixte Eccelenza, „Sie haben also etwas bekommen! Und eben sagten Sie, Sie hätten nichts bekommen! Bleiben Sie bei der Wahrheit!“ schrieb er, in jähen Zorn fallend wie alle Gewohnheitstrinker. Ein Glas Genever beruhigte ihn etwas. „Was haben Sie auf den Brief geantwortet?“
„Nichts!“
„Nichts? Soso! Hmhm! Eiei! Das ist auffallend, Herr Guilka, sehr auffallend. Sie antworte also nicht auf eingeschriebene Briefe? Das finde ich diffizil!“
„Wenn ich ihm doch nichts schulde – – -„
„Schweigen Sie! Das wissen wir schon!“
„Mein Mandant,“ krächzte hier Maestro Odoardo, um doch auch etwas zu sagen, obwohl er mit Frohlocken ahnte, daß der Prozeß für seinen Klienten bereits gewonnen war, „mein Mandant erbietet sich zum richterlichen Eide darüber, daß er dem Beklagten 200 Pestos bar geliehen.“ Aber Eccelenza winkte gütig ab. „Wenn jemand auf einen so wichtigen eingeschriebenen Brief nicht mit einer Zeile antwortet, dann genügt dieses Verhalten, für die richterliche Beweiswürdigung!“
„Wenn ich ihm doch nichts schuldig bin –„, greinte Amadeo Guilka und sah sich am Bettelstab.
„Das Gericht wird Ihnen schon sagen, was Sie schuldig sind!“ Loleo Pistazia stand auf und war mit einem Male ganz klein. Hierauf zog er sich zur Beratung zurück. Die Wasserflasche und den Sekretär nahm er mit. Fünf Minuten später kam er wieder. Natürlich wurde Amadeo Guilka antragsgemäß verurteilt.
Die Vollstreckung förderte außer einigen Dutzend Schmetterlingen und mehreren Büchern mit Versen nichts zutage, und Insolato y Cia. mußten noch die Kosten an Maestro Odoardo Brustlatz zahlen. Amadeo Guilka manifestierte und wollte hierauf in die zweite Instanz gehen. Da er aber den Gerichtskostenvorschuß nicht zahlen konnte und nicht mit dem Armenrechte belehnt wurde, verstrich die Frist. Hierauf traf ihn der Schlag, und damit war der Prozeß tot. Möchten Sie in Patagonien leben?